verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Ramponiert (Seite 1 von 4)

Wenn der Zahn der Zeit, Korrosion, UV-Strahlen und andere Kräfte auf Schrift und Schriftzüge einwirken, verändern sie sich unweigerlich. Manchmal bis hin zur Unleserlichkeit, gelegentlich aber auch interessant verfremdet.

16.10.2026

Noch einmal Potsdam. Das fotografierte typographische Fundstück besteht heute aus zwei gerahmten Kassetten an der Fassade eines Hauses in der Heinrich-Mann-Allee 23. Vor 1950 hatte die Straße einen anderen Namen und eine leicht abweichende Nummerierung, damals lautete die Adresse Saarmunder Str. 21 a.

Die beiden Inschriften auf den Flächen sind durch Verwitterung und Abblätterungen leider arg ramponiert und ein dahinter aufgetragener, älterer Schriftzug beginnt ebenfalls durchzuscheinen. Trotzdem möchte ich heute versuchen, dieses Relikt wieder lesbar zu machen und zu rekonstruieren.

Relativ gut erkennbar sind noch Fragmente des Namens und der Art des Betriebes. Der Inhaber hieß offenbar »Robert Rie…« und übte hier einst eine »Steinmetz…«-Tätigkeit aus. Ich habe im Netz nach weiteren Fotos des Hauses gesucht und wurde in der Tat fündig, wenngleich die weiteren Fotos nur aus Bildausschnitten bzw. stark verpixelten Bilddateien bestehen. In dem schlecht aufgelösten Titelbild eines Beitrags vom April 2011 im Tagesspiegel über eine angekündigte Sanierung des Gebäudes und dessen Umgestaltung zu einem Wohnprojekt ist in der Tat die komplette Beschriftung zu lesen: »Robert Riese. Steinmetz-Geschäft.« – die Punkte hinter den beiden Texten gehören tatsächlich dazu. Dass Herr Riese seine Werkstatt an dieser Adresse eröffnete, kam gewiss nicht von ungefähr, denn an der Heinrich-Mann-Allee 25 liegt direkt nebenan der 1867 eröffnete »Neue Friedhof«, geschaffen nach Plänen des berühmten preußischen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné. Ein Stück weiter, an der Hausnummer 106 derselben Straße, befindet sich der »Alte Friedhof« von 1736. Riese konnte seine prospektiven Kunden somit direkt in der Nachbarschaft akquirieren.

Die geisterhaft dahinter erkennbare Version benennt auf der ersten Tafel denselben Inhaber, auf der zweiten lese ich in zwei Zeilen »Ste[inme]tz Wer[kstatt]«. Der Betrieb scheint also dort eine längere Zeit tätig gewesen zu sein, zumindest lange genug, um sein Aushängeschild mindestens einmal erneuert zu haben. Anhand meines Fotos der linken Tafel habe ich einige noch einigermaßen gut erkennbare Buchstaben grob nachgezeichnet.

In historischen Adressbüchern der Stadt Potsdam taucht Herr Riese mit seiner Werkstatt – ausschließlich in Form textlicher Kurz-Einträge – erstmals im Jahr 1885 auf. Bis 1928 firmiert er unter »Riese, Robert, Steinmetzmeister«, 1930 lautet der Eintrag »Riese, Martha, Witwe« und 1934 wechselt er zu »Riese, Berta, Steinmetzgeschäft«. Wie schon öfter hier im Blog erzählen diese Einträge in kürzestmöglicher Form von dahinterstehenden familiären Schicksalsschlägen, Herausforderungen bei der Fortführung des Unternehmens und den damit verbundenen Nachfolgeregelungen bei der Geschäftsführung.

Zur Bestimmung bzw. Einordnung der Schriftart habe ich sowohl meine beiden eigenen Fotos herangezogen als auch das Titelbild einer Facebook-Gruppe zu dem zuvor bereits genannten Wohnprojekt namens »23 Riesen«.

»Der Verein 23 Riesen e.V. ist eine undogmatische, bunt gemischte Gruppe von alten und jungen Menschen, die in Potsdam ihren Traum vom bezahlbaren Wohnen in Gemeinschaft und im Einklang mit der Natur verwirklichen. Neben den beiden Wohngebäuden gehört zum Projekt ein großer Garten am Waldesrand.«

Quelle: martinswerk.de – »Projekte« | 23 Riesen e.V.

Zwar sind beide Tafeln eindeutig von Hand beschriftet worden, denn man kann noch schemenhafte Pinselstriche erkennen, aber der ausführende Schildermaler nahm sehr wahrscheinlich eine kommerziell vertriebene Schriftart vom Anfang des 20. Jahrhunderts als Vorlage. Es handelt sich um die »Behrens-Schrift«, entworfen im Jahr 1901 vom Designer und Typograf Peter Behrens (1868–1940). Behrens gilt u.a. als Erfinder der Idee des Corporate Design, die er seit 1907 in seiner Funktion als »Künstlerischer Beirat« für AEG umsetzen konnte, war 1915/1916, gemeinsam mit seiner Schülerin Anna Simons, beteiligt an der Gestaltung des Schriftzugs »DEM DEUTSCHEN VOLKE« am Berliner Reichstagsgebäude, gestaltete 1904 den amtlichen deutschen Katalog anlässlich der Weltausstellung in St. Louis/USA und entwarf auch mehrere Schriftarten. Die populäre Behrens-Schrift wurde zunächst von der Rudhard’schen Gießerei, später Gebr. Klingspor, vertrieben und fügt Elemente der Antiqua und der Fraktur zu einer eigenwilligen Jugendstil-Hybridschrift zusammen, die weiterhin den Schreibduktus eines Federkiels erahnen lässt.

Das digitalisierte Schriftmusterbuch der Rudhard’tschen Gießerei zur Behrens-Schrift beginnt mit einem ausführlichen Vorwort des Gestalters, in dem sich bereits Gedanken wiederfinden, die auf die Philosophie der 1919 gegründeten Bauhaus-Schule hindeuten:

»Es wird sich wohl heute kaum jemand mehr dem Eindruck verschließen können, daß auf allen Gebieten, die irgend eine Beziehung zu einer künstlerischen Fürsorge zulassen, sich neues Leben regt, daß alle Dinge unserer Umgebung, auch solche, die nur ganz äußeren Zwecken zu dienen scheinen, nach einer künstlerischen Berücksichtigung rufen. Wir haben das Verlangen, den überflüssigen Tand von uns weg zu tun und an seine Stelle das Praktische, Gediegene zu setzen, das seine Zweckmäßigkeit deutlich zur Schau trägt und seine Brauchbarkeit und Tüchtigkeit kennzeichnet.«

Quelle: »Behrens – Schrift und Zierat« (1902), Digitalisat der Universitätsbibliothk Heidelberg, S. 8

Und tatsächlich arbeitete Behrens wenige Jahre später mit einigen der bedeutendsten Wegbereiter des Bauhaus in seinem eigenen Berliner Architekturbüro zusammen.

»1907 zieht Behrens nach Berlin und eröffnet ein Architekturbüro, in dem alle bedeutenden Architekten der Moderne zusammen arbeiten: Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Im Oktober 1907 gründet er mit anderen Künstlern in München den Deutschen Werkbund. Anspruch ist es, eine ebenso standardisierte und sachliche wie ästhetische und qualitätvolle Formensprache für Industrieprodukte zu entwickeln.«

Quelle: visitberlin.de – »Architekten der Moderne«

Von der Behrens-Schrift existieren mehrere digitalisierte Fassungen unterschiedlicher Qualität und Formtreue, zum Beispiel von Solotype (Dan X, 2003), URW (Ralph Michael Unger, 2007), ingofonts (Ingo Zimmermann, 2008), Tipografos (Paulo Heitlinger, 2012) und als Freefont von Dieter Steffmann (2002).

Da der Schriftzug »Steinmetz-Geschäft« bei der Übermalung des ersten Schriftzuges in der rechten Fassadentafel statt in zwei Zeilen in einer untergebracht wurde, benötigte der Schildermaler eine passende, sehr eng laufende Schrift, mit welcher der Text auf dem begrenzten Platz unterzubringen war. Dafür scheint er selbst eine »Compressed«-Variante der Behrens-Schrift ausgearbeitet zu haben, denn die Formen der Buchstaben bleiben dem Original aus der linken Tafel sehr ähnlich, am besten zu erkennen ist das bei den Zeichen e, S/s und t.

Ich habe auf Basis der Behrens-Schrift und aller verfügbaren Fotos versucht, eine ungefähre Rekonstruktion der beiden Tafeln anzufertigen. Bei genauer Betrachtung der Fotos kann man außerdem erkennen, dass beide Schriftzüge mit etwas Abstand mit einer Art linearem Schatten in einem helleren Farb-/Grauton hinterlegt sind. Auch dieses dekorative Element floss in meinen Wiederherstellungsversuch ein.

Zur Zeit der Veröffentlichung der Behrens-Schrift wurden eine ganze Reihe ähnlicher Hybrid-Typen zwischen Fraktur und Antiqua, teils mit Elementen des Jugendstils, gestaltet. In dem Buch »Ausgewählte Druckschriften in Alphabeten« aus dem Jahre 1912 finden sich jedenfalls etliche Verwandte, unter anderem »Neudeutsch« (Otto Hupp, Genzsch & Heyse, 1900), »Augsburger Schrift« (Peter Schnorr, Berthold, 1901/1903), »Neugotisch« (Willi Wegener, Flinsch, 1903/1907), »Reichsdeutsch« (Wilhelm Gronau, 1904) und »Salzmannschrift« (Max Salzmann, Schelter & Giesecke, 1907).

Ich gehe daher davon aus, dass auch die neu gemalten Aushängeschilder der Steinmetzwerkstatt von Robert Riese etwa im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts angefertigt wurden. Und damals lag ihr Design mit Sicherheit voll im typographischen Trend. 🤓 🔠 ⚒️ 🪦

12.10.2026

Manchmal treffe ich auf meinen alltäglichen Wegen kurz nacheinander auf typographische Fundstücke, die zufällig in eine »Schublade« gehören. So auch bei einem Stadtausflug nach Berlin am letzten Wochenende. Beide geknipsten Ladenbeschriftungen in Charlottenburg bzw. Friedrichshain-Kreuzberg leiden offenbar gleichermaßen unter Ermüdungserscheinungen bei Schrauben oder Dübeln. Welche Schriftarten könnten es sein? Vielleicht »Downslide Black« (oben) und »Tumble Display« (unten)?

Nein, Spaß beiseite – es sind »Castle Ultra« (zugeschrieben Leslie Usherwood um 1968 oder Steve Jackaman/Linotype, 1975) und »Gecko« (Måns Grebäck, 2015). Die liegenden elliptischen Umlautpunkte oben beim Änderungsatelier sind in der Schriftart, welche auch als leicht abweichende Variante unter dem Namen »Salzburg« in Umlauf ist, tatsächlich so angelegt. Das S, fiel mir auf, wurde ca. 7° gegen den Uhrzeigersinn gedreht angebracht. Entweder war das von Anfang an so, oder es ist der Buchstabe, der als nächster abzurutschen droht. Und beim Dönerimbiss hoffen wir auf die dämpfende Wirkung der Markise, die hoffentlich verhindert, dass Passanten durch die Befestigungsschwäche bei o und K irgendwann Kopfschmerzen bekommen … 🤓 🔠 🔩 ⚠️

25.09.2026

Als ich vor wenigen Wochen in Kopenhagen war, führte mich mein Weg an einem der Tage in das kiezige Szeneviertel Nørrebro, das mich ein wenig an Belin-Kreuzberg erinnert. Auf der etwa anderthalb Kilometer langen Wegstrecke zwischen den Metrostationen Nørrebros Runddel und Nørrebro ließ ich natürlich sowohl an der Hauptstraße als auch in die kleinen Seitenstraßen hinein meinen Blick schweifen, um schöne neue typographische Fundstücke zu finden. Und in der Nebenstraße »Sorgenfrigade« entdeckte ich oberhalb eines Schaufensters dieses farbenfrohe alte Schild:

In den Geschäftsräumen an dieser Adresse befindet sich mittlerweile kein Geschäft mit »Möbel-Ausverkauf« mehr, sondern die Kopenhagener Niederlassung des 2018 gegründeten dänisch-guatemaltekischen Social-Business-Labels »Pura Utz«. Statt Sofas, Tischen und Stühlen zum Sonderpreis werden in dem Laden nun Perlentaschen, Modeschmuck und andere Accessoires angeboten, die im Auftrag der beiden Gründerinnen Bernabela Sapalú (🇬🇹) und Anna Waller Andrés (🇩🇰) von fair entlohnten Kunsthandwerker*innen in Guatemala gefertigt werden.

Das handgemalte Schild ist vom Zahn der Zeit mittlerweile ziemlich angenagt worden, aber die Farben wirken noch frisch und leuchtend. Die Schrift mit den kurzen Ober- und Unterlängen und der prägnanten x-Höhe entspricht keiner mir bekannten kommerziellen Type. Die auffälligsten Besonderheiten des Schriftzuges sind das weit gespreizte M, der Querstrich im ø, der nicht über die Zeichenkonturen hinausragt, das kleine b, dessen senkrechter Hauptstrich nicht auf der Grundlinie aufsetzt, sondern in der Rundung des Bauchs aufgeht, die extrem eng ausgestalteten oberen Bögen bei s und a sowie die gestutzte Unterlänge des g. Bei der Rekonstruktion der abgeblätterten Regionen der Buchstaben war das U die größte Herausforderung, denn durch den stark beschädigten Farbauftrag war seine ursprüngliche Form nicht mehr auf den ersten Blick identifizierbar. Entweder besaß es nur einen »normalen« einfachen unteren Bogen, oder aber – zwar eher selten vorkommend, aber möglich – einen zusätzlichen senkrechten Abstrich auf der rechten Seite, wie es z. B. beim »Alternates«-Schnitt der Schriftart »Montserrat« (Julieta Ulanovsky, Google Fonts, 2011) als alternative Zeichenform angelegt ist.

Zum Glück konnte ich im Netz jedoch noch ein weiteres Foto des Werbemotivs finden, bei dem die Verwitterung noch nicht so weit fortgeschritten war und somit war die korrekte Form des U geklärt. Auf diesem Foto aus dem Jahr 2022 ist außerdem erkennbar, dass zuvor in den Räumen ein Waschsalon betrieben wurde, denn auf den mit Packpapier verhängten Schaufenstern finden sich diesbezüglich noch aufgeklebte Angebotstexte.

Auf den ersten Blick leicht zu übersehen, aber beim Nachbauen um so offensichtlicher wurde das Detail, dass der orangerote 3D-Schatten hinter dem Schriftzug nicht konsequent den Formen der gelben Buchstaben folgt. Schaut man sich die Innenräume in den Schattenformen der Zeichen ø, b, e, d, a und g an, bemerkt man, dass diese teilweise deutlich kleiner ausfallen als bei den Buchstaben im Vordergrund – wohl etwas künstlerische Freiheit seitens des Schildermalers bzw. der Schildermalerin.

Zu dem früher dort präsenten Möbel-Outlet war in den Weiten des Internet kaum etwas zu finden – insbesondere keine weiteren älteren Fotos oder Werbeanzeigen. In digitalisierten historischen Telefonbüchern aus dem Bestand der Kopenhagener Bibliothek fand ich zu der Adresse immerhin textliche Einträge, die dafür sprechen, dass ein dort bereits ansässiger Möbeltischlermeister namens Carl Andersen sich 1934 mit einem Kollegen namens Axel Christian Lund zusammenschloss. Ab 1935 bis zum Jahr 1963 firmierte der Betrieb an dieser Adresse dann unter »Lund A Chr. Møbelhdl.«. 1964 wechselt der Firmenname für ein Jahr zu »Schiller Benny Møbelh.«, danach finden sich keine Einträge mehr für diese Branche.

Gehen wir also davon aus, dass das gemalte Motiv ein Überbleibsel der fast 30jährigen Geschäftstätigkeit der beiden Möbeltischler ist. Und für sein Alter von mindestens 63 Jahren sieht es eigentlich noch recht frisch aus. 🤓 🔠 🪑

18.09.2026

Sowohl im Rahmen des Angebots an legal kostenfreien Schriften als auch im Sortiment kommerzieller Anbieter gibt es jede Menge Schriftarten, die man mit dem Label »Grunge« versehen könnte. Sie besitzen bewusst ausgefranste, zerhackte, poröse, verpixelte, gekratzte, erodierte, gestempelte, verwitterte, gesprühte oder gekleckste Zeichenformen, bisweilen hart an der Grenze zur Lesbarkeit. Manche dieser Schriften basieren auf »ordentlichen« Blaupausen, wie etwa die Schrift »Frankie« (Juan Dávila/Laura Meseguer für Type-Ø-Tones, 1992), deren Vorlage die »Franklin Gothic« von Morris Fuller Benton aus dem Jahr 1904 ist. Durch wiederholtes Fotokopieren und andere digitale und analoge Manipulationen entstand so eine »dreckige« Variante des Originals, deren rotziger Charme allerdings am besten in kleinen bis mittleren Schriftgraden zur Geltung kommt. Bei größerer Darstellung wirken die Pfadkonturen der zerfaserten Zeichen nicht mehr organisch genug, man erkennt die vereinfachte Nachzeichnung der erodierten Strukturen und dadurch verschwindet ihre Authentizität – die Schrift wirkt plötzlich »künstlich«.

Viel spannender finde ich daher Fundstücke, bei denen der Grunge-Effekt durch natürliche Alterungs- und Verwitterungsprozesse entsteht. Wie zum Beispiel das heutige Exponat, das ich Anfang Juli in Hamburg auf einem Container am Wegesrand entdeckte.

Die fetten weißen Ziffern wurden aus weißer, selbstklebender Kunststofffolie auf den lackierten Untergrund aufgeklebt. Aufgrund des Standortes unter freiem Himmel führen die UV-Strahlung des Sonnenlichts, Temperaturschwankungen sowie chemische Alterungsprozesse innerhalb der Folie unweigerlich zu Veränderungen. Manchmal altert der Klebstoff zuerst und verliert seine Haftwirkung. In diesem Fall löst sich die ansonsten noch halbwegs intakte Folie meist vom Rand her ab, rollt sich ein und fällt schließlich irgendwann ab (siehe Beispiel hier). Das war hier jedoch offensichtlich nicht der Fall, der Klebstoff scheint bis heute bombenfest zu halten. Stattdessen fand bei der Folie, vermutlich wärmebedingt, ein Schrumpfungsprozess statt, der dazu führte, dass an prädestinierten Schwachstellen des Materials Risse in der Folie entstanden und sich die aufgeklebten Flächen in viele kleine Fragmente auflösten. Solche Schwachstellen sind bei Schriftzeichen insbesondere die innenliegenden Winkel der Konturen, wo bei der Anfertigung im Folienplotter durch den abrupten Richtungswechsel der Schneideklinge winzige Einschnitte entstehen, die leicht zu ersten Ausgangspunkten solcher Risse werden.

Die Schriftart, in der die beiden Ziffern gesetzt sind, kam mir zwar von Anfang an irgendwie bekannt vor, aber eine exakte Identifikation ist mir nicht geglückt, auch, weil lediglich zwei Ziffern eine doch recht dürftige Probe für einen Abgleich darstellen. Am nächsten kommt den Formen der Klebe-Fünfzehn die Schriftart »Pressio No. 54 Bold« von Max Phillips (Signal Type Foundry, 2018).

Und natürlich haben sich haupt- und nebenberufliche Typedesigner auch der Kreation von Schriftarten mit ähnlichen Rissmustern versucht. Drei der aus meiner Sicht gelungeneren Beispiele – alle abseits großer kommerzieller Schriftanbieter zu finden – sind die »Before Collapse« von Galdino Otten, die allerdings eher bröckelndes Gestein zitiert, die »Crackvetica« von Xerographer mit der Struktur rissiger Farbe und »Fracture Dreams«, die an zersplittertes Glas erinnert.

Aber so schöne Folienrisse wie im Foto oben gibt es bislang anscheinend nur in der physischen Welt. 🤓 🔠 🫟

07.09.2026

Das typographische Bonbon am Montag fällt mal wieder in die Kategorie »Schriftschatten«. Das sind Fundstücke, bei denen nur noch Verwitterungsspuren, Farbreste, Aussparungen im Wandputz oder ähnliche Überbleibsel erahnen lassen, wie ein einst angebrachter Schriftzug einmal ausgesehen hat oder ausgesehen haben könnte. Es gab hier im Blog schon einige Beispiele dieser Art, etwa den Schatten der Beschriftung an einer einstigen Karstadt-Filiale.

Der Schriftschatten heute stammt aus der Fußgängerzone in Uelzen, wo ich kürzlich aufgrund eines unfreiwillig verlängerten Umsteigehaltes bei einer Zugfahrt etwas Zeit zum Herumstromern in der Innenstadt hatte.

Wahrscheinlich handelte es sich bei der früheren Installation um zwei be- oder hinterleuchtete Schriftzüge. Ich folgere dies daraus, dass die »Unterstreichung« der zweiten Zeile auf eine Kabelschiene hindeutet, welche die Leuchtelemente in den einzeln stehenden Buchstaben von unten mit Strom versorgte. In der ersten Zeile sind die Schreibschrift-Buchstaben auch ohne eine solche Schiene miteinander verbunden, sodass die Verkabelung ohne ein zusätzliches Verbindungselement möglich war.

Wie lange es her ist, dass die Beschriftung abgenommen wurde, konnte ich nicht ermitteln, da ich online keine Fotos des Gebäudes auffand, auf denen sie noch vorhanden war. Auch auf einem Foto bei Google Maps vom April 2022 ist sie bereits demontiert. In einer alten Broschüre »Dein Bundesgrenzschutz-Standort UELZEN« aus dem Jahr 1968 hatte der Versicherungsmakler jedoch bereits sein Büro an dieser Adresse eröffnet, denn er wirbt mit einem Inserat in dem Heft für seine Dienste. Vielleicht befand sich auch damals schon seine Leuchtreklame an dem Gebäude – der Stil der Schreibschrift jedenfalls würde aus meiner Sicht gut in die Zeit der späten 1950er- bis frühen 1970er-Jahre passen.

Der Namensschriftzug an der Fassade ist sehr wahrscheinlich ein individueller Entwurf. Die Buchstaben in der zweiten Zeile erwecken zwar auf den ersten Blick den Eindruck, aus einer kommerziellen Schriftart gesetzt zu sein, aber es gibt einige Ungereimtheiten. So wirken etwa H, U und N im Vergleich zu den restlichen Zeichen viel zu schmal. Ungewöhnlich ist auch, dass die Enden der Bögen im S nahezu waagerecht abzuschließen scheinen, die Bögen bei C und G jedoch deutlich diagonale Strichenden haben. Üblicherweise finden sich bestimmte Winkel, Proportionen und Gestaltungsmerkmale bei einer Schriftart an formverwandten Zeichen im gesamten Glyphenrepertoire durchgängig wieder. Ich vermute daher, dass zwar eine bestimmte Schriftart als Vorlage für den Werbeschriftzug gedient haben könnte, aber die ausführenden Werbetechniker*innen diese frei interpretiert haben.

Die nächsten Verwandten zum Schriftbild der Unterzeile, die ich finden konnte, sind die »Avant Garde Gothic Condensed Demi Bold« (Ed Benguiat für ITC International Typeface Corporation, 1974) und die »Flink Neue Compressed Bold« (Moritz Kleinsorge, Identity Letters, 2023). Letztere wurde zwar erst nach Schließung des Versicherungsbüros veröffentlicht, orientiert sich jedoch an frühen Klassikern aus der Gruppe der geometrischen serifenlosen Schriften aus den 1920er-Jahren wie Futura, Erbar und Kabel – und an der Avant Garde Gothic.

Mehr war über Herrn Lange und sein Gewerbe diesmal leider nicht in Erfahrung zu bringen. Und sollten irgendwann auch noch die Bohrlöcher in der Fassade zugespachtelt und übermalt werden, verschwänden auch noch diese öffentlich verbliebenen Spuren seiner einstigen Geschäftstätigkeit. 🤓 🔠 🫥

07.08.2026

Ich denke, das Gebäude in Stendal, von dem das heutige typographische Freitagsfundstück stammt, kann man getrost als »Bauruine« bezeichnen. Ich hatte mein Auto in der Nähe des Bahnhofs abgestellt und als ich auf meinem Weg an diesem Eckhaus vorbeikam, fielen mir die stark verwitterten Reste der Inschriften »ZIGARREN | ZIGARETTEN« und »WEINE« auf den Flächen über den mit Brettern vernagelten Fenstern schon von weitem auf.

Auf der unteren Fläche ist schemenhaft rechts neben dem E noch ein helleres N zu erkennen. Die Gesamtansicht des heruntergekommenen und sicherlich einst stattlichen Hauses ist bei Google Maps dokumentiert.

Das Haus an der Ecke Bahnhofstraße/Frommhagenstraße gehört zur sogenannten Bahnhofsvorstadt, die nach der Eröffnung des Stendaler Hauptbahnhofs (1871) systematisch bebaut wurde. Die Stadt selbst führt dieses Areal heute als erhaltenswertes Gründerzeitensemble. Stilistisch kann der reich verzierte dreigeschossige Eckbau mit den markanten Dreiecks- und Segmentgiebeln oberhalb der Fenster dem Historismus bzw. der Neorenaissance zugeordnet werden und dürfte etwa zwischen 1885 und 1905 erbaut worden sein.

Welche Art Geschäft es war, das die Tabakwaren und Weine verkaufte, konnte ich nicht rekonstruieren. Auch die Geschichte der dort ansässigen Gewerbe scheint im Laufe der Zeit sehr wechselhaft gewesen zu sein. In der offenen Facebook-Gruppe »Stendal – Meine Heimatstadt (Vergangenheit und Gegenwart)« fand ich ein Posting mit u.a. drei Scans historischer Ansichtskarten, auf denen das Gebäude abgebildet ist. Die Karten sind allerdings nicht datiert. Auf zweien der Fotos wird auf Tafeln links und rechts neben dem Eingang für das angebotene Sortiment geworben, auf einem davon sind sogar alle vier Schriftzüge leserlich: »Drogen · Colonialwaren · Cigarren · Cigaretten«. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die heute noch sichtbaren Reste der Beschriftungen an der Fassade in jener Zeit ihren Ursprung hatten. Auf derselben Postkarte verweist ein Schild im oberen Stockwerk nach links in die Seitenstraße hinein auf ein »Central Hotel · Zieraus Hotel · Restaurant · Wiener Café«. Auf beiden Postkarten sind (noch) keine Automobile zu sehen, ein unscharfes Gefährt im Hintergrund des einen Motivs ist womöglich ein Pferdefuhrwerk und hier scheinen die Straßen noch nicht asphaltiert zu sein, denn in der braun kolorierten Fläche sind etliche schmale Reifenspuren zu sehen. Dies dürfte somit die älteste der Ansichtskarten sein. Im Gegensatz dazu sieht man auf einer weiteren der geposteten Postkarten sehr wohl einige frühe Pkw, die Straßen wirken planiert und autotauglich und die Texte auf den Werbetafeln am Eingang haben sich geändert. Links und rechts sind sie zwar klein und unleserlich, doch über dem Eingang steht nun »Restaurant · Gaststätte«.

In der besagten Facebook-Gruppe existiert auch noch ein etwas späterer Eintrag, in dem ein User explizit nach der Geschichte dieses Bauwerks fragt. Neben einigen nicht verifizierbaren Antworten decken sich aber mehrere Erinnerungen, dass zu DDR-Zeiten im Erdgeschoss ein Lokal namens »Zur Drehscheibe« existiert haben soll. Eine andere Userin ergänzt: »[Nach] 1998 zog keiner mehr ein«.

Bestätigt wird der jahrzehntelange Leerstand auch durch einen lokalen Pressebericht:

»Die guten Zeiten, als das reich verzierte, stattliche Gebäude zu den architektonischen Aushängeschildern der Stendaler Bahnhofsvorstadt gehört hat, sind längst vorbei. Fenster mit Holzplatten versperrt, die Rollläden heruntergelassen, bröckelnde Fassade. (…)

Nach Kenntnis der Stadt plane der Eigentümer derzeit keine Sanierung des Gebäudes.«

Quelle: volksstimme.de – »Einst stattlich, heute gefährlich« (14.04.2021)

Die Beschriftungen in meinem Foto lassen nur noch wenige Merkmale erkennen, die eine Datierung ermöglichen. Etwas idealisiert könnte einer der Schriftzüge anfangs ungefähr so ausgesehen haben (Beim N musste ich ein wenig spekulieren, da an der Fassade nicht mehr genau zu erkennen ist, wo die Diagonale unten in den Stamm mündet):

Die frühesten kommerziellen Schriftarten mit erkennbarer formaler Verwandtschaft zu meiner Rekonstruktion, die ich finden konnte, waren »Berthold Block« (Hermann Hoffmann für H. Berthold AG, 1908) für das Wort »ZIGARREN« und »Wedding Gothic Wide« (American Type Founders, 1901) für das ungewöhnlich breit laufende »WEINE«.

Wären dieses oder das darauffolgende Jahrzehnt zutreffend für die Entstehung der Beschriftungen, deckte sich dies auch ungefähr mit der Schätzung zur Errichtung des Hauses sowie der Zeit der beginnenden Verbreitung des Automobils, aus der die oben erwähnten Postkartenmotive stammen.

»Um dem Automobil eine höhere Akzeptanz zu geben und sogar ein wachsendes Interesse auszulösen, rührten Automobilvereine wie der 1903 gegründete Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) und in wachsender Zahl auch Medien die Trommel für das neue Fahrgerät.«

Quelle: BPB – »Kleine Geschichte des Automobils in Deutschland«

Aufgrund der dünnen Faktenlage kann ich natürlich nur vermuten, dass die fotografierten Schriftzüge zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Es ist schließlich ohne weiteres denkbar, dass die Anbringung erst später geschah und bewusst auf etwas älter »getrimmt« wurde.

Dass allerdings das vernachlässigte und ungehindert weiter verfallende Bauwerk selbst inzwischen fast noch älter aussieht als die darauf verbliebenen typographischen Relikte, finde ich noch wesentlich bedauerlicher an der heutigen Geschichte. 🤓 🔠 🏚️ 😞

20.05.2026

Zwischendurch springen wir heute zur Abwechslung nach Hamburg. Nach einem dienstlichen Termin in der Nähe des Hamburger Fischmarkts nutzte ich vor einigen Tagen die Gelegenheit, den Weg von dort aus zu meinem nächsten Anlaufpunkt durch mir unbekannte Straßen und Stadtviertel zu Fuß zurückzulegen. Und wie zu erwarten, sprangen mir auf den rund 3 Kilometern Wegstrecke gleich wieder reichlich neue typographische Fundstücke vor die Kameralinse.

Das erste war ein aus Kunststoff ausgeschnittenes, rundes Emblem, das in etwa 2 m Höhe an einem Brückenpfeiler angebracht war. Ich fand sowohl die Botschaft als auch die Umsetzung sehr ansprechend, weshalb ich das schon etwas ramponierte Objekt im unteren Bild digital noch einmal rekonstruiert habe.

Die Aufteilung des Wortes in vier einzelne Buchstaben auf einer geviertelten Fläche erinnerte mich ein wenig an das berühmte – ebenfalls typographische – Werk »LOVE« des Pop-Art-Künstlers Robert Indiana aus dem Jahr 1964.

Der/die Hamburger Künstler*in ist leider unbekannt und das Exponat hängt auch nicht in einem Museum. Doch manchmal findet man auch in einer Guerilla-Freiluftgalerie wie dieser durchaus sehenswerte Werke, finde ich. 🤓 🔠 💟


Update, 21.05.2026: Ein Leser wies mich darauf hin, dass das gleiche Motiv – wenngleich in anderer Farbigkeit – unter den Stickreferenzen eines Textilveredelungsunternehmens aus Kassel auftaucht. Die schwarzweiße Motivumsetzung, die mittels reverser Bildersuche ausfindig zu machen ist, trägt den Dateinamen crowns-for-street.png. Als ich dann wiederum nach »Crowns for Street« suchte, gelangte ich zum Instagram-Profil eines unter diesem Pseudonym hauptsächlich in Kassel tätigen Streetart-Künstlers. Sein rundes »Love-Logo« findet sich dort in allerlei Größen und Varianten wieder und ist im Straßenland der hessischen Großstadt ebenfalls in ähnlicher Größe und Platzierung wie das Exemplar in Hamburg anzutreffen. Nun kennen wir den Künstler! 🙂

»Geht man den Fußgängerweg an der Frankfurter Straße ein Stück entlang, sieht man von dort aus an der Seite der Brücke ein hellgraues Love-Logo von Crowns For Street. Mit diesem runden Markenzeichen, das der Kasseler Streetart-Künstler wie eine Art Schild zumeist an höher gelegenen Stellen anbringt, verbreitet er seine einfache, aber manchmal schwer in die Tat umzusetzende Botschaft: ›Love is the answer!‹ Neben den rund 50 Zentimeter großen Varianten begegnet man an den Laternen oder Wänden im Stadtraum auch immer wieder Abwandlungen dieses Logos, beispielsweise in Form der angekleb-
ten Kronkorken, die den ›Love‹-Schriftzug hinter einer Schicht von
Epoxidharz enthalten.«

Quelle: »Spaziergangsführer STREET-ART TO GO – Unterwegs zur Kunst in Kassels Straßen« (PDF) – via cdw-stiftung.de

27.04.2026

Wie jeden Montag habe ich für heute wieder einen Schnappschuss vorbereitet, diesmal einen, der auf der Durchfahrt durch das Dorf Schönfeld im Landkreis Stendal entstand. Schon mehrmals war mir dort an einem alten Backsteingebäude, das aussieht, wie eine Scheune oder ein Stallgebäude, die verwitterte, aufgemalte schwarzweiße Schrifttafel mit dem Wort »Ausspannung« aufgefallen. Diesmal hatte ich genug Muße, um kurz anzuhalten und ein Foto davon zu machen.

Das seit 2020 zur Gemeinde Kamern gehörende Dorf Schönfeld wird erstmals im Jahr 1420 urkundlich erwähnt und beging 2020 seine 600-Jahr-Feier. Insofern ist die Annahme realistisch, dass es sich bei dem Anwesen früher um ein Gasthaus mit oder ohne Übernachtungsmöglichkeit handelte, in dem Reisende, die mit Pferdekutschen unterwegs waren, eine Rast einlegen konnten, um die Tiere zu verpflegen und sich selbst ebenfalls zu stärken und auszuruhen.

»Der Ausspann, regional auch die Ausspanne, ist eine früher übliche Bezeichnung für ein Gasthaus oder eine Schänke an alten Handelsstraßen, das Raum zur Unterbringung von Pferden und Wagen der Reisenden bot.

Auf langen Handelsreisen war es erforderlich, Übernachtungspausen einzulegen. Der Begriff ›Ausspanne‹ weist auf ein Gasthaus mit der Möglichkeit zum Ausspannen der Pferde aus den Fuhrwagen und Kutschen hin, also auf die Übernachtung der Reisenden und das Unterstellen der Tiere im Stall. Allgemein wurden solche Gasthäuser auch als Ausspannwirtschaft oder Ausspannlokal bezeichnet.

Im heutigen Sprachgebrauch ist das Verb ausspannen (sich erholen, entspannen) noch gebräuchlich, obwohl sein wörtlicher Sinn verloren gegangen ist.«

Quelle: Wikipedia – »Ausspann«

Bestätigt wird die Annahme, dass es sich um ein Wirtshaus handelt, auch hier wieder durch ein »Geisterbild« des Wortes »Gaststätte«, das in der rechten unteren Ecke der bemalten Fläche schemenhaft erhalten blieb. Die exakte typographische Gestaltung ist zwar auf diesem Wandbild auf der Nordseite nicht mehr rekonstruierbar, aber – o Wunder! – auf der Südseite desselben Gebäudes befindet sich direkt gegenüber ein zweites, gleich großes Motiv, auf dem zwar der Schriftzug »Ausspannung« deutlich schwächer erkennbar ist, aber die Gaststättenwerbung die Zeit besser überdauert hat. So konnte ich mithilfe kontrastverstärkender Bildfilter und anderen Nachbearbeitungen ziemlich gut rekonstruieren, wo der Schriftzug stand, wie er in etwa proportioniert war und was dort auf den anscheinend identisch beschrifteten Flächen einst stand. Links sind die beiden Großbuchstaben »HO« erkennbar – die Beschriftung bewarb somit eine »HO-Gaststätte«, eine Kette mit Restaurantbetrieben, die von 1948 bis 1990 in der ehemaligen DDR betrieben wurde. Und auf dem zweiten Wandbild ist klar erkennbar, dass es sich um eine »KOMMISSIONS(-)Gaststätte« handelte.

Interessant ist, dass die ältere Beschriftung, die auf die Pferdefuhrwerke hindeutet, auf der Nordseite kräftiger erscheint als die HO-Gaststätten-Beschriftung, die ja erst nach 1948 entstanden sein kann. Ich vermute, dass der neuere Farbauftrag die Witterungseinflüsse aus irgendeinem Grund schlechter verkraftet hat als die darunter befindliche, ältere Beschriftung – zumindest auf einer Seite des Gebäudes.

Bei dem Gaststättenmotiv fielen mir insbesondere die seltsam »tiefliegenden« S im Wort »KOMMISSION« auf und die beiden markant geschwungenen S bei »Gaststätte«. Vielleicht hatte der oder die Schildermaler*in ja eine Vorliebe für eine gewisse Extravaganz speziell bei der Gestaltung dieses Buchstabens.

Bei dem älteren Schriftzug »Ausspannung« fand ich zudem die Ähnlichkeit des kleinen g mit dem kleinen g in einem anderen historischen Werbemotiv aus Trebbin spannend, rund 100 km Luftlinie entfernt, das in meinem Foto zum Blogbeitrag vom 20.03.2026 auftaucht und dessen Entstehungszeit ich auf Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt hatte. Vielleicht wurden ja beide Motive etwa zur selben Zeit angebracht?

Es bleiben also mal wieder ein paar Fragezeichen stehen, denn weitere Details zu dem Gebäude und dem Wirtshaus blieben leider trotz meiner Nachforschungen im Dunkeln. Also: Zeit, den Rechner zuzuklappen und bei einer Tasse Kaffee erstmal ein bisschen auszuspannen … 🤓 🔠 🐴

18.03.2026

Weil hier bei mir gerade so viele neue Fundstücke aus Kopenhagen auflaufen, gibt’s heute mal ein Bonus-Posting außer der Reihe. Ein schriftlicher Hinweis an einem Hauseingang, der mit einer Art Rubbelbuchstaben auf Glasbausteinen aufgetragen worden zu sein scheint, denn wären die Buchstaben aufgemalt, hätte z. B. das E in der drittletzten Zeile nicht verrutschen können. Selbstklebende Folienbuchstaben können es eigentlich auch nicht sein, denn dafür sind die starken Abtragungen und Verwitterungen untypisch. Für die aufwendigste Möglichkeit – eine von Hand aufgemalte Beschriftung – sprechen die Formabweichungen, die man gut an den Doppelbuchstaben TT, kk, pp, MM, KK und PP beobachten kann. Vielleicht ist es auch eine Mischung verschiedener Beschriftungstechniken.

Die Schriftart ist aus meiner Sicht von der »Friz Quadrata« (Ernst Friz für Visual Graphics Corporation/ITC, 1966) inspiriert. Aber auch hier gibt es so viele Abweichungen in Details, dass eine individuelle Gestaltung der Zeichen wahrscheinlich scheint.

Der Hinweis auf Dänisch lautet: »Bude skal benytte køkkentreppen om hjørnet ↢ da ejendommens beboer ikke modtager varer ad hovedtrappen«. Auf Deutsch: »Lieferanten mögen/sollen die Küchentreppe um die Ecke benutzen ↢ da die Bewohner des Hauses keine Lieferungen über die Haupttreppe entgegennehmen«.

Und ich weiß jetzt, dass das dänische Wort »Bude« nichts – wie ich zunächst annahm – mit den Räumlichkeiten des Hauses zu tun hat. 🤓 🔠 😬

27.02.2026

Über das heutige Fundstück freue ich mich wieder ganz besonders, weil ich zwar auf der Spurensuche nur extrem wenige Informationen darüber im Internet gefunden habe, aber trotzdem genug, um hinter die Geschichte dieses Schriftzugs blicken zu können.

Ich entschied mich an einem Tag, der mich zu einem Business-Termin nach Berlin führte, im Anschluss an das Meeting einen längeren Fußweg durch die Stadt zu machen. Zum einen wollte ich nicht den ganzen Tag nur träge an Tischen und in Öffis sitzen, sondern zur Abwechslung auch mal den Schrittzähler im Phone aktivieren, zum anderen ergab sich ein Weg durch Straßen und Viertel, in denen ich – trotz meiner regelmäßigen und häufigen Aufenthalte in der Hauptstadt – ansonsten selten unterwegs bin.

Mein Weg führte mich durch Schöneberg, von der Station U+S Yorckstraße zum Europa-Center an der Gedächtniskirche. An der Hausfassade des Gebäudes Potsdamer Straße 164 fiel mir über den Fenstern im ersten Stock dieser grandiose nostalgische Schriftzug auf. Ein Geschäft oder Gewerbe dazu konnte ich im Haus indes nicht (mehr) ausmachen. Spannend!

Die wunderschön gestalteten Buchstaben, allen voran das funkensprühende R und das flammende d, weckten sofort meine Neugier. Nur zu gerne wollte ich wissen, wann und wofür die Leuchtschrift einst warb. Auf der Website des Landesdenkmalamts Berlin konnte ich anhand eines Fotos aus dem Jahr 2005 in einem Eintrag zu dem betreffenden Gebäude anhand des »Verwitterungsschattens« auf dem Wandputz einen inzwischen fehlenden Teil des Schriftzuges identifizieren. Der vollständige Text lautete »Radio-Brée«. Der Bindestrich, der damals noch vorhanden war, ist inzwischen ebenfalls verschwunden. Eine vergleichbare kommerzielle Schriftart konnte ich nicht ermitteln. Die Buchstaben für die Wortmarke sind vermutlich eigens für diese Lichtreklame entworfen worden.

Nun hatte ich einen Namen und konnte weiter recherchieren. Am 23. Januar 1912 erfolgte offiziell die Gründung der »Wilhelm Brée Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. Gegenstand des Unternehmens war »… die Herstellung und der Vertrieb von Zubehörteilen zu Musikinstrumenten sowie die Vertretung von Häusern, die derartige Artikel herstellen und vertreiben, insbesondere der Fortbetrieb des vom Kaufmann Wilhelm Brée in Berlin bisher allein betriebenen Handelsgeschäfts dieser Art.«

Befasste sich das zuvor bereits seit 1908 existierende Handelsunternehmen des Gründers noch mit dem »Erwerb und (…) Vertrieb von Schreibmaschinen und von Sprechmaschinen«, so führte die rasante Entwicklung der Rundfunktechnik und Unterhaltungselektronik offenbar dazu, dass man sich auf diesen vielversprechenden neuen Geschäftszweig konzentrierte. Es folgten florierende Jahre, in denen das Geschäft Plattenspieler, Radiogeräte und vor allem Schallplatten an die Frau und den Mann brachte.

Durch die für den Publikumsverkehr günstige Lage in der Nähe des sowohl kulturell als auch politisch oft genutzten großen Veranstaltungszentrums »Berliner Sportpalast«, das nur acht Hausnummern entfernt in der Potsdamer Straße 172 ansässig war, wurden permanent reichlich Kunden auf das Geschäft aufmerksam und bescherten ihm gute Umsätze. In der damals größten Veranstaltungshalle der Stadt mit Platz für rund 10.000 Besucher fanden Radrennen, Eishockeyspiele, Eislaufen, Boxkämpfe, Hand- und Basketballturniere sowei Turn- und Leichtathletikwettbewerbe statt. In den 1920er Jahren wurden zahlreiche Kostümbälle und sogar ein Bockbierfest veranstaltet. Es gab hochwertige Aufführungen klassischer Musik (nach dem Krieg auch Pop- und Jazz-Konzerte), das Gelände umfasste eine große Eislaufbahn und wurde auch als großräumiges Lichtspielhaus für Filmvorführungen genutzt. Jedoch sowohl bezüglich des Sortiments des Unternehmens Radio-Brée als auch seiner Adresse vermischten sich, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, immer mehr die Bereiche Unterhaltung und politische Agitation und den tiefdunklen Markstein der dortigen Veranstaltungen bildete die Sportpalastrede Joseph Goebbels’, in der er am 18. Februar 1943 zum »Totalen Krieg« aufrief – zu hören auch im elektronischen Propagandainstrument des »Volksempfängers«, der bei Brée gleich nebenan erhältlich war.

Nichtsdestotrotz nutzte das Geschäft für seine Werbung von der Vorkriegszeit bis in die 1950er-Jahre den Werbespruch »SCHALLPLATTEN, DIE DU GERNE HAST, FÜHRT RADIO-BRÉE AM SPORTPALAST«, der auch auf eigene Plattenhüllen und Tragetüten aufgedruckt wurde. Es gab sogar aufwendig produzierte Werbeschallplatten, auf denen mit einem eingängigen Song voller Berliner Lokalkolorit und Orchesterbegleitung gereimte Reklame für Brée gemacht wurde. Tatsächlich findet sich dazu eine Tondatei aus dem Jahr 1949 auf YouTube:

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»Denkst du an Kirschen, dann träumst du von Werder,
winkst du Berlin, dann besingst du die Spree.
Sprichst du von Weimar, dann denkst du an Goethe
und denkst du an Radio … ja, dann meinste Brée!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, wo du eine Riesen-Auswahl hast!
Da wird der Empfänger dir beschert,
den die Braut sich wünscht, den dein Herz begehrt!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!«

Quelle: YouTube (s.o.)

Am 13. November 1973 wurde der inzwischen unwirtschaftlich gewordene Sportpalast zugunsten eines Wohnungsbauprojektes abgerissen. Wenige Jahre danach, 1976, meldete Brée Konkurs an. Übriggeblieben sind nur die verwitterte erste Häfte des Firmennamens an der braungrauen Hausfassade – und vielleicht die eine oder andere bedruckte Hülle um eine alte Schellack- oder Vinylscheibe im Fundus von Sammlern, Secondhand-Läden oder auf Trödelmärkten.

Ein schöner Zufall war es, dass ich wenige Tage nach der Entdeckung dieses Fundstücks in der Berliner Staatsoper das grandiose Konzert »Musik aus fernen Rundfunktagen« erleben durfte, bei dem Dirigent Christian Thielemann aus genau dieser Ära früher Radiosendungen Kompositionen mit »gehobener Unterhaltungsmusik« vorstellte, die eigens (und teils von berühmten Komponisten) zum Zweck der Live-Übertragung erschaffen wurden.

Zwar ist das gesamte, sehr hörenswerte Gute-Laune-Konzert leider nicht als Mitschnitt online abrufbar, aber dafür das komplette Programmheft, eine ausführliche Besprechung und auf YouTube finden sich einige der Stücke in Form von Aufnahmen mit anderen Orchestern:

Turn the Radio on! 🤓 🔠 📻

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Das Typographische Fundstück
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