verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Antiquitäten (Seite 2 von 17)

Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

19.06.2026

Auch bei der Ergründung der Geschichte des heutigen Fundstücks haben mir Digitalisate historischer Hamburger Adressbücher wieder gute Dienste geleistet. Fotografiert habe ich dieses edle Buchstabenrelief an der Fassade eines Hauses in Hamburg-Altona an der heutigen Adresse Bernstorffstraße 143.

Der ungewöhnliche und eher seltene Nachname des Firmeninhabers machte es vergleichsweise einfach, Informationen zu sammeln, obgleich eine herkömmliche Suchmaschinenanfrage nur sehr spärliche Fakten erbrachte. Zum Gebäude kam immerhin zutage, dass das lichtblaue Etagenhaus in den Jahren 1865/1866 erbaut wurde und in der »Liste der Kulturdenkmäler in Hamburg-Altona-Altstadt« aufgeführt wird.

Der Inhaber, August Bluthardt, wird in den alten Hamburger Adressbüchern bis einschließlich 1911 als angestellter Prokurist bei der Firma »Paulsen
Bohde Nfg. [= Nachfolger], Eisenguss- und Tonwaren, Heizungs­verklei­dungen« geführt. Ab 1912 erscheint er dann in weiteren Registern namentlich als Einzelinhaber eines eigenen Unternehmens mit dem Geschäftsfeld »Öfen u. Herdlager-Dauerbrand-Öfen, Majolika [farbig glasierte Tonwaren, vgl. Wikipedia], weiße Schmalzkacheln, Herd- u. Wandplatten, sämtliche Ofenersatzteile, Baumaterial«. Bei den »Schmalzkacheln« scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln, denn diese Vokabel konnte ich im Feld des Ofenbaus nirgends antreffen, wohl aber tauchen »Schmelzkacheln« bei den textlichen Beschreibungen historischer Öfen in Museen auf. Ab 1921 findet sich dann in den Verzeichnissen die Firmierung »Aug. Bluthardt & Co. G. m. b. H«, die im Anschluss dann wohl in gekürzter Form, wie im Foto zu sehen, am Gebäude angebracht wurde.

Diese Zeitangabe deckt sich auch mit meiner Vermutung, wo die Ursprünge der für die Beschriftung genutzten Schriftart liegen könnten. Eine der Schriften, die sich überraschend gut mit den weißen dreidimensionalen Lettern in Deckung bringen ließ, ist die »Gotham« von Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan, entstanden 2000–2002 für die Hoefler Type Foundry (HTF). Weltbekannt wurde die Schrift im Jahr 2007, als das Wahlkampfteam um Barack Obama sie zur Schriftart für seine Präsidentschaftskampagne erkor. Das ikonische »HOPE« Poster mit dieser Schriftart kennt wohl noch fast jede*r. Die Ursprünge einer ganzen Gruppe alter Schriftzüge, welche die Schriftdesigner zu dieser modern anmutenden Grotesk-Familie inspirierten, sind jedoch fast 100 Jahre früher zu suchen. Auf der Website Jonathan Hoeflers findet sich dazu unter der Überschrift »The History of the Gotham Typeface« ein ausführlicher, sehr lesenswerter Artikel.

»Gotham was inspired by a style of bold capital letters that evolved outside the typographic tradition in the early twentieth century, common to lithographed posters, enamel signs, and commercial facades throughout New York City.«

Quelle: myfonts.com – »Gotham – about this font«

Ich habe den Text des Schriftzuges aus dem Foto einmal in der »Gotham Bold« nachgesetzt und farbig markiert, wo ich nachträglich grafisch noch etwas »umbauen« musste, damit die Zeichen ungefähr in Deckung kommen. Die einzige Glyphe, die komplett andersartig ausfällt, ist das »&«-Zeichen. Dessen leicht ausgezogene Ecken in dem fotografierten Relief, die deutlich anders anmuten als die Buchstaben mit ihrer nüchternen Linienführung, lassen jedoch ohnehin vermuten, dass dieses Zeichen bereits zur Zeit der Anbringung der Beschriftung aus dem Repertoire einer separaten Schriftart hinzugefügt wurde.

Wie ging es dann weiter mit dem Ofengeschäft August Bluthardts? 1929 taucht ein neuer Inhaber der Ofenhandlung in den Adressbüchern auf – ein gewisser Carl Mollwitz führt nun die Geschäfte. Zwischen 1943 und 1950 wurde die Adresse der Niederlassung geändert – ohne dass ein Umzug erfolgte. Zur Zeit der Gründung hieß die Straße noch »Adolphstraße« (oft auch »Adolfstraße«). Ab 1950 wird das Unternehmen dann in den Branchenbüchern unter dem neuen Straßennamen »Bernstorffstraße« gelistet, obwohl die Umbenennung laut einigen Quellen bereits einige Jahre früher stattfand:

»Bereits in der NS-Zeit wurde die Bernstorffstraße als neuer Straßenname (alter Straßenname: Adolfstraße, benannt 1857 nach Hans Adolph Wieck, Bauunternehmer, (…) in der Liste ›Umbenannte Straßen‹ aufgeführt. Die Liste wurde im Hamburger Adressbuch von 1943 veröffentlicht und listet alle in der NS-Zeit umbenannten Straßen auf, auch diejenigen, bei denen die konkrete Umbenennung noch nicht vollzogen wurde.«

Quelle: hamburg-strassennamen.de – »Bernstorffstraße«

Als Namensgeber der umgetauften Straße werden in derselben Quelle die dänischen Staatsminister Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff (1712–1772) und Andreas Peter Graf von Bernstorff (1735–1797) genannt.

Nach 1957 übernimmt dann laut der Brancheneinträge eine »Frau L. Mollwitz« die Leitung, vermutlich die Ehefrau des Inhabers. Dessen Name taucht jedoch bis 1968 weiterhin als Mitarbeiter auf. 1974 gibt es erneut einen innerfamiliären Wechsel: Der neue Name des Inhabers lautet jetzt Georg Mollwitz. Es ist plausibel, anzunehmen, dass der Staffelstab der Firmenleitung an die jüngere Generation weitergereicht wurde, aber eindeutige Informationen dazu fand ich nicht, insofern könnte es eventuell auch ein Bruder oder sonstiger Verwandter sein.

Im »Wirtschafts- u. Firmenhandbuch Hamburg + Schleswig-Holstein Ausgabe Großraum Hamburg 1976/77« erscheint der Eintrag des Unternehmens zum letzten Mal. Ich vermute, dass der Einzug moderner Zentralheizungen und platzsparender elektrischer Küchenherde den Traditionsbetrieb vom Markt verdrängt hat. Was blieb, ist dieser kunstvoll gefertigte Schriftzug an einem alten Haus in Hamburg Altona. 🤓 🔠 🏠

17.06.2026

Ein Typo-Schnappschuss am Mittwoch, eingefangen in der Stralsunder Frankenstraße. Links und rechts neben dem Eingang des denkmalgeschützten historischen Altstadthauses befinden sich diese beiden Werbetafeln für eine einst hier ansässige Kohlenhandlung.

Wie schon oft hier im Blog, lassen die Schriftformen auf eine Entstehung der Tafel Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts schließen. Obwohl es auch viele Abweichungen im Detail gibt, wie etwa die oben abgeschrägten Senkrechten bei d, h und l oder die Form des a, weisen die Gesamt­anmu­tung und die prägnanten spitzwinkligen Bögen – insbesondere bei P, u und n – große Ähnlichkeit mit der Schrift »Ronaldson Gothic« auf (American Type Founders, 1892). Diese Schrift ist auch unter den Namen »Mediaeval-Grotesk« (in Schrift­muster­büchern der Gießereien Stempel sowie Ludwig & Mayer) und »Mediaeval-Steinschrift« (bei Schelter & Giesecke) zu finden. Ihre Urheberschaft im Jahr 1889 wird William W. Jackson zugeschrieben.

Eine kostenfrei nutzbare, digitalisierte Version der Schrift steht auf der Website des autodidaktischen Schriftgestalters Peter Wiegel zum Download zur Verfügung. 🤓 🔠 🪵

15.06.2026

Zur Abwechslung poste ich heute mal ein typographisches Montagsbonbon, das ich nicht selbst fotografiert habe, sondern auf das ich bei der Recherche zum Beitrag über die »GARAGE SAUERBERG« in einem digitalisierten historischen Altonaer Adressbuch aus dem Bestand der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek entdeckt habe. Ich fand den Spruch (aus heutiger Sicht) und die Honig-Geld-Metapher einerseits putzig, die Umsetzung aber durchaus elegant und handwerklich gekonnt. Die vollständige Anzeige, aus der das Motiv stammt, ist im zweiten Bild zu sehen.

»Unterstützungs-Institut« klingt für heutige Leser*innen ungewöhnlich, fast wie ein Schwesterwort zu »Sozialamt«. War die damals werbende Instanz solch eine Behörde? Dazu fand ich schnell eine kundige Erläuterung:

»Das am 28. Januar 1799 gegründete Altonaische Unterstützungs-Institut AUI setzte sich für Sozialfürsorge und Gewerbeförderung ein. Neu war das Prinzip der überkonfessionellen Fürsorge. Hilfe für sozial Schwache war zuvor eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Nun konnten in Not geratene Einwohner*innen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit unterstützt werden. Ebenfalls unabhängig von Glauben und Konfession erhielten Schulen, Vereine und die Kinderfürsorge zinsfreie Darlehen und Spenden.

1801 gründete das AUI eine Sparkasse. Sie entwickelte sich zu ihrem wichtigsten Betätigungsfeld. Sparguthaben sollten es Menschen ermöglichen, eine Existenz aufzubauen. Über die Erträge des Bankgeschäftes konnten wohltätige Vorhaben finanziert werden. 1939 wurde das AUI aufgelöst und in die Hamburger Sparkasse überführt.«

Quelle: Website der Stiftung Historische Museen Hamburg zur Ausstellung »Glauben und Glauben lassen«, die vom 27.09.2023 bis 15.07.2024 im Altonaer Museum gezeigt wurde

Bemerkenswert an der Schriftgestaltung des Motivs fand ich zum einen die bewussten Verbindungen zwischen den gebrochenen Buchstaben, am deutlichsten bei »are«, »ie« und »iene«. Zum anderen ist auch eine Kursivstellung, wie hier zu sehen, bei historischen gebrochenen Schriften deutlich seltener und spielte nicht dieselbe Rolle wie die Kursiven bei Antiqua-Schriften. Die meisten Fraktur-Schriftfamilien verfügten – von Ausnahmen abgesehen – gar nicht über kursive Schnitte. Sollte in einem in Fraktur gesetzten Text ein Wort oder Abschnitt besonders hervorgehoben werden, wurde dies nicht durch eine Kursive – wie z.B. oft bei in Antiqua gesetzten Texten –, sondern zumeist mit anderen Mitteln erreicht, etwa durch einen deutlichen Wechsel zu einer 𝔷𝔴𝔢𝔦𝔱𝔢𝔫 gebrochenen Schrift (oder zu einer 𝙰𝚗𝚝𝚒𝚚𝚞𝚊), durch S p e r r s a t z mit größeren Buchstaben­abständen, mittels fetterer Schriftschnitte (seltener) oder durch einen deutlich anderen Schriftgrad. Zudem ist auch die ungewöhnlich starke Schrägstellung der kursiven Buchstaben – hier mit ca. 25° Neigung – auffällig; die meisten Nicht-Schreibschriften arbeiten gewöhnlich mit Winkeln zwischen 7° und 12°. Selbst eine der seltenen, kursiv gezeichneten Frakturschriften, »Deutsche Schrägschrift« (Rudolf Koch für Gebr. Klingspor, 1912) hat einen Neigungswinkel von »nur« 16°. Extremere Schräglagen von bis zu 45° findet man eher bei Kurrentschriften und anderen, oftmals dekorativen Schreibschriften.

Die dritte Besonderheit in dem Werbemotiv sind die individuell gestalteten Zeichen, wie die große geschwungene S-Initiale und das kleine w, das nach oben verlängert ist und sich mit dem S gezielt überlappt. Alle drei Stilmittel verleihen dem Schrift-Arrangement eine fast handschriftliche Anmutung und plakative Eigenständigkeit. Vergleicht man die sechs Vorkommen des kleinen e, so fällt auf, dass diese alle unterschiedlich aussehen, mal breiter, mal schmaler und mit verschieden großen Innenräumen. Ich gehe aufgrund all dieser Merkmale davon aus, dass die Illustration der Biene nebst Münze inklusive aller Textzeilen als Gesamtgebilde von Hand gezeichnet wurde.

Die etwa weiteren Schriftarten bzw.-schnitte in der Anzeige lasse ich heute einmal außen vor, da sie – mit Ausnahme der kantigen Type bei den Wörtern »Geschäftsstellen« / »Annahmestellen« wenig Besonderes zu bieten haben. 🤓 🔠 🐝

10.06.2026

Kleiner Typo-Schnappschuss zwischendurch, geknipst in Regensburg:
»EINFAHRT freihalten!« – handgemalt und mit einem etwas zu schlanken H.

Ich mag es trotzdem, wenn Menschen, die ein Gebots-, Verbots- oder Hinweisschild aufhängen, sich die Mühe machen, es selbst zu gestalten, anstatt einfach ein käufliches Standardschild zu benutzen. 🤓 🔠 🪧

08.06.2026

Ein Werbe-»Mural« aus Regensburg habe ich heute als typographisches Montagsbonbon ausgewählt. Und obwohl der Farbauftrag noch relativ neu und unverwittert aussieht, hat das beworbene Produkt bereits eine über 300-jährige Geschichte.

»P. Ulrich Eberskirch OCD*, der als gelernter Apotheker in den Karmelitenorden eintrat, erfand im Jahre 1721 den echten Karmelitengeist. Das Geheimnis wird bis heute streng gehütet und immer nur von zwei Karmeliten weitergegeben.«

* OCD: Ordo Carmelitarum Discalceatorum (Orden der Unbeschuhten Karmeliten)

Quelle: Karmelitenkloster St. Joseph, Regensburg

Typographisch fand ich das Motiv insofern interessant, dass es zum einen rein schriftlich für das Produkt wirbt – es gibt keinerlei Abbildung eines Mönches, einer Flasche, eines eingeschenkten Glases, einer Verpackung o.ä. Und zum anderen nutzt es in nur drei Zeilen Text vier verschiedene Schriftarten. Zwei davon konnte ich problemlos bestimmen, bei den beiden anderen war das etwas schwieriger bis erfolglos.

Das Wort »REGENSBURGER« ist in der Schriftart »ITC Avant Garde Gothic« im Schnitt »Demi Bold« gesetzt. Die Schrift wurde zunächst 1968 exklusiv für das Logo und die Headlines des US-amerikanischen Lifestyle-Magazins »Avant Garde« entworfen. Erst ab 1970 arbeitete Lubalin zusammen mit Tom Carnase – einem Partner in seinem Designbüro – daran, eine komplette Schriftfamilie gleichen Namens daraus zu entwickeln, die nachfolgend zu einer der populärsten Schriften der 1970er-Jahre wurde.

Für die Unterzeile »seit 1721 hier im Kloster hergestellt« wurde die Schrift »Palette« genutzt. Sie stammt aus dem Jahr 1951 und ihr Urheber war der Grafiker und Schriftgestalter Martin Wilke.

Die Schrift bei dem Wort »Echter« würde ich ebenfalls in den 1950er-Jahren verorten, allerdings konnte ich sie nicht verlässlich identifizieren. Das etwas zu eng stehende letzte Buchstabenpaar »er« könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Buchstaben hier individuell gestaltet wurden.

Ebenfalls knifflig war die Recherche zur Schrift im Produktnamen »KARMELITERGEIST«. Das auffälligste Merkmal ist in jedem Fall das rechtwinklig abknickende Bein des K, das sich etwas dezenter auch im R noch einmal wiederfindet. Die älteste Referenz, die ich zu dieser Buchstabenform finden konnte, reicht zurück in die Jahre 1929–1934, zu einer eleganten Art-Déco-Schrift namens »Corvinus«, entworfen vom ungarisch-schweizerischen Designer Imre Reiner für die Bauersche Schriftgießerei. Im Umfeld eines experimentelleren Formenrepertoires trifft man ein ähnliches K auch bei der Schrift »Altona« von Albert-Jan Pool, Julia Uplegger und Antonia Cornelius an, die auf Hamburger Straßenschildern Ende der 1920er-Jahre beruht, sowie in der serifenbetonten Linear-Antiqua »City« (Georg Trump für Berthold, um 1930). Alle drei Verwandten verweisen somit auf etwa dieselbe Zeit, obwohl sie nicht exakt mit der Type im Werbeschriftzug auf der Fassade übereinstimmen. Eine modernere Variante, entstanden 2002–2014, findet sich in Form der Schriftfamilie »Compass Next« von Ramiz Guseynov/TipografiaRamis.

Im Netz konnte ich zudem in einem Pressebericht aus dem Jahr 2021 zum Jubiläum der klösterlichen Spirituose ein Foto ausfindig machen, das deren Verpackungs-Evolution dokumentiert. Das »K mit dem Knick« taucht darin ausschließlich in den beiden linken der sechs abgebildeten Exemplare auf, offenbar zeitgleich mit der Einführung einer auffälligen purpurnen Kennfarbe beim Packaging. Zeitlich datieren konnte ich diese Umstellung leider nicht. Immerhin lässt sich sagen, dass das Konglomerat aus verschiedenen Schriftarten nicht älter sein kann als die jüngste der vier (»Avant Garde«).

(Nachtrag – 09. Juni 2026: In dem weiter unten im Beitrag verlinkten Video schwenkt die Kamera beim Timecode 12:28 über ein Bildtableau mit Fotos aus dem Jahr 1971, als das Elixier sein 250-jähriges Jubiläum beging. Auch darauf sind sowohl das komplette Werbemotiv als auch die orange-purpurviolette Farbgebung der Verpackung bereits zu sehen!)

Das Produkt ist nach wie vor erhältlich, es gibt sogar Pralinés, die mit einer damit aromatisierten Trüffelmasse gefüllt sind. Laut Hersteller hilft das Elixier innerlich, auf Zucker geträufelt oder mit Wasser bzw. Tee verdünnt, »… bei Grippe, Erkältung, Unwohlsein, Magenbeschwerden, Blähungen, Schlaflosigkeit«, sowie unverdünnt äußerlich »… zum Einreiben bei Ohnmacht, Herzschwäche, Rheumatismus, neuralgischen Schmerzen und zur Desinfektion von Wunden«.

Die Ursprünge dieser Heilspirituose aus (karmelitischen) Klöstern lassen sich sogar zurückverfolgen bis ins 14. Jahrhundert. Eines der ersten kommerziell vertriebenen Produkte tauchte 1611 in Frankreich unter dem Namen »L’Eau des Carmes« auf und war offenbar über Apotheken erhältlich. Das Rezept, aus Melisse, Engelwurz, Zitronenschale, Lavendel und weiteren Pflanzenessenzen gebraut, soll ursprünglich aus einem Kloster der Unbeschuhten Karmeliterinnen einer Abtei namens St. Just[e] stammen (die ich leider nicht eindeutig lokalisieren konnte) und wurde anfänglich wohl u.a. auch für den französischen König Karl V. (1338–1380) hergestellt. Andere Überlieferungen sprechen von Pariser Karmelitermönchen als Urheber der Rezeptur.

Das in Deutschland deutlich bekanntere Konkurrenzprodukt »Klosterfrau Melissengeist« kam übrigens erst im Jahr 1826, gute 100 Jahre später als der Regensburger Geist, auf den Markt. 🤓 🔠 🌿 👻

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

05.06.2026

Das typographische Fundstück kommt heute aus Hamburg und befindet sich an der Adresse Beim Grünen Jäger 11. Fotografiert habe ich es, weil ich die Schriftwahl und die Farbigkeit der Beschriftungen in Verbindung mit der typischen dunkelroten Hamburger Klinkermauer als ausgesprochen passend für eine Autogarage empfand. Im Moment der Entdeckung war für mich nicht ersichtlich, ob es sich um eine reine Parkgarage oder eine Kfz-Werkstatt handelt, und auch, ob das beworbene Unternehmen noch tätig ist, konnte ich nicht erkennen. Links und rechts des vergitterten Rolltores befinden sich eine Galerie und kleine Kioske bzw. Imbisse. Ansonsten gibt es keine Hinweise auf einen Gewerbebetrieb. Der letzte Hinweis auf eine Aktivität in dem Gebäude war die Ankündigung eines »Weihnachts-ART-Marktes« im Dezember 2023, veranstaltet von der benachbarten Galerie.

Das zweigeschossige Ziegelgebäude scheint in der Übergangszeit zwischen der Fortbewegung mit Pferdefuhrwerken und der automobilen Ära entstanden zu sein, so ist es zumindest in einem schon etwas älteren Zeitungsartikel zu lesen:

»… am Schulterblatt 92 (…) auf einem weiteren großflächigen Wandgemälde ist der Neue Pferdemarkt zu sehen: Fuhrwerke auf dem ovalen Platz, im Hintergrund flanieren einige Menschen – das Bild erinnert an die Jahrhundertwende.

Entstanden sind die Wandmalereien jedoch frühestens Ende der 20er Jahre. Denn am Pferdemarkt existiert schon die ›Shell Garage Sauerberg‹, auch wenn kein einziges Auto die Idylle mit Pferd trübt. Diese erste Hochgarage Deutschlands wurde Ende der 20er Jahre eröffnet, ihre Bauzeichnungen datieren vom 11. April 1926. Heute steht der Klinkerbau (…) unter Denkmalschutz.«

Quelle: TAZ – »Aber damals, da war’s toll« (Dezember 1996)

Auch auf die gelbe und rote Farbgebung der Schriftzüge an dem Gebäude könnte der in dem Artikel genannte Name »Shell Garage Sauerberg« ein Hinweis sein, denn sie entspricht den Unternehmensfarben des weltbekannten, 1907 als »Royal Dutch Shell Group« gegründeten Mineralölkonzerns und ohne eine offizielle Lizenz oder Partnerschaft hätte er dessen Namen wohl kaum für seinen Betrieb nutzen dürfen.

Diese Kooperation könnte auch einen Bezug zu den rechteckig-abgerundeten Formen der Buchstaben in beiden Schriftzügen haben. Im Jahr 1971 ließ Shell sein Logo vom US-amerikanischen Designer Raymond Loewy neu gestalten und in diesem Zuge änderte auch die Wortmarke sowohl ihr Aussehen als auch ihre Platzierung im Logo. Bis dahin war der Firmenname SHELL zentriert innerhalb der stilisierten gelb-roten Kammmuschel platziert. Nach Loewys Überarbeitung war er unterhalb der neuen, minimalistischen Bildmarke angesiedelt. Auch die Schriftart änderte sich: Statt der zuvor genutzten serifenlosen Linear-Antiqua, die an die »Gill Sans Condensed Bold« (Eric Gill, um 1928) erinnert, wurden die Buchstaben technischer, mit rechteckigen Proportionen und abgerundeten Ecken – nicht unähnlich den Lettern an der Hamburger Hochgarage.

Bei der Bestimmung des oberen Schriftzugs »GARAGE« wurde ich zunächst in die Irre geführt, denn ich hielt die Schriftart auf Anhieb ganz klar entweder für die »Eurostile Extended Bold« (1962) oder ihre ausschließlich großbuchstabige Vorgängerin »Microgramma« (1952), beide entworfen von den Schriftgestaltern Alessandro Butti und Aldo Novarese. Doch der zusätzliche senkrechte Abstrich am G und das im Vergleich zu schmale A der Neonbuchstaben widersprachen dieser Vermutung. Ich konnte tatsächlich keine Schrift ausfindig machen, die exakt den Buchstabenformen an der Fassade gleicht.

Auch die untere Beschriftung »SAUERBERG« scheint eigens für den Garagenbetrieb gestaltet worden zu sein. Insbesondere A, R und G weisen sehr individuelle Details auf, die sich mit keiner mir bekannten kommerziellen Schrift in Deckung bringen ließen. Die weißen Flecken im Foto, links und rechts des Leuchtkastens (vielleicht Mörtel, Heißkleber o.ä.?), die in etwa dieselbe Breite wie die Neonschrift auf dem Dach andeuten, lassen vermuten, dass anstelle der heutigen dort früher eine andere werbetechnische Installation angebracht war. Aber auch hier ließen sich leider keine historischen Fotos finden, die diese Vermutung bestätigen. Auch die »wiederentdeckten Wandgemälde« aus dem oben zitierten taz-Artikel, welche die Garage in früherem Zustand zeigen sollen, sind online leider nirgends auffindbar.

Und so bleibt auch diesmal nur die Gewissheit, dass das Baudenkmal mit der offiziellen Identifikationsnummer 12752 unter der Bezeichnung »Großgarage am Neuen Pferdemarkt, Typ: Garage; Parkhaus; Tankstelle; Werkstatt« weiterhin an seinem angestammten Platz erhalten bleiben wird – und das hoffentlich mitsamt der interessanten Beschriftung. 🤓 🔠 🚗 🔧

29.05.2026

Schon mehrfach gab es hier im Blog Beiträge zu neuen und alten Beschriftungen an Gebäuden und Bahnsteigen an Bahnhöfen. Bedingt durch die weit zurückreichende Geschichte der Eisenbahn sind allerorten neue und alte, vergessene, teils verwitterte, teils aber auch erstaunlich gut erhaltene Schilder und Schriftzüge zu entdecken. Eines dieser Schilder habe ich heute aus der Deutsch-Luxemburgischen Grenzregion vom Regionalbahnhof Wasserbillig mitgebracht.

»Der Bahnhof Wasserbillig in der gleichnamigen Ortschaft Wasserbillig ist ein luxemburgischer Grenzbahnhof zwischen Luxemburg und Deutschland. Der Bahnhof Wasserbillig liegt an der Bahnstrecke Luxemburg–Wasserbillig. Der Bahnhof wird von RB- und RE-Zügen angefahren. (…)
Der Bahnhof wurde 1861 mit dem Bau der Bahnstrecke von Luxemburg Stadt eröffnet. 1911 wurde die Strecke bis Oetringen zweigleisig ausgebaut und von 1956 bis 1959 elektrifiziert.«

Quelle: Wikipedia – »Bahnhof Wasserbillig«

Spontan erinnerten mich die abgerundeten rechteckigen Lettern an die beiden Schriftklassiker »City« (Georg Trump für Berthold AG, 1930), die allerdings Serifen aufweist – und die deutlich breiter laufende »Bank Gothic« (Morris Fuller Benton für ATF, ebenfalls 1930). Bei der Recherche fiel mir dann auf, dass es interessanterweise auch große Ähnlichkeiten mit Schriften gibt, die historisch im Straßenverkehr genutzt wurden. So zum Beispiel mit der nach ihrem Gestalter benannten Schriftfamilie »Charles Wright«, die seit 1935 (und bis heute in weiterentwickelter Form sowie unter anderem Namen) in Großbritannien für Kfz-Nummernschilder verwendet wird. Man findet Varianten davon als »Mandatory« oder »UK Number Plate« im Netz und es gibt auch eine Info-Seite dazu von der »British Number Plate Manufacturers Association«.

Eine andere »Straßenverkehrsschrift« mit einer vergleichbaren Anmutung ist die »Route 66« von Nick’s Fonts, die auf Schriftarten beruhen, welche auf US-Highway-Schildern aus den 1930er bis 1950er Jahren anzutreffen waren.

Dennoch sind diese Schriften nicht mit jener auf dem deutsch-luxemburgischen Stationsschild identisch. Unter anderem der tiefliegende Querstrich des 𝐴, die beiden unterschiedlich breiten Bögen des 𝐵 sowie der kurze horizontale Abschlussstrich am Bein des 𝑅 machen den Schriftzug einzigartig. Das gleiche 𝑅 findet sich auch auf dem Schild, das am Bahnhof Wasserbillig auf den Ausgang verweist:

Es ist nicht ganz einfach, die Zeit der Anbringung der Schilder zu ergründen. Formal sind sie, den o.g. Ähnlichkeiten nach, in den 1930-er bis 1950-er Jahren verwurzelt. Das Stationsschild »WASSERBILLIG« scheint aus Metall gefertigt zu sein, das Hinweisschild »SORTIE« weist Risse auf, wie sie im Lauf der Zeit bei Emaille oder Keramik entstehen könnten. In einer kommerziellen Bilddatenbank entdeckte ich immerhin ein historisches Schwarzweißfoto vom 16. August 1968, auf dem das Stationsschild bereits dokumentiert ist. Weitere alte Abbildungen mit eindeutig erkennbaren Hinweisen fand ich online nicht. Da öffentliche Beschilderungen meist entweder unmittelbar beim Bau oder zum Zeitpunkt späterer Sanierungen, Renovierungen oder Ausbauten angebracht oder ausgetauscht werden, würde ich die Tafeln auf 1959 (s.o.) oder früher datieren.

Wer mehr dazu weiß, kann sich natürlich sehr gerne melden! 🤓 🔠 🛤️

27.05.2026

Zwischendurch noch ein schönes Fundstück aus Hamburg St. Pauli – genauer gesagt, aus dem dortigen Karolinenviertel. Dieses Objekt ist mal wieder ein schöner Beweis dafür, dass es sich bei Streifzügen durch Straßen und Stadtviertel durchaus lohnt, auch mal den Blick nach oben zu richten und nicht nur bis kurz über die eigene Augenhöhe auf das Umfeld zu achten.

In etwa dreieinhalb Metern Höhe erspähte ich so dieses wunderbare Steinrelief über dem Eingangsportal an einem Gründerzeitbau, der einst als Schulgebäude diente.

Interessant ist, dass die zweizeilige Inschrift ohne Bindestrich angelegt ist. Die Schrift erinnert mich tatsächlich ein wenig an die Schulschreibschrift, die auch ich als Kind in den 1970er-Jahren während meiner Grundschulzeit erlernte.

Aber was kann uns das Netz über dieses Gebäude – hier eine Komplettansicht der Fassade – an der Adresse Laeiszstraße 12 erzählen?

»Die Schule Laeiszstraße im Hamburger Stadtteil St. Pauli wurde 1862 für die Armen- und Freischule Laeiszstraße (kurz Armenschule Laeiszstraße) erbaut.

Die Entwürfe stammten vermutlich von Franz [Gustav] Forsmann. Das Jahr 1862 gilt auch als offizielles Gründungsjahr der Schule. 1905 wurde das Gebäude nach Plänen von Albert Erbe umgebaut, dabei blieben die ursprünglichen Achsmaße erhalten. Ein Neubau nach Planung des Hamburger Hochbauamtes kam 1967 hinzu. (…) Zum Schuljahresbeginn 2006/2007 wurde die Grundschule (…) dauerhaft geschlossen. Danach wurde das Gebäude zwischenzeitlich als Standort der Grundschule Sternschanze genutzt. Mit Stand 2020 ist dort die Beratungsabteilung des Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ) Mitte ansässig. Schule und Turnhalle stehen unter Denkmalschutz.«

Quelle: Wikimedia Commons – »Schule Laeiszstraße«

Auch, was es mit dem Begriff »Armenschulen« auf sich hatte, speziell im Kontext mit dieser einen, ist wissenswert:

»Erst im Jahr 1870 wurden in der Freien und Hansestadt Hamburg, einem Teilgebiet des künftigen Deutschen Reiches, Volksschulen und die Schulpflicht eingeführt. Umso bemerkenswerter ist es, dass die heutige Grundschule im Karolinenviertel, Laeiszstraße 12, bereits acht Jahre vor Einführung der Schulpflicht als ›Zweite Armenschule von St. Pauli‹ im Jahr 1862 auf Initiative des Abgeordneten Johannes Halben gegründet wurde, zunächst in einem kleinen Gebäude mit begrenzter Anzahl an Klassenräumen.
Die Bezeichnung ›Armenschule‹ oder ›Freischule‹ bedeutet, dass diese Schulen kein Schulgeld verlangten, was in privaten Einrichtungen sonst selbstverständlich war.«

Quelle: Olga Wewerka, »Alfred Lichtwark. Persönlichkeit und Werk im Kontext der deutschen und tschechischen Kultur«. Doktorarbeit, Philosophische Fakultät der Karls-Universität Prag, S. 116 (Zitat ins Deutsche übersetzt).

Wie die Quelle dieses Zitats erahnen lässt, steht auch ein berühmter – wenngleich nicht gebürtiger – Hamburger mit dieser Schule in Verbindung:

»Einer der ersten Schüler der Einrichtung war der spätere Direktor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark

Quelle: Uwe Schmidt: »Hamburger Schulen im ›Dritten Reich‹«, Bd. 2 (Anhang), S. 810

So schnell kann’s gehen – einmal kurz den Kopf gehoben und – zack! – wieder was über Hamburg gelernt.
🤓 🔠 🏫

25.05.2025

Aus Trier kommt das heutige typographische Montagsbonbon, und zwar in Form eines schnittigen Neonschriftzuges am »Stahlwarenhaus Schmelzer«. Küchen-, Koch-, Taschen- oder Sammlermesser sucht, ein Maniküreset oder sonstige Haushaltswaren wie Gläser, Kochgeschirr oder Küchenwerkzeuge, wird nach eigenen Angaben bei diesem Familienunternehmen fündig. Tatsächlich gibt es dieses Geschäft – in den Gründerjahren vermutlich mit einem etwas überschaubareren Sortiment und noch ohne den leuchtenden Namen an der Fassade – bereits seit 1734.

»Das Stahlwarenhaus Schmelzer in Trier wird bereits in der neunten Generation von unserer Familie geführt, kann auf über 285 Jahre Unternehmensgeschichte zurückblicken und zählt damit zu den ältesten Fachgeschäften Deutschlands. Der Name Schmelzer wird in der städtischen Chronik Triers sogar schon 1552 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.«

Melanie Schmelzer auf der Website der Messermanufaktur Böker

Wieder einmal, wie oft bei derartigen Klassikern aus der Blütezeit der Neon-Lichtwerbung, begeistern die einzelnen Buchstabenformen mit feinen Details: Die teilweise doppelt angelegte, gerade Basis des 𝑆. Die oben leicht begradigte Form der 𝑙-Schlaufe, die mich tatsächlich an eine Messerklinge erinnert. Der gekonnte Übergang mit gebogenem Auf- und waagerechtem Querstrich von dort aus zum 𝑧, das zudem oben links eine Art kleine Serife aufweist, die dann im 𝑟 ein formales Echo findet.

Ich schmelze dahin … 🤓 🔠 🔪 🤩

21.05.2026

Ein zweites Fundstück, geknipst entlang der Wegstrecke vom Fischmarkt in Hamburg-Altona in Richtung Pferdemarkt, Karoviertel und schließlich Schulterblatt. Hinter einer großen Kreuzung am Nobistor entdecke ich einen kleinen Seiteneingang am Ende des Gebäudes Holstenstraße 3, der offenbar zum Hotel Lafayette gehört.

Unter einer verblichenen schmalen Markise (man sieht sie in der Spiegelung im Bild) an dem in die Jahre gekommenen blaugrauen Waschbeton-Gebäudeklotz, vermutlich aus den 1960er-Jahren, findet sich über der verglasten Aluminiumtür ein blaues Banner »Hotel·Eingang«. Man erkennt deutlich die Pinselstriche in dem gelben Farbauftrag; irgendwann einmal hat wohl ein Schildermaler diesen Schriftzug dort hinterlassen. Die Website des Hotels präsentiert sich inzwischen in zeitgemäßem Chic, direkt nebenan unter der Hausnummer 5 konkurriert das moderne »Prize by Radisson« in einem sandfarbenen Neubau mit extravagant eingerichteten, günstigen Designzimmern um Übernachtungsgäste.

Und doch hat hier in einer schmalen Nische ein kleines Relikt die Jahrzehnte überdauert. Ich liebe es. 🤓 🔠 🏨

« Ältere Beiträge Neuere Beiträge »