verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Zeichenformen (Seite 1 von 9)

Manchmal fällt mir ein einzelnes Zeichen innerhalb eines typographischen Fundstücks ganz besonders auf. Oder ich begegne einer Schrift bzw. einem Schriftzug mit mehreren schönen oder sonderbaren Details.

10.04.2026

»Hallo! … Hier spricht Edgar Wallace!«

Wer (zumindest von den etwas älteren unter uns) kennt es nicht, dieses legendäre gesprochene Intro zu Beginn vieler der gruselig-trashigen Krimis aus den späten 1950-er bis frühen 1970-er Jahren? Zum ersten Mal zu hören – gesprochen vom verantwortlichen Filmregisseur Alfred Vohrer himself – war es allerdings erst in der zwölften Produktion, »Das Gasthaus an der Themse«. Deutsche Schauspiel-Ikonen jener Zeit wie der typisch irrlichternde Klaus Kinski, Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Hans Paetsch, Eva Pflug, Siegfried Lowitz, Ingrid van Bergen, Wolfgang Völz, Ida Ehre, Lil Dagover, Hans Clarin und natürlich Eddi Arent gaben sich am Set die Klinke in die Hand. Charakteristisch für viele der Thriller sind auch die jazzig-wilden Soundtracks des Komponisten Peter Thomas, die er zwischen 1961 und 1971 für stattliche 18 davon beisteuerte.

Die erfolgreichsten Filme der Reihe lockten damals bis zu 3,6 Millionen Zuschauer in die Kinos. Es gibt Parodien, Remakes, Zitate, Hommagen – aber manchmal müssen es auch mal wieder die Originale sein. Außerdem kenne ich noch bei weitem nicht alle Werke der Kult-Krimireihe, und so wählte ich für einen nostalgischen Heimkinoabend kürzlich den letzten noch in Schwarzweiß gedrehten Streifen »Der unheimliche Mönch« aus dem Jahr 1965 aus.

»Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen.«

Quelle: Wikipedia – »Edgar-Wallace-Filme«

Und der Vorspann dieses Films soll heute Thema für das typographische Fundstück der Woche sein, denn sein famose Lettering prädestiniert ihn auf jeden Fall dafür. Drei der eingeblendeten Schrifttafeln habe ich zur Illustration für diesen Beitrag nachgezeichnet, was dank der klotzig-geradlinigen Konturen angenehm flugs von der Hand ging. Tatsächlich scheint keiner der Buchstaben dem anderen zu gleichen, die Texte wurde somit anscheinend komplett von Hand angefertigt.

Man sieht, es gab nicht nur Versalien, sondern auch einen kompletten Satz Kleinbuchstaben, des Weiteren finden sich auf der Tafel mit dem Titel des Films – beim D zu Beginn der oberen Zeile sowie bei Ö und C im Wort »Mönch« –gestalterische »Ausreißer« in Form etwas kurvigerer Buchstaben. Insgesamt machen die Lettern auf mich den Eindruck, als seien sie mit einer großen, scharfen Schere improvisiert aus Papier ausgeschnitten worden.

Auch beim Film selbst sind noch einige cineastische Details einer Anmerkung wert. So gibt etwa eine gewisse Ursula Glas darin als eine der von dem ominösen Mönch bedrohten Mädchenschülerinnen ihr Schauspieldebüt, ehe sie für die 1968 gedrehte Komödie »Zur Sache, Schätzchen« ihren (Künstler)Namen fortan in Uschi Glas änderte. Der sonst in vielen Edgar-Wallace-Verfilmungen als skurriles Faktotum besetzte Eddi Arent verkörpert in »Der unheimliche Mönch« ausnahmsweise und zudem ganz ohne sein häufiges Overacting einen deutlich stilleren Charakter und ist maßgeblich in die überraschende Wendung involviert, welche die Handlung zum Ende nimmt. Natürlich wirken die gut 60 Jahre alten Streifen aus heutiger Sicht mit ihren stereotypen Rollenbildern klar aus der Zeit gefallen. Die weiblichen Figuren agieren allesamt ängstlich und schutzbedürftig, die männlichen Darsteller stets wagemutig und unerschrocken. Und die reiferen Herren nehmen sich in einem Fort heraus, jede Frau, die jünger ist als sie selbst, wahlweise mit »Kindchen« oder »mein Kind« anzureden. Doch rechnet man auch dies dem Trash-Faktor hinzu, können die Filme dennoch durchaus unterhaltsam sein.

Alle, die an der Handlung (ohne Spoiler) interessiert sind, finden eine kurze Zusammenfassung im folgenden Absatz. Ein ausführlicherer Beitrag, dann allerdings inklusive der Auflösung, ist unten bei den weiterführenden Links aufgeführt. 🤓 🔠 🫆

Ein als Mönch getarnter Verbrecher, der zugleich als Mädchenhändler agiert, versetzt das englische Schloss Darkwood in Angst und Schrecken. Dort betreibt die angesehene Lady Patricia ein Internat für junge Mädchen. Nach dem Tod des alten Schlossherrn häufen sich rätselhafte Todesfälle, während gleichzeitig die Erbfrage ungeklärt bleibt. Obwohl sich Sir William und Sir Richard um ihre Nichte Gwendolyn sorgen, die als alleinige Erbin vorgesehen ist, gelingt es ihnen nicht, ein Attentat auf sie zu verhindern. Um Gwendolyn zu beschützen und das Geheimnis des unheimlichen Mönchs aufzuklären, erscheinen schließlich Inspektor Bratt und Sir John von Scotland Yard auf Schloss Darkwood.

Weiterführende Links

➡️ Zum Komponisten Peter Thomas: »Filmkomponist mit Kultstatus« – auf der Website des Senders BR Klassik
➡️ Artikel zum Film: »Der unheimliche Mönch« – auf der Website »Der Wahlberliner«

30.03.2026

Am vierten Tag meines Aufenthaltes in der dänischen Hauptstadt kam, nach drei grauen und teils regnerischen Tagen, endlich die Sonne am Himmel zum Vorschein. Es blieb zwar weiterhin recht kühl und windig, aber zumindest machten nun auch wieder längere Ausflüge zu Fuß mehr Spaß. Auf einer dieser Touren führte uns der Weg vorbei an dem extravaganten Bau des AC Hotel Bella Sky Copenhagen der Hotelkette Marriott.

Am Rand der mehrspurigen Zufahrtsstraße wurde der Name des Hotels in überdimensionalen geometrisch konstruierten 3D-Versalien (mit vermutlich speziell dafür kreierten Buchstabenformen) installiert. Und weil der Himmel so schön blau und fast wolkenlos war, habe ich den dazu passenden Ausschnitt der typographischen Skulptur in einem Foto als heutiges Montagsbonbon-Fundstück eingefangen.

The sky’s the limit! 🤓 🔠 🌤️

27.03.2026

Kommen wir nun zum ersten »richtigen« Fundstück aus Kopenhagen. Am zweiten Tag meines Aufenthalts besuchte ich in der mittelalterlichen Kirche im Stadtteil Brønshøj (Außenansicht des Turmes: siehe letztes Foto am Ende des Beitrags) ein wunderbares klassisches Konzert mit Musik, gespielt auf dem Urahn des Klaviers, einem Clavichord. Direkt hinter dem Bühnenpodest mit dem Instrument und dem auftretenden Künstler hatte ich freien Blick auf den prunkvollen Altar der Kirche und dort fielen mir insbesondere die derart üppig verzierten Initialen auf den beiden unteren Texttafeln auf. Die Ranken und Schlaufen sind derart filigran und überbordend, dass für die meisten Betrachter*innen nur aus dem Text selbst ersichtlich wird, um welche Buchstaben es sich überhaupt handelt.

Die Brønshøj-Kirche ist seit der Eingemeindung der Pfarrei in die Stadt Kopenhagen im Jahr 1901 tatsächlich das älteste noch genutzte Gebäude Kopenhagens. Sie wurde in den 1180er-Jahren von Bischof Absalon im romanischen Stil aus Kalksteinblöcken von der dänischen Halbinsel Stevns erbaut. Der Turm im gotischen Stil wurde um 1450 hinzugefügt und besteht aus rotem Backstein.

Während der schwedischen Besatzung im Jahr 1658 wurde das Kircheninnere geräumt und vermutlich als Waffenlager genutzt. Zwar überstand die Kirche die Kriege, von der Innenausstattung jedoch blieben nur das Altarbild und das Taufbecken erhalten. Letzteres ist vermutlich so alt wie die Kirche selbst.

Das große, sogenannte Katechismus-Altarbild mit den goldenen Bibeltexten stammt aus dem Jahr 1587, der vergoldete Zieraufsatz mit dem Monogramm von Christian V. ist etwa 100 Jahre jünger und wurde im Jahr 1679 angebracht. Nach der Reformation ersetzte man in Dänemark die früheren Altar-Tafelbilder aus der katholischen Zeit oftmals durch Texttafeln mit Bibelzitaten. Der von Hand gestaltete Text auf diesem Altar zitiert die Einsetzungsworte des Abendmahls, in den oberen Feldern auf Lateinisch (𝐴𝑁𝑇𝐼𝑄𝑈𝐴) und in den unteren auf Dänisch (𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯). In der barocken Niederschrift finden sich einige Besonderheiten bei der Schreibweise. So ist etwa an zwei Stellen ein doppeltes M/m mit einem leicht nach links versetzten, waagerechten Strich über einem einfachen M/m notiert und »DEDITQUE« wurde im lateinischen Text zu »DEDITQ« verkürzt:

»DOMINVS NOSTER IESVS CHRISTVS IN EA NOCTE QVA TRADITVS EST, ACCEPIT PANEM, ET CVM GRATIAS EGISSET FREGIT DEDITQ[UE] DISCIPVLIS SVIS, DICENS: ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORPVS MEVM, QVOD PRO VOBIS DATVR HOC FACITE IN MEI COM[M]EMORATIONEM«

»Vor Herre Jesus Christus, i den Nat Der Hand bleff forraad, Tog Hand Brødet, takede oc brød det, Gaff sine discipler oc sagde, Tager Dette hen oc æderit, det er mit Legem, som Giffuis for Eder, Det giører, I min Hukom[m]else.«

»Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.«

Im rechten unteren Tafelbild setzt sich der dänische Text fort mit den Worten »Lige saa tog hand og Kalken efter Aftens-Maaltid …« (»Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl …«). Somit ist klar, dass die beiden Initialen ein V (links) und ein L (rechts) darstellen.

Und somit durfte ich an diesem Abend nicht nur zartklingende Alte Musik geießen, sondern hatte auch wieder einen spannenden Anlass, einem historischen Schrift-Fundstück hinterherzurecherchieren und einiges dabei über meinen Urlaubsort zu lernen. 🤓 🔠 🇩🇰

23.03.2026

Als typographisches Montagsbonbon kredenze ich heute mal wieder (siehe hier) ein kleines Ratespiel. Auf dem Weg von meiner Reiseunterkunft in Kopenhagen zur nächstgelegenen Metrostation kam ich jedes Mal am Vereinsgebäude des Kopenhagener Ruderclubs (»Københavns Roklub«) vorbei. Am Gebäude und auf dem Grundstück des 1866 gegründeten Vereins ist dessen Name dreimal in großen Lettern und aus jeweils verschiedenen halbfetten bis fetten serifenlosen Schriften angebracht. An der Beschriftung auf der Längsseite des Clubhauses blieb mein Blick aufgrund mehrerer leichter »Störgefühle« mal wieder länger hängen als üblich. Vier Unstimmigkeiten fielen mir auf:

  1. Ein Stück am Bein des R ist abgebrochen.
  2. Ebenfalls fehlt ein Stück unten rechts am L, wodurch eine unschöne Lücke zum U entsteht.
  3. Die Buchstabenabstände sind insgesamt nicht sonderlich harmonisch.
  4. Ratet!

Ich habe in einem zweiten Bild die gröbsten Scharten bei der Beschriftung ausgewetzt und verrate, was das vierte Missgeschick ist.

Viel Spaß beim Raten! 🤓 🔠 🤔 💭

Auflösung

20.03.2026

Bereits länger im Voraus vorbereitet, kommt heute zwischendurch ein Beitrag zu einem Fundstück, das schon etwas älter ist und nicht, wie die aktuellen, aus Kopenhagen stammt. Als Einleitung habe ich eine Textpassage aus der Erzählung »Das Gespenst von Canterville« von Oscar Wilde (1854–1900) ausgewählt, die mich als Kind ziemlich fasziniert hat. Denn an eine Episode daraus muss ich immer denken, wenn ich Motive wie das heutige entdecke, mit mehrfach übermalten Beschriftungen, deren frühere Versionen, wie durch Hexerei und teils nach vielen Jahrzehnten, wieder sichtbar wurden.

»Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden, gerade vor dem Kamin, und in völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: ›Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet.‹

›Ja, gnädige Frau,‹ erwiderte die alte Haushälterin leise, ›auf jenem Fleck ist Blut geflossen.‹

›Wie gräßlich!‹ rief Mrs. Otis. ›Ich liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muß sofort entfernt werden.‹ Die alte Frau lächelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: ›Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand dann plötzlich unter ganz geheimnisvollen Umständen. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.‹

›Das ist alles Humbug,‹ rief Washington Otis, ›Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen‹; und ehe noch die erschrockene Haushälterin ihn davon zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.

(…)

Am nächsten Morgen jedoch, als die Familie zum Frühstück herunterkam, fanden sie den fürchterlichen Blutfleck wieder unverändert auf dem Fußboden. ›Ich glaube nicht, daß die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,‹ erklärte Washington, ›denn den habe ich immer mit Erfolg angewendet – es muß also das Gespenst sein.‹ Er rieb nun zum zweitenmal den Fleck weg, aber am nächsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte.«

QUelle: projekt-gutenberg.org

Zwar nutzen solche alten Werbemotive nicht eine so gruselträchtige Substanz wie das Blut eines Mordopfers, sondern lediglich profane Fassadenfarbe, und das mysteriöse Wiederkehren der Bemalung hat auch nichts mit Flüchen oder Magie zu tun, aber der Effekt ist dennoch faszinierend.

Bei etwas genauerem Hinsehen glaube ich sogar erkennen zu können, in welcher Reihenfolge die beiden Bemalungen entstanden. Zweifellos gehören die beiden links und rechts platzierten Illustrationen der gekreuzten Werkzeuge Schlägel und Eisen – dem international gebräuchlichen Symbol für den Bergbau – zu dem zentral stehenden Wort »Kohlen Handlung« und bilden als Ensemble eine der beiden sichtbaren Beschilderungen. Die Schreibweise ohne Bindestrich muss dabei nicht zwingend ein Fehler sein – bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts war die Verwendung von Leerzeichen statt Bindestrichen bei Komposita durchaus üblich. Das andere Gesamtmotiv besteht aus den beiden größeren Textzeilen »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« und »Landwirtschaftliche Maschinen«, dazu gehören die beiden kleinen, links und rechts unten angeordneten Texte »Dreherei« und »Autogene Schweißerei«.

Meine Schlussfolgerung ist, dass das Motiv der Kohlenhandlung zuerst auf die Wand gemalt wurde, denn sowohl im Bereich der Buchstaben »lun« im Wort »Handlun als auch rechts unten beim Wort »Autogene« ist zu erkennen, dass die Beschriftung der Schweißerei das Motiv der Kohlenhandlung überdeckt. Dass die Technik des autogenen Schweißens (auch Gasschmelzschweißens) im Jahr 1903 von den französischen Ingenieuren Edmond Fouché und Charles Picard entwickelt wurde, liefert einen weiteren relevanten Hinweis zur Datierung.

Alle Schriftarten auf der Fassade – und das war der zweite Grund, diese Beschilderung zu fotografieren – gefallen mir auch aus gestalterischer Sicht. Ich gehe davon aus, dass die Buchstabenformen bzw. Schriftzüge von einem professionellen Schildermaler entworfen wurden und keinen käuflichen Typen entsprechen. Die Zeile der Kohlenhandlung habe ich zur besseren Ansicht einmal nachgezeichnet. Ist sie nicht grandios?

Bei dem Schriftzug des Metallbau-Unternehmens sprechen mich vor allem das oben kantig abgeflachte A in »Autogene« und die Schriftart in der ersten großen Textzeile an. Aus dieser habe ich nur die markantesten Buchstaben nachgebaut.

Die Schriften in diesem Motiv weisen Formmerkmale aus der Zeit des Jugendstil bzw. Art Deco auf, wie sie sich beispielsweise auch bei der Schriftart »Kleopatra« der Bauerschen Gießerei in einem Musterbuch um das Jahr 1914 wiederfinden, etwa das hochgebockte K, das abgeflachte A oder das oben begradigte s. Der abgeschrägte Bogen im B findet sich bei P und R (und beim B vertikal gespiegelt) in der Schriftart »Nouveau To Go JNL« (2017) von Jeff Levine wieder, die auf einem Notenblatt aus dem Jahr 1915 basiert.

Sofern also meine Beobachtung korrekt ist, dass die Beschriftung der »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« später als das der Kohlenhandlung entstand, muss der kantige Schriftzug »Kohlen Handlung« demnach früher entstanden sein, also vermutlich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und dafür wirkt er doch auch heute noch ziemlich modern, oder? 🤓 🔠 ⚒

13.03.2026

Nach den Ausflügen zu Fundorten in Bremerhaven und im Fichtelgebirge kehren wir heute noch einmal zurück nach Berlin-Zehlendorf. Direkt neben dem hier gezeigten Eingang zum dortigen Bürgersaal erspähte ich ja den ebenfalls bereits geposteten Neonschriftzug eines Handarbeitsladens. Und direkt vor diesem Geschäft konnte ich gleich das nächste Fundstück ablichten: Eine gläserne Vitrine, bei der ein am oberen Rand angebrachter Werbeschriftzug meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Insbesondere das kleine r in dem Markennamen »Schachenmayr«, das aussieht, als würde sich ein spiegelverkehrtes Komma an den Hals des Buchstabenstamms schmiegen, fand ich bemerkenswert. Eine derartige Form hatte ich bei diesem Zeichen bislang noch nirgends bewusst wahrgenommen.

Die Schriftart in der Wortmarke wurde mit ziemlicher Sicherheit eigens dafür handgezeichnet. Als Indiz dafür werte ich wieder, dass gleichartige Zeichen leicht unterschiedlich ausgearbeitet sind. So ist etwa der rechte Schenkel des h in der ersten ch-Ligatur nach innen gebogen, im zweiten Vorkommen steht er nahezu senkrecht. Auch die beiden a unterscheiden sich: Der Abstrich des erste ist leicht nach außen gewölbt, beim zweiten verläuft er ohne Wölbung diagonal nach unten.

Solche Antiqua-Schriften mit deutlich ausgeprägten Oberlängen bzw. im Vergleich dazu sehr niedrigen Minuskeln, wie die »Schachenmayr«-Type, waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts recht beliebt. Beispiele dafür im Bild oben sind etwa »Mona Lisa« von Albert Auspurg (Ludwig & Mayer, 1930), »Bernhard Modern« von Lucian Bernhard (American Type Founders, 1937), »Lucian« von Lucian Bernhard (Bauer, 1928) oder »Ohio« von Frederic Goudy (Brüder Butter/Schriftguss AG, 1912). Und diese Datierung fügt sich tatsächlich perfekt in die Geschichte des Unternehmens ein, über die ich natürlich auch wieder mehr wissen wollte. Seine Ursprünge reichen zurück bis ins Jahr 1822, doch erst seit 1835 trägt es den Namen Schachenmayr. Um 1930 tauchte dann die Wortmarke in der oben gezeigten Form erstmals auf (siehe auch die Abbildung zur Logo-Evolution am Ende des Beitrags).

»Johann Gottfried Kolb kauft eine Wollspinnerei in Salach bei Stuttgart in Süddeutschland. Der ehemalige Mitarbeiter Leonhardt Schachenmayr heiratet dessen älteste Tochter und übernimmt 1835 die Firma. Die neue Ära unter dem Namen Schachenmayr beginnt.«

broschüre »200 Jahre Schachenmayr – feiern Sie mit« (Link: s.u.)

Anlässlich des 200-jährigen Firmenjubiläums von Schachenmayr erschienen 2022 unterschiedlich detaillierte Festschriften, in denen die Historie nacherzählt wird. Eine der Publikationen ist nur im Browser aufrufbar, die zweite kann als PDF heruntergeladen werden.

Wie schon oft in den hiesigen Blogbeiträgen zu langjährig tätigen, historischen Unternehmen, gab es auch bei Schachenmayr »goldene Zeiten«, in denen die Geschäfte florierten und die Firma kontinuierlich wuchs. So verdreifachte sich etwa die Zahl der Angestellten zwischen 1862 und 1907 von 295 auf knapp 1.000 und Schachenmayr stieg zu einem angesehenen Marktführer für Garne und Wolle in Deutschland, Belgien, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden auf.

Auch im Bereich Marketing entwickelten sich die Aktivitäten der Garnmarke vielversprechend. 1926 brachte das Unternehmen erstmals ein eigenes, monatlich erscheinendes Handarbeitsmagazin, »Die Schachenmayrin« heraus, das vielfältige Anleitungen zum Handarbeiten und zur Fertigung von Kleidung, Wohntextilien und Accessoires aus den Garnprodukten der Marke beinhaltete. Die letzten, aktuell noch auf dem Gebrauchtmarkt erhältlichen Ausgaben stammen aus dem Jahr 1964, sodass das Heft immerhin fast 40 Jahre Bestand hatte, ehe es in den folgenden Jahrzehnten von den moderner anmutenden Nachfolge-Magazinen »Inspiration« und »moments« abgelöst wurde. Bei den Winterspielen 1928 im schweizerischen St. Moritz stattete Schachenmayr das deutsche Olympia-Ski-Team mit Bekleidung aus, 1954 und 1976 die Teilnehmer von Himalaya-Expeditionen und brachte mehrbändige Handarbeits-Lehrbücher heraus. Später nutzte Schachenmayr auch die neuen Marketing-Möglichkeiten, die sich über das Internet boten und kooperierte ab 2015 mit den norwegischen Strick-Influencern Arne und Carlos.

1927 brachte Schachenmayr die auch in dem Vitrinenbanner beworbene Wollmarke »Nomotta« heraus, die – wie der Name andeutet – durch eine chemische Behandlung der Wolle mit dem Wirkstoff EULAN (Chlorphenylid) resistent gegen den sehr verbreiteten, lästigen Mottenbefall war. Damals eine Innovation, und das Unternehmen fuhr fort, z. B. durch Beimischung von Kunstfasern oder fortschrittliche Fertigungsmethoden, die Qualität und die Breite seiner Produktpalette stetig auszubauen. Doch die sich abzeichnende Krise der Textilindustrie ab Beginn der 1960er Jahre ging auch an dem erfolgreichen württembergischen Garnhersteller nicht vorbei. Obwohl der Erfolg und der gute Name der Marke sie noch jahrzehntelang trugen, folgten mehrfache Wechsel bei Eigentümern und Investoren. 1984 übernahm das britische Unternehmen Coats, weltweit der größte Hersteller von Näh- und Handarbeitsgarnen, den traditionsreichen Garnhersteller aus dem Familienbesitz, behielt jedoch den Markennamen bei. 2008 verschmolz dann die damalige »Schachenmayr, Mann & Cie. GmbH« mit der »Coats Deutschland GmbH«. Im Besitz von Coats befanden sich seit 1932 auch bereits Anteile des 1785 gegründeten deutschen Textilunternehmen Carl Mez & Söhne, welches ebenfalls Handarbeits- und Nähgarne herstellt. 2015 übernahm die Münchner Beteiligungsgesellschaft Aurelius die komplette Handarbeitssparte (Coats EMEA Crafts Group) mit den beiden Marken Schachenmayr und MEZ von der Coats Group. Fünf Jahre später gab es erneut Veränderungen. In der Firmenchronik von Schachenmayr heißt es: »Seit 2020 gehört Schachenmayr zur MEZ Group GmbH. Unter neuer Führung, mit neuem Schwung und neuem Unternehmensgeist halten die Werte und die Leidenschaft der Gründer und Wegbereiter wieder Einzug in die Unternehmensphilosophie: Innovation, Tradition, Bodenständigkeit, Kundennähe, Stillbewusstsein und Kreativität stehen wieder an erster Stelle!« und auf der Website der MEZ Crafts Group wiederum »Seit 2020 gehört MEZ zur Schweizer Investmentfirma LEVITO AG und beschäftigt ca. 500 Angestellte mit einem jährlichen Umsatz von über 50 Millionen Euro«. Man möchte sagen: Es ist kompliziert. Immerhin jedoch suggerierten diese Kennzahlen eine nach wie vor stabile betriebswirtschaftliche Situation.

Doch der Eindruck täuschte wohl. Anfang 2025 kursiert in der Regionalpresse und auf Handarbeitsseiten die Meldung, dass die MEZ GmbH, der Hersteller von Schachenmayr-Garnen, in (Teil-)Insolvenz gegangen sei, was in Folge zu erheblichen Lieferschwierigkeiten und Betriebsschließungen führte. Auch der traditionelle Werksverkauf am Traditionsstandort Salach wurde laut Berichten Ende Februar 2025 eingestellt. Die Marke Schachenmayr sei aber von dem in Dänemark ansässigen Unternehmen Hobbii A/S übernommen worden, um die Produktion fortzusetzen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die Geschichte von Schachenmayr fortsetzt. Immerhin erzielte Hobbii nach eigenen Angaben zwischen 2016 und 2020 ein Wachstum von 3.167 (!) Prozent und gewann damit als eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen Dänemarks die renommierte Auszeichnung »Børsen Gazelle«, die seit 1995 jährlich von der Wirtschaftszeitung Dagbladet Børsen verliehen wird.

Doch zurück zur Typographie. Parallel zur Erkundung der Firmengeschichte habe ich versucht, anhand von historischen Werbemedien, antiquarischen Büchern, alten Magazinausgaben und Vintage-Wollbanderolen zu rekonstruieren, wie sich das Logo des Unternehmens im Laufe dieser bewegten Chronik entwickelt hat. Und ich meine, an den Designänderungen ein bisschen ablesen zu können, wie die Leidenschaft der Menschen hinter der Marke, die Überzeugung für ihre Garnprodukte und die aufrichtige Freude am Handarbeiten im Laufe der jüngeren Zeit nach und nach verblassten. Oberflächlich betrachtet – auf Websites und Social-Media-Profilen – mag der Auftritt nach wie vor lebendig gewirkt haben, aber die zuletzt offenbar vorrangig von Profitinteressen und nüchternen Managementstrategien geprägte Markenführung im Rahmen der mehrfachen Übernahmen sieht man dem zunehmend lieblos und austauschbar wirkenden Erscheinungsbild aus meiner Sicht an. Oder was meint Ihr? 🤓 🔠 🧶

06.03.2026

Schon wieder ein Businesstrip, diesmal nach Bremerhaven. Es blieb zwar keine Zeit für ausgiebige typographische Exkursionen in der Stadt, aber unmittelbar am Hauptbahnhof konnte ich dieses interessante Schmuckstück ablichten.

Wo es heute bei der Deutschen Bahn nur noch die 1. und 2. Klasse gibt, waren es früher durchaus ein paar mehr. In der Bahnhofshalle des 1915 im Jugendstil erbauten Hauptbahnhofs in Oldenburg (Oldb.) reichte die Komfortclusterung für Bahnreisende nachweislich gar bis zur IV. Klasse. Immerhin, so steht zu lesen, stand für Reisende in beiden Wartesälen ein gastronomisches Angebot zur Verfügung. Und aus heutiger Sicht wirkt ihr Interieur geradezu luxuriös.

Auch das Bahnhofsgebäude in Bremerhaven stammt aus dieser Zeit. Das im Stil des Spätklassiszismus gehaltene Bauwerk wurde im Sommer 1914 eröffnet.

Das interessanteste Detail an dem fotografierten Schild in der Bahnhofshalle ist aus meiner Sicht, neben der kantigen – heute würde man sagen, »techno-artigen« – Gestaltung der Buchstaben das »doppelte W«. Auf die Geschichte dieses Zeichens möchte ich daher heute einmal etwas genauer eingehen.

Das W ist schon allein deshalb ein besonderer Buchstabe, weil es in vielen Sprachen der Welt eine ähnliche, auffällige Bezeichnung trägt. Zwar buchstabieren ihn Deutsche, Niederländer oder Polen kurz und einsilbig mit Namen, die sich an seine Aussprache in der jeweiligen Sprache anlehnen (veː / ʋeː / vu), doch in etlichen anderen Sprachräumen trägt das W einen Namen, der – anders als bei den restlichen Buchstaben des Alphabets – sein äußeres Erscheinungsbild beschreibt. Aus dem Englischen kennen wir es als »double-u« (Doppel-u), im Französischen heißt es »double vé« (»doppeltes v«), die Italiener sagen »doppia vu«, die Portugiesen »duplo vê«; im spanischen Sprachraum ist es als »uve doble« (»v doppelt«) bekannt. Die Isländer sagen »tvöfalt vaff«, im Tschechischen nennt man es »dvojité vé«, in Estland »kaksisvee« und in Finnland »kaksois-vee«. In Dänemark und Schweden kommt der Buchstabe zwar zumeist nur in Eigennamen oder in aus anderen Sprachen entlehnten Wörtern vor, aber auch dort heißt er »dobbelt-ve« bzw. »dobel-ve«. Diese Gepflogenheit reicht sogar bis nach Asien – auch in Vietnam wird der Buchstabe als »vê đúp« oder »vê kép« benannt.

Diese weit verbreiteten Bezeichnungen verweisen nicht nur auf die Form des Zeichens, sondern auch auf seine Entstehungsgeschichte, welche es sich über viele Jahrhunderte mit dem U und dem V teilt. Auch das Y und das F sind mit dem W verwandt.

Zusammengefasst gesagt, entwickelte sich das Zeichen W in mehreren Stufen, stets entlang des Bedarfes in verschiedenen Epochen und Sprachräumen, bestimmte Laute möglichst eindeutig in Schriftform wiedergeben zu können. Eins der frühesten Schriftzeichen in seiner Ahnenreihe ist der phönizische Konsonant »waw« (11. bis 5. Jahrhundert v. Chr.), dessen nagelartige Form bereits an das spätere Y erinnert, das in »begradigter« Form als Großbuchstabe um das 9. Jahrhundert v. Chr. ins griechische Alphabet übernommen wurde. Die Aussprache, der sogenannte Lautwert des Zeichens, bewegte sich damals ungefähr zwischen dem Vokal [u] und dem u-ähnlichen Anlaut im englischen Wort »water«.

»Die Etrusker übernahmen das frühgriechische Ypsilon und dessen Lautwert. Mit der Zeit verschwand bei den Etruskern die untere Spitze, der Buchstabe bekam die Form V. Ebenso änderte sich die Bedeutung des Buchstabens: Das Etruskische enthielt auch den dem [u] entsprechenden Halbvokal [w] und der Buchstabe wurde verwendet, um beide Laute zu schreiben.«

Quelle: Wikipedia, Artikel zum Buchstaben V

Auch in das lateinische Alphabet wurde der Buchstabe V mit beiden Lautwerten für [u] und [w] übernommen und in der von den Etruskern übernommenen, spitz zulaufenden Form geschrieben. Erst in der Spätantike (ca. 3. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) wurde auch eine unten abgerundete Variante entwickelt, die der Form des heutigen U entspricht.

Im Laufe der Verschriftung der germanischen Sprachen gegen Ende des ersten Jahrtausends n. Chr. entstand dann der Bedarf, den stimmhaften Laut [w] eindeutig schriftlich notieren zu können. Zu diesem Zweck erdachten die Schreiber zunächst zwei parallel verwendete, doppelte Schreibweisen – VV und UU – die erst zu Ligaturen verschmolzen und aus denen dann nachfolgend das W entstand.

Doppel-V als W auf einem Pamphlet über Hexen. London, September 1643, gedruckt von John Hammond. | Abb. via Wikimedia Commons, Public Domain. Man beachte, dass in der kleinen Bildüberschrift sowohl das u in der Wortmitte (»true«) als auch das v als Anlaut (»vſed« = »used«) vorkommen, wo heutzutage in beiden Fällen ein u stehen würde.

Erst im 17. Jahrhundert bildete sich zwischen V und U die differenzierte Verwendung heraus zwischen der spitzen Variante, ausschließlich für den konsonantischen Lautwert ([w] und [f]), und der abgerundeten Variante, speziell für den vokalischen Lautwert ([u]). Die Nutzung des Buchstabens V als U ist auch bei Inschriften jüngeren Datums, z.B. an klassizistischen Bauten, oft anzutreffen, so etwa am Alten Museum (erbaut 1825–1830) auf der Museumsinsel in Berlin. Und bis heute taucht diese Schreibweise aus rein ästhetischen Gründen noch gelegentlich auf, so z.B. im Logo der Luxus-Marke BULGARI.

Das war’s für heute, bis zum nächsten Fundstück – wie immer hier im WWW!
🤓 🔠 📜

27.02.2026

Über das heutige Fundstück freue ich mich wieder ganz besonders, weil ich zwar auf der Spurensuche nur extrem wenige Informationen darüber im Internet gefunden habe, aber trotzdem genug, um hinter die Geschichte dieses Schriftzugs blicken zu können.

Ich entschied mich an einem Tag, der mich zu einem Business-Termin nach Berlin führte, im Anschluss an das Meeting einen längeren Fußweg durch die Stadt zu machen. Zum einen wollte ich nicht den ganzen Tag nur träge an Tischen und in Öffis sitzen, sondern zur Abwechslung auch mal den Schrittzähler im Phone aktivieren, zum anderen ergab sich ein Weg durch Straßen und Viertel, in denen ich – trotz meiner regelmäßigen und häufigen Aufenthalte in der Hauptstadt – ansonsten selten unterwegs bin.

Mein Weg führte mich durch Schöneberg, von der Station U+S Yorckstraße zum Europa-Center an der Gedächtniskirche. An der Hausfassade des Gebäudes Potsdamer Straße 164 fiel mir über den Fenstern im ersten Stock dieser grandiose nostalgische Schriftzug auf. Ein Geschäft oder Gewerbe dazu konnte ich im Haus indes nicht (mehr) ausmachen. Spannend!

Die wunderschön gestalteten Buchstaben, allen voran das funkensprühende R und das flammende d, weckten sofort meine Neugier. Nur zu gerne wollte ich wissen, wann und wofür die Leuchtschrift einst warb. Auf der Website des Landesdenkmalamts Berlin konnte ich anhand eines Fotos aus dem Jahr 2005 in einem Eintrag zu dem betreffenden Gebäude anhand des »Verwitterungsschattens« auf dem Wandputz einen inzwischen fehlenden Teil des Schriftzuges identifizieren. Der vollständige Text lautete »Radio-Brée«. Der Bindestrich, der damals noch vorhanden war, ist inzwischen ebenfalls verschwunden. Eine vergleichbare kommerzielle Schriftart konnte ich nicht ermitteln. Die Buchstaben für die Wortmarke sind vermutlich eigens für diese Lichtreklame entworfen worden.

Nun hatte ich einen Namen und konnte weiter recherchieren. Am 23. Januar 1912 erfolgte offiziell die Gründung der »Wilhelm Brée Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. Gegenstand des Unternehmens war »… die Herstellung und der Vertrieb von Zubehörteilen zu Musikinstrumenten sowie die Vertretung von Häusern, die derartige Artikel herstellen und vertreiben, insbesondere der Fortbetrieb des vom Kaufmann Wilhelm Brée in Berlin bisher allein betriebenen Handelsgeschäfts dieser Art.«

Befasste sich das zuvor bereits seit 1908 existierende Handelsunternehmen des Gründers noch mit dem »Erwerb und (…) Vertrieb von Schreibmaschinen und von Sprechmaschinen«, so führte die rasante Entwicklung der Rundfunktechnik und Unterhaltungselektronik offenbar dazu, dass man sich auf diesen vielversprechenden neuen Geschäftszweig konzentrierte. Es folgten florierende Jahre, in denen das Geschäft Plattenspieler, Radiogeräte und vor allem Schallplatten an die Frau und den Mann brachte.

Durch die für den Publikumsverkehr günstige Lage in der Nähe des sowohl kulturell als auch politisch oft genutzten großen Veranstaltungszentrums »Berliner Sportpalast«, das nur acht Hausnummern entfernt in der Potsdamer Straße 172 ansässig war, wurden permanent reichlich Kunden auf das Geschäft aufmerksam und bescherten ihm gute Umsätze. In der damals größten Veranstaltungshalle der Stadt mit Platz für rund 10.000 Besucher fanden Radrennen, Eishockeyspiele, Eislaufen, Boxkämpfe, Hand- und Basketballturniere sowei Turn- und Leichtathletikwettbewerbe statt. In den 1920er Jahren wurden zahlreiche Kostümbälle und sogar ein Bockbierfest veranstaltet. Es gab hochwertige Aufführungen klassischer Musik (nach dem Krieg auch Pop- und Jazz-Konzerte), das Gelände umfasste eine große Eislaufbahn und wurde auch als großräumiges Lichtspielhaus für Filmvorführungen genutzt. Jedoch sowohl bezüglich des Sortiments des Unternehmens Radio-Brée als auch seiner Adresse vermischten sich, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, immer mehr die Bereiche Unterhaltung und politische Agitation und den tiefdunklen Markstein der dortigen Veranstaltungen bildete die Sportpalastrede Joseph Goebbels’, in der er am 18. Februar 1943 zum »Totalen Krieg« aufrief – zu hören auch im elektronischen Propagandainstrument des »Volksempfängers«, der bei Brée gleich nebenan erhältlich war.

Nichtsdestotrotz nutzte das Geschäft für seine Werbung von der Vorkriegszeit bis in die 1950er-Jahre den Werbespruch »SCHALLPLATTEN, DIE DU GERNE HAST, FÜHRT RADIO-BRÉE AM SPORTPALAST«, der auch auf eigene Plattenhüllen und Tragetüten aufgedruckt wurde. Es gab sogar aufwendig produzierte Werbeschallplatten, auf denen mit einem eingängigen Song voller Berliner Lokalkolorit und Orchesterbegleitung gereimte Reklame für Brée gemacht wurde. Tatsächlich findet sich dazu eine Tondatei aus dem Jahr 1949 auf YouTube:

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

»Denkst du an Kirschen, dann träumst du von Werder,
winkst du Berlin, dann besingst du die Spree.
Sprichst du von Weimar, dann denkst du an Goethe
und denkst du an Radio … ja, dann meinste Brée!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, wo du eine Riesen-Auswahl hast!
Da wird der Empfänger dir beschert,
den die Braut sich wünscht, den dein Herz begehrt!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!«

Quelle: Youtube (s.o.)

Am 13. November 1973 wurde der inzwischen unwirtschaftlich gewordene Sportpalast zugunsten eines Wohnungsbauprojektes abgerissen. Wenige Jahre danach, 1976, meldete Brée Konkurs an. Übriggeblieben sind nur die verwitterte erste Häfte des Firmennamens an der braungrauen Hausfassade – und vielleicht die eine oder andere bedruckte Hülle um eine alte Schellack- oder Vinylscheibe im Fundus von Sammlern, Secondhand-Läden oder auf Trödelmärkten.

Ein schöner Zufall war es, dass ich wenige Tage nach der Entdeckung dieses Fundstücks in der Berliner Staatsoper das grandiose Konzert »Musik aus fernen Rundfunktagen« erleben durfte, bei dem Dirigent Christian Thielemann aus genau dieser Ära früher Radiosendungen Kompositionen mit »gehobener Unterhaltungsmusik« vorstellte, die eigens (und teils von berühmten Komponisten) zum Zweck der Live-Übertragung erschaffen wurden.

Zwar ist das gesamte, sehr hörenswerte Gute-Laune-Konzert leider nicht als Mitschnitt online abrufbar, aber dafür das komplette Programmheft, eine ausführliche Besprechung und auf YouTube finden sich einige der Stücke in Form von Aufnahmen mit anderen Orchestern:

Turn the Radio on! 🤓 🔠 📻

16.02.2026

Zu den Geschäften bzw. Bezugsquellen des Einzelhandels, bei denen mir das Aussterben einzelner Branchen in den Innenstädten am stärksten auffällt, zählen neben den klassischen, gutsortierten Schreibwarengeschäften und Bettwarenhandlungen auch Kurzwaren- und Handarbeitsläden. Ich erinnere mich noch gut an kleine inhabergeführte Geschäfte und an Kaufhausabteilungen, in denen sich Stoffballen türmten, sich ein Regal mit Näh- und Stickgarnen in allen Farben des Regenbogens und darüber hinaus ans andere reihte. Es gab Garne und Wollknäuel in riesiger ein- und mehrfarbiger Auswahl, Reißverschlüsse von kurz bis lang, Gummilitzen, Druckknöpfe, Häkel-, Strick- und Nähnadeln in allen Dimensionen und – in langen transparenten Kunststoffröhren gestapelt, mit einem Musterexemplar außen am Verschlussstopfen – Knöpfe aus Horn, Metall und Kunststoff oder mit Stoffüberzug, mit zwei Löchern, vier Löchern oder mit rückseitigen Ösen in hunderten Varianten. Die kleinen Läden hießen »Wollzauber«, »Nähkästchen«, »Stofftruhe« oder »Nadelspiel« oder enthielten die Nachnamen ihrer Gründer*innen, wie »Wollhaus Klocke« oder »Stoffhaus Tippel«.

Im Zeitalter der »Fast Fashion« mit ihren gefühlt wöchentlichen Kollektionswechseln jedoch nähen nicht mehr so viele Menschen wie damals selbst und auch das Reparieren, Stopfen, Ändern oder Umarbeiten von Kleidungsstücken scheint etwas aus der Mode gekommen. Die bevorzugte Bezugsquelle sind auch bei Handarbeitsbedarf inzwischen in erster Linie Online-Shops. Doch hier und da finden sich im Stadtbild – und gemeint ist hier explizit die unvergällte Bedeutung des Wortes – noch vereinzelte Relikte, fast wie kleine gallische Handarbeitsdörfer. Eins, an dem ich z.B. öfter vorbeikomme, ist die Fadeninsel in Berlin-Kreuzberg mit ihrem herrlich nostalgischen, schwungvollen Schriftzug über der rot-weiß gestreiften Markise.

Ein anderes Geschäft entdeckte ich einige Tage zuvor auf einem Fußweg in Berlin-Zehlendorf. Dort ist der goldgelbe Schriftzug »Handarbeiten« sogar noch als Original-Neoninstallation erhalten geblieben. Wie schön bitte sind die Lettern mit ihren »unnötigen« Verzierungen, unten am rechten Bein des H oder in der Schlaufe des d!

Das Geschäft trägt inzwischen den vermutlich gegenwartstauglicheren Namen »Cottonfields«, aber das Sortiment passt nach wie vor zu der hübschen Leuchtreklame. Ein feines typographisches Montagsbonbon, wie ich finde.
🤓 🔠 🧶🪡 🧵

09.02.2026

Das typographische Bonbon dieses Montags fotografierte ich diesmal aus Rang 1 Loge 2 der Hamburgischen Staatsoper, am Abend der Premiere und Uraufführung der Oper »Monster’s Paradise« von Elfriede Jelinek (Libretto) und Olga Neuwirth (Libretto/Komposition). Das Werk in der Tradition des grotesk-gruseligen Grand-Guignol-Theaters widmet sich dem Gefühl des Niedergangs der Welt und der Zerstörung der Demokratie durch größenwahnsinnige Despoten, es ist also brandaktuell. Mitwirkende sind – neben einem unverkennbar erratisch agierenden Bühnenklon des amtierenden US-Präsidenten – unter anderem Elvis, Schneewittchen und weitere Disney-Prinzessinnen mit Cheerleader-Puscheln, Kermit und Miss Piggy, das radioaktiv mutierte Echsenmonster Gorgonzilla, eine Horde Zombies in Anzügen, eine Melania-Stehlampe, humanoide Hot Dogs und eine mahnende Göttin. Langweilig war es also keine Sekunde lang.

Vor dem Beginn der Vorstellung hing vor dem geschlossenen Vorhang dieses animiert beleuchtete Motiv im Las-Vegas-Neonschild-Style. Nach den ersten drei Bildern des Stücks, in denen bereits jede Menge turbulente Szenen die Charaktere und Kulissen spürbar in Mitleidenschaft gezogen hatten, sah auch die spätere, in der Pause erneut herabgelassene Version der Lichtinstallation etwas ramponierter aus: einzelne Buchstaben blieben dunkel, andere flackerten panisch. Eine schöne begleitende Metapher zum Fortgang der bizarren und dystopischen Handlung, wie ich fand.

Und natürlich wollte ich wieder wissen, welche Schriftarten in dem Motiv zum Einsatz kamen. Die erste Zeile ließ sich relativ leicht bestimmen, es handelt sich um die Schriftfamilie »Budmo« (Ray Larabie/Typodermic, 2005), in der es sowohl einen flächigen »Solid«-Schnitt als auch einen – mit innenliegenden Leuchtpunkten versehenen – namens »Jiggler«-gibt.

Die bluttriefende zweite Zeile ist vermutlich eine bewusst trashige, freie Nachzeichnung des Fonts »Melted Monster« (Dimas Prasetyo/DM Letter Studio, 2018). Meine Vermutung basiert darauf, dass die Buchstaben sich zwar auf den ersten Blick unterscheiden, aber bei genauerem Hinsehen ziemlich genau an denselben Stellen und in der gleichen Zahl die typischen »Tropfnasen« aufweisen.

Die Oper »Monster’s Paradise« steht an der Hamburgischen Staatsoper für den 4., 8., 11., 13. und 19. Februar, jeweils um 19:00 Uhr, auf dem Spielplan. Im März wird sie als Koproduktion im Opernhaus Zürich aufgeführt und für 2027 sind Vorstellungen in Österreich an der Oper Graz geplant. 🤓 🔠 🎼

« Ältere Beiträge