verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Kuriositäten (Seite 1 von 12)

Ob absichtlich oder ungewollt, so manches Fundstück hat bisweilen eine skurrile, schräge oder amüsante Anmutung bei der Botschaft oder Gestaltung. In dieser Kategorie sammle ich allerlei solcher Beispiele.

28.08.2026

Menschen neigen bekanntermaßen bisweilen dazu, Flora und Fauna in »gut« und »schlecht« zu unterteilen. Schmetterlinge oder Bienen sind »gute« Insekten – Silberfischchen oder Stechmücken sind »schlechte« Insekten, aka »Ungeziefer«. Glockenblumen oder Bärlauch sind »gute« Pflanzen – Disteln oder Knöterich sind »schlechte« Pflanzen oder auch »Unkräuter«.

Das typographische Fundstück am Freitag ist heute wieder eine sehr schöne Einreichung, fotografiert vom Blogleser Werner L. aus Berlin und entdeckt in einer Ausstellung im Landschloss Zuschendorf, das mir von ihm zudem als lohnendes und lehrreiches Ausflugsziel empfohlen wurde. Und auch dieses eingereichte Printmedium – eine historische Werbeanzeige – nimmt im Markennamen des beworbenen Produktes eine Unterteilung in »gute« und »schlechte« Wildtiere vor. Zunächst zeige ich das eingereichte Foto im Original:

Für diejenigen, die Frakturschrift nicht so gut lesen können, hier eine Transkription des Textes:

»Antispatz – Der beste Meisen-Anlock- u. Fütter-Apparat, das Entzücken d. Vogelfreunde. Von 14 Ministerien empf. M. 4,60 postfrei, 4 St. M. 14,90, postfrei. Prospekt Parus, Hamburg 36 G. Postscheckk. Hbg. 2475.«

Tatsächlich war der »Antispatz« eine spezielle Futterstelle für Singvögel. Die Konstruktion sollte allerdings insbesondere Haussperlinge (»Spatzen«) von der Winterfütterung fernhalten, während akrobatischen Klettervögeln und Flugkünstlern, wie Meisen oder Kleibern, der Zugang erleichtert wurde. Damals wurden Spatzen von vielen als üble Futterkonkurrenten für andere, seltener gesehene Singvögel angesehen.

Entwickelt wurde die Vorrichtung von dem Hamburger Mediziner und Sanitätsrat Dr. Christian Adolf Bruhn (1865–1927), Online-Quellen zufolge während einer Liegekur, die dem Lungenarzt während einer eigenen Tuberkuloseerkrankung in den Jahren zwischen 1905 und 1910 verordnet war. In einem selbst verfassten Artikel (»Futterglocke und Meisendose ›Antispatz‹«, in »Ornithologische Monatsschrift«, Jahrgang 1910, hrsg. vom Deutschen Vereine zum Schutze der Vogelwelt e. V.«, Seite 149–154) erwähnt Dr. Bruhn, dass bereits im September 1908 ein gewisser Friedrich Schwabe, damals Leiter der »Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz« in Seebach/Thüringen, sich äußerst wohlwollend über Konstruktion und Funktion der damals auch »Dr. Bruhns Meisendose« genannten Erfindung geäußert habe. Auch in einer Schweizer Publikation aus dem Jahr 1908 taucht das Produkt bereits auf. Man kann also davon ausgehen, dass die ersten Modelle des »Antispatz« etwa zu dieser Zeit entstanden:

»Von den vielen Futterapparaten für Meisen darf Dr. med. Bruhns Meisendose in den ersten Rang gestellt werden. Sie ist ein viereckiger, mit Deckel versehener Blechkasten, dessen Boden eine schiefe Ebene bildet. Der Apparat wird mittelst eines oben angebrachten Henkels, sowie seitlich angelöteter Blechbänder am Baum, an der Wand etc. befestigt und mit Hanffrucht gefüllt. Die Körner rutschen auf dem schräg gestellten Boden herunter und gelangen unten durch eine schmale Öffnung auf eine kleine, mit Rand versehene Blechplatte. Da nur so viel Hanfkörner auf dieses Futtertischchen nachrutschen können, als von den Meisen weggepickt werden, so ist jeder Futterverlust ausgeschlossen. Auf den beiden Seitenwänden des Kastens sind lange Glasfensterchen angebracht, die das langsame Schwinden des Futtervorrates von weitem erkennen lassen und die Futterplatte beleuchten.«

Quelle: Ala, Schweizerische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz: »Ornithologischer Beobachter«, Heft 12, Dezember 1908, S. 190.

Das anfängliche Prinzip bestand wohl darin, dass zwar Vögeln mit schmaleren Schnäbeln Zugriff auf den nachrieselnden Körnervorrat ermöglicht wurde, aber Spatzen mit ihren breiteren Schnäbeln nicht.

Später heißt es in einer anderen Abbildung (undatiert, ca. 1910) zu einer anscheinend weiterentwickelten und patentierten Nachfolgekonstruktion: »Neue Spatzensicherung. Unsere bisherige Vorrichtung verhindert das Eintauchen der dicken Sperlingsschnäbel ins Futter; die neue das Anfliegen der Spatzen«. Es sieht so aus, als ob der Zugang von der Unterseite des Futterkastens für Spatzen weiter erschwert wurde, da diese – anders als die erwünschten Vögel, welche auch »hängend« fressen können – keinerlei Möglichkeit mehr hatten, sich von oben auf Vorsprünge oder Randleisten an der Futterrinne zu setzen.

Um 1912 kauften schließlich mehrere offizielle Institutionen die Rechte an der Verwertung der patentierten »Antispatz«‑Konstruktion (wir erinnern uns an das Prädikat in unserem Annoncen-Fundstück »von 14 Ministerien empfohlen«). So steht etwa im Jahresbericht des Bundes für Vogelschutz 1911/1912 (S. 137): »Mit dem Ankaufe des Patents ›Antispatz‹ von Herrn Dr. Bruhn haben wir offenbar einen sehr glücklichen Griff getan«. Und in der Chronik des Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU): »Schon 1912 hatte der Bund die Rechte an den ›Antispatz‹-Futterhäuschen erworben«.

Schon zu Lebzeiten wurden medizinische Broschüren Dr. Bruhns im 1908 gegründeten Hamburger »Parus Verlag« veröffentlicht, so z.B. sein Ratgeber »Vom gesunden und vom kranken Tuberkulösen – Erfahrungen eines lungenkranken Lungenarztes für jedermann« (1922), der auf seiner zuvor erwähnten Erkrankung beruhte. Im weiteren Verlauf der 1920er-Jahre übernahm dann Bruhns Sohn Max die Leitung des Verlages und fuhr über diesen Vertriebskanal bzw. das angeschlossene Handelsgeschäft »Parus Vogel- und Pflanzenschutz« mit der Vermarktung und dem Verkauf des »Antispatz« fort. Im Laufe der Jahre entstanden offenbar mehrere unterschiedlich aufwendige Varianten des Produktes – von einer einfachen, hängenden »Meisendose« über mit Schellen und Bändern installierbare Vogelhaus-Modelle aus Holz bis hin zur aufwendig gefertigten, 300 kg schweren Edel-Futtersäule »… als zierliche Säulenhalle mit rotem Pfannendach (…) 2,80 m hoch, (…) aus frostfester Steinmasse« (in: »Der Lehrmeister im Garten und Kleintierhof«, 1912, S. 731) für 180 Mk (nach heutiger Kaufkraft etwa 500 €). Ganz offensichtlich florierte also das Geschäft mit dem patentierten Sperlingsschreck und nahm in den 1920er- und 1930er-Jahren weiter an Fahrt auf.

Die Datierung unseres Werbemotivs ist relativ einfach, denn rein zufällig bietet zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Beitrags ein Hamburger Antiquariat bei eBay das Original einer historischen Werbeanzeige mit genau derselben Illustration an. Betitelt ist das Angebot als »Vogelschutz Abtlg. Parus-Verlag Reinbe[c]k-K. ANTISPATZ Historische Reklame 1930«. Wir können daher davon ausgehen, dass dies auch in etwa das Erscheinungsdatum der heutigen Einreichung ist. Auch der Text dieser Anzeige ist ganz famos formuliert (s.u.):

»Lebhafter Meisenbetrieb im Garten und am Fenster durch Meisen-Anlock- und Fütterapparat ›Antispatz‹, mit dem die Sperlinge nach Belieben vom Futter auszuschalten sind. ›Diese Methode ist ganz vorzüglich. Mein Garten wimmelt jetzt von Meisen aller Sorten. Ich sehe Arten, die ich nie gekannt habe, auch ein kleiner Specht zieht zu meiner Freude Nutzen aus dem ›Antispatz‹. Zum Dank vertilgen die fleißigen Tierchen alles Ungeziefer. Die Gärtner vermögen keine Raupen mehr zu finden.‹ Max Römer, Opladen. (…) Ministeriell eingeführt bei fast sämtlichen Forst- und Parkverwaltungen, in Obst- und Gartenbauvereinen. Das Entzücken Aller, das beste Geschenk! (…) Bestellen Sie, bevor der Schnee fällt!«

Quelle: Anzeige Parus-Verlag, 1930

Zur Bestimmung der darin verwendeten Schriftarten (ENDLICH kommen wir zur Typographie!) habe ich das Originalfoto nachbearbeitet, entzerrt, retuschiert, im Kontrast optimiert und scharfgezeichnet.

Der Produktname »Antispatz« in der Anzeige ist Teil der (Linolschnitt?)-Illustration und wurde eindeutig von Hand geschnitzt. Die Kleinbuchstaben werden in Leserichtung nach und nach immer kleiner; beim langen s (ſ), dem p und dem abschließenden z (ӡ) werden gar die bei diesen Zeichen üblichen Unterlängen durch deren Verkleinerung über das Niveau der Grundlinie verlegt. Im Werbetext darunter kommen dann in herkömmlichem Bleisatz zwei verschiedene, unterschiedlich fette Frakturschriften zum Einsatz, erkennbar z.B. an den individuellen Formen des großen P. Es war nicht ganz einfach, diesen eher seltenen gebrochenen Schriften auf die Spur zu kommen, aber nach einigen Anläufen und mit digital weiter optimierten Schriftproben kam ich der Bestimmung nah genug.

Insbesondere die prägnanten Formen beim P waren es, die mich zu der oben genannten Einordnung führten. Der magere Text ist wahrscheinlich in der »Hupp-Fraktur« (Otto Hupp für Klingspor, 1911) oder einer nah verwandten Variante gesetzt. Die »Hupp Fraktur« wurde 2016 von Ralph Michael Unger/RMU digitalisiert. Die fetten Textpassagen würde ich der »Fetten Mainzer Fraktur« (Berthold, 1904) zuordnen. Der normale Schnitt dieser Schrift, basierend auf einem Entwurf von Carl Albert Fahrenwaldt, erschien bereits 1901; er ist unter dem Namen »Mainzer Fraktur«, erstellt vom Schriftgestalter Peter Wiegel, seit 2010 digital verfügbar und wurde seither im Rahmen des Projekts »Unifraktur Maguntia« zu einem Unicode-gerechten Fraktur-Font weiterentwickelt.

Damit wären wir am Ende der Ergründung dieses sehr ergiebigen eingereichten Fundstücks – fast. Denn eine bei meinen Recherchen zutage getretene Information zur weiteren Generationenfolge des »Antispatz«-Erfinders Dr. Christian Adolf Bruhn möchte ich Euch nicht vorenthalten. Denn seinen Enkel »kennen« vermutlich sehr viele (ältere) Leser*innen zumindest indirekt: Es ist Hans Christian Bruhn (*1934), ein überaus erfolgreicher Komponist im Bereich Schlager und TV‑Filmmusik. Aus seiner Feder stammen u.a. die Melodien der Hits »Liebeskummer lohnt sich nicht« (Siw Malmkvist, 1964), »Marmor, Stein und Eisen bricht« (Drafi Deutscher, 1965) und »Akropolis adieu« (Mireille Mathieu, 1971). Außerdem komponierte er die Titelsongs zu den Kinder-Kult-Fernsehserien »Wickie« (1974), »Heidi« (1977), »Timm Thaler« (1979), »Captain Future« (1980) und »Patrick Pacard« (1984).

Das war doch wieder famos – von einer Vintage-Meisendose zum Soundtrack von »Captain Future« führte diesmal der Recherchepfad. Ich jedenfalls bin restlos begeistert und möchte abschließend anmerken: »Kannste dir nicht ausdenken«. 🤓 🔠 🐦‍⬛

17.08.2026

Nochmal ein Fundstück aus Sachsen-Anhalt, diesmal aus der schönen Kaiser- und Hansestadt Tangermünde an der Elbe. Es war nicht unbedingt die Schönheit des Schriftzuges, die mich veranlasste, das Motiv fotografisch festzuhalten, sondern seine rührend ungelenke Ausführung, die in dem zweiten, spiegelverkehrten g ihr auffälligstes Merkmal aufweist.

Die Formen der Fraktur-Buchstaben wirken eher wie aus dem Gedächtnis als nach einer Vorlage gezeichnet, die bogenförmige Grundlinie tanzt munter, die Wortabstände zwischen »Glück u. Segen« sind gerade zusammen eine rauchen gegangen und auch das S sieht ein wenig sonderbar aus. Dennoch empfinde ich keine Häme ob der handwerklichen Unzulänglichkeiten, denn ich kann mir gut vorstellen, wie die beauftragten Handwerker das Relief mit der frommen Segensbitte konzentriert, mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen, auf den Putz aufgetragen und koloriert haben. Es wirkt auf mich nicht unbedingt nachlässig oder lieblos, sondern strahlt eine gewisse hingebungsvolle Tapsigkeit aus, die durchaus Würdigung verdient.

Das prächtige Emblem ist über dem Seiteneingang des »Hotel & Restaurant ›Alte Brauerei‹« nahe der Kirche St. Stephan, angebracht. In dem Fachwerkhaus, das um 1855 neu erbaut wurde befand sich bis 1917 tatsächlich eine Brauerei – und nachdem das Gebäude im Anschluss jahrzehntelang ungenutzt blieb und zu verfallen drohte, wurde es von Vater Armin Schulze und Sohn Christian im Jahr 2010 gekauft, aufwendig saniert und durch eine moderne Brauanlage in einer angrenzenden, ebenfalls restaurierten Scheune ergänzt. Ziemlich genau 100 Jahre nach der Schließung des früheren Brauhauses begann die neue Inhaberfamilie dann, an dem historischen Ort erneut handwerklich gebraute Biere herzustellen. Das Familienunternehmen »Schulzens« umfasst neben der Brauerei, Biergarten, Hotel und Restaurant auch einen Hofladen, der neben den hausgebrauten, in Flaschen abgefüllten Bieren noch weitere (regionale) Lebensmittel und Produkte im Sortiment hat.

Natürlich habe ich als passionierter Bierliebhaber bei meinen Besuchen in Tangermünde auch schon den feinen Gerstensaft und die schmackhafte Brauhausküche probiert. Und das schöne Logo-Konzept von »Schulzens« mit der sehr wandelbaren zinnoberroten S-Initiale (Design: Claudia Besuch) mag ich auch richtig gerne.

Das klingt heute zwar wie ein bezahlter Werbebeitrag, aber der Schein trügt – es ist lediglich etwas übersprudelnder Enthusiasmus. 🤓 🔠 🍺


Weiterführende Links

➡️ Lesenswerter Artikel zur Geschichte der neu eröffneten Brauerei auf der Website »GEHEIMTIPP Sachsen-Anhalt«: »BIER BRAUCHT HEIMAT – Nach 100 Jahren lebt die Braukunst in Tangermünde wieder auf«

➡️ Recherchen zur Baugeschichte des historischen Brauereibetriebes, inklusive Stadt- und Bauplänen auf der Website »Familienforschung Hemprich«

03.08.2026

Als Montagsbonbon hab ich heute mal wieder ein Fundstück mit meinem Lieblingbuchstaben, dem kleinen g, anzubieten. Vor einigen Tagen stieß ich im Œuvre Alfred Hitchcocks auf einen älteren Film, der mir zwar dem Namen nach geläufig war, den ich aber noch nie gesehen hatte: »Die 39 Stufen« (»The 39 Steps«). Da passte es, dass meine Guckstimmung gerade in Richtung »Krimi« zeigte und ich streamte den Streifen. Darin wird ein Kanadier in London erst unfreiwillig in eine Spionagemission verwickelt und gerät obendrein zu Unrecht unter Mordverdacht. Auf seiner Flucht vor der Polizei führt ihn die Spur seiner lückenhaften Kenntnisse bis nach Schottland, wo er verzweifelt versucht, die Puzzleteile zusammenzusetzen und den Verdacht gegen sich zu entkräften.

Gleich beim Vorspann sprang mir dann die ebenso kuriose wie auffällige Form des kleinen g, zuerst beim Namen der Darstellerin Peggy Ashcroft, ins Auge. Interessanterweise wird dieses g dann in einer nachfolgenden Tafel bei dem Begriff »[United] Kingdom« nicht mehr genutzt. Dort findet sich eine konventionellere Variante dieses Buchstabens. Auch das große G sieht dort deutlich anders aus. Die leicht unregelmäßig ausgearbeiteten Buchstaben im gesamten Vorspann machen allesamt einen eindeutig handgezeichneten Eindruck.

Screenshot: © Gaumont S. A.

Disclaimer: The images shown above are intended to give the reader a deeper understanding of the typographical, historical and cultural aspects of the topic covered in this private, non-commercial blog article. If you are the rightful owner of these images and have any concerns regarding their use, please contact me and I will remove them immediately.

Ich scheine allerdings nicht der einzige Typo-Nerd zu sein, dem diese Schriftart aufgefallen ist, deren Design perfekt ins Entstehungsjahr des Films (1935) passt. Denn bei der Recherche zu Schriftverwandten zeigte sich, dass der Schriftgestalter und emeritierte Kunstprofessor Harold Lohner (geb. 1958) exakt diesen Filmvorspann als Inspiration genutzt hat, um 2004 eine komplette Schriftfamilie mit insgesamt vier Schnitten daraus zu erstellen. Die Schrift trägt daher auch passenderweise den Namen der damaligen Produktionsfirma »Gaumont« (gegründet 1895 in Frankreich) – übrigens das älteste noch aktive Filmproduktionsunternehmen der Welt.

Die Schrift »Gaumont« kann in den Schnitten Light, Regular, Light Italic und Italic auf der Website von »Harold’s Fonts« kostenlos ausprobiert werden und ist zum Kauf im Onlineshop »Font Bros.« erhältlich.

Am Ende des launigen Agententhrillers gibt es natürlich einen turbulenten Showdown mit hollywoodreifem Happy End. Die Schauspielerin Peggy Ashcroft hat in dem Film nur eine – wenngleich bedeutsame – Nebenrolle. Nun ist sie hier im Beitrag noch einmal nachträglich zur (typographischen) Hauptdarstellerin dieses Films geworden. 🤓 🔠 🎬

31.07.2026

Als »Zwiebelfisch« bezeichnet man in der Typographie einen einzelnen abweichenden Buchstaben, der versehentlich in einem Text auftaucht, welcher ansonsten in einer anderen Schrift gesetzt ist. Zum Beispiel ein Buchstabe in einer fetten »Helvetica« inmitten eines Wortes bzw. Textes, der ansonsten durchgängig in »Times« gesetzt wurde. Der typographische Abweichler muss nicht zwingend einer anderen Schriftfamilie angehören, es kann sich durchaus auch ein kursiver »Arial«-Buchstabe in einen nicht-kursiven Text in derselben Schrift verirren oder ein fetteres Zeichen in einen ansonsten magereren Text. Auch kuriose Fälle, wie irrtümlich auf dem Kopf stehende Buchstaben, sind möglich. Nicht als Zwiebelfisch gelten hingegen Zeichen, die vorsätzlich abweichen, etwa in mathematischen Texten, in denen Buchstaben, Zahlen oder Symbole in besonders gestalteter Form, wie beispielsweise alphabetische Variablen, auftauchen und die bewusst genutzt werden, um einen Text wissenschaftlich korrekt wiederzugeben.

Der Begriff stammt ursprünglich aus dem manuellen Bleisatz. In den großen hölzernen Setzkästen, in denen einst die metallenen Lettern für jede Schriftart, jeden Schnitt und jede Punktgröße, getrennt voneinander, und jeweils sorgsam alphabetisch und nach Zahlen und Zeichen sortiert, aufbewahrt und in der Druckwerkstatt für den Setzer bereitgestellt wurden, kam es immer wieder dazu, dass einzelne Bleilettern bei der »Demontage« eines Druckbogens nach dem Druck nicht korrekt einsortiert wurden oder unbemerkt ins falsche Fach fielen. Bei der nächsten Verwendung gelangten diese dann – insbesondere unter Zeitdruck, bei allzu flüchtigem Arbeiten oder aufgrund unzureichender Endkontrolle – in den nächsten gesetzten Text.

Der Begriff geht etymologisch (angeblich) auf den kleinen Süßwasserfisch Ukelei – auch Lauge oder eben »Zwiebelfisch« genannt – zurück. Da dieser aufgrund seiner geringen Größe von unter 18 cm und vieler kleiner Gräten als minderwertig galt, wurde er in der frühen Neuzeit zum spöttischen Synonym für schlechte oder nachlässige Arbeit. Eine schlampig arbeitende Setzerei nannte man im Volksmund abwertend gar eine »Zwiebelfischbude«.

Mit dem Aufkommen des Fotosatzes (1960er-Jahre) und des Desktop-Publishing (um 1985) wurden Zwiebelfische seltener, verschwanden aber nicht völlig. Auch mir selbst ist vor kurzem bei der Erstellung des Programmzettels für ein privat organisiertes klassisches Konzert in einer kleinen Dorfkirche ein solcher »Fail« passiert: Ich wollte eigentlich die Titel der Stücke kursiv formatieren, hatte aber bei der Textauswahl mit dem Cursor nicht bemerkt, dass ich den letzten Buchstaben eines zur Kursivstellung vorgesehenen Wortes nicht mit in die Auswahlmarkierung übernommen hatte. Demzufolge blieb dieser Buchstabe nicht-kursiv stehen und wurde leider auch fehlerhaft ausgedruckt. Und wann habe ich es bemerkt? Als ich im Konzert saß und den Ablauf des Musikprogramms live auf dem Zettel verfolgte. Schreck, Scham, Schusseligkeit! 🫣

Den meisten Menschen mit weniger geübtem Auge fallen viele der Zwiebelfische vermutlich gar nicht oder erst auf wiederholten Blick auf. Je stärker sich die beiden unfreiwillig vermischten Schriftarten voneinander unterscheiden, desto eher dürfte ein solcher 𝓛apsus auffallen. Oben im Bild kommt hinzu, dass sich die Formen des aufrechten a und des kursiven a – wie es bei vielen Schriften der Fall ist – auch abseits der Schrägstellung voneinander unterscheiden. Die Form des kursiven a leitet sich vom historischen Schreiben mit einer Schreibfeder o.ä. ab; damit verbunden ist auch oft der Anspruch einer höheren Schreibgeschwindigkeit. Beim zügigen Schreiben mit der Hand kann das rundliche a flüssiger und schneller zu Papier gebracht werden als das komplizierter geformte a. Es gibt noch etliche weitere Glyphen, die in der kursiven Variante eine abweichende Form zeigen. Am deutlichsten sind die Unterschiede aber bei a/a, f/f und g/g.

Bis hierhin war dieser Text lediglich eine Einleitung für das heutige typographische Fundstück der Woche, das mir vor kurzem zufällig im Internet über den Weg lief. Es stammt aus dem »U.S. Government Printing Office« (GPO, heute »U.S. Government Publishing Office«), wurde laut Wikipedia am 25. Juni 1934 – wahrscheinlich von einem dortigen FBI-Mitarbeiter – angefertigt, hat eine Größe von 8 × 13 Inch (20,3 × 33 cm), ist inzwischen weltberühmt und enthält in der Tat einen ziemlich auffälligen Zwiebelfisch.

Bei dem Druckerzeugnis handelt es sich um ein Fahndungsplakat nach dem US-amerikanischen Bandenchef, Gangster und Bankräuber John Herbert Dillinger (1903–1934). Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters beitrugen oder gar seine Festnahme nach sich zogen, wurde eine Belohnung zwischen 5.000 und 10.000 US-Dollar ausgesetzt. Laut dem Inflationsrechner der Federal Reserve Bank of Minneapolis entsprächen diese Prämien aus dem Jahr 1934 heute Beträgen von rund 125.000 bzw. 250.000 Dollar. Die Figur Dillinger, ihre Geschichte und die Fahndung nach ihm waren 1945, 1973, 1991 und 2009 Thema von insgesamt vier Verfilmungen und inspirierten darüber hinaus Musik, Literatur und Popkultur.

»John Herbert Dillinger (…) war ein US-amerikanischer Gangster, der sich mit seiner Bande auf Bankraub spezialisierte.

Das FBI setzte auf ihn ein Kopfgeld von 10.000 US-Dollar aus (…) und erklärte ihn als erste Person überhaupt zum ›Staatsfeind Nr. 1‹. Dillinger wurde am 22. Juli 1934 beim Verlassen eines Kinos von mehreren FBI-Agenten erschossen, nachdem er von seiner Bekannten Anna Sage, der ›Frau in Rot‹, verraten worden war.«

Quelle: Wikipedia – »John Dillinger«

Im untenstehenden Bild wird die Position des Zwiebelfischs nach drei Sekunden animiert gekennzeichnet (falls Ihr ihn nicht sofort selbst entdeckt). Wie der Buchstabe in der korrekten Schriftart aussehen sollte, sieht man rechts davon in derselben Zeile.

Da die Technik der Elektrofotografie (Xerografie) erst 1937 patentiert und Fotokopiergeräte nicht vor 1949 auf den Markt kamen und auch »Rubbelbuchstaben« erst seit 1961 verfügbar sind, ist davon auszugehen, dass das Plakat auf herkömmliche Weise gedruckt wurde. Bei den beiden Fahndungsfotos ist in der hochauflösenden Bilddatei zudem eindeutig ein Druckraster erkennbar:

Die Lettern der fetten Überschriften zeigen an den Rändern einen deutlichen Druckzuwachs, der die Formen ausweitet und deren Konturen abrundet. Dieser Effekt kann sowohl durch die Verteilung der Druckfarbe in den saugfähigen Fasern des Papiers entstehen als auch in Form von sog. »Quetschrändern«, die insbesondere bei Druckverfahren mit erhabenen Druckformen (Klischees) auftreten können und umso breiter ausfallen, je weicher deren Material beschaffen ist. Die extremsten Quetschränder verursachen Gummiklischees, etwa beim Stempeln, bei Tampondruck (erst seit 1968) oder beim Flexodruck (patentiert 1907), die hier allerdings nicht zum Einsatz kamen. Gegen ein manuelles Stempelverfahren beim Druck dieses Plakats spricht auch die vergleichsweise gerade und saubere Ausrichtung der Buchstaben. Bei dem Wort »WANTED« fällt allerdings der unschöne weite Abstand zwischen dem W und dem A auf, der ein Indiz dafür sein könnte, dass rechteckige bewegliche Lettern für den Druck genutzt wurden, bei denen ein professionelles »Unterschneiden« der beiden Buchstaben – also ein ästhetischeres Zusammenrücken – technisch nicht möglich war. Welches Druckverfahren jedoch genau zum Einsatz kam (ggf. auch eine Kombination mehrerer Techniken), vermag ich nicht eindeutig zu sagen.

Die beiden zum Einsatz kommenden Schriftarten für die Überschriften und den Fahndungstext lassen sich recht leicht bestimmen. Die Überschriften sind höchstwahrscheinlich in der »Cheltenham Bold Extended« gesetzt, die im Jahr 1906 vom Ingenieur und Schriftgestalter Morris Fuller Benton für American Type Founders (ATF) gezeichnet wurde. Zumindest ließen sich die Lettern in dem Poster sehr gut in Deckung bringen mit Zeichen aus einem historischen Schriftmusterbuch der Gießerei Barnhart Brothers & Spindler aus dem Jahr 1925.

Die Schreibmaschinenschrift hingegen lässt sich kaum einem bestimmten Hersteller zuordnen. Zur Zeit der Entstehung des Fahndungsplakates nutzten Behörden und Unternehmen in den USA oftmals robuste und verlässliche Maschinen der führenden Hersteller Remington, L. C. Smith oder Underwood. Die typische, serifenbetonte »Monospace«-Schrift mit festen Laufweiten von 10 Zeichen pro Zoll (»Pica«) oder 12 Zeichen pro Zoll (»Elite«) existiert vermutlich in so zahlreichen Varianten wie es Gerätemodelle gibt. Es ist wohl bisweilen auch üblich gewesen, dass die Plakate mit vorgegebenen Inhalten im Auftrag der US-Regierung durch externe, privat betriebene Vertragsdruckereien produziert wurden. So kursiert etwa im Netz bei seriös erscheinenden Auktionshäusern auch eine Version des Plakats mit Überschriften (ohne Zwiebelfisch!) in der »Ultra Bodoni Extra Condensed«, ebenfalls entworfen von Morris Fuller Benton (1928).

Die schwierigste Frage ist natürlich, in welcher Schriftart der Zwiebelfisch gesetzt ist. Doch eine Schrift anhand nur eines einzelnen Zeichens – und noch dazu eines so generischen wie des serifenlosen H – zu bestimmen, ist ziemlich herausfordernd. Aber ich hatte einen Verdacht …

Zur Person John Dillingers existiert in verschiedenen verlässlichen Quellen ein weiteres Fahndungsplakat, nämlich jenes, auf dem er explizit als »PUBLIC ENEMY NUMBER ONE!« gesucht wird. Auf diesem Plakat aus dem Jahr 1933 – also ein Jahr vor dem obigen veröffentlicht – sind u.a. genau diese beiden Zeilen in einer damals überaus populären fetten und serifenlosen Schrift gesetzt, nämlich in der »Franklin Gothic«. Und nun ratet, wer sie im Jahr 1902 entworfen hatte? Richtig: Schon wieder Morris Fuller Benton, von 1900 bis 1937 Design-Direktor bei American Type Founders.

»Was Bekanntheitsgrad, Bedeutung und Verbreitung anbelangt, sticht vor allem die ab 1902 produzierte Franklin Gothic hervor. Die ›amerikanische Helvetica‹ gilt (…) als der Standard schlechthin unter den US-amerikanischen Serifenlosen.«

Quelle: Wikipedia – »Morris Fuller Benton«

Bei einem am selben Tag veröffentlichten Fahndungsplakat nach einem Bandenmitglied Dillingers, Lester M. Gillis, alias »Baby Face« Nelson, findet sich ein »Condensed«-Schnitt der »Franklin Gothic« bei den beiden Zeilen mit der Aufzählung seiner Spitznamen.

Das Government Printing Office gab zudem auch Schriftmusterbücher heraus, in denen das offizielle Repertoire der Schriftarten aufgeführt war, die für Regierungsdrucksachen genutzt wurden. Ich konnte zwar online kein digitalisiertes Exemplar aus den 1930er-Jahren finden, wohl aber eins aus dem Jahr 1950. In diesem »Specimens of type faces in the United States Government Printing Office« erscheint auf den Seiten 104–106 auch die »Franklin Gothic«. Somit ist klar, dass auch diese Schriftart zum offiziellen Repertoire des GPO gehörte. Auf den Seiten 170 und 171 treffen wir dann auch noch auf die eigentliche, umgebende Headline-Schriftart des Plakats, die »Cheltenham Bold Extended«.

(Übrigens versteckt sich auch ein ganz spezieller und sehr dezenter Zwiebelfisch in dem Plakat mit »Baby Face Nelson«, denn die Satzzeichen-Punkte in der »Cheltenham Bold Extended« sind gemäß der Schriftprobe in dem Musterbuch rund. Auf dem Fahndungsposter jedoch taucht im Namen des Delinquenten die Abkürzung »Lester M. Gillis« mit einem eckigen Punkt auf. Hinzu kommt, dass Gillis mit zweitem Vornamen nachweislich Joseph hieß und online keine validen Unterlagen oder Informationen auffindbar sind, die erklären können, wofür das »M.« stehen soll. Womöglich ist auch dies ein Fehler in dem Plakat. Aber das ist jetzt wirklich Nerdkram. 😬)

Nehmen wir nun das gedruckte Zwiebelfisch-H aus dem anfänglichen Fahndungsplakat und vergleichen es mit dem H aus dem GPO-Schriftmusterbuch, stimmen Proportionen, Strichstärken und Buchstabenform frappierend überein.

Mein »educated guess« wäre somit, dass sich in der beauftragten Druckerei versehentlich ein »Franklin-Gothic«-H in den Setzkasten mit den gleich großen »Cheltenham Bold Extended«-Lettern verirrt hatte und es so als einer der bekanntesten Zwiebelfische der Kriminalgeschichte in die typographischen Annalen geschafft hat.

Case closed. Oder was meint Ihr? 🤓 🔠 🫆 🔍


Weiterführende Links

➡️ »The evolution of the wanted poster« – ein Interview mit FBI-Historiker John Fox (englisch)

27.07.2026

Auf das Montagsbonbon dieser Woche stieß ich bei einem Wochenmarkt-Ausflug in den Stadtteil Rahlstedt im Norden Hamburgs. Direkt am dortigen (Bus-)Bahnhof erblickte ich diese Beschriftung an einem lokalen Lederwarengeschäft und die besondere Optik der Buchstaben katapultierte mich sofort zurück ins Jahr 1987, als ich in einer Siebdruckerei bei Hannover mein erstes Grafik-Design-Praktikum absolvierte. Ein zentrales Arbeitswerkzeug bei der Herstellung von Druckvorlagen war damals die Reprokamera, und nachdem ich von einem erfahrenen Kollegen sowohl eine Einweisung in die Bedienung des riesigen Standgerätes als auch eine Schulung in der Reprofotografie, inklusive Entwicklung der belichteten Papier- und Film-Abzüge bekommen hatte, wurde ich nicht selten damit beauftragt, schwarzweiße Druckvorlagen auf die gewünschten Abbildungsmaße zu vergrößern oder zu verkleinern.

Wenn eine Vorlage – etwa ein Firmenlogo, eine Illustration oder ein Schriftzug – sowohl von den Auftraggeber*innen nur sehr klein angeliefert wurde und kein besseres Original zur Verfügung stand als auch für das finale Druckmotiv um mehrere hundert Prozent vergrößert werden musste, entstand durch die Grenzen der Kameraoptik und die scharfe schwarz-weiß-Tontrennung des Fotomaterials genau jener etwas »seifige«, abgerundete Look bei den Druckvorlagen wie auf der grünen Banderole an dem Lederwarengeschäft. Auch akribischstes Scharfstellen der Kamera konnte dies bei derart extremen Vergrößerungen nicht verhindern. Manchmal wurden die schlimmsten Detailverluste auf dem entwickelten Fotomaterial mit speziellen Zeichenstiften und -tinten ausgebessert, aber was bereits in der angelieferten Vorlage an Details nicht vorhanden war, konnte auch auf diese Weise nicht verlässlich rekonstruiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch der »Niederstadt«-Schriftzug einst auf diese Weise auf das mehrere Meter breite Format der Außenwerbung hochskaliert wurde.

Ein ähnlicher Effekt entsteht auch, wenn eine vergrößerte Fotokopie erneut (ggf. mehrmals) fotokopiert und vergrößert wird. Man kann den so entstehenden grafischen Effekt, der eine gewisse Retro-Anmutung hat, auch ganz bewusst einsetzen, wie es in einem Beitrag vor einigen Wochen bei einer von mir gestalteten Illustration gemacht wurde.

Update: Ein Leser (User slowtiger auf Mastodon) ergänzte noch sehr richtig, dass auch der bekannte britische Designer Neville Brody im Jahr 1992 einen ähnlichen Effekt mithilfe einer Reprokamera zur Gestaltung einer seiner Schriftarten nutzte. Die abfotografierte Vorlage war einwandfrei und detailreich, aber Brody stellte die Optik der Kamera bewusst unscharf. Aus den so entstandenen weich und verschwommen wirkenden Formen des Abzuges, die trotzdem kontraststark und rein schwarzweiß waren, wurde dann die Schriftart »FF Blur« erstellt. Als Vorlage nutzte Brody wahrscheinlich den Zeichensatz der »Akzidenz Grotesk«.

Aufgrund der »rundgelutschten« Buchstabenformen ist es hier auch schwierig, die genutzte Schriftart – sofern es eine kommerzielle Vorlage gibt – zu identifizieren. Die erste Eintragung des Geschäfts ins Hamburger Handelsregister unter dem Namen »Hermann Niederstadt Offenbacher Lederwaren« stammt vom 16. Dezember 1949. Eine Schreibschrift-Type, die entfernt ähnlich aussieht, ist die »Brush (Script)« von Robert E. Smith, die im Jahr 1942 für American Type Founders entworfen wurde. Die Ähnlichkeit kann man noch etwas dichter an die Ladenbeschriftung heranpeitschen, indem die Zeichen nachträglich horizontal gestaucht werden. Soll man als gewissenhafter Designer eigentlich nicht machen, ich weiß, aber zur Verdeutlichung sei hier einmal eine Ausnahme gestattet.

Ich finde, bis auf den Anfangsbuchstaben N ist die Möglichkeit, dass die »Brush Script« eine Inspiration für den Schriftzug gewesen sein könnte, nicht von der Hand zu weisen.

Der Laden ist nach wie vor geöffnet und hat eine – ebenfalls etwas antiquiert aussehende – Internetpräsenz. Aber so ist das halt mit traditionsreichen inhabergeführten Fachgeschäften und ihrer manchmal etwas angestaubt wirkenden Aura. Ich denke, wir sollten froh sein, dass es hin und wieder, auch abseits von Amazon, Temu und Co., immer noch ein paar davon gibt. 🤓 🔠 👜

17.07.2026

Die Schriftart, um die es im aktuellen Fundstückfoto geht, war bereits vor einigen Wochen schon mal Gegenstand eines Beitrags. Damals begegnete sie uns auf der Markise eines erzgebirgischen Souvenirgeschäfts am Berliner Gendarmenmarkt. Welche Schrift sich ein Ladenbesitzer für seine Außenwerbung aussucht, ist seine freie Entscheidung. Dass ich dieselbe Type nun aber an einem offiziellen Bushäuschen sah, verwunderte mich dann doch ein bisschen. Ich hätte gedacht, dass in Deutschland, dem Land der »überbordenden Bürokratie« (so they say), der im Treppenhaus aushängenden Kehrwochenpläne und der mannigfaltigen DIN-Normen (hoch lebe Walter Porstmann!) strengstens geregelt ist, wie Bushäuschen gekennzeichnet werden dürfen – und wie nicht. Aber offenbar ist dem entweder nicht so oder am Ort der Beobachtung haben sich unbemerkt Chaos und Anarchie breitgemacht.

Das Objekt der vermuteten typographischen Rebellion steht in dem kleinen Ort Düpow im Norden Brandenburgs am Rande der Ortsdurchgangsstraße – und zwar gleich in doppelter Ausführung, nämlich in beiden Fahrtrichtungen. Die Bemalungen der sogenannten »Fahrgastunterstände« wurden 2021 und 2022 umgesetzt. Laut Ortsvorsteher André Kenzler »… soll durch die Gestaltung mit lebensecht wirkenden Figuren erreicht werden, dass die Autofahrer dort vorsichtiger fahren.«

Vielleicht kommt dem/der einen oder anderen meiner Leser*innen mit Erfahrung bei der Nutzung von Apple-Computern die Schrift auf der Seitenwand vage bekannt vor. Das liegt daran, dass der Font seit 1984 unter dem Namen »Chicago« von Anfang an fester Bestandteil des legendären Apple-Macintosh-Betriebssystems war und als Schrift für Menüpunkte und Textmeldungen des mausgesteuerten, grafischen User-Interfaces weltberühmt wurde. Erdacht und gestaltet wurde sie 1983 von der US-amerikanischen Grafik-Designerin Susan Kare, die auch die zahlreichen Icons für den Macintosh entwarf, wie den freundlichen Begrüßungs-Mac nach dem Einschalten des Rechners oder die funkensprühende Bombe bei einem kritischen Systemfehler.

Von 1984 bis 1991 – vor der ins System integrierten Einführung auch auf dem Bildschirm beliebig skalierbarer vektorbasierter Schriftarten – existierte die »Chicago« lediglich als pixelbasierte Schrift in der Ausgangsgröße 12 pt. Wurde sie größer oder kleiner verwendet, wurden die Pixelklötzchen einfach proportional mitskaliert. Unser Bushäuschen würde in dieser Ur-Version der »Chicago 12« also ein wenig anders aussehen.

1991 lieferte Apple die Betriebssystem-Version »System 7« aus und implementierte in diesem Zuge, in Verbindung mit weiteren Verbesserungen der Grafik-Performance des Rechners, den Font in der damals neuen TrueType-Technologie, mittels der die Konturen von Schrift in Echtzeit und mit beliebiger Größe und Auflösung – nicht nur bei der digitalen Druckausgabe, sondern auch auf Bildschirmen – glatt und ohne Pixeltreppen gerendert werden konnten. Zu diesem Zweck wurde die Schrift komplett von den Designer*innen Charles Bigelow und Kris Holmes neu gestaltet. Dabei nahmen alle Zeichen der neuen »geglätteten« Version denselben Raum ein und hatten auch dieselben Buchstabenabstände wie zuvor, sodass man einen Text von »Chicago 12« zu »Chicago« (TrueType) umformatieren könnte, ohne dass er neu umbrochen würde. Der Pixel-Look wurde zwar durch geometrisch konstruierte Kurven ersetzt, der rechteckige Computer-Look der Schrift dabei jedoch weitgehend beibehalten.

Diese aktualisierte Version der »Chicago« ist auch jene, die außen auf dem brandenburgischen Bushäuschen prangt.

Mittlerweile (seit 1996) ist die smoothere »Chicago« aus dem User Interface der Apple Macs verschwunden. Sie wurde mit der Einführung von »System 8« durch die gefälligere und besser lesbare Schriftart »Charcoal« ersetzt. Die »Chicago« überlebte in Form der in macOS enthaltenen thailändischen Systemfonts »Krungthep« und »Silom«, deren lateinische Buchstaben nach wie vor ihrer Vorfahrin entsprechen. Die Thai-Glyphen der »Krungthep« wurden im gleichen grafischen Stil wie die restlichen Schriftzeichen gestaltet.

Hätte der ländliche ÖPNV-Unterstand auch dieses Apple-Systemupdate mitgemacht, sähe die Inschrift in der Schrift »Charcoal« wie folgt aus. Besser lesbar ist sie, aber auch ein bisschen langweiliger:

Update, 17.07.2026
Ich hatte ganz vergessen, zu erwähnen, dass die »Chicago 12«-Pixelschrift nach dem Ende ihrer Karriere als Apple-Mac-Systemschrift ein Jahrzehnt später, im Jahr 2001, ein Comeback als Interface-Font des Apple iPod der 1. Generation feierte. Wer sich noch erinnert oder gar eins der Geräte aufgehoben hat – es ist nicht nur ein Stück Technikgeschichte, sondern auch »a font museum in your pocket.« 🙂

Tatsächlich gelten für das äußere Erscheinungsbild bzw. die Kennzeichnung offizieller Bushaltestellen des Schulbus- und Linienbusverkehrs offenbar keine bundesweit verpflichtenden Vorschriften, sondern »nur« für die bauliche Umsetzung und die Barrierefreiheit. In der kostenpflichtigen Publikation »Empfehlungen für Anlagen des öffentlichen Personennahverkehrs« (EAÖ), herausgegeben von der »Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V.« und dem »Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V.« (VDV) finden sich lediglich Mindestanforderungen:

»Jede Haltestelle im Straßenraum muss mit dem entsprechenden Zeichen 224 StVO gekennzeichnet sein, das auf einem quer zur Fahrtrichtung angeordneten Schild anzubringen ist. Es muss folgende Informationen an die Fahrgäste übermitteln:

  • Haltestellenname mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
  • Liniennummer mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
  • Verkehrsmittelpiktogramm mit Höhe von 50 mm,
  • Zielhaltestelle bzw. Linienende mit Zeilenhöhe von mindestens 30 mm.«
Quelle: ABES S. à r. l. – Info-Seite »Haltestellen gestalten«

Bei dem »Zeichen 224 StVO« handelt es sich um das allgemein geläufige kreisrunde Verkehrszeichen mit grünem »H« auf gelbem Grund und mit breitem grünen Rand. Das Schild hat üblicherweise eine von vier Größen, und zwar Ø 420 mm (für Geschwindigkeitsbereiche bis 20 km/h), Ø 600 mm (Standardmaß, für Geschwindigkeiten bis 80 km/h), Ø 750 mm (für Abschnitte mit mehr als 80 km/h) und – als Ausnahme – Ø 350 mm (bei nachweislich beengten Platzverhältnissen).

Und natürlich sind auch die Farbtöne vorgegeben: Für das »H« sowie den äußeren Rand des Schildes ist Verkehrsgrün (RAL 6024) festgelegt, für den kreisrunden Hintergrund des Schildes muss Verkehrsgelb (RAL 1023) genutzt werden. Zusätzlich können weiße Zusatzschilder mit Haltestellennamen oder Linien mit einer Beschriftung in Verkehrsschwarz (RAL 9017) angebracht werden. Dementsprechend ist natürlich neben jedem unserer beiden dörflichen Unterstände ein separater Mast installiert, der diesen Anforderungen entspricht und ein solches Schild, inklusive einem gelb gerahmten Fahrplanaushang, trägt.

Und damit ist klar, dass in Düpow typographisch keinesfalls »Sodom und Gomorrha« an den Bushaltestellen herrschen, sondern lediglich bestehende Freiräume kreativ ausgenutzt wurden.

Susan Kare, Charles Bigelow und Kris Holmes würden sich freuen. 🤓 🔠 🚏 🚌 

15.06.2026

Zur Abwechslung poste ich heute mal ein typographisches Montagsbonbon, das ich nicht selbst fotografiert habe, sondern auf das ich bei der Recherche zum Beitrag über die »GARAGE SAUERBERG« in einem digitalisierten historischen Altonaer Adressbuch aus dem Bestand der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek entdeckt habe. Ich fand den Spruch (aus heutiger Sicht) und die Honig-Geld-Metapher einerseits putzig, die Umsetzung aber durchaus elegant und handwerklich gekonnt. Die vollständige Anzeige, aus der das Motiv stammt, ist im zweiten Bild zu sehen.

»Unterstützungs-Institut« klingt für heutige Leser*innen ungewöhnlich, fast wie ein Schwesterwort zu »Sozialamt«. War die damals werbende Instanz solch eine Behörde? Dazu fand ich schnell eine kundige Erläuterung:

»Das am 28. Januar 1799 gegründete Altonaische Unterstützungs-Institut AUI setzte sich für Sozialfürsorge und Gewerbeförderung ein. Neu war das Prinzip der überkonfessionellen Fürsorge. Hilfe für sozial Schwache war zuvor eine Aufgabe der Religionsgemeinschaften. Nun konnten in Not geratene Einwohner*innen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit unterstützt werden. Ebenfalls unabhängig von Glauben und Konfession erhielten Schulen, Vereine und die Kinderfürsorge zinsfreie Darlehen und Spenden.

1801 gründete das AUI eine Sparkasse. Sie entwickelte sich zu ihrem wichtigsten Betätigungsfeld. Sparguthaben sollten es Menschen ermöglichen, eine Existenz aufzubauen. Über die Erträge des Bankgeschäftes konnten wohltätige Vorhaben finanziert werden. 1939 wurde das AUI aufgelöst und in die Hamburger Sparkasse überführt.«

Quelle: Website der Stiftung Historische Museen Hamburg zur Ausstellung »Glauben und Glauben lassen«, die vom 27.09.2023 bis 15.07.2024 im Altonaer Museum gezeigt wurde

Bemerkenswert an der Schriftgestaltung des Motivs fand ich zum einen die bewussten Verbindungen zwischen den gebrochenen Buchstaben, am deutlichsten bei »are«, »ie« und »iene«. Zum anderen ist auch eine Kursivstellung, wie hier zu sehen, bei historischen gebrochenen Schriften deutlich seltener und spielte nicht dieselbe Rolle wie die Kursiven bei Antiqua-Schriften. Die meisten Fraktur-Schriftfamilien verfügten – von Ausnahmen abgesehen – gar nicht über kursive Schnitte. Sollte in einem in Fraktur gesetzten Text ein Wort oder Abschnitt besonders hervorgehoben werden, wurde dies nicht durch eine Kursive – wie z.B. oft bei in Antiqua gesetzten Texten –, sondern zumeist mit anderen Mitteln erreicht, etwa durch einen deutlichen Wechsel zu einer 𝔷𝔴𝔢𝔦𝔱𝔢𝔫 gebrochenen Schrift (oder zu einer 𝙰𝚗𝚝𝚒𝚚𝚞𝚊), durch S p e r r s a t z mit größeren Buchstaben­abständen, mittels fetterer Schriftschnitte (seltener) oder durch einen deutlich anderen Schriftgrad. Zudem ist auch die ungewöhnlich starke Schrägstellung der kursiven Buchstaben – hier mit ca. 25° Neigung – auffällig; die meisten Nicht-Schreibschriften arbeiten gewöhnlich mit Winkeln zwischen 7° und 12°. Selbst eine der seltenen, kursiv gezeichneten Frakturschriften, »Deutsche Schrägschrift« (Rudolf Koch für Gebr. Klingspor, 1912) hat einen Neigungswinkel von »nur« 16°. Extremere Schräglagen von bis zu 45° findet man eher bei Kurrentschriften und anderen, oftmals dekorativen Schreibschriften.

Die dritte Besonderheit in dem Werbemotiv sind die individuell gestalteten Zeichen, wie die große geschwungene S-Initiale und das kleine w, das nach oben verlängert ist und sich mit dem S gezielt überlappt. Alle drei Stilmittel verleihen dem Schrift-Arrangement eine fast handschriftliche Anmutung und plakative Eigenständigkeit. Vergleicht man die sechs Vorkommen des kleinen e, so fällt auf, dass diese alle unterschiedlich aussehen, mal breiter, mal schmaler und mit verschieden großen Innenräumen. Ich gehe aufgrund all dieser Merkmale davon aus, dass die Illustration der Biene nebst Münze inklusive aller Textzeilen als Gesamtgebilde von Hand gezeichnet wurde.

Die etwa weiteren Schriftarten bzw.-schnitte in der Anzeige lasse ich heute einmal außen vor, da sie – mit Ausnahme der kantigen Type bei den Wörtern »Geschäftsstellen« / »Annahmestellen« wenig Besonderes zu bieten haben. 🤓 🔠 🐝

12.06.2026

Während meines Kurzurlaub über Pfingsten erledigte ich zwischendurch einige Besorgungen im Donau-Einkaufszentrum (DEZ) im Regensburger Stadtteil Weichs. Um mich auf der Etage zurechtzufinden, blieb ich kurz vor der Filiale eines großen deutschen Modehändlers stehen und schaute mich um. Und wieder einmal blieb mein Auge instinktiv an einer typographischen Unstimmigkeit hängen, wenige Sekundenbruchteile, bevor mein Kopf erfasst hatte, was genau das störende Detail war. Wem fällt es auf?

Um das Rätseln nicht zu spoilern, habe ich unten einen Akkordeon-Block angelegt, in dem ich den amüsanten Lapsus verrate. Wie so oft, bin ich bei der Recherche zum Logo des Unternehmens mal wieder in ein »Rabbit Hole« gefallen und habe etliche interessante und kuriose Dinge über die Historie von Peek & Cloppenburg und das Erscheinungsbild der Marke gelernt, die ich als Bonusmaterial dazugepackt habe.

Viel Spaß! 🤓 🔠 🤔 💭

Auflösung

10.06.2026

Kleiner Typo-Schnappschuss zwischendurch, geknipst in Regensburg:
»EINFAHRT freihalten!« – handgemalt und mit einem etwas zu schlanken H.

Ich mag es trotzdem, wenn Menschen, die ein Gebots-, Verbots- oder Hinweisschild aufhängen, sich die Mühe machen, es selbst zu gestalten, anstatt einfach ein käufliches Standardschild zu benutzen. 🤓 🔠 🪧

02.06.2026

Aus aktuellem Anlass zwischendurch noch ein Extra-Fundstück aus Hamburg. Das Thema »Pro & Contra Olympische Spiele« bewegte während der letzten Monate in Hamburg die Gemüter. Die ganze Stadt war geradezu zuplakatiert mit Pro- und Contra-Plakatmotiven, Promi-Testimonials sowie Botschaften einzelner Parteien und Initiativen zu diesem Thema.

Auch typographisch wurde die Debatte geführt – wie ich fand, auf einer erfrischend originellen Ebene:

Am vergangenen Sonntag hat Hamburg nun abgestimmt und die Bürger haben sich entschieden.

»Für die Gegner der Olympia-Bewerbung war es ein unerwartet deutlicher Erfolg. Um 20:31 Uhr war die Auszählung abgeschlossen. 54,9 Prozent (357.911) der teilnehmenden Wahlberechtigten stimmten gegen eine Kandidatur Hamburgs für die Olympischen Spiele – 45,1 Prozent (293.819) stimmten dafür. Insgesamt nahmen 651.730 Hamburgerinnen und Hamburger an der Abstimmung teil. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,6 Prozent.«

Quelle: ndr.de

Mögen die Befürworter ihre Niederlage sportlich nehmen! 🤓 🔠 🥈

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Das Typographische Fundstück
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