verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Werbebotschaften (Seite 1 von 5)

300 bis 500 Werbebotschaften pro Tag, so heißt es, prasseln gegenwärtig auf uns ein – als digitale oder gedruckte Anzeigen, Poster oder Plakate, auf Displays, in Videos oder in Prospekten und Broschüren. Und Schrift ist immer dabei.

28.08.2026

Menschen neigen bekanntermaßen bisweilen dazu, Flora und Fauna in »gut« und »schlecht« zu unterteilen. Schmetterlinge oder Bienen sind »gute« Insekten – Silberfischchen oder Stechmücken sind »schlechte« Insekten, aka »Ungeziefer«. Glockenblumen oder Bärlauch sind »gute« Pflanzen – Disteln oder Knöterich sind »schlechte« Pflanzen oder auch »Unkräuter«.

Das typographische Fundstück am Freitag ist heute wieder eine sehr schöne Einreichung, fotografiert vom Blogleser Werner L. aus Berlin und entdeckt in einer Ausstellung im Landschloss Zuschendorf, das mir von ihm zudem als lohnendes und lehrreiches Ausflugsziel empfohlen wurde. Und auch dieses eingereichte Printmedium – eine historische Werbeanzeige – nimmt im Markennamen des beworbenen Produktes eine Unterteilung in »gute« und »schlechte« Wildtiere vor. Zunächst zeige ich das eingereichte Foto im Original:

Für diejenigen, die Frakturschrift nicht so gut lesen können, hier eine Transkription des Textes:

»Antispatz – Der beste Meisen-Anlock- u. Fütter-Apparat, das Entzücken d. Vogelfreunde. Von 14 Ministerien empf. M. 4,60 postfrei, 4 St. M. 14,90, postfrei. Prospekt Parus, Hamburg 36 G. Postscheckk. Hbg. 2475.«

Tatsächlich war der »Antispatz« eine spezielle Futterstelle für Singvögel. Die Konstruktion sollte allerdings insbesondere Haussperlinge (»Spatzen«) von der Winterfütterung fernhalten, während akrobatischen Klettervögeln und Flugkünstlern, wie Meisen oder Kleibern, der Zugang erleichtert wurde. Damals wurden Spatzen von vielen als üble Futterkonkurrenten für andere, seltener gesehene Singvögel angesehen.

Entwickelt wurde die Vorrichtung von dem Hamburger Mediziner und Sanitätsrat Dr. Christian Adolf Bruhn (1865–1927), Online-Quellen zufolge während einer Liegekur, die dem Lungenarzt während einer eigenen Tuberkuloseerkrankung in den Jahren zwischen 1905 und 1910 verordnet war. In einem selbst verfassten Artikel (»Futterglocke und Meisendose ›Antispatz‹«, in »Ornithologische Monatsschrift«, Jahrgang 1910, hrsg. vom Deutschen Vereine zum Schutze der Vogelwelt e. V.«, Seite 149–154) erwähnt Dr. Bruhn, dass bereits im September 1908 ein gewisser Friedrich Schwabe, damals Leiter der »Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz« in Seebach/Thüringen, sich äußerst wohlwollend über Konstruktion und Funktion der damals auch »Dr. Bruhns Meisendose« genannten Erfindung geäußert habe. Auch in einer Schweizer Publikation aus dem Jahr 1908 taucht das Produkt bereits auf. Man kann also davon ausgehen, dass die ersten Modelle des »Antispatz« etwa zu dieser Zeit entstanden:

»Von den vielen Futterapparaten für Meisen darf Dr. med. Bruhns Meisendose in den ersten Rang gestellt werden. Sie ist ein viereckiger, mit Deckel versehener Blechkasten, dessen Boden eine schiefe Ebene bildet. Der Apparat wird mittelst eines oben angebrachten Henkels, sowie seitlich angelöteter Blechbänder am Baum, an der Wand etc. befestigt und mit Hanffrucht gefüllt. Die Körner rutschen auf dem schräg gestellten Boden herunter und gelangen unten durch eine schmale Öffnung auf eine kleine, mit Rand versehene Blechplatte. Da nur so viel Hanfkörner auf dieses Futtertischchen nachrutschen können, als von den Meisen weggepickt werden, so ist jeder Futterverlust ausgeschlossen. Auf den beiden Seitenwänden des Kastens sind lange Glasfensterchen angebracht, die das langsame Schwinden des Futtervorrates von weitem erkennen lassen und die Futterplatte beleuchten.«

Quelle: Ala, Schweizerische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz: »Ornithologischer Beobachter«, Heft 12, Dezember 1908, S. 190.

Das anfängliche Prinzip bestand wohl darin, dass zwar Vögeln mit schmaleren Schnäbeln Zugriff auf den nachrieselnden Körnervorrat ermöglicht wurde, aber Spatzen mit ihren breiteren Schnäbeln nicht.

Später heißt es in einer anderen Abbildung (undatiert, ca. 1910) zu einer anscheinend weiterentwickelten und patentierten Nachfolgekonstruktion: »Neue Spatzensicherung. Unsere bisherige Vorrichtung verhindert das Eintauchen der dicken Sperlingsschnäbel ins Futter; die neue das Anfliegen der Spatzen«. Es sieht so aus, als ob der Zugang von der Unterseite des Futterkastens für Spatzen weiter erschwert wurde, da diese – anders als die erwünschten Vögel, welche auch »hängend« fressen können – keinerlei Möglichkeit mehr hatten, sich von oben auf Vorsprünge oder Randleisten an der Futterrinne zu setzen.

Um 1912 kauften schließlich mehrere offizielle Institutionen die Rechte an der Verwertung der patentierten »Antispatz«‑Konstruktion (wir erinnern uns an das Prädikat in unserem Annoncen-Fundstück »von 14 Ministerien empfohlen«). So steht etwa im Jahresbericht des Bundes für Vogelschutz 1911/1912 (S. 137): »Mit dem Ankaufe des Patents ›Antispatz‹ von Herrn Dr. Bruhn haben wir offenbar einen sehr glücklichen Griff getan«. Und in der Chronik des Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU): »Schon 1912 hatte der Bund die Rechte an den ›Antispatz‹-Futterhäuschen erworben«.

Schon zu Lebzeiten wurden medizinische Broschüren Dr. Bruhns im 1908 gegründeten Hamburger »Parus Verlag« veröffentlicht, so z.B. sein Ratgeber »Vom gesunden und vom kranken Tuberkulösen – Erfahrungen eines lungenkranken Lungenarztes für jedermann« (1922), der auf seiner zuvor erwähnten Erkrankung beruhte. Im weiteren Verlauf der 1920er-Jahre übernahm dann Bruhns Sohn Max die Leitung des Verlages und fuhr über diesen Vertriebskanal bzw. das angeschlossene Handelsgeschäft »Parus Vogel- und Pflanzenschutz« mit der Vermarktung und dem Verkauf des »Antispatz« fort. Im Laufe der Jahre entstanden offenbar mehrere unterschiedlich aufwendige Varianten des Produktes – von einer einfachen, hängenden »Meisendose« über mit Schellen und Bändern installierbare Vogelhaus-Modelle aus Holz bis hin zur aufwendig gefertigten, 300 kg schweren Edel-Futtersäule »… als zierliche Säulenhalle mit rotem Pfannendach (…) 2,80 m hoch, (…) aus frostfester Steinmasse« (in: »Der Lehrmeister im Garten und Kleintierhof«, 1912, S. 731) für 180 Mk (nach heutiger Kaufkraft etwa 500 €). Ganz offensichtlich florierte also das Geschäft mit dem patentierten Sperlingsschreck und nahm in den 1920er- und 1930er-Jahren weiter an Fahrt auf.

Die Datierung unseres Werbemotivs ist relativ einfach, denn rein zufällig bietet zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Beitrags ein Hamburger Antiquariat bei eBay das Original einer historischen Werbeanzeige mit genau derselben Illustration an. Betitelt ist das Angebot als »Vogelschutz Abtlg. Parus-Verlag Reinbe[c]k-K. ANTISPATZ Historische Reklame 1930«. Wir können daher davon ausgehen, dass dies auch in etwa das Erscheinungsdatum der heutigen Einreichung ist. Auch der Text dieser Anzeige ist ganz famos formuliert (s.u.):

»Lebhafter Meisenbetrieb im Garten und am Fenster durch Meisen-Anlock- und Fütterapparat ›Antispatz‹, mit dem die Sperlinge nach Belieben vom Futter auszuschalten sind. ›Diese Methode ist ganz vorzüglich. Mein Garten wimmelt jetzt von Meisen aller Sorten. Ich sehe Arten, die ich nie gekannt habe, auch ein kleiner Specht zieht zu meiner Freude Nutzen aus dem ›Antispatz‹. Zum Dank vertilgen die fleißigen Tierchen alles Ungeziefer. Die Gärtner vermögen keine Raupen mehr zu finden.‹ Max Römer, Opladen. (…) Ministeriell eingeführt bei fast sämtlichen Forst- und Parkverwaltungen, in Obst- und Gartenbauvereinen. Das Entzücken Aller, das beste Geschenk! (…) Bestellen Sie, bevor der Schnee fällt!«

Quelle: Anzeige Parus-Verlag, 1930

Zur Bestimmung der darin verwendeten Schriftarten (ENDLICH kommen wir zur Typographie!) habe ich das Originalfoto nachbearbeitet, entzerrt, retuschiert, im Kontrast optimiert und scharfgezeichnet.

Der Produktname »Antispatz« in der Anzeige ist Teil der (Linolschnitt?)-Illustration und wurde eindeutig von Hand geschnitzt. Die Kleinbuchstaben werden in Leserichtung nach und nach immer kleiner; beim langen s (ſ), dem p und dem abschließenden z (ӡ) werden gar die bei diesen Zeichen üblichen Unterlängen durch deren Verkleinerung über das Niveau der Grundlinie verlegt. Im Werbetext darunter kommen dann in herkömmlichem Bleisatz zwei verschiedene, unterschiedlich fette Frakturschriften zum Einsatz, erkennbar z.B. an den individuellen Formen des großen P. Es war nicht ganz einfach, diesen eher seltenen gebrochenen Schriften auf die Spur zu kommen, aber nach einigen Anläufen und mit digital weiter optimierten Schriftproben kam ich der Bestimmung nah genug.

Insbesondere die prägnanten Formen beim P waren es, die mich zu der oben genannten Einordnung führten. Der magere Text ist wahrscheinlich in der »Hupp-Fraktur« (Otto Hupp für Klingspor, 1911) oder einer nah verwandten Variante gesetzt. Die »Hupp Fraktur« wurde 2016 von Ralph Michael Unger/RMU digitalisiert. Die fetten Textpassagen würde ich der »Fetten Mainzer Fraktur« (Berthold, 1904) zuordnen. Der normale Schnitt dieser Schrift, basierend auf einem Entwurf von Carl Albert Fahrenwaldt, erschien bereits 1901; er ist unter dem Namen »Mainzer Fraktur«, erstellt vom Schriftgestalter Peter Wiegel, seit 2010 digital verfügbar und wurde seither im Rahmen des Projekts »Unifraktur Maguntia« zu einem Unicode-gerechten Fraktur-Font weiterentwickelt.

Damit wären wir am Ende der Ergründung dieses sehr ergiebigen eingereichten Fundstücks – fast. Denn eine bei meinen Recherchen zutage getretene Information zur weiteren Generationenfolge des »Antispatz«-Erfinders Dr. Christian Adolf Bruhn möchte ich Euch nicht vorenthalten. Denn seinen Enkel »kennen« vermutlich sehr viele (ältere) Leser*innen zumindest indirekt: Es ist Hans Christian Bruhn (*1934), ein überaus erfolgreicher Komponist im Bereich Schlager und TV‑Filmmusik. Aus seiner Feder stammen u.a. die Melodien der Hits »Liebeskummer lohnt sich nicht« (Siw Malmkvist, 1964), »Marmor, Stein und Eisen bricht« (Drafi Deutscher, 1965) und »Akropolis adieu« (Mireille Mathieu, 1971). Außerdem komponierte er die Titelsongs zu den Kinder-Kult-Fernsehserien »Wickie« (1974), »Heidi« (1977), »Timm Thaler« (1979), »Captain Future« (1980) und »Patrick Pacard« (1984).

Das war doch wieder famos – von einer Vintage-Meisendose zum Soundtrack von »Captain Future« führte diesmal der Recherchepfad. Ich jedenfalls bin restlos begeistert und möchte abschließend anmerken: »Kannste dir nicht ausdenken«. 🤓 🔠 🐦‍⬛

24.08.2026

Im Vergleich zum letzten Beitrag aus Tangermünde zeigte sich bei den Recherchen zum heutigen typographischen Montagsbonbon, wie viel zahlreicher und ergiebiger die historischen Quellen zur Geschichte einzelner Gebäude, Betriebe und Geschäfte – im Gegensatz zu kleineren Ortschaften – in Großstädten sind. Dass der Ort der Betrachung darüber hinaus auch noch eine gewisse lokale Popularität besitzt, kommt erleichternd hinzu.

Auf einem frei improvisierten Fußweg von der Großen Elbstraße in Hamburg zum Bahnhof Altona kam ich vergangene Woche an dem alteingesessenen Lokal »Weinstube Zur Traube Emil Peters« in Hamburg-Ottensen vorbei, das nicht nur durch die extravagante »Rebenlampe« über dem Eingang meine Aufmerksamkeit erregte, sondern auch mit seinem schönen dunkelgrünen Werbeschriftzug an der Fassade. Um die Ansicht auf dem unten abgebildeten Foto frei von störendem Geraffel im Straßenland zeigen zu können, habe ich per Retusche ein Parkplatzschild auf dem Gehweg vor dem linken Fenster entfernt und die Traubenlampe ein klein wenig verkleinert und von der Buchstabenzeile abgerückt.

Bei dem Lokal handelt es sich tatsächlich um das älteste noch existierende Weinlokal Hamburgs. Obwohl die Besitzer im Laufe der Jahrzehnte mehrfach wechselten, ist es seiner Bestimmung, Gäste mit gutem Wein zu bewirten, bis heute treu geblieben. Seit Herbst 2022 führen die neuen Inhaber*innen Kristian Haas und Theres Neuhaus das traditionsreiche Wirtshaus. Auf der archivierten Website der langjährigen früheren Betreiber*innen Karin Wege und André Reuter findet sich zur Geschichte des Lokals folgender Text:

»Das Weinlokal ›Zur Traube‹ liegt versteckt in den verwinkelten Gassen von Alt-Ottensen. Im Jahre 1880 wurde der Grundstein des Hauses gelegt. Bis 1919 wurde im Haus eine Weinhandlung betrieben.

Emil Peters schuf ab 1919 mit dem Holzbildhauer Otto Wessel die Holzvertäfelung mit den 30 Zunftfiguren, die heute noch alle erhalten sind und richtete eine Weinstube ein.«

Quelle: web-archive.org – »Zur Traube«

Sogar ein hochauflösendes historisches Foto der Weinhandlung, die vor der Eröffnung der Weinstube dort ansässig war, konnte ich auf einer litauischen Website ausfindig machen. »Wein-Stube / Wein-Handlung Robert Dähmcke« steht auf den Fenstern und der Fassade zu lesen. Das Etagenhaus in der Karl-Theodor-Straße steht unter Denkmalschutz.

Die Beschriftung an der Hauswand scheint tatsächlich noch aus der Zeit der Eröffnung der Weinstube zu stammen, denn sie passt perfekt zum betreffenden Jahr 1919. Zwar ist anzunehmen, dass bei ihrer Anfertigung keine spezifische Schriftart zum Einsatz kam, denn wie schon häufiger bei derartigen Fundstücken, gibt es minimale Formvarianten bei gleichen Buchstaben – hier etwa die leicht unterschiedlich bauchigen u in den Wörtern »Zur Traube«. Trotzdem existieren einige Schriften aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine augenfällige Ähnlichkeit zu der Zeile an der Fassade aufweisen. Sie alle sind einer Gruppe von Schriften zuzuweisen, die auch als »Zirkularschriften« bezeichnet werden und sich zwischen ca. 1880 und 1920 großer Beliebtheit erfreuten. So nannte man im historischen Bleisatz insbesondere für Rundbriefe und geschäftliche Einladungen entworfene Schreib- oder Kursivschriften. Der Begriff leitet sich von »Zirkular« (Rundbrief) ab. Einige Vertreter dieser Kategorie sind etwa die »Künstlerschrift Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, ca. 1904) oder die jüngere Interpretation »Nuptial (Script)« von Edwin W. Shaar für die Intertype Corporation aus dem Jahr 1952. Eine Vertreterin, in der sich sogar eine gestreckte Variante des an dem Lokal angebrachten langgestreckten s (ſ) wiederfindet, ist die »Rühlsche Kursiv«, die der Schriftgestalter und Professor an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, Georg Schiller, ca. 1906 für die Schriftgiesserei C. F. Rühl in Leipzig gestaltete. Und obwohl die beiden Typen im Detail deutliche Unterschiede zeigen, sehe ich bei Duktus, Neigungswinkel und einigen Formdetails (W, u) durchaus plausible Indizien, dass dies eine zeitgenössische Inspirationsquelle für Emil Peters’ Reklameschriftzug gewesen sein könnte.

Diesmal quoll das Netz also förmlich über vor lauter Texten, Rezensionen, Geschichten, Presseartikeln und Quellen zu meinem Fundstück. Es gibt reichlich Fotos von außen und innen, man kann online einen Blick auf die alten, holzgeschnitzten Figuren und Wandtäfelungen werfen, und ich musste regelrecht achtgeben, mich in der Fülle des Materials nicht zu verlieren.

Deshalb ist nun auch Schluss für heute. Aber da ich ja in Hamburg meinen Hauptwohnsitz habe, erwäge ich tatsächlich – ganz abseits aller Theorie, reichlicher Weblinks und historischer Berichte –, der Weinstube einen realen Besuch abzustatten und ganz untypographisch mal ein Glas Wein dort zu genießen. 🤓 🔠 🍷 🍇


Weiterführende Links

➡️ Doku zum Thema aus der ZDF-Reihe »Terra X«: »Wein – Eine Geschichte durch Jahrtausende« (online verfügbar bis 02.08.2033)

14.08.2026

Schon wieder eine schöne Einreichung aus dem Kreise meiner Blogleser – und schon wieder aus Stendal, wo ich in der Nähe des Hauptbahnhofs auch mein Fundstück vom letzten Freitag entdeckte.

Die eingereichte Beschriftung befindet sich an einem Gebäude, das um die Jahrhundertwende entstanden zu sein scheint und als Baudenkmal geschützt ist. Etwa zwischen 1909 und 1913 eröffnete darin unter dem Inhaber und Gründer Paul Schlobach an der Adresse Hohe Bude 12, Ecke Uchtstraße die »Erste Stendaler Dampfwäscherei, Kunstfärberei, Chemische Reinigungs-Anstalt und Plisseebrennerei«. Das Haus ist in gut erhaltenem Zustand und auch die typographische Wandmalerei macht einen sorgsam restaurierten und bestens erhaltenen Eindruck. An der Fassade links gibt es einen weiteren restaurierten Schriftzug mit dem Text »Geschw. Schlobach«, der z.B. bei Google Maps dokumentiert ist. Oberhalb des Eckportals befindet sich unterhalb der Dachkante ein rundes Reliefornament mit den Initialen »FM« – sicherlich ein Hinweis auf den Bauherrn und damaligen Verpächter Fritz Müller, von dem Schlobach das Haus 1913 gekauft haben soll.

Zur besseren Betrachtung der großen Wandmalerei habe ich das Werbemotiv isoliert und vergrößert rekonstruiert. Es fällt auf, dass nicht nur in jeder Zeile die Schriftart anders aussieht, sondern es wird auch eindeutig erkennbar, dass alle Buchstaben von Hand gemalt wurden. In der ersten Zeile sind die Enden der Striche abgerundet, die zweite Zeile besitzt Verzierungen und breite Serifen (sie erinnert an die zeitlich ähnlich datierte Schrift auf dem Firmenschild eines nicht weit von Stendal entfernten Landhandels aus einem früheren Beitrag). Einige Anfangsbuchstaben sind fetter angelegt als der Rest der nachfolgenden Wörter, in der fünften Zeile sitzen die Initialen sogar bewusst unterhalb der Grundlinie. Bei manchen Vorkommen der Buchstaben a, e, f, r, s und t sind die Strich-Enden abgeschrägt, bei anderen gerade, in den meisten Wörtern haben die Zeichen deutlich eckige Konturen, bis hin zu den steil ansteigenden Schultern bei h, n und r, an anderer Stelle sind sie wieder runder. Ähnliche Formen dokumentierte ich hier auch schon einmal auf dem alten Firmenschild einer Kohlenhandlung in Stralsund.

Ein buntes Potpourri also an Stilen und Formmerkmalen, was aber in der Zeit der Eröffnung des Betriebes gang und gäbe war. In der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung etwa sind komplette Jahrgänge historischer Tageszeitungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert digitalisiert abrufbar und auf den Seiten mit gewerblichen Annoncen bietet sich darin typographisch ein ganz ähnliches Bild: Es dominieren schmale Typen, die im Verhältnis zu ihrer Größe viel Text pro Zeile zulassen und die Schriftarten wurden munter kombiniert und gewechselt. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1912:

Zur Geschichte der Wäscherei kann man einiges in einem lokalen Presseartikel der »Volksstimme« vom 05. September 2012 nachlesen.

»Etwa 50 Wäscherinnen, Fahrer und Handwerker waren in den 1930er und 1940er Jahren im Dienste der sauberen Wäsche bei Schlobachs angestellt. Aber wie so oft veränderte auch hier der Krieg vieles. Die sowjetische Armee übernahm nach Kriegsende die Wäscherei. (…) Was blieb, war der Name. Bis zur Wende nutzte das Sowjetmilitär die Wäscherei für die Uniformen der Soldaten. (…) 1993 schließlich wurde die Wäscherei endgültig geschlossen.«

Quelle: volksstimme.de – »Wo Altmärker ihre Wäsche waschen ließen«

Zu einer aus heutiger Sicht kuriosen unternehmerischen Synergie aus den blühenden Anfangsjahren der Wäscherei fand ich ergänzend noch ein Posting in einer Facebook-Gruppe:

»Auf dem Hof der Wäscherei von Paul Schlobach, der die Wäscherei 1913 von Fritz Müller kaufte, war eine Dampfmobile installiert, die heißes Wasser und den Dampf lieferte. Somit stand kontinuierlich Heißwasser zur Verfügung, was die Betreiber auf die Idee brachte, ein Wannenbad im Gebäude der Mittelstraße zu etablieren. Deshalb führt das Gebäude in der [beachbarten] Mittelstraße 1 den Namen ›Victoriabad‹.«

Quelle: Zitat aus einer Stendaler Tageszeitung, via User Joachim Kraatz in der Facebook-Gruppe »Stendal – Meine Heimatstadt«

Auch das historische Gebäude des Victoriabades existiert an der genannten Adresse in Stendal noch immer.

Nach der Schließung der Wäscherei folgte offenbar ein längerer Leerstand. Im Zuge der im o.g. Artikel erwähnten Renovierung jedoch wurde das Gebäude schließlich mit barrierefreien Mietwohnungen ausgebaut und im Frühjahr 2012 zog ein Gastronomiebetrieb (»Bistro Regional«) in die Gewerbeflächen ein, der aber gut zwei Jahre später bereits wieder schloss. Auch dem 2018 nachfolgenden Café »Lavanderia« mit Kuchenbäckerei war leider kein dauerhafter geschäftlicher Erfolg vergönnt – 2023 musste die Gründerin den Betrieb wieder aufgeben.

Hoffen wir, dass dem nachfolgenden Gewerbe, das hier vielleicht bald einzieht, mehr Glück beschieden ist. Das schöne Haus hätte es verdient. 🤓 🔠 🧺 🫧

24.06.2026

Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.

Leider konnte ich selbst keine Aufnahme von der Leuchtreklame bei Nacht machen, aber auf der Website »FILM NEWS BAYERN« des FilmFernsehFonds Bayern findet sich ein Beitrag zur Geschichte dieses Lichtspielhauses und der Menschen hinter dessen Kulissen, der mit einem nächtlichen Foto der Kinofassade bebildert ist.

»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«

Quelle: FILM NEWS BAYERN – »Neuer Glanz mit altem Charme«

An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.

Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿

22.06.2026

Es gab hier im Blog schon mehrmals Beiträge, in denen ich auf filmische Werke einging, bei denen Schriften auf Kulissen oder Requisiten historisch inkorrekt waren, weil die genutzten Schriftarten nachweislich erst – vom Zeitpunkt der inszenierten Handlung aus gesehen – in der Zukunft entstanden. So etwa in der Serie »The Queen‘s Gambit«, wo ein Schachturnier im Jahr 1966 mit einer Schrift beworben wurde, die erst vier Jahre später erscheinen sollte. Oder ein Werbespot der S-Bahn Berlin, in dem eine Zeitungsschlagzeile Kennedys Besuch in der geteilten Stadt ankündigte, in einer Schriftart, die es erst zwei Jahre nach der Präsidentenreise geben sollte.

Heute geht es erneut um eine typographische Anachronie – diesmal allerdings mit zwei Besonderheiten: Der betreffende Werbefilm wurde teilweise mit generativer K.I. erstellt, und die typographischen Unstimmigkeiten betreffen nicht nur die Vergangenheit, sondern reichen bis in die Gegenwart.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass es »nur« um einen Werbespot geht, nicht um eine Dokumentation, die eher Anspruch auf größere historische Korrektheit erhebt. Und ich weiß auch, dass jedwede Nachempfindung, Inszenierung oder Rekonstruktion vergangener Zeiten – ihrer Kultur, Architektur, Werkzeuge oder Lebensweise – zwangsläufig eine Interpretation aus heutiger Sicht bleibt. Mal gibt es mehr, mal weniger Freiräume, teils aus Unkenntnis, Unwille oder Unvermögen, aufgrund künstlerischer Freiheit, aus Spaß oder aus Nachlässigkeit. Es ist klar, dass viele der Sandalenfilme wie »Kleopatra« (1963) technicolor-bunte Marzipan-Versionen der Historie sind, dass Elizabeth Taylor eine fiktiv ausgeschmückte Figur spielt. Als ich kürzlich das Biopic »Maria« (2024) mit Angelina Jolie sah, in welchem etliche Super-8-Filmaufnahmen der echten Callas mit Angelina Jolie täuschend echt nachgedreht wurden, nahm ich diese Szenen als »Nachbau« der Realität wahr und störte mich nicht daran. Und auch Inszenierungen mit größerem Anspruch an Detailtreue wie die Serie »Rome« (2005–2007) oder Doku-Reihen wie »Terra X: Ein Tag in …« (2016–2014) erlauben sich immer noch erhebliche Freiheiten bei Produktionsdesign und Handlung. Auch was auf Mittelaltermärkten oder bei Rollenspielen »historisch« aufbereitet oder nachgespielt wird, hat mit der Realität der Vergangenheit (die wir zwangsläufig nur aus zweiter Hand, durch Artefakte, Chroniken oder andere Berichte kennen können) oftmals nur zum Teil etwas gemein. Das Bild, das wir heute von vergangenen Epochen kennen, ist geprägt durch ein Gemenge aus Fiktion, Verklärung, wissentlicher oder unwissentlicher Verfälschung, Interpretation, mutmaßlicher Authentizität und fundierter Geschichtswissenschaft. Dementsprechend findet sich diese Mixtur auch im Datenbestand des Internets wieder und fließt somit auch unweigerlich in die Trainingsdaten generativer K.I.-Modelle ein.

Der Clip, den ich zuerst auf der Businessplattform LinkedIn entdeckte, stammt von der Telekom, soll im Berlin des Jahres 1924 spielen und trägt den Untertitel »Building the future of communication with AI«. Er soll hier lediglich zur Ansicht verlinkt werden, man sollte ihn auch ohne einen User-Account anschauen können. Alternativ ist das Video auch auf einer Website der Telekom aufrufbar.

Vermutlich mit Blick auf die internationalen Zielgruppen der Werbebotschaft ist die Tonspur des Videos komplett auf Englisch angelegt. Die Off-Stimme spricht Englisch und auch der digital reanimierte Albert Einstein wendet sich in seiner Ansprache aus dem ersten Berliner Radio-Funkhaus (»Vox-Haus«) auf Englisch an die (deutsche!) Bevölkerung und erläutert den Hörer*innen das Konzept seiner Relativitätstheorie. In den Kommentaren wird die englischsprachliche Umsetzung ebenfalls lebhaft kritisch diskutiert, aber ich verstehe die Beweggründe und möchte hier nicht zu weit über das Thema Typographie hinaus ausholen.

Nach etwa einer Minute des knapp 90-sekündigen Films tritt der Einstein-Avatar aus dem Gebäude heraus auf den Potsdamer Platz. Hier vollzieht sich dann ein dynamischer virtueller Kameraschwenk von der Vorderseite eines »historischen« Straßenschildes, welches in einer gebrochenen Schrift mit dem Namen des Platzes beschriftet ist, zu dessen Rückseite, wo sich derselbe Name in einer »modernen« Schrift befindet. Zeitgleich wechselt auch die Stadtkulisse aus dem Jahr 1924 in die Gegenwart. Und diese Szene war es, bei der ich stutzte, denn auf der Rückseitenbeschriftung des Schildes fehlt ganz klar ein zentrales visuelles »Key Asset« der bis heute gebräuchlichen realen Berliner Straßenschilder in den Schriften »Erbar Grotesk« (im verlinkten PDF auf Seite 7) bzw. »CST West«: Der Buchstabe z und die Ligatur tz sind in der Schriftart der realen aktuellen Berliner Straßenschilder mit Unterlängen bei der z-Glyphe angelegt, also als ʒ und ꜩ. Und dieses Charakteristikum wurde entweder von der K.I. – oder dem an dem Film beteiligten Team – weggelassen.

In einem Post aus dem Unternehmen zur Veröffentlichung des Videos heißt es: »A launch of this importance needed a film with the same care, weight, and humanity as the product behind it«. Zumindest ich als typographischer Erbsenzähler kam nicht umhin, bei dem Wort »care« eine Augenbraue zu heben.

Wie sieht es in puncto Authentizität bei der Vorderseite des Schildes aus? Auf den ersten Blick könnte man denken »Joar, 1924 war das, da haben die Leute ihre Straßenschilder damals wohl so beschriftet«. Doch auf den zweiten Blick stimmt wohl auch hier einiges nicht. Zwar findet man im Internet einige wenige Straßenschilder mit gebrochenen Schriften, aber ich konnte nur eine Variante ausfindig machen, die authentisch historisch ist, etwa bei einem Exponat aus der Sammlung des »Imperial War Museums« in Großbritannien sowie in einem Instagram-Post. Die Schrift darauf ähnelt am ehesten einer Type mit dem Namen »Wittenberger Fraktur« und unterscheidet sich deutlich von dem Schriftzug aus dem K.I.-Video. Hinzu kommt, dass sich im Internet weder ein historisches Berliner Straßenschild anderen Namens mit der Schriftart aus dem Video auffinden ließ, noch war die dafür genutzte Schriftart zu identifizieren. Sie hat zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Schrift namens »Wilhelm Klingspor Gotisch«, aber meine Vermutung wäre, dass die K.I. diese gebrochene Schrift für das Video »erfunden« hat. Wer valide gegenteilige Erkenntnisse hat, kann sie mir gerne mitteilen.

Doch warum habe ich die gebrochene Schrift aus dem Museums-Schild als »fraglich« bewertet? Weil ich zum einen kein Schild auf historischen Fotos aus Berlin ausfindig machen konnte, das garantiert mit dieser Schrift im Handlungsjahr des Videos (1924) angebracht war. Und zum anderen, weil es sehr wohl historische Aufnahmen mit Straßenschildern aus dieser Zeit – und sogar vom Potsdamer Platz! – gibt, die ein ganz anderes Schriftbild nahelegen:

All diese Fotos legen nahe, dass die Straßenschilder am Potsdamer Platz des Jahres 1924 keineswegs in Fraktur, sondern in einer fast neuzeitlich anmutenden sog. »serifenbetonten Antiqua« gesetzt waren. Eine Schriftart, die der auf den dokumentierten Schildern recht nahe kommt, ist die »Bourgeois Slab« (Jonathan Barnbrook/Julián Moncada, 2019), die auf Schriften aus dem viktorianischen Zeitalter beruht und auf deren Basis ich eine ungefähre (und wahrscheinlichere) Rekonstruktion des damaligen Straßenschildes angefertigt habe.

Update: Nach der Veröffentlichung dieses Beitrags stieß ich tatsächlich noch auf ein auf das Jahr 1953 datiertes Foto eines Schildes vom Potsdamer Platz, das meiner Rekonstruktion ziemlich nahekommt und durchaus im Jahr 1924 bereits angebracht gewesen sein könnte.

Das Feld der Berliner Straßenschilder ist insgesamt ein kunterbuntes, historisch gewachsenes Potpourri. Es gibt »echte« historische Schilder (wie oben beschrieben), es entstanden nach der Deutschen Teilung »Ost-Versionen« und »West-Versionen«, es gibt als »historisch« beworbene Souvenir-Schilder in einer nochmals ganz anderen gebrochenen Schrift (»Alte Schwabacher«), die jedoch sehr wahrscheinlich so nirgends jemals im Straßenland hingen. Es gibt Schilder mit einer konstruktivistischen Schriftart, die theoretisch ab ca. 1930 (dem Entstehungsjahr der Schrift »City«) angebracht sein könnten, aber teilweise derart makellos und neu aussehen, dass auch dies fraglich erscheint – und es gibt vereinzelt zeitgenössische Schilder in z.T. weiteren gebrochenen Schriften mit weißer Schrift auf blauem Grund, die zur Erzeugung eines historisch wirkenden Straßenbildes angebracht wurden. Uff! 😅

Was es aber sehr wahrscheinlich nicht gab, sind die Schriftvarianten auf der Vorder- und Rückseite des Straßenschildes in dem gerenderten K.I.-Video.

Ich habe lange nachgedacht, warum dieses vermeintlich kleine Detail bei mir diesmal ein stärkeres »Störgefühl« auslöst als bei den anfangs erwähnten früheren Beiträgen zu nicht authentischen Schriftarten. Ich denke, es liegt speziell in der K.I.-Erzeugung des Videos begründet. Die wiederbelebte Figur Albert Einsteins wirkt verblüffend echt, sie sieht ihm zu 100% ähnlich, spricht mit seiner Stimme, die auf Basis von Tonaufnahmen rekonstruiert wurde, bewegt sich plausibel, sie suggeriert – obwohl es ganz klar ein Werbespot ist und als solcher gekennzeichnet wird – eine historische Authentizität, die unbewusst im Kopf des Betrachters auf den Rest des Videos, seiner weiteren virtuellen Darsteller, der Kulissen und Requisiten »abfärbt«. Weil Einstein so real wirkt, erscheint der gesamte Clip real. Und doch gibt es nachweislich Details, die nicht stimmen. So ist etwa auch die Darstellung des »VOX-Hauses« im Film, trotz einer gewissen Ähnlichkeit, freier interpretiert. Beim echten Gebäude befand sich der Schriftzug »VOX« unterhalb des Daches auf der Fassade. Im Film (Timecode 00:24) befindet er sich oberhalb der Fassade auf dem Dach. Die Beschriftungen »SCHALLundWELLE« und »Funk[-]Stunde« im Erdgeschoss des Hauses sind zwar im Video vorhanden, jedoch ebenfalls in komplett anderen Schriftarten. Auch die Fensterkreuze und weitere architektonische Details weichen vom Originalgebäude ab. Was sonst noch in dem Film an Details, etwa im gerenderten Stadtbild, an Fahrzeugen, bei Frisuren oder Kleidung der digitalen Statisten von der historischen Realität abweichen oder gar abwegig sein könnte, vermag ich mangels Fachwissen nicht zu sagen.

Es liegt – zumindest derzeit noch – im Wesen der K.I., dass sie alle noch so kleinen Details, die A) nicht explizit sowie nach sorgsamer vorheriger strukturierter Überlegung gepromptet und B) nicht nach ihrer Generierung von entsprechend fachkundigen Menschen geprüft und ggf. korrigiert werden, nach eigenem Ermessen (aka statischer Wahrscheinlichkeit auf Basis der verarbeiteten Trainingsdaten) »auffüllt«. Und so können Ergebnisse entstehen, die sowohl von weniger wesentlichen bis hin zu kritischen Aspekten inkorrekt, diffus oder unsicher (z.B. bei Vibe Coding) sind. Bezüglich K.I.-generierter Texte, die so klingen sollen, als habe sie ein Mensch verfasst, las ich kürzlich dazu dies:

»Man könnte von einer KI einen Text schreiben lassen, der […] menschenhaft klingt […]. Aber dann würde sich die Arbeit verlagern. Man müsste der KI sehr viele Informationen liefern, nicht nur über das Thema selbst, sondern auch über die Erlebnisse der vergangenen Wochen, Gespräche mit Freunden, eben alles, was zum Schreiben interessant sein könnte.

Und wenn man möchte, dass das Ergebnis nicht den immer gleichen Mustern folgt, müsste man auch das vorher programmieren. Je weniger Arbeit man sich macht, desto schlechter wird das Ergebnis.«

Quelle: MDR, Kolumne »Das Altpapier« vom 18. Juni 2026

Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind vielschichtig: Nimmt uns die K.I. tatsächlich Aufwand und mühsame Arbeit verlässlich und zufriedenstellend ab? Oder weckt sie durch ihre implizite Funktionalität, alle Lücken in unseren eingegebenen Prompts und ggf. ohne Rückfragen »automatisch« zu füllen, in uns das trügerische Gefühl, Ergebnisse seien in gleicher Qualität und in wesentlich kürzerer Zeit als mittels menschlicher Arbeit und Denkleistung zu erzielen, obwohl uns die vermeintlich makellose Oberfläche der Resultate eigentlich zu mehr Nachlässigkeit und Schludrigkeit verführt? Müssten wir vor dem Einsatz von K.I. nicht häufig deutlich mehr Zeit in Recherche, Struktur und Vorbereitung investieren? Würde ein maximal detailliert ausgearbeitetes Prompting den vermeintlichen Zeitgewinn teilweise wieder aufheben? Und letztlich stellt sich die Frage, ob ein historisch vollkommen fehlerfreies KI-Video tatsächlich »besser« wäre – oder womöglich erst recht problematisch.

Es bleiben also nicht nur typographische Fragen offen, sondern auch solche nach Authentizität, Verhältnismäßigkeit und Vertrauen. Mich würde interessieren, wie Ihr diese Entwicklung bewertet. 🤓 🔠 🤖 🧠


Natürlich umfasst das weite Thema »K.I.« noch eine ganze Reihe weiterer diskussionswürdiger Aspekte. Das reicht von ethischen Fragen über den Umgang mit Copyrights und einer fairen Vergütung der kreativen menschlichen Arbeit, die in Trainingsdaten einfließt, beinhaltet die prekäre Arbeitssituation menschlicher Content Monitoring Worker, den monetären und politischen Einfluss der großen Tech-Konzerne, die fragwürdige und antidemokratische Attitüde bei deren Inhabern und anderen involvierten Akteuren, dem Einsatz von K.I. bei Militär- und Überwachungstechnik, dem monströsen Wasser-, Energie- und Ressourcenverbrauch* bis hin zu K.I.-Regulierung, der Kennzeichnungspflicht bei generativ erzeugtem Content usw. Ich habe diese Punkte aber hier bewusst weggelassen, da ich damit definitiv ein »zu großes Fass aufmachen« würde. Denn letztlich ist dies ein Typographie-Blog und das soll auch gerne so bleiben.

* Ich wüsste darüber hinaus tatsächlich gerne einmal, wie der ökologische Fußabdruck der K.I.-gestützten Erstellung eines sochen 90-sekündigen Videos im Vergleich zu einer herkömmlichen, K.I.-freien analog-/digitalen Produktion eines gleichartigen Clips aussehen würde – inklusive Casting, Produktionsteam, digitalem/analogen Kulissenbau, Kostümen, Requisiten, Dreh, Catering, Postproduktion, Reisekosten, Arbeitslöhnen usw. Wer dazu Informationen hat, möge sie gerne teilen.

19.06.2026

Auch bei der Ergründung der Geschichte des heutigen Fundstücks haben mir Digitalisate historischer Hamburger Adressbücher wieder gute Dienste geleistet. Fotografiert habe ich dieses edle Buchstabenrelief an der Fassade eines Hauses in Hamburg-Altona an der heutigen Adresse Bernstorffstraße 143.

Der ungewöhnliche und eher seltene Nachname des Firmeninhabers machte es vergleichsweise einfach, Informationen zu sammeln, obgleich eine herkömmliche Suchmaschinenanfrage nur sehr spärliche Fakten erbrachte. Zum Gebäude kam immerhin zutage, dass das lichtblaue Etagenhaus in den Jahren 1865/1866 erbaut wurde und in der »Liste der Kulturdenkmäler in Hamburg-Altona-Altstadt« aufgeführt wird.

Der Inhaber, August Bluthardt, wird in den alten Hamburger Adressbüchern bis einschließlich 1911 als angestellter Prokurist bei der Firma »Paulsen
Bohde Nfg. [= Nachfolger], Eisenguss- und Tonwaren, Heizungs­verklei­dungen« geführt. Ab 1912 erscheint er dann in weiteren Registern namentlich als Einzelinhaber eines eigenen Unternehmens mit dem Geschäftsfeld »Öfen u. Herdlager-Dauerbrand-Öfen, Majolika [farbig glasierte Tonwaren, vgl. Wikipedia], weiße Schmalzkacheln, Herd- u. Wandplatten, sämtliche Ofenersatzteile, Baumaterial«. Bei den »Schmalzkacheln« scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln, denn diese Vokabel konnte ich im Feld des Ofenbaus nirgends antreffen, wohl aber tauchen »Schmelzkacheln« bei den textlichen Beschreibungen historischer Öfen in Museen auf. Ab 1921 findet sich dann in den Verzeichnissen die Firmierung »Aug. Bluthardt & Co. G. m. b. H«, die im Anschluss dann wohl in gekürzter Form, wie im Foto zu sehen, am Gebäude angebracht wurde.

Diese Zeitangabe deckt sich auch mit meiner Vermutung, wo die Ursprünge der für die Beschriftung genutzten Schriftart liegen könnten. Eine der Schriften, die sich überraschend gut mit den weißen dreidimensionalen Lettern in Deckung bringen ließ, ist die »Gotham« von Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan, entstanden 2000–2002 für die Hoefler Type Foundry (HTF). Weltbekannt wurde die Schrift im Jahr 2007, als das Wahlkampfteam um Barack Obama sie zur Schriftart für seine Präsidentschaftskampagne erkor. Das ikonische »HOPE« Poster mit dieser Schriftart kennt wohl noch fast jede*r. Die Ursprünge einer ganzen Gruppe alter Schriftzüge, welche die Schriftdesigner zu dieser modern anmutenden Grotesk-Familie inspirierten, sind jedoch fast 100 Jahre früher zu suchen. Auf der Website Jonathan Hoeflers findet sich dazu unter der Überschrift »The History of the Gotham Typeface« ein ausführlicher, sehr lesenswerter Artikel.

»Gotham was inspired by a style of bold capital letters that evolved outside the typographic tradition in the early twentieth century, common to lithographed posters, enamel signs, and commercial facades throughout New York City.«

Quelle: myfonts.com – »Gotham – about this font«

Ich habe den Text des Schriftzuges aus dem Foto einmal in der »Gotham Bold« nachgesetzt und farbig markiert, wo ich nachträglich grafisch noch etwas »umbauen« musste, damit die Zeichen ungefähr in Deckung kommen. Die einzige Glyphe, die komplett andersartig ausfällt, ist das »&«-Zeichen. Dessen leicht ausgezogene Ecken in dem fotografierten Relief, die deutlich anders anmuten als die Buchstaben mit ihrer nüchternen Linienführung, lassen jedoch ohnehin vermuten, dass dieses Zeichen bereits zur Zeit der Anbringung der Beschriftung aus dem Repertoire einer separaten Schriftart hinzugefügt wurde.

Wie ging es dann weiter mit dem Ofengeschäft August Bluthardts? 1929 taucht ein neuer Inhaber der Ofenhandlung in den Adressbüchern auf – ein gewisser Carl Mollwitz führt nun die Geschäfte. Zwischen 1943 und 1950 wurde die Adresse der Niederlassung geändert – ohne dass ein Umzug erfolgte. Zur Zeit der Gründung hieß die Straße noch »Adolphstraße« (oft auch »Adolfstraße«). Ab 1950 wird das Unternehmen dann in den Branchenbüchern unter dem neuen Straßennamen »Bernstorffstraße« gelistet, obwohl die Umbenennung laut einigen Quellen bereits einige Jahre früher stattfand:

»Bereits in der NS-Zeit wurde die Bernstorffstraße als neuer Straßenname (alter Straßenname: Adolfstraße, benannt 1857 nach Hans Adolph Wieck, Bauunternehmer, (…) in der Liste ›Umbenannte Straßen‹ aufgeführt. Die Liste wurde im Hamburger Adressbuch von 1943 veröffentlicht und listet alle in der NS-Zeit umbenannten Straßen auf, auch diejenigen, bei denen die konkrete Umbenennung noch nicht vollzogen wurde.«

Quelle: hamburg-strassennamen.de – »Bernstorffstraße«

Als Namensgeber der umgetauften Straße werden in derselben Quelle die dänischen Staatsminister Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff (1712–1772) und Andreas Peter Graf von Bernstorff (1735–1797) genannt.

Nach 1957 übernimmt dann laut der Brancheneinträge eine »Frau L. Mollwitz« die Leitung, vermutlich die Ehefrau des Inhabers. Dessen Name taucht jedoch bis 1968 weiterhin als Mitarbeiter auf. 1974 gibt es erneut einen innerfamiliären Wechsel: Der neue Name des Inhabers lautet jetzt Georg Mollwitz. Es ist plausibel, anzunehmen, dass der Staffelstab der Firmenleitung an die jüngere Generation weitergereicht wurde, aber eindeutige Informationen dazu fand ich nicht, insofern könnte es eventuell auch ein Bruder oder sonstiger Verwandter sein.

Im »Wirtschafts- u. Firmenhandbuch Hamburg + Schleswig-Holstein Ausgabe Großraum Hamburg 1976/77« erscheint der Eintrag des Unternehmens zum letzten Mal. Ich vermute, dass der Einzug moderner Zentralheizungen und platzsparender elektrischer Küchenherde den Traditionsbetrieb vom Markt verdrängt hat. Was blieb, ist dieser kunstvoll gefertigte Schriftzug an einem alten Haus in Hamburg Altona. 🤓 🔠 🏠

17.06.2026

Ein Typo-Schnappschuss am Mittwoch, eingefangen in der Stralsunder Frankenstraße. Links und rechts neben dem Eingang des denkmalgeschützten historischen Altstadthauses befinden sich diese beiden Werbetafeln für eine einst hier ansässige Kohlenhandlung.

Wie schon oft hier im Blog, lassen die Schriftformen auf eine Entstehung der Tafel Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts schließen. Obwohl es auch viele Abweichungen im Detail gibt, wie etwa die oben abgeschrägten Senkrechten bei d, h und l oder die Form des a, weisen die Gesamt­anmu­tung und die prägnanten spitzwinkligen Bögen – insbesondere bei P, u und n – große Ähnlichkeit mit der Schrift »Ronaldson Gothic« auf (American Type Founders, 1892). Diese Schrift ist auch unter den Namen »Mediaeval-Grotesk« (in Schrift­muster­büchern der Gießereien Stempel sowie Ludwig & Mayer) und »Mediaeval-Steinschrift« (bei Schelter & Giesecke) zu finden. Ihre Urheberschaft im Jahr 1889 wird William W. Jackson zugeschrieben.

Eine kostenfrei nutzbare, digitalisierte Version der Schrift steht auf der Website des autodidaktischen Schriftgestalters Peter Wiegel zum Download zur Verfügung. 🤓 🔠 🪵

15.06.2026

Zur Abwechslung poste ich heute mal ein typographisches Montagsbonbon, das ich nicht selbst fotografiert habe, sondern auf das ich bei der Recherche zum Beitrag über die »GARAGE SAUERBERG« in einem digitalisierten historischen Altonaer Adressbuch aus dem Bestand der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek entdeckt habe. Ich fand den Spruch (aus heutiger Sicht) und die Honig-Geld-Metapher einerseits putzig, die Umsetzung aber durchaus elegant und handwerklich gekonnt. Die vollständige Anzeige, aus der das Motiv stammt, ist im zweiten Bild zu sehen.

»Unterstützungs-Institut« klingt für heutige Leser*innen ungewöhnlich, fast wie ein Schwesterwort zu »Sozialamt«. War die damals werbende Instanz solch eine Behörde? Dazu fand ich schnell eine kundige Erläuterung:

»Das am 28. Januar 1799 gegründete Altonaische Unterstützungs-Institut AUI setzte sich für Sozialfürsorge und Gewerbeförderung ein. Neu war das Prinzip der überkonfessionellen Fürsorge. Hilfe für sozial Schwache war zuvor eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Nun konnten in Not geratene Einwohner*innen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit unterstützt werden. Ebenfalls unabhängig von Glauben und Konfession erhielten Schulen, Vereine und die Kinderfürsorge zinsfreie Darlehen und Spenden.

1801 gründete das AUI eine Sparkasse. Sie entwickelte sich zu ihrem wichtigsten Betätigungsfeld. Sparguthaben sollten es Menschen ermöglichen, eine Existenz aufzubauen. Über die Erträge des Bankgeschäftes konnten wohltätige Vorhaben finanziert werden. 1939 wurde das AUI aufgelöst und in die Hamburger Sparkasse überführt.«

Quelle: Website der Stiftung Historische Museen Hamburg zur Ausstellung »Glauben und Glauben lassen«, die vom 27.09.2023 bis 15.07.2024 im Altonaer Museum gezeigt wurde

Bemerkenswert an der Schriftgestaltung des Motivs fand ich zum einen die bewussten Verbindungen zwischen den gebrochenen Buchstaben, am deutlichsten bei »are«, »ie« und »iene«. Zum anderen ist auch eine Kursivstellung, wie hier zu sehen, bei historischen gebrochenen Schriften deutlich seltener und spielte nicht dieselbe Rolle wie die Kursiven bei Antiqua-Schriften. Die meisten Fraktur-Schriftfamilien verfügten – von Ausnahmen abgesehen – gar nicht über kursive Schnitte. Sollte in einem in Fraktur gesetzten Text ein Wort oder Abschnitt besonders hervorgehoben werden, wurde dies nicht durch eine Kursive – wie z.B. oft bei in Antiqua gesetzten Texten –, sondern zumeist mit anderen Mitteln erreicht, etwa durch einen deutlichen Wechsel zu einer 𝔷𝔴𝔢𝔦𝔱𝔢𝔫 gebrochenen Schrift (oder zu einer 𝙰𝚗𝚝𝚒𝚚𝚞𝚊), durch S p e r r s a t z mit größeren Buchstaben­abständen, mittels fetterer Schriftschnitte (seltener) oder durch einen deutlich anderen Schriftgrad. Zudem ist auch die ungewöhnlich starke Schrägstellung der kursiven Buchstaben – hier mit ca. 25° Neigung – auffällig; die meisten Nicht-Schreibschriften arbeiten gewöhnlich mit Winkeln zwischen 7° und 12°. Selbst eine der seltenen, kursiv gezeichneten Frakturschriften, »Deutsche Schrägschrift« (Rudolf Koch für Gebr. Klingspor, 1912) hat einen Neigungswinkel von »nur« 16°. Extremere Schräglagen von bis zu 45° findet man eher bei Kurrentschriften und anderen, oftmals dekorativen Schreibschriften.

Die dritte Besonderheit in dem Werbemotiv sind die individuell gestalteten Zeichen, wie die große geschwungene S-Initiale und das kleine w, das nach oben verlängert ist und sich mit dem S gezielt überlappt. Alle drei Stilmittel verleihen dem Schrift-Arrangement eine fast handschriftliche Anmutung und plakative Eigenständigkeit. Vergleicht man die sechs Vorkommen des kleinen e, so fällt auf, dass diese alle unterschiedlich aussehen, mal breiter, mal schmaler und mit verschieden großen Innenräumen. Ich gehe aufgrund all dieser Merkmale davon aus, dass die Illustration der Biene nebst Münze inklusive aller Textzeilen als Gesamtgebilde von Hand gezeichnet wurde.

Die etwa weiteren Schriftarten bzw.-schnitte in der Anzeige lasse ich heute einmal außen vor, da sie – mit Ausnahme der kantigen Type bei den Wörtern »Geschäftsstellen« / »Annahmestellen« wenig Besonderes zu bieten haben. 🤓 🔠 🐝

12.06.2026

Während meines Kurzurlaub über Pfingsten erledigte ich zwischendurch einige Besorgungen im Donau-Einkaufszentrum (DEZ) im Regensburger Stadtteil Weichs. Um mich auf der Etage zurechtzufinden, blieb ich kurz vor der Filiale eines großen deutschen Modehändlers stehen und schaute mich um. Und wieder einmal blieb mein Auge instinktiv an einer typographischen Unstimmigkeit hängen, wenige Sekundenbruchteile, bevor mein Kopf erfasst hatte, was genau das störende Detail war. Wem fällt es auf?

Um das Rätseln nicht zu spoilern, habe ich unten einen Akkordeon-Block angelegt, in dem ich den amüsanten Lapsus verrate. Wie so oft, bin ich bei der Recherche zum Logo des Unternehmens mal wieder in ein »Rabbit Hole« gefallen und habe etliche interessante und kuriose Dinge über die Historie von Peek & Cloppenburg und das Erscheinungsbild der Marke gelernt, die ich als Bonusmaterial dazugepackt habe.

Viel Spaß! 🤓 🔠 🤔 💭

Auflösung

08.06.2026

Ein Werbe-»Mural« aus Regensburg habe ich heute als typographisches Montagsbonbon ausgewählt. Und obwohl der Farbauftrag noch relativ neu und unverwittert aussieht, hat das beworbene Produkt bereits eine über 300-jährige Geschichte.

»P. Ulrich Eberskirch OCD*, der als gelernter Apotheker in den Karmelitenorden eintrat, erfand im Jahre 1721 den echten Karmelitengeist. Das Geheimnis wird bis heute streng gehütet und immer nur von zwei Karmeliten weitergegeben.«

* OCD: Ordo Carmelitarum Discalceatorum (Orden der Unbeschuhten Karmeliten)

Quelle: Karmelitenkloster St. Joseph, Regensburg

Typographisch fand ich das Motiv insofern interessant, dass es zum einen rein schriftlich für das Produkt wirbt – es gibt keinerlei Abbildung eines Mönches, einer Flasche, eines eingeschenkten Glases, einer Verpackung o.ä. Und zum anderen nutzt es in nur drei Zeilen Text vier verschiedene Schriftarten. Zwei davon konnte ich problemlos bestimmen, bei den beiden anderen war das etwas schwieriger bis erfolglos.

Das Wort »REGENSBURGER« ist in der Schriftart »ITC Avant Garde Gothic« im Schnitt »Demi Bold« gesetzt. Die Schrift wurde zunächst 1968 exklusiv für das Logo und die Headlines des US-amerikanischen Lifestyle-Magazins »Avant Garde« entworfen. Erst ab 1970 arbeitete Lubalin zusammen mit Tom Carnase – einem Partner in seinem Designbüro – daran, eine komplette Schriftfamilie gleichen Namens daraus zu entwickeln, die nachfolgend zu einer der populärsten Schriften der 1970er-Jahre wurde.

Für die Unterzeile »seit 1721 hier im Kloster hergestellt« wurde die Schrift »Palette« genutzt. Sie stammt aus dem Jahr 1951 und ihr Urheber war der Grafiker und Schriftgestalter Martin Wilke.

Die Schrift bei dem Wort »Echter« würde ich ebenfalls in den 1950er-Jahren verorten, allerdings konnte ich sie nicht verlässlich identifizieren. Das etwas zu eng stehende letzte Buchstabenpaar »er« könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Buchstaben hier individuell gestaltet wurden.

Ebenfalls knifflig war die Recherche zur Schrift im Produktnamen »KARMELITERGEIST«. Das auffälligste Merkmal ist in jedem Fall das rechtwinklig abknickende Bein des K, das sich etwas dezenter auch im R noch einmal wiederfindet. Die älteste Referenz, die ich zu dieser Buchstabenform finden konnte, reicht zurück in die Jahre 1929–1934, zu einer eleganten Art-Déco-Schrift namens »Corvinus«, entworfen vom ungarisch-schweizerischen Designer Imre Reiner für die Bauersche Schriftgießerei. Im Umfeld eines experimentelleren Formenrepertoires trifft man ein ähnliches K auch bei der Schrift »Altona« von Albert-Jan Pool, Julia Uplegger und Antonia Cornelius an, die auf Hamburger Straßenschildern Ende der 1920er-Jahre beruht, sowie in der serifenbetonten Linear-Antiqua »City« (Georg Trump für Berthold, um 1930). Alle drei Verwandten verweisen somit auf etwa dieselbe Zeit, obwohl sie nicht exakt mit der Type im Werbeschriftzug auf der Fassade übereinstimmen. Eine modernere Variante, entstanden 2002–2014, findet sich in Form der Schriftfamilie »Compass Next« von Ramiz Guseynov/TipografiaRamis.

Im Netz konnte ich zudem in einem Pressebericht aus dem Jahr 2021 zum Jubiläum der klösterlichen Spirituose ein Foto ausfindig machen, das deren Verpackungs-Evolution dokumentiert. Das »K mit dem Knick« taucht darin ausschließlich in den beiden linken der sechs abgebildeten Exemplare auf, offenbar zeitgleich mit der Einführung einer auffälligen purpurnen Kennfarbe beim Packaging. Zeitlich datieren konnte ich diese Umstellung leider nicht. Immerhin lässt sich sagen, dass das Konglomerat aus verschiedenen Schriftarten nicht älter sein kann als die jüngste der vier (»Avant Garde«).

(Nachtrag – 09. Juni 2026: In dem weiter unten im Beitrag verlinkten Video schwenkt die Kamera beim Timecode 12:28 über ein Bildtableau mit Fotos aus dem Jahr 1971, als das Elixier sein 250-jähriges Jubiläum beging. Auch darauf sind sowohl das komplette Werbemotiv als auch die orange-purpurviolette Farbgebung der Verpackung bereits zu sehen!)

Das Produkt ist nach wie vor erhältlich, es gibt sogar Pralinés, die mit einer damit aromatisierten Trüffelmasse gefüllt sind. Laut Hersteller hilft das Elixier innerlich, auf Zucker geträufelt oder mit Wasser bzw. Tee verdünnt, »… bei Grippe, Erkältung, Unwohlsein, Magenbeschwerden, Blähungen, Schlaflosigkeit«, sowie unverdünnt äußerlich »… zum Einreiben bei Ohnmacht, Herzschwäche, Rheumatismus, neuralgischen Schmerzen und zur Desinfektion von Wunden«.

Die Ursprünge dieser Heilspirituose aus (karmelitischen) Klöstern lassen sich sogar zurückverfolgen bis ins 14. Jahrhundert. Eines der ersten kommerziell vertriebenen Produkte tauchte 1611 in Frankreich unter dem Namen »L’Eau des Carmes« auf und war offenbar über Apotheken erhältlich. Das Rezept, aus Melisse, Engelwurz, Zitronenschale, Lavendel und weiteren Pflanzenessenzen gebraut, soll ursprünglich aus einem Kloster der Unbeschuhten Karmeliterinnen einer Abtei namens St. Just[e] stammen (die ich leider nicht eindeutig lokalisieren konnte) und wurde anfänglich wohl u.a. auch für den französischen König Karl V. (1338–1380) hergestellt. Andere Überlieferungen sprechen von Pariser Karmelitermönchen als Urheber der Rezeptur.

Das in Deutschland deutlich bekanntere Konkurrenzprodukt »Klosterfrau Melissengeist« kam übrigens erst im Jahr 1826, gute 100 Jahre später als der Regensburger Geist, auf den Markt. 🤓 🔠 🌿 👻

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