Ladenbeschriftung, Schaufenster, Fassadenwerbung, Leuchtreklame, Werbetechnik – hier findet sich alles, was Gewerbetreibende rund um Gebäude oder Ort ihres eigenen Betriebs an (potenzielle) Kunden richten.
»Alles muss raus!« – obwohl es keine offiziellen saisonalen Schlussverkäufe mehr gibt, sieht man diesen Werbespruch oft nach wie vor an Geschäften. Und auch bei Räumungsverkäufen aufgrund von Geschäftsaufgaben wird er häufig genutzt. Ich greife ihn heute auf, weil ich immer noch ein gutes halbes Dutzend Typo-Motive aus Barcelona in meinem Fundstücklager vorrätig habe. Also raus damit …
Ich fand das Motiv aus mehreren Gründen interessant. Zum ersten aufgrund der ungewöhnlichen und vergleichsweise aufwendigen, gerippten Untergrundkonstruktion, zum zweiten aufgrund der Schriftwahl und der m.E. ansprechenden Farbkombination und zum dritten schwang natürlich auch für mich als Bundesbürger angedenk der Abgründe der deutschen Geschichte eine gewisse Assoziation mit. Hierzulande käme wohl kaum jemand auf die Idee, sein Einrichtungsgeschäft »SS Möbel« zu nennen (hoffe ich!), obgleich es bei der Namensgebung feilgebotenen Mobiliars schon vor einem Vierteljahrhundert befremdliche Verirrungen nach rechts gab.
Dem spanischen Laden hingegen unterstelle ich keinerlei Absichten in diese weltanschauliche Richtung. Wofür das »SS« steht, war online nicht zu ergründen, nur die Information, dass sich das Geschäft auf »Mobles i articles fusta i metall« (Möbel und [Einrichtungs]gegenstände aus Holz und Metall) spezialisiert hat. Vielleicht waren es anfänglich ausschließlich Metallmöbel und das Kürzel steht für »stainless steel«. Oder der/die Inhaber*in hat einen alliterarischen Namen wie »Sofía Serrano« oder »Sebastián Salazar«. Wir wissen es nicht …
Als ich den Schriftzug »mobles« sah, dachte ich: Ah, das ist doch ganz klar eine Schriftart aus dem Trio der drei bekanntesten klassischen Schriften aus den 1970er-Jahren mit derlei strikt geometrisch konstruierten Buchstabenformen, nämlich entweder »ITC Bauhaus« (Ed Benguiat und Victor Caruso für ITC, 1975, nach Entwürfen von Herbert Bayer aus dem Jahr 1925), »Blippo« (Joe Taylor für FotoStar, 1969) oder »Pump« (Bob Newman, 1970 und Philip Kelly, 1975–1980 für Letraset/ITC). Aber entweder stimmte der Schriftschnitt nicht (die »Blippo« ist zu fett) oder einzelne Zeichen wie b, e oder s stimmten nicht überein. Also: falsch gedacht!
Inzwischen vermute ich, dass diese Schriften zwar wahrscheinlich als Vorlage dienten, aber der Entwurf individuell angefertigt wurde. Eine Schriftart jüngeren Datums kommt, bis auf den Fettegrad, am dichtesten an die Ladenbeschriftung heran, und zwar »Churchward Design« (Joseph Churchward für BluHead Studio, 2007).
Bei dem »SS«-Kürzel ist die Bestimmung noch schwieriger. Es gibt etliche Schriftarten mit geometrischer Anmutung, bei denen das S wie ein gespiegeltes Z aussieht. Am besten gefiel mir hier die »Silver Streak« von John Roshell (Swell Type, 2020) – eine ebenso elegante wie futuristische Type, nicht nur mit einem passenden S, sondern mit insgesamt sehr ansprechenden Zeichenformen und erhältlich in 26 Schnitten. Der Designer schreibt dazu:
»Inspired by the streamlined lettering on trains, cars & ads of the 1930s & ’40s, Silver Streak combines Art Deco elegance with refined craftsmanship and modern features.«
Quelle: Swell Type – »Silver Streak«
Nimmt man also den Ursprung der Schrift »Bauhaus« im Jahr 1925 und das Zitat des »Silver Streak«-Schriftgestalters, klingt in der Ladenbeschriftung ziemlich kongruent die Designsprache der 1920er- und 1930er-Jahre an. Genau die Zeit, in der die ersten zeitlos schönen Stahlrohrmöbel, entworfen u.a. von Marcel Breuer (1925), Mart Stam (1926) und Ludwig Mies van Rohe (1927) das Licht der Welt erblickten. Zwei davon (Mart Stam S34 Freischwinger-Nachbauten) stehen übrigens in meiner Küche am Esstisch.
Vielleicht waren ja diese Metallmöbel-Klassiker für den/die Inhaber*in die Inspiration, den gestalterischen Geist jener Zeit beim Design der Ladenbeschriftung typographisch aufzugreifen.
Mein Fazit (wenn es so wäre): »mission accomplished!« 🤓 🔠 🛋️
Das heutige typographische Fundstück tangiert unweigerlich ein kontroverses Thema, nämlich das der Sexarbeit bzw. Prostitution. Sie ist so alt wie die Menschheit; namentlich taucht mindestens eine Frau (»Rahab«), die Sex gegen Geld anbot, bereits in der Bibel auf. Die zahllosen Synonyme für Menschen – meist Frauen –, die einen solchen Handel anbieten, sind entweder größtenteils euphemistisch-verklärend oder abwertend, ebenso gegensätzlich ist die Darstellung von Sexarbeiter*innen in Musik, Literatur, Kunst und verfilmten Darstellungen. Auch Gewalt, sexueller Missbrauch, Menschenhandel, Sexismus, Ausbeutung und (finanzielle) Abhängigkeit, gesundheitliche Risiken, gesellschaftliche Stigmatisierung und psychische Belastungen sind allgegenwärtige und schlimme Facetten im Leben vieler Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – freiwillig oder unfreiwillig prostituieren.
Doch für die Rechte und Interessen, den Schutz, das Ansehen und als Anlaufstellen bei Problemen von Sexarbeiter*innen setzen sich mittlerweile auch viele Vereine, Verbände, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen ein. Der älteste Verein ist der 1980 gegründete Hydra e.V., weitere wichtige Zusammenschlüsse sind bufaS e.V. (Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter) und BesD e.V. (Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen).
Ich möchte mich bei dem Beitrag zu meinem heutigen Fundstück ausdrücklich weder der Verklärung noch der Verdammung der Sexarbeit anschließen. Wenn eine volljährige Person aus freien Stücken diese Tätigkeit ausübt und es ihr im Idealfall gelingt, damit gewaltfrei, psychisch stabil und im Einvernehmen mit ihren Kund*innen Geld zu verdienen, sehe ich persönlich keinen Grund, dies zu verurteilen.
Doch nun zum heutigen Buchstabenfund. Begegnet bin ich dem auffälligen Arrangement Ende April bei einem Kurzurlaub in Trier, als ich nach der Rückkehr von einer Wanderung bei schönstem Frühsommerwetter die Straße passierte. Ausgerechnet die Karl-Marx-Straße, die den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt trägt – so lernte ich –, war in den 1970er- bis 1990er-Jahren als »Rotlichtviertel« zu bezeichnen, in der Shops, Kinos, Bars und Bordelle ihrer Kundschaft harrten. Heute ist durch Online-Angebote und eine verschärfte Gesetzgebung so gut wie nichts davon mehr übriggeblieben. Ein Relikt jener Zeit jedoch ist dieser Schriftzug an der Fassade des Gebäudes mit der Hausnummer 59.
Auch dieser Name gehört eindeutig in die Gruppe der romantisierenden Euphemismen, denn es handelte sich keineswegs nur um ein geselliges Lokal mit Getränkeausschank, sondern nachweislich um ein – inzwischen offenbar geschlossenes – Bordell. Auf der archivierten Website der Bar findet sich der Disclaimer »Bei den sich in der Einrichtung aufhaltenden Prostituierten handelt es sich um selbstständige Gewerbebetreiberinnen, die ihre Leistungen im eigenen Namen und auf eigene Rechnung bewerben und anbieten«; online verbliebene Werbetexte empfehlen den Betrieb als »gemütlichen Treffpunkt in Trier mit maritimem Flair und entspannter Atmosphäre« – eine Formulierung, die bei mir sofort Assoziationen an einen bekannten britischen Sketch weckte (»Monty Python’s Flying Circus« S01E02: »Nudge nudge, snap snap, grin grin, wink wink, say no more?«).
Die »maritime« Werbung und Benennung mag zunächst unpassend wirken; ich hätte sie eher Städten wie Bremen oder Hamburg zugeordnet. Ein Hauch von Hans Albers’ Rotlichthymne »Auf der Reeperbahn …« schwingt mit, es klingt nach Klischees von Meer, Möwen, Akkordeonmusik und im Wind flatternden Segeln. Doch tatsächlich gehörten wohl auch die männlichen Besatzungen der am Moselufer in Trier anlegenden Binnenschiffe zur Zielgruppe des Etablissements.
Die Schrift des vertikal angeordneten Parts HAFENMELODIE hat wenig Besonderes, sie ist sehr wahrscheinlich an fette Schnitte des Klassikers »Helvetica« oder ihrer engen Verwandten angelehnt, zumindest gilt das für alle Zeichen außer dem O. Dieses fällt definitiv aus dem Rahmen: es ist viel zu kreisrund und in der Strichstärke zu mager. Bei dem horizontal kreuzenden Wort BAR wirken der erste und letzte Buchstabe zudem nicht nur in der Höhe »gestreckt«, sondern die horizontalen Verbindungsstriche sind dort proportional zu den senkrechten deutlich schmaler als bei den Buchstaben der abwärts laufenden Zeile. Entweder sind diese beiden Glyphen aus Vorlagen professioneller Buchstaben stark modifiziert worden oder sie wurden komplett »selbstgemacht«, denn die Kurven und Innenräume »eiern« sichtbar.
Sind die Buchstaben (hier so gut wie möglich nachgezeichnet) »normal«, also horizontal auf einer Grundlinie angeordnet, fallen die Unstimmigkeiten bei Höhen und Strichstärken, deutlicher auf. Unten die beiden besonders »gebastelt« wirkenden Zeichen in der Vergrößerung.
Unten an der Fassade ist zwar nach wie vor ein vom mit Neonröhren besetzten Schriftzug ausgehendes Kabel zu sehen, ob die Installation nachts aber immer noch beleuchtet ist, kann ich nicht sagen. Sicher ist, dass die Bar unter diesem Namen seit mindestens März 2020 nicht mehr besteht, denn die letzte Newsmeldung auf deren früherer Website lautete »Hafenmelodie vorübergehend geschlossen«. Doch bereits drei Jahre zuvor änderten sich die gesetzlichen Bestimmungen für den Betrieb derartiger Einrichtungen deutlich. Mit dem bundesweit erlassenen Prostituiertenschutzgesetz mussten Bordellbetreiber seit 2017 wesentlich umfangreichere Vorschriften erfüllen. Demnach mussten behördliche Erlaubnisse und Zuverlässigkeitsprüfungen nachgewiesen sowie Hygiene- und Sicherheitskonzepte vorgelegt werden, zudem wurde neben Dokumentationspflichten auch eine Kondompflicht eingeführt. Im Juli 2020 berichtete die lokale Presse, dass die Stadt Trier etlichen städtischen Bordellen die Betriebserlaubnis entzog, weil sie die Auflagen nach dem neuen Gesetz nicht erfüllten. Der letzte archivierte Web-Snapshot der Domain hafenmelodie-trier.com stammt vom Juli 2021, danach wurde die Seite abgeschaltet und bis August 2024 eine Weiterleitung zu einer anderen nicht jugendfreien URL eingerichtet, deren Betreiber mit dem – wie ich finde – sehr deutsch klingenden Slogan »Hier verkehrst Du richtig« werben.
Doch dieser Spur werde ich nun definitiv nicht weiter folgen. 🤓 🔠 😅
Der Typo-Schnappschuss zwischendurch, eingefangen am Eppendorfer Baum nach einem Schlemmerbummel über den Hamburger Isemarkt.
Die einzigen optischen Wermutströpfchen sind das spürbar zu dicht am C platzierte S und das etwas schief hängende T bei SCHMIDT. Ich konnte nicht widerstehen, das mal schnell etwas zurechtzuschieben. Eigentlich gehört auch das I noch ein Ideechen nach rechts, aber ich habe hier ja schließlich auch noch den Haushalt … 😉
Auf der Website des traditionsreichen Fischgeschäfts (»seit 1929«) ist im Header eine an die Ladenbeschriftung angelehnte Nachzeichnung des Fassadenlogos zu sehen. Hier sind zwar die Buchstabenabstände in der Unterzeile harmonischer, aber dafür entfernt sich die Form des S merklich vor der Vorlage.
(Die auf der Website ins Logo integrierte Hummer-Illustration über dem I habe ich für diese Abbildung zur besseren Beurteilung weggelassen.)
Zuerst tippte ich bezüglich der SCHMIDT-Schriftart beim Website-Logo auf die Futura, aber die Formen von S und C sprechen dagegen. Eine Online-Schriftsuche ergab eine große Wahrscheinlichkeit für die Schrift »Filson Pro Heavy« (Olivier Gourvat, 2016). Hätte der oder die Gestalter/in sich stattdessen für die »Chronica Pro Bold« – interessanterweise vom selben Schriftgestalter (für Mostardesign, 2015) – entschieden, würde auch das breitere S besser mit dem Schriftzug außen am Laden übereinstimmen.
Aber von diesen kleinen Nerdpetitessen abgesehen ist das mal wieder ein hinreißendes Neonrelikt – und selbst die Fläche mit den abgeplatzten kleinen Hintergrundkacheln trägt durchaus ihren Reiz zur Gesamtkomposition bei, finde ich. 🤓 🔠 🐟
Weil der Montagsbeitrag diese Woche schon so ausführlich war, wird die Besprechung des typographischen Fundstücks am Freitag nun etwas kürzer ausfallen. Das liegt aber auch daran, dass es sehr schwierig war, zu dem Gebäude, an dem sich der Schriftzug befindet, historische Details ausfindig zu machen. Insbesondere zu der benannten Bäckerei erbrachte meine Recherche so gut wie nichts. Das tut der Schönheit dieser Inschrift aber keinen Abbruch.
Entstanden ist das Foto am Haus Fischmarkt 11 in Regensburg. Außer einem Eintrag in der Liste der Baudenkmäler des Bayr. Landesamtes ist die Faktenlage dünn. Es gibt keine alten Fotos, Ansichtskarten, Werbeanzeigen oder Informationstexte zur Gründung oder Geschäftsaufgabe der alten Bäckerei.
»Eckhaus, 16./17. Jh., (…) 1892 wurde das Haus um das 3. OG aufgestockt und mit einer neubarocken Fassadengliederung versehen, die sich im Stil an das östliche Nachbargebäude anzugleichen versucht, dabei aber wesentlich sparsamer ausfällt. Gleichzeitig mit dem Umbau 1892 dürfte der Ladenvorbau im EG entstanden sein, der vom 1. OG aus als Altane [balkonartiger Vorbau am oberen Geschoss eines Hauses] benutzt wurde.«
Quelle: Borgmeyer, Anke, Achim Hubel Andreas Tillmann u. a.: »Denkmäler in Bayern«, Bd. 3/37, Stadt Regensburg (1997).
Das Zitat wurde mir freundlicherweise zugespielt über ein Mitglied der öffentlichen Facebook-Gruppe »Regensburg in alten Bildern«, in der ich nach Details zu dem Gebäude gefragt hatte. Eine andere Userin hatte noch eine Anmerkung zum dortigen Gewerbebetrieb:
»Ca. 1952–1973 gab es diese Bäckerei. 1869–1873 war eine Schankwirtschaft mit dem Namen ›Zu den drei Königen‹ am Fischmarkt 11 beheimatet. Ich denke, der Name leitet sich davon ab.«
Sollte es stimmen, dass die Bäckerei erst 1953 eröffnete, ist die Formgebung der Schrift, die deutliche Einflüsse des Jugendstils erahnen lässt, um so interessanter. Vielleicht wollte man ja damit dem Stil des Hauses Rechnung tragen. Möglich ist aber auch, dass eine (weitere?) Bäckerei dieses Namens bereits viel früher eröffnet wurde.
Dass die Buchstaben individuell gezeichnet wurden, ist auch an den drei leicht unterschiedlichen Vorkommen des kleinen e ablesbar. Als nähere Verwandte der genutzten Schriftart mit ihrem originell das Bäckerhandwerk zitierenden, brezelförmigen B, würde ich die »Carola-Grotesk« sehen. Sie stammt vom Schriftgestalter Hermann Hoffmann und wurde bei der H. Berthold AG im Jahr 1896 veröffentlicht. Die Jahresangabe passt somit ziemlich gut zu den oben erwähnten Baumaßnahmen am Gebäude, die offenbar anlässlich der erstmaligen gewerblichen Nutzung vorgenommen wurden.
Der Schriftzug im Foto im Vergleich mit der »Carola-Grotesk«.
Vielleicht lesen ja hier auch Regensburger mit, die noch weitere Hinweise beisteuern können. Dann gerne her damit! 🤓 🔠 🥨
Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.
»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«
An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.
Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿
Auch bei der Ergründung der Geschichte des heutigen Fundstücks haben mir Digitalisate historischer Hamburger Adressbücher wieder gute Dienste geleistet. Fotografiert habe ich dieses edle Buchstabenrelief an der Fassade eines Hauses in Hamburg-Altona an der heutigen Adresse Bernstorffstraße 143.
Der ungewöhnliche und eher seltene Nachname des Firmeninhabers machte es vergleichsweise einfach, Informationen zu sammeln, obgleich eine herkömmliche Suchmaschinenanfrage nur sehr spärliche Fakten erbrachte. Zum Gebäude kam immerhin zutage, dass das lichtblaue Etagenhaus in den Jahren 1865/1866 erbaut wurde und in der »Liste der Kulturdenkmäler in Hamburg-Altona-Altstadt« aufgeführt wird.
Der Inhaber, August Bluthardt, wird in den alten Hamburger Adressbüchern bis einschließlich 1911 als angestellter Prokurist bei der Firma »Paulsen Bohde Nfg. [= Nachfolger], Eisenguss- und Tonwaren, Heizungsverkleidungen« geführt. Ab 1912 erscheint er dann in weiteren Registern namentlich als Einzelinhaber eines eigenen Unternehmens mit dem Geschäftsfeld »Öfen u. Herdlager-Dauerbrand-Öfen, Majolika [farbig glasierte Tonwaren, vgl. Wikipedia], weiße Schmalzkacheln, Herd- u. Wandplatten, sämtliche Ofenersatzteile, Baumaterial«. Bei den »Schmalzkacheln« scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln, denn diese Vokabel konnte ich im Feld des Ofenbaus nirgends antreffen, wohl aber tauchen »Schmelzkacheln« bei den textlichen Beschreibungen historischer Öfen in Museen auf. Ab 1921 findet sich dann in den Verzeichnissen die Firmierung »Aug. Bluthardt & Co. G. m. b. H«, die im Anschluss dann wohl in gekürzter Form, wie im Foto zu sehen, am Gebäude angebracht wurde.
Diese Zeitangabe deckt sich auch mit meiner Vermutung, wo die Ursprünge der für die Beschriftung genutzten Schriftart liegen könnten. Eine der Schriften, die sich überraschend gut mit den weißen dreidimensionalen Lettern in Deckung bringen ließ, ist die »Gotham« von Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan, entstanden 2000–2002 für die Hoefler Type Foundry (HTF). Weltbekannt wurde die Schrift im Jahr 2007, als das Wahlkampfteam um Barack Obama sie zur Schriftart für seine Präsidentschaftskampagne erkor. Das ikonische »HOPE« Poster mit dieser Schriftart kennt wohl noch fast jede*r. Die Ursprünge einer ganzen Gruppe alter Schriftzüge, welche die Schriftdesigner zu dieser modern anmutenden Grotesk-Familie inspirierten, sind jedoch fast 100 Jahre früher zu suchen. Auf der Website Jonathan Hoeflers findet sich dazu unter der Überschrift »The History of the Gotham Typeface« ein ausführlicher, sehr lesenswerter Artikel.
»Gotham was inspired by a style of bold capital letters that evolved outside the typographic tradition in the early twentieth century, common to lithographed posters, enamel signs, and commercial facades throughout New York City.«
Ich habe den Text des Schriftzuges aus dem Foto einmal in der »Gotham Bold« nachgesetzt und farbig markiert, wo ich nachträglich grafisch noch etwas »umbauen« musste, damit die Zeichen ungefähr in Deckung kommen. Die einzige Glyphe, die komplett andersartig ausfällt, ist das »&«-Zeichen. Dessen leicht ausgezogene Ecken in dem fotografierten Relief, die deutlich anders anmuten als die Buchstaben mit ihrer nüchternen Linienführung, lassen jedoch ohnehin vermuten, dass dieses Zeichen bereits zur Zeit der Anbringung der Beschriftung aus dem Repertoire einer separaten Schriftart hinzugefügt wurde.
Nur die farbigen Elemente in diesem Bild mussten »zurechtgebastelt« werden bzw. stimmten beim Zeichensatz der Schriftart »Gotham« nicht mit der Fassadenbeschriftung überein.
Wie ging es dann weiter mit dem Ofengeschäft August Bluthardts? 1929 taucht ein neuer Inhaber der Ofenhandlung in den Adressbüchern auf – ein gewisser Carl Mollwitz führt nun die Geschäfte. Zwischen 1943 und 1950 wurde die Adresse der Niederlassung geändert – ohne dass ein Umzug erfolgte. Zur Zeit der Gründung hieß die Straße noch »Adolphstraße« (oft auch »Adolfstraße«). Ab 1950 wird das Unternehmen dann in den Branchenbüchern unter dem neuen Straßennamen »Bernstorffstraße« gelistet, obwohl die Umbenennung laut einigen Quellen bereits einige Jahre früher stattfand:
»Bereits in der NS-Zeit wurde die Bernstorffstraße als neuer Straßenname (alter Straßenname: Adolfstraße, benannt 1857 nach Hans Adolph Wieck, Bauunternehmer, (…) in der Liste ›Umbenannte Straßen‹ aufgeführt. Die Liste wurde im Hamburger Adressbuch von 1943 veröffentlicht und listet alle in der NS-Zeit umbenannten Straßen auf, auch diejenigen, bei denen die konkrete Umbenennung noch nicht vollzogen wurde.«
Als Namensgeber der umgetauften Straße werden in derselben Quelle die dänischen Staatsminister Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff (1712–1772) und Andreas Peter Graf von Bernstorff (1735–1797) genannt.
Nach 1957 übernimmt dann laut der Brancheneinträge eine »Frau L. Mollwitz« die Leitung, vermutlich die Ehefrau des Inhabers. Dessen Name taucht jedoch bis 1968 weiterhin als Mitarbeiter auf. 1974 gibt es erneut einen innerfamiliären Wechsel: Der neue Name des Inhabers lautet jetzt Georg Mollwitz. Es ist plausibel, anzunehmen, dass der Staffelstab der Firmenleitung an die jüngere Generation weitergereicht wurde, aber eindeutige Informationen dazu fand ich nicht, insofern könnte es eventuell auch ein Bruder oder sonstiger Verwandter sein.
Im »Wirtschafts- u. Firmenhandbuch Hamburg + Schleswig-Holstein Ausgabe Großraum Hamburg 1976/77« erscheint der Eintrag des Unternehmens zum letzten Mal. Ich vermute, dass der Einzug moderner Zentralheizungen und platzsparender elektrischer Küchenherde den Traditionsbetrieb vom Markt verdrängt hat. Was blieb, ist dieser kunstvoll gefertigte Schriftzug an einem alten Haus in Hamburg Altona. 🤓 🔠 🏠
Original-Bildquelle: Hamburger Adressbücher Digital | Public Domain. Die mutmaßliche Farbigkeit habe ich anhand gleichartiger antiquarisch erhältlicher Bände aus den 1970er-Jahren rekonstruiert.
Ein Typo-Schnappschuss am Mittwoch, eingefangen in der Stralsunder Frankenstraße. Links und rechts neben dem Eingang des denkmalgeschützten historischen Altstadthauses befinden sich diese beiden Werbetafeln für eine einst hier ansässige Kohlenhandlung.
Wie schon oft hier im Blog, lassen die Schriftformen auf eine Entstehung der Tafel Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts schließen. Obwohl es auch viele Abweichungen im Detail gibt, wie etwa die oben abgeschrägten Senkrechten bei d, h und l oder die Form des a, weisen die Gesamtanmutung und die prägnanten spitzwinkligen Bögen – insbesondere bei P, u und n – große Ähnlichkeit mit der Schrift »Ronaldson Gothic« auf (American Type Founders, 1892). Diese Schrift ist auch unter den Namen »Mediaeval-Grotesk« (in Schriftmusterbüchern der Gießereien Stempel sowie Ludwig & Mayer) und »Mediaeval-Steinschrift« (bei Schelter & Giesecke) zu finden. Ihre Urheberschaft im Jahr 1889 wird William W. Jackson zugeschrieben.
Schriftprobe mit Wörtern von dem Firmenschild in der Schriftart »Ronaldson Gothic«.
Eine kostenfrei nutzbare, digitalisierte Version der Schrift steht auf der Website des autodidaktischen Schriftgestalters Peter Wiegel zum Download zur Verfügung. 🤓 🔠 🪵
Während meines Kurzurlaub über Pfingsten erledigte ich zwischendurch einige Besorgungen im Donau-Einkaufszentrum (DEZ) im Regensburger Stadtteil Weichs. Um mich auf der Etage zurechtzufinden, blieb ich kurz vor der Filiale eines großen deutschen Modehändlers stehen und schaute mich um. Und wieder einmal blieb mein Auge instinktiv an einer typographischen Unstimmigkeit hängen, wenige Sekundenbruchteile, bevor mein Kopf erfasst hatte, was genau das störende Detail war. Wem fällt es auf?
Um das Rätseln nicht zu spoilern, habe ich unten einen Akkordeon-Block angelegt, in dem ich den amüsanten Lapsus verrate. Wie so oft, bin ich bei der Recherche zum Logo des Unternehmens mal wieder in ein »Rabbit Hole« gefallen und habe etliche interessante und kuriose Dinge über die Historie von Peek & Cloppenburg und das Erscheinungsbild der Marke gelernt, die ich als Bonusmaterial dazugepackt habe.
Viel Spaß! 🤓 🔠 🤔 💭
Auflösung
Die Beschriftung mit den drei farbig markierten Vorkommen des »Installationsfehlers«.
Wie schon mehrfach hier im Blog passierte bei der Anbringung der Innenräume (Punzen) der Buchstaben der Fehler, dass diese nicht korrekt platziert wurden. Bei einem Schriftzug, der als Negativform – hier mit milchig-weißem Plexiglas und von hinten beleuchtet – angefertigt wird, liegen alle Punzen in Form kleiner Einzelteile vor, die an der korrekten Stelle (und mit der richtigen Orientierung!) platziert werden müssen. In diesem Fall haben die Handwerker*innen bei allen drei e die kleinen Innenräume versehentlich um 90° im Uhrzeigersinn gedreht aufgeklebt.
Elf Punzen kommen im Schriftzug des Unternehmenslogos vor – elf Gelegenheiten, einen Fehler zu machen …
Bei meiner Bildersuche zu den Filialen des Unternehmens kamen tatsächlich noch einige weitere solcher Unfälle zutage. Auf Fotos der Filiale in der Stuttgarter Königstraße z.B. steht die Punze im P etwas nach links versetzt. Bei vielen (jüngeren?) Filialen besteht die Ladenbeschriftung auch aus dreidimensional gefertigten, beleuchtbaren Einzelbuchstaben, bei denen solche Installationsfehler nicht mehr unterlaufen können. Auf einen weiteren Fall bei einem anderen, parallel genutzten P&C-Markenzeichen komme ich später noch zu sprechen.
Neu war für mich die Erkenntnis, dass Peek & Cloppenburg – ähnlich wie ALDI Nord und ALDI Süd – schon lange (seit 1911!) aus zwei unabhängigen Einzelunternehmen, ansässig in Hamburg und Düsseldorf, besteht. Anders als bei der offenbar friedlichen Koexistenz der beiden Discounterketten scheint es hier jedoch hinter den Kulissen bisweilen zu Konflikten zu kommen, denn sie liefern sich Online-Quellen zufolge immer wieder juristische Auseinandersetzungen um Markenrechte, ihre parallelen Online-Auftritte, die Grenzen ihrer Werberegionen oder Vertriebsgebiete.
»Seit über 100 Jahren existieren unter dem Namen Peek & Cloppenburg zwei Modeunternehmen. Die P&Cs sind sich in herzlicher Abneigung verbunden und streiten sich im Zweifel auch vor Gericht.«
Zum Düsseldorfer Konzern gehört unter anderem zudem auch die ANSON’S Herrenhaus GmbH & Co. KG, die auf ihrer Website eine ausführliche Chronik der Unternehmensgeschichte bereithält:
»1869 von den Kaufleuten Johann Theodor Peek und Heinrich Cloppenburg in Rotterdam gegründet, eröffnete Peek & Cloppenburg 1901 seine ersten deutschen Verkaufshäuser in Berlin und Düsseldorf. Durch die Gründung einer zweiten Gesellschaft entstanden 1911 zwei unabhängige Unternehmen mit ihren Hauptsitzen in Düsseldorf und Hamburg.«
Warum sich beide Unternehmen, anders als die ALDI-Brüder, dazu entschlossen hatten, mit einem annähernd identischen Look auf dem Markt aufzutreten, ist mir nicht bekannt. Auch nach tieferer Beschäftigung mit dem Thema war ich nicht in der Lage, das Gesamtbild zu 100% schlüssig für mein Verständnis aufzulösen.
Es gibt die Peek & Cloppenburg KG mit Sitz in Hamburg, deren Verkaufsgebiet sich auf den Norden Deutschlands konzentriert. Dazu gehören Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, dazu Westfalen (Münster), Ostwestfalen-Lippe (Bielefeld, Paderborn), Nordhessen (Kassel) sowie südliches Sachsen (Dresden, Chemnitz).
Die Peek & Cloppenburg B.V. & Co. KG mit Sitz in Düsseldorf ist aktiv in Nordrhein-Westfalen (außer Ostwestfalen-Lippe), Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Mittel- und Südhessen, Baden-Württemberg, Bayern, Thüringen, Berlin, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und im nördlichen Sachsen (Leipzig).
Peek & Cloppenburg Düsseldorf ist laut WirtschaftsWoche das größere der beiden Unternehmen.
Im März 2023 beantragte Peek & Cloppenburg Düsseldorf ein Schutzschirmverfahren, kurz darauf folgte die Insolvenz in Eigenverwaltung. Anfang Oktober 2023 konnte das Insolvenzverfahren erfolgreich abgeschlossen werden. P&C Nord mit Sitz in Hamburg war von dem Verfahren nicht betroffen.
Auf der Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei Ladenbeschriftungen und Firmenlogos stieß ich auf feine Unterschiede beim Design des »Peek & Cloppenburg«-Schriftzuges, die ich nicht alle verlässlich den einzelnen Gesellschaften zuordnen konnte, wohl aber mit einiger Sicherheit bestimmten Zeitfenstern. Alle unten gezeigten Beispiele liegen im Zeitraum nach der Aufspaltung in zwei getrennte Unternehmen.
Ich konnte leider nicht eindeutig identifizieren, ob die Wortmarken auf Basis kommerzieller Schriftarten gestaltet wurden. Es gibt zwar deutliche Ähnlichkeiten zu einigen klassischen schmalfetten Schriftarten wie z.B. »Impact« (Geoffrey Lee für Monotype, 1965) oder »Compacta« (Fred Lambert für Letraset, 1963), aber 100% identisch mit dem Logo war keine, die ich fand. Erneut findet sich in vielen Varianten des Schriftzuges ein »K mit Knick«, wie bereits in der Kräutergeist-Wortmarke des Beitrags vom vergangenen Montag. Es ist gut möglich, dass dieses besondere k jenes typographische Merkmal ist, welches seit jeher die Logos des Düsseldorfer Unternehmens von denen aus Hamburg unterscheidet, denn wie man sieht, kommt in den beiden oben gezeigten Beispielen aus Norddeutschland ein »normales« k zum Einsatz. Aber das ist nur eine Vermutung.
Im November 2022 wurde u.a. in einem Artikel der Werbe-Fachpresse angekündigt, dass P&C Düsseldorf einen umfassenden Marken-Relaunch plane, der bis 2026 abgeschlossen sein sollte. Dazu gehörte auch die Neugestaltung der Wortmarke (s.o. im Bild) und des parallel genutzten »P-und-C«-Emblems. Beauftragt mit der Entwicklung wurde das Berliner Büro der britischen Designagentur Pentagram. Auf einer eigenen Projektseite wird über den Case berichtet. Anders als zuvor, soll das lange Zeit klein und eher unauffällig gesetzte »Ampersand«-Zeichen (&) künftig »als Symbol für ›Togetherness‹« nun eine deutlich sichtbare Hauptrolle in dem neuen Markenauftritt spielen.
Das eben erwähnte P-und-C-Emblem führt uns abschließend noch zu einem filigranen Kuriosum, das mir ebenfalls bei meinen Recherchen auffiel. Das Emblem kommt seit jeher in einem »Marken-Asset« in Form eines links rot, rechts blau gefärbten Wappenschildes vor, mit dem weißen Firmenkürzel darauf. Oft sieht man es als Branding-Element an den Gebäuden oder als Türgriffe an den Eingängen der Ladengeschäfte. Auch hier existieren zwei separate Varianten für Düsseldorf und Hamburg. In der Düsseldorfer Variante steht statt des Ampersand ein U für »und«, die Hamburger hingegen nutzen das »&« (Quelle: Wikipedia Englisch).
»Vor genau 100 Jahren, im Jahr 1926, entstand das unverwechselbare blau-rote P&C Wappen.«
Links eine der in Umlauf befindlichen Fassungen des Düsseldorfer Wappens, rechts eine für Hamburg geläufige.
Die im Netz anzutreffenden Blautöne bei beiden Emblemen variieren zwischen hellem Kobaltblau, kräftigem Ultramarin und dunklem Nachtblau, daher sind die Farben meiner Beispielabbildungen nicht verbindlich. Aber auch innerhalb dieser beiden Wappen-Umsetzungen ist die Vielfalt der online kursierenden Variationen groß: Man findet z.B. bei dem Düsseldorfer Emblem an einzelnen Filialen 3D-Objekte mit fetterem U (Troisdorf), mit breiterem U (Hilden) oder mit abgeschrägten Ecken unten am U-Bogen (ohne Ortsangabe).
Bei der Recherche zu dem Hamburger Emblem fielen mir – neben unterschiedlichen Schriftarten für das »&« – in einer weit verbreiteten Fassung wiederum minimal verrutschte Punzen auf, allerdings lediglich bei der zweidimensionalen Umsetzung für Print- und Online-Medien. In dreidimensionalen Objekten an Gebäuden wirkt das Ampersand harmonisch.
Links die im Netz verbreitete Version des Emblems mit ganz leicht nach links verrutschten Punzen im »&«-Zeichen, rechts eine von mir korrigierte Fassung.
Und als ob das nicht genug der feinen Unterschiede wäre, kursieren auch noch Umsetzungen, die sich an der Grenze zwischen den beiden Hintergrund-Farbflächen unterscheiden. Hier zwei (qualitativ nachbearbeitete) Fotos davon, die ich kürzlich an ein und derselben Filiale in der Stralsunder Fußgängerzone – die somit unter Zuständigkeit der Hamburger P&C-Gesellschaft steht – gemacht habe.
Links wieder die bereits oben gezeigte »Print«-Variante mit den leicht nach links versetzten Ampersand-Punzen, die beide komplett rot gefüllt sind. Rechts am Türgriff sind die Innenräume zwar optisch ausgewogen platziert, aber nur links rot, rechts zum Teil blau gefüllt – die Grenze zwischen den beiden Farbflächen läuft also sichtbar hindurch. Außerdem ist das Ampersand hier breiter als links.
Die erstaunlichste Erkenntnis meiner Recherchen war für mich auf jeden Fall, dass ich trotz aller sowohl augenfälligen wie homöopathischen Unterschiede beim Außenauftritt der beiden Unternehmen jahrzehntelang überhaupt nicht gewusst bzw. bemerkt habe, dass es sich um zwei getrennte Firmen handelt. Ich hatte zwar hier und da leichte Inkonsistenzen wahrgenommen, aber hielt diese immer nur für Relikte der Marken-Evolution oder die üblichen Unschärfen, Freiheiten und Nachlässigkeiten bei der Umsetzung des Corporate Designs in Unternehmen mit sehr vielen daran beteiligten Mitarbeiter*innen.
Mein Fazit: Einerseits ist es bemerkenswert, dass zwei »rivalisierende« Unternehmen mit demselben Ursprung so lange – und offenbar bewusst – mit einem so gleichartigen Aussehen auf dem B2C-Markt agieren, ganz anders als z.B. die ebenfalls zerstrittenen Gründer und Brüder Adolf und Rudolf Dassler mit ihren Firmen Adidas und Puma. Andererseits ist das ja vielleicht auch ein Denkanstoß dazu, dass Gemeinsamkeiten oft viel nachhaltiger (auf Kunden) wirken können als Unterschiede. 🤓 🔠 👖 👗
Das typographische Fundstück kommt heute aus Hamburg und befindet sich an der Adresse Beim Grünen Jäger 11. Fotografiert habe ich es, weil ich die Schriftwahl und die Farbigkeit der Beschriftungen in Verbindung mit der typischen dunkelroten Hamburger Klinkermauer als ausgesprochen passend für eine Autogarage empfand. Im Moment der Entdeckung war für mich nicht ersichtlich, ob es sich um eine reine Parkgarage oder eine Kfz-Werkstatt handelt, und auch, ob das beworbene Unternehmen noch tätig ist, konnte ich nicht erkennen. Links und rechts des vergitterten Rolltores befinden sich eine Galerie und kleine Kioske bzw. Imbisse. Ansonsten gibt es keine Hinweise auf einen Gewerbebetrieb. Der letzte Hinweis auf eine Aktivität in dem Gebäude war die Ankündigung eines »Weihnachts-ART-Marktes« im Dezember 2023, veranstaltet von der benachbarten Galerie.
Das zweigeschossige Ziegelgebäude scheint in der Übergangszeit zwischen der Fortbewegung mit Pferdefuhrwerken und der automobilen Ära entstanden zu sein, so ist es zumindest in einem schon etwas älteren Zeitungsartikel zu lesen:
»… am Schulterblatt 92 (…) auf einem weiteren großflächigen Wandgemälde ist der Neue Pferdemarkt zu sehen: Fuhrwerke auf dem ovalen Platz, im Hintergrund flanieren einige Menschen – das Bild erinnert an die Jahrhundertwende.
Entstanden sind die Wandmalereien jedoch frühestens Ende der 20er Jahre. Denn am Pferdemarkt existiert schon die ›Shell Garage Sauerberg‹, auch wenn kein einziges Auto die Idylle mit Pferd trübt. Diese erste Hochgarage Deutschlands wurde Ende der 20er Jahre eröffnet, ihre Bauzeichnungen datieren vom 11. April 1926. Heute steht der Klinkerbau (…) unter Denkmalschutz.«
Auch auf die gelbe und rote Farbgebung der Schriftzüge an dem Gebäude könnte der in dem Artikel genannte Name »Shell Garage Sauerberg« ein Hinweis sein, denn sie entspricht den Unternehmensfarben des weltbekannten, 1907 als »Royal Dutch Shell Group« gegründeten Mineralölkonzerns und ohne eine offizielle Lizenz oder Partnerschaft hätte er dessen Namen wohl kaum für seinen Betrieb nutzen dürfen.
Diese Kooperation könnte auch einen Bezug zu den rechteckig-abgerundeten Formen der Buchstaben in beiden Schriftzügen haben. Im Jahr 1971 ließ Shell sein Logo vom US-amerikanischen Designer Raymond Loewy neu gestalten und in diesem Zuge änderte auch die Wortmarke sowohl ihr Aussehen als auch ihre Platzierung im Logo. Bis dahin war der Firmenname SHELL zentriert innerhalb der stilisierten gelb-roten Kammmuschel platziert. Nach Loewys Überarbeitung war er unterhalb der neuen, minimalistischen Bildmarke angesiedelt. Auch die Schriftart änderte sich: Statt der zuvor genutzten serifenlosen Linear-Antiqua, die an die »Gill Sans Condensed Bold« (Eric Gill, um 1928) erinnert, wurden die Buchstaben technischer, mit rechteckigen Proportionen und abgerundeten Ecken – nicht unähnlich den Lettern an der Hamburger Hochgarage.
Bei der Bestimmung des oberen Schriftzugs »GARAGE« wurde ich zunächst in die Irre geführt, denn ich hielt die Schriftart auf Anhieb ganz klar entweder für die »Eurostile Extended Bold« (1962) oder ihre ausschließlich großbuchstabige Vorgängerin »Microgramma« (1952), beide entworfen von den Schriftgestaltern Alessandro Butti und Aldo Novarese. Doch der zusätzliche senkrechte Abstrich am G und das im Vergleich zu schmale A der Neonbuchstaben widersprachen dieser Vermutung. Ich konnte tatsächlich keine Schrift ausfindig machen, die exakt den Buchstabenformen an der Fassade gleicht.
Auch die untere Beschriftung »SAUERBERG« scheint eigens für den Garagenbetrieb gestaltet worden zu sein. Insbesondere A, R und G weisen sehr individuelle Details auf, die sich mit keiner mir bekannten kommerziellen Schrift in Deckung bringen ließen. Die weißen Flecken im Foto, links und rechts des Leuchtkastens (vielleicht Mörtel, Heißkleber o.ä.?), die in etwa dieselbe Breite wie die Neonschrift auf dem Dach andeuten, lassen vermuten, dass anstelle der heutigen dort früher eine andere werbetechnische Installation angebracht war. Aber auch hier ließen sich leider keine historischen Fotos finden, die diese Vermutung bestätigen. Auch die »wiederentdeckten Wandgemälde« aus dem oben zitierten taz-Artikel, welche die Garage in früherem Zustand zeigen sollen, sind online leider nirgends auffindbar.
Und so bleibt auch diesmal nur die Gewissheit, dass das Baudenkmal mit der offiziellen Identifikationsnummer 12752 unter der Bezeichnung »Großgarage am Neuen Pferdemarkt, Typ: Garage; Parkhaus; Tankstelle; Werkstatt« weiterhin an seinem angestammten Platz erhalten bleiben wird – und das hoffentlich mitsamt der interessanten Beschriftung. 🤓 🔠 🚗 🔧
Als ich über Pfingsten in Regensburg war, fand wie oft, gerade auf der Festwiese die »Dult« statt. Anderswo heißt es Kirmes, Rummel, Jahrmarkt, Kirchweih oder Volksfest – eine Mischung aus Wochenmarkt und Vergnügungspark, mit Festzelten, Fahrgeschäften, Schlemmerbuden und Marktständen.
»Das Wort Dult stammt aus dem Gotischen und bedeutet so viel wie ›ausgelassenes Fest‹. Ursprünglich bezeichnete es ein Kirchenfest, das zu Ehren eines Heiligen gefeiert wurde. In Regensburg richteten sich die Marktzeiten nach den Wallfahrten zu den Gräbern der Heiligen Erhard und Emmeram sowie nach Kirchweihfesten. Rund um diese Feiern entstanden Marktstände, an denen Waren aller Art angeboten wurden. (…) 1389 erhielt Stadtamhof vom bayerischen Herzog das Privileg, einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte abzuhalten. Diese Genehmigung war eine Wiederaufbauhilfe nach den schweren Zerstörungen des Städtekriegs. Damit war der Grundstein für die Tradition gelegt, die bis heute Bestand hat. (…) Um 1800 hatten sich zwei feste Dult-Termine im Frühjahr und Herbst etabliert.«
Ich nutzte die Gelegenheit und schlenderte eine Stunde lang über den Festplatz. Seit jeher sind die oft selbst beschrifteten und bemalten Stände und Fahrgeschäfte für mich auch eine Fundgrube für kreative und ausgefallene Typographie. Für heute habe ich aus Regensburg einen dynamischen Schriftzug an einem Süßwarenstand ausgewählt.
Zur besseren Ansicht hier noch einmal mit gedämpftem Hintergrund:
Gewiss, der Schritzug ist nicht wirklich ausgewogen – die Strichstärken, Innenräume und Neigungswinkel der Buchstaben tanzen teilweise deutlich aus der Reihe. Aber ich mochte die zackige, leicht nostalgische Anmutung und den Namen, der sich davon ableitet, dass sich der Stand in Form einer Dampflokomotive präsentiert. Irgendwie musste ich bei dem Gesamtbild an die Donald-Duck-Comicgeschichten aus den »Lustigen Taschenbüchern« denken.
Und wer weiß, bestimmt gibt es ja auch in Entenhausen eine Dult … 🤓 🔠 🎡 🍭