Das typographische Fundstück kommt heute aus Hamburg und befindet sich an der Adresse Beim Grünen Jäger 11. Fotografiert habe ich es, weil ich die Schriftwahl und die Farbigkeit der Beschriftungen in Verbindung mit der typischen dunkelroten Hamburger Klinkermauer als ausgesprochen passend für eine Autogarage empfand. Im Moment der Entdeckung war für mich nicht ersichtlich, ob es sich um eine reine Parkgarage oder eine Kfz-Werkstatt handelt, und auch, ob das beworbene Unternehmen noch tätig ist, konnte ich nicht erkennen. Links und rechts des vergitterten Rolltores befinden sich eine Galerie und kleine Kioske bzw. Imbisse. Ansonsten gibt es keine Hinweise auf einen Gewerbebetrieb. Der letzte Hinweis auf eine Aktivität in dem Gebäude war die Ankündigung eines »Weihnachts-ART-Marktes« im Dezember 2023, veranstaltet von der benachbarten Galerie.

Das zweigeschossige Ziegelgebäude scheint in der Übergangszeit zwischen der Fortbewegung mit Pferdefuhrwerken und der automobilen Ära entstanden zu sein, so ist es zumindest in einem schon etwas älteren Zeitungsartikel zu lesen:

»… am Schulterblatt 92 (…) auf einem weiteren großflächigen Wandgemälde ist der Neue Pferdemarkt zu sehen: Fuhrwerke auf dem ovalen Platz, im Hintergrund flanieren einige Menschen – das Bild erinnert an die Jahrhundertwende.

Entstanden sind die Wandmalereien jedoch frühestens Ende der 20er Jahre. Denn am Pferdemarkt existiert schon die ›Shell Garage Sauerberg‹, auch wenn kein einziges Auto die Idylle mit Pferd trübt. Diese erste Hochgarage Deutschlands wurde Ende der 20er Jahre eröffnet, ihre Bauzeichnungen datieren vom 11. April 1926. Heute steht der Klinkerbau (…) unter Denkmalschutz.«

Quelle: TAZ – »Aber damals, da war’s toll« (Dezember 1996)

Auch auf die gelbe und rote Farbgebung der Schriftzüge an dem Gebäude könnte der in dem Artikel genannte Name »Shell Garage Sauerberg« ein Hinweis sein, denn sie entspricht den Unternehmensfarben des weltbekannten, 1907 als »Royal Dutch Shell Group« gegründeten Mineralölkonzerns und ohne eine offizielle Lizenz oder Partnerschaft hätte er dessen Namen wohl kaum für seinen Betrieb nutzen dürfen.

Diese Kooperation könnte auch einen Bezug zu den rechteckig-abgerundeten Formen der Buchstaben in beiden Schriftzügen haben. Im Jahr 1971 ließ Shell sein Logo vom US-amerikanischen Designer Raymond Loewy neu gestalten und in diesem Zuge änderte auch die Wortmarke sowohl ihr Aussehen als auch ihre Platzierung im Logo. Bis dahin war der Firmenname SHELL zentriert innerhalb der stilisierten gelb-roten Kammmuschel platziert. Nach Loewys Überarbeitung war er unterhalb der neuen, minimalistischen Bildmarke angesiedelt. Auch die Schriftart änderte sich: Statt der zuvor genutzten serifenlosen Linear-Antiqua, die an die »Gill Sans Condensed Bold« (Eric Gill, um 1928) erinnert, wurden die Buchstaben technischer, mit rechteckigen Proportionen und abgerundeten Ecken – nicht unähnlich den Lettern an der Hamburger Hochgarage.

Bei der Bestimmung des oberen Schriftzugs »GARAGE« wurde ich zunächst in die Irre geführt, denn ich hielt die Schriftart auf Anhieb ganz klar entweder für die »Eurostile Extended Bold« (1962) oder ihre ausschließlich großbuchstabige Vorgängerin »Microgramma« (1952), beide entworfen von den Schriftgestaltern Alessandro Butti und Aldo Novarese. Doch der zusätzliche senkrechte Abstrich am G und das im Vergleich zu schmale A der Neonbuchstaben widersprachen dieser Vermutung. Ich konnte tatsächlich keine Schrift ausfindig machen, die exakt den Buchstabenformen an der Fassade gleicht.

Auch die untere Beschriftung »SAUERBERG« scheint eigens für den Garagenbetrieb gestaltet worden zu sein. Insbesondere A, R und G weisen sehr individuelle Details auf, die sich mit keiner mir bekannten kommerziellen Schrift in Deckung bringen ließen. Die weißen Flecken im Foto, links und rechts des Leuchtkastens (vielleicht Mörtel, Heißkleber o.ä.?), die in etwa dieselbe Breite wie die Neonschrift auf dem Dach andeuten, lassen vermuten, dass anstelle der heutigen dort früher eine andere werbetechnische Installation angebracht war. Aber auch hier ließen sich leider keine historischen Fotos finden, die diese Vermutung bestätigen. Auch die »wiederentdeckten Wandgemälde« aus dem oben zitierten taz-Artikel, welche die Garage in früherem Zustand zeigen sollen, sind online leider nirgends auffindbar.

Und so bleibt auch diesmal nur die Gewissheit, dass das Baudenkmal mit der offiziellen Identifikationsnummer 12752 unter der Bezeichnung »Großgarage am Neuen Pferdemarkt, Typ: Garage; Parkhaus; Tankstelle; Werkstatt« weiterhin an seinem angestammten Platz erhalten bleiben wird – und das hoffentlich mitsamt der interessanten Beschriftung. 🤓 🔠 🚗 🔧