Das typographische Bonbon am Montag fällt mal wieder in die Kategorie »Schriftschatten«. Das sind Fundstücke, bei denen nur noch Verwitterungsspuren, Farbreste, Aussparungen im Wandputz oder ähnliche Überbleibsel erahnen lassen, wie ein einst angebrachter Schriftzug einmal ausgesehen hat oder ausgesehen haben könnte. Es gab hier im Blog schon einige Beispiele dieser Art, etwa den Schatten der Beschriftung an einer einstigen Karstadt-Filiale.
Der Schriftschatten heute stammt aus der Fußgängerzone in Uelzen, wo ich kürzlich aufgrund eines unfreiwillig verlängerten Umsteigehaltes bei einer Zugfahrt etwas Zeit zum Herumstromern in der Innenstadt hatte.

Wahrscheinlich handelte es sich bei der früheren Installation um zwei be- oder hinterleuchtete Schriftzüge. Ich folgere dies daraus, dass die »Unterstreichung« der zweiten Zeile auf eine Kabelschiene hindeutet, welche die Leuchtelemente in den einzeln stehenden Buchstaben von unten mit Strom versorgte. In der ersten Zeile sind die Schreibschrift-Buchstaben auch ohne eine solche Schiene miteinander verbunden, sodass die Verkabelung ohne ein zusätzliches Verbindungselement möglich war.
Wie lange es her ist, dass die Beschriftung abgenommen wurde, konnte ich nicht ermitteln, da ich online keine Fotos des Gebäudes auffand, auf denen sie noch vorhanden war. Auch auf einem Foto bei Google Maps vom April 2022 ist sie bereits demontiert. In einer alten Broschüre »Dein Bundesgrenzschutz-Standort UELZEN« aus dem Jahr 1968 hatte der Versicherungsmakler jedoch bereits sein Büro an dieser Adresse eröffnet, denn er wirbt mit einem Inserat in dem Heft für seine Dienste. Vielleicht befand sich auch damals schon seine Leuchtreklame an dem Gebäude – der Stil der Schreibschrift jedenfalls würde aus meiner Sicht gut in die Zeit der späten 1950er- bis frühen 1970er-Jahre passen.
Der Namensschriftzug an der Fassade ist sehr wahrscheinlich ein individueller Entwurf. Die Buchstaben in der zweiten Zeile erwecken zwar auf den ersten Blick den Eindruck, aus einer kommerziellen Schriftart gesetzt zu sein, aber es gibt einige Ungereimtheiten. So wirken etwa H, U und N im Vergleich zu den restlichen Zeichen viel zu schmal. Ungewöhnlich ist auch, dass die Enden der Bögen im S nahezu waagerecht abzuschließen scheinen, die Bögen bei C und G jedoch deutlich diagonale Strichenden haben. Üblicherweise finden sich bestimmte Winkel, Proportionen und Gestaltungsmerkmale bei einer Schriftart an formverwandten Zeichen im gesamten Glyphenrepertoire durchgängig wieder. Ich vermute daher, dass zwar eine bestimmte Schriftart als Vorlage für den Werbeschriftzug gedient haben könnte, aber die ausführenden Werbetechniker*innen diese frei interpretiert haben.
Die nächsten Verwandten zum Schriftbild der Unterzeile, die ich finden konnte, sind die »Avant Garde Gothic Condensed Demi Bold« (Ed Benguiat für ITC International Typeface Corporation, 1974) und die »Flink Neue Compressed Bold« (Moritz Kleinsorge, Identity Letters, 2023). Letztere wurde zwar erst nach Schließung des Versicherungsbüros veröffentlicht, orientiert sich jedoch an frühen Klassikern aus der Gruppe der geometrischen serifenlosen Schriften aus den 1920er-Jahren wie Futura, Erbar und Kabel – und an der Avant Garde Gothic.

Mehr war über Herrn Lange und sein Gewerbe diesmal leider nicht in Erfahrung zu bringen. Und sollten irgendwann auch noch die Bohrlöcher in der Fassade zugespachtelt und übermalt werden, verschwänden auch noch diese öffentlich verbliebenen Spuren seiner einstigen Geschäftstätigkeit. 🤓 🔠 🫥





















