verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Zeichenformen (Seite 1 von 11)

Manchmal fällt mir ein einzelnes Zeichen innerhalb eines typographischen Fundstücks ganz besonders auf. Oder ich begegne einer Schrift bzw. einem Schriftzug mit mehreren schönen oder sonderbaren Details.

20.07.2026

»Alles muss raus!« – obwohl es keine offiziellen saisonalen Schlussverkäufe mehr gibt, sieht man diesen Werbespruch oft nach wie vor an Geschäften. Und auch bei Räumungsverkäufen aufgrund von Geschäftsaufgaben wird er häufig genutzt. Ich greife ihn heute auf, weil ich immer noch ein gutes halbes Dutzend Typo-Motive aus Barcelona in meinem Fundstücklager vorrätig habe. Also raus damit …

Ich fand das Motiv aus mehreren Gründen interessant. Zum ersten aufgrund der ungewöhnlichen und vergleichsweise aufwendigen, gerippten Untergrundkonstruktion, zum zweiten aufgrund der Schriftwahl und der m.E. ansprechenden Farbkombination und zum dritten schwang natürlich auch für mich als Bundesbürger angedenk der Abgründe der deutschen Geschichte eine gewisse Assoziation mit. Hierzulande käme wohl kaum jemand auf die Idee, sein Einrichtungsgeschäft »SS Möbel« zu nennen (hoffe ich!), obgleich es bei der Namensgebung feilgebotenen Mobiliars schon vor einem Vierteljahrhundert befremdliche Verirrungen nach rechts gab.

Dem spanischen Laden hingegen unterstelle ich keinerlei Absichten in diese weltanschauliche Richtung. Wofür das »SS« steht, war online nicht zu ergründen, nur die Information, dass sich das Geschäft auf »Mobles i articles fusta i metall« (Möbel und [Einrichtungs]gegenstände aus Holz und Metall) spezialisiert hat. Vielleicht waren es anfänglich ausschließlich Metallmöbel und das Kürzel steht für »stainless steel«. Oder der/die Inhaber*in hat einen alliterarischen Namen wie »Sofía Serrano« oder »Sebastián Salazar«. Wir wissen es nicht …

Als ich den Schriftzug »mobles« sah, dachte ich: Ah, das ist doch ganz klar eine Schriftart aus dem Trio der drei bekanntesten klassischen Schriften aus den 1970er-Jahren mit derlei strikt geometrisch konstruierten Buchstabenformen, nämlich entweder »ITC Bauhaus« (Ed Benguiat und Victor Caruso für ITC, 1975, nach Entwürfen von Herbert Bayer aus dem Jahr 1925), »Blippo« (Joe Taylor für FotoStar, 1969) oder »Pump« (Bob Newman, 1970 und Philip Kelly, 1975–1980 für Letraset/ITC). Aber entweder stimmte der Schriftschnitt nicht (die »Blippo« ist zu fett) oder einzelne Zeichen wie b, e oder s stimmten nicht überein. Also: falsch gedacht!

Inzwischen vermute ich, dass diese Schriften zwar wahrscheinlich als Vorlage dienten, aber der Entwurf individuell angefertigt wurde. Eine Schriftart jüngeren Datums kommt, bis auf den Fettegrad, am dichtesten an die Ladenbeschriftung heran, und zwar »Churchward Design« (Joseph Churchward für BluHead Studio, 2007).

Bei dem »SS«-Kürzel ist die Bestimmung noch schwieriger. Es gibt etliche Schriftarten mit geometrischer Anmutung, bei denen das S wie ein gespiegeltes Z aussieht. Am besten gefiel mir hier die »Silver Streak« von John Roshell (Swell Type, 2020) – eine ebenso elegante wie futuristische Type, nicht nur mit einem passenden S, sondern mit insgesamt sehr ansprechenden Zeichenformen und erhältlich in 26 Schnitten. Der Designer schreibt dazu:

»Inspired by the streamlined lettering on trains, cars & ads of the 1930s & ’40s, Silver Streak combines Art Deco elegance with refined craftsmanship and modern features.«

Quelle: Swell Type – »Silver Streak«

Nimmt man also den Ursprung der Schrift »Bauhaus« im Jahr 1925 und das Zitat des »Silver Streak«-Schriftgestalters, klingt in der Ladenbeschriftung ziemlich kongruent die Designsprache der 1920er- und 1930er-Jahre an. Genau die Zeit, in der die ersten zeitlos schönen Stahlrohrmöbel, entworfen u.a. von Marcel Breuer (1925), Mart Stam (1926) und Ludwig Mies van Rohe (1927) das Licht der Welt erblickten. Zwei davon (Mart Stam S34 Freischwinger-Nachbauten) stehen übrigens in meiner Küche am Esstisch.

Vielleicht waren ja diese Metallmöbel-Klassiker für den/die Inhaber*in die Inspiration, den gestalterischen Geist jener Zeit beim Design der Ladenbeschriftung typographisch aufzugreifen.

Mein Fazit (wenn es so wäre): »mission accomplished!« 🤓 🔠 🛋️

17.07.2026

Die Schriftart, um die es im aktuellen Fundstückfoto geht, war bereits vor einigen Wochen schon mal Gegenstand eines Beitrags. Damals begegnete sie uns auf der Markise eines erzgebirgischen Souvenirgeschäfts am Berliner Gendarmenmarkt. Welche Schrift sich ein Ladenbesitzer für seine Außenwerbung aussucht, ist seine freie Entscheidung. Dass ich dieselbe Type nun aber an einem offiziellen Bushäuschen sah, verwunderte mich dann doch ein bisschen. Ich hätte gedacht, dass in Deutschland, dem Land der »überbordenden Bürokratie« (so they say), der im Treppenhaus aushängenden Kehrwochenpläne und der mannigfaltigen DIN-Normen (hoch lebe Walter Porstmann!) strengstens geregelt ist, wie Bushäuschen gekennzeichnet werden dürfen – und wie nicht. Aber offenbar ist dem entweder nicht so oder am Ort der Beobachtung haben sich unbemerkt Chaos und Anarchie breitgemacht.

Das Objekt der vermuteten typographischen Rebellion steht in dem kleinen Ort Düpow im Norden Brandenburgs am Rande der Ortsdurchgangsstraße – und zwar gleich in doppelter Ausführung, nämlich in beiden Fahrtrichtungen. Die Bemalungen der sogenannten »Fahrgastunterstände« wurden 2021 und 2022 umgesetzt. Laut Ortsvorsteher André Kenzler »… soll durch die Gestaltung mit lebensecht wirkenden Figuren erreicht werden, dass die Autofahrer dort vorsichtiger fahren.«

Vielleicht kommt dem/der einen oder anderen meiner Leser*innen mit Erfahrung bei der Nutzung von Apple-Computern die Schrift auf der Seitenwand vage bekannt vor. Das liegt daran, dass der Font seit 1984 unter dem Namen »Chicago« von Anfang an fester Bestandteil des legendären Apple-Macintosh-Betriebssystems war und als Schrift für Menüpunkte und Textmeldungen des mausgesteuerten, grafischen User-Interfaces weltberühmt wurde. Erdacht und gestaltet wurde sie 1983 von der US-amerikanischen Grafik-Designerin Susan Kare, die auch die zahlreichen Icons für den Macintosh entwarf, wie den freundlichen Begrüßungs-Mac nach dem Einschalten des Rechners oder die funkensprühende Bombe bei einem kritischen Systemfehler.

Von 1984 bis 1991 – vor der ins System integrierten Einführung auch auf dem Bildschirm beliebig skalierbarer vektorbasierter Schriftarten – existierte die »Chicago« lediglich als pixelbasierte Schrift in der Ausgangsgröße 12 pt. Wurde sie größer oder kleiner verwendet, wurden die Pixelklötzchen einfach proportional mitskaliert. Unser Bushäuschen würde in dieser Ur-Version der »Chicago 12« also ein wenig anders aussehen.

1991 lieferte Apple die Betriebssystem-Version »System 7« aus und implementierte in diesem Zuge, in Verbindung mit weiteren Verbesserungen der Grafik-Performance des Rechners, den Font in der damals neuen TrueType-Technologie, mittels der die Konturen von Schrift in Echtzeit und mit beliebiger Größe und Auflösung – nicht nur bei der digitalen Druckausgabe, sondern auch auf Bildschirmen – glatt und ohne Pixeltreppen gerendert werden konnten. Zu diesem Zweck wurde die Schrift komplett von den Designer*innen Charles Bigelow und Kris Holmes neu gestaltet. Dabei nahmen alle Zeichen der neuen »geglätteten« Version denselben Raum ein und hatten auch dieselben Buchstabenabstände wie zuvor, sodass man einen Text von »Chicago 12« zu »Chicago« (TrueType) umformatieren könnte, ohne dass er neu umbrochen würde. Der Pixel-Look wurde zwar durch geometrisch konstruierte Kurven ersetzt, der rechteckige Computer-Look der Schrift dabei jedoch weitgehend beibehalten.

Diese aktualisierte Version der »Chicago« ist auch jene, die außen auf dem brandenburgischen Bushäuschen prangt.

Mittlerweile (seit 1996) ist die smoothere »Chicago« aus dem User Interface der Apple Macs verschwunden. Sie wurde mit der Einführung von »System 8« durch die gefälligere und besser lesbare Schriftart »Charcoal« ersetzt. Die »Chicago« überlebte in Form der in macOS enthaltenen thailändischen Systemfonts »Krungthep« und »Silom«, deren lateinische Buchstaben nach wie vor ihrer Vorfahrin entsprechen. Die Thai-Glyphen der »Krungthep« wurden im gleichen grafischen Stil wie die restlichen Schriftzeichen gestaltet.

Hätte der ländliche ÖPNV-Unterstand auch dieses Apple-Systemupdate mitgemacht, sähe die Inschrift in der Schrift »Charcoal« wie folgt aus. Besser lesbar ist sie, aber auch ein bisschen langweiliger:

Update, 17.07.2026
Ich hatte ganz vergessen, zu erwähnen, dass die »Chicago 12«-Pixelschrift nach dem Ende ihrer Karriere als Apple-Mac-Systemschrift ein Jahrzehnt später, im Jahr 2001, ein Comeback als Interface-Font des Apple iPod der 1. Generation feierte. Wer sich noch erinnert oder gar eins der Geräte aufgehoben hat – es ist nicht nur ein Stück Technikgeschichte, sondern auch »a font museum in your pocket.« 🙂

Tatsächlich gelten für das äußere Erscheinungsbild bzw. die Kennzeichnung offizieller Bushaltestellen des Schulbus- und Linienbusverkehrs offenbar keine bundesweit verpflichtenden Vorschriften, sondern »nur« für die bauliche Umsetzung und die Barrierefreiheit. In der kostenpflichtigen Publikation »Empfehlungen für Anlagen des öffentlichen Personennahverkehrs« (EAÖ), herausgegeben von der »Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V.« und dem »Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V.« (VDV) finden sich lediglich Mindestanforderungen:

»Jede Haltestelle im Straßenraum muss mit dem entsprechenden Zeichen 224 StVO gekennzeichnet sein, das auf einem quer zur Fahrtrichtung angeordneten Schild anzubringen ist. Es muss folgende Informationen an die Fahrgäste übermitteln:

  • Haltestellenname mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
  • Liniennummer mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
  • Verkehrsmittelpiktogramm mit Höhe von 50 mm,
  • Zielhaltestelle bzw. Linienende mit Zeilenhöhe von mindestens 30 mm.«
Quelle: ABES S. à r. l. – Info-Seite »Haltestellen gestalten«

Bei dem »Zeichen 224 StVO« handelt es sich um das allgemein geläufige kreisrunde Verkehrszeichen mit grünem »H« auf gelbem Grund und mit breitem grünen Rand. Das Schild hat üblicherweise eine von vier Größen, und zwar Ø 420 mm (für Geschwindigkeitsbereiche bis 20 km/h), Ø 600 mm (Standardmaß, für Geschwindigkeiten bis 80 km/h), Ø 750 mm (für Abschnitte mit mehr als 80 km/h) und – als Ausnahme – Ø 350 mm (bei nachweislich beengten Platzverhältnissen).

Und natürlich sind auch die Farbtöne vorgegeben: Für das »H« sowie den äußeren Rand des Schildes ist Verkehrsgrün (RAL 6024) festgelegt, für den kreisrunden Hintergrund des Schildes muss Verkehrsgelb (RAL 1023) genutzt werden. Zusätzlich können weiße Zusatzschilder mit Haltestellennamen oder Linien mit einer Beschriftung in Verkehrsschwarz (RAL 9017) angebracht werden. Dementsprechend ist natürlich neben jedem unserer beiden dörflichen Unterstände ein separater Mast installiert, der diesen Anforderungen entspricht und ein solches Schild, inklusive einem gelb gerahmten Fahrplanaushang, trägt.

Und damit ist klar, dass in Düpow typographisch keinesfalls »Sodom und Gomorrha« an den Bushaltestellen herrschen, sondern lediglich bestehende Freiräume kreativ ausgenutzt wurden.

Susan Kare, Charles Bigelow und Kris Holmes würden sich freuen. 🤓 🔠 🚏 🚌 

08.07.2026

Der Typo-Schnappschuss zwischendurch, eingefangen am Eppendorfer Baum nach einem Schlemmerbummel über den Hamburger Isemarkt.

Die einzigen optischen Wermutströpfchen sind das spürbar zu dicht am C platzierte S und das etwas schief hängende T bei SCHMIDT. Ich konnte nicht widerstehen, das mal schnell etwas zurechtzuschieben. Eigentlich gehört auch das I noch ein Ideechen nach rechts, aber ich habe hier ja schließlich auch noch den Haushalt … 😉

Auf der Website des traditionsreichen Fischgeschäfts (»seit 1929«) ist im Header eine an die Ladenbeschriftung angelehnte Nachzeichnung des Fassadenlogos zu sehen. Hier sind zwar die Buchstabenabstände in der Unterzeile harmonischer, aber dafür entfernt sich die Form des S merklich vor der Vorlage.

Zuerst tippte ich bezüglich der SCHMIDT-Schriftart beim Website-Logo auf die Futura, aber die Formen von S und C sprechen dagegen. Eine Online-Schriftsuche ergab eine große Wahrscheinlichkeit für die Schrift »Filson Pro Heavy« (Olivier Gourvat, 2016). Hätte der oder die Gestalter/in sich stattdessen für die »Chronica Pro Bold« – interessanterweise vom selben Schriftgestalter (für Mostardesign, 2015) – entschieden, würde auch das breitere S besser mit dem Schriftzug außen am Laden übereinstimmen.

Aber von diesen kleinen Nerdpetitessen abgesehen ist das mal wieder ein hinreißendes Neonrelikt – und selbst die Fläche mit den abgeplatzten kleinen Hintergrundkacheln trägt durchaus ihren Reiz zur Gesamtkomposition bei, finde ich. 🤓 🔠 🐟

06.07.2026

Zwar unternahm ich dieses Jahr vor Kurzem wieder mal eine Reise in die schöne Hansestadt Stralsund, aber das Foto für das typographische Bonbon an diesem Montag knipste ich bereits vor zehn Jahren. Es zeigt eine historische Inschrift rechts neben dem Eingang zur örtlichen Stadtbibliothek, die in einem unter Denkmalschutz stehenden, spätbarocken Palais in der Badenstraße 13 untergebracht ist. Das Gebäude ließ der Kaufmann Johann Victor Ehlers um 1725 errichten.

Die auf der Tafel genannte, hier jedoch nicht mehr ansässige Ratsbibliothek wurde bereits 1577 durch Stralsunder Ratsmitglieder gegründet, umfasste zunächst juristische Werke und Urkunden und war Online-Quellen zufolge anfangs im Rathaus untergebracht. Erst im Jahr 1896 erfolgte der Umzug an diese neue Adresse und ich vermute, dass auch die Schrifttafel zu dieser Zeit angebracht wurde.

Die größte formale Ähnlichkeit zu den einzelnen Buchstabenformen fand ich dann auch bei der »[Schmale] Akzidenz Gotisch« (F. W. Bauer) aus dem Jahr 1876. Diese oder eine ähnliche Schrift könnte dem Schriftenmaler, der diese mit Sicherheit von Hand gestaltete Tafel erstellt hat, als Vorlage für die erste Zeile gedient haben. In der zweiten Zeile hat er meiner Meinung nach etwas improvisiert, denn die fast avantgardistische, kantige Form der beiden p und das insgesamt ein wenig unharmonische Gesamtbild der Zeile sprechen gegen eine konkrete Vorlage aus dem Zeichensatz einer einzelnen Schriftart.

Durch den ständig wachsenden Bestand an Dokumenten und gebundenen Druckwerken sowie die nachfolgende Einrichtung einer für alle Bürger öffentlich zugänglichen Bibliothek ergaben sich zwischen 1698 und 1920 mehrfache Neuordnungen, Zusammenlegungen und räumliche Auslagerungen des Bestandes, sodass die alten Werke der einstigen Ratsbibliothek (ca. 120.000 Bände) inzwischen im Stadtarchiv zu finden sind, das 400 m nördlich auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters St. Johannis seinen Platz gefunden hat. In den vormaligen Räumen der Ratsbibliothek erfolgte dann im Jahr 1920 die Gründung und Eröffnung der Stralsunder Stadtbibliothek, die sich bis heute dort befindet.

Die historische Schrifttafel muss zwischenzeitlich eine Zeitlang übermalt oder überputzt gewesen sein und trat wohl erst bei Sanierungsarbeiten – vermutlich nach der deutschen Wiedervereinigung – wieder zutage. Denn es existiert zwar ein auf das Jahr 1925 datiertes Foto, auf dem sie bereits zu sehen ist, auf einem späteren Bild, das 1974 zu DDR-Zeiten entstand, fehlt sie jedoch. Stattdessen befanden sich zwei andere und etwas höher platzierte dreidimensionale Schriftzüge (»BUECHEREI« und »ARCHIV«) links und rechts des Eingangs. In der Chronik der Stadtbibliothek ist zu lesen, dass im Jahr 2001 mit einer umfangreichen Haussanierung begonnen wurde. Wie aufwendig diese Bautätigkeiten gewesen sein müssen, zeigt die Wiedereröffnung nach erst neun Jahren, am 01. Oktober 2010. Fotos mit dem Eingang und der Stelle der Beschriftung direkt vor oder kurz nach der Sanierung konnte ich leider nicht finden.

Doch vor allem freue ich mich, dass auch bei diesem Fundstück wieder ein alter Schriftzug wieder zutage trat, der nun für die Nachwelt erhalten bleibt. 🤓 🔠 📚

03.07.2026

Content-Hinweis: Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Schriftanwendung bei der Kennzeichnung historischer anatomischer Präparate von Menschen und Tieren in einem medizinischen Museum. Daher kommen zur Bebilderung auch Fotos solcher Exponate zum Einsatz.

Der Anstoß zu dem heutigen Beitrag liegt tatsächlich schon mehr als einen Monat zurück. In dieses Thema konnte ich mich mal wieder so richtig hineingraben, habe sehr viel recherchiert, Korrespondenz geführt, Links zusammengesucht und auch wieder selbst jede Menge gelernt. Damit der Text trotz seiner Länge etwas lesefreundlicher wird, habe ich ihn versuchsweise mit Zwischenüberschriften in Teilabschnitte untergliedert.

Der Ausgangspunkt

Als großer Freund aller Wissenschaften schaute ich kürzlich aus der arte-Mediathek die sehr sehenswerte, anderthalbstündige Dokumentation »Auf Messers Schneide – Eine Geschichte der Chirurgie« (dort noch verfügbar bis zum 26.11.2026). Darin geht es um die Entwicklung des Verständnisses der Anatomie, der Funktionen der Organe, des Blutkreislaufs, des Schmerzempfindens und um die Erfindung der Anästhesie, um Infektionsschutz und generell um den Wandel medizinischer chirurgischer Eingriffe vom unerfahrenen »Herumprobieren« hin zu einer methodisch betriebenen Wissenschaft.

Bei den Zeitmarken 00:35:15 und 00:37:54 wurde ein britischer Pionier des anatomischen und chirurgischen Erkenntnisgewinns vorgestellt, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte: John Hunter (1728–1793). Zu seinem Leben und Wirken, seiner Karriere und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Medizin habe ich am Ende des Artikels einen gesonderten Abschnitt aufbereitet. Auch Hunters älterer Bruder William hatte maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Medizinergenerationen. So gründete er etwa 1746 die erste Schule für Anatomie in England.

»William Hunters Schule für Anatomie läutete eine neue Ära in der Ausbildung von Medizinern in England ein. Erstmals konnten angehende Ärzte sich ihr anatomisches Wissen nicht nur in der Theorie aneignen, sondern auch aus eigener Anschauung und Praxis. Neben Vorlesungen bestand der Unterricht aus anatomischen Übungen, für die William Hunter jedem Studenten einen eigenen Leichnam als Studienobjekt zusicherte.«

Quelle: Wikipedia – »John Hunter (Mediziner)«

Als Assistent seines Bruders in dieser Schule erwies sich John als ein hervorragender Präparator. Bald begann er mit dem eigenen Aufbau einer Sammlung biologischer, anatomischer und pathologischer Präparate.

»Wann immer ihm bei einer Sektion Besonderheiten auffielen, fertigte Hunter Präparate an, die er in seinem Haus in London sammelte. Auf diese Weise kam über die Jahre hinweg eine beträchtliche Sammlung zusammen, die von Walknochen, dem Fell einer Giraffe und einem ausgestopften Känguru über zahlreiche tierische und menschliche Feuchtpräparate bis hin zu Anomalien wie den Gehirnen eines Kalbs mit zwei Köpfen oder dem Körper eines ungeborenen Kindes mit offenem Rücken reichte.«

Quelle: Wikipedia – »John Hunter (Mediziner)«

Bis zu seinem Tode wuchs diese Sammlung auf schätzungsweise 14.000 Präparate an. Nach Hunters Tod wurde sie 1799 von der britischen Regierung angekauft und der »Company of Surgeons« anvertraut, aus der später das »Royal College of Surgeons of England« hervorging. Sein Nachlass wurde zum Grundstock des Hunterian Museum. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Sammlung schwere Verluste. Durch eine Brandbombe, die im Mai 1941 das Gebäude des Royal College of Surgeons direkt traf, wurden zwei Drittel der Museumssammlungen zerstört. Dennoch blieben ca. 3.500 der Originalpräparate erhalten. Auch heute noch stellt dieser Bestand eine der bedeutendsten historischen medizinischen Sammlungen der Welt dar.

Die Fundstücke

In der arte-Doku blieb mein buchstabenaffines Auge natürlich gleich an den wunderschönen historischen Etiketten hängen, mit denen die Glasgefäße der Präparate einst von Hand beschriftet wurden. Wie auch auf dem Foto unten gut zu erkennen ist, gibt es ältere (handgefertigte) und neuere (vermutlich mithilfe eines modernen Etikettendruckers erstellte) Labels. Die neueren sollen uns hier und heute nicht interessieren, sie sind wechselnd mit fetten Schnitten der beiden Schriften »Futura« oder »Helvetica« (oder für Thermoprinter erstellten Lookalikes) angelegt und kommen vermutlich bei der – nicht unaufwendigen – periodisch erforderlichen Umbettung und Neukonservierung der Präparate zum Einsatz. Zu diesem Vorgang gibt es übrigens auch ein interessantes Video des Museums. Überhaupt kann ich dessen Website sowie den unterhaltsamen und wissenswerten Content auf den museumseigenen Social-Media-Kanälen (bei Facebook, Instagram und Bluesky) sehr empfehlen.

Die Kuratorin des Museums, bei der ich die Erlaubnis erbat und bekam, einige Fotos der original beschrifteten Exponate hier im Blog abzubilden, schrieb mir dazu:

»I think it is unlikely that any of the numbers date back to Hunters time, as they were often renumbered and reorganised after his death.«

Alice Watkinson-Deane, Curator (Collections & Digital Interpretation), Hunterian Museum

Die Schrift

Ich habe zahlreiche Abbildungen im Internet durchgesehen und versucht, daraus einen möglichst vollständigen Zeichensatz zu extrahieren, um ihn hier abbilden zu können.

Dabei fiel mir auf, dass sich auch innerhalb des Schriftbildes der Original-Etiketten Unterschiede finden. Im Foto oben sieht man das etwa am kleinen 𝐚. Beim Präparat »Limax« (links, Nr. 787/788) hat der Stamm eine deutliche Neigung nach links. Auf dem vorderen »Rana«-Etikett (Nr. 800) steht er hingegen eher aufrecht. Bei solchen Varianten ein und desselben Buchstabens habe ich mich bei meiner Übersicht jeweils für diejenige entschieden, von der ich im Netz die deutlichste Bilddatei auffinden konnte.

Betrachten wir die wunderschöne Schrift mit ihren sehr ausgeprägten Oberlängen, den zumeist deutlich kürzeren Unterlängen und vielen charmanten Formdetails, wie z.B: den dynamischen Serifen am 𝐬 und dem kleinen Fähnchen am 𝐭, noch einmal »in situ« auf den alten Glasgefäßen:

Ohne Einblick in die Archive und Aufzeichnungen des Museums oder anderer, nicht online einsehbarer Quellen kann ich nicht sagen, ob es unter den mehreren tausend Gefäßen nicht doch noch welche gibt, die zu Lebzeiten John Hunters beschriftet wurden und bei denen die Etiketten die Jahrhunderte überdauert haben. Aber sucht man im Internet beispielsweise nach historischen und ebenfalls von Hand beschrifteten Apothekengefäßen aus jener Zeit, fallen durchaus Ähnlichkeiten ins Auge, allen voran das nach links weisende »Fähnchen« an der Spitze des 𝐭.

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Hier noch einige weitere Beispielabbildungen solcher Gefäße. Hier fällt neben einem erneut ähnlich gezeichneten 𝐭 auf, dass auf dem ersten und dritten Gefäß die Buchstaben eine ähnliche Linksneigung haben wie auf einigen Gefäßen der Hunterian Collection.

»FENICV.« = feniculum (Fenchel), ca. 1700; »Bolus Armenica« (aluminiumsilikathaltige Heilerde, Blutstiller); »Cortex Cinnamomum« (Zimtrinde); »R. Nardi Yndicae« (Radice Nardus Indica, Wurzel einer Heil- und Aromapflanze), letztgenannte drei aus dem 18. Jahrhundert | Quelle: Smithsonian Institution/American History Museum | Public Domain

Einige der Charakteristika im Schriftbild der historischen Etiketten finden sich allerdings nicht nur bei Buchstaben aus dem 18. Jahrhundert, sondern bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Eine insgesamt ähnliche Anmutung hat etwa die Schriftart »Lucian« (Lucian Bernhard für die Bauersche Gießerei, 1928/1930). Auch sie hat sehr ausgeprägte Oberlängen, weniger ausladende Unterlängen, einen großen Strichstärkenkontrast und gedrungen wirkende Kleinbuchstaben. Selbst Details bei einigen Zeichen (𝐜 und 𝐱) ähneln einander. Nur die etwas exzentrischen »Zipfel« an 𝐬 und 𝐭 bleiben eine Eigenart der handgezeichneten Etiketten.

Es bleibt also erst einmal offen, aus welcher Zeit genau – zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert – die ältesten erhaltenen Beschriftungen auf den Exponaten stammen.

Zum Schluss habe ich einmal in einer digitalen Skizze einige Buchstaben neu gezeichnet nachempfunden, die für mich die Anmutung der Etikettenschrift sozusagen als »Konzentrat« einfangen. Anscheinend hat noch kein professioneller Schriftgestalter (ich selbst bin leider »nur« ein schriftvernarrter Grafik-Designer) versucht, eine vollständige Schrift auf Basis dieser Etiketten zu erstellen. Die Kopenhagener Designagentur Kontrapunkt hat zwar im Jahr 2004 für den Verband Dänischer Apotheker eine wunderschöne exklusive Schriftart namens »Apotek« gestaltet, die an den Fassaden und auf Produkten vieler dänischer Apotheken genutzt wird. Aber die formalen Inspirationen zu dieser Schrift sind jünger und knüpfen laut einem Beitrag zum 20jährigen Jubiläum des Designs neben der Typografie alter Apothekengläser auch an Schriften aus der Bauhaus-Zeit der 1930er Jahre an.

Zum Schluss hänge ich noch einige weiterführende Links an für Leser*innen, die mehr über John Hunter lesen möchten sowie einen ausklappbaren Contentblock mit einer Zusammenfassung seiner Biographie. Ich selbst werde bei der nächsten Reise, die mich nach London führt, auf jeden Fall mindestens einen halben Tag in diesem famosen Museum einplanen! 🤓 🔠 🫀

John Hunter – Leben und Werk


Weiterführende Links

01.07.2026

Typo-Schnappschuss zwischendurch am Mittwoch: Gestern beim Einkaufen im feinen Stadtteil Harvestehude/Eppendorf fiel mir über einer Toreinfahrt an der Adresse Eppendorfer Baum 10 diese stilvolle weiß-rote 3D-Schriftzug auf, den ich natürlich sofort fotografieren musste.

Das historische Stadthaus an dieser Adresse wurde um die Jahrhundertwende (ca. 1898) erbaut, ist bestens erhalten und beherbergt heute im Erdgeschoss die Filiale eines Delikatessengeschäftes mit Bäckerei. Auf den ersten Blick passen die Lettern mit ihrer tiefliegenden horizontalen Mittelachse perfekt zur Gründerzeit-/Jugendstil-Optik des Hauses, doch der Schriftzug sieht optisch und technisch zu neu aus, um authentisch historisch zu sein. Und siehe da – lässt man sich die Adresse auf Google Maps anzeigen, bestätigt sich, dass die Einfahrt auf einem StreetView-Foto vom August 2022 noch unbeschriftet war. Hier wurde also mit gutem Stilgefühl und Gespür für die Epoche der Erbauung ein stimmiger Retro-Schriftzug angebracht. Es kann natürlich sein, dass ein anders oder gar nicht beleuchteter Hinweis auf die Garage bereits früher schon einmal existierte. Online einsehbare Belege dafür entdeckte ich jedoch nicht.

Für die Schriftart finden sich im Netz bei kommerziellen wie kostenlosen Anbietern etliche sehr ähnliche Referenzen. Am dichtesten heran kommt aus meiner Sicht die »Sevastian« von Adam Fathony (AFStudio, 2018). Und passend zur 3D-Umsetzung über der Einfahrt bietet die komplette Schriftfamilie verschiedene »Layer«-Varianten an, mit denen man auch bei der zweidimensionalen Anwendung eine solche Optik simulieren kann. 🤓 🔠 🅿️

Doch hinter dem hellen Äußeren des Hauses steckt auch eine düstere Facette. Auf dem Portal »Stolpersteine Hamburg« werden unter dieser Adresse zehn Namen von Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft aufgelistet.

24.06.2026

Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.

Leider konnte ich selbst keine Aufnahme von der Leuchtreklame bei Nacht machen, aber auf der Website »FILM NEWS BAYERN« des FilmFernsehFonds Bayern findet sich ein Beitrag zur Geschichte dieses Lichtspielhauses und der Menschen hinter dessen Kulissen, der mit einem nächtlichen Foto der Kinofassade bebildert ist.

»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«

Quelle: FILM NEWS BAYERN – »Neuer Glanz mit altem Charme«

An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.

Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿

19.06.2026

Auch bei der Ergründung der Geschichte des heutigen Fundstücks haben mir Digitalisate historischer Hamburger Adressbücher wieder gute Dienste geleistet. Fotografiert habe ich dieses edle Buchstabenrelief an der Fassade eines Hauses in Hamburg-Altona an der heutigen Adresse Bernstorffstraße 143.

Der ungewöhnliche und eher seltene Nachname des Firmeninhabers machte es vergleichsweise einfach, Informationen zu sammeln, obgleich eine herkömmliche Suchmaschinenanfrage nur sehr spärliche Fakten erbrachte. Zum Gebäude kam immerhin zutage, dass das lichtblaue Etagenhaus in den Jahren 1865/1866 erbaut wurde und in der »Liste der Kulturdenkmäler in Hamburg-Altona-Altstadt« aufgeführt wird.

Der Inhaber, August Bluthardt, wird in den alten Hamburger Adressbüchern bis einschließlich 1911 als angestellter Prokurist bei der Firma »Paulsen
Bohde Nfg. [= Nachfolger], Eisenguss- und Tonwaren, Heizungs­verklei­dungen« geführt. Ab 1912 erscheint er dann in weiteren Registern namentlich als Einzelinhaber eines eigenen Unternehmens mit dem Geschäftsfeld »Öfen u. Herdlager-Dauerbrand-Öfen, Majolika [farbig glasierte Tonwaren, vgl. Wikipedia], weiße Schmalzkacheln, Herd- u. Wandplatten, sämtliche Ofenersatzteile, Baumaterial«. Bei den »Schmalzkacheln« scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln, denn diese Vokabel konnte ich im Feld des Ofenbaus nirgends antreffen, wohl aber tauchen »Schmelzkacheln« bei den textlichen Beschreibungen historischer Öfen in Museen auf. Ab 1921 findet sich dann in den Verzeichnissen die Firmierung »Aug. Bluthardt & Co. G. m. b. H«, die im Anschluss dann wohl in gekürzter Form, wie im Foto zu sehen, am Gebäude angebracht wurde.

Diese Zeitangabe deckt sich auch mit meiner Vermutung, wo die Ursprünge der für die Beschriftung genutzten Schriftart liegen könnten. Eine der Schriften, die sich überraschend gut mit den weißen dreidimensionalen Lettern in Deckung bringen ließ, ist die »Gotham« von Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan, entstanden 2000–2002 für die Hoefler Type Foundry (HTF). Weltbekannt wurde die Schrift im Jahr 2007, als das Wahlkampfteam um Barack Obama sie zur Schriftart für seine Präsidentschaftskampagne erkor. Das ikonische »HOPE« Poster mit dieser Schriftart kennt wohl noch fast jede*r. Die Ursprünge einer ganzen Gruppe alter Schriftzüge, welche die Schriftdesigner zu dieser modern anmutenden Grotesk-Familie inspirierten, sind jedoch fast 100 Jahre früher zu suchen. Auf der Website Jonathan Hoeflers findet sich dazu unter der Überschrift »The History of the Gotham Typeface« ein ausführlicher, sehr lesenswerter Artikel.

»Gotham was inspired by a style of bold capital letters that evolved outside the typographic tradition in the early twentieth century, common to lithographed posters, enamel signs, and commercial facades throughout New York City.«

Quelle: myfonts.com – »Gotham – about this font«

Ich habe den Text des Schriftzuges aus dem Foto einmal in der »Gotham Bold« nachgesetzt und farbig markiert, wo ich nachträglich grafisch noch etwas »umbauen« musste, damit die Zeichen ungefähr in Deckung kommen. Die einzige Glyphe, die komplett andersartig ausfällt, ist das »&«-Zeichen. Dessen leicht ausgezogene Ecken in dem fotografierten Relief, die deutlich anders anmuten als die Buchstaben mit ihrer nüchternen Linienführung, lassen jedoch ohnehin vermuten, dass dieses Zeichen bereits zur Zeit der Anbringung der Beschriftung aus dem Repertoire einer separaten Schriftart hinzugefügt wurde.

Wie ging es dann weiter mit dem Ofengeschäft August Bluthardts? 1929 taucht ein neuer Inhaber der Ofenhandlung in den Adressbüchern auf – ein gewisser Carl Mollwitz führt nun die Geschäfte. Zwischen 1943 und 1950 wurde die Adresse der Niederlassung geändert – ohne dass ein Umzug erfolgte. Zur Zeit der Gründung hieß die Straße noch »Adolphstraße« (oft auch »Adolfstraße«). Ab 1950 wird das Unternehmen dann in den Branchenbüchern unter dem neuen Straßennamen »Bernstorffstraße« gelistet, obwohl die Umbenennung laut einigen Quellen bereits einige Jahre früher stattfand:

»Bereits in der NS-Zeit wurde die Bernstorffstraße als neuer Straßenname (alter Straßenname: Adolfstraße, benannt 1857 nach Hans Adolph Wieck, Bauunternehmer, (…) in der Liste ›Umbenannte Straßen‹ aufgeführt. Die Liste wurde im Hamburger Adressbuch von 1943 veröffentlicht und listet alle in der NS-Zeit umbenannten Straßen auf, auch diejenigen, bei denen die konkrete Umbenennung noch nicht vollzogen wurde.«

Quelle: hamburg-strassennamen.de – »Bernstorffstraße«

Als Namensgeber der umgetauften Straße werden in derselben Quelle die dänischen Staatsminister Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff (1712–1772) und Andreas Peter Graf von Bernstorff (1735–1797) genannt.

Nach 1957 übernimmt dann laut der Brancheneinträge eine »Frau L. Mollwitz« die Leitung, vermutlich die Ehefrau des Inhabers. Dessen Name taucht jedoch bis 1968 weiterhin als Mitarbeiter auf. 1974 gibt es erneut einen innerfamiliären Wechsel: Der neue Name des Inhabers lautet jetzt Georg Mollwitz. Es ist plausibel, anzunehmen, dass der Staffelstab der Firmenleitung an die jüngere Generation weitergereicht wurde, aber eindeutige Informationen dazu fand ich nicht, insofern könnte es eventuell auch ein Bruder oder sonstiger Verwandter sein.

Im »Wirtschafts- u. Firmenhandbuch Hamburg + Schleswig-Holstein Ausgabe Großraum Hamburg 1976/77« erscheint der Eintrag des Unternehmens zum letzten Mal. Ich vermute, dass der Einzug moderner Zentralheizungen und platzsparender elektrischer Küchenherde den Traditionsbetrieb vom Markt verdrängt hat. Was blieb, ist dieser kunstvoll gefertigte Schriftzug an einem alten Haus in Hamburg Altona. 🤓 🔠 🏠

15.06.2026

Zur Abwechslung poste ich heute mal ein typographisches Montagsbonbon, das ich nicht selbst fotografiert habe, sondern auf das ich bei der Recherche zum Beitrag über die »GARAGE SAUERBERG« in einem digitalisierten historischen Altonaer Adressbuch aus dem Bestand der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek entdeckt habe. Ich fand den Spruch (aus heutiger Sicht) und die Honig-Geld-Metapher einerseits putzig, die Umsetzung aber durchaus elegant und handwerklich gekonnt. Die vollständige Anzeige, aus der das Motiv stammt, ist im zweiten Bild zu sehen.

»Unterstützungs-Institut« klingt für heutige Leser*innen ungewöhnlich, fast wie ein Schwesterwort zu »Sozialamt«. War die damals werbende Instanz solch eine Behörde? Dazu fand ich schnell eine kundige Erläuterung:

»Das am 28. Januar 1799 gegründete Altonaische Unterstützungs-Institut AUI setzte sich für Sozialfürsorge und Gewerbeförderung ein. Neu war das Prinzip der überkonfessionellen Fürsorge. Hilfe für sozial Schwache war zuvor eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Nun konnten in Not geratene Einwohner*innen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit unterstützt werden. Ebenfalls unabhängig von Glauben und Konfession erhielten Schulen, Vereine und die Kinderfürsorge zinsfreie Darlehen und Spenden.

1801 gründete das AUI eine Sparkasse. Sie entwickelte sich zu ihrem wichtigsten Betätigungsfeld. Sparguthaben sollten es Menschen ermöglichen, eine Existenz aufzubauen. Über die Erträge des Bankgeschäftes konnten wohltätige Vorhaben finanziert werden. 1939 wurde das AUI aufgelöst und in die Hamburger Sparkasse überführt.«

Quelle: Website der Stiftung Historische Museen Hamburg zur Ausstellung »Glauben und Glauben lassen«, die vom 27.09.2023 bis 15.07.2024 im Altonaer Museum gezeigt wurde

Bemerkenswert an der Schriftgestaltung des Motivs fand ich zum einen die bewussten Verbindungen zwischen den gebrochenen Buchstaben, am deutlichsten bei »are«, »ie« und »iene«. Zum anderen ist auch eine Kursivstellung, wie hier zu sehen, bei historischen gebrochenen Schriften deutlich seltener und spielte nicht dieselbe Rolle wie die Kursiven bei Antiqua-Schriften. Die meisten Fraktur-Schriftfamilien verfügten – von Ausnahmen abgesehen – gar nicht über kursive Schnitte. Sollte in einem in Fraktur gesetzten Text ein Wort oder Abschnitt besonders hervorgehoben werden, wurde dies nicht durch eine Kursive – wie z.B. oft bei in Antiqua gesetzten Texten –, sondern zumeist mit anderen Mitteln erreicht, etwa durch einen deutlichen Wechsel zu einer 𝔷𝔴𝔢𝔦𝔱𝔢𝔫 gebrochenen Schrift (oder zu einer 𝙰𝚗𝚝𝚒𝚚𝚞𝚊), durch S p e r r s a t z mit größeren Buchstaben­abständen, mittels fetterer Schriftschnitte (seltener) oder durch einen deutlich anderen Schriftgrad. Zudem ist auch die ungewöhnlich starke Schrägstellung der kursiven Buchstaben – hier mit ca. 25° Neigung – auffällig; die meisten Nicht-Schreibschriften arbeiten gewöhnlich mit Winkeln zwischen 7° und 12°. Selbst eine der seltenen, kursiv gezeichneten Frakturschriften, »Deutsche Schrägschrift« (Rudolf Koch für Gebr. Klingspor, 1912) hat einen Neigungswinkel von »nur« 16°. Extremere Schräglagen von bis zu 45° findet man eher bei Kurrentschriften und anderen, oftmals dekorativen Schreibschriften.

Die dritte Besonderheit in dem Werbemotiv sind die individuell gestalteten Zeichen, wie die große geschwungene S-Initiale und das kleine w, das nach oben verlängert ist und sich mit dem S gezielt überlappt. Alle drei Stilmittel verleihen dem Schrift-Arrangement eine fast handschriftliche Anmutung und plakative Eigenständigkeit. Vergleicht man die sechs Vorkommen des kleinen e, so fällt auf, dass diese alle unterschiedlich aussehen, mal breiter, mal schmaler und mit verschieden großen Innenräumen. Ich gehe aufgrund all dieser Merkmale davon aus, dass die Illustration der Biene nebst Münze inklusive aller Textzeilen als Gesamtgebilde von Hand gezeichnet wurde.

Die etwa weiteren Schriftarten bzw.-schnitte in der Anzeige lasse ich heute einmal außen vor, da sie – mit Ausnahme der kantigen Type bei den Wörtern »Geschäftsstellen« / »Annahmestellen« wenig Besonderes zu bieten haben. 🤓 🔠 🐝

08.06.2026

Ein Werbe-»Mural« aus Regensburg habe ich heute als typographisches Montagsbonbon ausgewählt. Und obwohl der Farbauftrag noch relativ neu und unverwittert aussieht, hat das beworbene Produkt bereits eine über 300-jährige Geschichte.

»P. Ulrich Eberskirch OCD*, der als gelernter Apotheker in den Karmelitenorden eintrat, erfand im Jahre 1721 den echten Karmelitengeist. Das Geheimnis wird bis heute streng gehütet und immer nur von zwei Karmeliten weitergegeben.«

* OCD: Ordo Carmelitarum Discalceatorum (Orden der Unbeschuhten Karmeliten)

Quelle: Karmelitenkloster St. Joseph, Regensburg

Typographisch fand ich das Motiv insofern interessant, dass es zum einen rein schriftlich für das Produkt wirbt – es gibt keinerlei Abbildung eines Mönches, einer Flasche, eines eingeschenkten Glases, einer Verpackung o.ä. Und zum anderen nutzt es in nur drei Zeilen Text vier verschiedene Schriftarten. Zwei davon konnte ich problemlos bestimmen, bei den beiden anderen war das etwas schwieriger bis erfolglos.

Das Wort »REGENSBURGER« ist in der Schriftart »ITC Avant Garde Gothic« im Schnitt »Demi Bold« gesetzt. Die Schrift wurde zunächst 1968 exklusiv für das Logo und die Headlines des US-amerikanischen Lifestyle-Magazins »Avant Garde« entworfen. Erst ab 1970 arbeitete Lubalin zusammen mit Tom Carnase – einem Partner in seinem Designbüro – daran, eine komplette Schriftfamilie gleichen Namens daraus zu entwickeln, die nachfolgend zu einer der populärsten Schriften der 1970er-Jahre wurde.

Für die Unterzeile »seit 1721 hier im Kloster hergestellt« wurde die Schrift »Palette« genutzt. Sie stammt aus dem Jahr 1951 und ihr Urheber war der Grafiker und Schriftgestalter Martin Wilke.

Die Schrift bei dem Wort »Echter« würde ich ebenfalls in den 1950er-Jahren verorten, allerdings konnte ich sie nicht verlässlich identifizieren. Das etwas zu eng stehende letzte Buchstabenpaar »er« könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Buchstaben hier individuell gestaltet wurden.

Ebenfalls knifflig war die Recherche zur Schrift im Produktnamen »KARMELITERGEIST«. Das auffälligste Merkmal ist in jedem Fall das rechtwinklig abknickende Bein des K, das sich etwas dezenter auch im R noch einmal wiederfindet. Die älteste Referenz, die ich zu dieser Buchstabenform finden konnte, reicht zurück in die Jahre 1929–1934, zu einer eleganten Art-Déco-Schrift namens »Corvinus«, entworfen vom ungarisch-schweizerischen Designer Imre Reiner für die Bauersche Schriftgießerei. Im Umfeld eines experimentelleren Formenrepertoires trifft man ein ähnliches K auch bei der Schrift »Altona« von Albert-Jan Pool, Julia Uplegger und Antonia Cornelius an, die auf Hamburger Straßenschildern Ende der 1920er-Jahre beruht, sowie in der serifenbetonten Linear-Antiqua »City« (Georg Trump für Berthold, um 1930). Alle drei Verwandten verweisen somit auf etwa dieselbe Zeit, obwohl sie nicht exakt mit der Type im Werbeschriftzug auf der Fassade übereinstimmen. Eine modernere Variante, entstanden 2002–2014, findet sich in Form der Schriftfamilie »Compass Next« von Ramiz Guseynov/TipografiaRamis.

Im Netz konnte ich zudem in einem Pressebericht aus dem Jahr 2021 zum Jubiläum der klösterlichen Spirituose ein Foto ausfindig machen, das deren Verpackungs-Evolution dokumentiert. Das »K mit dem Knick« taucht darin ausschließlich in den beiden linken der sechs abgebildeten Exemplare auf, offenbar zeitgleich mit der Einführung einer auffälligen purpurnen Kennfarbe beim Packaging. Zeitlich datieren konnte ich diese Umstellung leider nicht. Immerhin lässt sich sagen, dass das Konglomerat aus verschiedenen Schriftarten nicht älter sein kann als die jüngste der vier (»Avant Garde«).

(Nachtrag – 09. Juni 2026: In dem weiter unten im Beitrag verlinkten Video schwenkt die Kamera beim Timecode 12:28 über ein Bildtableau mit Fotos aus dem Jahr 1971, als das Elixier sein 250-jähriges Jubiläum beging. Auch darauf sind sowohl das komplette Werbemotiv als auch die orange-purpurviolette Farbgebung der Verpackung bereits zu sehen!)

Das Produkt ist nach wie vor erhältlich, es gibt sogar Pralinés, die mit einer damit aromatisierten Trüffelmasse gefüllt sind. Laut Hersteller hilft das Elixier innerlich, auf Zucker geträufelt oder mit Wasser bzw. Tee verdünnt, »… bei Grippe, Erkältung, Unwohlsein, Magenbeschwerden, Blähungen, Schlaflosigkeit«, sowie unverdünnt äußerlich »… zum Einreiben bei Ohnmacht, Herzschwäche, Rheumatismus, neuralgischen Schmerzen und zur Desinfektion von Wunden«.

Die Ursprünge dieser Heilspirituose aus (karmelitischen) Klöstern lassen sich sogar zurückverfolgen bis ins 14. Jahrhundert. Eines der ersten kommerziell vertriebenen Produkte tauchte 1611 in Frankreich unter dem Namen »L’Eau des Carmes« auf und war offenbar über Apotheken erhältlich. Das Rezept, aus Melisse, Engelwurz, Zitronenschale, Lavendel und weiteren Pflanzenessenzen gebraut, soll ursprünglich aus einem Kloster der Unbeschuhten Karmeliterinnen einer Abtei namens St. Just[e] stammen (die ich leider nicht eindeutig lokalisieren konnte) und wurde anfänglich wohl u.a. auch für den französischen König Karl V. (1338–1380) hergestellt. Andere Überlieferungen sprechen von Pariser Karmelitermönchen als Urheber der Rezeptur.

Das in Deutschland deutlich bekanntere Konkurrenzprodukt »Klosterfrau Melissengeist« kam übrigens erst im Jahr 1826, gute 100 Jahre später als der Regensburger Geist, auf den Markt. 🤓 🔠 🌿 👻

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