300 bis 500 Werbebotschaften pro Tag, so heißt es, prasseln gegenwärtig auf uns ein – als digitale oder gedruckte Anzeigen, Poster oder Plakate, auf Displays, in Videos oder in Prospekten und Broschüren. Und Schrift ist immer dabei.
In meiner Eigenschaft als Artdirektor und Grafik-Designer war ich schon des öfteren damit beauftragt, Reinzeichnungen für Werbemotive anzufertigen, die dann – auf Folie gedruckt – auf Gegenstände oder Fahrzeuge aufgebracht werden. Unabdingbar ist für diese Aufgabe, dass als Grundlage dafür verbindliche technische Zeichnungen und Maßangaben dazu vorliegen, welche Abmessungen und Formen die zu beklebenden Flächen haben. Auf Fahrzeugen gilt es, auf Fensteröffnungen, Fugen in der Karosserie, Zierleisten, Scheinwerfer, Rück- und Blinklichter und andere Aussparungen und technische Elemente auf der Oberfläche zu achten. Bei Bauelementen wie Wänden oder Türen sollte man neben Fugen z.B. auf Scharniere, Schlösser und weitere Beschläge und auch auf das Oberflächenprofil achten, denn Garagentore oder Container bestehen oft aus gewellten oder anderweitig gefalteten Blechflächen, die Motive verzerren oder aus bestimmten Blickwinkeln verdeckt erscheinen lassen. Auch bewegliche Teile am beklebten Objekt sollten im Auge behalten werden! Das Internet ist voll mit Fotos von »Design Fails«, die entstehen, wenn solche Details vorab zu wenig berücksichtigt werden. Im besten Fall ist der Lapsus nur amüsant, im schlimmsten Fall muss das Motiv abgenommen und komplett neu erstellt werden, weil inakzeptable Botschaften bzw. Motivkonfigurationen entstehen oder wichtige Elemente verdeckt oder abgeschnitten werden.
Eher harmlos ist die Problematik, die ich mit dem heutigen typographischen Montagsbonbon thematisieren möchte. In der Kopenhagener Metro fielen mir an einigen Stationen Werbemotive des Online-Versandhändlers zalando auf, die auf die Glasflächen aufgeklebt waren, die an den Bahnsteigen über die gesamte Länge die Gleise sichern. Fährt ein Zug ein, hält er passgenau an den automatischen Schiebetüren in diesen Trennwänden und die Einstiege der Metro öffnen sich zeitgleich damit.
Bild 1: Das Logo wurde in drei Teile zerschnitten und diese dann passend versetzt platziert.
Da sich sowohl zwischen den einzelnen Glaspanels als auch den beweglichen Türelementen sowohl Metallprofile als auch ca. 2–3 cm breite Spalten mit Gummidichtungen befinden, muss das Werbemotiv entsprechend in Segmente aufgeteilt werden. Bei der Anbringung des zalando-Logos haben sich die beauftragten Personen aus Grafik und Werbetechnik hier entschieden, das Teilmotiv mit dem Firmenlogo, das auf den zwei Flügeln der Schiebetüren klebt, einfach senkrecht zu zerschneiden und dann, um die Breite der jeweiligen Fuge versetzt, weiterzuführen. Das führt dazu, dass die Formen der zerschnittenen Buchstaben (l und d) eine Art optischen »Schluckauf« bekommen und dadurch breiter oder leicht deformiert wirken.
Ich fragte mich, was ich wohl getan hätte, wenn ich dieses Motiv für die Beklebung hätte vorbereiten sollen.
Möglichkeit 1: Die Umsetzung genau so vornehmen wie oben im Foto.
Möglichkeit 2: die durch die Spalten entstehenden Zwischenräume aus dem Motiv herausschneiden, so dass die natürlichen Formen der längs zerschnittenen Zeichen quasi unsichtbar »überbrückt« werden (Bild 2). Das ist allerdings nur ratsam bei hinreichend schmalen Spalten, die die Buchstaben nicht »auffressen«.
Möglichkeit 3: Das Logo behutsam so proportional skalieren, dass die Spalten exakt zwischen den Buchstaben zu liegen kommen, aber dafür in Kauf nehmen, dass das Logo nicht mehr perfekt zentriert auf der Motivfläche steht (Bild 3).
Bild 2: Die Bereiche, in denen das Logo die Türspalten überspannt, werden herausgeschnitten.Bild 3: Das Logo wurde passend zu Abstand und Breite der Spalten skaliert positioniert.
Ich glaube, wenn ich frei entscheiden könnte, wäre Möglichkeit 3 meine Präferenz. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich das leise Wimmern malträtierter Buchstaben nicht allzu gern höre. 🤓 🔠 🤕
Auch in meinem gerade zuendegegangenen Sommerurlaub, der mich auf die schöne dänische Insel Fanø, nach Värmlands län in Südwestschweden und zum Schluss nach Kopenhagen führte, habe ich wieder einige Fundstücke fürs Blog gesammelt. Als Montagsbonbon habe ich aus dem frischen Fundus mal wieder ein besonderes Exemplar meines Lieblingsbuchstabens, dem kleinen g, ausgesucht, das mir beim Einkauf in der Nachbarschaft der Kopenhagener Unterkunft an der Fassade eines SPAR Supermarkts auffiel. Wie ich schon hin und wieder hier dokumentierte, haben die Dänen beim g definitiv eine Vorliebe für besondere, ungewöhnliche Formen.
Stünde es einzeln, außerhalb eines Textes, könnte man es von weitem für eine 8 halten, aber im Kontext der Wörter und Texte finde ich es problemlos lesbar. Aus der Nähe trägt dann das Fähnchen oben rechts ergänzend zur Erkennbarkeit des Buchstabens bei. Für mich verleiht dieses g der serifenlosen geometrischen Schriftart, die eindeutig an Klassiker wie Avant Garde Gothic, Futura oder Avenir angelehnt scheint, einen sympathischen, ja humorvollen Akzent.
Die verwendete Schriftart, die SPAR für seinen Außenauftritt – nicht nur bei der Ladenbeschriftung, sondern z.B. auch in der Angebotswerbung – nutzt, trägt den Namen »Wigrum« und wurde im Jahr 2011 von Anouk Pennel und Raphael Daudelin vom Designstudio Feed in Montréal entwickelt und 2013 von Production Type (Frankreich) als komplette Schriftfamilie veröffentlicht. Die Schrift entstand im Rahmen der Buchgestaltung für einen Roman gleichen Namens des kanadischen Autors Daniel Canty.
»Canty, a contemporary writer from Québec, writes … about a mysterious character who moves at the border between fiction and reality, between Second World War time and present time, between Eastern and Western Europe. In order to typeset the book, Studio Feed created Wigrum, a sans-serif with strong references to both geometrical sans of the thirties and to their current influence.«
Quelle: talonbooks.com / Bureau des affaires typographiques (B.A.T.)
Im Wigrum-Alphabet fallen bei näherer Betrachtung noch einige weitere dezente Besonderheiten auf, beispielsweise der hohe »Schwerpunkt« bei R und S, das »doppelte W« oder das ohne unteren Bogen endende, abgeschrägte j.
Die dänischen Filialen der Supermarktkette SPAR verwenden die Schrift offenbar noch nicht allzu lange für ihren Außenauftritt. Die Grundlage für den Beginn der strategischen und visuellen Neuausrichtung von SPAR im Jahr 2024 bildeten umfangreiche Kundenbefragungen. Aus den Ergebnissen der Marktforschung wurde eine neue Positionierung abgeleitet, die auch der Konkurrenz durch lokale Discounter entgegentreten sollte. Sie lautet »Hele Danmarks lokale supermarked – med danske varer til lave priser.« (»Der lokale Supermarkt für ganz Dänemark – mit dänischen Produkten zu günstigen Preisen.«)
Der erste SPAR-Markt im neuen Look – eine Filiale am Bahnhof Rødovre im Osten Kopenhagens – eröffnete am 23. November 2023. Der offizielle Rollout des aktualisierten Erscheinungsbildes wurde jedoch erst ein gutes Jahr später, ab dem Quartal 2024, schrittweise in den übrigen SPAR-Filialen eingeleitet – dem Jahr, in dem die Kette ihr 70-jähriges Jubiläum in Dänemark (und auf YouTube) feierte. Am 14. Januar 2025 verkündete das Unternehmen dann die Neuausrichtung auch auf LinkedIn, wiederum begleitet von einem Videoclip, der die neue Positionierung der Marke visualisiert.
Verantwortlich für die Entwicklung und Umsetzung des neuen Markenauftritts (und vermutlich auch für die Wahl der neuen Schriftart) ist die dänische Kommunikations- und Markenagentur Mensch.
Nun sind Supermarktprospekte zwar ohnehin selten Paradebeispiele für Ästhetik und Design, doch seit der Umstellung sind die SPAR-Wochenwerbeblätter deutlich luftiger und aufgeräumter gestaltet. Auch der Wildwuchs bei der Schriftwahl wurde eingedämmt, denn zuvor wurden neben oder anstelle der bisherigen SPAR-Schriftart »Ronnia« (José Scaglione & Veronika Burian, Type Together, 2007) oft frei gewählte weitere Fonts eingesetzt. Und sowohl die generelle Farbgebung als auch die Formatierung der Angebotspreise wirken nun konsistenter.
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir gefällt der neue Look. Er wirkt frisch, modern, ansprechend und – entgegen der offensiv beworbenen günstigen Preise – ganz und gar nicht billig. 🤓 🔠 🛒
Dänische SPAR-Wochenprospekte »vorher« (November 2023) und »nachher« (März 2026).
Bonus-Link
Eine verwandte Form des kleinen g findet sich übrigens auch bei der serifenlosen geometrischen Schriftart »Mg12« der spanischen Independent-Foundry atipo. Hier sind die beiden geschlossenen Formen, aus denen der Buchstabe besteht, allerdings noch mit einem kurzen Steg verbunden. Falls Euch diese Schrift gefällt, kann der »Medium«-Schnitt im Tausch gegen einen Social-Media-Share kostenfrei heruntergeladen werden, und die komplette Familie wird sogar zum Tarif »pay what you want« (!) angeboten.
Es gibt Menschen, die lieben Jahrmärkte wegen der Bierzelte, wegen Lebkuchenherzen, gebrannten Mandeln, Liebesäpfeln oder Zuckerwatte, wegen Fischbrötchen, Crêpes oder Wurstsemmeln. Andere begeistern die unzähligen Fahrgeschäfte: von der Geisterbahn, dem Spiegelkabinett, Autoscooter, Riesenrad, Achterbahn, Kettenkarussell und all die anderen Vorrichtungen, mit denen kreischende Insassen rauf und runter oder in allerlei wahnwitzigen Orbitalbahnen herumgeschleudert werden.
Das meiste davon lässt mich weitgehend kalt. Bier trinke ich lieber aus den gut sortierten Zapfhähnen einer Craft-Bier-Bar, Süßigkeitenexzesse habe ich mir abgewöhnt, das Preis-Genuss-Verhältnis der meisten Imbiss-Snacks auf Jahrmärkten halte ich für suboptimal und in Freifall-, Kreisel- oder Schleudermaschinen wird mir zügig blümerant.
Was ich jedoch liebe, sind Volksfeste mit einem besonderen, reservierten Bereich für fahrende Händler. Auf hemmungslos mit Waren in allen Varianten überladenen Ständen bieten sie Mützen und Hüte, Gürtel, Socken, Duftöle und Seifen, Kräutermischungen, Tees und Gewürze, Modeschmuck, Dekoartikel, Spielwaren, Töpfe und Küchenzubehör an. Stundenlang kann ich an den Auslagen dieser Buden entlangschlendern, in den kuriosen und interessanten Artikeln stöbern und Utensilien, Markennamen oder Verpackungen entdecken, wie sie nirgendwo im Einzelhandel zu finden sind. Bisweilen habe ich auch schon das eine oder andere gekauft, zuletzt etwa ein rundes Fett-Spritzschutzgitter in Übergröße für meine Wokpfanne und einige angenehm duftende natürliche Aromaöle für die heimische Sauna.
Einer der Jahrmärkte mit einem solchen Händlerareal ist die Dult in Regensburg, und bei einer Kurzreise über Pfingsten nutzte ich natürlich die Gelegenheit für einen Bummel durch die besagten bunten Budengassen. An einem der Stände mit allerlei Edelstahlgerät – Messer, Zahnarztinstrumente, Scheren, Nagelfeilen, Pinzetten etc. – bemerkte ich ein Holzkästchen mit einigen altertümlich anmutenden, aber sehr schönen (und auch typographisch interessanten) Rasierklingenpäckchen. Und die wollten natürlich sofort fotografiert werden.
Nicht nur die Optik der in verschiedenen Purpurtönen bedruckten Schachteln ließ vermuten, dass sie schon einige Jahrzehnte alt sein dürften, sondern auch die Tatsache, dass die Glanzzeit der Messer- und Klingenherstellung in Solingen bereits eine Zeit lang zurückliegt.
Die Geschichte des Schneidwarenhandwerks in Solingen reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Wasserreiche Bäche der Wupper trieben die Schleifmühlen an, reichliche Vorkommen an regionalem Eisenerz und Holz aus den Wäldern begünstigten das dichte Netz an Werkstätten, Fabriken und Manufakturen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg Solingen zur wichtigsten Produktionsstätte für Schneidwaren weltweit auf. Die Herkunftsangabe »Solingen« auf Produkten und Verpackungen wurde zum weltweiten Gütesiegel. Der Name der Stadt ist sogar als Marke gesetzlich geschützt und seit 2012 führt sie den offiziellen Zusatz »Klingenstadt«.
Doch sowohl die Massenproduktion als auch die handwerkliche Fertigung gerieten ab dem späten 20. Jahrhundert durch billigere Konkurrenzprodukte und minderwertige Plagiate aus Asien massiv unter Druck. Viele Traditionsbetriebe mussten schließen, fusionieren oder sich komplett neu erfinden. Trotz aller Widrigkeiten jedoch behauptet sich Solingen bis heute als weltweiter Standort für hochwertige Messer und Haushaltswaren. Etwa 90 % der deutschen Schneidwaren- und Besteckbranche sind nach wie vor in der Region ansässig.
In digitalisierten Solinger Adressbüchern aus den Jahren 1938 und 1953 finden sich allein in der Rubrik »Rasierklingen(fabriken)« jeweils etwa 80–90 Einträge; in der jüngeren Ausgabe lautet einer davon »Pott & Co. · Tizian – Milano – Rio – Rekord · Burgstr. 37«. Dass der Markenname »RECORD« auf dem oben abgebildeten Päckchen mit C geschrieben wird, scheint dabei keinen Unterschied zu machen, denn auf dem Sammlermarkt mit Retro-Rasierklingen (ja, auch ich lernte bei der Recherche zu diesem Beitrag: so etwas gibt es!) werden orangefarbene und ebenfalls in derselben Schriftart mit »RECORD« bedruckte Chargen mit Klingenschachteln angeboten, auf deren enthaltenen, einzeln verpackten Klingen dann kurioserweise »REKORD« mit K steht, dazu die Jahresangabe »1952«. Diese Datierung würde ich auch in etwa der Produktion der von mir fotografierten Klingenschachteln zuordnen. Zwei der im Internet kursierenden Druckmotive mit unterschiedlicher Schreibweise auf den Klingen selbst habe ich hier einmal rekonstruiert:
Die Schriften sowohl auf den Klingen (die ich für den Beitrag hier bewusst außer Acht lasse) als auch auf den farbig bedruckten Kartonschachteln werden durch das gewählte Druckverfahren, vermutlich der sog. »Flexodruck«, nicht sauber dargestellt, da durch die elastischen Druckklischees beim Druckprozess Quetschränder zu den unbedruckten Flächen hin entstehen, die die Formkanten ausweiten und z.T. zulaufen lassen. Auf vielen Fotos der alten Klingen wirken die Buchstaben, wie auch hier, zudem noch verschmiert oder verwischt, möglicherweise bedingt durch die Geschwindigkeit, mit der sie durch die Druckvorrichtung laufen. Ich kann nicht sagen, ob Rasierklingen heute noch exakt so produziert werden wie damals, aber es scheint plausibel, dass viele Fertigungsschritte sich nicht wesentlich verändert haben.
Für die Schriftarten auf den Kartonschachteln konnte ich in den mir zugänglichen Quellen und Musterverzeichnissen keine hinreichend ähnliche Entsprechung finden, sodass ich davon ausgehe, dass die Schriftzüge eigens für die Verpackungen entworfen wurden. Dafür spricht auch, dass doppelt vorkommende Buchstaben, wie P (bei »Wappen«) und R (bei »RECORD«) im Detail unterschiedlich aussehen. Auch die, wie ich finde, sehr gekonnt kalligraphisch anmutende Gestaltung der einzelnen Buchstaben des Wortes »Klinge« und deren dekorative Schwünge könnten ein Indiz dafür sein.
Bei dem etwa mit 20° geneigten Schriftzug »RECORD« finden sich an den Enden der Striche ähnliche, an trockene Pinselspuren erinnernde Ausfaserungen wie bei der recht bekannten Schrift »Reporter«, die 1938 von Carlos Winkow für die Schriftgießerei Johannes Wagner entworfen wurde. Eine spätere Version von Linotype mit dem Namen »Reporter No. 2«, die in den 1980er-Jahren bei Letraset auch in Form von Rubbelbuchstaben erschien, verzichtete auf die Pinselstrukturen innerhalb der Buchstaben und ließ die Schrift kompakter erscheinen.
Die auffälligsten Besonderheiten des »WAPPEN«-Schriftzugs sind aus meiner Sicht die nur in eine Richtung »wehenden« Serifen an A, P und N, die oben markant herausragende Spitze des W und vor allem das unten gerundete E. Die »Romic« etwa (Colin Brignall für Letraset, 1979) weist ähnliche asymmetrische Serifen auf. Einzeln sind solche Merkmale bei diversen Schriftarten anzutreffen, vereint in einer Type konnte ich sie jedoch nicht finden.
Die Blütezeit der Rasierklingenproduktion in Solingen, die auch durch das Aufkommen moderner Elektrorasierer in den 1960er-Jahren ihrem Ende entgegenging, war auch gekennzeichnet durch ein buntes Potpourri zeitgenössischer Markennamen wie Flirt, Element, Punktal, Cosmeta, Dozent, Birko, Rotbart, Timor, Romi, Extase, Amboss, Azur, Excentric, Damocles, Sonnal Markanto, Hammond, FAMA oder Herrenstolz. Ebenso phantasievoll waren die – natürlich oft gereimten – Reklamesprüche in Anzeigen und auf Werbeplakaten: »Rasier Dich ohne Qual – mit Punktal«, »Mit ›ROMI‹ Klingen – ein gut’ Gelingen!« oder »Deine Wahl: nur Sonnal«.
Und wenn ich diese amüsanten Retro-Marketingfragmente so lese, kann ich die Sammelleidenschaft der Fans dieser kuriosen Körperpflegeantiquitäten tatsächlich ein bisschen verstehen … 🤓 🔠 🪒
Menschen neigen bekanntermaßen bisweilen dazu, Flora und Fauna in »gut« und »schlecht« zu unterteilen. Schmetterlinge oder Bienen sind »gute« Insekten – Silberfischchen oder Stechmücken sind »schlechte« Insekten, aka »Ungeziefer«. Glockenblumen oder Bärlauch sind »gute« Pflanzen – Disteln oder Knöterich sind »schlechte« Pflanzen oder auch »Unkräuter«.
Das typographische Fundstück am Freitag ist heute wieder eine sehr schöne Einreichung, fotografiert vom Blogleser Werner L. aus Berlin und entdeckt in einer Ausstellung im Landschloss Zuschendorf, das mir von ihm zudem als lohnendes und lehrreiches Ausflugsziel empfohlen wurde. Und auch dieses eingereichte Printmedium – eine historische Werbeanzeige – nimmt im Markennamen des beworbenen Produktes eine Unterteilung in »gute« und »schlechte« Wildtiere vor. Zunächst zeige ich das eingereichte Foto im Original:
Für diejenigen, die Frakturschrift nicht so gut lesen können, hier eine Transkription des Textes:
»Antispatz – Der beste Meisen-Anlock- u. Fütter-Apparat, das Entzücken d. Vogelfreunde. Von 14 Ministerien empf. M. 4,60 postfrei, 4 St. M. 14,90, postfrei. Prospekt Parus, Hamburg 36 G. Postscheckk. Hbg. 2475.«
Tatsächlich war der »Antispatz« eine spezielle Futterstelle für Singvögel. Die Konstruktion sollte allerdings insbesondere Haussperlinge (»Spatzen«) von der Winterfütterung fernhalten, während akrobatischen Klettervögeln und Flugkünstlern, wie Meisen oder Kleibern, der Zugang erleichtert wurde. Damals wurden Spatzen von vielen als üble Futterkonkurrenten für andere, seltener gesehene Singvögel angesehen.
Entwickelt wurde die Vorrichtung von dem Hamburger Mediziner und Sanitätsrat Dr. Christian Adolf Bruhn (1865–1927), Online-Quellen zufolge während einer Liegekur, die dem Lungenarzt während einer eigenen Tuberkuloseerkrankung in den Jahren zwischen 1905 und 1910 verordnet war. In einem selbst verfassten Artikel (»Futterglocke und Meisendose ›Antispatz‹«, in »Ornithologische Monatsschrift«, Jahrgang 1910, hrsg. vom Deutschen Vereine zum Schutze der Vogelwelt e. V.«, Seite 149–154) erwähnt Dr. Bruhn, dass bereits im September 1908 ein gewisser Friedrich Schwabe, damals Leiter der »Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz« in Seebach/Thüringen, sich äußerst wohlwollend über Konstruktion und Funktion der damals auch »Dr. Bruhns Meisendose« genannten Erfindung geäußert habe. Auch in einer Schweizer Publikation aus dem Jahr 1908 taucht das Produkt bereits auf. Man kann also davon ausgehen, dass die ersten Modelle des »Antispatz« etwa zu dieser Zeit entstanden:
»Von den vielen Futterapparaten für Meisen darf Dr. med. Bruhns Meisendose in den ersten Rang gestellt werden. Sie ist ein viereckiger, mit Deckel versehener Blechkasten, dessen Boden eine schiefe Ebene bildet. Der Apparat wird mittelst eines oben angebrachten Henkels, sowie seitlich angelöteter Blechbänder am Baum, an der Wand etc. befestigt und mit Hanffrucht gefüllt. Die Körner rutschen auf dem schräg gestellten Boden herunter und gelangen unten durch eine schmale Öffnung auf eine kleine, mit Rand versehene Blechplatte. Da nur so viel Hanfkörner auf dieses Futtertischchen nachrutschen können, als von den Meisen weggepickt werden, so ist jeder Futterverlust ausgeschlossen. Auf den beiden Seitenwänden des Kastens sind lange Glasfensterchen angebracht, die das langsame Schwinden des Futtervorrates von weitem erkennen lassen und die Futterplatte beleuchten.«
Das anfängliche Prinzip bestand wohl darin, dass zwar Vögeln mit schmaleren Schnäbeln Zugriff auf den nachrieselnden Körnervorrat ermöglicht wurde, aber Spatzen mit ihren breiteren Schnäbeln nicht.
Später heißt es in einer anderen Abbildung (undatiert, ca. 1910) zu einer anscheinend weiterentwickelten und patentierten Nachfolgekonstruktion: »Neue Spatzensicherung. Unsere bisherige Vorrichtung verhindert das Eintauchen der dicken Sperlingsschnäbel ins Futter; die neue das Anfliegen der Spatzen«. Es sieht so aus, als ob der Zugang von der Unterseite des Futterkastens für Spatzen weiter erschwert wurde, da diese – anders als die erwünschten Vögel, welche auch »hängend« fressen können – keinerlei Möglichkeit mehr hatten, sich von oben auf Vorsprünge oder Randleisten an der Futterrinne zu setzen.
Um 1912 kauften schließlich mehrere offizielle Institutionen die Rechte an der Verwertung der patentierten »Antispatz«‑Konstruktion (wir erinnern uns an das Prädikat in unserem Annoncen-Fundstück »von 14 Ministerien empfohlen«). So steht etwa im Jahresbericht des Bundes für Vogelschutz 1911/1912 (S. 137): »Mit dem Ankaufe des Patents ›Antispatz‹ von Herrn Dr. Bruhn haben wir offenbar einen sehr glücklichen Griff getan«. Und in der Chronik des Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU): »Schon 1912 hatte der Bund die Rechte an den ›Antispatz‹-Futterhäuschen erworben«.
Schon zu Lebzeiten wurden medizinische Broschüren Dr. Bruhns im 1908 gegründeten Hamburger »Parus Verlag« veröffentlicht, so z.B. sein Ratgeber »Vom gesunden und vom kranken Tuberkulösen – Erfahrungen eines lungenkranken Lungenarztes für jedermann« (1922), der auf seiner zuvor erwähnten Erkrankung beruhte. Im weiteren Verlauf der 1920er-Jahre übernahm dann Bruhns Sohn Max die Leitung des Verlages und fuhr über diesen Vertriebskanal bzw. das angeschlossene Handelsgeschäft »Parus Vogel- und Pflanzenschutz« mit der Vermarktung und dem Verkauf des »Antispatz« fort. Im Laufe der Jahre entstanden offenbar mehrere unterschiedlich aufwendige Varianten des Produktes – von einer einfachen, hängenden »Meisendose« über mit Schellen und Bändern installierbare Vogelhaus-Modelle aus Holz bis hin zur aufwendig gefertigten, 300 kg schweren Edel-Futtersäule»… als zierliche Säulenhalle mit rotem Pfannendach (…) 2,80 m hoch, (…) aus frostfester Steinmasse«(in: »Der Lehrmeister im Garten und Kleintierhof«, 1912, S. 731) für 180 Mk (nach heutiger Kaufkraft etwa 500 €). Ganz offensichtlich florierte also das Geschäft mit dem patentierten Sperlingsschreck und nahm in den 1920er- und 1930er-Jahren weiter an Fahrt auf.
Die Datierung unseres Werbemotivs ist relativ einfach, denn rein zufällig bietet zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Beitrags ein Hamburger Antiquariat bei eBay das Original einer historischen Werbeanzeige mit genau derselben Illustration an. Betitelt ist das Angebot als »Vogelschutz Abtlg. Parus-Verlag Reinbe[c]k-K. ANTISPATZ Historische Reklame 1930«. Wir können daher davon ausgehen, dass dies auch in etwa das Erscheinungsdatum der heutigen Einreichung ist. Auch der Text dieser Anzeige ist ganz famos formuliert (s.u.):
Foto: Vom MacBook-Screen zu Dokumentationszwecken abfotografiert.
»Lebhafter Meisenbetrieb im Garten und am Fenster durch Meisen-Anlock- und Fütterapparat ›Antispatz‹, mit dem die Sperlinge nach Belieben vom Futter auszuschalten sind. ›Diese Methode ist ganz vorzüglich. Mein Garten wimmelt jetzt von Meisen aller Sorten. Ich sehe Arten, die ich nie gekannt habe, auch ein kleiner Specht zieht zu meiner Freude Nutzen aus dem ›Antispatz‹. Zum Dank vertilgen die fleißigen Tierchen alles Ungeziefer. Die Gärtner vermögen keine Raupen mehr zu finden.‹ Max Römer, Opladen. (…) Ministeriell eingeführt bei fast sämtlichen Forst- und Parkverwaltungen, in Obst- und Gartenbauvereinen. Das Entzücken Aller, das beste Geschenk! (…) Bestellen Sie, bevor der Schnee fällt!«
Quelle: Anzeige Parus-Verlag, 1930
Zur Bestimmung der darin verwendeten Schriftarten (ENDLICH kommen wir zur Typographie!) habe ich das Originalfoto nachbearbeitet, entzerrt, retuschiert, im Kontrast optimiert und scharfgezeichnet.
Der Produktname »Antispatz« in der Anzeige ist Teil der (Linolschnitt?)-Illustration und wurde eindeutig von Hand geschnitzt. Die Kleinbuchstaben werden in Leserichtung nach und nach immer kleiner; beim langen s (ſ), dem p und dem abschließenden z (ӡ) werden gar die bei diesen Zeichen üblichen Unterlängen durch deren Verkleinerung über das Niveau der Grundlinie verlegt. Im Werbetext darunter kommen dann in herkömmlichem Bleisatz zwei verschiedene, unterschiedlich fette Frakturschriften zum Einsatz, erkennbar z.B. an den individuellen Formen des großen P. Es war nicht ganz einfach, diesen eher seltenen gebrochenen Schriften auf die Spur zu kommen, aber nach einigen Anläufen und mit digital weiter optimierten Schriftproben kam ich der Bestimmung nah genug.
Insbesondere die prägnanten Formen beim P waren es, die mich zu der oben genannten Einordnung führten. Der magere Text ist wahrscheinlich in der »Hupp-Fraktur« (Otto Hupp für Klingspor, 1911) oder einer nah verwandten Variante gesetzt. Die »Hupp Fraktur« wurde 2016 von Ralph Michael Unger/RMU digitalisiert. Die fetten Textpassagen würde ich der »Fetten Mainzer Fraktur« (Berthold, 1904) zuordnen. Der normale Schnitt dieser Schrift, basierend auf einem Entwurf von Carl Albert Fahrenwaldt, erschien bereits 1901; er ist unter dem Namen »Mainzer Fraktur«, erstellt vom Schriftgestalter Peter Wiegel, seit 2010 digital verfügbar und wurde seither im Rahmen des Projekts »Unifraktur Maguntia« zu einem Unicode-gerechten Fraktur-Font weiterentwickelt.
Damit wären wir am Ende der Ergründung dieses sehr ergiebigen eingereichten Fundstücks – fast. Denn eine bei meinen Recherchen zutage getretene Information zur weiteren Generationenfolge des »Antispatz«-Erfinders Dr. Christian Adolf Bruhn möchte ich Euch nicht vorenthalten. Denn seinen Enkel »kennen« vermutlich sehr viele (ältere) Leser*innen zumindest indirekt: Es ist Hans Christian Bruhn (*1934), ein überaus erfolgreicher Komponist im Bereich Schlager und TV‑Filmmusik. Aus seiner Feder stammen u.a. die Melodien der Hits »Liebeskummer lohnt sich nicht« (Siw Malmkvist, 1964), »Marmor, Stein und Eisen bricht« (Drafi Deutscher, 1965) und »Akropolis adieu« (Mireille Mathieu, 1971). Außerdem komponierte er die Titelsongs zu den Kinder-Kult-Fernsehserien »Wickie« (1974), »Heidi« (1977), »Timm Thaler« (1979), »Captain Future« (1980) und »Patrick Pacard« (1984).
Das war doch wieder famos – von einer Vintage-Meisendose zum Soundtrack von »Captain Future« führte diesmal der Recherchepfad. Ich jedenfalls bin restlos begeistert und möchte abschließend anmerken: »Kannste dir nicht ausdenken«. 🤓 🔠 🐦⬛
Anzeige aus »Ornithologische Monatsschrift«, Februar 1913, hrsg. vom »Deutschen Vereine zum Schutze der Vogelwelt e. V.«, 1. Umschlagseite innen. | Public Domain
Im Vergleich zum letzten Beitrag aus Tangermünde zeigte sich bei den Recherchen zum heutigen typographischen Montagsbonbon, wie viel zahlreicher und ergiebiger die historischen Quellen zur Geschichte einzelner Gebäude, Betriebe und Geschäfte – im Gegensatz zu kleineren Ortschaften – in Großstädten sind. Dass der Ort der Betrachung darüber hinaus auch noch eine gewisse lokale Popularität besitzt, kommt erleichternd hinzu.
Auf einem frei improvisierten Fußweg von der Großen Elbstraße in Hamburg zum Bahnhof Altona kam ich vergangene Woche an dem alteingesessenen Lokal »Weinstube Zur Traube Emil Peters« in Hamburg-Ottensen vorbei, das nicht nur durch die extravagante »Rebenlampe« über dem Eingang meine Aufmerksamkeit erregte, sondern auch mit seinem schönen dunkelgrünen Werbeschriftzug an der Fassade. Um die Ansicht auf dem unten abgebildeten Foto frei von störendem Geraffel im Straßenland zeigen zu können, habe ich per Retusche ein Parkplatzschild auf dem Gehweg vor dem linken Fenster entfernt und die Traubenlampe ein klein wenig verkleinert und von der Buchstabenzeile abgerückt.
Bei dem Lokal handelt es sich tatsächlich um das älteste noch existierende Weinlokal Hamburgs. Obwohl die Besitzer im Laufe der Jahrzehnte mehrfach wechselten, ist es seiner Bestimmung, Gäste mit gutem Wein zu bewirten, bis heute treu geblieben. Seit Herbst 2022 führen die neuen Inhaber*innen Kristian Haas und Theres Neuhaus das traditionsreiche Wirtshaus. Auf der archivierten Website der langjährigen früheren Betreiber*innen Karin Wege und André Reuter findet sich zur Geschichte des Lokals folgender Text:
»Das Weinlokal ›Zur Traube‹ liegt versteckt in den verwinkelten Gassen von Alt-Ottensen. Im Jahre 1880 wurde der Grundstein des Hauses gelegt. Bis 1919 wurde im Haus eine Weinhandlung betrieben.
Emil Peters schuf ab 1919 mit dem Holzbildhauer Otto Wessel die Holzvertäfelung mit den 30 Zunftfiguren, die heute noch alle erhalten sind und richtete eine Weinstube ein.«
Sogar ein hochauflösendes historisches Foto der Weinhandlung, die vor der Eröffnung der Weinstube dort ansässig war, konnte ich auf einer litauischen Website ausfindig machen. »Wein-Stube / Wein-Handlung Robert Dähmcke« steht auf den Fenstern und der Fassade zu lesen. Das Etagenhaus in der Karl-Theodor-Straße steht unter Denkmalschutz.
Die Beschriftung an der Hauswand scheint tatsächlich noch aus der Zeit der Eröffnung der Weinstube zu stammen, denn sie passt perfekt zum betreffenden Jahr 1919. Zwar ist anzunehmen, dass bei ihrer Anfertigung keine spezifische Schriftart zum Einsatz kam, denn wie schon häufiger bei derartigen Fundstücken, gibt es minimale Formvarianten bei gleichen Buchstaben – hier etwa die leicht unterschiedlich bauchigen u in den Wörtern »Zur Traube«. Trotzdem existieren einige Schriften aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine augenfällige Ähnlichkeit zu der Zeile an der Fassade aufweisen. Sie alle sind einer Gruppe von Schriften zuzuweisen, die auch als »Zirkularschriften« bezeichnet werden und sich zwischen ca. 1880 und 1920 großer Beliebtheit erfreuten. So nannte man im historischen Bleisatz insbesondere für Rundbriefe und geschäftliche Einladungen entworfene Schreib- oder Kursivschriften. Der Begriff leitet sich von »Zirkular« (Rundbrief) ab. Einige Vertreter dieser Kategorie sind etwa die »Künstlerschrift Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, ca. 1904) oder die jüngere Interpretation »Nuptial (Script)« von Edwin W. Shaar für die Intertype Corporation aus dem Jahr 1952. Eine Vertreterin, in der sich sogar eine gestreckte Variante des an dem Lokal angebrachten langgestreckten s (ſ) wiederfindet, ist die »Rühlsche Kursiv«, die der Schriftgestalter und Professor an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, Georg Schiller, ca. 1906 für die Schriftgiesserei C. F. Rühl in Leipzig gestaltete. Und obwohl die beiden Typen im Detail deutliche Unterschiede zeigen, sehe ich bei Duktus, Neigungswinkel und einigen Formdetails (W, u) durchaus plausible Indizien, dass dies eine zeitgenössische Inspirationsquelle für Emil Peters’ Reklameschriftzug gewesen sein könnte.
Diesmal quoll das Netz also förmlich über vor lauter Texten, Rezensionen, Geschichten, Presseartikeln und Quellen zu meinem Fundstück. Es gibt reichlich Fotos von außen und innen, man kann online einen Blick auf die alten, holzgeschnitzten Figuren und Wandtäfelungen werfen, und ich musste regelrecht achtgeben, mich in der Fülle des Materials nicht zu verlieren.
Deshalb ist nun auch Schluss für heute. Aber da ich ja in Hamburg meinen Hauptwohnsitz habe, erwäge ich tatsächlich – ganz abseits aller Theorie, reichlicher Weblinks und historischer Berichte –, der Weinstube einen realen Besuch abzustatten und ganz untypographisch mal ein Glas Wein dort zu genießen. 🤓 🔠 🍷 🍇
Schon wieder eine schöne Einreichung aus dem Kreise meiner Blogleser – und schon wieder aus Stendal, wo ich in der Nähe des Hauptbahnhofs auch mein Fundstück vom letzten Freitag entdeckte.
Die eingereichte Beschriftung befindet sich an einem Gebäude, das um die Jahrhundertwende entstanden zu sein scheint und als Baudenkmal geschützt ist. Etwa zwischen 1909 und 1913 eröffnete darin unter dem Inhaber und Gründer Paul Schlobach an der Adresse Hohe Bude 12, Ecke Uchtstraße die »Erste Stendaler Dampfwäscherei, Kunstfärberei, Chemische Reinigungs-Anstalt und Plisseebrennerei«. Das Haus ist in gut erhaltenem Zustand und auch die typographische Wandmalerei macht einen sorgsam restaurierten und bestens erhaltenen Eindruck. An der Fassade links gibt es einen weiteren restaurierten Schriftzug mit dem Text »Geschw. Schlobach«, der z.B. bei Google Maps dokumentiert ist. Oberhalb des Eckportals befindet sich unterhalb der Dachkante ein rundes Reliefornament mit den Initialen »FM« – sicherlich ein Hinweis auf den Bauherrn und damaligen Verpächter Fritz Müller, von dem Schlobach das Haus 1913 gekauft haben soll.
Foto: Joachim Kubowitz
Zur besseren Betrachtung der großen Wandmalerei habe ich das Werbemotiv isoliert und vergrößert rekonstruiert. Es fällt auf, dass nicht nur in jeder Zeile die Schriftart anders aussieht, sondern es wird auch eindeutig erkennbar, dass alle Buchstaben von Hand gemalt wurden. In der ersten Zeile sind die Enden der Striche abgerundet, die zweite Zeile besitzt Verzierungen und breite Serifen (sie erinnert an die zeitlich ähnlich datierte Schrift auf dem Firmenschild eines nicht weit von Stendal entfernten Landhandels aus einem früheren Beitrag). Einige Anfangsbuchstaben sind fetter angelegt als der Rest der nachfolgenden Wörter, in der fünften Zeile sitzen die Initialen sogar bewusst unterhalb der Grundlinie. Bei manchen Vorkommen der Buchstaben a, e, f, r, s und t sind die Strich-Enden abgeschrägt, bei anderen gerade, in den meisten Wörtern haben die Zeichen deutlich eckige Konturen, bis hin zu den steil ansteigenden Schultern bei h, n und r, an anderer Stelle sind sie wieder runder. Ähnliche Formen dokumentierte ich hier auch schon einmal auf dem alten Firmenschild einer Kohlenhandlung in Stralsund.
Ein buntes Potpourri also an Stilen und Formmerkmalen, was aber in der Zeit der Eröffnung des Betriebes gang und gäbe war. In der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung etwa sind komplette Jahrgänge historischer Tageszeitungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert digitalisiert abrufbar und auf den Seiten mit gewerblichen Annoncen bietet sich darin typographisch ein ganz ähnliches Bild: Es dominieren schmale Typen, die im Verhältnis zu ihrer Größe viel Text pro Zeile zulassen und die Schriftarten wurden munter kombiniert und gewechselt. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1912:
Zur Geschichte der Wäscherei kann man einiges in einem lokalen Presseartikel der »Volksstimme« vom 05. September 2012 nachlesen.
»Etwa 50 Wäscherinnen, Fahrer und Handwerker waren in den 1930er und 1940er Jahren im Dienste der sauberen Wäsche bei Schlobachs angestellt. Aber wie so oft veränderte auch hier der Krieg vieles. Die sowjetische Armee übernahm nach Kriegsende die Wäscherei. (…) Was blieb, war der Name. Bis zur Wende nutzte das Sowjetmilitär die Wäscherei für die Uniformen der Soldaten. (…) 1993 schließlich wurde die Wäscherei endgültig geschlossen.«
Zu einer aus heutiger Sicht kuriosen unternehmerischen Synergie aus den blühenden Anfangsjahren der Wäscherei fand ich ergänzend noch ein Posting in einer Facebook-Gruppe:
»Auf dem Hof der Wäscherei von Paul Schlobach, der die Wäscherei 1913 von Fritz Müller kaufte, war eine Dampfmobile installiert, die heißes Wasser und den Dampf lieferte. Somit stand kontinuierlich Heißwasser zur Verfügung, was die Betreiber auf die Idee brachte, ein Wannenbad im Gebäude der Mittelstraße zu etablieren. Deshalb führt das Gebäude in der [beachbarten] Mittelstraße 1 den Namen ›Victoriabad‹.«
Auch das historische Gebäude des Victoriabades existiert an der genannten Adresse in Stendal noch immer.
Nach der Schließung der Wäscherei folgte offenbar ein längerer Leerstand. Im Zuge der im o.g. Artikel erwähnten Renovierung jedoch wurde das Gebäude schließlich mit barrierefreien Mietwohnungen ausgebaut und im Frühjahr 2012 zog ein Gastronomiebetrieb (»Bistro Regional«) in die Gewerbeflächen ein, der aber gut zwei Jahre später bereits wieder schloss. Auch dem 2018 nachfolgenden Café »Lavanderia« mit Kuchenbäckerei war leider kein dauerhafter geschäftlicher Erfolg vergönnt – 2023 musste die Gründerin den Betrieb wieder aufgeben.
Hoffen wir, dass dem nachfolgenden Gewerbe, das hier vielleicht bald einzieht, mehr Glück beschieden ist. Das schöne Haus hätte es verdient. 🤓 🔠 🧺 🫧
Bildquelle: Friedrich-Ebert-Stiftung | Ein historisches Inserat der Wäscherei vom Januar 1929
Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.
»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«
An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.
Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿
Es gab hier im Blog schon mehrmals Beiträge, in denen ich auf filmische Werke einging, bei denen Schriften auf Kulissen oder Requisiten historisch inkorrekt waren, weil die genutzten Schriftarten nachweislich erst – vom Zeitpunkt der inszenierten Handlung aus gesehen – in der Zukunft entstanden. So etwa in der Serie »The Queen‘s Gambit«, wo ein Schachturnier im Jahr 1966 mit einer Schrift beworben wurde, die erst vier Jahre später erscheinen sollte. Oder ein Werbespot der S-Bahn Berlin, in dem eine Zeitungsschlagzeile Kennedys Besuch in der geteilten Stadt ankündigte, in einer Schriftart, die es erst zwei Jahre nach der Präsidentenreise geben sollte.
Heute geht es erneut um eine typographische Anachronie – diesmal allerdings mit zwei Besonderheiten: Der betreffende Werbefilm wurde teilweise mit generativer K.I. erstellt, und die typographischen Unstimmigkeiten betreffen nicht nur die Vergangenheit, sondern reichen bis in die Gegenwart.
Ich bin mir natürlich bewusst, dass es »nur« um einen Werbespot geht, nicht um eine Dokumentation, die eher Anspruch auf größere historische Korrektheit erhebt. Und ich weiß auch, dass jedwede Nachempfindung, Inszenierung oder Rekonstruktion vergangener Zeiten – ihrer Kultur, Architektur, Werkzeuge oder Lebensweise – zwangsläufig eine Interpretation aus heutiger Sicht bleibt. Mal gibt es mehr, mal weniger Freiräume, teils aus Unkenntnis, Unwille oder Unvermögen, aufgrund künstlerischer Freiheit, aus Spaß oder aus Nachlässigkeit. Es ist klar, dass viele der Sandalenfilme wie »Kleopatra« (1963) technicolor-bunte Marzipan-Versionen der Historie sind, dass Elizabeth Taylor eine fiktiv ausgeschmückte Figur spielt. Als ich kürzlich das Biopic »Maria« (2024) mit Angelina Jolie sah, in welchem etliche Super-8-Filmaufnahmen der echten Callas mit Angelina Jolie täuschend echt nachgedreht wurden, nahm ich diese Szenen als »Nachbau« der Realität wahr und störte mich nicht daran. Und auch Inszenierungen mit größerem Anspruch an Detailtreue wie die Serie »Rome« (2005–2007) oder Doku-Reihen wie »Terra X: Ein Tag in …« (2016–2014) erlauben sich immer noch erhebliche Freiheiten bei Produktionsdesign und Handlung. Auch was auf Mittelaltermärkten oder bei Rollenspielen »historisch« aufbereitet oder nachgespielt wird, hat mit der Realität der Vergangenheit (die wir zwangsläufig nur aus zweiter Hand, durch Artefakte, Chroniken oder andere Berichte kennen können) oftmals nur zum Teil etwas gemein. Das Bild, das wir heute von vergangenen Epochen kennen, ist geprägt durch ein Gemenge aus Fiktion, Verklärung, wissentlicher oder unwissentlicher Verfälschung, Interpretation, mutmaßlicher Authentizität und fundierter Geschichtswissenschaft. Dementsprechend findet sich diese Mixtur auch im Datenbestand des Internets wieder und fließt somit auch unweigerlich in die Trainingsdaten generativer K.I.-Modelle ein.
Der Clip, den ich zuerst auf der Businessplattform LinkedIn entdeckte, stammt von der Telekom, soll im Berlin des Jahres 1924 spielen und trägt den Untertitel »Building the future of communication with AI«. Er soll hier lediglich zur Ansicht verlinkt werden, man sollte ihn auch ohne einen User-Account anschauen können. Alternativ ist das Video auch auf einer Website der Telekom aufrufbar.
(Screenshot via LinkedIn)
Vermutlich mit Blick auf die internationalen Zielgruppen der Werbebotschaft ist die Tonspur des Videos komplett auf Englisch angelegt. Die Off-Stimme spricht Englisch und auch der digital reanimierte Albert Einstein wendet sich in seiner Ansprache aus dem ersten Berliner Radio-Funkhaus (»Vox-Haus«) auf Englisch an die (deutsche!) Bevölkerung und erläutert den Hörer*innen das Konzept seiner Relativitätstheorie. In den Kommentaren wird die englischsprachliche Umsetzung ebenfalls lebhaft kritisch diskutiert, aber ich verstehe die Beweggründe und möchte hier nicht zu weit über das Thema Typographie hinaus ausholen.
Nach etwa einer Minute des knapp 90-sekündigen Films tritt der Einstein-Avatar aus dem Gebäude heraus auf den Potsdamer Platz. Hier vollzieht sich dann ein dynamischer virtueller Kameraschwenk von der Vorderseite eines »historischen« Straßenschildes, welches in einer gebrochenen Schrift mit dem Namen des Platzes beschriftet ist, zu dessen Rückseite, wo sich derselbe Name in einer »modernen« Schrift befindet. Zeitgleich wechselt auch die Stadtkulisse aus dem Jahr 1924 in die Gegenwart. Und diese Szene war es, bei der ich stutzte, denn auf der Rückseitenbeschriftung des Schildes fehlt ganz klar ein zentrales visuelles »Key Asset« der bis heute gebräuchlichen realen Berliner Straßenschilder in den Schriften »Erbar Grotesk« (im verlinkten PDF auf Seite 7) bzw. »CST West«: Der Buchstabe z und die Ligatur tz sind in der Schriftart der realen aktuellen Berliner Straßenschilder mit Unterlängen bei der z-Glyphe angelegt, also als ʒ und ꜩ. Und dieses Charakteristikum wurde entweder von der K.I. – oder dem an dem Film beteiligten Team – weggelassen.
Die inkorrekte und die tatsächliche Umsetzung der Beschriftung im Vergleich (nachgezeichnet).Foto: Metoc, via Wikimedia Commons | Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 (Lichtreflexe leicht retuschiert)
In einem Post aus dem Unternehmen zur Veröffentlichung des Videos heißt es: »A launch of this importance needed a film with the same care, weight, and humanity as the product behind it«. Zumindest ich als typographischer Erbsenzähler kam nicht umhin, bei dem Wort »care« eine Augenbraue zu heben.
Wie sieht es in puncto Authentizität bei der Vorderseite des Schildes aus? Auf den ersten Blick könnte man denken »Joar, 1924 war das, da haben die Leute ihre Straßenschilder damals wohl so beschriftet«. Doch auf den zweiten Blick stimmt wohl auch hier einiges nicht. Zwar findet man im Internet einige wenige Straßenschilder mit gebrochenen Schriften, aber ich konnte nur eine Variante ausfindig machen, die authentisch historisch ist, etwa bei einem Exponat aus der Sammlung des »Imperial War Museums« in Großbritannien sowie in einem Instagram-Post. Die Schrift darauf ähnelt am ehesten einer Type mit dem Namen »Wittenberger Fraktur« und unterscheidet sich deutlich von dem Schriftzug aus dem K.I.-Video. Hinzu kommt, dass sich im Internet weder ein historisches Berliner Straßenschild anderen Namens mit der Schriftart aus dem Video auffinden ließ, noch war die dafür genutzte Schriftart zu identifizieren. Sie hat zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Schrift namens »Wilhelm Klingspor Gotisch«, aber meine Vermutung wäre, dass die K.I. diese gebrochene Schrift für das Video »erfunden« hat. Wer valide gegenteilige Erkenntnisse hat, kann sie mir gerne mitteilen.
Die zwei zum Vergleich stehenden Straßenschild-Varianten mit gebrochenen Schriften (nachgezeichnet).Foto: Imperial War Museums/IWM (FEQ 379) – »Street sign taken from a lampost in Allied-occupied Berlin in 1945 (at the end of the Second World War) by Captain Franklin Engleman when he was serving as a BBC War Correspondent.« | non-commercial use allowed
Doch warum habe ich die gebrochene Schrift aus dem Museums-Schild als »fraglich« bewertet? Weil ich zum einen kein Schild auf historischen Fotos aus Berlin ausfindig machen konnte, das garantiert mit dieser Schrift im Handlungsjahr des Videos (1924) angebracht war. Und zum anderen, weil es sehr wohl historische Aufnahmen mit Straßenschildern aus dieser Zeit – und sogar vom Potsdamer Platz! – gibt, die ein ganz anderes Schriftbild nahelegen:
In einem Foto aus dem Jahr 1919 im Umfeld des sogenannten »Spartakus-Aufstandes« in Berlin (s.u.)
Foto: W. Braemer, via Wikimedia Commons / Public Domain – »Die Spartakisten unter der Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wollten eine sozialistische Republik errichten. Soldaten errichten mit Holzbrettern eine Barrikade, um Angriffe im ›Zeitungsviertel‹ der Stadt abzuwehren.«
All diese Fotos legen nahe, dass die Straßenschilder am Potsdamer Platz des Jahres 1924 keineswegs in Fraktur, sondern in einer fast neuzeitlich anmutenden sog. »serifenbetonten Antiqua« gesetzt waren. Eine Schriftart, die der auf den dokumentierten Schildern recht nahe kommt, ist die »Bourgeois Slab« (Jonathan Barnbrook/Julián Moncada, 2019), die auf Schriften aus dem viktorianischen Zeitalter beruht und auf deren Basis ich eine ungefähre (und wahrscheinlichere) Rekonstruktion des damaligen Straßenschildes angefertigt habe.
So dürfte das Straßenschild am Potsdamer Platz um 1924 in etwa tatsächlich ausgesehen haben (nachgezeichnet).
Update: Nach der Veröffentlichung dieses Beitrags stieß ich tatsächlich noch auf ein auf das Jahr 1953 datiertes Foto eines Schildes vom Potsdamer Platz, das meiner Rekonstruktion ziemlich nahekommt und durchaus im Jahr 1924 bereits angebracht gewesen sein könnte.
Das Feld der Berliner Straßenschilder ist insgesamt ein kunterbuntes, historisch gewachsenes Potpourri. Es gibt »echte« historische Schilder (wie oben beschrieben), es entstanden nach der Deutschen Teilung »Ost-Versionen« und »West-Versionen«, es gibt als »historisch« beworbene Souvenir-Schilder in einer nochmals ganz anderen gebrochenen Schrift (»Alte Schwabacher«), die jedoch sehr wahrscheinlich so nirgends jemals im Straßenland hingen. Es gibt Schilder mit einer konstruktivistischen Schriftart, die theoretisch ab ca. 1930 (dem Entstehungsjahr der Schrift »City«) angebracht sein könnten, aber teilweise derart makellos und neu aussehen, dass auch dies fraglich erscheint – und es gibt vereinzelt zeitgenössische Schilder in z.T. weiteren gebrochenen Schriften mit weißer Schrift auf blauem Grund, die zur Erzeugung eines historisch wirkenden Straßenbildes angebracht wurden. Uff! 😅
Weitere Erscheinungsformen bis heute anzutreffender, historisch anmutender Berliner Straßenschilder (nachgezeichnet).
Was es aber sehr wahrscheinlich nicht gab, sind die Schriftvarianten auf der Vorder- und Rückseite des Straßenschildes in dem gerenderten K.I.-Video.
Ich habe lange nachgedacht, warum dieses vermeintlich kleine Detail bei mir diesmal ein stärkeres »Störgefühl« auslöst als bei den anfangs erwähnten früheren Beiträgen zu nicht authentischen Schriftarten. Ich denke, es liegt speziell in der K.I.-Erzeugung des Videos begründet. Die wiederbelebte Figur Albert Einsteins wirkt verblüffend echt, sie sieht ihm zu 100% ähnlich, spricht mit seiner Stimme, die auf Basis von Tonaufnahmen rekonstruiert wurde, bewegt sich plausibel, sie suggeriert – obwohl es ganz klar ein Werbespot ist und als solcher gekennzeichnet wird – eine historische Authentizität, die unbewusst im Kopf des Betrachters auf den Rest des Videos, seiner weiteren virtuellen Darsteller, der Kulissen und Requisiten »abfärbt«. Weil Einstein so real wirkt, erscheint der gesamte Clip real. Und doch gibt es nachweislich Details, die nicht stimmen. So ist etwa auch die Darstellung des »VOX-Hauses« im Film, trotz einer gewissen Ähnlichkeit, freier interpretiert. Beim echten Gebäude befand sich der Schriftzug »VOX« unterhalb des Daches auf der Fassade. Im Film (Timecode 00:24) befindet er sich oberhalb der Fassade auf dem Dach. Die Beschriftungen »SCHALLundWELLE« und »Funk[-]Stunde« im Erdgeschoss des Hauses sind zwar im Video vorhanden, jedoch ebenfalls in komplett anderen Schriftarten. Auch die Fensterkreuze und weitere architektonische Details weichen vom Originalgebäude ab. Was sonst noch in dem Film an Details, etwa im gerenderten Stadtbild, an Fahrzeugen, bei Frisuren oder Kleidung der digitalen Statisten von der historischen Realität abweichen oder gar abwegig sein könnte, vermag ich mangels Fachwissen nicht zu sagen.
Es liegt – zumindest derzeit noch – im Wesen der K.I., dass sie alle noch so kleinen Details, die A) nicht explizit sowie nach sorgsamer vorheriger strukturierter Überlegung gepromptet und B) nicht nach ihrer Generierung von entsprechend fachkundigen Menschen geprüft und ggf. korrigiert werden, nach eigenem Ermessen (aka statischer Wahrscheinlichkeit auf Basis der verarbeiteten Trainingsdaten) »auffüllt«. Und so können Ergebnisse entstehen, die sowohl von weniger wesentlichen bis hin zu kritischen Aspekten inkorrekt, diffus oder unsicher (z.B. bei Vibe Coding) sind. Bezüglich K.I.-generierter Texte, die so klingen sollen, als habe sie ein Mensch verfasst, las ich kürzlich dazu dies:
»Man könnte von einer KI einen Text schreiben lassen, der […] menschenhaft klingt […]. Aber dann würde sich die Arbeit verlagern. Man müsste der KI sehr viele Informationen liefern, nicht nur über das Thema selbst, sondern auch über die Erlebnisse der vergangenen Wochen, Gespräche mit Freunden, eben alles, was zum Schreiben interessant sein könnte.
Und wenn man möchte, dass das Ergebnis nicht den immer gleichen Mustern folgt, müsste man auch das vorher programmieren. Je weniger Arbeit man sich macht, desto schlechter wird das Ergebnis.«
Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind vielschichtig: Nimmt uns die K.I. tatsächlich Aufwand und mühsame Arbeit verlässlich und zufriedenstellend ab? Oder weckt sie durch ihre implizite Funktionalität, alle Lücken in unseren eingegebenen Prompts und ggf. ohne Rückfragen »automatisch« zu füllen, in uns das trügerische Gefühl, Ergebnisse seien in gleicher Qualität und in wesentlich kürzerer Zeit als mittels menschlicher Arbeit und Denkleistung zu erzielen, obwohl uns die vermeintlich makellose Oberfläche der Resultate eigentlich zu mehr Nachlässigkeit und Schludrigkeit verführt? Müssten wir vor dem Einsatz von K.I. nicht häufig deutlich mehr Zeit in Recherche, Struktur und Vorbereitung investieren? Würde ein maximal detailliert ausgearbeitetes Prompting den vermeintlichen Zeitgewinn teilweise wieder aufheben? Und letztlich stellt sich die Frage, ob ein historisch vollkommen fehlerfreies KI-Video tatsächlich »besser« wäre – oder womöglich erst recht problematisch.
Es bleiben also nicht nur typographische Fragen offen, sondern auch solche nach Authentizität, Verhältnismäßigkeit und Vertrauen. Mich würde interessieren, wie Ihr diese Entwicklung bewertet. 🤓 🔠 🤖 🧠
Natürlich umfasst das weite Thema »K.I.« noch eine ganze Reihe weiterer diskussionswürdiger Aspekte. Das reicht von ethischen Fragen über den Umgang mit Copyrights und einer fairen Vergütung der kreativen menschlichen Arbeit, die in Trainingsdaten einfließt, beinhaltet die prekäre Arbeitssituation menschlicher Content Monitoring Worker, den monetären und politischen Einfluss der großen Tech-Konzerne, die fragwürdige und antidemokratische Attitüde bei deren Inhabern und anderen involvierten Akteuren, dem Einsatz von K.I. bei Militär- und Überwachungstechnik, dem monströsen Wasser-, Energie- und Ressourcenverbrauch* bis hin zu K.I.-Regulierung, der Kennzeichnungspflicht bei generativ erzeugtem Content usw. Ich habe diese Punkte aber hier bewusst weggelassen, da ich damit definitiv ein »zu großes Fass aufmachen« würde. Denn letztlich ist dies ein Typographie-Blog und das soll auch gerne so bleiben.
* Ich wüsste darüber hinaus tatsächlich gerne einmal, wie der ökologische Fußabdruck der K.I.-gestützten Erstellung eines sochen 90-sekündigen Videos im Vergleich zu einer herkömmlichen, K.I.-freien analog-/digitalen Produktion eines gleichartigen Clips aussehen würde – inklusive Casting, Produktionsteam, digitalem/analogen Kulissenbau, Kostümen, Requisiten, Dreh, Catering, Postproduktion, Reisekosten, Arbeitslöhnen usw. Wer dazu Informationen hat, möge sie gerne teilen.
Auch bei der Ergründung der Geschichte des heutigen Fundstücks haben mir Digitalisate historischer Hamburger Adressbücher wieder gute Dienste geleistet. Fotografiert habe ich dieses edle Buchstabenrelief an der Fassade eines Hauses in Hamburg-Altona an der heutigen Adresse Bernstorffstraße 143.
Der ungewöhnliche und eher seltene Nachname des Firmeninhabers machte es vergleichsweise einfach, Informationen zu sammeln, obgleich eine herkömmliche Suchmaschinenanfrage nur sehr spärliche Fakten erbrachte. Zum Gebäude kam immerhin zutage, dass das lichtblaue Etagenhaus in den Jahren 1865/1866 erbaut wurde und in der »Liste der Kulturdenkmäler in Hamburg-Altona-Altstadt« aufgeführt wird.
Der Inhaber, August Bluthardt, wird in den alten Hamburger Adressbüchern bis einschließlich 1911 als angestellter Prokurist bei der Firma »Paulsen Bohde Nfg. [= Nachfolger], Eisenguss- und Tonwaren, Heizungsverkleidungen« geführt. Ab 1912 erscheint er dann in weiteren Registern namentlich als Einzelinhaber eines eigenen Unternehmens mit dem Geschäftsfeld »Öfen u. Herdlager-Dauerbrand-Öfen, Majolika [farbig glasierte Tonwaren, vgl. Wikipedia], weiße Schmalzkacheln, Herd- u. Wandplatten, sämtliche Ofenersatzteile, Baumaterial«. Bei den »Schmalzkacheln« scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln, denn diese Vokabel konnte ich im Feld des Ofenbaus nirgends antreffen, wohl aber tauchen »Schmelzkacheln« bei den textlichen Beschreibungen historischer Öfen in Museen auf. Ab 1921 findet sich dann in den Verzeichnissen die Firmierung »Aug. Bluthardt & Co. G. m. b. H«, die im Anschluss dann wohl in gekürzter Form, wie im Foto zu sehen, am Gebäude angebracht wurde.
Diese Zeitangabe deckt sich auch mit meiner Vermutung, wo die Ursprünge der für die Beschriftung genutzten Schriftart liegen könnten. Eine der Schriften, die sich überraschend gut mit den weißen dreidimensionalen Lettern in Deckung bringen ließ, ist die »Gotham« von Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan, entstanden 2000–2002 für die Hoefler Type Foundry (HTF). Weltbekannt wurde die Schrift im Jahr 2007, als das Wahlkampfteam um Barack Obama sie zur Schriftart für seine Präsidentschaftskampagne erkor. Das ikonische »HOPE« Poster mit dieser Schriftart kennt wohl noch fast jede*r. Die Ursprünge einer ganzen Gruppe alter Schriftzüge, welche die Schriftdesigner zu dieser modern anmutenden Grotesk-Familie inspirierten, sind jedoch fast 100 Jahre früher zu suchen. Auf der Website Jonathan Hoeflers findet sich dazu unter der Überschrift »The History of the Gotham Typeface« ein ausführlicher, sehr lesenswerter Artikel.
»Gotham was inspired by a style of bold capital letters that evolved outside the typographic tradition in the early twentieth century, common to lithographed posters, enamel signs, and commercial facades throughout New York City.«
Ich habe den Text des Schriftzuges aus dem Foto einmal in der »Gotham Bold« nachgesetzt und farbig markiert, wo ich nachträglich grafisch noch etwas »umbauen« musste, damit die Zeichen ungefähr in Deckung kommen. Die einzige Glyphe, die komplett andersartig ausfällt, ist das »&«-Zeichen. Dessen leicht ausgezogene Ecken in dem fotografierten Relief, die deutlich anders anmuten als die Buchstaben mit ihrer nüchternen Linienführung, lassen jedoch ohnehin vermuten, dass dieses Zeichen bereits zur Zeit der Anbringung der Beschriftung aus dem Repertoire einer separaten Schriftart hinzugefügt wurde.
Nur die farbigen Elemente in diesem Bild mussten »zurechtgebastelt« werden bzw. stimmten beim Zeichensatz der Schriftart »Gotham« nicht mit der Fassadenbeschriftung überein.
Wie ging es dann weiter mit dem Ofengeschäft August Bluthardts? 1929 taucht ein neuer Inhaber der Ofenhandlung in den Adressbüchern auf – ein gewisser Carl Mollwitz führt nun die Geschäfte. Zwischen 1943 und 1950 wurde die Adresse der Niederlassung geändert – ohne dass ein Umzug erfolgte. Zur Zeit der Gründung hieß die Straße noch »Adolphstraße« (oft auch »Adolfstraße«). Ab 1950 wird das Unternehmen dann in den Branchenbüchern unter dem neuen Straßennamen »Bernstorffstraße« gelistet, obwohl die Umbenennung laut einigen Quellen bereits einige Jahre früher stattfand:
»Bereits in der NS-Zeit wurde die Bernstorffstraße als neuer Straßenname (alter Straßenname: Adolfstraße, benannt 1857 nach Hans Adolph Wieck, Bauunternehmer, (…) in der Liste ›Umbenannte Straßen‹ aufgeführt. Die Liste wurde im Hamburger Adressbuch von 1943 veröffentlicht und listet alle in der NS-Zeit umbenannten Straßen auf, auch diejenigen, bei denen die konkrete Umbenennung noch nicht vollzogen wurde.«
Als Namensgeber der umgetauften Straße werden in derselben Quelle die dänischen Staatsminister Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff (1712–1772) und Andreas Peter Graf von Bernstorff (1735–1797) genannt.
Nach 1957 übernimmt dann laut der Brancheneinträge eine »Frau L. Mollwitz« die Leitung, vermutlich die Ehefrau des Inhabers. Dessen Name taucht jedoch bis 1968 weiterhin als Mitarbeiter auf. 1974 gibt es erneut einen innerfamiliären Wechsel: Der neue Name des Inhabers lautet jetzt Georg Mollwitz. Es ist plausibel, anzunehmen, dass der Staffelstab der Firmenleitung an die jüngere Generation weitergereicht wurde, aber eindeutige Informationen dazu fand ich nicht, insofern könnte es eventuell auch ein Bruder oder sonstiger Verwandter sein.
Im »Wirtschafts- u. Firmenhandbuch Hamburg + Schleswig-Holstein Ausgabe Großraum Hamburg 1976/77« erscheint der Eintrag des Unternehmens zum letzten Mal. Ich vermute, dass der Einzug moderner Zentralheizungen und platzsparender elektrischer Küchenherde den Traditionsbetrieb vom Markt verdrängt hat. Was blieb, ist dieser kunstvoll gefertigte Schriftzug an einem alten Haus in Hamburg Altona. 🤓 🔠 🏠
Original-Bildquelle: Hamburger Adressbücher Digital | Public Domain. Die mutmaßliche Farbigkeit habe ich anhand gleichartiger antiquarisch erhältlicher Bände aus den 1970er-Jahren rekonstruiert.
Ein Typo-Schnappschuss am Mittwoch, eingefangen in der Stralsunder Frankenstraße. Links und rechts neben dem Eingang des denkmalgeschützten historischen Altstadthauses befinden sich diese beiden Werbetafeln für eine einst hier ansässige Kohlenhandlung.
Wie schon oft hier im Blog, lassen die Schriftformen auf eine Entstehung der Tafel Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts schließen. Obwohl es auch viele Abweichungen im Detail gibt, wie etwa die oben abgeschrägten Senkrechten bei d, h und l oder die Form des a, weisen die Gesamtanmutung und die prägnanten spitzwinkligen Bögen – insbesondere bei P, u und n – große Ähnlichkeit mit der Schrift »Ronaldson Gothic« auf (American Type Founders, 1892). Diese Schrift ist auch unter den Namen »Mediaeval-Grotesk« (in Schriftmusterbüchern der Gießereien Stempel sowie Ludwig & Mayer) und »Mediaeval-Steinschrift« (bei Schelter & Giesecke) zu finden. Ihre Urheberschaft im Jahr 1889 wird William W. Jackson zugeschrieben.
Schriftprobe mit Wörtern von dem Firmenschild in der Schriftart »Ronaldson Gothic«.
Eine kostenfrei nutzbare, digitalisierte Version der Schrift steht auf der Website des autodidaktischen Schriftgestalters Peter Wiegel zum Download zur Verfügung. 🤓 🔠 🪵