verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Aushängeschilder (Seite 1 von 13)

Ladenbeschriftung, Schaufenster, Fassadenwerbung, Leuchtreklame, Werbetechnik – hier findet sich alles, was Gewerbetreibende rund um Gebäude oder Ort ihres eigenen Betriebs an (potenzielle) Kunden richten.

07.09.2026

Das typographische Bonbon am Montag fällt mal wieder in die Kategorie »Schriftschatten«. Das sind Fundstücke, bei denen nur noch Verwitterungsspuren, Farbreste, Aussparungen im Wandputz oder ähnliche Überbleibsel erahnen lassen, wie ein einst angebrachter Schriftzug einmal ausgesehen hat oder ausgesehen haben könnte. Es gab hier im Blog schon einige Beispiele dieser Art, etwa den Schatten der Beschriftung an einer einstigen Karstadt-Filiale.

Der Schriftschatten heute stammt aus der Fußgängerzone in Uelzen, wo ich kürzlich aufgrund eines unfreiwillig verlängerten Umsteigehaltes bei einer Zugfahrt etwas Zeit zum Herumstromern in der Innenstadt hatte.

Wahrscheinlich handelte es sich bei der früheren Installation um zwei be- oder hinterleuchtete Schriftzüge. Ich folgere dies daraus, dass die »Unterstreichung« der zweiten Zeile auf eine Kabelschiene hindeutet, welche die Leuchtelemente in den einzeln stehenden Buchstaben von unten mit Strom versorgte. In der ersten Zeile sind die Schreibschrift-Buchstaben auch ohne eine solche Schiene miteinander verbunden, sodass die Verkabelung ohne ein zusätzliches Verbindungselement möglich war.

Wie lange es her ist, dass die Beschriftung abgenommen wurde, konnte ich nicht ermitteln, da ich online keine Fotos des Gebäudes auffand, auf denen sie noch vorhanden war. Auch auf einem Foto bei Google Maps vom April 2022 ist sie bereits demontiert. In einer alten Broschüre »Dein Bundesgrenzschutz-Standort UELZEN« aus dem Jahr 1968 hatte der Versicherungsmakler jedoch bereits sein Büro an dieser Adresse eröffnet, denn er wirbt mit einem Inserat in dem Heft für seine Dienste. Vielleicht befand sich auch damals schon seine Leuchtreklame an dem Gebäude – der Stil der Schreibschrift jedenfalls würde aus meiner Sicht gut in die Zeit der späten 1950er- bis frühen 1970er-Jahre passen.

Der Namensschriftzug an der Fassade ist sehr wahrscheinlich ein individueller Entwurf. Die Buchstaben in der zweiten Zeile erwecken zwar auf den ersten Blick den Eindruck, aus einer kommerziellen Schriftart gesetzt zu sein, aber es gibt einige Ungereimtheiten. So wirken etwa H, U und N im Vergleich zu den restlichen Zeichen viel zu schmal. Ungewöhnlich ist auch, dass die Enden der Bögen im S nahezu waagerecht abzuschließen scheinen, die Bögen bei C und G jedoch deutlich diagonale Strichenden haben. Üblicherweise finden sich bestimmte Winkel, Proportionen und Gestaltungsmerkmale bei einer Schriftart an formverwandten Zeichen im gesamten Glyphenrepertoire durchgängig wieder. Ich vermute daher, dass zwar eine bestimmte Schriftart als Vorlage für den Werbeschriftzug gedient haben könnte, aber die ausführenden Werbetechniker*innen diese frei interpretiert haben.

Die nächsten Verwandten zum Schriftbild der Unterzeile, die ich finden konnte, sind die »Avant Garde Gothic Condensed Demi Bold« (Ed Benguiat für ITC International Typeface Corporation, 1974) und die »Flink Neue Compressed Bold« (Moritz Kleinsorge, Identity Letters, 2023). Letztere wurde zwar erst nach Schließung des Versicherungsbüros veröffentlicht, orientiert sich jedoch an frühen Klassikern aus der Gruppe der geometrischen serifenlosen Schriften aus den 1920er-Jahren wie Futura, Erbar und Kabel – und an der Avant Garde Gothic.

Mehr war über Herrn Lange und sein Gewerbe diesmal leider nicht in Erfahrung zu bringen. Und sollten irgendwann auch noch die Bohrlöcher in der Fassade zugespachtelt und übermalt werden, verschwänden auch noch diese öffentlich verbliebenen Spuren seiner einstigen Geschäftstätigkeit. 🤓 🔠 🫥

24.08.2026

Im Vergleich zum letzten Beitrag aus Tangermünde zeigte sich bei den Recherchen zum heutigen typographischen Montagsbonbon, wie viel zahlreicher und ergiebiger die historischen Quellen zur Geschichte einzelner Gebäude, Betriebe und Geschäfte – im Gegensatz zu kleineren Ortschaften – in Großstädten sind. Dass der Ort der Betrachung darüber hinaus auch noch eine gewisse lokale Popularität besitzt, kommt erleichternd hinzu.

Auf einem frei improvisierten Fußweg von der Großen Elbstraße in Hamburg zum Bahnhof Altona kam ich vergangene Woche an dem alteingesessenen Lokal »Weinstube Zur Traube Emil Peters« in Hamburg-Ottensen vorbei, das nicht nur durch die extravagante »Rebenlampe« über dem Eingang meine Aufmerksamkeit erregte, sondern auch mit seinem schönen dunkelgrünen Werbeschriftzug an der Fassade. Um die Ansicht auf dem unten abgebildeten Foto frei von störendem Geraffel im Straßenland zeigen zu können, habe ich per Retusche ein Parkplatzschild auf dem Gehweg vor dem linken Fenster entfernt und die Traubenlampe ein klein wenig verkleinert und von der Buchstabenzeile abgerückt.

Bei dem Lokal handelt es sich tatsächlich um das älteste noch existierende Weinlokal Hamburgs. Obwohl die Besitzer im Laufe der Jahrzehnte mehrfach wechselten, ist es seiner Bestimmung, Gäste mit gutem Wein zu bewirten, bis heute treu geblieben. Seit Herbst 2022 führen die neuen Inhaber*innen Kristian Haas und Theres Neuhaus das traditionsreiche Wirtshaus. Auf der archivierten Website der langjährigen früheren Betreiber*innen Karin Wege und André Reuter findet sich zur Geschichte des Lokals folgender Text:

»Das Weinlokal ›Zur Traube‹ liegt versteckt in den verwinkelten Gassen von Alt-Ottensen. Im Jahre 1880 wurde der Grundstein des Hauses gelegt. Bis 1919 wurde im Haus eine Weinhandlung betrieben.

Emil Peters schuf ab 1919 mit dem Holzbildhauer Otto Wessel die Holzvertäfelung mit den 30 Zunftfiguren, die heute noch alle erhalten sind und richtete eine Weinstube ein.«

Quelle: web-archive.org – »Zur Traube«

Sogar ein hochauflösendes historisches Foto der Weinhandlung, die vor der Eröffnung der Weinstube dort ansässig war, konnte ich auf einer litauischen Website ausfindig machen. »Wein-Stube / Wein-Handlung Robert Dähmcke« steht auf den Fenstern und der Fassade zu lesen. Das Etagenhaus in der Karl-Theodor-Straße steht unter Denkmalschutz.

Die Beschriftung an der Hauswand scheint tatsächlich noch aus der Zeit der Eröffnung der Weinstube zu stammen, denn sie passt perfekt zum betreffenden Jahr 1919. Zwar ist anzunehmen, dass bei ihrer Anfertigung keine spezifische Schriftart zum Einsatz kam, denn wie schon häufiger bei derartigen Fundstücken, gibt es minimale Formvarianten bei gleichen Buchstaben – hier etwa die leicht unterschiedlich bauchigen u in den Wörtern »Zur Traube«. Trotzdem existieren einige Schriften aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine augenfällige Ähnlichkeit zu der Zeile an der Fassade aufweisen. Sie alle sind einer Gruppe von Schriften zuzuweisen, die auch als »Zirkularschriften« bezeichnet werden und sich zwischen ca. 1880 und 1920 großer Beliebtheit erfreuten. So nannte man im historischen Bleisatz insbesondere für Rundbriefe und geschäftliche Einladungen entworfene Schreib- oder Kursivschriften. Der Begriff leitet sich von »Zirkular« (Rundbrief) ab. Einige Vertreter dieser Kategorie sind etwa die »Künstlerschrift Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, ca. 1904) oder die jüngere Interpretation »Nuptial (Script)« von Edwin W. Shaar für die Intertype Corporation aus dem Jahr 1952. Eine Vertreterin, in der sich sogar eine gestreckte Variante des an dem Lokal angebrachten langgestreckten s (ſ) wiederfindet, ist die »Rühlsche Kursiv«, die der Schriftgestalter und Professor an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, Georg Schiller, ca. 1906 für die Schriftgiesserei C. F. Rühl in Leipzig gestaltete. Und obwohl die beiden Typen im Detail deutliche Unterschiede zeigen, sehe ich bei Duktus, Neigungswinkel und einigen Formdetails (W, u) durchaus plausible Indizien, dass dies eine zeitgenössische Inspirationsquelle für Emil Peters’ Reklameschriftzug gewesen sein könnte.

Diesmal quoll das Netz also förmlich über vor lauter Texten, Rezensionen, Geschichten, Presseartikeln und Quellen zu meinem Fundstück. Es gibt reichlich Fotos von außen und innen, man kann online einen Blick auf die alten, holzgeschnitzten Figuren und Wandtäfelungen werfen, und ich musste regelrecht achtgeben, mich in der Fülle des Materials nicht zu verlieren.

Deshalb ist nun auch Schluss für heute. Aber da ich ja in Hamburg meinen Hauptwohnsitz habe, erwäge ich tatsächlich – ganz abseits aller Theorie, reichlicher Weblinks und historischer Berichte –, der Weinstube einen realen Besuch abzustatten und ganz untypographisch mal ein Glas Wein dort zu genießen. 🤓 🔠 🍷 🍇


Weiterführende Links

➡️ Doku zum Thema aus der ZDF-Reihe »Terra X«: »Wein – Eine Geschichte durch Jahrtausende« (online verfügbar bis 02.08.2033)

07.08.2026

Ich denke, das Gebäude in Stendal, von dem das heutige typographische Freitagsfundstück stammt, kann man getrost als »Bauruine« bezeichnen. Ich hatte mein Auto in der Nähe des Bahnhofs abgestellt und als ich auf meinem Weg an diesem Eckhaus vorbeikam, fielen mir die stark verwitterten Reste der Inschriften »ZIGARREN | ZIGARETTEN« und »WEINE« auf den Flächen über den mit Brettern vernagelten Fenstern schon von weitem auf.

Auf der unteren Fläche ist schemenhaft rechts neben dem E noch ein helleres N zu erkennen. Die Gesamtansicht des heruntergekommenen und sicherlich einst stattlichen Hauses ist bei Google Maps dokumentiert.

Das Haus an der Ecke Bahnhofstraße/Frommhagenstraße gehört zur sogenannten Bahnhofsvorstadt, die nach der Eröffnung des Stendaler Hauptbahnhofs (1871) systematisch bebaut wurde. Die Stadt selbst führt dieses Areal heute als erhaltenswertes Gründerzeitensemble. Stilistisch kann der reich verzierte dreigeschossige Eckbau mit den markanten Dreiecks- und Segmentgiebeln oberhalb der Fenster dem Historismus bzw. der Neorenaissance zugeordnet werden und dürfte etwa zwischen 1885 und 1905 erbaut worden sein.

Welche Art Geschäft es war, das die Tabakwaren und Weine verkaufte, konnte ich nicht rekonstruieren. Auch die Geschichte der dort ansässigen Gewerbe scheint im Laufe der Zeit sehr wechselhaft gewesen zu sein. In der offenen Facebook-Gruppe »Stendal – Meine Heimatstadt (Vergangenheit und Gegenwart)« fand ich ein Posting mit u.a. drei Scans historischer Ansichtskarten, auf denen das Gebäude abgebildet ist. Die Karten sind allerdings nicht datiert. Auf zweien der Fotos wird auf Tafeln links und rechts neben dem Eingang für das angebotene Sortiment geworben, auf einem davon sind sogar alle vier Schriftzüge leserlich: »Drogen · Colonialwaren · Cigarren · Cigaretten«. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die heute noch sichtbaren Reste der Beschriftungen an der Fassade in jener Zeit ihren Ursprung hatten. Auf derselben Postkarte verweist ein Schild im oberen Stockwerk nach links in die Seitenstraße hinein auf ein »Central Hotel · Zieraus Hotel · Restaurant · Wiener Café«. Auf beiden Postkarten sind (noch) keine Automobile zu sehen, ein unscharfes Gefährt im Hintergrund des einen Motivs ist womöglich ein Pferdefuhrwerk und hier scheinen die Straßen noch nicht asphaltiert zu sein, denn in der braun kolorierten Fläche sind etliche schmale Reifenspuren zu sehen. Dies dürfte somit die älteste der Ansichtskarten sein. Im Gegensatz dazu sieht man auf einer weiteren der geposteten Postkarten sehr wohl einige frühe Pkw, die Straßen wirken planiert und autotauglich und die Texte auf den Werbetafeln am Eingang haben sich geändert. Links und rechts sind sie zwar klein und unleserlich, doch über dem Eingang steht nun »Restaurant · Gaststätte«.

In der besagten Facebook-Gruppe existiert auch noch ein etwas späterer Eintrag, in dem ein User explizit nach der Geschichte dieses Bauwerks fragt. Neben einigen nicht verifizierbaren Antworten decken sich aber mehrere Erinnerungen, dass zu DDR-Zeiten im Erdgeschoss ein Lokal namens »Zur Drehscheibe« existiert haben soll. Eine andere Userin ergänzt: »[Nach] 1998 zog keiner mehr ein«.

Bestätigt wird der jahrzehntelange Leerstand auch durch einen lokalen Pressebericht:

»Die guten Zeiten, als das reich verzierte, stattliche Gebäude zu den architektonischen Aushängeschildern der Stendaler Bahnhofsvorstadt gehört hat, sind längst vorbei. Fenster mit Holzplatten versperrt, die Rollläden heruntergelassen, bröckelnde Fassade. (…)

Nach Kenntnis der Stadt plane der Eigentümer derzeit keine Sanierung des Gebäudes.«

Quelle: volksstimme.de – »Einst stattlich, heute gefährlich« (14.04.2021)

Die Beschriftungen in meinem Foto lassen nur noch wenige Merkmale erkennen, die eine Datierung ermöglichen. Etwas idealisiert könnte einer der Schriftzüge anfangs ungefähr so ausgesehen haben (Beim N musste ich ein wenig spekulieren, da an der Fassade nicht mehr genau zu erkennen ist, wo die Diagonale unten in den Stamm mündet):

Die frühesten kommerziellen Schriftarten mit erkennbarer formaler Verwandtschaft zu meiner Rekonstruktion, die ich finden konnte, waren »Berthold Block« (Hermann Hoffmann für H. Berthold AG, 1908) für das Wort »ZIGARREN« und »Wedding Gothic Wide« (American Type Founders, 1901) für das ungewöhnlich breit laufende »WEINE«.

Wären dieses oder das darauffolgende Jahrzehnt zutreffend für die Entstehung der Beschriftungen, deckte sich dies auch ungefähr mit der Schätzung zur Errichtung des Hauses sowie der Zeit der beginnenden Verbreitung des Automobils, aus der die oben erwähnten Postkartenmotive stammen.

»Um dem Automobil eine höhere Akzeptanz zu geben und sogar ein wachsendes Interesse auszulösen, rührten Automobilvereine wie der 1903 gegründete Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) und in wachsender Zahl auch Medien die Trommel für das neue Fahrgerät.«

Quelle: BPB – »Kleine Geschichte des Automobils in Deutschland«

Aufgrund der dünnen Faktenlage kann ich natürlich nur vermuten, dass die fotografierten Schriftzüge zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Es ist schließlich ohne weiteres denkbar, dass die Anbringung erst später geschah und bewusst auf etwas älter »getrimmt« wurde.

Dass allerdings das vernachlässigte und ungehindert weiter verfallende Bauwerk selbst inzwischen fast noch älter aussieht als die darauf verbliebenen typographischen Relikte, finde ich noch wesentlich bedauerlicher an der heutigen Geschichte. 🤓 🔠 🏚️ 😞

27.07.2026

Auf das Montagsbonbon dieser Woche stieß ich bei einem Wochenmarkt-Ausflug in den Stadtteil Rahlstedt im Norden Hamburgs. Direkt am dortigen (Bus-)Bahnhof erblickte ich diese Beschriftung an einem lokalen Lederwarengeschäft und die besondere Optik der Buchstaben katapultierte mich sofort zurück ins Jahr 1987, als ich in einer Siebdruckerei bei Hannover mein erstes Grafik-Design-Praktikum absolvierte. Ein zentrales Arbeitswerkzeug bei der Herstellung von Druckvorlagen war damals die Reprokamera, und nachdem ich von einem erfahrenen Kollegen sowohl eine Einweisung in die Bedienung des riesigen Standgerätes als auch eine Schulung in der Reprofotografie, inklusive Entwicklung der belichteten Papier- und Film-Abzüge bekommen hatte, wurde ich nicht selten damit beauftragt, schwarzweiße Druckvorlagen auf die gewünschten Abbildungsmaße zu vergrößern oder zu verkleinern.

Wenn eine Vorlage – etwa ein Firmenlogo, eine Illustration oder ein Schriftzug – sowohl von den Auftraggeber*innen nur sehr klein angeliefert wurde und kein besseres Original zur Verfügung stand als auch für das finale Druckmotiv um mehrere hundert Prozent vergrößert werden musste, entstand durch die Grenzen der Kameraoptik und die scharfe schwarz-weiß-Tontrennung des Fotomaterials genau jener etwas »seifige«, abgerundete Look bei den Druckvorlagen wie auf der grünen Banderole an dem Lederwarengeschäft. Auch akribischstes Scharfstellen der Kamera konnte dies bei derart extremen Vergrößerungen nicht verhindern. Manchmal wurden die schlimmsten Detailverluste auf dem entwickelten Fotomaterial mit speziellen Zeichenstiften und -tinten ausgebessert, aber was bereits in der angelieferten Vorlage an Details nicht vorhanden war, konnte auch auf diese Weise nicht verlässlich rekonstruiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch der »Niederstadt«-Schriftzug einst auf diese Weise auf das mehrere Meter breite Format der Außenwerbung hochskaliert wurde.

Ein ähnlicher Effekt entsteht auch, wenn eine vergrößerte Fotokopie erneut (ggf. mehrmals) fotokopiert und vergrößert wird. Man kann den so entstehenden grafischen Effekt, der eine gewisse Retro-Anmutung hat, auch ganz bewusst einsetzen, wie es in einem Beitrag vor einigen Wochen bei einer von mir gestalteten Illustration gemacht wurde.

Update: Ein Leser (User slowtiger auf Mastodon) ergänzte noch sehr richtig, dass auch der bekannte britische Designer Neville Brody im Jahr 1992 einen ähnlichen Effekt mithilfe einer Reprokamera zur Gestaltung einer seiner Schriftarten nutzte. Die abfotografierte Vorlage war einwandfrei und detailreich, aber Brody stellte die Optik der Kamera bewusst unscharf. Aus den so entstandenen weich und verschwommen wirkenden Formen des Abzuges, die trotzdem kontraststark und rein schwarzweiß waren, wurde dann die Schriftart »FF Blur« erstellt. Als Vorlage nutzte Brody wahrscheinlich den Zeichensatz der »Akzidenz Grotesk«.

Aufgrund der »rundgelutschten« Buchstabenformen ist es hier auch schwierig, die genutzte Schriftart – sofern es eine kommerzielle Vorlage gibt – zu identifizieren. Die erste Eintragung des Geschäfts ins Hamburger Handelsregister unter dem Namen »Hermann Niederstadt Offenbacher Lederwaren« stammt vom 16. Dezember 1949. Eine Schreibschrift-Type, die entfernt ähnlich aussieht, ist die »Brush (Script)« von Robert E. Smith, die im Jahr 1942 für American Type Founders entworfen wurde. Die Ähnlichkeit kann man noch etwas dichter an die Ladenbeschriftung heranpeitschen, indem die Zeichen nachträglich horizontal gestaucht werden. Soll man als gewissenhafter Designer eigentlich nicht machen, ich weiß, aber zur Verdeutlichung sei hier einmal eine Ausnahme gestattet.

Ich finde, bis auf den Anfangsbuchstaben N ist die Möglichkeit, dass die »Brush Script« eine Inspiration für den Schriftzug gewesen sein könnte, nicht von der Hand zu weisen.

Der Laden ist nach wie vor geöffnet und hat eine – ebenfalls etwas antiquiert aussehende – Internetpräsenz. Aber so ist das halt mit traditionsreichen inhabergeführten Fachgeschäften und ihrer manchmal etwas angestaubt wirkenden Aura. Ich denke, wir sollten froh sein, dass es hin und wieder, auch abseits von Amazon, Temu und Co., immer noch ein paar davon gibt. 🤓 🔠 👜

24.07.2026

Ich freue mich, heute mal wieder einen Beitrag zu einem eingereichten typographischen Fundstück veröffentlichen zu dürfen. Fotografiert wurde das Bild von Mastodon-Userin @susammelsurium an der Adresse Große Straße 45–47 in Flensburg und zeigt die Beschriftung an der Ladenfront eines alteingesessenen Juwelier- und Uhrmachergeschäfts. Das Gebäude findet sich als »Wohn- und Geschäftshaus Große Straße 46« in der Objektliste des Landesamts für Denkmalpflege Schleswig-Holstein und wurde dieser Quelle zufolge im 18./19. Jahrhundert erbaut.

Angenehm bei meiner Recherche war diesmal, dass das Unternehmen auf seiner Website bereits etliche Informationen zu seiner Geschichte und dem Urheber des Schriftzuges macht und eine nachgezeichnete vektorisierte Version davon im Header verwendet. Das nenne ich mal praktiziertes Traditionsbewusstsein!

Die Zeile unter der Website-Wortmarke ist gesetzt in der Schriftart »[Neue] Frutiger Condensed Book«. Ursprünglich wurde diese Schrift Anfang der 1970er Jahre von Adrian Frutiger für das Leitsystem des Charles de Gaulle International Airport in Paris entworfen, 1977 erschien sie dann unter dem Namen Frutiger als kommerziell vertriebene Schriftfamilie bei Linotype. Die »Neue Frutiger« ist eine überarbeitete und verbesserte Version von Akira Kobayashi, die in Kooperation mit Adrian Frutiger entstand und 2009/2010 veröffentlicht wurde. Ich finde, die zeitlose Eleganz dieses Schriftenklassikers fügt sich sehr gut mit der exzentrischeren Typographie des Unternehmensnamens zusammen.

»Anfang der 50er-Jahre (…) entstand die zu damaliger Zeit bahnbrechende Gestaltung der großen Schaufenster – und auch der eindrucksvolle Schriftzug, der das Geschäft bis heute prägt.«

Quelle: peterjuergensen.de – »Über uns«

Diese Datierung deckt sich auch mit älteren Abbildungen des Ladengeschäfts (nach der Gründing 1882) und eines mit einem Werbemotiv versehenen Busses (1930er-Jahre) auf der Website, in denen die Schriftzüge für das Unternehmen noch gänzlich anders aussehen.

Der für die Außengestaltung verantwortliche Architekt Theodor Rieve (1888–1966), der offenbar kein Unbekannter in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts in Schleswig-Holsteins ist, wird auf der Website mit dem Spitznamen »Tete (Rieve)« vorgestellt. Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass zwischen ihm und der Inhaberfamilie sogar eine persönliche Beziehung bestand. Das bekannteste (öffentliche) Gebäude, das in Flensburg unter seiner Verantwortung als Architekt entstand, ist das 1927–1930 erbaute Versammlungs- und Veranstaltungshaus »Deutsches Haus«.

»Nach dem Studium an der Baugewerkschule in Eckernförde und der Technischen Hochschule in Hannover war er [Theodor Rieve] seit 1921 in Flensburg als Architekt tätig. In seiner Architektur setzte er zunächst Ideen der Heimatschutzbewegung und Formen des Expressionismus
um, was sich in zahlreichen Villenbauten in Flensburg niederschlägt. In den 1930er Jahren wird sein Duktus sachlicher im Sinne der Moderne, zahlreiche seiner privaten Wohn- und öffentlichen Bauten erhalten entgegen dem lokalen Zeitgeist Flachdächer. In der Nachkriegszeit knüpft Rieve stilistisch an seine Bauformen der Moderne an.«

Quelle: Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein (PDF)

Obwohl der messingfarbene Schriftzug am Ladengeschäft des Juweliers erst Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, zeigen die Buchstaben (mal wieder!) deutliche Formzitate aus der Zeit des Art Déco. Dazu gehört die tiefliegende Mittelachse der Zeichen, am besten ersichtlich bei E, G, P und R ebenso wie die großzügig dimensionierten Bögen, die breiten, geometrisch anmutenden, fast quadratisch proportionierten Buchstaben oder die Überkreuzungen der Querstriche mit deren senkrechten Stämmen – beim N entstehen dadurch sogar serifenähnliche Anhängsel. Die gitterartige Form des E greift gekonnt das Raster der großflächigen, grau eingefassten Schaufensterfront auf und passt daher aus meiner Sicht sehr gut zum Gesamtensemble der Ladenfront. Vielleicht war dies auch ein Grund für diese spezielle Art der Schriftgestaltung.

Da bereits feststeht, dass der Schriftzug von Theodor Rieve eigens für das Geschäft entworfen wurde, erübrigt sich zwar die Suche nach einer dazugehörigen Schriftart, aber dennoch wollte ich ergänzend einige Verwandte der Type ausfindig machen, um deren vermutete »Abstammung« im Designstil der 1920er- bis 1940er-Jahre zu untermauern.

Vergleichbare Proportionen und Art-Déco-Anklänge finden sich z.B. bei den – wenngleich deutlich weniger verzierten – kommerziellen Schriftarten »Kaikoura« (David Kerkhoff/Hanoded Fonts, 2014), »Kessel 205« (Adrian Talbot/Talbot Type, 2012) oder der verspielteren »New Daily« (Marit Angenita Otto für URW, 2015). Hier stimmen teils sogar noch weitere Details überein, wie etwa bei der Kaikoura das ungewöhnlich asymmetrische S mit dem »kleinen Kopf«.

Am besten gefiel mir die Übereinstimmung mit der – für persönliche Nutzung sogar kostenfreien – Schriftart »WABECO Bold« (Paul Reis, 2013).

Danke noch mal an die Einreicherin, es hat mir viel Spaß gemacht, anhand dieses Fotos eine typographische Zeitreise nach Flensburg zu machen! 🤓 🔠 🕰️

20.07.2026

»Alles muss raus!« – obwohl es keine offiziellen saisonalen Schlussverkäufe mehr gibt, sieht man diesen Werbespruch oft nach wie vor an Geschäften. Und auch bei Räumungsverkäufen aufgrund von Geschäftsaufgaben wird er häufig genutzt. Ich greife ihn heute auf, weil ich immer noch ein gutes halbes Dutzend Typo-Motive aus Barcelona in meinem Fundstücklager vorrätig habe. Also raus damit …

Ich fand das Motiv aus mehreren Gründen interessant. Zum ersten aufgrund der ungewöhnlichen und vergleichsweise aufwendigen, gerippten Untergrundkonstruktion, zum zweiten aufgrund der Schriftwahl und der m.E. ansprechenden Farbkombination und zum dritten schwang natürlich auch für mich als Bundesbürger angedenk der Abgründe der deutschen Geschichte eine gewisse Assoziation mit. Hierzulande käme wohl kaum jemand auf die Idee, sein Einrichtungsgeschäft »SS Möbel« zu nennen (hoffe ich!), obgleich es bei der Namensgebung feilgebotenen Mobiliars schon vor einem Vierteljahrhundert befremdliche Verirrungen nach rechts gab.

Dem spanischen Laden hingegen unterstelle ich keinerlei Absichten in diese weltanschauliche Richtung. Wofür das »SS« steht, war online nicht zu ergründen, nur die Information, dass sich das Geschäft auf »Mobles i articles fusta i metall« (Möbel und [Einrichtungs]gegenstände aus Holz und Metall) spezialisiert hat. Vielleicht waren es anfänglich ausschließlich Metallmöbel und das Kürzel steht für »stainless steel«. Oder der/die Inhaber*in hat einen alliterarischen Namen wie »Sofía Serrano« oder »Sebastián Salazar«. Wir wissen es nicht …

Als ich den Schriftzug »mobles« sah, dachte ich: Ah, das ist doch ganz klar eine Schriftart aus dem Trio der drei bekanntesten klassischen Schriften aus den 1970er-Jahren mit derlei strikt geometrisch konstruierten Buchstabenformen, nämlich entweder »ITC Bauhaus« (Ed Benguiat und Victor Caruso für ITC, 1975, nach Entwürfen von Herbert Bayer aus dem Jahr 1925), »Blippo« (Joe Taylor für FotoStar, 1969) oder »Pump« (Bob Newman, 1970 und Philip Kelly, 1975–1980 für Letraset/ITC). Aber entweder stimmte der Schriftschnitt nicht (die »Blippo« ist zu fett) oder einzelne Zeichen wie b, e oder s stimmten nicht überein. Also: falsch gedacht!

Inzwischen vermute ich, dass diese Schriften zwar wahrscheinlich als Vorlage dienten, aber der Entwurf individuell angefertigt wurde. Eine Schriftart jüngeren Datums kommt, bis auf den Fettegrad, am dichtesten an die Ladenbeschriftung heran, und zwar »Churchward Design« (Joseph Churchward für BluHead Studio, 2007).

Bei dem »SS«-Kürzel ist die Bestimmung noch schwieriger. Es gibt etliche Schriftarten mit geometrischer Anmutung, bei denen das S wie ein gespiegeltes Z aussieht. Am besten gefiel mir hier die »Silver Streak« von John Roshell (Swell Type, 2020) – eine ebenso elegante wie futuristische Type, nicht nur mit einem passenden S, sondern mit insgesamt sehr ansprechenden Zeichenformen und erhältlich in 26 Schnitten. Der Designer schreibt dazu:

»Inspired by the streamlined lettering on trains, cars & ads of the 1930s & ’40s, Silver Streak combines Art Deco elegance with refined craftsmanship and modern features.«

Quelle: Swell Type – »Silver Streak«

Nimmt man also den Ursprung der Schrift »Bauhaus« im Jahr 1925 und das Zitat des »Silver Streak«-Schriftgestalters, klingt in der Ladenbeschriftung ziemlich kongruent die Designsprache der 1920er- und 1930er-Jahre an. Genau die Zeit, in der die ersten zeitlos schönen Stahlrohrmöbel, entworfen u.a. von Marcel Breuer (1925), Mart Stam (1926) und Ludwig Mies van Rohe (1927) das Licht der Welt erblickten. Zwei davon (Mart Stam S34 Freischwinger-Nachbauten) stehen übrigens in meiner Küche am Esstisch.

Vielleicht waren ja diese Metallmöbel-Klassiker für den/die Inhaber*in die Inspiration, den gestalterischen Geist jener Zeit beim Design der Ladenbeschriftung typographisch aufzugreifen.

Mein Fazit (wenn es so wäre): »mission accomplished!« 🤓 🔠 🛋️

10.07.2026

Das heutige typographische Fundstück tangiert unweigerlich ein kontroverses Thema, nämlich das der Sexarbeit bzw. Prostitution. Sie ist so alt wie die Menschheit; namentlich taucht mindestens eine Frau (»Rahab«), die Sex gegen Geld anbot, bereits in der Bibel auf. Die zahllosen Synonyme für Menschen – meist Frauen –, die einen solchen Handel anbieten, sind entweder größtenteils euphemistisch-verklärend oder abwertend, ebenso gegensätzlich ist die Darstellung von Sexarbeiter*innen in Musik, Literatur, Kunst und verfilmten Darstellungen. Auch Gewalt, sexueller Missbrauch, Menschenhandel, Sexismus, Ausbeutung und (finanzielle) Abhängigkeit, gesundheitliche Risiken, gesellschaftliche Stigmatisierung und psychische Belastungen sind allgegenwärtige und schlimme Facetten im Leben vieler Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – freiwillig oder unfreiwillig prostituieren.

Doch für die Rechte und Interessen, den Schutz, das Ansehen und als Anlaufstellen bei Problemen von Sexarbeiter*innen setzen sich mittlerweile auch viele Vereine, Verbände, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen ein. Der älteste Verein ist der 1980 gegründete Hydra e.V., weitere wichtige Zusammenschlüsse sind bufaS e.V. (Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter) und BesD e.V. (Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen).

Ich möchte mich bei dem Beitrag zu meinem heutigen Fundstück ausdrücklich weder der Verklärung noch der Verdammung der Sexarbeit anschließen. Wenn eine volljährige Person aus freien Stücken diese Tätigkeit ausübt und es ihr im Idealfall gelingt, damit gewaltfrei, psychisch stabil und im Einvernehmen mit ihren Kund*innen Geld zu verdienen, sehe ich persönlich keinen Grund, dies zu verurteilen.

Doch nun zum heutigen Buchstabenfund. Begegnet bin ich dem auffälligen Arrangement Ende April bei einem Kurzurlaub in Trier, als ich nach der Rückkehr von einer Wanderung bei schönstem Frühsommerwetter die Straße passierte. Ausgerechnet die Karl-Marx-Straße, die den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt trägt – so lernte ich –, war in den 1970er- bis 1990er-Jahren als »Rotlichtviertel« zu bezeichnen, in der Shops, Kinos, Bars und Bordelle ihrer Kundschaft harrten. Heute ist durch Online-Angebote und eine verschärfte Gesetzgebung so gut wie nichts davon mehr übriggeblieben. Ein Relikt jener Zeit jedoch ist dieser Schriftzug an der Fassade des Gebäudes mit der Hausnummer 59.

Auch dieser Name gehört eindeutig in die Gruppe der romantisierenden Euphemismen, denn es handelte sich keineswegs nur um ein geselliges Lokal mit Getränkeausschank, sondern nachweislich um ein – inzwischen offenbar geschlossenes – Bordell. Auf der archivierten Website der Bar findet sich der Disclaimer »Bei den sich in der Einrichtung aufhaltenden Prostituierten handelt es sich um selbstständige Gewerbebetreiberinnen, die ihre Leistungen im eigenen Namen und auf eigene Rechnung bewerben und anbieten«; online verbliebene Werbetexte empfehlen den Betrieb als »gemütlichen Treffpunkt in Trier mit maritimem Flair und entspannter Atmosphäre« – eine Formulierung, die bei mir sofort Assoziationen an einen bekannten britischen Sketch weckte (»Monty Python’s Flying Circus« S01E02: »Nudge nudge, snap snap, grin grin, wink wink, say no more?«).

Die »maritime« Werbung und Benennung mag zunächst unpassend wirken; ich hätte sie eher Städten wie Bremen oder Hamburg zugeordnet. Ein Hauch von Hans Albers’ Rotlichthymne »Auf der Reeperbahn …« schwingt mit, es klingt nach Klischees von Meer, Möwen, Akkordeonmusik und im Wind flatternden Segeln. Doch tatsächlich gehörten wohl auch die männlichen Besatzungen der am Moselufer in Trier anlegenden Binnenschiffe zur Zielgruppe des Etablissements.

Die Schrift des vertikal angeordneten Parts HAFENMELODIE hat wenig Besonderes, sie ist sehr wahrscheinlich an fette Schnitte des Klassikers »Helvetica« oder ihrer engen Verwandten angelehnt, zumindest gilt das für alle Zeichen außer dem O. Dieses fällt definitiv aus dem Rahmen: es ist viel zu kreisrund und in der Strichstärke zu mager. Bei dem horizontal kreuzenden Wort BAR wirken der erste und letzte Buchstabe zudem nicht nur in der Höhe »gestreckt«, sondern die horizontalen Verbindungsstriche sind dort proportional zu den senkrechten deutlich schmaler als bei den Buchstaben der abwärts laufenden Zeile. Entweder sind diese beiden Glyphen aus Vorlagen professioneller Buchstaben stark modifiziert worden oder sie wurden komplett »selbstgemacht«, denn die Kurven und Innenräume »eiern« sichtbar.

Unten an der Fassade ist zwar nach wie vor ein vom mit Neonröhren besetzten Schriftzug ausgehendes Kabel zu sehen, ob die Installation nachts aber immer noch beleuchtet ist, kann ich nicht sagen. Sicher ist, dass die Bar unter diesem Namen seit mindestens März 2020 nicht mehr besteht, denn die letzte Newsmeldung auf deren früherer Website lautete »Hafenmelodie vorübergehend geschlossen«. Doch bereits drei Jahre zuvor änderten sich die gesetzlichen Bestimmungen für den Betrieb derartiger Einrichtungen deutlich. Mit dem bundesweit erlassenen Prostituiertenschutzgesetz mussten Bordellbetreiber seit 2017 wesentlich umfangreichere Vorschriften erfüllen. Demnach mussten behördliche Erlaubnisse und Zuverlässigkeitsprüfungen nachgewiesen sowie Hygiene- und Sicherheitskonzepte vorgelegt werden, zudem wurde neben Dokumentationspflichten auch eine Kondompflicht eingeführt. Im Juli 2020 berichtete die lokale Presse, dass die Stadt Trier etlichen städtischen Bordellen die Betriebserlaubnis entzog, weil sie die Auflagen nach dem neuen Gesetz nicht erfüllten. Der letzte archivierte Web-Snapshot der Domain hafenmelodie-trier.com stammt vom Juli 2021, danach wurde die Seite abgeschaltet und bis August 2024 eine Weiterleitung zu einer anderen nicht jugendfreien URL eingerichtet, deren Betreiber mit dem – wie ich finde – sehr deutsch klingenden Slogan »Hier verkehrst Du richtig« werben.

Doch dieser Spur werde ich nun definitiv nicht weiter folgen. 🤓 🔠 😅

08.07.2026

Der Typo-Schnappschuss zwischendurch, eingefangen am Eppendorfer Baum nach einem Schlemmerbummel über den Hamburger Isemarkt.

Die einzigen optischen Wermutströpfchen sind das spürbar zu dicht am C platzierte S und das etwas schief hängende T bei SCHMIDT. Ich konnte nicht widerstehen, das mal schnell etwas zurechtzuschieben. Eigentlich gehört auch das I noch ein Ideechen nach rechts, aber ich habe hier ja schließlich auch noch den Haushalt … 😉

Auf der Website des traditionsreichen Fischgeschäfts (»seit 1929«) ist im Header eine an die Ladenbeschriftung angelehnte Nachzeichnung des Fassadenlogos zu sehen. Hier sind zwar die Buchstabenabstände in der Unterzeile harmonischer, aber dafür entfernt sich die Form des S merklich vor der Vorlage.

Zuerst tippte ich bezüglich der SCHMIDT-Schriftart beim Website-Logo auf die Futura, aber die Formen von S und C sprechen dagegen. Eine Online-Schriftsuche ergab eine große Wahrscheinlichkeit für die Schrift »Filson Pro Heavy« (Olivier Gourvat, 2016). Hätte der oder die Gestalter/in sich stattdessen für die »Chronica Pro Bold« – interessanterweise vom selben Schriftgestalter (für Mostardesign, 2015) – entschieden, würde auch das breitere S besser mit dem Schriftzug außen am Laden übereinstimmen.

Aber von diesen kleinen Nerdpetitessen abgesehen ist das mal wieder ein hinreißendes Neonrelikt – und selbst die Fläche mit den abgeplatzten kleinen Hintergrundkacheln trägt durchaus ihren Reiz zur Gesamtkomposition bei, finde ich. 🤓 🔠 🐟

26.06.2026

Weil der Montagsbeitrag diese Woche schon so ausführlich war, wird die Besprechung des typographischen Fundstücks am Freitag nun etwas kürzer ausfallen. Das liegt aber auch daran, dass es sehr schwierig war, zu dem Gebäude, an dem sich der Schriftzug befindet, historische Details ausfindig zu machen. Insbesondere zu der benannten Bäckerei erbrachte meine Recherche so gut wie nichts. Das tut der Schönheit dieser Inschrift aber keinen Abbruch.

Entstanden ist das Foto am Haus Fischmarkt 11 in Regensburg. Außer einem Eintrag in der Liste der Baudenkmäler des Bayr. Landesamtes ist die Faktenlage dünn. Es gibt keine alten Fotos, Ansichtskarten, Werbeanzeigen oder Informationstexte zur Gründung oder Geschäftsaufgabe der alten Bäckerei.

»Eckhaus, 16./17. Jh., (…) 1892 wurde das Haus um das 3. OG aufgestockt und mit einer neubarocken Fassadengliederung versehen, die sich im Stil an das östliche Nachbargebäude anzugleichen versucht, dabei aber wesentlich sparsamer ausfällt. Gleichzeitig mit dem Umbau 1892 dürfte der Ladenvorbau im EG entstanden sein, der vom 1. OG aus als Altane [balkonartiger Vorbau am oberen Geschoss eines Hauses] benutzt wurde.«

Quelle: Borgmeyer, Anke, Achim Hubel Andreas Tillmann u. a.: »Denkmäler in Bayern«, Bd. 3/37, Stadt Regensburg (1997).

Das Zitat wurde mir freundlicherweise zugespielt über ein Mitglied der öffentlichen Facebook-Gruppe »Regensburg in alten Bildern«, in der ich nach Details zu dem Gebäude gefragt hatte. Eine andere Userin hatte noch eine Anmerkung zum dortigen Gewerbebetrieb:

»Ca. 1952–1973 gab es diese Bäckerei. 1869–1873 war eine Schankwirtschaft mit dem Namen ›Zu den drei Königen‹ am Fischmarkt 11 beheimatet. Ich denke, der Name leitet sich davon ab.«

Quelle: Facebook-Kommentar

Sollte es stimmen, dass die Bäckerei erst 1953 eröffnete, ist die Formgebung der Schrift, die deutliche Einflüsse des Jugendstils erahnen lässt, um so interessanter. Vielleicht wollte man ja damit dem Stil des Hauses Rechnung tragen. Möglich ist aber auch, dass eine (weitere?) Bäckerei dieses Namens bereits viel früher eröffnet wurde.

Dass die Buchstaben individuell gezeichnet wurden, ist auch an den drei leicht unterschiedlichen Vorkommen des kleinen e ablesbar. Als nähere Verwandte der genutzten Schriftart mit ihrem originell das Bäckerhandwerk zitierenden, brezelförmigen B, würde ich die »Carola-Grotesk« sehen. Sie stammt vom Schriftgestalter Hermann Hoffmann und wurde bei der H. Berthold AG im Jahr 1896 veröffentlicht. Die Jahresangabe passt somit ziemlich gut zu den oben erwähnten Baumaßnahmen am Gebäude, die offenbar anlässlich der erstmaligen gewerblichen Nutzung vorgenommen wurden.

Vielleicht lesen ja hier auch Regensburger mit, die noch weitere Hinweise beisteuern können. Dann gerne her damit! 🤓 🔠 🥨

24.06.2026

Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.

Leider konnte ich selbst keine Aufnahme von der Leuchtreklame bei Nacht machen, aber auf der Website »FILM NEWS BAYERN« des FilmFernsehFonds Bayern findet sich ein Beitrag zur Geschichte dieses Lichtspielhauses und der Menschen hinter dessen Kulissen, der mit einem nächtlichen Foto der Kinofassade bebildert ist.

»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«

Quelle: FILM NEWS BAYERN – »Neuer Glanz mit altem Charme«

An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.

Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿

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Das Typographische Fundstück
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