Ob absichtlich oder ungewollt, so manches Fundstück hat bisweilen eine skurrile, schräge oder amüsante Anmutung bei der Botschaft oder Gestaltung. In dieser Kategorie sammle ich allerlei solcher Beispiele.
Einkauf beim Landmetzger. Während ich wartete, begutachtete ich das Sortiment in der Bedientheke. Auf der Hülle einer der hausgemachten Wurstsorten entdeckte ich dieses fulminante (typo)graphische Ensemble und hielt es als herzhaftes Montagsbonbon mit der Kamera fest. Das Bild wurde nachträglich bearbeitet, aber nur, um die Bildqualität zu verbessern – das Motiv ist so wie im Bild gezeigt auf heimischen Wurstwaren in Umlauf.
Die Identifikation der Schrift wird durch mehrere Umstände erschwert. Zum einen die grobe Druckqualität, vermutlich durch das Tampondruckverfahren auf dem Hüllenmaterial und zum anderen durch die zylindrische Verzerrung auf der Wurst. Mindestens drei Buchstaben wurden wohl nachträglich modifiziert: Das G, das zweite D und das letzte S. Trotzdem lassen die Buchstabenformen eine entfernte Verwandtschaft zu einer Gruppe von Schriften von Anfang des 20. Jahrhunderts erkennen, die allesamt kräftige, abgerundete Formen, schräggestellte und stark betonte Serifen und dekorative Formelemente des Jugendstils aufweisen. So z. B. die »Windsor« (Eleisha Pechey für Stephenson Blake, 1905) oder die »Pan Am«, die 1999 anlässlich des 100. Jahrestages der »Pan-American Exposition«, einer Weltausstellung in Buffalo, New York (1901) auf Basis der Schriften in den damaligen Werbemitteln entwickelt wurde. Das Design dieser Neuauflage, erschienen beim Schriftenanbieter P22, stammt von Richard Kegler und Christina Torre. Eine exakte Entsprechung für die Schriftart ließ sich jedoch nicht ausfindig machen.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich sah das Motiv vor meinem geistigen Auge sofort als eine sehr treffliche Etikettierung für nicht wenige der lautstarken Akteure, die Gesellschaft und Demokratie dieser Tage mit spaltenden Parolen und rückwärtsgewandten Forderungen malträtieren. Schade nur, dass sie sich wohl kaum freiwillig damit labeln werden. 🤓 🔠 🌭
K.I.-freies Photoshop-Composing – wer tritt da wohl ans Rednerpult?Fotomontage | Originalbild des T-Shirt-Trägers via Pixabay
Wer (zumindest von den etwas älteren unter uns) kennt es nicht, dieses legendäre gesprochene Intro zu Beginn vieler der gruselig-trashigen Krimis aus den späten 1950-er bis frühen 1970-er Jahren? Zum ersten Mal zu hören – gesprochen vom verantwortlichen Filmregisseur Alfred Vohrer himself – war es allerdings erst in der zwölften Produktion, »Das Gasthaus an der Themse«. Deutsche Schauspiel-Ikonen jener Zeit wie der typisch irrlichternde Klaus Kinski, Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Hans Paetsch, Eva Pflug, Siegfried Lowitz, Ingrid van Bergen, Wolfgang Völz, Ida Ehre, Lil Dagover, Hans Clarin und natürlich Eddi Arent gaben sich am Set die Klinke in die Hand. Charakteristisch für viele der Thriller sind auch die jazzig-wilden Soundtracks des Komponisten Peter Thomas, die er zwischen 1961 und 1971 für stattliche 18 davon beisteuerte.
Die erfolgreichsten Filme der Reihe lockten damals bis zu 3,6 Millionen Zuschauer in die Kinos. Es gibt Parodien, Remakes, Zitate, Hommagen – aber manchmal müssen es auch mal wieder die Originale sein. Außerdem kenne ich noch bei weitem nicht alle Werke der Kult-Krimireihe, und so wählte ich für einen nostalgischen Heimkinoabend kürzlich den letzten noch in Schwarzweiß gedrehten Streifen »Der unheimliche Mönch« aus dem Jahr 1965 aus.
»Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen.«
Und der Vorspann dieses Films soll heute Thema für das typographische Fundstück der Woche sein, denn sein famose Lettering prädestiniert ihn auf jeden Fall dafür. Drei der eingeblendeten Schrifttafeln habe ich zur Illustration für diesen Beitrag nachgezeichnet, was dank der klotzig-geradlinigen Konturen angenehm flugs von der Hand ging. Tatsächlich scheint keiner der Buchstaben dem anderen zu gleichen, die Texte wurde somit anscheinend komplett von Hand angefertigt.
Wer genau hinschaut, erkennt im Hintergrund der beiden unteren Bildmotive das in Niedersachsen gelegene Herrenhaus Schloss Hastenbeck, das im Film als Drehort für den zentralen Schauplatz des Mädchenpensionats diente. Foto: Wikimedia Commons | Public Domain.
Man sieht, es gab nicht nur Versalien, sondern auch einen kompletten Satz Kleinbuchstaben, des Weiteren finden sich auf der Tafel mit dem Titel des Films – beim D zu Beginn der oberen Zeile sowie bei Ö und C im Wort »Mönch« –gestalterische »Ausreißer« in Form etwas kurvigerer Buchstaben. Insgesamt machen die Lettern auf mich den Eindruck, als seien sie mit einer großen, scharfen Schere improvisiert aus Papier ausgeschnitten worden.
Auch beim Film selbst sind noch einige cineastische Details einer Anmerkung wert. So gibt etwa eine gewisse Ursula Glas darin als eine der von dem ominösen Mönch bedrohten Mädchenschülerinnen ihr Schauspieldebüt, ehe sie für die 1968 gedrehte Komödie »Zur Sache, Schätzchen« ihren (Künstler)Namen fortan in Uschi Glas änderte. Der sonst in vielen Edgar-Wallace-Verfilmungen als skurriles Faktotum besetzte Eddi Arent verkörpert in »Der unheimliche Mönch« ausnahmsweise und zudem ganz ohne sein häufiges Overacting einen deutlich stilleren Charakter und ist maßgeblich in die überraschende Wendung involviert, welche die Handlung zum Ende nimmt. Natürlich wirken die gut 60 Jahre alten Streifen aus heutiger Sicht mit ihren stereotypen Rollenbildern klar aus der Zeit gefallen. Die weiblichen Figuren agieren allesamt ängstlich und schutzbedürftig, die männlichen Darsteller stets wagemutig und unerschrocken. Und die reiferen Herren nehmen sich in einem Fort heraus, jede Frau, die jünger ist als sie selbst, wahlweise mit »Kindchen« oder »mein Kind« anzureden. Doch rechnet man auch dies dem Trash-Faktor hinzu, können die Filme dennoch durchaus unterhaltsam sein.
Alle, die an der Handlung (ohne Spoiler) interessiert sind, finden eine kurze Zusammenfassung im folgenden Absatz. Ein ausführlicherer Beitrag, dann allerdings inklusive der Auflösung, ist unten bei den weiterführenden Links aufgeführt. 🤓 🔠
Ein als Mönch getarnter Verbrecher, der zugleich als Mädchenhändler agiert, versetzt das englische Schloss Darkwood in Angst und Schrecken. Dort betreibt die angesehene Lady Patricia ein Internat für junge Mädchen. Nach dem Tod des alten Schlossherrn häufen sich rätselhafte Todesfälle, während gleichzeitig die Erbfrage ungeklärt bleibt. Obwohl sich Sir William und Sir Richard um ihre Nichte Gwendolyn sorgen, die als alleinige Erbin vorgesehen ist, gelingt es ihnen nicht, ein Attentat auf sie zu verhindern. Um Gwendolyn zu beschützen und das Geheimnis des unheimlichen Mönchs aufzuklären, erscheinen schließlich Inspektor Bratt und Sir John von Scotland Yard auf Schloss Darkwood.
Für heute habe ich nur ein sehr kompaktes typographisches Montagsbonbon vorbereitet, denn ich darf gerade mal wieder auf einer Kurzreise für eine knappe Woche meine Lieblingsstadt Kopenhagen bereisen und da möchte ich nicht so viel Zeit vor dem Rechner verbringen. Doch ganz sicher entdecke ich hier wieder jede Menge neues »Futter« für Fundstücke, die ich dann auch nach Möglichkeit wieder etwas ausführlicher erläutern werde. Ich bin selber schon sehr gespannt …
Den kleinen Videoclip unten filmte ich auf meiner ersten Selbstverpflegungs-Einkaufstour in der Nähe der aktuellen Unterkunft, im Parkhaus des Einkaufszentrums Fisketorvet. Mein erster Gedanke: Wollte mir das P mit seinem Winken etwas mitteilen? Etwa: »Hilfe, holt mich hier raus! Ich werde in einem Parkhausschild gefangen gehalten!«? Oder war es vielleicht ein freundlicher Gruß? Ach was! Sicher nur reine Physik und nichts als ein Windhauch.
Die freundliche »Semi-Serif«-Schriftart in den Zeilen darunter konnte ich leider nicht identifizieren. Schade, denn sie gefällt mir recht gut. Tipps, anyone? 🤓 🔠 👋
An diesem Montag biete ich gleich vier typographische Bonbons an, die ich im Umfeld von Bistros, Restaurants, Imbissen oder Marktständen fotografiert habe, teils schon vor einigen Jahren.
Es ist einiges Handgeschriebene dabei, sodass sich eine Schriftbestimmung dort erübrigt. Allen gemein ist aus meiner Sicht jedoch eine amüsante Komponente, die durch Botschaft, Wortwahl, Schriftbild oder Anordnung der Buchstaben bzw. Texte entstand – teils mit Absicht, teils ohne Zutun der Schreiber*innen. Deshalb lasse ich die Fundstücke heute auch mal nur für sich sprechen und verzichte auf tiefgründige Recherchen. Man bemerke jedoch, dass beim ersten Bild in der zweiten Zeile kopfstehende W als M-Ersatz genutzt wurden.
Über das heutige Fundstück freue ich mich wieder ganz besonders, weil ich zwar auf der Spurensuche nur extrem wenige Informationen darüber im Internet gefunden habe, aber trotzdem genug, um hinter die Geschichte dieses Schriftzugs blicken zu können.
Ich entschied mich an einem Tag, der mich zu einem Business-Termin nach Berlin führte, im Anschluss an das Meeting einen längeren Fußweg durch die Stadt zu machen. Zum einen wollte ich nicht den ganzen Tag nur träge an Tischen und in Öffis sitzen, sondern zur Abwechslung auch mal den Schrittzähler im Phone aktivieren, zum anderen ergab sich ein Weg durch Straßen und Viertel, in denen ich – trotz meiner regelmäßigen und häufigen Aufenthalte in der Hauptstadt – ansonsten selten unterwegs bin.
Mein Weg führte mich durch Schöneberg, von der Station U+S Yorckstraße zum Europa-Center an der Gedächtniskirche. An der Hausfassade des Gebäudes Potsdamer Straße 164 fiel mir über den Fenstern im ersten Stock dieser grandiose nostalgische Schriftzug auf. Ein Geschäft oder Gewerbe dazu konnte ich im Haus indes nicht (mehr) ausmachen. Spannend!
Im Detail frei interpretierte Nachzeichnung des Schriftzuges.
Die wunderschön gestalteten Buchstaben, allen voran das funkensprühende R und das flammende d, weckten sofort meine Neugier. Nur zu gerne wollte ich wissen, wann und wofür die Leuchtschrift einst warb. Auf der Website des Landesdenkmalamts Berlin konnte ich anhand eines Fotos aus dem Jahr 2005 in einem Eintrag zu dem betreffenden Gebäude anhand des »Verwitterungsschattens« auf dem Wandputz einen inzwischen fehlenden Teil des Schriftzuges identifizieren. Der vollständige Text lautete »Radio-Brée«. Der Bindestrich, der damals noch vorhanden war, ist inzwischen ebenfalls verschwunden. Eine vergleichbare kommerzielle Schriftart konnte ich nicht ermitteln. Die Buchstaben für die Wortmarke sind vermutlich eigens für diese Lichtreklame entworfen worden.
Nun hatte ich einen Namen und konnte weiter recherchieren. Am 23. Januar 1912 erfolgte offiziell die Gründung der »Wilhelm Brée Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. Gegenstand des Unternehmens war »… die Herstellung und der Vertrieb von Zubehörteilen zu Musikinstrumenten sowie die Vertretung von Häusern, die derartige Artikel herstellen und vertreiben, insbesondere der Fortbetrieb des vom Kaufmann Wilhelm Brée in Berlin bisher allein betriebenen Handelsgeschäfts dieser Art.«
Befasste sich das zuvor bereits seit 1908 existierende Handelsunternehmen des Gründers noch mit dem »Erwerb und (…) Vertrieb von Schreibmaschinen und von Sprechmaschinen«, so führte die rasante Entwicklung der Rundfunktechnik und Unterhaltungselektronik offenbar dazu, dass man sich auf diesen vielversprechenden neuen Geschäftszweig konzentrierte. Es folgten florierende Jahre, in denen das Geschäft Plattenspieler, Radiogeräte und vor allem Schallplatten an die Frau und den Mann brachte.
Durch die für den Publikumsverkehr günstige Lage in der Nähe des sowohl kulturell als auch politisch oft genutzten großen Veranstaltungszentrums »Berliner Sportpalast«, das nur acht Hausnummern entfernt in der Potsdamer Straße 172 ansässig war, wurden permanent reichlich Kunden auf das Geschäft aufmerksam und bescherten ihm gute Umsätze. In der damals größten Veranstaltungshalle der Stadt mit Platz für rund 10.000 Besucher fanden Radrennen, Eishockeyspiele, Eislaufen, Boxkämpfe, Hand- und Basketballturniere sowei Turn- und Leichtathletikwettbewerbe statt. In den 1920er Jahren wurden zahlreiche Kostümbälle und sogar ein Bockbierfest veranstaltet. Es gab hochwertige Aufführungen klassischer Musik (nach dem Krieg auch Pop- und Jazz-Konzerte), das Gelände umfasste eine große Eislaufbahn und wurde auch als großräumiges Lichtspielhaus für Filmvorführungen genutzt. Jedoch sowohl bezüglich des Sortiments des Unternehmens Radio-Brée als auch seiner Adresse vermischten sich, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, immer mehr die Bereiche Unterhaltung und politische Agitation und den tiefdunklen Markstein der dortigen Veranstaltungen bildete die Sportpalastrede Joseph Goebbels’, in der er am 18. Februar 1943 zum »Totalen Krieg« aufrief – zu hören auch im elektronischen Propagandainstrument des »Volksempfängers«, der bei Brée gleich nebenan erhältlich war.
Nichtsdestotrotz nutzte das Geschäft für seine Werbung von der Vorkriegszeit bis in die 1950er-Jahre den Werbespruch »SCHALLPLATTEN, DIE DU GERNE HAST, FÜHRT RADIO-BRÉE AM SPORTPALAST«, der auch auf eigene Plattenhüllen und Tragetüten aufgedruckt wurde. Es gab sogar aufwendig produzierte Werbeschallplatten, auf denen mit einem eingängigen Song voller Berliner Lokalkolorit und Orchesterbegleitung gereimte Reklame für Brée gemacht wurde. Tatsächlich findet sich dazu eine Tondatei aus dem Jahr 1949 auf YouTube:
»Denkst du an Kirschen, dann träumst du von Werder, winkst du Berlin, dann besingst du die Spree. Sprichst du von Weimar, dann denkst du an Goethe und denkst du an Radio … ja, dann meinste Brée! Das ist Radio Brée am Sportpalast, wo du eine Riesen-Auswahl hast! Da wird der Empfänger dir beschert, den die Braut sich wünscht, den dein Herz begehrt! Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt. Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin! Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt. Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!«
Quelle: Youtube (s.o.)
Am 13. November 1973 wurde der inzwischen unwirtschaftlich gewordene Sportpalast zugunsten eines Wohnungsbauprojektes abgerissen. Wenige Jahre danach, 1976, meldete Brée Konkurs an. Übriggeblieben sind nur die verwitterte erste Häfte des Firmennamens an der braungrauen Hausfassade – und vielleicht die eine oder andere bedruckte Hülle um eine alte Schellack- oder Vinylscheibe im Fundus von Sammlern, Secondhand-Läden oder auf Trödelmärkten.
Ein schöner Zufall war es, dass ich wenige Tage nach der Entdeckung dieses Fundstücks in der Berliner Staatsoper das grandiose Konzert »Musik aus fernen Rundfunktagen« erleben durfte, bei dem Dirigent Christian Thielemann aus genau dieser Ära früher Radiosendungen Kompositionen mit »gehobener Unterhaltungsmusik« vorstellte, die eigens (und teils von berühmten Komponisten) zum Zweck der Live-Übertragung erschaffen wurden.
Zwar ist das gesamte, sehr hörenswerte Gute-Laune-Konzert leider nicht als Mitschnitt online abrufbar, aber dafür das komplette Programmheft, eine ausführliche Besprechung und auf YouTube finden sich einige der Stücke in Form von Aufnahmen mit anderen Orchestern:
Ich weiß nicht, wie viele Leser*innen sich hier einfinden, die in der Schule noch Gedichte auswendig lernen mussten. Ich erinnere mich zumindest noch an Schillers »Bürgschaft« mit dem »Dolch im Gewande« und an Adalbert von Chamissos »Riesenspielzeug«. Bei anderen, gern aufgetragenen Werken, wie »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« oder auch (noch mal Schiller) »Die Glocke« (s.u.), ging der Lernkelch an mir vorüber. Und so lernte ich auch erst bei der Recherche zum heutigen typographischen Montagsbonbon, dass das in Stein verewigte Zitat am Hauseingang des Teltower Damm 20 in Steglitz, welches ich heute zeige, ebenfalls aus der »Glocke« stammt.
Entdeckt habe ich das Objekt an einem Wohn- und Geschäftshaus, das online verfügbaren Quellen zufolge in den Jahren 1908/1909 von der Architektensozietät Bastian & Kabelitz geplant wurde und dessen verzierte Fassade es dem Baustil des Historismus und dort insbesondere dem »Neobarock« zuordnet. Die Schrift zeigt typische Stilelemente der Bauzeit, auch des Jugendstils, wie z.B. die schneckenartigen Einrollungen im S, die organisch gerundeten Konturen der Buchstaben (E, G) oder das gebogene Bein des R. Einen entfernten Verwandten der Schriftart auf der Tafel sähe ich z.B. in der auch heute noch gern genutzten »Hobo« (Morris Fuller Benton für American Type Founders, 1910).
ARBEITISTDES BÜRGERSZIRDE SEGENISTDER MÜHEPREIS.
Typographisch interessant sind bei dem Relief aus meiner Sicht zudem fünf weitere Details: Zum einen das nahezu völlige Fehlen von Leerzeichen zwischen den Wörtern. Mit einer etwas kleineren Schrift oder einem schmaleren Rahmen um das Textfeld wäre dafür ja durchaus Platz vorhanden. Es muss also eine bewusste Entscheidung gewesen sein. Auch auf Interpunktion innerhalb des Textes hat die künstlerisch verantwortliche Person verzichtet, lediglich am Ende wurde ein Punkt gesetzt. Die dritte Besonderheit sind die sehr dezenten Miniatur-Ü-Punkte, die in den Wörtern »BÜRGERS« und »MÜHE« regelrecht im U »versenkt« wurden. Hier mag tatsächlich der Grund gewesen sein, in der Höhe Platz zu sparen, um die Zeilen möglichst eng setzen zu können.
Am spannendsten finde ich aber, dass das Wort »ZIRDE« ohne E geschrieben wurde und dass das N in »SEGEN« spiegelverkehrt dargestellt ist. Zum ersten Detail wollte ich prüfen, wie die Schreibweise in der Urfassung des Gedichtes vorliegt.
»Zwar ist die Niederschrift des Gedichtes nicht überliefert, im Erstdruck erschienen ist es 1799 im Musen-Almanach für das Jahr 1800, den Schiller selbst herausgab.«
Es gibt tatsächlich Scans dieses Druckes und dort ist zu sehen, dass der Dichter höchstselbst »Zierde« mit »ie« drucken ließ. Wurde das E also ebenfalls aus Platznot weggelassen? Es bleibt rätselhaft.
Ebenso mysteriös ist das spiegelverkehrte N. Eigentlich ist dies ein Fehler (wenn es denn einer ist und nicht Absicht), der nur passieren kann, wenn ein Schild aus einzelnen dreidimensionalen Buchstaben angefertigt wird und einer davon versehentlich mit falscher Orientierung appliziert wird, wie es hier im Blog schon bei Fundstücken mit gedrehten oder spiegelverkehrten Lettern vorkam. Ein Flüchtigkeitsfehler kann es bei einem gemeißelten Relief, das etliche Arbeitsstunden erfordert, kaum sein. Und auch bei einem gegossenen Werkstück hätte der Irrtum auffallen müssen, da als Vorlage für Form und Abguss meist ein Urmodell steht, welches ebenfalls seitenrichtig vorliegt. Auch hier bleibt die Ursache dieser Besonderheit also im Dunkeln.
Ich gebe mich also heute gerne wieder damit zufrieden, viel Neues gelernt zu haben (u. a. vier Zeilen aus der »Glocke«), ohne den Geheimnissen des Fundstücks komplett auf die Spur kommen zu können. Aber manchmal sind es ja gerade die ungelösten Rätsel, die etwas erst interessant machen … 🤓 🔠 🏛️
Das typographische Fundstück am Freitag stammt heute aus dem Schankraum der Brauereigaststätte »Bräustüble« in Donaueschingen, die im Gebäudekomplex der Brauerei Fürstenberg ansässig ist. Die »Fürstlich Fürstenbergische Brauerei GmbH & Co. KG« führt in ihrem Logo den Zusatz »Bierkultur seit 1283«.
Das Bild amüsierte und befremdete mich zugleich. Bierwerbung mit Kindern? Das schien anscheinend früher™ durchaus mal gesellschaftsfähig gewesen zu sein. Als ich begann, dazu zu recherchieren, traf ich auf etliche andere Motive; die meisten davon stammten aus den ersten beiden Jahrzehnten nach 1900. Diese Entstehungszeit würde ich auch für das heutige Fundstück vermuten. Der kurze Schriftzug am Kopf des Motivs lässt Anklänge an Schriftformen des Jugendstils erkennen, er ist sehr wahrscheinlich handgezeichnet, worauf auch die beiden miteinander verschlungenen Zeichen des Doppel-f, die aus der Unterlänge des g heraus verlängerte Unterstreichung und die generell etwas unregelmäßige Gestaltung der Zeichen hinweisen.
Einige der im Netz vorgefundenen ähnlichen Werbemotive möchte ich nachfolgend einmal zur Ansicht verlinken:
Postkarte um 1900: »Münchner Kindl auf einem Bierkrug des Hofbräuhauses München sitzend«. Text: »Gruss aus München … soll Ihnen das ›Münchner Kindel‹ von mir bringen u. Ihnen genügen daß ich Ihrer gedenck. R. v. Bz.‹« | Bildquelle: Wikimedia Commons, Public Domain.
Nicht wenige Traditionsbrauereien führen auch heute noch Kinder oder kindlich anmutende Werbefiguren in ihrem Logo oder Firmenemblem, so z. B. bei den Biermarken »Allgäuer Büble« oder »Berliner Kindl«. Und in einschlägigen Onlineshops kann man für den Nachwuchs Strampler oder Trinkgefäße mit eindeutigen, oft launig betexteten Motiven erwerben, die an den Bierkonsum anknüpfen.
Fällt das auch unter »Bierkultur«? Und was ist eigentlich »Bierkultur« – wie entstand sie? Ich selber liebe Bier – maßvoll genossen. Es ist ein Getränk, das ich in der Aromatik, mit seinen zahllosen gebrauten regionalen und internationalen Sorten und Varianten – insbesondere unter dem Etikett »Craft Beer« – für ebenso vielfältig halte wie Wein. Und es gehört zu den ältesten Getränken der Welt, wie über 12.000 Jahre alte Artefakte belegen. Im alten Ägypten war Bier vor rund 5.000 Jahren ein zentrales Grundnahrungsmittel und sogar als Zahlungsmittel ein Teil des Arbeitslohns der Pyramidenarbeiter, die pro Tag etwa 3 bis 4 Liter davon bekamen. Das nahrhafte, kalorienreiche Gebräu diente als Energielieferant für die schwere körperliche Arbeit und war Teil einer Ration aus Brot und Bier, die auch Soldaten und Beamte jeden Tag erhielten. Gebräuchlich war es auch, den Toten Bier als Grabbeigabe mit auf ihre Reise zu geben.
Schon bald in der Geschichte dieses beliebten und reichlich konsumierten Getränks wurden Betriebe, die es herstellten, verkauften oder ausschenkten, von den Regierenden mit einträglichen Steuerzahlungen belegt und strikt reglementiert. Wer als Gewerbetreibender mit »schwarz« gebrautem oder gepanschtem Bier erwischt wurde, musste mit drastischen Strafen rechnen. Die bekannteste dieser Regeln ist wohl das Deutsche Reinheitsgebot von 1516. Herrschaftliche Brauordnungen zur Qualitätssicherung des Bieres, die etwas allgemeiner formuliert sind, reichen sogar zurück bis ins Jahr 1156.
»Warme Biersuppe war im deutschen Sprachraum vor allem auf dem Land bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ein häufiges Frühstück für Erwachsene wie für Kinder, wobei Dünnbier verwendet wurde. Sie wurde erst dann allmählich durch die neue Mode verdrängt, morgens Kaffee zu trinken und dazu Brot zu essen. Vor der Einführung des Kaffees, aber auch noch danach, wurde die Biersuppe von allen Schichten gegessen, auch vom Adel. Bier galt als nahrhaftes und stärkendes Lebensmittel.«
Das im Zitat erwähnte »Dünnbier« hatte einen geschätzten Alkoholgehalt von etwa 2 % Vol., sodass die Bevölkerung dadurch kaum im Dauerrausch durch den Alltag schwankte. Entgegen eines verbreiteten Mythos wurde Bier allerdings dem Wasser als Alltagsgetränk nicht deshalb vorgezogen, weil der enthaltene Alkohol Keime abtötete. Das war allenfalls ein nützlicher Nebeneffekt. Es gibt hinreichend historische Textquellen, die sich mit der Praxis der Reinhaltung von Trinkwasser, Erlässen zur Pflege von Brunnen und Leitungen, Empfehlungen zum Auffinden sauberer Quellen und Verordnungen zur geregelten Entsorgung von Abwasser in städtischen Flüssen befassen. Klares, kühles Quellwasser galt gar als Medizin.
Auch heute ist Bier, trotz der sinkenden Absatzzahlen, nach wie vor ein omnipräsenter Teil der Getränkekultur in Deutschland – in einigen Regionen, insbesondere im Süden des Landes – mehr, in anderen etwas weniger. Im Jahr 1900 erreichte der Pro-Kopf-Konsum im Bayern mit 246 Litern ein historisches Hoch, in Gesamtdeutschland lag er im gleichen Jahr bei nur gut der Hälfte (125 Liter). Eine zweite Spitze war 1980 zu beobachten (227 Liter in Bayern/146 Liter in Deutschland insgesamt), seither aber bewegt sich die Kurve konstant bergab (Quelle: Historisches Lexikon Bayerns).
Dazwischen, im Jahr 1952 trat das »Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit« (JÖSchG) in Deutschland in Kraft. Darin wurde der Genuss von Alkohol durch Kinder und Jugendliche erstmals klar gesetzlich geregelt.
Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit §3
»(1) Jugendlichen unter 18 Jahren darf in Gaststätten und Verkaufsstellen Branntwein weder verabfolgt noch sein Genuß gestattet werden. Das gleiche gilt für überwiegend branntweinhaltige Genußmittel.
(2) Andere alkoholische Getränke dürfen an Jugendliche unter 16 Jahren nicht verabreicht werden, wenn sich diese nicht in Begleitung eines Erziehungsberechtigten befinden.«
»(1) In Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit dürfen
1. Bier, Wein, weinähnliche Getränke oder Schaumwein oder Mischungen von Bier, Wein, weinähnlichen Getränken oder Schaumwein mit nichtalkoholischen Getränken an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren,
2. andere alkoholische Getränke oder Lebensmittel, die andere alkoholische Getränke in nicht nur geringfügiger Menge enthalten, an Kinder und Jugendliche
weder abgegeben noch darf ihnen der Verzehr gestattet werden.
(2) Absatz 1 Nummer 1 gilt nicht, wenn Jugendliche von einer personensorgeberechtigten Person begleitet werden.«
In beiden Fassungen des Gesetzes findet sich jedoch ein Passus, der es Jugendlichen unterhalb der Altersgrenze in Anwesenheit der Eltern oder anderer sorgeberechtigter Personen sehr wohl erlaubt, in der Öffentlichkeit Bier, Wein oder Sekt zu trinken. Diese Ausnahmeregelung im § 9 Jugendschutzgesetz soll einen kontrollierten Umgang ermöglichen. Noch 2014 wurde ein Druckwerk für Eltern herausgegeben mit dem Titel »Auch Trinken will gelernt sein – Wie Sie Ihr Kind beim richtigen Umgang mit Alkohol begleiten« (Beltz Verlag, Weinheim/Basel, »Programm PVU Psychologie Verlags Union«). Über eine Abschaffung der Zulässigkeit des sog. »begleitenden Trinkens« wird derzeit zugunsten des Jugendschutzes konkret diskutiert.
Ich selbst erinnere mich bezüglich meiner Kindheit in den 1970er- und 1980er-Jahren, dass Erwachsene oft und viel Alkohol tranken. Das reichte vom Feierabendbier des Vaters, einem gelegentlichen Whisky oder Longdrinks wie Gin Tonic oder Cola-Rum bei geselligen Treffen bis hin zum ausgelassenen Getränkekonsum auf Familienfeiern und Silvesterpartys. Auch im Fernsehen, z.B. während politischer Talkrunden, wurde ordentlich »gebechert«. In fast jedem Spielfilm oder in Serien wie »Dallas« gossen sich die Darsteller reichlich Drinks ein oder bekamen, unabhängig von der Tageszeit und oft sogar am Arbeitsplatz, welche angeboten. Die im häuslichen Umfeld in Flaschen oder Gläsern gereichten alkoholischen Getränke blieben uns Kindern zwar stets vorenthalten, aber in sehr süßer Form als Füllung in Süßigkeiten (Eierlikör-Schoko-Konfekt, Weinbrandbohnen, Mon Chéri) wurde ab etwa einem Alter von 12 Jahren bisweilen eine Ausnahme gemacht und wir durften davon kosten.
In Kinofilmen und Serien wird nach wie vor reichlich Alkohol konsumiert, im Fernsehen hingegen gelten heutzutage strengere Regeln bis hin zum kompletten Verbot.
Mittlerweile bezeichnen Mediziner und Statistiker den Alkoholkonsum in Deutschland insgesamt als »stabil rückläufig«. Und je jünger die untersuchte Bevölkerungsgruppe ist, desto stärker nimmt deren Neigung zum Alkoholkonsum ab. Eine erfreuliche Entwicklung, wie ich finde – und einmal mehr ein Beweis dafür, dass die vermeintlich »guten alten Zeiten« beileibe nicht immer das sind, wofür sie oft gehalten werden. 🤓 🔠 🍺
Das typographische Bonbon dieses Montags fotografierte ich diesmal aus Rang 1 Loge 2 der Hamburgischen Staatsoper, am Abend der Premiere und Uraufführung der Oper »Monster’s Paradise« von Elfriede Jelinek (Libretto) und Olga Neuwirth (Libretto/Komposition). Das Werk in der Tradition des grotesk-gruseligen Grand-Guignol-Theaters widmet sich dem Gefühl des Niedergangs der Welt und der Zerstörung der Demokratie durch größenwahnsinnige Despoten, es ist also brandaktuell. Mitwirkende sind – neben einem unverkennbar erratisch agierenden Bühnenklon des amtierenden US-Präsidenten – unter anderem Elvis, Schneewittchen und weitere Disney-Prinzessinnen mit Cheerleader-Puscheln, Kermit und Miss Piggy, das radioaktiv mutierte Echsenmonster Gorgonzilla, eine Horde Zombies in Anzügen, eine Melania-Stehlampe, humanoide Hot Dogs und eine mahnende Göttin. Langweilig war es also keine Sekunde lang.
Vor dem Beginn der Vorstellung hing vor dem geschlossenen Vorhang dieses animiert beleuchtete Motiv im Las-Vegas-Neonschild-Style. Nach den ersten drei Bildern des Stücks, in denen bereits jede Menge turbulente Szenen die Charaktere und Kulissen spürbar in Mitleidenschaft gezogen hatten, sah auch die spätere, in der Pause erneut herabgelassene Version der Lichtinstallation etwas ramponierter aus: einzelne Buchstaben blieben dunkel, andere flackerten panisch. Eine schöne begleitende Metapher zum Fortgang der bizarren und dystopischen Handlung, wie ich fand.
Und natürlich wollte ich wieder wissen, welche Schriftarten in dem Motiv zum Einsatz kamen. Die erste Zeile ließ sich relativ leicht bestimmen, es handelt sich um die Schriftfamilie »Budmo« (Ray Larabie/Typodermic, 2005), in der es sowohl einen flächigen »Solid«-Schnitt als auch einen – mit innenliegenden Leuchtpunkten versehenen – namens »Jiggler«-gibt.
Die bluttriefende zweite Zeile ist vermutlich eine bewusst trashige, freie Nachzeichnung des Fonts »Melted Monster« (Dimas Prasetyo/DM Letter Studio, 2018). Meine Vermutung basiert darauf, dass die Buchstaben sich zwar auf den ersten Blick unterscheiden, aber bei genauerem Hinsehen ziemlich genau an denselben Stellen und in der gleichen Zahl die typischen »Tropfnasen« aufweisen.
Die Oper »Monster’s Paradise« steht an der Hamburgischen Staatsoper für den 4., 8., 11., 13. und 19. Februar, jeweils um 19:00 Uhr, auf dem Spielplan. Im März wird sie als Koproduktion im Opernhaus Zürich aufgeführt und für 2027 sind Vorstellungen in Österreich an der Oper Graz geplant. 🤓 🔠 🎼
Das Foto des typographischen Fundstücks an diesem Freitag habe ich geknipst, weil mir mehrere kuriose Details an der sichtlich heruntergekommenen Hausfassade auffielen. Zum ersten war es natürlich der wilde »Typo-Mix« der dort versammelten Beschilderungen: Das verwitterte »Café Kracht«-Banner mit seinen saftigen gebrochenen Lettern; die schwarze »66« der Hausnummer; die Tafel über der Tür, die klarmacht, dass das Café gleichzeitig auch eine Bäckerei beherbergt; die zwei Werbeaufkleber für »Ur·echt-kräftig-deftiges« Gebäck sowie eine bekannte Spirituose; das links an die Seite verbannte Hinweisschild »Einfahrt freihalten!« – und nicht zuletzt das amüsant-irritierende Plakat, das darauf hinweist, dass die einstige Ladentür eine Umwidmung zur Motorradausfahrt erfahren hatte. Zum zweiten fragte ich mich, was wohl die »Strohlemmeln« seien, die die offensichtlich schon seit geraumer Zeit geschlossene Bäckerei einst bewarb. Und zum dritten natürlich die Neugier, welche Geschichte wohl hinter diesem leerstehenden Gebäude steckt, denn nicht nur das Geschäft im Erdgeschoss war geschlossen, auch die restlichen Räume in den oberen Etagen schienen unbewohnt.
Zu den historischen Daten des Hauses wurde ich relativ schnell fündig:
»Gegründet wurde die Traditionsbäckerei 1856 durch August Kracht und firmierte auch als Lemgoer Strohsemmel-Bäckerei. Ende Februar 1998 wurde das Geschäft geschlossen. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau stammt aus dem Jahre 1456 und eine angrenzende Scheune, wo die Backstube untergebracht war, aus dem Jahre 1792.«
Somit war auch klar, dass die von mir gelesenen »Strohlemmeln« tatsächlich »Strohsemmeln« waren. Dabei handelt es sich um eine regionale Brötchensorte auf Hefeteigbasis, deren rohe Teiglinge – ähnlich wie Bagels – in kochendem Wasser gebrüht und dann bei vergleichsweise hohen Temperaturen auf einem schützenden Strohbett im Ofen gebacken werden:
»Das wohl bekannteste Gebäck Lippes ist sicherlich die Lemske Strauhsemmel (Lemgoer Strohsemmel), die allerdings nicht nur in Lemgo, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes hergestellt wird. Einer alten Überlieferung zufolge wurde das Rezept für die Strohsemmel von einem unbekannten Bäckergesellen und Soldaten im napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland nach Lippe mitgebracht. (…) Da aber spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die Bäckerei Richter in Detmold und die Bäckerei Kracht in Lemgo, sondern auch zahlreiche andere Bäckereien in Lippe Strohsemmeln backten und verkauften, muß sich das ›Geheimrezept‹ unter Lippes Bäckern doch relativ rasch herumgesprochen haben. (…) Das Besondere an der Strohsemmel ist wohl auch weniger das Rezept als die Herstellungsart: Zum einen wird der Teig gebrüht; zum anderen werden die gebrühten Teigstücke auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches abgebacken.«
Da das Geschäft bereits vor nunmehr rund 28 Jahren seinen Betrieb aufgab, stellt sich natürlich die Frage, was seither geschah, denn schließlich befindet sich das verwaiste Objekt mitten in der ansonsten belebten Fußgängerzone Lemgos. Auch dazu hat das Netz interessante Informationen zu bieten. Zum einen sorgten sich die ehemaligen Besitzer wohl um den Fortbestand des Rezepts ihres »Signature Gebäcks«, zum anderen schienen sie sich nach Kräften um die Veräußerung der Immobilie zu bemühen:
»›Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur‹, erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. ›Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen.‹«
»Eine Lemgoer Institution zum Nulltarif: Laut Angaben von Herbert Kracht (72) wird das Haus der Traditionsbäckerei Kracht in der Breiten Straße kostenlos abgegeben. Die einzige Bedingung: Der neue Besitzer muss das dazu gehörige Grundstück kaufen.«
Das verlockende Verkaufsangebot fand jedoch offenbar keinen Interessenten, denn im Februar 2023 wurde in der lokalen Presse über eine anstehende Zwangsversteigerung des Hauses berichtet. Doch auch diese Maßnahme war wohl aus unbekannten Gründen nicht umsetzbar, denn weitere 10 Monate später titelte dieselbe Zeitung »Lemgoer Bäckerei Kracht noch nicht unterm Hammer«. Mein obenstehendes Foto entstand erneut knapp zwei Jahre später, am 10. November 2025. Anzeichen für einen Abriss, eine Sanierung, Renovierung oder äußere Hinweise auf einen Besitzerwechsel waren auch zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Mehr konnte ich über das Schicksal des Hauses nicht herausbekommen.
Die handbeschriftete Glastafel über dem Eingang mit dem etwas missglückten »langen s« (ſ), das eher wie ein kleines l aussieht, nahm ich anschließend zum Anlass, das typographische Potpourri an der Ladenfassade mit möglichst ähnlichen Schriftarten noch einmal nachzuempfinden und dabei ein wenig zu optimieren.
Ich gehe davon aus, dass die unübliche Gestaltung des »ſ« in die Verantwortung des Schildermalers fällt, denn als ich nach ähnlichen Formen in kommerziellen (vorzugsweise kursiven) Antiqua-Schriften suchte, konnte ich bei keiner davon eine Variante auffinden, die derart einem kleinen 𝑙 ähnelt. Insgesamt sechs Varianten für das Design des »langen s« sind allgemein gebräuchlich. Vier davon können bei flüchtigem Lesen meines Erachtens mit einem 𝑓 verwechselt werden, zumal der Buchstabe ſ heutzutage kaum noch in Texten vorkommt und Leser*innen ihn somit darin nicht erwarten. Mir persönlich gefällt daher die letzte Variante am besten:
Beispiel »Times New Roman« (Stanley Morison, Victor Lardent/Monotype, 1931): Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering. Diese Variante ist ausschließlich in nicht-kursiven Schriftschnitten anzutreffen. Beim Wechsel auf einen kursiven Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie wechselt die Form zur Variante 6!
Beispiel »Haiku Italic« (Zac Hallgarten/AcidType, 2022): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Basile« (Dario Manuel Muhafara/Tipo, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Littleworth Now Italic« (Steve Matteson & Frederic L. Griggs/Monotype, 2025): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Dutch Medieval Pro Italic« (Hans van Maanen, Patrick Griffin/Canada Type, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
Beispiel »Times New Roman Italic«: Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering.
Und zum Schluss hier noch das Rezept (oder besser: eine schlüssige Version, zusammengestellt aus fünf der vielen online kursierenden Rezepte) für die Original »Lemgoer Strohsemmeln«. Guten Appetit! 🤓 🔠 🥯
Lemgoer Strohsemmeln
Zutaten: 500 g Weizenmehl 1 Würfel (42 g) frische Hefe oder 1 Tütchen (7 g) Trockenhefe 1,5 EL Zucker 1 gestr. EL Salz ca. 300 ml lauwarmes Wasser (nach Bedarf etwas mehr oder weniger, s.u.) Weizenstroh oder Roggenstroh, nicht zu kurze Halme (zum Auslegen des Backblechs)
Zubereitung: Die Hefe in einem geeigneten Gefäß in 200 ml des Wassers bröseln und zusammen mit einem Teelöffel des Zuckers gut verrühren, bis sie sich aufgelöst hat.
Das Mehl in eine Schüssel geben und in der Mitte eine Vertiefung formen. In diese Mulde die Hefemischung gießen. Anschließend nach und nach Salz, den restlichen Zucker und weiteres Wasser zugeben und alles zu einem Teig verkneten. Dabei nur so viel Wasser verwenden, dass ein fester, aber gut formbarer Teig entsteht.
Den fertigen Teig abgedeckt mit einem Küchentuch etwa 30 Minuten an einem warmen Ort ruhen lassen, bis er sichtbar aufgegangen ist und ungefähr sein Volumen verdoppelt hat. Danach den Teig nochmals kurz durchkneten, zu einer Rolle formen und diese mit einem Messer in 15 etwa gleich große Stücke teilen. Die Stücke rund formen und auf Backpapier weitere 5 Minuten warm angehen lassen. Anschließend die Teiglinge leicht flachdrücken und mit einem spitzen Gegenstand 6–8 mal über die Oberfläche verteilt einstechen. Danach nochmals rund 15 Minuten ruhen lassen.
In der Zwischenzeit ein Backblech mit dem Stroh auslegen und den Backofen (noch ohne Blech) auf 220 °C vorheizen. Parallel 1–2 l Wasser in einem großen Topf zum Kochen bringen. Die Teiglinge kurz rundum in das kochende Wasser tauchen, danach auf das mit dem Weizenstroh ausgelegte Backblech legen und es auf der mittleren Schiene in den Backofen schieben. Dann noch eine halbe Tasse Wasser auf den heißen Boden des Ofens gießen und die Ofenklappe zügig schließen.
Nun werden die Semmeln im Dampf bei einer Temperatur von etwa 220 °C für 25 bis 30 Minuten gebacken. Durch das unterliegende Stroh wird das Gebäck nur auf der Oberfläche braun, der Boden hingegen bleibt hell. Nach dem Backen sollten sich die Semmeln relativ leicht vom Stroh lösen lassen.
Strohsemmeln schmecken sowohl nur mit Butter als auch mit Schinken oder typisch lippischer Mettwurst. Aber auch süße Aufstriche wie Marmelade oder Honig passen gut dazu.
Um neue Schrift- und Buchstaben-Fundstücke zu sammeln, gehe ich manchmal ganz bewusst einige Stunden und »einfach der Nase nach« auf Fotosafari, insbesondere auf Reisen. An den Orten meiner Arbeits- und Lebensmittelpunkte hingegen treffe ich oft rein zufällig und im Vorbeigehen – etwa auf Besorgungstouren oder auf Fußweg-Routen zu Jobterminen – auf interessante Entdeckungen.
Eine solche Zufallsentdeckung ist auch das letzte typographische Montagsbonbon, das ich in Hamburg an einer belebten Durchgangsstraße fotografierte. Die typische Gewerbemischung der Läden und kleinen Geschäfte an solchen mehrspurigen innerstädtischen Straßen kennen wir wohl alle – es sind beispielsweise Versicherungsbüros, Fahrschulen, Nagelstudios, Schlüsseldienste, Perückensalons, Imbisslokale oder – Änderungsschneidereien.
Die Tafel im Bild ist eigentlich nichts Besonderes; sie fiel mir hauptsächlich deshalb auf, weil sie sich im Umfeld der benachbarten Geschäfte von den glatten, digital gedruckten oder mit Folienbuchstaben beklebten Schaufenstern auf eine fast anachronistische Art abhob. Ein paar kuriose Details könnte man noch anmerken, zum Beispiel den gekürzten REISVERSCHLUSS in der vierten Zeile oder die JEANS H0SEN in der sechsten Zeile, bei denen das O durch eine Null ersetzt wurde, vermutlich, weil der O-Vorrat erschöpft war. Einige I wurden mit İ-Punkten geschmückt, andere nicht. Ein paar vereinzelte Ü-Punkte fallen auf, denen ihr Zwilling abhandengekommen ist. In der dritten Zeile sind selbige zwar vollständig, aber nicht wie sonst überall rund, sondern quadratisch. Und in der vorletzten Zeile ist vom L nur noch ein apostrophartiger Stummel vorhanden, einige Buchstaben fehlen komplett.
Die Schriftart erinnert stark an die Futura, wobei im direkten Vergleich auffällt, dass viele Zeichen der Steckschrift (D, N, R, U) schmaler gestaltet sind – wahrscheinlich, um Platz zu sparen. Zudem sitzt die »Mittelachse« bei den Buchstaben B, E und F deutlich höher als bei der Futura. Aber eine enge Verwandtschaft ist nicht zu leugnen.
Vergleich der Tafelschrift am Beispiel der »Futura Next DemiBold« (Paul Renner/Marie-Thérèse Koreman, Neufville Digital).
Die dunklen Rillentafeln mit den weißen, oft vergilbten Steckbuchstaben sind ein jahrzehntealter Klassiker der Werbetechnik und trotz Digitalisierung und moderner Drucktechnik nach wie vor überraschend oft im Einsatz, etwa als Preisliste im Fenster von Friseursalons, über dem Tresen von Bierpubs oder als periodisch aktualisierte Angebotskarte in Bäckereien oder Mittagsbistros.
Ich hätte zu gern gewusst, wer als Erfinder*in dieser Stecktafeln gilt und in welchem Jahr dieses bemerkenswert langlebige und populäre Werbemedium das Licht der Welt erblickte. Aber das Netz gab mir dazu leider keine validen Informationen preis. Für Hinweise, Links oder anderen Quellen dazu bin ich wie immer dankbar. 🤓 🔠 🪟
Update
Ich habe der Geschichte der »Letterboards« noch ein bisschen hinterher recherchiert. Es verdichten sich die Hinweise, dass diese Tafeln Anfang der 1940er-Jahre erfunden wurden. In historischen Bilddatenbanken konnte ich kein Foto vor 1940 ausfindig machen, auf dem in Burger Bars oder Diners die Menütafeln in diesem Format aushingen. Wohl aber existieren Aufnahmen, die in und um das Jahr 1942 datiert sind:
Und auf der Website des Henry Ford Museum findet sich das Foto eines Original-Exponats aus dessen Sammlung, das ich hier sogar mit Quellenangabe abbilden darf – ein Speisekarten-Triptychon aus einem Diner. Ein bisschen nähergekommen bin ich dem Ursprung also doch noch … 🙂