verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Aushängeschilder (Seite 1 von 13)

Ladenbeschriftung, Schaufenster, Fassadenwerbung, Leuchtreklame, Werbetechnik – hier findet sich alles, was Gewerbetreibende rund um Gebäude oder Ort ihres eigenen Betriebs an (potenzielle) Kunden richten.

16.10.2026

Noch einmal Potsdam. Das fotografierte typographische Fundstück besteht heute aus zwei gerahmten Kassetten an der Fassade eines Hauses in der Heinrich-Mann-Allee 23. Vor 1950 hatte die Straße einen anderen Namen und eine leicht abweichende Nummerierung, damals lautete die Adresse Saarmunder Str. 21 a.

Die beiden Inschriften auf den Flächen sind durch Verwitterung und Abblätterungen leider arg ramponiert und ein dahinter aufgetragener, älterer Schriftzug beginnt ebenfalls durchzuscheinen. Trotzdem möchte ich heute versuchen, dieses Relikt wieder lesbar zu machen und zu rekonstruieren.

Relativ gut erkennbar sind noch Fragmente des Namens und der Art des Betriebes. Der Inhaber hieß offenbar »Robert Rie…« und übte hier einst eine »Steinmetz…«-Tätigkeit aus. Ich habe im Netz nach weiteren Fotos des Hauses gesucht und wurde in der Tat fündig, wenngleich die weiteren Fotos nur aus Bildausschnitten bzw. stark verpixelten Bilddateien bestehen. In dem schlecht aufgelösten Titelbild eines Beitrags vom April 2011 im Tagesspiegel über eine angekündigte Sanierung des Gebäudes und dessen Umgestaltung zu einem Wohnprojekt ist in der Tat die komplette Beschriftung zu lesen: »Robert Riese. Steinmetz-Geschäft.« – die Punkte hinter den beiden Texten gehören tatsächlich dazu. Dass Herr Riese seine Werkstatt an dieser Adresse eröffnete, kam gewiss nicht von ungefähr, denn an der Heinrich-Mann-Allee 25 liegt direkt nebenan der 1867 eröffnete »Neue Friedhof«, geschaffen nach Plänen des berühmten preußischen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné. Ein Stück weiter, an der Hausnummer 106 derselben Straße, befindet sich der »Alte Friedhof« von 1736. Riese konnte seine prospektiven Kunden somit direkt in der Nachbarschaft akquirieren.

Die geisterhaft dahinter erkennbare Version benennt auf der ersten Tafel denselben Inhaber, auf der zweiten lese ich in zwei Zeilen »Ste[inme]tz Wer[kstatt]«. Der Betrieb scheint also dort eine längere Zeit tätig gewesen zu sein, zumindest lange genug, um sein Aushängeschild mindestens einmal erneuert zu haben. Anhand meines Fotos der linken Tafel habe ich einige noch einigermaßen gut erkennbare Buchstaben grob nachgezeichnet.

In historischen Adressbüchern der Stadt Potsdam taucht Herr Riese mit seiner Werkstatt – ausschließlich in Form textlicher Kurz-Einträge – erstmals im Jahr 1885 auf. Bis 1928 firmiert er unter »Riese, Robert, Steinmetzmeister«, 1930 lautet der Eintrag »Riese, Martha, Witwe« und 1934 wechselt er zu »Riese, Berta, Steinmetzgeschäft«. Wie schon öfter hier im Blog erzählen diese Einträge in kürzestmöglicher Form von dahinterstehenden familiären Schicksalsschlägen, Herausforderungen bei der Fortführung des Unternehmens und den damit verbundenen Nachfolgeregelungen bei der Geschäftsführung.

Zur Bestimmung bzw. Einordnung der Schriftart habe ich sowohl meine beiden eigenen Fotos herangezogen als auch das Titelbild einer Facebook-Gruppe zu dem zuvor bereits genannten Wohnprojekt namens »23 Riesen«.

»Der Verein 23 Riesen e.V. ist eine undogmatische, bunt gemischte Gruppe von alten und jungen Menschen, die in Potsdam ihren Traum vom bezahlbaren Wohnen in Gemeinschaft und im Einklang mit der Natur verwirklichen. Neben den beiden Wohngebäuden gehört zum Projekt ein großer Garten am Waldesrand.«

Quelle: martinswerk.de – »Projekte« | 23 Riesen e.V.

Zwar sind beide Tafeln eindeutig von Hand beschriftet worden, denn man kann noch schemenhafte Pinselstriche erkennen, aber der ausführende Schildermaler nahm sehr wahrscheinlich eine kommerziell vertriebene Schriftart vom Anfang des 20. Jahrhunderts als Vorlage. Es handelt sich um die »Behrens-Schrift«, entworfen im Jahr 1901 vom Designer und Typograf Peter Behrens (1868–1940). Behrens gilt u.a. als Erfinder der Idee des Corporate Design, die er seit 1907 in seiner Funktion als »Künstlerischer Beirat« für AEG umsetzen konnte, war 1915/1916, gemeinsam mit seiner Schülerin Anna Simons, beteiligt an der Gestaltung des Schriftzugs »DEM DEUTSCHEN VOLKE« am Berliner Reichstagsgebäude, gestaltete 1904 den amtlichen deutschen Katalog anlässlich der Weltausstellung in St. Louis/USA und entwarf auch mehrere Schriftarten. Die populäre Behrens-Schrift wurde zunächst von der Rudhard’schen Gießerei, später Gebr. Klingspor, vertrieben und fügt Elemente der Antiqua und der Fraktur zu einer eigenwilligen Jugendstil-Hybridschrift zusammen, die weiterhin den Schreibduktus eines Federkiels erahnen lässt.

Das digitalisierte Schriftmusterbuch der Rudhard’tschen Gießerei zur Behrens-Schrift beginnt mit einem ausführlichen Vorwort des Gestalters, in dem sich bereits Gedanken wiederfinden, die auf die Philosophie der 1919 gegründeten Bauhaus-Schule hindeuten:

»Es wird sich wohl heute kaum jemand mehr dem Eindruck verschließen können, daß auf allen Gebieten, die irgend eine Beziehung zu einer künstlerischen Fürsorge zulassen, sich neues Leben regt, daß alle Dinge unserer Umgebung, auch solche, die nur ganz äußeren Zwecken zu dienen scheinen, nach einer künstlerischen Berücksichtigung rufen. Wir haben das Verlangen, den überflüssigen Tand von uns weg zu tun und an seine Stelle das Praktische, Gediegene zu setzen, das seine Zweckmäßigkeit deutlich zur Schau trägt und seine Brauchbarkeit und Tüchtigkeit kennzeichnet.«

Quelle: »Behrens – Schrift und Zierat« (1902), Digitalisat der Universitätsbibliothk Heidelberg, S. 8

Und tatsächlich arbeitete Behrens wenige Jahre später mit einigen der bedeutendsten Wegbereiter des Bauhaus in seinem eigenen Berliner Architekturbüro zusammen.

»1907 zieht Behrens nach Berlin und eröffnet ein Architekturbüro, in dem alle bedeutenden Architekten der Moderne zusammen arbeiten: Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Im Oktober 1907 gründet er mit anderen Künstlern in München den Deutschen Werkbund. Anspruch ist es, eine ebenso standardisierte und sachliche wie ästhetische und qualitätvolle Formensprache für Industrieprodukte zu entwickeln.«

Quelle: visitberlin.de – »Architekten der Moderne«

Von der Behrens-Schrift existieren mehrere digitalisierte Fassungen unterschiedlicher Qualität und Formtreue, zum Beispiel von Solotype (Dan X, 2003), URW (Ralph Michael Unger, 2007), ingofonts (Ingo Zimmermann, 2008), Tipografos (Paulo Heitlinger, 2012) und als Freefont von Dieter Steffmann (2002).

Da der Schriftzug »Steinmetz-Geschäft« bei der Übermalung des ersten Schriftzuges in der rechten Fassadentafel statt in zwei Zeilen in einer untergebracht wurde, benötigte der Schildermaler eine passende, sehr eng laufende Schrift, mit welcher der Text auf dem begrenzten Platz unterzubringen war. Dafür scheint er selbst eine »Compressed«-Variante der Behrens-Schrift ausgearbeitet zu haben, denn die Formen der Buchstaben bleiben dem Original aus der linken Tafel sehr ähnlich, am besten zu erkennen ist das bei den Zeichen e, S/s und t.

Ich habe auf Basis der Behrens-Schrift und aller verfügbaren Fotos versucht, eine ungefähre Rekonstruktion der beiden Tafeln anzufertigen. Bei genauer Betrachtung der Fotos kann man außerdem erkennen, dass beide Schriftzüge mit etwas Abstand mit einer Art linearem Schatten in einem helleren Farb-/Grauton hinterlegt sind. Auch dieses dekorative Element floss in meinen Wiederherstellungsversuch ein.

Zur Zeit der Veröffentlichung der Behrens-Schrift wurden eine ganze Reihe ähnlicher Hybrid-Typen zwischen Fraktur und Antiqua, teils mit Elementen des Jugendstils, gestaltet. In dem Buch »Ausgewählte Druckschriften in Alphabeten« aus dem Jahre 1912 finden sich jedenfalls etliche Verwandte, unter anderem »Neudeutsch« (Otto Hupp, Genzsch & Heyse, 1900), »Augsburger Schrift« (Peter Schnorr, Berthold, 1901/1903), »Neugotisch« (Willi Wegener, Flinsch, 1903/1907), »Reichsdeutsch« (Wilhelm Gronau, 1904) und »Salzmannschrift« (Max Salzmann, Schelter & Giesecke, 1907).

Ich gehe daher davon aus, dass auch die neu gemalten Aushängeschilder der Steinmetzwerkstatt von Robert Riese etwa im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts angefertigt wurden. Und damals lag ihr Design mit Sicherheit voll im typographischen Trend. 🤓 🔠 ⚒️ 🪦

12.10.2026

Manchmal treffe ich auf meinen alltäglichen Wegen kurz nacheinander auf typographische Fundstücke, die zufällig in eine »Schublade« gehören. So auch bei einem Stadtausflug nach Berlin am letzten Wochenende. Beide geknipsten Ladenbeschriftungen in Charlottenburg bzw. Friedrichshain-Kreuzberg leiden offenbar gleichermaßen unter Ermüdungserscheinungen bei Schrauben oder Dübeln. Welche Schriftarten könnten es sein? Vielleicht »Downslide Black« (oben) und »Tumble Display« (unten)?

Nein, Spaß beiseite – es sind »Castle Ultra« (zugeschrieben Leslie Usherwood um 1968 oder Steve Jackaman/Linotype, 1975) und »Gecko« (Måns Grebäck, 2015). Die liegenden elliptischen Umlautpunkte oben beim Änderungsatelier sind in der Schriftart, welche auch als leicht abweichende Variante unter dem Namen »Salzburg« in Umlauf ist, tatsächlich so angelegt. Das S, fiel mir auf, wurde ca. 7° gegen den Uhrzeigersinn gedreht angebracht. Entweder war das von Anfang an so, oder es ist der Buchstabe, der als nächster abzurutschen droht. Und beim Dönerimbiss hoffen wir auf die dämpfende Wirkung der Markise, die hoffentlich verhindert, dass Passanten durch die Befestigungsschwäche bei o und K irgendwann Kopfschmerzen bekommen … 🤓 🔠 🔩 ⚠️

05.10.2026

Das aktuelle typographische Montagsbonbon zeigt aus meiner Sicht einmal mehr, dass eine eigenständiges, merkfähiges und originelle Wortmarke – also quasi ein »Schrift-Logo« – manchmal mit einfachsten Mitteln kreiert werden kann. Das Foto ist ein etwas verhuschter abendlicher Schnappschuss vom Schaufenster der Potsdamer Filiale der Wäscherei Luxenburger. Der Betrieb stammt offenbar aus Potsdam, besitzt seit 2019 eine zweite Filiale in Berlin und ist innerhalb Potsdams Anfang Juli in neue Geschäftsräume umgezogen, knapp 1 km Luftlinie vom früheren Standort entfernt. Wie auf der Website findet sich auch auf dem Fenster das Firmenlogo in Form selbstklebender Folienbuchstaben.

Mir fiel das humorvolle Spiel mit den Ä-Pünktchen im Vorbeigehen sofort auf und ich machte trotz der einsetzenden Abenddämmerung ein Foto. Der typographische Scherz beeinträchtigt in keinster Weise die Lesbarkeit, bleibt aber sofort im Kopf hängen. Es gibt übrigens tatsächlich Schriftzeichen für Vokale (A̤E̤O̤Ṳ), bei denen die doppelten Pünktchen (»Trema«) unter der Grundlinie stehen. Sie werden zur Verschriftlichung der chinesischen Sprache »Min Dong« genutzt und das Trema wird aus Platzgründen untergesetzt, damit über dem Buchstaben noch weitere diakritische Zeichen zur Markierung der Tonhöhe bzw. des Tonhöhenverlaufs bei der Aussprache platziert werden können. Wieder was gelernt!

Die Wahl der Schriftart für die Wortmarke ist keineswegs exotisch, obwohl einige der Buchstabenformen mit ihren zarten Kurven und Schwüngen dezente Besonderheiten aufweisen und sie dadurch meines Erachtens hochwertiger wirken lassen als wenn derselbe Schriftzug in inflätionär genutzten serifenlosen Schriftarten wie »Helvetica«, »Arial« oder »Calibri« gesetzt worden wäre. Und apropos »Calibri«: Tatsächlich ist die genutzte Schriftart auf fast jedem Rechner vorhanden. Es ist die »Candara«, die 2004 von Gary Munch für Microsoft-Betriebssysteme (seit Windows Vista) und MS-Office-Produkte entworfen wurde. Im Bundle mit den Schriften »Cambria«, »Calibri«, »Consolas«, »Constantia« und »Corbel« bildete sie die »ClearType Font Collection« aus sechs Schriftarten, die speziell für die Darstellung auf Displays mithilfe der von Microsoft entwickelten »ClearType«– Softwaretechnologie optimiert wurden. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Verfahren zur Glättung von Schriftkonturen, das die Lesbarkeit elektronisch dargestellter und somit mittels Pixeln gerenderter Texte verbessern sollte. Mit der Entwickung hochauflösender Flüssigkristallanzeigen wie Apples Retina-Displays verlor dieses Verfahren ab etwa 2012 jedoch wieder an Relevanz.

Eine kleine typographische Unartigkeit haben sich die Entwerfer*innen des Logos dennoch geleistet. Wie im Bild ersichtlich, ist die erste Zeile mit dem Wort »WÄSCHEREI« fetter gesetzt als die zweite mit dem Wort »LUXENBURGER«. Doch anstatt die fettere Zeile in dem verfügbaren Schnitt »Candara Bold« zu formatieren, wählte man den Weg, die Buchstaben mittels einer umlaufenden Kontur künstlich »anzufetten«, und zwar auf einen etwas schlankeren Fettegrad als den im Schriftmenü angebotenen. Im Bild unten habe ich die beiden Varianten einmal einander gegenübergestellt.

Dieses »Anfetten« von Schrift durch eine Kontur gilt aus ästhetischen Gründen als typographisch unsauber, da Buchstabenformen, die lediglich durch eine mathematische Verdickung der Umrisse entstehen, meist optisch unharmonisch wirken. Stattdessen werden die verschiedenen Schnitte entweder einzeln und mit typographischem Augenmaß gestaltet oder zwischen mehreren »Masterschnitten« mathematisch interpoliert. Bei sogenannten »Variable Fonts« kann eine solche Interpolation entlang einer oder mehrerer Designachsen erfolgen, etwa zwischen mageren und fetten oder zwischen schmalen und breiten Ausprägungen. Die dahinterliegende Technologie ist jedoch eine Wissenschaft für sich und soll hier und heute nicht weiter vertieft werden.

Ich verstehe aber die Motivation für diesen typographischen Lifehack zum Erzielen einer »halbfetten« Schrift, denn wie man ebenfalls im Bild sieht, funktioniert der Gag mit den tiefergelegten Ä-Pünktchen besser mit mehr Luft um die Punkte. In der unteren Variante mit der »Candara Bold« wirkt der Freiraum unter dem A mit zwei gerade noch angemessen fett dimensionierten Punkten eng und überfüllt, oben bei der künstlich auf »mittelfett« getrimmten Zeile hingegen ausgeglichener und luftiger. Da die Buchstaben allerdings durch die Ausweitung auch um die Dicke der Kontur höher werden, wäre es ratsam gewesen, die gesamte angefettete Zeile proportional auf die Versalhöhe der zweiten, unmodifizierten Zeile herunterzuskalieren, was jedoch nicht getan wurde – die Buchstabenhöhe in der ersten Zeile ist somit etwas größer als in der zweiten. Aber sowohl die Anfettung als auch der Größenunterschied fallen meines Erachtens so dezent aus, dass sie einem ungeübten Auge kaum auffallen dürften. Auffälliger sind da schon eher die nicht wirklich sorgsam ausbalancierten Buchstabenabstände zwischen W, A und S. Das W steht deutlich zu eng am A, das S hingegen einen Hauch zu weit davon entfernt.

Doch trotz aller Beanstandungen – über den originellen Einfall freute ich mich jedenfalls mehr als mich die typographischen Unreinheiten störten. 🤓 🔠 🧺 🫧

25.09.2026

Als ich vor wenigen Wochen in Kopenhagen war, führte mich mein Weg an einem der Tage in das kiezige Szeneviertel Nørrebro, das mich ein wenig an Belin-Kreuzberg erinnert. Auf der etwa anderthalb Kilometer langen Wegstrecke zwischen den Metrostationen Nørrebros Runddel und Nørrebro ließ ich natürlich sowohl an der Hauptstraße als auch in die kleinen Seitenstraßen hinein meinen Blick schweifen, um schöne neue typographische Fundstücke zu finden. Und in der Nebenstraße »Sorgenfrigade« entdeckte ich oberhalb eines Schaufensters dieses farbenfrohe alte Schild:

In den Geschäftsräumen an dieser Adresse befindet sich mittlerweile kein Geschäft mit »Möbel-Ausverkauf« mehr, sondern die Kopenhagener Niederlassung des 2018 gegründeten dänisch-guatemaltekischen Social-Business-Labels »Pura Utz«. Statt Sofas, Tischen und Stühlen zum Sonderpreis werden in dem Laden nun Perlentaschen, Modeschmuck und andere Accessoires angeboten, die im Auftrag der beiden Gründerinnen Bernabela Sapalú (🇬🇹) und Anna Waller Andrés (🇩🇰) von fair entlohnten Kunsthandwerker*innen in Guatemala gefertigt werden.

Das handgemalte Schild ist vom Zahn der Zeit mittlerweile ziemlich angenagt worden, aber die Farben wirken noch frisch und leuchtend. Die Schrift mit den kurzen Ober- und Unterlängen und der prägnanten x-Höhe entspricht keiner mir bekannten kommerziellen Type. Die auffälligsten Besonderheiten des Schriftzuges sind das weit gespreizte M, der Querstrich im ø, der nicht über die Zeichenkonturen hinausragt, das kleine b, dessen senkrechter Hauptstrich nicht auf der Grundlinie aufsetzt, sondern in der Rundung des Bauchs aufgeht, die extrem eng ausgestalteten oberen Bögen bei s und a sowie die gestutzte Unterlänge des g. Bei der Rekonstruktion der abgeblätterten Regionen der Buchstaben war das U die größte Herausforderung, denn durch den stark beschädigten Farbauftrag war seine ursprüngliche Form nicht mehr auf den ersten Blick identifizierbar. Entweder besaß es nur einen »normalen« einfachen unteren Bogen, oder aber – zwar eher selten vorkommend, aber möglich – einen zusätzlichen senkrechten Abstrich auf der rechten Seite, wie es z. B. beim »Alternates«-Schnitt der Schriftart »Montserrat« (Julieta Ulanovsky, Google Fonts, 2011) als alternative Zeichenform angelegt ist.

Zum Glück konnte ich im Netz jedoch noch ein weiteres Foto des Werbemotivs finden, bei dem die Verwitterung noch nicht so weit fortgeschritten war und somit war die korrekte Form des U geklärt. Auf diesem Foto aus dem Jahr 2022 ist außerdem erkennbar, dass zuvor in den Räumen ein Waschsalon betrieben wurde, denn auf den mit Packpapier verhängten Schaufenstern finden sich diesbezüglich noch aufgeklebte Angebotstexte.

Auf den ersten Blick leicht zu übersehen, aber beim Nachbauen um so offensichtlicher wurde das Detail, dass der orangerote 3D-Schatten hinter dem Schriftzug nicht konsequent den Formen der gelben Buchstaben folgt. Schaut man sich die Innenräume in den Schattenformen der Zeichen ø, b, e, d, a und g an, bemerkt man, dass diese teilweise deutlich kleiner ausfallen als bei den Buchstaben im Vordergrund – wohl etwas künstlerische Freiheit seitens des Schildermalers bzw. der Schildermalerin.

Zu dem früher dort präsenten Möbel-Outlet war in den Weiten des Internet kaum etwas zu finden – insbesondere keine weiteren älteren Fotos oder Werbeanzeigen. In digitalisierten historischen Telefonbüchern aus dem Bestand der Kopenhagener Bibliothek fand ich zu der Adresse immerhin textliche Einträge, die dafür sprechen, dass ein dort bereits ansässiger Möbeltischlermeister namens Carl Andersen sich 1934 mit einem Kollegen namens Axel Christian Lund zusammenschloss. Ab 1935 bis zum Jahr 1963 firmierte der Betrieb an dieser Adresse dann unter »Lund A Chr. Møbelhdl.«. 1964 wechselt der Firmenname für ein Jahr zu »Schiller Benny Møbelh.«, danach finden sich keine Einträge mehr für diese Branche.

Gehen wir also davon aus, dass das gemalte Motiv ein Überbleibsel der fast 30jährigen Geschäftstätigkeit der beiden Möbeltischler ist. Und für sein Alter von mindestens 63 Jahren sieht es eigentlich noch recht frisch aus. 🤓 🔠 🪑

14.09.2026

Auch in meinem gerade zuendegegangenen Sommerurlaub, der mich auf die schöne dänische Insel Fanø, nach Värmlands län in Südwestschweden und zum Schluss nach Kopenhagen führte, habe ich wieder einige Fundstücke fürs Blog gesammelt. Als Montagsbonbon habe ich aus dem frischen Fundus mal wieder ein besonderes Exemplar meines Lieblingsbuchstabens, dem kleinen g, ausgesucht, das mir beim Einkauf in der Nachbarschaft der Kopenhagener Unterkunft an der Fassade eines SPAR Supermarkts auffiel. Wie ich schon hin und wieder hier dokumentierte, haben die Dänen beim g definitiv eine Vorliebe für besondere, ungewöhnliche Formen.

Stünde es einzeln, außerhalb eines Textes, könnte man es von weitem für eine 8 halten, aber im Kontext der Wörter und Texte finde ich es problemlos lesbar. Aus der Nähe trägt dann das Fähnchen oben rechts ergänzend zur Erkennbarkeit des Buchstabens bei. Für mich verleiht dieses g der serifenlosen geometrischen Schriftart, die eindeutig an Klassiker wie Avant Garde Gothic, Futura oder Avenir angelehnt scheint, einen sympathischen, ja humorvollen Akzent.

Die verwendete Schriftart, die SPAR für seinen Außenauftritt – nicht nur bei der Ladenbeschriftung, sondern z.B. auch in der Angebotswerbung – nutzt, trägt den Namen »Wigrum« und wurde im Jahr 2011 von Anouk Pennel und Raphael Daudelin vom Designstudio Feed in Montréal entwickelt und 2013 von Production Type (Frankreich) als komplette Schriftfamilie veröffentlicht. Die Schrift entstand im Rahmen der Buchgestaltung für einen Roman gleichen Namens des kanadischen Autors Daniel Canty.

»Canty, a contemporary writer from Québec, writes … about a mysterious character who moves at the border between fiction and reality, between Second World War time and present time, between Eastern and Western Europe. In order to typeset the book, Studio Feed created Wigrum, a sans-serif with strong references to both geometrical sans of the thirties and to their current influence.«

Quelle: talonbooks.com / Bureau des affaires typographiques (B.A.T.)

Im Wigrum-Alphabet fallen bei näherer Betrachtung noch einige weitere dezente Besonderheiten auf, beispielsweise der hohe »Schwerpunkt« bei R und S, das »doppelte W« oder das ohne unteren Bogen endende, abgeschrägte j.

Die dänischen Filialen der Supermarktkette SPAR verwenden die Schrift offenbar noch nicht allzu lange für ihren Außenauftritt. Die Grundlage für den Beginn der strategischen und visuellen Neuausrichtung von SPAR im Jahr 2024 bildeten umfangreiche Kundenbefragungen. Aus den Ergebnissen der Marktforschung wurde eine neue Positionierung abgeleitet, die auch der Konkurrenz durch lokale Discounter entgegentreten sollte. Sie lautet »Hele Danmarks lokale supermarked – med danske varer til lave priser.« (»Der lokale Supermarkt für ganz Dänemark – mit dänischen Produkten zu günstigen Preisen.«)

Der erste SPAR-Markt im neuen Look – eine Filiale am Bahnhof Rødovre im Osten Kopenhagens – eröffnete am 23. November 2023. Der offizielle Rollout des aktualisierten Erscheinungsbildes wurde jedoch erst ein gutes Jahr später, ab dem Quartal 2024, schrittweise in den übrigen SPAR-Filialen eingeleitet – dem Jahr, in dem die Kette ihr 70-jähriges Jubiläum in Dänemark (und auf YouTube) feierte. Am 14. Januar 2025 verkündete das Unternehmen dann die Neuausrichtung auch auf LinkedIn, wiederum begleitet von einem Videoclip, der die neue Positionierung der Marke visualisiert.

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Verantwortlich für die Entwicklung und Umsetzung des neuen Markenauftritts (und vermutlich auch für die Wahl der neuen Schriftart) ist die dänische Kommunikations- und Markenagentur Mensch.

Nun sind Supermarktprospekte zwar ohnehin selten Paradebeispiele für Ästhetik und Design, doch seit der Umstellung sind die SPAR-Wochenwerbeblätter deutlich luftiger und aufgeräumter gestaltet. Auch der Wildwuchs bei der Schriftwahl wurde eingedämmt, denn zuvor wurden neben oder anstelle der bisherigen SPAR-Schriftart »Ronnia« (José Scaglione & Veronika Burian, Type Together, 2007) oft frei gewählte weitere Fonts eingesetzt. Und sowohl die generelle Farbgebung als auch die Formatierung der Angebotspreise wirken nun konsistenter.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir gefällt der neue Look. Er wirkt frisch, modern, ansprechend und – entgegen der offensiv beworbenen günstigen Preise – ganz und gar nicht billig. 🤓 🔠 🛒

Bonus-Link

Eine verwandte Form des kleinen g findet sich übrigens auch bei der serifenlosen geometrischen Schriftart »Mg12« der spanischen Independent-Foundry atipo. Hier sind die beiden geschlossenen Formen, aus denen der Buchstabe besteht, allerdings noch mit einem kurzen Steg verbunden. Falls Euch diese Schrift gefällt, kann der »Medium«-Schnitt im Tausch gegen einen Social-Media-Share kostenfrei heruntergeladen werden, und die komplette Familie wird sogar zum Tarif »pay what you want« (!) angeboten.

07.09.2026

Das typographische Bonbon am Montag fällt mal wieder in die Kategorie »Schriftschatten«. Das sind Fundstücke, bei denen nur noch Verwitterungsspuren, Farbreste, Aussparungen im Wandputz oder ähnliche Überbleibsel erahnen lassen, wie ein einst angebrachter Schriftzug einmal ausgesehen hat oder ausgesehen haben könnte. Es gab hier im Blog schon einige Beispiele dieser Art, etwa den Schatten der Beschriftung an einer einstigen Karstadt-Filiale.

Der Schriftschatten heute stammt aus der Fußgängerzone in Uelzen, wo ich kürzlich aufgrund eines unfreiwillig verlängerten Umsteigehaltes bei einer Zugfahrt etwas Zeit zum Herumstromern in der Innenstadt hatte.

Wahrscheinlich handelte es sich bei der früheren Installation um zwei be- oder hinterleuchtete Schriftzüge. Ich folgere dies daraus, dass die »Unterstreichung« der zweiten Zeile auf eine Kabelschiene hindeutet, welche die Leuchtelemente in den einzeln stehenden Buchstaben von unten mit Strom versorgte. In der ersten Zeile sind die Schreibschrift-Buchstaben auch ohne eine solche Schiene miteinander verbunden, sodass die Verkabelung ohne ein zusätzliches Verbindungselement möglich war.

Wie lange es her ist, dass die Beschriftung abgenommen wurde, konnte ich nicht ermitteln, da ich online keine Fotos des Gebäudes auffand, auf denen sie noch vorhanden war. Auch auf einem Foto bei Google Maps vom April 2022 ist sie bereits demontiert. In einer alten Broschüre »Dein Bundesgrenzschutz-Standort UELZEN« aus dem Jahr 1968 hatte der Versicherungsmakler jedoch bereits sein Büro an dieser Adresse eröffnet, denn er wirbt mit einem Inserat in dem Heft für seine Dienste. Vielleicht befand sich auch damals schon seine Leuchtreklame an dem Gebäude – der Stil der Schreibschrift jedenfalls würde aus meiner Sicht gut in die Zeit der späten 1950er- bis frühen 1970er-Jahre passen.

Der Namensschriftzug an der Fassade ist sehr wahrscheinlich ein individueller Entwurf. Die Buchstaben in der zweiten Zeile erwecken zwar auf den ersten Blick den Eindruck, aus einer kommerziellen Schriftart gesetzt zu sein, aber es gibt einige Ungereimtheiten. So wirken etwa H, U und N im Vergleich zu den restlichen Zeichen viel zu schmal. Ungewöhnlich ist auch, dass die Enden der Bögen im S nahezu waagerecht abzuschließen scheinen, die Bögen bei C und G jedoch deutlich diagonale Strichenden haben. Üblicherweise finden sich bestimmte Winkel, Proportionen und Gestaltungsmerkmale bei einer Schriftart an formverwandten Zeichen im gesamten Glyphenrepertoire durchgängig wieder. Ich vermute daher, dass zwar eine bestimmte Schriftart als Vorlage für den Werbeschriftzug gedient haben könnte, aber die ausführenden Werbetechniker*innen diese frei interpretiert haben.

Die nächsten Verwandten zum Schriftbild der Unterzeile, die ich finden konnte, sind die »Avant Garde Gothic Condensed Demi Bold« (Ed Benguiat für ITC International Typeface Corporation, 1974) und die »Flink Neue Compressed Bold« (Moritz Kleinsorge, Identity Letters, 2023). Letztere wurde zwar erst nach Schließung des Versicherungsbüros veröffentlicht, orientiert sich jedoch an frühen Klassikern aus der Gruppe der geometrischen serifenlosen Schriften aus den 1920er-Jahren wie Futura, Erbar und Kabel – und an der Avant Garde Gothic.

Mehr war über Herrn Lange und sein Gewerbe diesmal leider nicht in Erfahrung zu bringen. Und sollten irgendwann auch noch die Bohrlöcher in der Fassade zugespachtelt und übermalt werden, verschwänden auch noch diese öffentlich verbliebenen Spuren seiner einstigen Geschäftstätigkeit. 🤓 🔠 🫥

24.08.2026

Im Vergleich zum letzten Beitrag aus Tangermünde zeigte sich bei den Recherchen zum heutigen typographischen Montagsbonbon, wie viel zahlreicher und ergiebiger die historischen Quellen zur Geschichte einzelner Gebäude, Betriebe und Geschäfte – im Gegensatz zu kleineren Ortschaften – in Großstädten sind. Dass der Ort der Betrachung darüber hinaus auch noch eine gewisse lokale Popularität besitzt, kommt erleichternd hinzu.

Auf einem frei improvisierten Fußweg von der Großen Elbstraße in Hamburg zum Bahnhof Altona kam ich vergangene Woche an dem alteingesessenen Lokal »Weinstube Zur Traube Emil Peters« in Hamburg-Ottensen vorbei, das nicht nur durch die extravagante »Rebenlampe« über dem Eingang meine Aufmerksamkeit erregte, sondern auch mit seinem schönen dunkelgrünen Werbeschriftzug an der Fassade. Um die Ansicht auf dem unten abgebildeten Foto frei von störendem Geraffel im Straßenland zeigen zu können, habe ich per Retusche ein Parkplatzschild auf dem Gehweg vor dem linken Fenster entfernt und die Traubenlampe ein klein wenig verkleinert und von der Buchstabenzeile abgerückt.

Bei dem Lokal handelt es sich tatsächlich um das älteste noch existierende Weinlokal Hamburgs. Obwohl die Besitzer im Laufe der Jahrzehnte mehrfach wechselten, ist es seiner Bestimmung, Gäste mit gutem Wein zu bewirten, bis heute treu geblieben. Seit Herbst 2022 führen die neuen Inhaber*innen Kristian Haas und Theres Neuhaus das traditionsreiche Wirtshaus. Auf der archivierten Website der langjährigen früheren Betreiber*innen Karin Wege und André Reuter findet sich zur Geschichte des Lokals folgender Text:

»Das Weinlokal ›Zur Traube‹ liegt versteckt in den verwinkelten Gassen von Alt-Ottensen. Im Jahre 1880 wurde der Grundstein des Hauses gelegt. Bis 1919 wurde im Haus eine Weinhandlung betrieben.

Emil Peters schuf ab 1919 mit dem Holzbildhauer Otto Wessel die Holzvertäfelung mit den 30 Zunftfiguren, die heute noch alle erhalten sind und richtete eine Weinstube ein.«

Quelle: web-archive.org – »Zur Traube«

Sogar ein hochauflösendes historisches Foto der Weinhandlung, die vor der Eröffnung der Weinstube dort ansässig war, konnte ich auf einer litauischen Website ausfindig machen. »Wein-Stube / Wein-Handlung Robert Dähmcke« steht auf den Fenstern und der Fassade zu lesen. Das Etagenhaus in der Karl-Theodor-Straße steht unter Denkmalschutz.

Die Beschriftung an der Hauswand scheint tatsächlich noch aus der Zeit der Eröffnung der Weinstube zu stammen, denn sie passt perfekt zum betreffenden Jahr 1919. Zwar ist anzunehmen, dass bei ihrer Anfertigung keine spezifische Schriftart zum Einsatz kam, denn wie schon häufiger bei derartigen Fundstücken, gibt es minimale Formvarianten bei gleichen Buchstaben – hier etwa die leicht unterschiedlich bauchigen u in den Wörtern »Zur Traube«. Trotzdem existieren einige Schriften aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine augenfällige Ähnlichkeit zu der Zeile an der Fassade aufweisen. Sie alle sind einer Gruppe von Schriften zuzuweisen, die auch als »Zirkularschriften« bezeichnet werden und sich zwischen ca. 1880 und 1920 großer Beliebtheit erfreuten. So nannte man im historischen Bleisatz insbesondere für Rundbriefe und geschäftliche Einladungen entworfene Schreib- oder Kursivschriften. Der Begriff leitet sich von »Zirkular« (Rundbrief) ab. Einige Vertreter dieser Kategorie sind etwa die »Künstlerschrift Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, ca. 1904) oder die jüngere Interpretation »Nuptial (Script)« von Edwin W. Shaar für die Intertype Corporation aus dem Jahr 1952. Eine Vertreterin, in der sich sogar eine gestreckte Variante des an dem Lokal angebrachten langgestreckten s (ſ) wiederfindet, ist die »Rühlsche Kursiv«, die der Schriftgestalter und Professor an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, Georg Schiller, ca. 1906 für die Schriftgiesserei C. F. Rühl in Leipzig gestaltete. Und obwohl die beiden Typen im Detail deutliche Unterschiede zeigen, sehe ich bei Duktus, Neigungswinkel und einigen Formdetails (W, u) durchaus plausible Indizien, dass dies eine zeitgenössische Inspirationsquelle für Emil Peters’ Reklameschriftzug gewesen sein könnte.

Diesmal quoll das Netz also förmlich über vor lauter Texten, Rezensionen, Geschichten, Presseartikeln und Quellen zu meinem Fundstück. Es gibt reichlich Fotos von außen und innen, man kann online einen Blick auf die alten, holzgeschnitzten Figuren und Wandtäfelungen werfen, und ich musste regelrecht achtgeben, mich in der Fülle des Materials nicht zu verlieren.

Deshalb ist nun auch Schluss für heute. Aber da ich ja in Hamburg meinen Hauptwohnsitz habe, erwäge ich tatsächlich – ganz abseits aller Theorie, reichlicher Weblinks und historischer Berichte –, der Weinstube einen realen Besuch abzustatten und ganz untypographisch mal ein Glas Wein dort zu genießen. 🤓 🔠 🍷 🍇


Weiterführende Links

➡️ Doku zum Thema aus der ZDF-Reihe »Terra X«: »Wein – Eine Geschichte durch Jahrtausende« (online verfügbar bis 02.08.2033)

07.08.2026

Ich denke, das Gebäude in Stendal, von dem das heutige typographische Freitagsfundstück stammt, kann man getrost als »Bauruine« bezeichnen. Ich hatte mein Auto in der Nähe des Bahnhofs abgestellt und als ich auf meinem Weg an diesem Eckhaus vorbeikam, fielen mir die stark verwitterten Reste der Inschriften »ZIGARREN | ZIGARETTEN« und »WEINE« auf den Flächen über den mit Brettern vernagelten Fenstern schon von weitem auf.

Auf der unteren Fläche ist schemenhaft rechts neben dem E noch ein helleres N zu erkennen. Die Gesamtansicht des heruntergekommenen und sicherlich einst stattlichen Hauses ist bei Google Maps dokumentiert.

Das Haus an der Ecke Bahnhofstraße/Frommhagenstraße gehört zur sogenannten Bahnhofsvorstadt, die nach der Eröffnung des Stendaler Hauptbahnhofs (1871) systematisch bebaut wurde. Die Stadt selbst führt dieses Areal heute als erhaltenswertes Gründerzeitensemble. Stilistisch kann der reich verzierte dreigeschossige Eckbau mit den markanten Dreiecks- und Segmentgiebeln oberhalb der Fenster dem Historismus bzw. der Neorenaissance zugeordnet werden und dürfte etwa zwischen 1885 und 1905 erbaut worden sein.

Welche Art Geschäft es war, das die Tabakwaren und Weine verkaufte, konnte ich nicht rekonstruieren. Auch die Geschichte der dort ansässigen Gewerbe scheint im Laufe der Zeit sehr wechselhaft gewesen zu sein. In der offenen Facebook-Gruppe »Stendal – Meine Heimatstadt (Vergangenheit und Gegenwart)« fand ich ein Posting mit u.a. drei Scans historischer Ansichtskarten, auf denen das Gebäude abgebildet ist. Die Karten sind allerdings nicht datiert. Auf zweien der Fotos wird auf Tafeln links und rechts neben dem Eingang für das angebotene Sortiment geworben, auf einem davon sind sogar alle vier Schriftzüge leserlich: »Drogen · Colonialwaren · Cigarren · Cigaretten«. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die heute noch sichtbaren Reste der Beschriftungen an der Fassade in jener Zeit ihren Ursprung hatten. Auf derselben Postkarte verweist ein Schild im oberen Stockwerk nach links in die Seitenstraße hinein auf ein »Central Hotel · Zieraus Hotel · Restaurant · Wiener Café«. Auf beiden Postkarten sind (noch) keine Automobile zu sehen, ein unscharfes Gefährt im Hintergrund des einen Motivs ist womöglich ein Pferdefuhrwerk und hier scheinen die Straßen noch nicht asphaltiert zu sein, denn in der braun kolorierten Fläche sind etliche schmale Reifenspuren zu sehen. Dies dürfte somit die älteste der Ansichtskarten sein. Im Gegensatz dazu sieht man auf einer weiteren der geposteten Postkarten sehr wohl einige frühe Pkw, die Straßen wirken planiert und autotauglich und die Texte auf den Werbetafeln am Eingang haben sich geändert. Links und rechts sind sie zwar klein und unleserlich, doch über dem Eingang steht nun »Restaurant · Gaststätte«.

In der besagten Facebook-Gruppe existiert auch noch ein etwas späterer Eintrag, in dem ein User explizit nach der Geschichte dieses Bauwerks fragt. Neben einigen nicht verifizierbaren Antworten decken sich aber mehrere Erinnerungen, dass zu DDR-Zeiten im Erdgeschoss ein Lokal namens »Zur Drehscheibe« existiert haben soll. Eine andere Userin ergänzt: »[Nach] 1998 zog keiner mehr ein«.

Bestätigt wird der jahrzehntelange Leerstand auch durch einen lokalen Pressebericht:

»Die guten Zeiten, als das reich verzierte, stattliche Gebäude zu den architektonischen Aushängeschildern der Stendaler Bahnhofsvorstadt gehört hat, sind längst vorbei. Fenster mit Holzplatten versperrt, die Rollläden heruntergelassen, bröckelnde Fassade. (…)

Nach Kenntnis der Stadt plane der Eigentümer derzeit keine Sanierung des Gebäudes.«

Quelle: volksstimme.de – »Einst stattlich, heute gefährlich« (14.04.2021)

Die Beschriftungen in meinem Foto lassen nur noch wenige Merkmale erkennen, die eine Datierung ermöglichen. Etwas idealisiert könnte einer der Schriftzüge anfangs ungefähr so ausgesehen haben (Beim N musste ich ein wenig spekulieren, da an der Fassade nicht mehr genau zu erkennen ist, wo die Diagonale unten in den Stamm mündet):

Die frühesten kommerziellen Schriftarten mit erkennbarer formaler Verwandtschaft zu meiner Rekonstruktion, die ich finden konnte, waren »Berthold Block« (Hermann Hoffmann für H. Berthold AG, 1908) für das Wort »ZIGARREN« und »Wedding Gothic Wide« (American Type Founders, 1901) für das ungewöhnlich breit laufende »WEINE«.

Wären dieses oder das darauffolgende Jahrzehnt zutreffend für die Entstehung der Beschriftungen, deckte sich dies auch ungefähr mit der Schätzung zur Errichtung des Hauses sowie der Zeit der beginnenden Verbreitung des Automobils, aus der die oben erwähnten Postkartenmotive stammen.

»Um dem Automobil eine höhere Akzeptanz zu geben und sogar ein wachsendes Interesse auszulösen, rührten Automobilvereine wie der 1903 gegründete Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) und in wachsender Zahl auch Medien die Trommel für das neue Fahrgerät.«

Quelle: BPB – »Kleine Geschichte des Automobils in Deutschland«

Aufgrund der dünnen Faktenlage kann ich natürlich nur vermuten, dass die fotografierten Schriftzüge zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Es ist schließlich ohne weiteres denkbar, dass die Anbringung erst später geschah und bewusst auf etwas älter »getrimmt« wurde.

Dass allerdings das vernachlässigte und ungehindert weiter verfallende Bauwerk selbst inzwischen fast noch älter aussieht als die darauf verbliebenen typographischen Relikte, finde ich noch wesentlich bedauerlicher an der heutigen Geschichte. 🤓 🔠 🏚️ 😞

27.07.2026

Auf das Montagsbonbon dieser Woche stieß ich bei einem Wochenmarkt-Ausflug in den Stadtteil Rahlstedt im Norden Hamburgs. Direkt am dortigen (Bus-)Bahnhof erblickte ich diese Beschriftung an einem lokalen Lederwarengeschäft und die besondere Optik der Buchstaben katapultierte mich sofort zurück ins Jahr 1987, als ich in einer Siebdruckerei bei Hannover mein erstes Grafik-Design-Praktikum absolvierte. Ein zentrales Arbeitswerkzeug bei der Herstellung von Druckvorlagen war damals die Reprokamera, und nachdem ich von einem erfahrenen Kollegen sowohl eine Einweisung in die Bedienung des riesigen Standgerätes als auch eine Schulung in der Reprofotografie, inklusive Entwicklung der belichteten Papier- und Film-Abzüge bekommen hatte, wurde ich nicht selten damit beauftragt, schwarzweiße Druckvorlagen auf die gewünschten Abbildungsmaße zu vergrößern oder zu verkleinern.

Wenn eine Vorlage – etwa ein Firmenlogo, eine Illustration oder ein Schriftzug – sowohl von den Auftraggeber*innen nur sehr klein angeliefert wurde und kein besseres Original zur Verfügung stand als auch für das finale Druckmotiv um mehrere hundert Prozent vergrößert werden musste, entstand durch die Grenzen der Kameraoptik und die scharfe schwarz-weiß-Tontrennung des Fotomaterials genau jener etwas »seifige«, abgerundete Look bei den Druckvorlagen wie auf der grünen Banderole an dem Lederwarengeschäft. Auch akribischstes Scharfstellen der Kamera konnte dies bei derart extremen Vergrößerungen nicht verhindern. Manchmal wurden die schlimmsten Detailverluste auf dem entwickelten Fotomaterial mit speziellen Zeichenstiften und -tinten ausgebessert, aber was bereits in der angelieferten Vorlage an Details nicht vorhanden war, konnte auch auf diese Weise nicht verlässlich rekonstruiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch der »Niederstadt«-Schriftzug einst auf diese Weise auf das mehrere Meter breite Format der Außenwerbung hochskaliert wurde.

Ein ähnlicher Effekt entsteht auch, wenn eine vergrößerte Fotokopie erneut (ggf. mehrmals) fotokopiert und vergrößert wird. Man kann den so entstehenden grafischen Effekt, der eine gewisse Retro-Anmutung hat, auch ganz bewusst einsetzen, wie es in einem Beitrag vor einigen Wochen bei einer von mir gestalteten Illustration gemacht wurde.

Update: Ein Leser (User slowtiger auf Mastodon) ergänzte noch sehr richtig, dass auch der bekannte britische Designer Neville Brody im Jahr 1992 einen ähnlichen Effekt mithilfe einer Reprokamera zur Gestaltung einer seiner Schriftarten nutzte. Die abfotografierte Vorlage war einwandfrei und detailreich, aber Brody stellte die Optik der Kamera bewusst unscharf. Aus den so entstandenen weich und verschwommen wirkenden Formen des Abzuges, die trotzdem kontraststark und rein schwarzweiß waren, wurde dann die Schriftart »FF Blur« erstellt. Als Vorlage nutzte Brody wahrscheinlich den Zeichensatz der »Akzidenz Grotesk«.

Aufgrund der »rundgelutschten« Buchstabenformen ist es hier auch schwierig, die genutzte Schriftart – sofern es eine kommerzielle Vorlage gibt – zu identifizieren. Die erste Eintragung des Geschäfts ins Hamburger Handelsregister unter dem Namen »Hermann Niederstadt Offenbacher Lederwaren« stammt vom 16. Dezember 1949. Eine Schreibschrift-Type, die entfernt ähnlich aussieht, ist die »Brush (Script)« von Robert E. Smith, die im Jahr 1942 für American Type Founders entworfen wurde. Die Ähnlichkeit kann man noch etwas dichter an die Ladenbeschriftung heranpeitschen, indem die Zeichen nachträglich horizontal gestaucht werden. Soll man als gewissenhafter Designer eigentlich nicht machen, ich weiß, aber zur Verdeutlichung sei hier einmal eine Ausnahme gestattet.

Ich finde, bis auf den Anfangsbuchstaben N ist die Möglichkeit, dass die »Brush Script« eine Inspiration für den Schriftzug gewesen sein könnte, nicht von der Hand zu weisen.

Der Laden ist nach wie vor geöffnet und hat eine – ebenfalls etwas antiquiert aussehende – Internetpräsenz. Aber so ist das halt mit traditionsreichen inhabergeführten Fachgeschäften und ihrer manchmal etwas angestaubt wirkenden Aura. Ich denke, wir sollten froh sein, dass es hin und wieder, auch abseits von Amazon, Temu und Co., immer noch ein paar davon gibt. 🤓 🔠 👜

24.07.2026

Ich freue mich, heute mal wieder einen Beitrag zu einem eingereichten typographischen Fundstück veröffentlichen zu dürfen. Fotografiert wurde das Bild von Mastodon-Userin @susammelsurium an der Adresse Große Straße 45–47 in Flensburg und zeigt die Beschriftung an der Ladenfront eines alteingesessenen Juwelier- und Uhrmachergeschäfts. Das Gebäude findet sich als »Wohn- und Geschäftshaus Große Straße 46« in der Objektliste des Landesamts für Denkmalpflege Schleswig-Holstein und wurde dieser Quelle zufolge im 18./19. Jahrhundert erbaut.

Angenehm bei meiner Recherche war diesmal, dass das Unternehmen auf seiner Website bereits etliche Informationen zu seiner Geschichte und dem Urheber des Schriftzuges macht und eine nachgezeichnete vektorisierte Version davon im Header verwendet. Das nenne ich mal praktiziertes Traditionsbewusstsein!

Die Zeile unter der Website-Wortmarke ist gesetzt in der Schriftart »[Neue] Frutiger Condensed Book«. Ursprünglich wurde diese Schrift Anfang der 1970er Jahre von Adrian Frutiger für das Leitsystem des Charles de Gaulle International Airport in Paris entworfen, 1977 erschien sie dann unter dem Namen Frutiger als kommerziell vertriebene Schriftfamilie bei Linotype. Die »Neue Frutiger« ist eine überarbeitete und verbesserte Version von Akira Kobayashi, die in Kooperation mit Adrian Frutiger entstand und 2009/2010 veröffentlicht wurde. Ich finde, die zeitlose Eleganz dieses Schriftenklassikers fügt sich sehr gut mit der exzentrischeren Typographie des Unternehmensnamens zusammen.

»Anfang der 50er-Jahre (…) entstand die zu damaliger Zeit bahnbrechende Gestaltung der großen Schaufenster – und auch der eindrucksvolle Schriftzug, der das Geschäft bis heute prägt.«

Quelle: peterjuergensen.de – »Über uns«

Diese Datierung deckt sich auch mit älteren Abbildungen des Ladengeschäfts (nach der Gründing 1882) und eines mit einem Werbemotiv versehenen Busses (1930er-Jahre) auf der Website, in denen die Schriftzüge für das Unternehmen noch gänzlich anders aussehen.

Der für die Außengestaltung verantwortliche Architekt Theodor Rieve (1888–1966), der offenbar kein Unbekannter in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts in Schleswig-Holsteins ist, wird auf der Website mit dem Spitznamen »Tete (Rieve)« vorgestellt. Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass zwischen ihm und der Inhaberfamilie sogar eine persönliche Beziehung bestand. Das bekannteste (öffentliche) Gebäude, das in Flensburg unter seiner Verantwortung als Architekt entstand, ist das 1927–1930 erbaute Versammlungs- und Veranstaltungshaus »Deutsches Haus«.

»Nach dem Studium an der Baugewerkschule in Eckernförde und der Technischen Hochschule in Hannover war er [Theodor Rieve] seit 1921 in Flensburg als Architekt tätig. In seiner Architektur setzte er zunächst Ideen der Heimatschutzbewegung und Formen des Expressionismus
um, was sich in zahlreichen Villenbauten in Flensburg niederschlägt. In den 1930er Jahren wird sein Duktus sachlicher im Sinne der Moderne, zahlreiche seiner privaten Wohn- und öffentlichen Bauten erhalten entgegen dem lokalen Zeitgeist Flachdächer. In der Nachkriegszeit knüpft Rieve stilistisch an seine Bauformen der Moderne an.«

Quelle: Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein (PDF)

Obwohl der messingfarbene Schriftzug am Ladengeschäft des Juweliers erst Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, zeigen die Buchstaben (mal wieder!) deutliche Formzitate aus der Zeit des Art Déco. Dazu gehört die tiefliegende Mittelachse der Zeichen, am besten ersichtlich bei E, G, P und R ebenso wie die großzügig dimensionierten Bögen, die breiten, geometrisch anmutenden, fast quadratisch proportionierten Buchstaben oder die Überkreuzungen der Querstriche mit deren senkrechten Stämmen – beim N entstehen dadurch sogar serifenähnliche Anhängsel. Die gitterartige Form des E greift gekonnt das Raster der großflächigen, grau eingefassten Schaufensterfront auf und passt daher aus meiner Sicht sehr gut zum Gesamtensemble der Ladenfront. Vielleicht war dies auch ein Grund für diese spezielle Art der Schriftgestaltung.

Da bereits feststeht, dass der Schriftzug von Theodor Rieve eigens für das Geschäft entworfen wurde, erübrigt sich zwar die Suche nach einer dazugehörigen Schriftart, aber dennoch wollte ich ergänzend einige Verwandte der Type ausfindig machen, um deren vermutete »Abstammung« im Designstil der 1920er- bis 1940er-Jahre zu untermauern.

Vergleichbare Proportionen und Art-Déco-Anklänge finden sich z.B. bei den – wenngleich deutlich weniger verzierten – kommerziellen Schriftarten »Kaikoura« (David Kerkhoff/Hanoded Fonts, 2014), »Kessel 205« (Adrian Talbot/Talbot Type, 2012) oder der verspielteren »New Daily« (Marit Angenita Otto für URW, 2015). Hier stimmen teils sogar noch weitere Details überein, wie etwa bei der Kaikoura das ungewöhnlich asymmetrische S mit dem »kleinen Kopf«.

Am besten gefiel mir die Übereinstimmung mit der – für persönliche Nutzung sogar kostenfreien – Schriftart »WABECO Bold« (Paul Reis, 2013).

Danke noch mal an die Einreicherin, es hat mir viel Spaß gemacht, anhand dieses Fotos eine typographische Zeitreise nach Flensburg zu machen! 🤓 🔠 🕰️

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