Wer hier häufiger oder gar regelmäßig mitliest, wird nicht umhingekommen sein, zu bemerken, dass ich ein großer Fan der »gekappten« Buchstabenform des sogenannten »Danish g« bin. Wo ich gehe und stehe – natürlich insbesondere, wenn ich Dänemark bereise – halte ich Ausschau nach Schriften, Beschriftungen, Schildern und ähnlichen Vorkommen mit dieser famosen Buchstabenform.
Auch kürzlich wurde ich wieder fündig, wenngleich an einem unerwarteten Ort: Beim Warten auf die U-Bahn am Berliner Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz stand ich auf dem Bahnsteig zufällig gegenüber einem Motiv einer ganzen Reihe historischer Aufnahmen aus Berlin, welche hinter dem Gleisbett an der gekachelten Wand im 18/1-Plakatformat angebracht sind. Und auf dieser Aufnahme des Pressefotografen Willy Römer aus den 1920er-Jahren sieht man eine Gruppe Passanten – ausschließlich Männer – vor einem jüdischen Geschäft in der damaligen Berliner Grenadierstraße, die 1951 in Almstadtstraße umbenannt wurde. Auf einem Schaufenster des Ladens befindet sich die zweisprachige Beschriftung כּשר (hebr.: »koscher«) und darunter »Geflügel« – mit einem g, das die typisch angeschnittene Unterlänge des »Danish g« aufweist! Dieser Schnappschuss von mir sei das typographische Montagsbonbon für heute.
Frei interpretierte Nachzeichnung des Schriftzuges.
Obwohl der Schriftzug mit Sicherheit handgezeichnet ist (die beiden doppelt vorkommenden Kleinbuchstaben e und l variieren in ihrer Form) und die Zeichen insgesamt einige ungelenke Design-Details aufweisen, finde ich die Grundanmutung sehr interessant. Man könnte sogar eine gewisse formale Ähnlichkeit zu hebräischen Buchstabenformen assoziieren, z.B. bei den Proportionen des G oder dem horizontalen, am Ende abgeschrägten Auslauf des e. Und rechts von der Fensteröffnung findet sich auf einem schmalen Mauervorsprung sogar noch ein zweites, hochkant gestürztes Wort (»…-Handlung«) mit einem ähnlichen g am Ende. Ein interessanter Fund! 🤓 🔠 🐓
Im Berliner »Scheunenviertel«, wo sich das abgebildete Geschäft befand und in den Jahren, in denen das Foto entstand, ereigneten sich jedoch leider auch düstere Geschehnisse, wie ich bei der Recherche herausfand. Am 05. November 1923 – also knapp 10 Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten und nur vier Tage vor einem ersten gescheiterten Staatsstreich derselben – kam es dort zu einem antisemitischen Pogrom, in dessen Verlauf zwei Tage lang jüdische Bürger angegriffen und ihre Geschäfte geplündert wurden.
»… am 5. November 1923, kam es in der Grenadierstraße zu einem Pogrom gegen die dort ansässigen Jüdinnen und Juden. Es war der reichsweit schlimmste Ausfall gegen Juden in der Weimarer Republik. Eine Menschenmenge strömte vom Arbeitsamt an der Alexanderstraße (…) in das Scheunenviertel, wie die Gegend genannt wurde. Sie brachen in die Geschäfte ein und plünderten Wohnungen aus. (…) Juden wurden gejagt, verprügelt und verletzt. Die Polizei erschien mit reichlicher Verspätung. Sie nahm eine große Zahl der verfolgten Juden fest, die die Beamten selbstverständlich für die Schuldigen hielten.«
Es gibt im Netz zahlreiche weitere Berichte und Beiträge zu diesem Ereignis. Einen weiteren Link, ergänzend zu den o.g. Quellen, füge ich nachfolgend an.
Der heutige Beitrag besteht aus einem typographischen Fundstück, erneut geknipst in der ehemaligen Hansestadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, an der Seitenfassade des Hauses Vor dem Steintor 10. Es war mir leider nicht möglich, historische Details zu dem offenbar früher dort ansässigen Fleischereibetrieb ausfindig zu machen, der mit dieser Werbeinschrift »Rind und Schweineschlachterei mit Kraftbetrieb ff Fleisch u. Wurstwaren« für sich warb. Auch in welchem Jahr das Unternehmen seinen Betrieb einstellte, konnte ich nicht ermitteln. Die Abkürzung ff im Werbetext steht vermutlich für »feinste«, sie war üblich in der italienischen Kaufmannssprache seit dem 17. Jahrhundert. Darin steht ein f bei der Klassifizierung der Warenqualität für »fein« (fino), ff steht für die Steigerung »sehr fein« (finissimo).
Man erkennt eindeutig, dass es an der Stelle mehrere übereinander aufgetragene Farbschichten bzw. Werbemotive gab, am deutlichsten in der Zeile mit dem Namen des Geschäftsinhabers, der zuletzt ein Fleischermeister Willy Stettler gewesen zu sein scheint. Der übermalte Name dahinter ist bis auf die zu erahnende Buchstabenfolge »Bal…« nicht mehr lesbar.
Und selbst auf den dahinter liegenden Ebenen der größtenteils weißen Farbschichten lassen sich noch mindestens zwei verschiedene typographische Werbemotive erkennen. Zwei große diagonal aufsteigende Schriftzüge, die in der oberen rechten Ecke des Motivs mit »…ke« und »…er« oder »…en« enden; links unten ist ein großes L erhalten (das nahezu unkenntliche Wort könnte »Lederwaren« heißen) und dahinter schemenhaft mehrere kleine, übermalte Textzeilen. In einer davon, unten rechts, meine ich das Wort »Vertretung« entziffern zu können.
Die Datierung der Wandmalerei ist schwierig. Die Schriftart in dem Wandmotiv wirkt auf mich älter als gängige Werbeschriften der deutschen Nachkriegszeit aus den 1950er Jahren und später. Sie erinnert eher an die sehr schmalen, platzsparenden Schriften in gewerblichen Annoncen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa die »Enge Journal Antiqua« der Schriftgießerei Berthold (um 1922) nach dem Originalentwurf der »Journal Antiqua« von Hermann Zehnpfundt (Emil-Gursch-Gießerei, Berlin, um 1912). Oder an die schmale Version der »Herold Reclameschrift« von Heinz Hoffmann (Berthold, 1904). Im Archivbestand digitalisierter historischer Adressbücher der Stadt Brandenburg etwa kann man solche alten Werbeanzeigen – ähnlich den späteren gewerblichen Inseraten in den »Gelben Seiten« – online einsehen. Hier z.B. ein Link zu einem PDF des Brandenburger Adressbuchs von 1914/1915.
Was weiterhin auffällt, ist die nach rechts aus der – ansonsten zentrierten –Textausrichtung hinausragende Angabe der Telefonnummer, was dafür spricht, dass diese Angabe erst nachträglich und bewusst im Schriftstil des restlichen Textes hinzugefügt wurde. Die Nummer ist mit drei Ziffern sehr kurz und deutet auf die Anfangszeit der Einführung von Telefonanschlüssen in Deutschland hin, die ab 1910 allmählich an Dynamik gewann. Laut Wikipedia besaßen im Jahr 1960 jedoch lediglich 4 von 100 Bundesbürgern einen Telefonanschluss. Andererseits liegt die Stadt Havelberg auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo Telefonanschlüsse bis weit in die 1980er-Jahre eher die Ausnahme waren. Das Selbstwählverfahren, bei dem man andere Teilnehmer vom eigenen Telefon aus einfach per Wählscheibe und ohne Umweg über eine Vermittlungsstelle anrufen konnte, wurde zwar bereits 1913 patentiert und in Bayern 1923 erstmals in der Praxis eingeführt, aber flächendeckend verfügbar war es erst deutlich später. Inzwischen befindet sich in dem Gebäude der Sitz eines Handwerksbetriebs für »Heizung · Sanitär · Klima · Solar« mit einer fünfstelligen Rufnummer.
»Private Telefonanschlüsse hatten in der DDR Seltenheitswert. Mitte der siebziger Jahre verfügten gerade mal rund zehn Prozent der Haushalte über ein eigenes Telefon. In der Bundesrepublik waren es zu dieser Zeit 90 Prozent. (…) Auf ein Auto musste man zwar mehrere Jahre warten, aber dann kriegte man es. Beim Telefonanschluss dagegen hatte man ohne Dringlichkeitsbescheinigung eines Betriebes oder einer Institution keine Chance. 1990 lagen bei der Deutschen Post noch 1,6 Millionen unbearbeitete Anträge. In kleineren Orten hatten oft nur Ärzte, Pfarrer oder Handwerker zu Hause ein Telefon.«
»Die letzte per Hand gestöpselte Ortsvermittlungsstelle in der Bundesrepublik wird 1966 stillgelegt – und die Fräuleins vom Amt werden in den Ruhestand geschickt. In der DDR dauert es in ländlichen Regionen noch bis Ende der 1980er-Jahre.«
Daneben war auch das Thema Werbung in der DDR streng geregelt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Handwerksbetrieben erlaubt gewesen sein soll, für ihre Dienstleistungen (und hier sogar Produkte!) und damit für Umsatz und Profit zu werben, denn Werbung war Sache der DEWAG, der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft der DDR. Dieser der Partei unterstellte Betrieb hatte das Monopol für Werbemaßnahmen. In den 1970er-Jahren war Werbung dann, nachdem sie zuvor – wenngleich eingeschränkt und staatlich kontrolliert – erlaubt war, größtenteils verboten.
»Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED ging auch die Ära der lustigen Werbefilmchen und Plakate ihrem Ende entgegen. Vier Jahre später folgte das Gesetz zum Verbot der Inlandswerbung, verordnet vom Ministerrat. Dieses hatte bis zum Mauerfall bestand und folglich blieben die letzten zwei Jahrzehnte der DDR ohne aufwendige Produktwerbung.«
Alle Indizien bringen mich zu der Vermutung, dass die Werbetafel für den Fleischereibetrieb in ihrer ursprünglichen Form – mit dem übermalten, heute unkenntlichen ersten Inhaber und ohne Angabe der Telefonnummer – irgendwann zwischen 1910 und 1930 entstanden ist. Die übermalten Werbemotive im Hintergrund würde ich zeitlich zwischen 1880 und 1910 ansiedeln.
Eine schlüssige Chronologie könnte daher folgende sein:
1880–1910: Wechselnde Werbemotive auf der Fassade für damals tätige Gewerbe und Betriebe
1910–1930: Anbringung des Werbemotivs für den Fleischereibetrieb mit dessen damaligem Inhaber, jedoch noch ohne Telefonnummernangabe
1930–1949: Wechsel des Inhabers, Übermalung des Namens und Ergänzung der Telefonnummer (Möglichkeit 1), Gründung der DDR
seit 1949: ggf. Hinzufügung der Telefonnummer im grafischen Stil der bereits vorhandenen Texte, entweder während des Bestehens der DDR oder – falls der Betrieb nach der Wende noch tätig war – nach 1989 (Möglichkeiten 2 und 3)
Anschließend: Verbleib des Motivs in unveränderter Form bis heute, ungeachtet der Tatsache, dass der Betrieb seine Geschäftstätigkeit während dieser Zeit einstellte
Damit schließe ich den heutigen Beitrag und hoffe, die detektivische Reise in die Vergangenheit hat Euch wieder genauso gut gefallen wie mir. 🤓 🔠 🥩🔎
»Vor etwa 120 Jahren wurde in den traditionellen Basler Wirtschaften nur Wein ausgeschenkt. Bier gab es nur in den zahlreichen, mit einer Gaststätte verbundenen Hausbrauereien. Der Wirt des Gasthauses ›zum Ritter St. Georg‹ an der Schneidergasse, Innocenz Weiss, war der erste der es wagte, neben Wein auch Bier auszuschenken. Die Stadt hatte ein Tagesgespräch mehr und im Lokalblatt ›Basler Nachrichten‹ erschien ein Artikel, in dem es hieß:
›… Bier, das nicht direkt beim Bierbrauer getrunken werde, ist Gift.‹
Innocenz Weiss, der sich stolz als ›Bierwirt‹ bezeichnete, nahm die Sache mit Humor und taufte daraufhin sein Restaurant von ›zum Ritter St. Georg‹ auf ›Gifthüttli‹ um.«
Das Monogramm mit dem formfolgend gerundeten W und dem stilisierten Bierglas steht für den Namen der Brauerei »Zum Warteck« (später »Warteck Brauerei & Getränke AG«). Der Großneffe des Inhabers ließ nach der Übernahme der Leitung im Jahr 1913 ein neues Gebäude für das Gasthaus errichten. Nach seinem unerwarteten Grippetod im Jahr 1918 führte zunächst seine Witwe zehn Jahre lang das Geschäft weiter, 1928 verkaufte sie das Lokal dann an die genannte Brauerei, die seither das Gebäude verwaltet und dessen Gaststätte verpachtet. Inzwischen gehört die Brauerei zur Feldschlösschen Getränke AG, die ihrerseits seit 2000 Teil der internationalen Carlsberg-Gruppe ist – der nach eigenen Angaben viertgrößten Brauerei-Gruppe weltweit und Marktführer in Nord- und Osteuropa.
Noch immer liegen hier auf meiner Festplatte einige Fundstücke aus Freiburg und Basel, die ihres Postens harren. Der heutige Beitrag präsentiert eines davon; ich entdeckte es in der »Schweizer Kulturhauptstadt« – Basel hat eine der schönsten und besterhaltenen Altstädte Europas – in einem schmalen Gässchen Richtung Andreasplatz, zwischen den Häusern Schneidergasse 18 und 20, hoch oben an der Seitenfassade eines Eckhauses. Fast wäre ich daran vorbeigelaufen, weil das Relikt so unscheinbar und verwittert war. Die historischen Orts- und Straßennamen in diesem Viertel der »Grossbasler Altstadt« – Hutgasse, Nadelberg, Sattelgasse, Gerbergasse, Schneidergasse – lassen vermuten, dass hier einst etliche Handwerksbetriebe ansässig waren, die mit der Verarbeitung von Stoff- und Lederwaren ihr Geld verdienten. Seinen Namen hat der überschaubare mittelalterliche Platz von einer Kapelle, die einst in seiner Mitte stand:
»An die im 11. Jahrhundert erbaute Andreaskapelle erinnern Pflastersteine, die am Boden ihren Grundriss nachzeichnen. In nachreformatorischer Zeit diente die Kapelle den Krämern der Safran Zunft Basel als Warenlager, bevor sie im Jahr 1792 auf Wunsch der Anwohnenden abgerissen wurde. Die Abstände zwischen den Wohnhäusern und dem Kirchlein betrugen teilweise nur vier Meter!«
Ich hatte wohl noch mehr Glück, den Schriftzug »Spezialität in Nähseide & Schneiderartikel« überhaupt bemerken zu können, denn auf einer älteren Gebäudeansicht bei Google Streetview ist die Fassade nahezu komplett mit Efeu überwachsen. Der dichte Pflanzenteppich hatte sich erst im Sommer 2017 durch sein eigenes Gewicht von der Fassade gelöst. Am Tage meines Besuches bedeckten die neu sprießenden Ranken nur die letzten vier Buchstaben. Die vornehmen, aufrecht stehenden Buchstaben und verzierten Initialen, die an mit Feder geschriebene Texte erinnern, sind mit Sicherheit von Hand auf die Wand gemalt worden, denn es fallen sofort Unregelmäßigkeiten im Schriftbild auf, wie etwa unterschiedliche Zeichenbreiten oder verschiedene Neigungswinkel des Querstrichs im kleinen e.
Die Schriftart ist keiner eindeutigen Klasse zuzuordnen, sie vermischt Stilelemente verschiedenster Epochen und Kategorien miteinander. So etwa die eigenwillig nach links »gebückte« Form des großen N, wie sie sich in manchen mittelalterlichen oder »gotisch/keltisch« assoziierten Schreibschriften wiederfindet, z.B. in der »Old Norse« (Eric Kurniawan/Burntilldead). Aber sie besitzt auch modernere Attribute, die man von den kalligrafischen Antiqua-Varianten der »Chancery«-Schriften (»Humanistische Kursive«) kennt, etwa den nach rechts geschwungenen oberen Abschluss am Stamm des h. In ihrer aufrechten Schreibweise wiederum erinnert sie an Schriften aus der Gruppe der »Humanistischen Minuskel« aus dem 15. Jh. Und auch das über der Grundlinie gehaltene z mit Unterschlinge ist bemerkenswert. Bezeichnen wir die Schrift also bis auf Weiteres als »frei gestaltete, dekorative Werbeschrift mit Federduktus und verzierten Initialen«.
Im unteren Teil des Bildes habe ich versucht, den Schriftzug leserlicher hervorzuheben, soweit der verblasste Farbauftrag dies zuließ. Lediglich beim k musste ich raten, wie dieses vielleicht ausgesehen haben könnte, da sich das einzige Vorkommen dieses Zeichens hinter dem Efeubewuchs verbarg.
»Aufgrund der wachsenden Zahl der Annoncen in Zeitungen, als Folge der industriellen Revolution, wurde der Markt der Werbung entdeckt und auch bald der der kostengünstigen Außenwerbung. Bereits um die Jahrhundertwende wurden deshalb monumentale Reklamen an Häuserwände gemalt.«
Quelle: Wikipedia-Artikel »Außenwerbung«
Über den einstigen, mit der Inschrift beworbenen Betrieb konnte ich leider keine Informationen ausfindig machen, insofern ist eine Datierung der Wandbemalung schwierig. Vermutlich entstand sie nicht vor ca. 1850–1870; als Referenzdatum für den aufkommenden Boom der Außenwerbung im 19. Jahrhundert kann der 15. April 1855 dienen. An diesem Tag wurde in der Münzstraße in Berlin-Mitte die erste sogenannte »Annonciersäule«, erdacht vom dortigen Verleger und Druckereiunternehmer Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) aufgestellt.
Ich jedenfalls finde es schön, dass man diese alte Werbebotschaft nun wieder ohne Efeubewucherung sieht. 🤓 🔠 🪴
Update: Eine Leserin auf LinkedIn trug in ihrem Kommentar noch ein interessantes Detail bei, das meine Einschätzung zur Entstehungszeit bestätigt:
»Das Luxusgut Nähseide industriell herzustellen, wurde erst mit der Entwicklung der Spinn- und Nähmaschinen im 19. Jahrhundert möglich und von der Firma Gütermann 1864 in großer Menge verfügbar gemacht.«
Weiterführende Links
➡️ »Ghost Signs« – Artikel über die Bilder des Fotografen Nicholas Brewer aus Berkshire von verblassenden historischen Werbebotschaften auf Fassaden in Großbritannien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ➡️ »The History of OOH (Out Of Home)« auf der Website der OAAA (Out of Home Advertising Association of America)
Fotografisch eingefangen habe ich das heutige typographische Montagsbonbon in der Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt während eines Winterspaziergangs in der beginnenden Dämmerung vor wenigen Tagen. Die Beschriftung gehörte, wie im Internet nachzulesen ist, einst zur Buchhandlung des Inhabers Carl Kampfhenkel. Bilder des Hauses aus dem Oktober 2022 bei Google Street View zeigen das Gebäude bereits in einem ähnlich desolaten Zustand, jedoch nach wie vor mit Büchern in der Auslage. Inzwischen ist das Ladengeschäft als »dauerhaft geschlossen« markiert. Der Betrieb existierte offenbar bereits Anfang des 20. Jahrhunderts und war zu jener Zeit auch als Verlag tätig, denn es existieren Archivalien in Form alter Postkarten mit Fotomotiven aus der Region mit dem Vermerk »Verlag J. L. Goern Nchf. C. Kampfhenkel, Havelberg«.
Die, wie ich finde, ziemlich originelle Schriftart mit der angedeuteten Serife am Kopf des C, dem elegant geschwungenen oberen Schaft des K, dem kleinen Schnörkel am oberen Bogen des f und der Schlaufe im k gefällt mir ausnehmend gut. Ungeachtet des vermuteten Alters der Beschriftung wirkt sie auf mich sehr klar und zeitgemäß und bildet einen fast melancholischen Kontrast zur derangierten Fassade des Gebäudes. Eine lediglich entfernt ähnliche Anmutung bei kommerziell erhältlichen Schriften sehe ich in der »Niva Medium Italic« (Pedro Gonzalez Jorquera, PeGGO Fonts, 2016) und der Corporative Sans Condensed Medium Italic (Luciano Vergara/Daniel Hernández, Latinotype; 2015). Aber den Charme des Originals erreichen beide meines Erachtens nicht.
Grobe Nachzeichnung des Schriftzuges zur Bestimmung möglicher Schriftverwandter.
Hat die Buchhandlung geschlossen, weil sie – wie so viele – gegenüber der Konkurrenz des Onlinehandels ins Hintertreffen geriet? Verstarb der Inhaber oder setzte sich zur Ruhe und das Geschäft wurde deshalb aufgegeben? Ich weiß es nicht. Doch zumindest durfte ich noch ein Relikt des wohl einst florierenden Unternehmens einfangen und hierhin überführen. 🤓 🔠 📕
Vor gut einem Jahr, am Heiligabend 2024, postete ich einen Beitrag zur Formenvielfalt des »Asterisk«- oder »Sternchen«-Zeichens. Es begeistert mich immer wieder, wie blühend die Fantasie der Schriftgestalter beim Design einzelner Glyphen ist. Manche Zeichen eignen sich dafür besser, andere – wie zum Beispiel das große I – lassen etwas weniger Spielraum. Ebenso faszinierend finde ich, wie gut Auge und Gehirn des Menschen damit klarkommen, diese so unterschiedlichen Formen fast immer blitzschnell und eindeutig als die Zeichen zu erkennen und lesen zu können, die es sein sollen.
Ein Symbol aus dem gängigen Zeichensatz, bei dem mir der Variantenreichtum ebenfalls besonders auffällt, ist das »Et«-, »Und«- oder »Ampersand«-Zeichen (&), auf das ich beim ersten typographischen Fundstück im Neuen Jahr das Augenmerk lenken will. Aufgefallen war mir das Zeichen kurz vor Silvester im Abspann des Woody-Allen-Films »Hannah und ihre Schwestern«, wo es insbesondere im Rahmen der Auflistung der im Film gespielten Musikstücke ins Auge fällt. Die Schriftart mit dieser wunderbar geschwungenen, ausladend-eleganten Interpretation des Ampersand ist sehr wahrscheinlich eine Condensed-Variante der »Windsor« (Originalentwurf von Eleisha Pechey für Stephenson Blake, um 1904).
Das heute als einzelnes Zeichen genutzte Symbol ist eigentlich eine Ligatur, also eine Verschmelzung mehrerer Schriftzeichen, und zwar aus den beiden lateinischen Buchstaben des Wortes »Et« (= »und«). Bei manchen Schriftarten kann man diesen Ursprung aus der Form im wahrsten Sinne des Wortes noch herauslesen (siehe z.B. letzte Reihe im Bild, vorletzte Spalte), bei anderen ist er weniger oder gar nicht mehr erkennbar.
Erste Zeile: Davis Sans Medium, Papyrus, American Typewriter, Bookman Old Style Bold, Aviano Slab Light, Arima Medium. Zweite Zeile: Blenny Black, Rooney Sans Light, Rockwell Extra Bold, Noteworthy Light, Aller Display, Bickham Script Pro Semibold. Dritte Zeile: Semplicita Pro Bold, Edwardian Script ITC, Monotype Corsiva, FS Lola ExtraBold, Dax Compact Pro Medium, Marker Felt Thin. Vierte Zeile: Harrington, Kino MT, Coquette, Skia Bold, Ellograph CF Bold, Charmonman Bold. Fünfte Zeile: Allotrope Medium, Giddyup Std, Luminari, Regave DemiBold, Rhetoric, LayarBahtera Kiamat Bold. Sechste Zeile: Aviano, Asphalt Black, Adlery Pro , Adobe Clean UX, Trebuchet MS, Mukta Medium.
Ebenso vielfältig wie sein Erscheinungsbild ist auch die Verwendung des Ampersand. Es taucht bei der Benennung von Konzernen (Johnson & Johnson, AT&T, Procter & Gamble) oder Handelsunternehmen (Marks & Spencer, C&A, Peek & Cloppenburg, H&M) ebenso auf wie bei Produktmarken (Ben & Jerry’s, M&M’s, Head & Shoulders, Black & Decker, Dolce & Gabbana) oder auf den Firmenschildern von Anwaltskanzleien, Consultingfirmen oder Werbeagenturen (Scholz & Friends, McKinsey & Company). Und auch aus Firmierungen wie »Lidl GmbH & Co. KG« ist es uns vertraut.
In Auszeichnungssprachen wie HTML oder LaTeX wird mit dem Ampersand die Codierung sichtbarer oder unsichtbarer Sonderzeichen eingeleitet. So steht z.B. die Zeichenfolge Ä in der Codierung »Decimal NCR« (Decimal Numeric Character Reference) für den Großbuchstaben des Umlauts Ä. In einer anderen, nichtdezimalen Schreibweise als sog. »HTML-Entity« lautet die codierte Schreibweise für denselben Buchstaben Ä(A-Umlaut). Einige Programmiersprachen verwenden zwei aufeinanderfolgende Ampersands && als Referenz auf den booleschen Operator AND, der zwei Aussagen logisch miteinander zu einer sog. »Konjunktion« verknüpft, die genau dann wahr ist, wenn beide verbundenen Aussagen wahr sind. Und in der Programmiersprache C++ bezieht sich das & auf eine konkrete Adresse im Speicher, wo z.B. eine Variable abgelegt ist. Auch in den Sprachen Fortran, MySQL, Perl und Pascal hat das Ampersand eine speziell zugewiesene Funktion.
In Alltagsleben und Popkultur findet sich das Et-Zeichen bei der Kategorisierung von Musikgenres (R&B – Rhythm and Blues) ebenso wie bei den Namen von Bands oder Interpreten (Echo & the Bunnymen, Earth, Wind & Fire, Simon & Garfunkel). Es gibt Bezeichnungen für Unternehmensabteilungen oder Geschäftsbereiche (R&D – Research and Development, F&B – Food and Beverages). Man kann Unterkünfte mit B&B (Bed and Breakfast) buchen, in Publikumsveranstaltungen Q&A (Questions and Answers) diskutieren oder mit D&D (Dungeons and Dragons)-Games virtuelle Abenteuer erleben. Und auf Initiative des US-Amerikaners Chaz DeSimone, einem Designer mit einer Leidenschaft für Typographie, ist dem Symbol seit 2015 sogar ein eigener Feiertag gewidmet, der »National Ampersand Day« oder »World Ampersand Day«, der jedes Jahr am 08. September begangen wird.
Die formalen Ursprünge des Zeichens lassen sich tatsächlich schon bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen. Zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n. Chr. trat es dann zunehmend in der heute verbreiteten verschlungenen Gestalt auf, die an eine 8 erinnert. Der Name »Ampersand« hingegen entstand erst ca. Anfang des 19. Jahrhunderts im britisch-englischen Sprachraum. Damals wurde das Zeichen als 27. Buchstabe des Alphabets nach dem Z britischen Schülern beigebracht, die es mit dem Begriff »and per se and« bezeichneten. Eine undeutliche Aussprache bzw. die Zusammenziehung dieses Terminus führten dann letztlich zum »Ampersand«. 1837 wurde das Wort offiziell in die ersten englischen Wörterbücher aufgenommen.
Der Begriff »Ampersand« findet sich interessanterweise auch in einem beliebten englischen Kinderreim zum Erlernen der Buchstaben und ihrer Reihenfolge im Alphabet. In den ältesten Fassungen (die bis zum Jahr 1671 zurückreichen!) ist dieser Bezug noch nicht enthalten. Das Gedicht wurde aber im Laufe der Zeit mehrfach erweitert und verändert und in einer gedruckten Fassung um 1820 wird das &-Zeichen in der vorletzten Zeile erwähnt. Es fehlen hingegen noch die Buchstaben I und U, da zu jener Zeit zwischen der Schreibweise der Großbuchstaben I und J sowie U und V noch nicht unterschieden wurde, was das Fehlen der beiden Vokale erklärt.
The Tragical Death Of An Apple Pie
A An Apple Pie, B Bit it, C Cut it, D Dealt it, E Did eat it, F Fought for it, G Got it, H Had it, J Join’d for it, K Kept it, L Long’d for it, M Mourned for it, N Nodded at it, O Open’d it, P Peeped into it, Q Quartered it, R Ran for it, S Stole it, T Took it, V View’d it, W Wanted it, XYZ and ampersand all wished for a piece in hand.
Das Et-Zeichen wird in einigen geschriebenen Texten (oder sogar Headlines) bisweilen aus Bequemlichkeit, Gewohnheit oder Unbedachtheit oft auch als Ersatz für das geschriebene Wort »und« genutzt. Von dieser Verwendung raten jedoch professionell schreibende, lektorierende und textende Expert*innen ab. Bei Platznot oder in Eile geschriebenen Texten sollte ein »und« besser durch die Abkürzung »u.« ersetzt werden. Am besten lesen sich Texte jedoch, wenn sich die Verfasser*innen den Platz und die Zeit zum Ausschreiben des »und« nehmen und dem Ampersand seinen exklusiven Status, den es als altehrwürdige Design-Diva unter den Schriftzeichen aus meiner Sicht verdient hat, wohlwollend zugestehen. 🤓 🔠 👩🎤
Weiterführende Links
➡️ »Formenwandlungen der ET-Zeichen« (archive.org) ➡️ »The Story of the Ampersand« (blazetype.eu) ➡️ Zur Geschichte des »Apple Pie ABC« (wikipedia.org)
Heute gibt es mal einen Beitrag »außer der Reihe«, bei dem zwar die Typographie nur am Rande vorkommt, wohl aber ein visuelles Kriterium, das in der Typographie und Gestaltung mit Text eine große Rolle spielt: die Leserlichkeit bzw. »Entschlüsselbarkeit« der dargebotenen Inhalte. Eine Schrift kann noch so interessant oder ästhetisch aussehen – wenn die durch sie transportierte Botschaft nicht entziffert zu werden vermag oder deren Erfassung und Rezeption beeinträchtigt, wird sie ihrer Aufgabe als Kommunikationsmittel nicht gerecht. Man kann mit der Leserlichkeit spielen, wie es z.B. die Wortmarken von Death Metal Bands oftmals tun, aber dort, wo wichtige Inhalte vermittelt werden, ist das unangebracht oder kann – z.B. bei Warnhinweisen – sogar gefährlich sein. Und genauso schwer auf Anhieb zu dechiffrieren können auch (metaphorische) Bildinhalte sein.
Am letzten Tag des Jahres möchte ich daher gern noch eine Werbekampagne aus dem Jahr 2025 küren, die ich persönlich in der Umsetzung für bemerkenswert kontraproduktiv halte. Die Zielsetzung der »Plakatkampagne gegen Drogen und Ablenkung am Steuer« vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV), dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) und den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen sowie ihrem Spitzenverband, der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ist eine löbliche: Bewusstsein zu schaffen für das Risiko des Autofahrens unter dem Einfluss von Alkohol oder Cannabis bzw. für die Gefahren durch die Bedienung von Smartphones während der Fahrt. Die Plakatmotive dazu, die ich am Fahrbahnrand hängen sah, verursachten bei mir eher Irritation und beeinträchtigten stattdessen meine Aufmerksamkeit beim Fahren, denn ich war in den wenigen Sekunden des Vorbeifahrens (natürlich in angemessenem Tempo) schlicht nicht in der Lage, die Bildmotive zu »entschlüsseln«.
Auge und Gehirn arbeiten bei der Wahrnehmung der Welt primär nach zwei Maximen zusammen: »Muster erkennen« und »Vertrautes/Bekanntes von Fremdem/Neuartigem trennen«. Beides ist z.B. auch dafür verantwortlich, dass wir Tippfehler in Texten so leicht übersehen, denn oft gelesene, vertraute Wörter werden als Muster von Buchstaben erkannt, gelesen und verstanden, selbst wenn sie falsch geschrieben sind. Nur wenn ein Tippfehler ein Wort derart entstellt, dass die Vertrautheit verloren geht, stocken wir beim Lesen.
Die Bildmotive auf den Plakaten sind kreativ, aber meines Erachtens zu rätselhaft. Ein nicht maßstabsgetreuer Pkw, der – aus ungewohnter Perspektive, von oben dargestellt – nach unten in Bier mit Schaum obenauf fällt (nicht einmal die Kontur eines Bierglases wird als Dechiffrierhilfe gezeigt). Ein senkrecht in der Luft hängender Pkw, bei dem erst auf den zweiten Blick die abfallenden Fahrzeugteile erkennbar sind, von Rauchschwaden umhüllt und darunter ein überdimensionaler Joint, der auch eine schief gedrehte Zigarette sein könnte; dazu noch ein Wortspiel mit »high«. Und ein kryptischer, qualmender Fleck auf einer völlig leeren Fahrbahn, ohne Autowrack, nur eine Bremsspur.
Bei allen drei Motiven war mein erster Gedanke »Hä, was???«. Erst nach wiederholter Vorbeifahrt an anderer Stelle erschlossen sich mir nach und nach die Botschafts-, Bild-, Assoziations-, Text- und Anspielungs-Ebenen, die die Motive dem Betrachter neben- und übereinander zumuten. Das lenkt ab und bewirkt eigentlich das Gegenteil von dem, was beabsichtigt ist: Die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen. Für mich einer der rückblickend fragwürdigsten »Werbe-Fails« des Jahres 2025.
Die verwendete Schriftart für die Headlines ist übrigens die »FF DIN Pro Black« (Albert-Jan Pool, 1995–2009 für FontFont/Monotype).
Ich bin gespannt auf die Kampagne 2026 (so es eine geben wird) und hoffe, die macht das dann wieder besser. 😉
Frohes Neues Jahr, passt auf euch auf, kommt gut rein (und an), feiert schön und lasst das Auto im Zweifelsfall lieber stehen! 🤓 🔠 🚘
Das letzte typographische Montagsbonbon dieses Jahres entdeckte ich in der Nähe der historischen Fischauktionshalle in Hamburg-Altona, an der Fassade des gegenüberliegenden Design- und Interieur-Einkaufszentrums »Stilwerk«. Es war mal wieder eines der Fundstücke, an denen man – insbesondere als niedergelassener Einwohner der Stadt – zumeist achtlos vorbeiläuft, sofern man die vermeintlich schon dutzendmal gesehenen Gebäude nicht noch einmal bewusst betrachtet.
An der typischen Hamburger Klinkermauer sind drei Gedenkmarken aus Metall angebracht, die an die höchsten Wasserstände bei Sturmfluten in der jüngeren Geschichte der Hansestadt erinnern sollen. Auf das verheerendste Ereignis verweist interessanterweise die niedrigste der drei Markierungen – der Orkan »Vincinette« und die damit verbundene Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962, in deren Verlauf 315 Menschen ihr Leben verlieren und rund 100.000 Einwohner ohne Strom und Telefon und bei winterlichen Temperaturen vom Wasser stundenlang eingeschlossen waren. Der historisch hohe Pegel von 5,70 m über Normalhöhennull (NHN) überschwemmt nahezu alle Deiche und Dämme der Metropole; noch über Nacht treten 60 Dammbrüche auf. Rund 200 Wohnungen werden völlig zerstört, mehr als 700 massiv beschädigt. Über 11.000 Wohnungen sind anschließend vorübergehend nicht mehr bewohnbar, sodass etwa 20.000 Menschen für längere Zeit in Notunterkünften leben müssen. Die beherzten Handlungen und Hilfsmaßnahmen des damaligen Hamburger Polizeisenators Helmut Schmidt sind in die Geschichte eingegangen.
Seit dieser Flutkatastrophe wurden die Deiche in und um Hamburg massiv erhöht und die Innenstadt durch Hochwasserschutzmauern und -tore deutlich besser geschützt. Gegenwärtig ist Hamburg gegen Sturmfluten mit Deichen gewappnet, die einen Wasserstand zwischen 7,50 und 9,25 m ü. NHN zurückhalten können. Auch aus diesem Grund verliefen die Hochwasser der beiden weiter oben markierten, späteren Sturmfluten wohl glimpflicher als die erste.
Die mittlere der drei Flutmarken erinnert an zwei Hochwasser im Januar 1976. In diesem Monat trafen gleich zwei Sturmfluten im Abstand von nur 17 Tagen auf die deutsche und die dänische Nordseeküste, angestoßen durch eine dauerhafte Westwind-Wetterlage um den Jahreswechsel 1975/76 und den begleitenden Orkan »Capella«. Die erste, weniger schwere Flut mit einem neuen Rekordpegel von 6,45 Meter ü. NHN traf die Küstengebiete am 3. Januar 1976. Auch die darauf folgende, zweite Januarflut in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar richtete schwerere Schäden an und führte erneut zu Evakuierungen und Dammbrüchen. Beide hatten jedoch u.a. aufgrund des inzwischen verbesserten Hochwasserschutzes weniger gravierende Auswirkungen als die Flut 1962.
Die obere Flutmarke erinnert an das Hochwasser im Winter 2023, verursacht durch das Sturmtief »Zoltan«. Diese Sturmflut führte im Hamburger Elbgebiet am 22. Dezember zu einem maximalen Wasserstand von +3,33 m gegenüber dem mittleren Hochwasserstand. Autos mussten aus dem Flutgebiet entfernt werden, die Hochwassertore wurden geschlossen. Insgesamt jedoch war die Lage keinesfalls so dramatisch wie bei den beiden markierten Ereignissen zuvor.
»Zahlreiche Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Hamburg Wasser waren vor Ort, wie dpa-Reporter berichteten. Die Atmosphäre war entspannt.«
Update: Inzwischen kenne ich den Wert des höchsten Pegelstandes aus dem Jahr 2023 auch in der Messart »über NHN«, er entspricht 5,45 m. Seltsam daran ist, dass dieser Wert nicht – wie die Flutmarke 2023 an der Mauer – über den beiden Pegelständen von 1962 und 1976 liegt, sondern sogar unter dem Stand von 1962. Diese Unstimmigkeit versuche ich noch nachträglich aufzuklären.
Warum entschieden wurde, eine abweichende Schriftart für die Flutmarke 2023 zu nutzen, ist mir nicht bekannt. Eigentlich wirken die eigenwilligen, offenen Ziffern der beiden formal gleichartigen Marken aus den Jahren 1962 und 1976 auf mich nach wie vor modern, diejenigen der jüngsten Jahreszahl finde ich eher beliebig. Allein anhand der vier Ziffern lässt sich deren Schrift kaum verlässlich bestimmen. Bei den beiden älteren Marken gehe ich von eigens gestalteten Formen aus, insbesondere die 6 und die 9 lassen sich aus schmalen Metallstreifen in der Strichstärke der Ziffern vermutlich recht unaufwendig derart zurechtbiegen, die 1 muss überhaupt nicht gebogen werden, lediglich die 7 und die 2 erfordern aufgrund der spitzen Winkel wohl etwas mehr handwerklichen Aufwand.
Und wieder habe ich durch einen zufälligen Seitenblick wieder etwas über meinen Wohnort und dessen Geschichte gelernt. Allem voran, dass die höchste gemessene Flut nicht zwangsläufig die schwersten Schäden mit sich bringt – und dass vorausschauender Hochwasserschutz gar nicht genug wertgeschätzt werden kann.
Ich kann einfach nicht aufhören, obwohl Weihnachten ist. Für viele Menschen sind die Festtage auch – je nach ihren finanziellen Möglichkeiten – ein Anlass, sich mal »etwas Anderes« oder besonders Feines auf dem heimischen Speiseplan zu gönnen. Oder sie folgen bewusst einer familiären Tradition und servieren Kartoffelsalat mit Würstchen, Fondue, Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen oder Raclette.
Auch Fisch und Meeresfrüchte sind beliebte Gerichte an Weihnachten und Silvester: Räucherlachs, Garnelencocktail, Hummersuppe oder delikate Fischsalate stehen auf dem Speiseplan. Und – Karpfen. Mich selbst hat dieser Fisch, auch nach mehrmaligem Probieren und in wechselnden Zubereitungsarten, nie wirklich begeistert. Wohl aber in Form dieses famosen Posters, das ich kürzlich während des Wartens in der Kundenschlange bei meinem lokalen Hamburger Fischfachgeschäft an der Wand neben dem Tresen hängen sah und das heute das typographische Fundstück der Woche sein soll. Die Farben! Die Schriften! Die Illustration! Für mich wieder eines dieser kuriosen, aber wunderschönen Werbemotive (ähnlich der dreieckigen Papiertüte mit dem Aufdruck »Esst mehr Früchte und Ihr bleibt gesund!«), die seit den 1950-er oder 1960-er Jahren irgendwie in kleinen Spezialitätengeschäften und auf Wochenmärkten bis heute überlebt haben und nach wie vor genutzt werden.
Die Schriften auf dem Poster entsprechen keiner digitalisierten Schriftart, die ich finden konnte. Schade eigentlich, denn die Lettern des fetten »Karpfen«–Schriftzuges mit dem interessanten Knick im unteren Bein des K und dem freundlich gerundeten e machen mich neugierig, wie wohl das komplette Alphabet aussehen würde. Bei der Schreibschrift ging ich gleich von Anfang an davon aus, dass sie von einem Plakatmaler exklusiv nur für dieses Werbemotiv gestaltet wurde.
Wollte man das Werbemotiv mit aktuell erhältlichen Schriftarten nachempfinden, wären die Fonts »LP Pinselschrift« (Peter Langpeter für URW, 2008) und »Frisans Black« (Bo Berndal, 2005 für Monotype) eine geeignete Wahl.
Als Bonus zum Schluss hier noch die aktuelle Reihenfolge der zehn beliebtesten Weihnachtsgerichte in Deutschland, zusammengetragen aus verschiedenen Quellen der letzten beiden Jahre. Die Reihenfolge der Favoriten ist hierzulande offenbar bemerkenswert konstant:
Würstchen und Kartoffelsalat
Geflügel aus Ofen oder Bratpfanne, vor allem Gans und Ente
Raclette
Schweinebraten
Fondue
Rindfleisch (Steak, Schmorbraten, Roastbeef)
Fisch und Meeresfrüchte*
Wildgerichte
Vegetarische Speisen/vegane Gerichte
Sonstiges (z.B. Eintöpfe oder Bratwurst mit Sauerkraut)
Bei den Fischgerichten ist Lachs mit gut 60 % Beliebtheit der Spitzenreiter, gefolgt von Krustentieren wie Garnelen, Krabben und Scampi. An dritter Stelle steht die Forelle – der auf dem Plakat beworbene Karpfen folgt mit 20 % erst auf Platz vier.
Und warum stand ich im Fischladen an? Ich ließ mir vom Inhaber ein feines, gleichmäßig geschnittenes Stück Lachsfilet schneiden, das ich anlässlich der Feiertage zu Hause in eine aromatische, selbst kreierte Beize eingelegt habe. Hier das Rezept:
Hausgebeizter Graved Lachs mit Kaffirlimette und Hibiskusblüten
400 g Lachsfilet ohne Haut in Sushi-Qualität
14 g grobes Salz
20 g Zucker
1 TL Zitronenschalen-Abrieb
10–12 in feine Streifen geschnittene Kaffirlimetten-Blätter (TK, gibt’s im Asia-Markt)
Alle Gewürzzutaten bis auf den Schnaps miteinander vermischen und den Lachs damit rundum dick »panieren«. Dann vorsichtig den Ingwergeist darüber träufeln. Den marinierten Fisch mit allen eventuell abgefallenen Resten der Marinade entweder (dicht und ohne eingeschlossene Luft!) in Frischhaltefolie einwickeln und in eine flache Form oder einen tiefen Teller legen. Oder alles in einen Zip-Beutel umbetten, die Luft herausdrücken und ihn dicht verschließen. Der Lachs sollte im Kühlschrank 24 bis 48 Stunden in der Beize durchziehen, am besten das Paket währenddessen mehrfach bewegen und wenden.
Vor dem Servieren die Beize abspülen, den Lachs trockentupfen und noch einmal im Kühlschrank, fest in Folie gewickelt, einige Stunden ruhen lassen. Sodann mit einem scharfen Messer in feine Scheiben schneiden und auf dunklem Roggen- oder Vollkornbrot, z.B. mit etwas Frischkäse, verzehren. 🤓 🔠 🐟 😋
Weihnachten steht vor der Tür – und deshalb ist das typographische Montagsbonbon heute nichts Gefundenes, sondern was Selbstgemachtes. Nur mit Farbflächen und Buchstaben erstellt und von Hand animiert.
Ob ich am Freitag dieser Woche, wie üblich, ein ausführlicheres Fundstück poste, entscheide ich spontan, je nach Muße, Lust und Laune. Bis dahin vielen Dank fürs Liken, Boosten und Kommentieren meiner Einträge hier, feiert schön, lasst Euch herzerwärmend beschenken, umgebt Euch mit lieben Menschen, genießt feine Speisen, Trank und Festlichkeit und habt eine schöne Zeit! 🤓 🔠🎄🎅
Verwendete Schriftarten: J am Bildrand: Adobe Handwriting (Frank Grießhammer/Ernest March/Tiffany de Sousa Wardle), H: American Typewriter (Joel Kaden/Tony Stan, ITC), V: Bauhaus 93 (URW Type Foundry), T: Birch (Kim Buker Chansler, Adobe), U: Custard (Rian Hughes, Device), S: Engravers MT (Robert Wiebking, Monotype), M: Giddyup (Laurie Szujewska, Adobe), Q: ITC Edwardian Script (Edward Benguiat), W: ITC Portago (Luis Siquot), O: Kestrel Script (Alan Meeks), o: Kino MT (Martin Dovey, Monotype), E: Latin Wide (URW Type Foundry), I: Lucida Blackletter (Charles Bigelow/Kris Holmes, Monotype), L am Bildrand: Matura (Imre Reiner, Monotype) und Z: Party (Carol Kemp, ITC).