300 bis 500 Werbebotschaften pro Tag, so heißt es, prasseln gegenwärtig auf uns ein – als digitale oder gedruckte Anzeigen, Poster oder Plakate, auf Displays, in Videos oder in Prospekten und Broschüren. Und Schrift ist immer dabei.
Aus aktuellem Anlass zwischendurch noch ein Extra-Fundstück aus Hamburg. Das Thema »Pro & Contra Olympische Spiele« bewegte während der letzten Monate in Hamburg die Gemüter. Die ganze Stadt war geradezu zuplakatiert mit Pro- und Contra-Plakatmotiven, Promi-Testimonials sowie Botschaften einzelner Parteien und Initiativen zu diesem Thema.
Auch typographisch wurde die Debatte geführt – wie ich fand, auf einer erfrischend originellen Ebene:
Fotografiert in Hamburg Barmbek-Nord an der Fuhlsbüttler Straße.
Am vergangenen Sonntag hat Hamburg nun abgestimmt und die Bürger haben sich entschieden.
»Für die Gegner der Olympia-Bewerbung war es ein unerwartet deutlicher Erfolg. Um 20:31 Uhr war die Auszählung abgeschlossen. 54,9 Prozent (357.911) der teilnehmenden Wahlberechtigten stimmten gegen eine Kandidatur Hamburgs für die Olympischen Spiele – 45,1 Prozent (293.819) stimmten dafür. Insgesamt nahmen 651.730 Hamburgerinnen und Hamburger an der Abstimmung teil. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,6 Prozent.«
Als ich über Pfingsten in Regensburg war, fand wie oft, gerade auf der Festwiese die »Dult« statt. Anderswo heißt es Kirmes, Rummel, Jahrmarkt, Kirchweih oder Volksfest – eine Mischung aus Wochenmarkt und Vergnügungspark, mit Festzelten, Fahrgeschäften, Schlemmerbuden und Marktständen.
»Das Wort Dult stammt aus dem Gotischen und bedeutet so viel wie ›ausgelassenes Fest‹. Ursprünglich bezeichnete es ein Kirchenfest, das zu Ehren eines Heiligen gefeiert wurde. In Regensburg richteten sich die Marktzeiten nach den Wallfahrten zu den Gräbern der Heiligen Erhard und Emmeram sowie nach Kirchweihfesten. Rund um diese Feiern entstanden Marktstände, an denen Waren aller Art angeboten wurden. (…) 1389 erhielt Stadtamhof vom bayerischen Herzog das Privileg, einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte abzuhalten. Diese Genehmigung war eine Wiederaufbauhilfe nach den schweren Zerstörungen des Städtekriegs. Damit war der Grundstein für die Tradition gelegt, die bis heute Bestand hat. (…) Um 1800 hatten sich zwei feste Dult-Termine im Frühjahr und Herbst etabliert.«
Ich nutzte die Gelegenheit und schlenderte eine Stunde lang über den Festplatz. Seit jeher sind die oft selbst beschrifteten und bemalten Stände und Fahrgeschäfte für mich auch eine Fundgrube für kreative und ausgefallene Typographie. Für heute habe ich aus Regensburg einen dynamischen Schriftzug an einem Süßwarenstand ausgewählt.
Zur besseren Ansicht hier noch einmal mit gedämpftem Hintergrund:
Gewiss, der Schritzug ist nicht wirklich ausgewogen – die Strichstärken, Innenräume und Neigungswinkel der Buchstaben tanzen teilweise deutlich aus der Reihe. Aber ich mochte die zackige, leicht nostalgische Anmutung und den Namen, der sich davon ableitet, dass sich der Stand in Form einer Dampflokomotive präsentiert. Irgendwie musste ich bei dem Gesamtbild an die Donald-Duck-Comicgeschichten aus den »Lustigen Taschenbüchern« denken.
Und wer weiß, bestimmt gibt es ja auch in Entenhausen eine Dult … 🤓 🔠 🎡 🍭
Zurück nach Barcelona. Wieder habe ich aus dem aktuellen Fundus ein Vierer-Potpourri kreativer Ladenbeschriftungen zusammengestellt, die ich überschaubar kommentiert zur Ansicht bringen möchte. Allen vier ist wieder ein besonderer »Do-it-yourself«-Charme eigen, der mich dazu bewog, sie zu fotografieren. Und auch, wenn aus grafischer Sicht durchaus nicht alles daran perfekt umgesetzt ist, so verdienen sie doch aus meiner Sicht eine wohlwollende Würdigung des Ideenreichtums ihrer Urheber*innen …
Der erste Schriftzug fand sich an der Fassade eines Restaurants nahe der Altstadtpromenade La Rambla, das laut Speisekarte orientalisch-spanische »Fusion-Tapas« kredenzt. Auf der Markise ist der Name unspektakulär in grünen Versalien in der vom Jugendstil inspirierten Schrift »ITC Benguiat« (Ed Benguiat für ITC, 1977) aufgebracht. Darunter findet sich aber auch noch ein interessanter Versuch, den Namen im Duktus arabischer Schrift umzusetzen und trotzdem für nichtarabische Betrachter*innen lesbar zu halten. Ich nahm zuerst an, »Narin« sei der Name einer Stadt oder Region im arabischen Kulturkreis, aber meine Suche erbrachte stattdessen das Ergebnis, dass es sich um einen Vornamen handelt.
»Der Name Narin ist ein geschlechtsneutraler Vorname, der besonders in der kurdischen und türkischen Kultur vorkommt. Er bedeutet im Kurdischen so viel wie ›fein‹, ›zart‹ oder ›anmutig‹. Im Türkischen kann er auch als ›hell‹, ›leuchtend‹ oder ›Feuer‹ interpretiert werden.«
Motiv Nr. 2 entdeckte ich an einem Laden, der für sein Gewerbe wirbt mit den Worten »Verkauf und Anbringung von Farben und Tapeten«. Der Schriftzug ist für mein Empfinden alles andere als ausgewogen – der i-Punkt zu groß, das a zu hoch, die Strichstärken uneinheitlich. Das g und seine Verbindung zum abschließenden l lese ich als Analogie für eine Tapetenbahn, die sich links von einer Rolle nach rechts abwickelt (und rechts an einer Wand haftet?). Aber irgendwie war mir diese wilde Mischung trotzdem einen Schnappschuss wert. Darunter übrigens in goldenen Lettern auf dem Schaufenster der gleiche Name in einer populären Jugendstil-Schriftart (schon wieder): »Arnold Böcklin« (Otto Weisert/Linotype, 1904).
»iocs i regals« – Spiele und Geschenke – nennt sich der Laden hinter dem Schriftensemble Nummer 3. Auch hier spielt sich die Typographie wieder auf zwei Ebenen ab: oben geometrische Buchstabenformen, die an streng konstruktivistische Schriftarten wie z.B. »ITC Bauhaus« erinnern, die 1975 von Ed Benguiat und Vic Caruso (Photo-Lettering, Inc.) für ITC gezeichnet wurde. Sie wiederum basiert auf dem 50 Jahre zuvor entstandenen expreimentellen Entwurf der Schrift »Universal« des Bauhaus-Professors Herbert Bayer. Weitere verwandte Schriften sind »Blippo Black« (Joe Taylor/Robert Trogman für Bitstream, 1969) und »Pump Bold« (Bob Newman/Philip Kelly für Linotype/ITC, 1970).
Auch die Schriftart auf der Markisenkante darunter weist interessante Details auf, insbesondere die Idee, Buchstaben nach Möglichkeit – hier bei P, T, E und R – oben mit einem Bogen abzuschließen. Bei U und I klappt das dann schon nicht mehr ganz so gut und das J sowie die 2 fallen dann komplett aus dem Konzept. Eine kommerzielle Schriftart, die diese Idee konsequenter aufgegriffen hat, ist etwa die »Fonquero« von Arwan Sutanto (2014).
Das vierte und letzte Motiv ist für mein Empfinden handwerklich bzw. gestalterisch am gelungensten umgesetzt. Das Wort »ferreteria« bezeichnet auf Katalanisch ein Eisenwarengeschäft, was auch der Text »Alles für den Heimwerker – Sanitärartikel, Beleuchtung, Haushaltswaren« in der Schriftart »Eras« (Albert Boton/Albert Hollenstein für ITC, 1976) über dem Schaufenster bestätigt.
Die nur mit geraden Linien konstruierten Buchstaben in den beiden großen Textzeilen halte ich für individuell gestaltete Schriftzüge. Obgleich die erste Zeile der Schrift »Acton One« von Rian Hughes (Device Fonts, 1994) verblüffend ähnlich sieht, gibt es doch Unterschiede im Detail. Für die zweite Zeile gilt dasselbe – es gibt etliche zum Verwechseln ähnliche Schriften, am nächsten kommt dem Schriftzug die »Motordrome One« (Gustavo Piqueira für T-26, 2006), aber auch hier sind – z.B. beim v – Abweichungen zu sehen.
Beide Zeilen passen perfekt zum bauhandwerklichen Sortiment des Ladengeschäfts und ziehen mit ihrem markanten Signalgelb (u.a. auch eine bevorzugte Farbe bei Baggern und Baufahrzeugen, z.B. bei den Marken Caterpillar, Komatsu oder John Deere) die Blicke auf sich.
Weiter geht’s beim »Abbau« meiner typographischen Fundstücke aus Barcelona mit einem Potpourri fantasievoller Ladenbeschriftungen. Ich war wieder einmal entzückt, wie individuell und originell die Gründer bzw. Inhaber ihre Schriftzüge gestalten, anstatt diesen Aufwand zu scheuen und zu beliebigen, inflationär verbreiteten Schriftarten zu greifen.
Lloable!*
* (katalanisch: lobenswert!)
Das erste Wort in der nachfolgenden Beschriftung – so hübsch es auf den ersten Blick aussieht – ist leider suboptimal gestaltet. Die beiden eher f-ähnlichen Zeichen sollen tatsächlich den Buchstaben t repräsentieren: Das katalanische Wort »tintoreria« – ich las es zuerst fälschlich als »finforeria« – bedeutet sowohl »Färberei« als auch »(chemische) Reinigung«. Der Text darunter »neteja i tint de la pell · i planxat al vapor« bedeutet übersetzt »Lederreinigung und -färbung · chemische Reinigung«. Das Geschäft ist inzwischen offenbar leider dauerhaft geschlossen.
Schön anzusehen, aber typographisch leider etwas irreführend umgesetzt. Vielleicht ist die Ladenbezeichnung für Muttersprachler leichter zu entschlüsseln, weil ihnen das gemeinte Wort bereits vertraut ist.Das Fotostudio »Daguerre« wurde tatsächlich bereits 1916 gegründet und feierte dieses Jahr somit sein 110-jähriges Bestehen. Alte Werbeanzeigen aus den Gründungsjahren sind auf der Website des Unternehmens dokumentiert.Noch einmal Leder, diesmal ein Modeatelier, gegründet vom Namensgeber Xavier Barris im Jahr 1986. Der eigens gestaltete Schriftzug an der Ladenfassade wurde aufwendig aus gebogenen Metallstäben gefertigt.Schriftzug an einem Schuhgeschäft. »Sabates« ist das katalanische Wort für Schuhe, der Laden heißt somit auf deutsch sinngemäß »Schuh-o-Thek«.
Nach den Ausflügen zu Fundorten in Bremerhaven und im Fichtelgebirge kehren wir heute noch einmal zurück nach Berlin-Zehlendorf. Direkt neben dem hier gezeigten Eingang zum dortigen Bürgersaal erspähte ich ja den ebenfalls bereits geposteten Neonschriftzug eines Handarbeitsladens. Und direkt vor diesem Geschäft konnte ich gleich das nächste Fundstück ablichten: Eine gläserne Vitrine, bei der ein am oberen Rand angebrachter Werbeschriftzug meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Insbesondere das kleine r in dem Markennamen »Schachenmayr«, das aussieht, als würde sich ein spiegelverkehrtes Komma an den Hals des Buchstabenstamms schmiegen, fand ich bemerkenswert. Eine derartige Form hatte ich bei diesem Zeichen bislang noch nirgends bewusst wahrgenommen.
Die Form des r, aus zwei einander überlappenden Formen nachgezeichnet.
Die Schriftart in der Wortmarke wurde mit ziemlicher Sicherheit eigens dafür handgezeichnet. Als Indiz dafür werte ich wieder, dass gleichartige Zeichen leicht unterschiedlich ausgearbeitet sind. So ist etwa der rechte Schenkel des h in der ersten ch-Ligatur nach innen gebogen, im zweiten Vorkommen steht er nahezu senkrecht. Auch die beiden a unterscheiden sich: Der Abstrich des erste ist leicht nach außen gewölbt, beim zweiten verläuft er ohne Wölbung diagonal nach unten.
Solche Antiqua-Schriften mit deutlich ausgeprägten Oberlängen bzw. im Vergleich dazu sehr niedrigen Minuskeln, wie die »Schachenmayr«-Type, waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts recht beliebt. Beispiele dafür im Bild oben sind etwa »Mona Lisa« von Albert Auspurg (Ludwig & Mayer, 1930), »Bernhard Modern« von Lucian Bernhard (American Type Founders, 1937), »Lucian« von Lucian Bernhard (Bauer, 1928) oder »Ohio« von Frederic Goudy (Brüder Butter/Schriftguss AG, 1912). Und diese Datierung fügt sich tatsächlich perfekt in die Geschichte des Unternehmens ein, über die ich natürlich auch wieder mehr wissen wollte. Seine Ursprünge reichen zurück bis ins Jahr 1822, doch erst seit 1835 trägt es den Namen Schachenmayr. Um 1930 tauchte dann die Wortmarke in der oben gezeigten Form erstmals auf (siehe auch die Abbildung zur Logo-Evolution am Ende des Beitrags).
»Johann Gottfried Kolb kauft eine Wollspinnerei in Salach bei Stuttgart in Süddeutschland. Der ehemalige Mitarbeiter Leonhardt Schachenmayr heiratet dessen älteste Tochter und übernimmt 1835 die Firma. Die neue Ära unter dem Namen Schachenmayr beginnt.«
Quelle: Broschüre »200 Jahre Schachenmayr – feiern Sie mit« (Link: s.u.)
Anlässlich des 200-jährigen Firmenjubiläums von Schachenmayr erschienen 2022 unterschiedlich detaillierte Festschriften, in denen die Historie nacherzählt wird. Eine der Publikationen ist nur im Browser aufrufbar, die zweite kann als PDF heruntergeladen werden.
Wie schon oft in den hiesigen Blogbeiträgen zu langjährig tätigen, historischen Unternehmen, gab es auch bei Schachenmayr »goldene Zeiten«, in denen die Geschäfte florierten und die Firma kontinuierlich wuchs. So verdreifachte sich etwa die Zahl der Angestellten zwischen 1862 und 1907 von 295 auf knapp 1.000 und Schachenmayr stieg zu einem angesehenen Marktführer für Garne und Wolle in Deutschland, Belgien, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden auf.
Auch im Bereich Marketing entwickelten sich die Aktivitäten der Garnmarke vielversprechend. 1926 brachte das Unternehmen erstmals ein eigenes, monatlich erscheinendes Handarbeitsmagazin, »Die Schachenmayrin« heraus, das vielfältige Anleitungen zum Handarbeiten und zur Fertigung von Kleidung, Wohntextilien und Accessoires aus den Garnprodukten der Marke beinhaltete. Die letzten, aktuell noch auf dem Gebrauchtmarkt erhältlichen Ausgaben stammen aus dem Jahr 1964, sodass das Heft immerhin fast 40 Jahre Bestand hatte, ehe es in den folgenden Jahrzehnten von den moderner anmutenden Nachfolge-Magazinen »Inspiration« und »moments« abgelöst wurde. Bei den Winterspielen 1928 im schweizerischen St. Moritz stattete Schachenmayr das deutsche Olympia-Ski-Team mit Bekleidung aus, 1954 und 1976 die Teilnehmer von Himalaya-Expeditionen und brachte mehrbändige Handarbeits-Lehrbücher heraus. Später nutzte Schachenmayr auch die neuen Marketing-Möglichkeiten, die sich über das Internet boten und kooperierte ab 2015 mit den norwegischen Strick-Influencern Arne und Carlos.
1927 brachte Schachenmayr die auch in dem Vitrinenbanner beworbene Wollmarke »Nomotta« heraus, die – wie der Name andeutet – durch eine chemische Behandlung der Wolle mit dem Wirkstoff EULAN (Chlorphenylid) resistent gegen den sehr verbreiteten, lästigen Mottenbefall war. Damals eine Innovation, und das Unternehmen fuhr fort, z. B. durch Beimischung von Kunstfasern oder fortschrittliche Fertigungsmethoden, die Qualität und die Breite seiner Produktpalette stetig auszubauen. Doch die sich abzeichnende Krise der Textilindustrie ab Beginn der 1960er Jahre ging auch an dem erfolgreichen württembergischen Garnhersteller nicht vorbei. Obwohl der Erfolg und der gute Name der Marke sie noch jahrzehntelang trugen, folgten mehrfache Wechsel bei Eigentümern und Investoren. 1984 übernahm das britische Unternehmen Coats, weltweit der größte Hersteller von Näh- und Handarbeitsgarnen, den traditionsreichen Garnhersteller aus dem Familienbesitz, behielt jedoch den Markennamen bei. 2008 verschmolz dann die damalige »Schachenmayr, Mann & Cie. GmbH« mit der »Coats Deutschland GmbH«. Im Besitz von Coats befanden sich seit 1932 auch bereits Anteile des 1785 gegründeten deutschen Textilunternehmen Carl Mez & Söhne, welches ebenfalls Handarbeits- und Nähgarne herstellt. 2015 übernahm die Münchner Beteiligungsgesellschaft Aurelius die komplette Handarbeitssparte (Coats EMEA Crafts Group) mit den beiden Marken Schachenmayr und MEZ von der Coats Group. Fünf Jahre später gab es erneut Veränderungen. In der Firmenchronik von Schachenmayr heißt es: »Seit 2020 gehört Schachenmayr zur MEZ Group GmbH. Unter neuer Führung, mit neuem Schwung und neuem Unternehmensgeist halten die Werte und die Leidenschaft der Gründer und Wegbereiter wieder Einzug in die Unternehmensphilosophie: Innovation, Tradition, Bodenständigkeit, Kundennähe, Stillbewusstsein und Kreativität stehen wieder an erster Stelle!« und auf der Website der MEZ Crafts Group wiederum »Seit 2020 gehört MEZ zur Schweizer Investmentfirma LEVITO AG und beschäftigt ca. 500 Angestellte mit einem jährlichen Umsatz von über 50 Millionen Euro«. Man möchte sagen: Es ist kompliziert. Immerhin jedoch suggerierten diese Kennzahlen eine nach wie vor stabile betriebswirtschaftliche Situation.
Doch der Eindruck täuschte wohl. Anfang 2025 kursiert in der Regionalpresse und auf Handarbeitsseiten die Meldung, dass die MEZ GmbH, der Hersteller von Schachenmayr-Garnen, in (Teil-)Insolvenz gegangen sei, was in Folge zu erheblichen Lieferschwierigkeiten und Betriebsschließungen führte. Auch der traditionelle Werksverkauf am Traditionsstandort Salach wurde laut Berichten Ende Februar 2025 eingestellt. Die Marke Schachenmayr sei aber von dem in Dänemark ansässigen Unternehmen Hobbii A/S übernommen worden, um die Produktion fortzusetzen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die Geschichte von Schachenmayr fortsetzt. Immerhin erzielte Hobbii nach eigenen Angaben zwischen 2016 und 2020 ein Wachstum von 3.167 (!) Prozent und gewann damit als eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen Dänemarks die renommierte Auszeichnung »Børsen Gazelle«, die seit 1995 jährlich von der Wirtschaftszeitung Dagbladet Børsen verliehen wird.
Doch zurück zur Typographie. Parallel zur Erkundung der Firmengeschichte habe ich versucht, anhand von historischen Werbemedien, antiquarischen Büchern, alten Magazinausgaben und Vintage-Wollbanderolen zu rekonstruieren, wie sich das Logo des Unternehmens im Laufe dieser bewegten Chronik entwickelt hat. Und ich meine, an den Designänderungen ein bisschen ablesen zu können, wie die Leidenschaft der Menschen hinter der Marke, die Überzeugung für ihre Garnprodukte und die aufrichtige Freude am Handarbeiten im Laufe der jüngeren Zeit nach und nach verblassten. Oberflächlich betrachtet – auf Websites und Social-Media-Profilen – mag der Auftritt nach wie vor lebendig gewirkt haben, aber die zuletzt offenbar vorrangig von Profitinteressen und nüchternen Managementstrategien geprägte Markenführung im Rahmen der mehrfachen Übernahmen sieht man dem zunehmend lieblos und austauschbar wirkenden Erscheinungsbild aus meiner Sicht an. Oder was meint Ihr? 🤓 🔠 🧶
Schriftarten 1900–1994: Höchstwahrscheinlich individuell gestaltet. 1999–2010: »Schachenmayr« – vermutlich Times Bold, Unterzeile – ITC Avant Garde (modifiziert) 2011–2020: »Schachenmayr« – FF Dax Pro Bold, Unterzeile – Museo Slab 500 2021ff: »Schachenmayr« und Unterzeile – Effra Regular
An diesem Montag biete ich gleich vier typographische Bonbons an, die ich im Umfeld von Bistros, Restaurants, Imbissen oder Marktständen fotografiert habe, teils schon vor einigen Jahren.
Es ist einiges Handgeschriebene dabei, sodass sich eine Schriftbestimmung dort erübrigt. Allen gemein ist aus meiner Sicht jedoch eine amüsante Komponente, die durch Botschaft, Wortwahl, Schriftbild oder Anordnung der Buchstaben bzw. Texte entstand – teils mit Absicht, teils ohne Zutun der Schreiber*innen. Deshalb lasse ich die Fundstücke heute auch mal nur für sich sprechen und verzichte auf tiefgründige Recherchen. Man bemerke jedoch, dass beim ersten Bild in der zweiten Zeile kopfstehende W als M-Ersatz genutzt wurden.
Über das heutige Fundstück freue ich mich wieder ganz besonders, weil ich zwar auf der Spurensuche nur extrem wenige Informationen darüber im Internet gefunden habe, aber trotzdem genug, um hinter die Geschichte dieses Schriftzugs blicken zu können.
Ich entschied mich an einem Tag, der mich zu einem Business-Termin nach Berlin führte, im Anschluss an das Meeting einen längeren Fußweg durch die Stadt zu machen. Zum einen wollte ich nicht den ganzen Tag nur träge an Tischen und in Öffis sitzen, sondern zur Abwechslung auch mal den Schrittzähler im Phone aktivieren, zum anderen ergab sich ein Weg durch Straßen und Viertel, in denen ich – trotz meiner regelmäßigen und häufigen Aufenthalte in der Hauptstadt – ansonsten selten unterwegs bin.
Mein Weg führte mich durch Schöneberg, von der Station U+S Yorckstraße zum Europa-Center an der Gedächtniskirche. An der Hausfassade des Gebäudes Potsdamer Straße 164 fiel mir über den Fenstern im ersten Stock dieser grandiose nostalgische Schriftzug auf. Ein Geschäft oder Gewerbe dazu konnte ich im Haus indes nicht (mehr) ausmachen. Spannend!
Im Detail frei interpretierte Nachzeichnung des Schriftzuges.
Die wunderschön gestalteten Buchstaben, allen voran das funkensprühende R und das flammende d, weckten sofort meine Neugier. Nur zu gerne wollte ich wissen, wann und wofür die Leuchtschrift einst warb. Auf der Website des Landesdenkmalamts Berlin konnte ich anhand eines Fotos aus dem Jahr 2005 in einem Eintrag zu dem betreffenden Gebäude anhand des »Verwitterungsschattens« auf dem Wandputz einen inzwischen fehlenden Teil des Schriftzuges identifizieren. Der vollständige Text lautete »Radio-Brée«. Der Bindestrich, der damals noch vorhanden war, ist inzwischen ebenfalls verschwunden. Eine vergleichbare kommerzielle Schriftart konnte ich nicht ermitteln. Die Buchstaben für die Wortmarke sind vermutlich eigens für diese Lichtreklame entworfen worden.
Nun hatte ich einen Namen und konnte weiter recherchieren. Am 23. Januar 1912 erfolgte offiziell die Gründung der »Wilhelm Brée Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. Gegenstand des Unternehmens war »… die Herstellung und der Vertrieb von Zubehörteilen zu Musikinstrumenten sowie die Vertretung von Häusern, die derartige Artikel herstellen und vertreiben, insbesondere der Fortbetrieb des vom Kaufmann Wilhelm Brée in Berlin bisher allein betriebenen Handelsgeschäfts dieser Art.«
Befasste sich das zuvor bereits seit 1908 existierende Handelsunternehmen des Gründers noch mit dem »Erwerb und (…) Vertrieb von Schreibmaschinen und von Sprechmaschinen«, so führte die rasante Entwicklung der Rundfunktechnik und Unterhaltungselektronik offenbar dazu, dass man sich auf diesen vielversprechenden neuen Geschäftszweig konzentrierte. Es folgten florierende Jahre, in denen das Geschäft Plattenspieler, Radiogeräte und vor allem Schallplatten an die Frau und den Mann brachte.
Durch die für den Publikumsverkehr günstige Lage in der Nähe des sowohl kulturell als auch politisch oft genutzten großen Veranstaltungszentrums »Berliner Sportpalast«, das nur acht Hausnummern entfernt in der Potsdamer Straße 172 ansässig war, wurden permanent reichlich Kunden auf das Geschäft aufmerksam und bescherten ihm gute Umsätze. In der damals größten Veranstaltungshalle der Stadt mit Platz für rund 10.000 Besucher fanden Radrennen, Eishockeyspiele, Eislaufen, Boxkämpfe, Hand- und Basketballturniere sowei Turn- und Leichtathletikwettbewerbe statt. In den 1920er Jahren wurden zahlreiche Kostümbälle und sogar ein Bockbierfest veranstaltet. Es gab hochwertige Aufführungen klassischer Musik (nach dem Krieg auch Pop- und Jazz-Konzerte), das Gelände umfasste eine große Eislaufbahn und wurde auch als großräumiges Lichtspielhaus für Filmvorführungen genutzt. Jedoch sowohl bezüglich des Sortiments des Unternehmens Radio-Brée als auch seiner Adresse vermischten sich, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, immer mehr die Bereiche Unterhaltung und politische Agitation und den tiefdunklen Markstein der dortigen Veranstaltungen bildete die Sportpalastrede Joseph Goebbels’, in der er am 18. Februar 1943 zum »Totalen Krieg« aufrief – zu hören auch im elektronischen Propagandainstrument des »Volksempfängers«, der bei Brée gleich nebenan erhältlich war.
Nichtsdestotrotz nutzte das Geschäft für seine Werbung von der Vorkriegszeit bis in die 1950er-Jahre den Werbespruch »SCHALLPLATTEN, DIE DU GERNE HAST, FÜHRT RADIO-BRÉE AM SPORTPALAST«, der auch auf eigene Plattenhüllen und Tragetüten aufgedruckt wurde. Es gab sogar aufwendig produzierte Werbeschallplatten, auf denen mit einem eingängigen Song voller Berliner Lokalkolorit und Orchesterbegleitung gereimte Reklame für Brée gemacht wurde. Tatsächlich findet sich dazu eine Tondatei aus dem Jahr 1949 auf YouTube:
»Denkst du an Kirschen, dann träumst du von Werder, winkst du Berlin, dann besingst du die Spree. Sprichst du von Weimar, dann denkst du an Goethe und denkst du an Radio … ja, dann meinste Brée! Das ist Radio Brée am Sportpalast, wo du eine Riesen-Auswahl hast! Da wird der Empfänger dir beschert, den die Braut sich wünscht, den dein Herz begehrt! Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt. Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin! Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt. Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!«
Quelle: YouTube (s.o.)
Am 13. November 1973 wurde der inzwischen unwirtschaftlich gewordene Sportpalast zugunsten eines Wohnungsbauprojektes abgerissen. Wenige Jahre danach, 1976, meldete Brée Konkurs an. Übriggeblieben sind nur die verwitterte erste Häfte des Firmennamens an der braungrauen Hausfassade – und vielleicht die eine oder andere bedruckte Hülle um eine alte Schellack- oder Vinylscheibe im Fundus von Sammlern, Secondhand-Läden oder auf Trödelmärkten.
Ein schöner Zufall war es, dass ich wenige Tage nach der Entdeckung dieses Fundstücks in der Berliner Staatsoper das grandiose Konzert »Musik aus fernen Rundfunktagen« erleben durfte, bei dem Dirigent Christian Thielemann aus genau dieser Ära früher Radiosendungen Kompositionen mit »gehobener Unterhaltungsmusik« vorstellte, die eigens (und teils von berühmten Komponisten) zum Zweck der Live-Übertragung erschaffen wurden.
Zwar ist das gesamte, sehr hörenswerte Gute-Laune-Konzert leider nicht als Mitschnitt online abrufbar, aber dafür das komplette Programmheft, eine ausführliche Besprechung und auf YouTube finden sich einige der Stücke in Form von Aufnahmen mit anderen Orchestern:
Das typographische Fundstück am Freitag stammt heute aus dem Schankraum der Brauereigaststätte »Bräustüble« in Donaueschingen, die im Gebäudekomplex der Brauerei Fürstenberg ansässig ist. Die »Fürstlich Fürstenbergische Brauerei GmbH & Co. KG« führt in ihrem Logo den Zusatz »Bierkultur seit 1283«.
Das Bild amüsierte und befremdete mich zugleich. Bierwerbung mit Kindern? Das schien anscheinend früher™ durchaus mal gesellschaftsfähig gewesen zu sein. Als ich begann, dazu zu recherchieren, traf ich auf etliche andere Motive; die meisten davon stammten aus den ersten beiden Jahrzehnten nach 1900. Diese Entstehungszeit würde ich auch für das heutige Fundstück vermuten. Der kurze Schriftzug am Kopf des Motivs lässt Anklänge an Schriftformen des Jugendstils erkennen, er ist sehr wahrscheinlich handgezeichnet, worauf auch die beiden miteinander verschlungenen Zeichen des Doppel-f, die aus der Unterlänge des g heraus verlängerte Unterstreichung und die generell etwas unregelmäßige Gestaltung der Zeichen hinweisen.
Einige der im Netz vorgefundenen ähnlichen Werbemotive möchte ich nachfolgend einmal zur Ansicht verlinken:
Postkarte um 1900: »Münchner Kindl auf einem Bierkrug des Hofbräuhauses München sitzend«. Text: »Gruss aus München … soll Ihnen das ›Münchner Kindel‹ von mir bringen u. Ihnen genügen daß ich Ihrer gedenck. R. v. Bz.‹« | Bildquelle: Wikimedia Commons, Public Domain.
Nicht wenige Traditionsbrauereien führen auch heute noch Kinder oder kindlich anmutende Werbefiguren in ihrem Logo oder Firmenemblem, so z. B. bei den Biermarken »Allgäuer Büble« oder »Berliner Kindl«. Und in einschlägigen Onlineshops kann man für den Nachwuchs Strampler oder Trinkgefäße mit eindeutigen, oft launig betexteten Motiven erwerben, die an den Bierkonsum anknüpfen.
Fällt das auch unter »Bierkultur«? Und was ist eigentlich »Bierkultur« – wie entstand sie? Ich selber liebe Bier – maßvoll genossen. Es ist ein Getränk, das ich in der Aromatik, mit seinen zahllosen gebrauten regionalen und internationalen Sorten und Varianten – insbesondere unter dem Etikett »Craft Beer« – für ebenso vielfältig halte wie Wein. Und es gehört zu den ältesten Getränken der Welt, wie über 12.000 Jahre alte Artefakte belegen. Im alten Ägypten war Bier vor rund 5.000 Jahren ein zentrales Grundnahrungsmittel und sogar als Zahlungsmittel ein Teil des Arbeitslohns der Pyramidenarbeiter, die pro Tag etwa 3 bis 4 Liter davon bekamen. Das nahrhafte, kalorienreiche Gebräu diente als Energielieferant für die schwere körperliche Arbeit und war Teil einer Ration aus Brot und Bier, die auch Soldaten und Beamte jeden Tag erhielten. Gebräuchlich war es auch, den Toten Bier als Grabbeigabe mit auf ihre Reise zu geben.
Schon bald in der Geschichte dieses beliebten und reichlich konsumierten Getränks wurden Betriebe, die es herstellten, verkauften oder ausschenkten, von den Regierenden mit einträglichen Steuerzahlungen belegt und strikt reglementiert. Wer als Gewerbetreibender mit »schwarz« gebrautem oder gepanschtem Bier erwischt wurde, musste mit drastischen Strafen rechnen. Die bekannteste dieser Regeln ist wohl das Deutsche Reinheitsgebot von 1516. Herrschaftliche Brauordnungen zur Qualitätssicherung des Bieres, die etwas allgemeiner formuliert sind, reichen sogar zurück bis ins Jahr 1156.
»Warme Biersuppe war im deutschen Sprachraum vor allem auf dem Land bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ein häufiges Frühstück für Erwachsene wie für Kinder, wobei Dünnbier verwendet wurde. Sie wurde erst dann allmählich durch die neue Mode verdrängt, morgens Kaffee zu trinken und dazu Brot zu essen. Vor der Einführung des Kaffees, aber auch noch danach, wurde die Biersuppe von allen Schichten gegessen, auch vom Adel. Bier galt als nahrhaftes und stärkendes Lebensmittel.«
Das im Zitat erwähnte »Dünnbier« hatte einen geschätzten Alkoholgehalt von etwa 2 % Vol., sodass die Bevölkerung dadurch kaum im Dauerrausch durch den Alltag schwankte. Entgegen eines verbreiteten Mythos wurde Bier allerdings dem Wasser als Alltagsgetränk nicht deshalb vorgezogen, weil der enthaltene Alkohol Keime abtötete. Das war allenfalls ein nützlicher Nebeneffekt. Es gibt hinreichend historische Textquellen, die sich mit der Praxis der Reinhaltung von Trinkwasser, Erlässen zur Pflege von Brunnen und Leitungen, Empfehlungen zum Auffinden sauberer Quellen und Verordnungen zur geregelten Entsorgung von Abwasser in städtischen Flüssen befassen. Klares, kühles Quellwasser galt gar als Medizin.
Auch heute ist Bier, trotz der sinkenden Absatzzahlen, nach wie vor ein omnipräsenter Teil der Getränkekultur in Deutschland – in einigen Regionen, insbesondere im Süden des Landes – mehr, in anderen etwas weniger. Im Jahr 1900 erreichte der Pro-Kopf-Konsum im Bayern mit 246 Litern ein historisches Hoch, in Gesamtdeutschland lag er im gleichen Jahr bei nur gut der Hälfte (125 Liter). Eine zweite Spitze war 1980 zu beobachten (227 Liter in Bayern/146 Liter in Deutschland insgesamt), seither aber bewegt sich die Kurve konstant bergab (Quelle: Historisches Lexikon Bayerns).
Dazwischen, im Jahr 1952 trat das »Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit« (JÖSchG) in Deutschland in Kraft. Darin wurde der Genuss von Alkohol durch Kinder und Jugendliche erstmals klar gesetzlich geregelt.
Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit §3
»(1) Jugendlichen unter 18 Jahren darf in Gaststätten und Verkaufsstellen Branntwein weder verabfolgt noch sein Genuß gestattet werden. Das gleiche gilt für überwiegend branntweinhaltige Genußmittel.
(2) Andere alkoholische Getränke dürfen an Jugendliche unter 16 Jahren nicht verabreicht werden, wenn sich diese nicht in Begleitung eines Erziehungsberechtigten befinden.«
»(1) In Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit dürfen
1. Bier, Wein, weinähnliche Getränke oder Schaumwein oder Mischungen von Bier, Wein, weinähnlichen Getränken oder Schaumwein mit nichtalkoholischen Getränken an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren,
2. andere alkoholische Getränke oder Lebensmittel, die andere alkoholische Getränke in nicht nur geringfügiger Menge enthalten, an Kinder und Jugendliche
weder abgegeben noch darf ihnen der Verzehr gestattet werden.
(2) Absatz 1 Nummer 1 gilt nicht, wenn Jugendliche von einer personensorgeberechtigten Person begleitet werden.«
In beiden Fassungen des Gesetzes findet sich jedoch ein Passus, der es Jugendlichen unterhalb der Altersgrenze in Anwesenheit der Eltern oder anderer sorgeberechtigter Personen sehr wohl erlaubt, in der Öffentlichkeit Bier, Wein oder Sekt zu trinken. Diese Ausnahmeregelung im § 9 Jugendschutzgesetz soll einen kontrollierten Umgang ermöglichen. Noch 2014 wurde ein Druckwerk für Eltern herausgegeben mit dem Titel »Auch Trinken will gelernt sein – Wie Sie Ihr Kind beim richtigen Umgang mit Alkohol begleiten« (Beltz Verlag, Weinheim/Basel, »Programm PVU Psychologie Verlags Union«). Über eine Abschaffung der Zulässigkeit des sog. »begleitenden Trinkens« wird derzeit zugunsten des Jugendschutzes konkret diskutiert.
Ich selbst erinnere mich bezüglich meiner Kindheit in den 1970er- und 1980er-Jahren, dass Erwachsene oft und viel Alkohol tranken. Das reichte vom Feierabendbier des Vaters, einem gelegentlichen Whisky oder Longdrinks wie Gin Tonic oder Cola-Rum bei geselligen Treffen bis hin zum ausgelassenen Getränkekonsum auf Familienfeiern und Silvesterpartys. Auch im Fernsehen, z.B. während politischer Talkrunden, wurde ordentlich »gebechert«. In fast jedem Spielfilm oder in Serien wie »Dallas« gossen sich die Darsteller reichlich Drinks ein oder bekamen, unabhängig von der Tageszeit und oft sogar am Arbeitsplatz, welche angeboten. Die im häuslichen Umfeld in Flaschen oder Gläsern gereichten alkoholischen Getränke blieben uns Kindern zwar stets vorenthalten, aber in sehr süßer Form als Füllung in Süßigkeiten (Eierlikör-Schoko-Konfekt, Weinbrandbohnen, Mon Chéri) wurde ab etwa einem Alter von 12 Jahren bisweilen eine Ausnahme gemacht und wir durften davon kosten.
In Kinofilmen und Serien wird nach wie vor reichlich Alkohol konsumiert, im Fernsehen hingegen gelten heutzutage strengere Regeln bis hin zum kompletten Verbot.
Mittlerweile bezeichnen Mediziner und Statistiker den Alkoholkonsum in Deutschland insgesamt als »stabil rückläufig«. Und je jünger die untersuchte Bevölkerungsgruppe ist, desto stärker nimmt deren Neigung zum Alkoholkonsum ab. Eine erfreuliche Entwicklung, wie ich finde – und einmal mehr ein Beweis dafür, dass die vermeintlich »guten alten Zeiten« beileibe nicht immer das sind, wofür sie oft gehalten werden. 🤓 🔠 🍺
Das Foto des typographischen Fundstücks an diesem Freitag habe ich geknipst, weil mir mehrere kuriose Details an der sichtlich heruntergekommenen Hausfassade auffielen. Zum ersten war es natürlich der wilde »Typo-Mix« der dort versammelten Beschilderungen: Das verwitterte »Café Kracht«-Banner mit seinen saftigen gebrochenen Lettern; die schwarze »66« der Hausnummer; die Tafel über der Tür, die klarmacht, dass das Café gleichzeitig auch eine Bäckerei beherbergt; die zwei Werbeaufkleber für »Ur·echt-kräftig-deftiges« Gebäck sowie eine bekannte Spirituose; das links an die Seite verbannte Hinweisschild »Einfahrt freihalten!« – und nicht zuletzt das amüsant-irritierende Plakat, das darauf hinweist, dass die einstige Ladentür eine Umwidmung zur Motorradausfahrt erfahren hatte. Zum zweiten fragte ich mich, was wohl die »Strohlemmeln« seien, die die offensichtlich schon seit geraumer Zeit geschlossene Bäckerei einst bewarb. Und zum dritten natürlich die Neugier, welche Geschichte wohl hinter diesem leerstehenden Gebäude steckt, denn nicht nur das Geschäft im Erdgeschoss war geschlossen, auch die restlichen Räume in den oberen Etagen schienen unbewohnt.
Zu den historischen Daten des Hauses wurde ich relativ schnell fündig:
»Gegründet wurde die Traditionsbäckerei 1856 durch August Kracht und firmierte auch als Lemgoer Strohsemmel-Bäckerei. Ende Februar 1998 wurde das Geschäft geschlossen. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau stammt aus dem Jahre 1456 und eine angrenzende Scheune, wo die Backstube untergebracht war, aus dem Jahre 1792.«
Somit war auch klar, dass die von mir gelesenen »Strohlemmeln« tatsächlich »Strohsemmeln« waren. Dabei handelt es sich um eine regionale Brötchensorte auf Hefeteigbasis, deren rohe Teiglinge – ähnlich wie Bagels – in kochendem Wasser gebrüht und dann bei vergleichsweise hohen Temperaturen auf einem schützenden Strohbett im Ofen gebacken werden:
»Das wohl bekannteste Gebäck Lippes ist sicherlich die Lemske Strauhsemmel (Lemgoer Strohsemmel), die allerdings nicht nur in Lemgo, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes hergestellt wird. Einer alten Überlieferung zufolge wurde das Rezept für die Strohsemmel von einem unbekannten Bäckergesellen und Soldaten im napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland nach Lippe mitgebracht. (…) Da aber spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die Bäckerei Richter in Detmold und die Bäckerei Kracht in Lemgo, sondern auch zahlreiche andere Bäckereien in Lippe Strohsemmeln backten und verkauften, muß sich das ›Geheimrezept‹ unter Lippes Bäckern doch relativ rasch herumgesprochen haben. (…) Das Besondere an der Strohsemmel ist wohl auch weniger das Rezept als die Herstellungsart: Zum einen wird der Teig gebrüht; zum anderen werden die gebrühten Teigstücke auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches abgebacken.«
Da das Geschäft bereits vor nunmehr rund 28 Jahren seinen Betrieb aufgab, stellt sich natürlich die Frage, was seither geschah, denn schließlich befindet sich das verwaiste Objekt mitten in der ansonsten belebten Fußgängerzone Lemgos. Auch dazu hat das Netz interessante Informationen zu bieten. Zum einen sorgten sich die ehemaligen Besitzer wohl um den Fortbestand des Rezepts ihres »Signature Gebäcks«, zum anderen schienen sie sich nach Kräften um die Veräußerung der Immobilie zu bemühen:
»›Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur‹, erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. ›Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen.‹«
»Eine Lemgoer Institution zum Nulltarif: Laut Angaben von Herbert Kracht (72) wird das Haus der Traditionsbäckerei Kracht in der Breiten Straße kostenlos abgegeben. Die einzige Bedingung: Der neue Besitzer muss das dazu gehörige Grundstück kaufen.«
Das verlockende Verkaufsangebot fand jedoch offenbar keinen Interessenten, denn im Februar 2023 wurde in der lokalen Presse über eine anstehende Zwangsversteigerung des Hauses berichtet. Doch auch diese Maßnahme war wohl aus unbekannten Gründen nicht umsetzbar, denn weitere 10 Monate später titelte dieselbe Zeitung »Lemgoer Bäckerei Kracht noch nicht unterm Hammer«. Mein obenstehendes Foto entstand erneut knapp zwei Jahre später, am 10. November 2025. Anzeichen für einen Abriss, eine Sanierung, Renovierung oder äußere Hinweise auf einen Besitzerwechsel waren auch zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Mehr konnte ich über das Schicksal des Hauses nicht herausbekommen.
Die handbeschriftete Glastafel über dem Eingang mit dem etwas missglückten »langen s« (ſ), das eher wie ein kleines l aussieht, nahm ich anschließend zum Anlass, das typographische Potpourri an der Ladenfassade mit möglichst ähnlichen Schriftarten noch einmal nachzuempfinden und dabei ein wenig zu optimieren.
Ich gehe davon aus, dass die unübliche Gestaltung des »ſ« in die Verantwortung des Schildermalers fällt, denn als ich nach ähnlichen Formen in kommerziellen (vorzugsweise kursiven) Antiqua-Schriften suchte, konnte ich bei keiner davon eine Variante auffinden, die derart einem kleinen 𝑙 ähnelt. Insgesamt sechs Varianten für das Design des »langen s« sind allgemein gebräuchlich. Vier davon können bei flüchtigem Lesen meines Erachtens mit einem 𝑓 verwechselt werden, zumal der Buchstabe ſ heutzutage kaum noch in Texten vorkommt und Leser*innen ihn somit darin nicht erwarten. Mir persönlich gefällt daher die letzte Variante am besten:
Beispiel »Times New Roman« (Stanley Morison, Victor Lardent/Monotype, 1931): Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering. Diese Variante ist ausschließlich in nicht-kursiven Schriftschnitten anzutreffen. Beim Wechsel auf einen kursiven Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie wechselt die Form zur Variante 6!
Beispiel »Haiku Italic« (Zac Hallgarten/AcidType, 2022): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Basile« (Dario Manuel Muhafara/Tipo, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Littleworth Now Italic« (Steve Matteson & Frederic L. Griggs/Monotype, 2025): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Dutch Medieval Pro Italic« (Hans van Maanen, Patrick Griffin/Canada Type, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Times New Roman Italic«: Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering.
Und zum Schluss hier noch das Rezept (oder besser: eine schlüssige Version, zusammengestellt aus fünf der vielen online kursierenden Rezepte) für die Original »Lemgoer Strohsemmeln«. Guten Appetit! 🤓 🔠 🥯
Lemgoer Strohsemmeln
Zutaten: 500 g Weizenmehl 1 Würfel (42 g) frische Hefe oder 1 Tütchen (7 g) Trockenhefe 1,5 EL Zucker 1 gestr. EL Salz ca. 300 ml lauwarmes Wasser (nach Bedarf etwas mehr oder weniger, s.u.) Weizenstroh oder Roggenstroh, nicht zu kurze Halme (zum Auslegen des Backblechs)
Zubereitung: Die Hefe in einem geeigneten Gefäß in 200 ml des Wassers bröseln und zusammen mit einem Teelöffel des Zuckers gut verrühren, bis sie sich aufgelöst hat.
Das Mehl in eine Schüssel geben und in der Mitte eine Vertiefung formen. In diese Mulde die Hefemischung gießen. Anschließend nach und nach Salz, den restlichen Zucker und weiteres Wasser zugeben und alles zu einem Teig verkneten. Dabei nur so viel Wasser verwenden, dass ein fester, aber gut formbarer Teig entsteht.
Den fertigen Teig abgedeckt mit einem Küchentuch etwa 30 Minuten an einem warmen Ort ruhen lassen, bis er sichtbar aufgegangen ist und ungefähr sein Volumen verdoppelt hat. Danach den Teig nochmals kurz durchkneten, zu einer Rolle formen und diese mit einem Messer in 15 etwa gleich große Stücke teilen. Die Stücke rund formen und auf Backpapier weitere 5 Minuten warm angehen lassen. Anschließend die Teiglinge leicht flachdrücken und mit einem spitzen Gegenstand 6–8 mal über die Oberfläche verteilt einstechen. Danach nochmals rund 15 Minuten ruhen lassen.
In der Zwischenzeit ein Backblech mit dem Stroh auslegen und den Backofen (noch ohne Blech) auf 220 °C vorheizen. Parallel 1–2 l Wasser in einem großen Topf zum Kochen bringen. Die Teiglinge kurz rundum in das kochende Wasser tauchen, danach auf das mit dem Weizenstroh ausgelegte Backblech legen und es auf der mittleren Schiene in den Backofen schieben. Dann noch eine halbe Tasse Wasser auf den heißen Boden des Ofens gießen und die Ofenklappe zügig schließen.
Nun werden die Semmeln im Dampf bei einer Temperatur von etwa 220 °C für 25 bis 30 Minuten gebacken. Durch das unterliegende Stroh wird das Gebäck nur auf der Oberfläche braun, der Boden hingegen bleibt hell. Nach dem Backen sollten sich die Semmeln relativ leicht vom Stroh lösen lassen.
Strohsemmeln schmecken sowohl nur mit Butter als auch mit Schinken oder typisch lippischer Mettwurst. Aber auch süße Aufstriche wie Marmelade oder Honig passen gut dazu.
Das Verb »verfeinern« ist zumeist im Umfeld der Zubereitung von Fertiggerichten anzutreffen. Wer sich selbst, der Familie oder Gästen Mahlzeiten serviert, deren Komponenten zum Teil aus Tüte, Dose oder Tiefkühltruhe stammen, fügt gerne zur individuellen Vervollkommnung der Rezeptur noch einige eigene Zutaten hinzu, die über das reine Abschmecken hinausgehen. Eine Handvoll frische Kräuter, ein besonderes Gewürz, ein Gläschen Kochwein, ein Schuss Sahne oder ein Esslöffel Crème fraîche runden das Gericht nicht nur gemäß dem eigenen Geschmack ab, sondern geben der Person am Herd auch das gute Gefühl, das Essen mehr als bloß aufgewärmt zu haben. Auch ich selbst praktiziere das so.
Als Fundstück möchte ich heute allerdings einen Imbiss reichen, bei dem mich ein Drang zur Verfeinerung in gestalterischer Hinsicht ergriff. Es geht dabei nicht nur um Typographie, sondern auch um Orthographie und Lesbarkeit.
Gesehen habe ich das betreffende Objekt am Gleis einer Hamburger U-Bahn-Station. Während ich auf meinen Zug wartete, wanderte mein Blick über die Werbeplakate an den Wänden und blieb an diesem Motiv einige Sekundenbruchteile länger hängen, als es sich »richtig« anfühlt, denn ich las zuerst »Erstens … Hilfe-Set …«. Erst einen kleinen Moment später begriff ich, dass die Eins mit dem Punkt mit zu den beiden folgenden Wörtern gehören sollte. Schade, dachte ich, eine so schöne, kreative und originelle Plakatidee – und dann wird der Witz gebremst durch eine nicht sofort intuitiv erfassbare Schreibweise.
Ich vermutete zunächst, der Grund für diese Verkürzung sei, dass der Platz nicht ausreichte und der voll ausgeschriebene Begriff dann nicht mehr ohne Umbruch in eine Zeile gepasst hätte. Aber dem ist nicht so, wie meine retuschierte »Verfeinerung« zeigt:
Der textlich ausgeschriebene Begriff »Erste Hilfe« ohne Ordinalzahl ist auf Beschilderungen und Kennzeichnungstafeln, damit beschrifteten Verbandskästen (s.u.) sowie in regelbasierten Dokumenten zu Unfallschutz und Versorgung akut erkrankter oder verletzter Personen die allgemein gebräuchliche Schreibweise. Insofern ist es auch die am häufigsten im Alltag wahrgenommene und von den meisten Menschen »gelernte« Erscheinungsform dieses Begriffs, die aufgrund dieser Prägung innerhalb kürzester Zeit erfasst und begriffen wird. Man findet zwar ohne weiteres mit dem Suchbegriff »1. Hilfe« im Netz jede Menge Produkte und Informationen, zudem auch Websites zum Thema, in deren URL die 1 auftaucht – etwa den Online-Kursanbieter meine1hilfe.de –, aber die Schreibweise mit Ziffer ist eindeutig seltener, weniger vertraut und braucht daher tendenziell länger, um verstanden zu werden.
Doch selbst wenn der Einsatz der Ziffer nicht zu beanstanden wäre, ist die Schreibweise im Plakat nicht korrekt – denn es fehlt ein Bindestrich, der nicht nur die letzten beiden, sondern alle drei Bestandteile des Begriffs »1.-Hilfe-Set« zu einem (wiederum besser verständlichen) Ganzen koppelt:
»(…) in Wortzusammensetzungen mit Zahlen und Abkürzungen setzt man zwischen alle Teile der Zusammensetzung einen Bindestrich. Beispiele sind:
der 230-V-Antrieb der 500-m-Lauf das 1.-Kl.-Abteil die 4-Zr.-Wohnung die 100-km/h-Grenze (…)«
Nennt mich Erbsenzähler, schimpft mich Korinthenkacker – aber wenn etwas fast perfekt ist und nur ein letztes winziges Detail eine ansonsten runde Sache trübt, triggert das mein Auge manchmal ebenso sehr wie ein weitaus größeres grafisches Missgeschick. 🤓 🔠 🧐
Die für die Texte im Plakat und auf der Iglo-Website als Corporate Font zum Einsatz kommende Schriftart ist die »Foco« (Fabio Luiz Haag/Dalton Maag).
Der im Plakat genutzte Schriftschnitt »Foco Black«.