Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.
Als Montagsbonbon hab ich heute mal wieder ein Fundstück mit meinem Lieblingbuchstaben, dem kleinen g, anzubieten. Vor einigen Tagen stieß ich im Œuvre Alfred Hitchcocks auf einen älteren Film, der mir zwar dem Namen nach geläufig war, den ich aber noch nie gesehen hatte: »Die 39 Stufen« (»The 39 Steps«). Da passte es, dass meine Guckstimmung gerade in Richtung »Krimi« zeigte und ich streamte den Streifen. Darin wird ein Kanadier in London erst unfreiwillig in eine Spionagemission verwickelt und gerät obendrein zu Unrecht unter Mordverdacht. Auf seiner Flucht vor der Polizei führt ihn die Spur seiner lückenhaften Kenntnisse bis nach Schottland, wo er verzweifelt versucht, die Puzzleteile zusammenzusetzen und den Verdacht gegen sich zu entkräften.
Gleich beim Vorspann sprang mir dann die ebenso kuriose wie auffällige Form des kleinen g, zuerst beim Namen der Darstellerin Peggy Ashcroft, ins Auge. Interessanterweise wird dieses g dann in einer nachfolgenden Tafel bei dem Begriff »[United] Kingdom« nicht mehr genutzt. Dort findet sich eine konventionellere Variante dieses Buchstabens. Auch das große G sieht dort deutlich anders aus. Die leicht unregelmäßig ausgearbeiteten Buchstaben im gesamten Vorspann machen allesamt einen eindeutig handgezeichneten Eindruck.
Disclaimer: The images shown above are intended to give the reader a deeper understanding of the typographical, historical and cultural aspects of the topic covered in this private, non-commercial blog article. If you are the rightful owner of these images and have any concerns regarding their use, please contact me and I will remove them immediately.
Ich scheine allerdings nicht der einzige Typo-Nerd zu sein, dem diese Schriftart aufgefallen ist, deren Design perfekt ins Entstehungsjahr des Films (1935) passt. Denn bei der Recherche zu Schriftverwandten zeigte sich, dass der Schriftgestalter und emeritierte Kunstprofessor Harold Lohner (geb. 1958) exakt diesen Filmvorspann als Inspiration genutzt hat, um 2004 eine komplette Schriftfamilie mit insgesamt vier Schnitten daraus zu erstellen. Die Schrift trägt daher auch passenderweise den Namen der damaligen Produktionsfirma »Gaumont« (gegründet 1895 in Frankreich) – übrigens das älteste noch aktive Filmproduktionsunternehmen der Welt.
Die Schrift »Gaumont« kann in den Schnitten Light, Regular, Light Italic und Italic auf der Website von »Harold’s Fonts« kostenlos ausprobiert werden und ist zum Kauf im Onlineshop »Font Bros.« erhältlich.
Oben der Name mit der auffälligen g-Form aus dem Vorspann, unten derselbe Name in der »Gaumont Regular« von Harold Lohner.
Am Ende des launigen Agententhrillers gibt es natürlich einen turbulenten Showdown mit hollywoodreifem Happy End. Die Schauspielerin Peggy Ashcroft hat in dem Film nur eine – wenngleich bedeutsame – Nebenrolle. Nun ist sie hier im Beitrag noch einmal nachträglich zur (typographischen) Hauptdarstellerin dieses Films geworden. 🤓 🔠 🎬
Als »Zwiebelfisch« bezeichnet man in der Typographie einen einzelnen abweichenden Buchstaben, der versehentlich in einem Text auftaucht, welcher ansonsten in einer anderen Schrift gesetzt ist. Zum Beispiel ein Buchstabe in einer fetten »Helvetica« inmitten eines Wortes bzw. Textes, der ansonsten durchgängig in »Times« gesetzt wurde. Der typographische Abweichler muss nicht zwingend einer anderen Schriftfamilie angehören, es kann sich durchaus auch ein kursiver »Arial«-Buchstabe in einen nicht-kursiven Text in derselben Schrift verirren oder ein fetteres Zeichen in einen ansonsten magereren Text. Auch kuriose Fälle, wie irrtümlich auf dem Kopf stehende Buchstaben, sind möglich. Nicht als Zwiebelfisch gelten hingegen Zeichen, die vorsätzlich abweichen, etwa in mathematischen Texten, in denen Buchstaben, Zahlen oder Symbole in besonders gestalteter Form, wie beispielsweise alphabetische Variablen, auftauchen und die bewusst genutzt werden, um einen Text wissenschaftlich korrekt wiederzugeben.
Der Begriff stammt ursprünglich aus dem manuellen Bleisatz. In den großen hölzernen Setzkästen, in denen einst die metallenen Lettern für jede Schriftart, jeden Schnitt und jede Punktgröße, getrennt voneinander, und jeweils sorgsam alphabetisch und nach Zahlen und Zeichen sortiert, aufbewahrt und in der Druckwerkstatt für den Setzer bereitgestellt wurden, kam es immer wieder dazu, dass einzelne Bleilettern bei der »Demontage« eines Druckbogens nach dem Druck nicht korrekt einsortiert wurden oder unbemerkt ins falsche Fach fielen. Bei der nächsten Verwendung gelangten diese dann – insbesondere unter Zeitdruck, bei allzu flüchtigem Arbeiten oder aufgrund unzureichender Endkontrolle – in den nächsten gesetzten Text.
Der Begriff geht etymologisch (angeblich) auf den kleinen Süßwasserfisch Ukelei – auch Lauge oder eben »Zwiebelfisch« genannt – zurück. Da dieser aufgrund seiner geringen Größe von unter 18 cm und vieler kleiner Gräten als minderwertig galt, wurde er in der frühen Neuzeit zum spöttischen Synonym für schlechte oder nachlässige Arbeit. Eine schlampig arbeitende Setzerei nannte man im Volksmund abwertend gar eine »Zwiebelfischbude«.
Mit dem Aufkommen des Fotosatzes (1960er-Jahre) und des Desktop-Publishing (um 1985) wurden Zwiebelfische seltener, verschwanden aber nicht völlig. Auch mir selbst ist vor kurzem bei der Erstellung des Programmzettels für ein privat organisiertes klassisches Konzert in einer kleinen Dorfkirche ein solcher »Fail« passiert: Ich wollte eigentlich die Titel der Stücke kursiv formatieren, hatte aber bei der Textauswahl mit dem Cursor nicht bemerkt, dass ich den letzten Buchstaben eines zur Kursivstellung vorgesehenen Wortes nicht mit in die Auswahlmarkierung übernommen hatte. Demzufolge blieb dieser Buchstabe nicht-kursiv stehen und wurde leider auch fehlerhaft ausgedruckt. Und wann habe ich es bemerkt? Als ich im Konzert saß und den Ablauf des Musikprogramms live auf dem Zettel verfolgte. Schreck, Scham, Schusseligkeit! 🫣
Alle Textzeilen sind in der Schriftart »Palatino Italic« formatiert, bis auf das a (Pfeil), das in der nicht-kursiven »Palatino« verblieb.
Den meisten Menschen mit weniger geübtem Auge fallen viele der Zwiebelfische vermutlich gar nicht oder erst auf wiederholten Blick auf. Je stärker sich die beiden unfreiwillig vermischten Schriftarten voneinander unterscheiden, desto eher dürfte ein solcher 𝓛apsus auffallen. Oben im Bild kommt hinzu, dass sich die Formen des aufrechten a und des kursiven a – wie es bei vielen Schriften der Fall ist – auch abseits der Schrägstellung voneinander unterscheiden. Die Form des kursiven a leitet sich vom historischen Schreiben mit einer Schreibfeder o.ä. ab; damit verbunden ist auch oft der Anspruch einer höheren Schreibgeschwindigkeit. Beim zügigen Schreiben mit der Hand kann das rundliche a flüssiger und schneller zu Papier gebracht werden als das komplizierter geformte a. Es gibt noch etliche weitere Glyphen, die in der kursiven Variante eine abweichende Form zeigen. Am deutlichsten sind die Unterschiede aber bei a/a, f/f und g/g.
Bis hierhin war dieser Text lediglich eine Einleitung für das heutige typographische Fundstück der Woche, das mir vor kurzem zufällig im Internet über den Weg lief. Es stammt aus dem »U.S. Government Printing Office« (GPO, heute »U.S. Government Publishing Office«), wurde laut Wikipedia am 25. Juni 1934 – wahrscheinlich von einem dortigen FBI-Mitarbeiter – angefertigt, hat eine Größe von 8 × 13 Inch (20,3 × 33 cm), ist inzwischen weltberühmt und enthält in der Tat einen ziemlich auffälligen Zwiebelfisch.
Bei dem Druckerzeugnis handelt es sich um ein Fahndungsplakat nach dem US-amerikanischen Bandenchef, Gangster und Bankräuber John Herbert Dillinger (1903–1934). Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters beitrugen oder gar seine Festnahme nach sich zogen, wurde eine Belohnung zwischen 5.000 und 10.000 US-Dollar ausgesetzt. Laut dem Inflationsrechner der Federal Reserve Bank of Minneapolis entsprächen diese Prämien aus dem Jahr 1934 heute Beträgen von rund 125.000 bzw. 250.000 Dollar. Die Figur Dillinger, ihre Geschichte und die Fahndung nach ihm waren 1945, 1973, 1991 und 2009 Thema von insgesamt vier Verfilmungen und inspirierten darüber hinaus Musik, Literatur und Popkultur.
»John Herbert Dillinger (…) war ein US-amerikanischer Gangster, der sich mit seiner Bande auf Bankraub spezialisierte.
Das FBI setzte auf ihn ein Kopfgeld von 10.000 US-Dollar aus (…) und erklärte ihn als erste Person überhaupt zum ›Staatsfeind Nr. 1‹. Dillinger wurde am 22. Juli 1934 beim Verlassen eines Kinos von mehreren FBI-Agenten erschossen, nachdem er von seiner Bekannten Anna Sage, der ›Frau in Rot‹, verraten worden war.«
Im untenstehenden Bild wird die Position des Zwiebelfischs nach drei Sekunden animiert gekennzeichnet (falls Ihr ihn nicht sofort selbst entdeckt). Wie der Buchstabe in der korrekten Schriftart aussehen sollte, sieht man rechts davon in derselben Zeile.
Quelle: FBI/Wikimedia Commons (farbige Version als Basis für die Abbildung dearchiviert via web.archive.org, Darstellungsqualität digital optimiert) | Public Domain
Da die Technik der Elektrofotografie (Xerografie) erst 1937 patentiert und Fotokopiergeräte nicht vor 1949 auf den Markt kamen und auch »Rubbelbuchstaben« erst seit 1961 verfügbar sind, ist davon auszugehen, dass das Plakat auf herkömmliche Weise gedruckt wurde. Bei den beiden Fahndungsfotos ist in der hochauflösenden Bilddatei zudem eindeutig ein Druckraster erkennbar:
Die Lettern der fetten Überschriften zeigen an den Rändern einen deutlichen Druckzuwachs, der die Formen ausweitet und deren Konturen abrundet. Dieser Effekt kann sowohl durch die Verteilung der Druckfarbe in den saugfähigen Fasern des Papiers entstehen als auch in Form von sog. »Quetschrändern«, die insbesondere bei Druckverfahren mit erhabenen Druckformen (Klischees) auftreten können und umso breiter ausfallen, je weicher deren Material beschaffen ist. Die extremsten Quetschränder verursachen Gummiklischees, etwa beim Stempeln, bei Tampondruck (erst seit 1968) oder beim Flexodruck (patentiert 1907), die hier allerdings nicht zum Einsatz kamen. Gegen ein manuelles Stempelverfahren beim Druck dieses Plakats spricht auch die vergleichsweise gerade und saubere Ausrichtung der Buchstaben. Bei dem Wort »WANTED« fällt allerdings der unschöne weite Abstand zwischen dem W und dem A auf, der ein Indiz dafür sein könnte, dass rechteckige bewegliche Lettern für den Druck genutzt wurden, bei denen ein professionelles »Unterschneiden« der beiden Buchstaben – also ein ästhetischeres Zusammenrücken – technisch nicht möglich war. Welches Druckverfahren jedoch genau zum Einsatz kam (ggf. auch eine Kombination mehrerer Techniken), vermag ich nicht eindeutig zu sagen.
Die beiden zum Einsatz kommenden Schriftarten für die Überschriften und den Fahndungstext lassen sich recht leicht bestimmen. Die Überschriften sind höchstwahrscheinlich in der »Cheltenham Bold Extended« gesetzt, die im Jahr 1906 vom Ingenieur und Schriftgestalter Morris Fuller Benton für American Type Founders (ATF) gezeichnet wurde. Zumindest ließen sich die Lettern in dem Poster sehr gut in Deckung bringen mit Zeichen aus einem historischen Schriftmusterbuch der Gießerei Barnhart Brothers & Spindler aus dem Jahr 1925.
Die Buchstabenabstände zwischen W und A habe ich für den Vergleich etwas optimiert.
Die Schreibmaschinenschrift hingegen lässt sich kaum einem bestimmten Hersteller zuordnen. Zur Zeit der Entstehung des Fahndungsplakates nutzten Behörden und Unternehmen in den USA oftmals robuste und verlässliche Maschinen der führenden Hersteller Remington, L. C. Smith oder Underwood. Die typische, serifenbetonte »Monospace«-Schrift mit festen Laufweiten von 10 Zeichen pro Zoll (»Pica«) oder 12 Zeichen pro Zoll (»Elite«) existiert vermutlich in so zahlreichen Varianten wie es Gerätemodelle gibt. Es ist wohl bisweilen auch üblich gewesen, dass die Plakate mit vorgegebenen Inhalten im Auftrag der US-Regierung durch externe, privat betriebene Vertragsdruckereien produziert wurden. So kursiert etwa im Netz bei seriös erscheinenden Auktionshäusern auch eine Version des Plakats mit Überschriften (ohne Zwiebelfisch!) in der »Ultra Bodoni Extra Condensed«, ebenfalls entworfen von Morris Fuller Benton (1928).
Die schwierigste Frage ist natürlich, in welcher Schriftart der Zwiebelfisch gesetzt ist. Doch eine Schrift anhand nur eines einzelnen Zeichens – und noch dazu eines so generischen wie des serifenlosen H – zu bestimmen, ist ziemlich herausfordernd. Aber ich hatte einen Verdacht …
Zur Person John Dillingers existiert in verschiedenen verlässlichen Quellen ein weiteres Fahndungsplakat, nämlich jenes, auf dem er explizit als »PUBLIC ENEMY NUMBER ONE!« gesucht wird. Auf diesem Plakat aus dem Jahr 1933 – also ein Jahr vor dem obigen veröffentlicht – sind u.a. genau diese beiden Zeilen in einer damals überaus populären fetten und serifenlosen Schrift gesetzt, nämlich in der »Franklin Gothic«. Und nun ratet, wer sie im Jahr 1902 entworfen hatte? Richtig: Schon wieder Morris Fuller Benton, von 1900 bis 1937 Design-Direktor bei American Type Founders.
»Was Bekanntheitsgrad, Bedeutung und Verbreitung anbelangt, sticht vor allem die ab 1902 produzierte Franklin Gothic hervor. Die ›amerikanische Helvetica‹ gilt (…) als der Standard schlechthin unter den US-amerikanischen Serifenlosen.«
Bei einem am selben Tag veröffentlichten Fahndungsplakat nach einem Bandenmitglied Dillingers, Lester M. Gillis, alias »Baby Face« Nelson, findet sich ein »Condensed«-Schnitt der »Franklin Gothic« bei den beiden Zeilen mit der Aufzählung seiner Spitznamen.
Das Government Printing Office gab zudem auch Schriftmusterbücher heraus, in denen das offizielle Repertoire der Schriftarten aufgeführt war, die für Regierungsdrucksachen genutzt wurden. Ich konnte zwar online kein digitalisiertes Exemplar aus den 1930er-Jahren finden, wohl aber eins aus dem Jahr 1950. In diesem »Specimens of type faces in the United States Government Printing Office« erscheint auf den Seiten 104–106 auch die »Franklin Gothic«. Somit ist klar, dass auch diese Schriftart zum offiziellen Repertoire des GPO gehörte. Auf den Seiten 170 und 171 treffen wir dann auch noch auf die eigentliche, umgebende Headline-Schriftart des Plakats, die »Cheltenham Bold Extended«.
(Übrigens versteckt sich auch ein ganz spezieller und sehr dezenter Zwiebelfisch in dem Plakat mit »Baby Face Nelson«, denn die Satzzeichen-Punkte in der »Cheltenham Bold Extended« sind gemäß der Schriftprobe in dem Musterbuch rund. Auf dem Fahndungsposter jedoch taucht im Namen des Delinquenten die Abkürzung »Lester M. Gillis« mit einem eckigen Punkt auf. Hinzu kommt, dass Gillis mit zweitem Vornamen nachweislich Joseph hieß und online keine validen Unterlagen oder Informationen auffindbar sind, die erklären können, wofür das »M.« stehen soll. Womöglich ist auch dies ein Fehler in dem Plakat. Aber das ist jetzt wirklich Nerdkram. 😬)
Nehmen wir nun das gedruckte Zwiebelfisch-H aus dem anfänglichen Fahndungsplakat und vergleichen es mit dem H aus dem GPO-Schriftmusterbuch, stimmen Proportionen, Strichstärken und Buchstabenform frappierend überein.
Von links nach rechts: das H aus dem Fahndungsplakat, das Franklin-Gothic-H aus dem GPO-Schriftmusterbuch und die übereinandergelegten Konturen der beiden Zeichen.
Mein »educated guess« wäre somit, dass sich in der beauftragten Druckerei versehentlich ein »Franklin-Gothic«-H in den Setzkasten mit den gleich großen »Cheltenham Bold Extended«-Lettern verirrt hatte und es so als einer der bekanntesten Zwiebelfische der Kriminalgeschichte in die typographischen Annalen geschafft hat.
Auf das Montagsbonbon dieser Woche stieß ich bei einem Wochenmarkt-Ausflug in den Stadtteil Rahlstedt im Norden Hamburgs. Direkt am dortigen (Bus-)Bahnhof erblickte ich diese Beschriftung an einem lokalen Lederwarengeschäft und die besondere Optik der Buchstaben katapultierte mich sofort zurück ins Jahr 1987, als ich in einer Siebdruckerei bei Hannover mein erstes Grafik-Design-Praktikum absolvierte. Ein zentrales Arbeitswerkzeug bei der Herstellung von Druckvorlagen war damals die Reprokamera, und nachdem ich von einem erfahrenen Kollegen sowohl eine Einweisung in die Bedienung des riesigen Standgerätes als auch eine Schulung in der Reprofotografie, inklusive Entwicklung der belichteten Papier- und Film-Abzüge bekommen hatte, wurde ich nicht selten damit beauftragt, schwarzweiße Druckvorlagen auf die gewünschten Abbildungsmaße zu vergrößern oder zu verkleinern.
Wenn eine Vorlage – etwa ein Firmenlogo, eine Illustration oder ein Schriftzug – sowohl von den Auftraggeber*innen nur sehr klein angeliefert wurde und kein besseres Original zur Verfügung stand als auch für das finale Druckmotiv um mehrere hundert Prozent vergrößert werden musste, entstand durch die Grenzen der Kameraoptik und die scharfe schwarz-weiß-Tontrennung des Fotomaterials genau jener etwas »seifige«, abgerundete Look bei den Druckvorlagen wie auf der grünen Banderole an dem Lederwarengeschäft. Auch akribischstes Scharfstellen der Kamera konnte dies bei derart extremen Vergrößerungen nicht verhindern. Manchmal wurden die schlimmsten Detailverluste auf dem entwickelten Fotomaterial mit speziellen Zeichenstiften und -tinten ausgebessert, aber was bereits in der angelieferten Vorlage an Details nicht vorhanden war, konnte auch auf diese Weise nicht verlässlich rekonstruiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch der »Niederstadt«-Schriftzug einst auf diese Weise auf das mehrere Meter breite Format der Außenwerbung hochskaliert wurde.
Ein ähnlicher Effekt entsteht auch, wenn eine vergrößerte Fotokopie erneut (ggf. mehrmals) fotokopiert und vergrößert wird. Man kann den so entstehenden grafischen Effekt, der eine gewisse Retro-Anmutung hat, auch ganz bewusst einsetzen, wie es in einem Beitrag vor einigen Wochen bei einer von mir gestalteten Illustration gemacht wurde.
Update: Ein Leser (User slowtiger auf Mastodon) ergänzte noch sehr richtig, dass auch der bekannte britische Designer Neville Brody im Jahr 1992 einen ähnlichen Effekt mithilfe einer Reprokamera zur Gestaltung einer seiner Schriftarten nutzte. Die abfotografierte Vorlage war einwandfrei und detailreich, aber Brody stellte die Optik der Kamera bewusst unscharf. Aus den so entstandenen weich und verschwommen wirkenden Formen des Abzuges, die trotzdem kontraststark und rein schwarzweiß waren, wurde dann die Schriftart »FF Blur« erstellt. Als Vorlage nutzte Brody wahrscheinlich den Zeichensatz der »Akzidenz Grotesk«.
Aufgrund der »rundgelutschten« Buchstabenformen ist es hier auch schwierig, die genutzte Schriftart – sofern es eine kommerzielle Vorlage gibt – zu identifizieren. Die erste Eintragung des Geschäfts ins Hamburger Handelsregister unter dem Namen »Hermann Niederstadt Offenbacher Lederwaren« stammt vom 16. Dezember 1949. Eine Schreibschrift-Type, die entfernt ähnlich aussieht, ist die »Brush (Script)« von Robert E. Smith, die im Jahr 1942 für American Type Founders entworfen wurde. Die Ähnlichkeit kann man noch etwas dichter an die Ladenbeschriftung heranpeitschen, indem die Zeichen nachträglich horizontal gestaucht werden. Soll man als gewissenhafter Designer eigentlich nicht machen, ich weiß, aber zur Verdeutlichung sei hier einmal eine Ausnahme gestattet.
Ich finde, bis auf den Anfangsbuchstaben N ist die Möglichkeit, dass die »Brush Script« eine Inspiration für den Schriftzug gewesen sein könnte, nicht von der Hand zu weisen.
Der Laden ist nach wie vor geöffnet und hat eine – ebenfalls etwas antiquiert aussehende – Internetpräsenz. Aber so ist das halt mit traditionsreichen inhabergeführten Fachgeschäften und ihrer manchmal etwas angestaubt wirkenden Aura. Ich denke, wir sollten froh sein, dass es hin und wieder, auch abseits von Amazon, Temu und Co., immer noch ein paar davon gibt. 🤓 🔠 👜
Ich freue mich, heute mal wieder einen Beitrag zu einem eingereichten typographischen Fundstück veröffentlichen zu dürfen. Fotografiert wurde das Bild von Mastodon-Userin @susammelsurium an der Adresse Große Straße 45–47 in Flensburg und zeigt die Beschriftung an der Ladenfront eines alteingesessenen Juwelier- und Uhrmachergeschäfts. Das Gebäude findet sich als »Wohn- und Geschäftshaus Große Straße 46« in der Objektliste des Landesamts für Denkmalpflege Schleswig-Holstein und wurde dieser Quelle zufolge im 18./19. Jahrhundert erbaut.
Angenehm bei meiner Recherche war diesmal, dass das Unternehmen auf seiner Website bereits etliche Informationen zu seiner Geschichte und dem Urheber des Schriftzuges macht und eine nachgezeichnete vektorisierte Version davon im Header verwendet. Das nenne ich mal praktiziertes Traditionsbewusstsein!
Die Zeile unter der Website-Wortmarke ist gesetzt in der Schriftart »[Neue] Frutiger Condensed Book«. Ursprünglich wurde diese Schrift Anfang der 1970er Jahre von Adrian Frutiger für das Leitsystem des Charles de Gaulle International Airport in Paris entworfen, 1977 erschien sie dann unter dem Namen Frutiger als kommerziell vertriebene Schriftfamilie bei Linotype. Die »Neue Frutiger« ist eine überarbeitete und verbesserte Version von Akira Kobayashi, die in Kooperation mit Adrian Frutiger entstand und 2009/2010 veröffentlicht wurde. Ich finde, die zeitlose Eleganz dieses Schriftenklassikers fügt sich sehr gut mit der exzentrischeren Typographie des Unternehmensnamens zusammen.
»Anfang der 50er-Jahre (…) entstand die zu damaliger Zeit bahnbrechende Gestaltung der großen Schaufenster – und auch der eindrucksvolle Schriftzug, der das Geschäft bis heute prägt.«
Diese Datierung deckt sich auch mit älteren Abbildungen des Ladengeschäfts (nach der Gründing 1882) und eines mit einem Werbemotiv versehenen Busses (1930er-Jahre) auf der Website, in denen die Schriftzüge für das Unternehmen noch gänzlich anders aussehen.
Der für die Außengestaltung verantwortliche Architekt Theodor Rieve (1888–1966), der offenbar kein Unbekannter in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts in Schleswig-Holsteins ist, wird auf der Website mit dem Spitznamen »Tete (Rieve)« vorgestellt. Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass zwischen ihm und der Inhaberfamilie sogar eine persönliche Beziehung bestand. Das bekannteste (öffentliche) Gebäude, das in Flensburg unter seiner Verantwortung als Architekt entstand, ist das 1927–1930 erbaute Versammlungs- und Veranstaltungshaus »Deutsches Haus«.
»Nach dem Studium an der Baugewerkschule in Eckernförde und der Technischen Hochschule in Hannover war er [Theodor Rieve] seit 1921 in Flensburg als Architekt tätig. In seiner Architektur setzte er zunächst Ideen der Heimatschutzbewegung und Formen des Expressionismus um, was sich in zahlreichen Villenbauten in Flensburg niederschlägt. In den 1930er Jahren wird sein Duktus sachlicher im Sinne der Moderne, zahlreiche seiner privaten Wohn- und öffentlichen Bauten erhalten entgegen dem lokalen Zeitgeist Flachdächer. In der Nachkriegszeit knüpft Rieve stilistisch an seine Bauformen der Moderne an.«
Obwohl der messingfarbene Schriftzug am Ladengeschäft des Juweliers erst Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, zeigen die Buchstaben (mal wieder!) deutliche Formzitate aus der Zeit des Art Déco. Dazu gehört die tiefliegende Mittelachse der Zeichen, am besten ersichtlich bei E, G, P und R ebenso wie die großzügig dimensionierten Bögen, die breiten, geometrisch anmutenden, fast quadratisch proportionierten Buchstaben oder die Überkreuzungen der Querstriche mit deren senkrechten Stämmen – beim N entstehen dadurch sogar serifenähnliche Anhängsel. Die gitterartige Form des E greift gekonnt das Raster der großflächigen, grau eingefassten Schaufensterfront auf und passt daher aus meiner Sicht sehr gut zum Gesamtensemble der Ladenfront. Vielleicht war dies auch ein Grund für diese spezielle Art der Schriftgestaltung.
Da bereits feststeht, dass der Schriftzug von Theodor Rieve eigens für das Geschäft entworfen wurde, erübrigt sich zwar die Suche nach einer dazugehörigen Schriftart, aber dennoch wollte ich ergänzend einige Verwandte der Type ausfindig machen, um deren vermutete »Abstammung« im Designstil der 1920er- bis 1940er-Jahre zu untermauern.
Vergleichbare Proportionen und Art-Déco-Anklänge finden sich z.B. bei den – wenngleich deutlich weniger verzierten – kommerziellen Schriftarten »Kaikoura« (David Kerkhoff/Hanoded Fonts, 2014), »Kessel 205« (Adrian Talbot/Talbot Type, 2012) oder der verspielteren »New Daily« (Marit Angenita Otto für URW, 2015). Hier stimmen teils sogar noch weitere Details überein, wie etwa bei der Kaikoura das ungewöhnlich asymmetrische S mit dem »kleinen Kopf«.
Am besten gefiel mir die Übereinstimmung mit der – für persönliche Nutzung sogar kostenfreien – Schriftart »WABECO Bold« (Paul Reis, 2013).
Danke noch mal an die Einreicherin, es hat mir viel Spaß gemacht, anhand dieses Fotos eine typographische Zeitreise nach Flensburg zu machen! 🤓 🔠 🕰️
»Alles muss raus!« – obwohl es keine offiziellen saisonalen Schlussverkäufe mehr gibt, sieht man diesen Werbespruch oft nach wie vor an Geschäften. Und auch bei Räumungsverkäufen aufgrund von Geschäftsaufgaben wird er häufig genutzt. Ich greife ihn heute auf, weil ich immer noch ein gutes halbes Dutzend Typo-Motive aus Barcelona in meinem Fundstücklager vorrätig habe. Also raus damit …
Ich fand das Motiv aus mehreren Gründen interessant. Zum ersten aufgrund der ungewöhnlichen und vergleichsweise aufwendigen, gerippten Untergrundkonstruktion, zum zweiten aufgrund der Schriftwahl und der m.E. ansprechenden Farbkombination und zum dritten schwang natürlich auch für mich als Bundesbürger angedenk der Abgründe der deutschen Geschichte eine gewisse Assoziation mit. Hierzulande käme wohl kaum jemand auf die Idee, sein Einrichtungsgeschäft »SS Möbel« zu nennen (hoffe ich!), obgleich es bei der Namensgebung feilgebotenen Mobiliars schon vor einem Vierteljahrhundert befremdliche Verirrungen nach rechts gab.
Dem spanischen Laden hingegen unterstelle ich keinerlei Absichten in diese weltanschauliche Richtung. Wofür das »SS« steht, war online nicht zu ergründen, nur die Information, dass sich das Geschäft auf »Mobles i articles fusta i metall« (Möbel und [Einrichtungs]gegenstände aus Holz und Metall) spezialisiert hat. Vielleicht waren es anfänglich ausschließlich Metallmöbel und das Kürzel steht für »stainless steel«. Oder der/die Inhaber*in hat einen alliterarischen Namen wie »Sofía Serrano« oder »Sebastián Salazar«. Wir wissen es nicht …
Als ich den Schriftzug »mobles« sah, dachte ich: Ah, das ist doch ganz klar eine Schriftart aus dem Trio der drei bekanntesten klassischen Schriften aus den 1970er-Jahren mit derlei strikt geometrisch konstruierten Buchstabenformen, nämlich entweder »ITC Bauhaus« (Ed Benguiat und Victor Caruso für ITC, 1975, nach Entwürfen von Herbert Bayer aus dem Jahr 1925), »Blippo« (Joe Taylor für FotoStar, 1969) oder »Pump« (Bob Newman, 1970 und Philip Kelly, 1975–1980 für Letraset/ITC). Aber entweder stimmte der Schriftschnitt nicht (die »Blippo« ist zu fett) oder einzelne Zeichen wie b, e oder s stimmten nicht überein. Also: falsch gedacht!
Inzwischen vermute ich, dass diese Schriften zwar wahrscheinlich als Vorlage dienten, aber der Entwurf individuell angefertigt wurde. Eine Schriftart jüngeren Datums kommt, bis auf den Fettegrad, am dichtesten an die Ladenbeschriftung heran, und zwar »Churchward Design« (Joseph Churchward für BluHead Studio, 2007).
Bei dem »SS«-Kürzel ist die Bestimmung noch schwieriger. Es gibt etliche Schriftarten mit geometrischer Anmutung, bei denen das S wie ein gespiegeltes Z aussieht. Am besten gefiel mir hier die »Silver Streak« von John Roshell (Swell Type, 2020) – eine ebenso elegante wie futuristische Type, nicht nur mit einem passenden S, sondern mit insgesamt sehr ansprechenden Zeichenformen und erhältlich in 26 Schnitten. Der Designer schreibt dazu:
»Inspired by the streamlined lettering on trains, cars & ads of the 1930s & ’40s, Silver Streak combines Art Deco elegance with refined craftsmanship and modern features.«
Quelle: Swell Type – »Silver Streak«
Nimmt man also den Ursprung der Schrift »Bauhaus« im Jahr 1925 und das Zitat des »Silver Streak«-Schriftgestalters, klingt in der Ladenbeschriftung ziemlich kongruent die Designsprache der 1920er- und 1930er-Jahre an. Genau die Zeit, in der die ersten zeitlos schönen Stahlrohrmöbel, entworfen u.a. von Marcel Breuer (1925), Mart Stam (1926) und Ludwig Mies van Rohe (1927) das Licht der Welt erblickten. Zwei davon (Mart Stam S34 Freischwinger-Nachbauten) stehen übrigens in meiner Küche am Esstisch.
Vielleicht waren ja diese Metallmöbel-Klassiker für den/die Inhaber*in die Inspiration, den gestalterischen Geist jener Zeit beim Design der Ladenbeschriftung typographisch aufzugreifen.
Mein Fazit (wenn es so wäre): »mission accomplished!« 🤓 🔠 🛋️
Immer wieder stoße ich bei meinen Zufallsentdeckungen und Fotostreifzügen auf – meist historische – Gedenktafeln an Gebäuden. Erinnert wird darauf meist an die Geburt, das zeitweilige Wohnen und Wirken oder den Tod von Menschen, die sich gesellschaftlich, politisch oder kulturell verdient gemacht haben oder die aus anderen Gründen nicht in Vergessenheit geraten sollen. Ebenfalls oft lese ich dort Namen, die mir bis dahin komplett unbekannt waren. So auch bei diesem Fundstück am Montag, welches ich im Frühsommer in Regensburg entdeckte und dessen Inschrift dem Dichter Georg Britting (1891–1964) gewidmet ist. Seit wann diese Tafel dort hängt, war per Netzrecherche leider nicht auszumachen.
Stünde ich in einem Raum mit meinen Leser*innen, sähe ich gern die Hände derer oben, die diesen Namen schon einmal gehört haben. Ich vermute, insbesondere außerhalb Bayerns (Britting lebte in Regensburg und München) wären das nicht allzu viele. Man erhebe in den Kommentaren gerne Einspruch, sollte meine Vermutung mich trügen.
Die Inschrift auf der Tafel hing recht weit oben, so dass ich nicht klar erkennen konnte, ob die Buchstaben ein leicht erhabenes Relief bilden oder nur flach mit Farbe auf den Untergrund aufgetragen wurden. Die Variationen bei gleichen Zeichen belegen jedoch ziemlich sicher eine manuelle Beschriftung.
Einerseits lehnt sich die Schriftart mit ihren quadratisch geprägten Grundproportionen klar an die klassische »Capitalis monumentalis« aus der römischen Antike an. Andererseits sind einige Buchstaben aber auch abweichend dimensioniert. So sind z.B. E und G etwas breiter als üblich, das N hingegen schmaler. Auch die sehr engen, bei der Datumsangabe komplett fehlenden Wortabstände assoziieren frühantike Inschriften. Ebenso ist die Laufweite (der Buchstabenabstand) extrem eng angelegt, was ich persönlich eher unglücklich finde, denn dadurch wird der Kontrast der unvermeidbaren großen Leerräume unter den Querstrichen der beiden Versal-T und dem sehr engen Raum zwischen I und N rechts daneben um so krasser. Weitere und optisch ausgeglichenere Abstände hätten hier insgesamt für mehr Harmonie sorgen können.
Ich finde, mit etwas mehr Luft zwischen den Buchstaben wirkt der Name doch gleich viel ansprechender, oder?
An den einzelnen Buchstaben wiederum finden sich Formdetails, die zeitlich deutlich nachantik, eher zwischen Renaissance und Jugendstil, zu finden sind. Beispielsweise die »fliehenden« Serifen an E, F und T, der leichte obere Überhang der diagonalen Striche bei A und N, das direkt in den Stamm laufende Bein des R oder die unteren, leicht nach außen weisenden, spitzen Abstriche beim G. Auch beim U, das rechts einen geraden senkrechten Stamm besitzt, der sonst eher beim Minuskel-u anzutreffen ist, findet sich diese Spitze. Diese feinen Details machten es nicht einfach, eine verwandte kommerzielle Schriftart zu identifizieren. Bis auf die G- und U-Spitzen jedoch kommt die »Florentino« von Harmonais Visual (2021) der Anmutung, finde ich, ziemlich nahe.
Der Dichter Georg Britting war mir, wie gesagt, bislang kein Begriff. Es gibt jedoch eine von der 2007 gegründeten »Georg-Britting-Stiftung« eingerichtete Website, auf der nahezu das gesamte Werk des Schriftstellers – bestehend aus Romanen, Erzählungen, Bühnenstücken und Gedichten – online nachzulesen ist. Da Britting erst im April 1964 verstarb, gibt es sogar Audiodateien, in denen der Autor selbst seine Texte rezitiert, etwa das Gedicht »Der Mond«, das mich unter den Gedichten stärker ansprach als andere Texte Brittings, in die ich hineinlas. Manche Wortkreationen und Metaphern Brittings sind mir persönlich etwas zu aufgesetzt, die Verszeilen zu blumig. Etwas kantigere, aber dennoch starke Verse wie »In den Wäldern am Hirschberg«, die sprachlich näher an den »Hardcore-Expressionisten« wie Georg Trakl oder Oskar Kanehl liegen, sprechen mich da eher an.
Und so ist es immer bereichernd, wenn ich auf Gedenktafeln nicht nur die Namen von Personen lese, die ich bereits kenne, sondern wenn sie auch der Grund dafür sind, erstmals auf jemanden aufmerksam zu werden. 🤓 🔠 📝
Der Typo-Schnappschuss zwischendurch, eingefangen am Eppendorfer Baum nach einem Schlemmerbummel über den Hamburger Isemarkt.
Die einzigen optischen Wermutströpfchen sind das spürbar zu dicht am C platzierte S und das etwas schief hängende T bei SCHMIDT. Ich konnte nicht widerstehen, das mal schnell etwas zurechtzuschieben. Eigentlich gehört auch das I noch ein Ideechen nach rechts, aber ich habe hier ja schließlich auch noch den Haushalt … 😉
Auf der Website des traditionsreichen Fischgeschäfts (»seit 1929«) ist im Header eine an die Ladenbeschriftung angelehnte Nachzeichnung des Fassadenlogos zu sehen. Hier sind zwar die Buchstabenabstände in der Unterzeile harmonischer, aber dafür entfernt sich die Form des S merklich vor der Vorlage.
(Die auf der Website ins Logo integrierte Hummer-Illustration über dem I habe ich für diese Abbildung zur besseren Beurteilung weggelassen.)
Zuerst tippte ich bezüglich der SCHMIDT-Schriftart beim Website-Logo auf die Futura, aber die Formen von S und C sprechen dagegen. Eine Online-Schriftsuche ergab eine große Wahrscheinlichkeit für die Schrift »Filson Pro Heavy« (Olivier Gourvat, 2016). Hätte der oder die Gestalter/in sich stattdessen für die »Chronica Pro Bold« – interessanterweise vom selben Schriftgestalter (für Mostardesign, 2015) – entschieden, würde auch das breitere S besser mit dem Schriftzug außen am Laden übereinstimmen.
Aber von diesen kleinen Nerdpetitessen abgesehen ist das mal wieder ein hinreißendes Neonrelikt – und selbst die Fläche mit den abgeplatzten kleinen Hintergrundkacheln trägt durchaus ihren Reiz zur Gesamtkomposition bei, finde ich. 🤓 🔠 🐟
Zwar unternahm ich dieses Jahr vor Kurzem wieder mal eine Reise in die schöne Hansestadt Stralsund, aber das Foto für das typographische Bonbon an diesem Montag knipste ich bereits vor zehn Jahren. Es zeigt eine historische Inschrift rechts neben dem Eingang zur örtlichen Stadtbibliothek, die in einem unter Denkmalschutz stehenden, spätbarocken Palais in der Badenstraße 13 untergebracht ist. Das Gebäude ließ der Kaufmann Johann Victor Ehlers um 1725 errichten.
Die auf der Tafel genannte, hier jedoch nicht mehr ansässige Ratsbibliothek wurde bereits 1577 durch Stralsunder Ratsmitglieder gegründet, umfasste zunächst juristische Werke und Urkunden und war Online-Quellen zufolge anfangs im Rathaus untergebracht. Erst im Jahr 1896 erfolgte der Umzug an diese neue Adresse und ich vermute, dass auch die Schrifttafel zu dieser Zeit angebracht wurde.
Die größte formale Ähnlichkeit zu den einzelnen Buchstabenformen fand ich dann auch bei der »[Schmale] Akzidenz Gotisch« (F. W. Bauer) aus dem Jahr 1876. Diese oder eine ähnliche Schrift könnte dem Schriftenmaler, der diese mit Sicherheit von Hand gestaltete Tafel erstellt hat, als Vorlage für die erste Zeile gedient haben. In der zweiten Zeile hat er meiner Meinung nach etwas improvisiert, denn die fast avantgardistische, kantige Form der beiden p und das insgesamt ein wenig unharmonische Gesamtbild der Zeile sprechen gegen eine konkrete Vorlage aus dem Zeichensatz einer einzelnen Schriftart.
Das Wort »Ratsbibliothek« in der Schrift »Schmale Akzidenz Gotisch«. Im Vergleich läuft sie sichtbar schmaler als das Original am Gebäude und ist – insbesondere beim R – stärker verziert sowie im Duktus insgesamt etwas eckiger. Aber viele kleine Details, wie die i-Punkte, das s, die Grundform des k oder die oberen Abschlüsse bei t, b, h und l weisen starke Ähnlichkeiten auf.
Durch den ständig wachsenden Bestand an Dokumenten und gebundenen Druckwerken sowie die nachfolgende Einrichtung einer für alle Bürger öffentlich zugänglichen Bibliothek ergaben sich zwischen 1698 und 1920 mehrfache Neuordnungen, Zusammenlegungen und räumliche Auslagerungen des Bestandes, sodass die alten Werke der einstigen Ratsbibliothek (ca. 120.000 Bände) inzwischen im Stadtarchiv zu finden sind, das 400 m nördlich auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters St. Johannis seinen Platz gefunden hat. In den vormaligen Räumen der Ratsbibliothek erfolgte dann im Jahr 1920 die Gründung und Eröffnung der Stralsunder Stadtbibliothek, die sich bis heute dort befindet.
Die historische Schrifttafel muss zwischenzeitlich eine Zeitlang übermalt oder überputzt gewesen sein und trat wohl erst bei Sanierungsarbeiten – vermutlich nach der deutschen Wiedervereinigung – wieder zutage. Denn es existiert zwar ein auf das Jahr 1925 datiertes Foto, auf dem sie bereits zu sehen ist, auf einem späteren Bild, das 1974 zu DDR-Zeiten entstand, fehlt sie jedoch. Stattdessen befanden sich zwei andere und etwas höher platzierte dreidimensionale Schriftzüge (»BUECHEREI« und »ARCHIV«) links und rechts des Eingangs. In der Chronik der Stadtbibliothek ist zu lesen, dass im Jahr 2001 mit einer umfangreichen Haussanierung begonnen wurde. Wie aufwendig diese Bautätigkeiten gewesen sein müssen, zeigt die Wiedereröffnung nach erst neun Jahren, am 01. Oktober 2010. Fotos mit dem Eingang und der Stelle der Beschriftung direkt vor oder kurz nach der Sanierung konnte ich leider nicht finden.
Doch vor allem freue ich mich, dass auch bei diesem Fundstück wieder ein alter Schriftzug wieder zutage trat, der nun für die Nachwelt erhalten bleibt. 🤓 🔠 📚
Content-Hinweis: Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Schriftanwendung bei der Kennzeichnung historischer anatomischer Präparate von Menschen und Tieren in einem medizinischen Museum. Daher kommen zur Bebilderung auch Fotos solcher Exponate zum Einsatz.
Der Anstoß zu dem heutigen Beitrag liegt tatsächlich schon mehr als einen Monat zurück. In dieses Thema konnte ich mich mal wieder so richtig hineingraben, habe sehr viel recherchiert, Korrespondenz geführt, Links zusammengesucht und auch wieder selbst jede Menge gelernt. Damit der Text trotz seiner Länge etwas lesefreundlicher wird, habe ich ihn versuchsweise mit Zwischenüberschriften in Teilabschnitte untergliedert.
Der Ausgangspunkt
Als großer Freund aller Wissenschaften schaute ich kürzlich aus der arte-Mediathek die sehr sehenswerte, anderthalbstündige Dokumentation »Auf Messers Schneide – Eine Geschichte der Chirurgie«(dort noch verfügbar bis zum 26.11.2026). Darin geht es um die Entwicklung des Verständnisses der Anatomie, der Funktionen der Organe, des Blutkreislaufs, des Schmerzempfindens und um die Erfindung der Anästhesie, um Infektionsschutz und generell um den Wandel medizinischer chirurgischer Eingriffe vom unerfahrenen »Herumprobieren« hin zu einer methodisch betriebenen Wissenschaft.
Bei den Zeitmarken 00:35:15 und 00:37:54 wurde ein britischer Pionier des anatomischen und chirurgischen Erkenntnisgewinns vorgestellt, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte: John Hunter (1728–1793). Zu seinem Leben und Wirken, seiner Karriere und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Medizin habe ich am Ende des Artikels einen gesonderten Abschnitt aufbereitet. Auch Hunters älterer Bruder William hatte maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Medizinergenerationen. So gründete er etwa 1746 die erste Schule für Anatomie in England.
»William Hunters Schule für Anatomie läutete eine neue Ära in der Ausbildung von Medizinern in England ein. Erstmals konnten angehende Ärzte sich ihr anatomisches Wissen nicht nur in der Theorie aneignen, sondern auch aus eigener Anschauung und Praxis. Neben Vorlesungen bestand der Unterricht aus anatomischen Übungen, für die William Hunter jedem Studenten einen eigenen Leichnam als Studienobjekt zusicherte.«
Portrait John Hunters, anonymes Ölgemälde nach Sir Joshua Reynolds | Quelle: Wellcome Collection, via Wikimedia Commons | Lizenziert unter CC BY 4.0
Als Assistent seines Bruders in dieser Schule erwies sich John als ein hervorragender Präparator. Bald begann er mit dem eigenen Aufbau einer Sammlung biologischer, anatomischer und pathologischer Präparate.
»Wann immer ihm bei einer Sektion Besonderheiten auffielen, fertigte Hunter Präparate an, die er in seinem Haus in London sammelte. Auf diese Weise kam über die Jahre hinweg eine beträchtliche Sammlung zusammen, die von Walknochen, dem Fell einer Giraffe und einem ausgestopften Känguru über zahlreiche tierische und menschliche Feuchtpräparate bis hin zu Anomalien wie den Gehirnen eines Kalbs mit zwei Köpfen oder dem Körper eines ungeborenen Kindes mit offenem Rücken reichte.«
Bis zu seinem Tode wuchs diese Sammlung auf schätzungsweise 14.000 Präparate an. Nach Hunters Tod wurde sie 1799 von der britischen Regierung angekauft und der »Company of Surgeons« anvertraut, aus der später das »Royal College of Surgeons of England« hervorging. Sein Nachlass wurde zum Grundstock des Hunterian Museum. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Sammlung schwere Verluste. Durch eine Brandbombe, die im Mai 1941 das Gebäude des Royal College of Surgeons direkt traf, wurden zwei Drittel der Museumssammlungen zerstört. Dennoch blieben ca. 3.500 der Originalpräparate erhalten. Auch heute noch stellt dieser Bestand eine der bedeutendsten historischen medizinischen Sammlungen der Welt dar.
Die Fundstücke
In der arte-Doku blieb mein buchstabenaffines Auge natürlich gleich an den wunderschönen historischen Etiketten hängen, mit denen die Glasgefäße der Präparate einst von Hand beschriftet wurden. Wie auch auf dem Foto unten gut zu erkennen ist, gibt es ältere (handgefertigte) und neuere (vermutlich mithilfe eines modernen Etikettendruckers erstellte) Labels. Die neueren sollen uns hier und heute nicht interessieren, sie sind wechselnd mit fetten Schnitten der beiden Schriften »Futura« oder »Helvetica« (oder für Thermoprinter erstellten Lookalikes) angelegt und kommen vermutlich bei der – nicht unaufwendigen – periodisch erforderlichen Umbettung und Neukonservierung der Präparate zum Einsatz. Zu diesem Vorgang gibt es übrigens auch ein interessantes Video des Museums. Überhaupt kann ich dessen Website sowie den unterhaltsamen und wissenswerten Content auf den museumseigenen Social-Media-Kanälen (bei Facebook, Instagram und Bluesky) sehr empfehlen.
Die Kuratorin des Museums, bei der ich die Erlaubnis erbat und bekam, einige Fotos der original beschrifteten Exponate hier im Blog abzubilden, schrieb mir dazu:
»I think it is unlikely that any of the numbers date back to Hunters time, as they were often renumbered and reorganised after his death.«
Alice Watkinson-Deane, Curator (Collections & Digital Interpretation), Hunterian Museum
Die Schrift
Ich habe zahlreiche Abbildungen im Internet durchgesehen und versucht, daraus einen möglichst vollständigen Zeichensatz zu extrahieren, um ihn hier abbilden zu können.
Dabei fiel mir auf, dass sich auch innerhalb des Schriftbildes der Original-Etiketten Unterschiede finden. Im Foto oben sieht man das etwa am kleinen 𝐚. Beim Präparat »Limax« (links, Nr. 787/788) hat der Stamm eine deutliche Neigung nach links. Auf dem vorderen »Rana«-Etikett (Nr. 800) steht er hingegen eher aufrecht. Bei solchen Varianten ein und desselben Buchstabens habe ich mich bei meiner Übersicht jeweils für diejenige entschieden, von der ich im Netz die deutlichste Bilddatei auffinden konnte.
Vermutlich aufgrund der Beschriftung der Etiketten in lateinischer Sprache kommen einige Zeichen auf den Etiketten nicht vor, so etwa K/k und W/w. Das im Lateinischen ebenfalls nicht gebräuchliche J stammt aus den Buchstaben-Indizes bei den Nummerierungsetiketten.
Betrachten wir die wunderschöne Schrift mit ihren sehr ausgeprägten Oberlängen, den zumeist deutlich kürzeren Unterlängen und vielen charmanten Formdetails, wie z.B: den dynamischen Serifen am 𝐬 und dem kleinen Fähnchen am 𝐭, noch einmal »in situ« auf den alten Glasgefäßen:
Ohne Einblick in die Archive und Aufzeichnungen des Museums oder anderer, nicht online einsehbarer Quellen kann ich nicht sagen, ob es unter den mehreren tausend Gefäßen nicht doch noch welche gibt, die zu Lebzeiten John Hunters beschriftet wurden und bei denen die Etiketten die Jahrhunderte überdauert haben. Aber sucht man im Internet beispielsweise nach historischen und ebenfalls von Hand beschrifteten Apothekengefäßen aus jener Zeit, fallen durchaus Ähnlichkeiten ins Auge, allen voran das nach links weisende »Fähnchen« an der Spitze des 𝐭.
Drei Apothekergefäße aus Frankreich (18. Jahrhundert) für »Uvae Corinthiacae« (getrocknete Weinbeeren/Korinthen, Süßungsmittel für oral angewandte Heilmittel), »Pilulae Hydrargyri« (Quecksilberpillen) und »Unguentum Populeum« (Pappelsalbe, linderndes Wundheilmittel)
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Hier noch einige weitere Beispielabbildungen solcher Gefäße. Hier fällt neben einem erneut ähnlich gezeichneten 𝐭 auf, dass auf dem ersten und dritten Gefäß die Buchstaben eine ähnliche Linksneigung haben wie auf einigen Gefäßen der Hunterian Collection.
»FENICV.« = feniculum (Fenchel), ca. 1700; »Bolus Armenica« (aluminiumsilikathaltige Heilerde, Blutstiller); »Cortex Cinnamomum« (Zimtrinde); »R. Nardi Yndicae« (Radice Nardus Indica, Wurzel einer Heil- und Aromapflanze), letztgenannte drei aus dem 18. Jahrhundert | Quelle: Smithsonian Institution/American History Museum | Public Domain
Einige der Charakteristika im Schriftbild der historischen Etiketten finden sich allerdings nicht nur bei Buchstaben aus dem 18. Jahrhundert, sondern bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Eine insgesamt ähnliche Anmutung hat etwa die Schriftart »Lucian« (Lucian Bernhard für die Bauersche Gießerei, 1928/1930). Auch sie hat sehr ausgeprägte Oberlängen, weniger ausladende Unterlängen, einen großen Strichstärkenkontrast und gedrungen wirkende Kleinbuchstaben. Selbst Details bei einigen Zeichen (𝐜 und 𝐱) ähneln einander. Nur die etwas exzentrischen »Zipfel« an 𝐬 und 𝐭 bleiben eine Eigenart der handgezeichneten Etiketten.
Es bleibt also erst einmal offen, aus welcher Zeit genau – zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert – die ältesten erhaltenen Beschriftungen auf den Exponaten stammen.
Oben: Extrahierte Schriftzüge von den historischen Glasgefäßen. Unten: Dieselben Wörter in der Schriftart »Lucian Bold«.
Zum Schluss habe ich einmal in einer digitalen Skizze einige Buchstaben neu gezeichnet nachempfunden, die für mich die Anmutung der Etikettenschrift sozusagen als »Konzentrat« einfangen. Anscheinend hat noch kein professioneller Schriftgestalter (ich selbst bin leider »nur« ein schriftvernarrter Grafik-Designer) versucht, eine vollständige Schrift auf Basis dieser Etiketten zu erstellen. Die Kopenhagener Designagentur Kontrapunkt hat zwar im Jahr 2004 für den Verband Dänischer Apotheker eine wunderschöne exklusive Schriftart namens »Apotek« gestaltet, die an den Fassaden und auf Produkten vieler dänischer Apotheken genutzt wird. Aber die formalen Inspirationen zu dieser Schrift sind jünger und knüpfen laut einem Beitrag zum 20jährigen Jubiläum des Designs neben der Typografie alter Apothekengläser auch an Schriften aus der Bauhaus-Zeit der 1930er Jahre an.
Mein Versuch einer »glatteren« Skizze der Buchstabenformen und ihrer Besonderheiten. Das Wort »pedrotaxi« ist Blindtext, ich habe es frei aus Zeichen zusammengesetzt, die ich auf jeden Fall in der Auswahl haben wollte … 🙂
Zum Schluss hänge ich noch einige weiterführende Links an für Leser*innen, die mehr über John Hunter lesen möchten sowie einen ausklappbaren Contentblock mit einer Zusammenfassung seiner Biographie. Ich selbst werde bei der nächsten Reise, die mich nach London führt, auf jeden Fall mindestens einen halben Tag in diesem famosen Museum einplanen! 🤓 🔠 🫀
John Hunter – Leben und Werk
Leben und Werdegang
John Hunter wurde am 13. Februar 1728 in Long Calderwood bei Glasgow in Schottland geboren. Er war das jüngste von zehn Kindern einer Bauernfamilie. Seine schulische Ausbildung blieb vergleichsweise unvollständig; bereits früh zeigte sich jedoch eine ausgeprägte Neugier für Naturbeobachtungen. Tiere, Pflanzen und Naturphänomene faszinierten ihn stärker als der klassische Unterricht.
1748 zog Hunter im Alter von 20 Jahren nach London zu seinem älteren Bruder William Hunter, einem bereits angesehenen Anatomen und Geburtshelfer. An dessen neu gegründeter Anatomieschule arbeitete John zunächst als Präparator und erlernte die Sektion menschlicher Leichen. Dabei entwickelte er außergewöhnliche Fähigkeiten in der Anatomie und der Herstellung anatomischer Präparate. Zusätzlich erhielt er eine chirurgische Ausbildung bei bedeutenden Londoner Chirurgen der damaligen Zeit. Eine universitäre medizinische Ausbildung schloss er nie ab; dies entsprach allerdings der damaligen Situation vieler Chirurgen, die sich vor allem praktisch ausbildeten.
1758 wurde Hunter Chirurg am St. George’s Hospital in London. 1760 trat er als Militärchirurg in die britische Armee ein und nahm während des Siebenjährigen Krieges für drei Jahre an Einsätzen in Frankreich und Portugal teil. Dort sammelte er umfangreiche Erfahrungen in der Behandlung von Schussverletzungen und anderen Kriegsverletzungen. Gleichzeitig begann er, Tiere und naturkundliche Objekte zu sammeln.
Nach seiner Rückkehr nach London eröffnete er eine eigene Praxis und begann, selbst Anatomie und Chirurgie zu unterrichten. 1767 wurde er in die Royal Society aufgenommen. 1768 erhielt er die Stellung als Chirurg am St. George’s Hospital. Später wurde er Leibarzt von König Georg III. und Inspektor der Militärkrankenhäuser.
Hunter starb am 16. Oktober 1793 in London während einer Auseinandersetzung im St. George’s Hospital, vermutlich infolge eines Angina-pectoris-Anfalls.
Arbeit und Forschungstätigkeit
John Hunter gehört zu den Begründern der wissenschaftlichen Chirurgie. Während viele seiner Zeitgenossen vor allem auf althergebrachte Traditionen und verstorbene oder praktizierende medizinische Autoritäten vertrauten, verlangte Hunter genaue Beobachtung, Experimente und die Überprüfung medizinischer Annahmen.
Sein Grundsatz lautete, dass ein Chirurg die natürlichen Vorgänge des Körpers verstehen müsse, bevor er therapeutisch eingreift. Krankheiten, Verletzungen und Heilungsprozesse sollten unmittelbar beobachtet und untersucht werden. Damit wurde er zu einem frühen Vertreter der evidenzbasierten Medizin.
Besonders bedeutend waren seine Arbeiten auf den Gebieten Wundheilung und Entzündung, Schussverletzungen, Gefäßerkrankungen, Zahnheilkunde, vergleichende Anatomie und Tierphysiologie. Das Werk »The Natural History of the Human Teeth« von 1771 gilt als ein Meilenstein der Zahnmedizin. Hunter beschrieb die Entwicklung und Anatomie der menschlichen Zähne systematisch und wissenschaftlich. Außerdem veröffentlichte er wichtige Arbeiten über Geschlechtskrankheiten sowie über Entzündungsprozesse und Wundheilung. Sein posthum erschienenes Werk »A Treatise on the Blood, Inflammation and Gun-shot Wounds« hatte großen Einfluss auf die Chirurgie des 19. Jahrhunderts.
Einfluss Hunters auf Wissenschaft und Medizin
Der wichtigste Beitrag Hunters bestand darin, die Chirurgie von einem handwerklichen Beruf zu einer wissenschaftlich begründeten Disziplin weiterzuentwickeln. Er vertrat die Auffassung, dass ein Chirurg gleichzeitig Anatom, Physiologe und Naturforscher sein müsse. Beobachtung und Experiment sollten über Autorität und Tradition stehen. Diese Denkweise beeinflusste Generationen von Ärzten und Forschern.
Besondere Bedeutung hatte seine Lehre der vergleichenden Anatomie. Hunter untersuchte nicht nur den Menschen, sondern auch hunderte Tierarten. Er suchte nach allgemeinen biologischen Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhängen zwischen Bau und Funktion der Organe und führte zahlreiche Tierexperimente durch, um biologische Vorgänge besser zu verstehen, etwa zur Regeneration von Gewebe oder dem Wachstum von Knochen.
Hunters Untersuchungen trugen wesentlich zur späteren Entwicklung der Evolutionsbiologie und der vergleichenden Physiologie bei. Viele seiner Gedanken wurden im 19. Jahrhundert von Naturforschern weiterentwickelt. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem der Arzt und Impfpionier Edward Jenner, der die Pockenimpfung entwickelte. Hunter ermutigte seine Schüler, selbst zu experimentieren und ihre Beobachtungen kritisch zu prüfen. Seine Arbeitsweise beeinflusste außerdem die Pathologie, die moderne Anatomie, die chirurgische Ausbildung, die klinische Forschung sowie die medizinische Museumskultur. Daher wird Hunter häufig als »Vater der wissenschaftlichen Chirurgie« bezeichnet.
Entstehung, Entwicklung und Verbleib seiner Präparatesammlung
Die Sammlung anatomischer Präparate war das Lebenswerk John Hunters. Bereits während seiner Militärzeit begann er, Tiere und anatomische Objekte zu sammeln. Im Laufe der Jahrzehnte investierte er einen erheblichen Teil seines Einkommens in den Ausbau seiner Sammlung.
1783 bezog Hunter ein großes Haus am Leicester Square in London. Dort richtete er ein privates Museum und eine Lehrsammlung ein. Zum Zeitpunkt seines Todes umfasste die Sammlung ca. 14.000 Präparate. Dazu gehörten menschliche Anatomiepräparate, krankhaft veränderte Organe, Skelette, Tierpräparate, Fossilien, vergleichend-anatomische Objekte und konservierte Organe und Gewebe. Die Sammlung umfasste mehr als 500 Tierarten. Zahlreiche Objekte stammten aus den Forschungsreisen des 18. Jahrhunderts. Unter anderem erhielt Hunter Tierpräparate von Joseph Banks, der an der ersten Weltumsegelung von James Cook teilgenommen hatte.
Aus heutiger Sicht werden einige Beschaffungsmethoden kritisch bewertet. Besonders bekannt ist der Fall des als »Irish Giant« bekannten Charles Byrne. Trotz dessen ausdrücklicher Verfügung, nicht seziert zu werden, gelangte sein Skelett in Hunters Sammlung. Die Diskussion über den angemessenen Umgang mit diesen menschlichen Überresten dauert bis heute an.
Die heutige Sammlung des Hunterian Museum London
Das Hunterian Museum befindet sich im Gebäude des Royal College of Surgeons in London, das über mehr als 70.000 Exponate, darunter anatomische und pathologische Präparate (von Menschen und Tieren), Modelle, Instrumente, Gemälde und Skulpturen beherbergt, die die Kunst und Wissenschaft der Chirurgie und die Entwicklung medizinischer Forschung seit dem 17. Jahrhundert bis zur modernen robotergestützten Chirurgie der Gegenwart abdecken.
Nach einer umfassenden Modernisierung wurde das Museum 2023 wiedereröffnet. Heute werden dort mehr als 3.500 Objekte aus Hunters ursprünglicher Sammlung ausgestellt, die er zwischen 1760 und 1793 präpariert hat. Als Konservierungsmittel für die Präparate wird meist Ethanol verwendet. Zu den weiteren in der Hunterian Collection verwendeten Konservierungsmitteln zählen Flüssigparaffin, Terpentinöl, Formaldehyd und Kaiserling III – ein Gemisch aus Kaliumacetat (Gewebe-Stabilisator), Glycerin (Feuchthaltemittel), Wasser und ggf. Thymol (gegen Schimmelbildung).
Hinzu kommen chirurgische Instrumente, medizinische Modelle, Gemälde, historische Dokumente und Präparate aus späteren Jahrhunderten. Eigene Ausstellungsbereiche beschäftigen sich mit Hunters Kindheit und Ausbildung, seiner Tätigkeit als Chirurg, seiner wissenschaftlichen Arbeitsweise, seinen Patienten sowie seinem Einfluss auf spätere Generationen. Neben der historischen Bedeutung thematisiert das Museum heute auch ethische Fragen des Umgangs mit menschlichen Überresten.
Das Hunterian Museum ist somit nicht nur eine Art Denkmal für John Hunter, sondern zugleich ein bedeutendes Forschungs-, Bildungs- und Ausstellungszentrum zur Geschichte der Anatomie, Chirurgie und Medizin.
Typo-Schnappschuss zwischendurch am Mittwoch: Gestern beim Einkaufen im feinen Stadtteil Harvestehude/Eppendorf fiel mir über einer Toreinfahrt an der Adresse Eppendorfer Baum 10 diese stilvolle weiß-rote 3D-Schriftzug auf, den ich natürlich sofort fotografieren musste.
Das historische Stadthaus an dieser Adresse wurde um die Jahrhundertwende (ca. 1898) erbaut, ist bestens erhalten und beherbergt heute im Erdgeschoss die Filiale eines Delikatessengeschäftes mit Bäckerei. Auf den ersten Blick passen die Lettern mit ihrer tiefliegenden horizontalen Mittelachse perfekt zur Gründerzeit-/Jugendstil-Optik des Hauses, doch der Schriftzug sieht optisch und technisch zu neu aus, um authentisch historisch zu sein. Und siehe da – lässt man sich die Adresse auf Google Maps anzeigen, bestätigt sich, dass die Einfahrt auf einem StreetView-Foto vom August 2022 noch unbeschriftet war. Hier wurde also mit gutem Stilgefühl und Gespür für die Epoche der Erbauung ein stimmiger Retro-Schriftzug angebracht. Es kann natürlich sein, dass ein anders oder gar nicht beleuchteter Hinweis auf die Garage bereits früher schon einmal existierte. Online einsehbare Belege dafür entdeckte ich jedoch nicht.
Für die Schriftart finden sich im Netz bei kommerziellen wie kostenlosen Anbietern etliche sehr ähnliche Referenzen. Am dichtesten heran kommt aus meiner Sicht die »Sevastian« von Adam Fathony (AFStudio, 2018). Und passend zur 3D-Umsetzung über der Einfahrt bietet die komplette Schriftfamilie verschiedene »Layer«-Varianten an, mit denen man auch bei der zweidimensionalen Anwendung eine solche Optik simulieren kann. 🤓 🔠 🅿️