Ob absichtlich oder ungewollt, so manches Fundstück hat bisweilen eine skurrile, schräge oder amüsante Anmutung bei der Botschaft oder Gestaltung. In dieser Kategorie sammle ich allerlei solcher Beispiele.
Am heutigen Freitag hole ich noch einmal ein Fundstück aus Uelzen aus meinem Bestand. Fotografiert wurde das Motiv Anfang August 2026. Die interessante Neonreklame an der Ladenfassade eines einst dort ansässigen Juweliers und Uhrmachers weckte mein Interesse zunächst recht allgemein, aber bei näherer Betrachtung ergaben sich noch mehrere interessante Details beim Design und der Umsetzung dieses Schriftzuges.
Die erste der beiden zuerst auffallenden Besonderheiten bei der Schriftart ist der ungewöhnlich starke Neigungswinkel der Buchstaben von ungefähr 34°. Üblicherweise bewegt sich die Schrägstellung für eine Kursivschrift zwischen 8° und 15°, wenn man von Ausnahmen wie experimentellen Schriften oder Hand- und Schreibschriften absieht. Die zweite Besonderheit sind die Verbindungen zwischen den Buchstaben, die eine Schreibschrift andeuten, aber der Grundcharakter der Schrift ähnelt dennoch eher einer schmalen serifenlosen Linear-Antiqua, wie beispielsweise der – nicht kursiven – »DIN Condensed Demibold« (Isabella Chaeva für Paratype, 2020) oder der »Opinion Pro ExtraCondensed Bold Italic« (Oleh Lishchuk, Mint Type, 2017).
Zwei Schriftarten, die der Ladenbeschriftung ähneln, aber ohne die schreibschriftartigen Verbindungen zwischen den Buchstaben.
Erst als ich nachfolgend den Schriftzug nachzuzeichnen begann, entdeckte ich dann die dritte Besonderheit. Diese fällt nämlich erst in dem Moment so richtig ins Auge, wenn die Neonschrift aktiviert wird: Im Gegensatz zu den schreibschriftartig miteinander verbundenen Buchstaben des Schriftzugs der Metalleinfassung sind die aus den Leuchtröhren geformten Buchstaben nicht miteinander verbunden. Im folgenden Bild habe ich zur besseren Ansicht die Form des Gehäuses sowie die Neonbuchstaben einmal separat nachgezeichnet.
Oben: Die Form der metallenen Umhausung der Leuchtreklame. Unten: Die isolierten Formen der darin installierten Neonbuchstaben.
Eine aktuell erhältliche und zeitlich passende Schriftart, die der »Schreibschrift-Variante« des Schriftzuges entspricht, konnte ich nicht finden. Eine sehr entfernte Ähnlichkeit sehe ich bei der erst jüngst erschienenen Schrift »Badwill« des indonesischen Designers Febrie Setiawan (Marvatype, 2026), wobei insbesondere G und s jedoch stark abweichen und die Schrift insgesamt »schreibschriftiger« wirkt.
Leider konnte ich im Internet auch kein Foto der Ladenfassade bei Nacht finden. Es hätte mich nicht nur interessiert, wie der beleuchtete Schriftzug im Dunkeln aussieht, sondern auch, in welcher Farbe die Buchstaben leuchten. Ich würde vermuten, dass ein Geschäft mit dem Titel »Goldhaus« keine blauen, grünen oder roten Neonröhren wählt, sondern eher ein passendes Gelb oder Goldgelb. Aus Neugier habe ich auch eine solche nicht auffindbare nächtliche Ansicht gemäß meiner Vermutung einmal simuliert – zunächst anhand der Form der innen freiliegenden Neonröhren.
In Photoshop simulierte Nacht-Ansicht der Neonreklame (Möglichkeit 1: freiliegende Leuchtröhren).
Wäre dies die ursprünglich angebrachte Leuchtschrift-Installation, entspräche der Schriftzug einem »Hybrid«, bei dem tagsüber eine Schreibschrift-Anmutung zu sehen ist und nachts unverbundene Einzelbuchstaben. Sicherlich ist diese Umsetzung der Neonbuchstaben auch technisch bedingt – vielleicht, weil es teurer oder komplizierter gewesen wäre, die Röhren in Form des verbundenen Schriftzuges zu formen oder zu installieren.
Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass die Frontseite der Metallumhausung zu einem früheren Zeitpunkt mit einer gelben diffusen Plexiglasabdeckung in Form des Schreibschrift-Logos versehen war. In diesem Fall hätten die Neonbuchstaben einfach weiß leuchten können, die Farbe wäre durch die gelbe Abdeckung entstanden und durch das Streulicht im Inneren des Leuchtkastens würden die Verbindungen zwischen den Lettern ausgeleuchtet werden. Einen Beleg für diese Vermutung habe ich nicht, hier könnten nur alteingesessene Uelzener helfen. Diese Variante hätte dann wie folgt ausgesehen.
In Photoshop simulierte Nacht-Ansicht der Neonreklame (Möglichkeit 2: mit gelber, milchig-transparenter Plexiglas-Frontseite).
Leider ist das Geschäft inzwischen dauerhaft geschlossen. Im Internet finden sich bezüglich der Chronik des Unternehmens kaum noch detaillierte Informationen, auch eine archivierte Website existiert offenbar nicht. Gegründet wurde der Betrieb am 01. Oktober 1892 von dem damals 28-jährigen Uhrmachermeister und Juwelier Johannes Ohmstede. Bei eBay wird zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags eine historische Ansichtskarte von 1931 angeboten, auf der das Ladenschild für das Geschäft »J. Ohmstede« – damals in einem Fachwerkhaus, aber bereits an derselben Adresse – deutlich erkennbar ist.
Im Laufe der Jahrzehnte ging die Geschäftsführung zunächst auf einen Hans Ohmstede, später auf einen Werner Ohmstede über. Auf einem Foto des Ladens, das laut der enthaltenen Metadaten Ende Juli 2016 angefertigt oder gespeichert wurde, ist ein Plakat neben dem Schaufenster zu sehen, auf dem das 100-jährige Firmenjubiläum erwähnt wird. Auf diesem Foto ist übrigens auch die blaue Markise vollständig zu sehen, die mein Foto nur in eingefahrenem Zustand zeigt. Die Markise ist in Mattgold mit der Schreibschrift-Variante des Ladenschriftzuges bedruckt und auf den Schaufenstern kleben Flatterbänder und Texthinweise auf einen »RÄUMUNGSVERKAUF«. Wie es scheint, übernahm ungefähr in der Zeit (Anfang 2015), in welcher dieses Foto entstanden sein könnte, ein neuer Juwelier die Geschäftsräume, der den Betrieb unter anderem Namen, aber mitsamt der Beschriftungen an der Fassade weiterführte. Doch mit Datum Mai 2023 taucht bei Google Maps dann ein Foto des Juwelierladens auf, das wahrscheinlich die endgültige Schließung ankündigt. Auf vorgehängten roten Bannern mit gelber Schrift über den Schaufenstern steht dort zu lesen »Wir schließen – Alles muss raus! Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe«.
Im Anschluss hatte eine Wohnungsverwaltung die Räume im Erdgeschoss als Bürofläche bezogen und entsprechend an den Fenstern beschriftet, doch als ich das Foto knipste, standen die Räume leer. 🤓 🔠 💍
Ein originelles künstlerisches »Mural« aus Kopenhagen soll heute das typographische Montagsbonbon sein. Ich entdeckte es während einer Wanderung über die städtische Halbinsel Refshaleøen durch den Zugang zu einem alternativen Veranstaltungszentrum. In dem Gebäude befinden sich unter dem Namen WERKSTATT167 nicht nur eine Bar mit Nachtclub und dazugehöriger 1000 m² großer Eventhalle, sondern auch der Streetfood-Markt Reffen. Das gesamte Areal an der nordwestlichen Seite der Insel Amager in Richtung des Kopenhagener Hafens ist geprägt von kiezigen, jungen Gewerbe-, Wohn- und Kunstprojekten. Man findet dort u.a. Craft-Beer-Bars (»Mikkeller Baghaven«), zu schwimmenden Wohnungen umgebaute Schiffscontainer (»Urban Rigger«) und ein Museum für zeitgenössische Kunst (»Copenhagen Contemporary«).
»Refshaleøen war einst das Herzstück der dänischen Industrie. Von 1872 bis 1996 befand sich hier die Werft Burmeister & Wain (B&W), die zu ihrer Zeit Dänemarks größter Arbeitgeber war. Tausende Arbeiter bauten hier innovative Schiffe, und die Werft war ein Symbol für den industriellen Fortschritt. Nach der Schließung des Werftbetriebs lag die Halbinsel lange brach und war für die Öffentlichkeit zunächst nicht zugänglich. Heute gilt Refshaleøen als Ikone der dänischen Industriegeschichte und hat sich zu einem lebendigen Treffpunkt für Kultur und Freizeit entwickelt.«
Das Fundstück aus Holz ist ein Mosaik aus knapp 100 bunten Vogelhäuschen, die auf großen Trägerbuchstaben an der Fassade der Industriehalle fixiert wurden und das Wort »LOVE« bilden. Diese Lettern sind vermutlich mit Zirkel und Lineal konstruiert worden, denn sie sind nicht nur nahezu exakt gleich breit, sondern zeigen auch kaum Variationen in der Strichstärke bei Senkrechten und Waagerechten. Bei professionell gestalteten, ähnlichen Typen wie »DIN Condensed« oder »Alternate Gothic« wäre dies aus Gründen der optischen Ausgewogenheit anders – die senkrechten Striche etwa wären etwas kräftiger als die waagerechten und beim V würden die Striche von oben nach unten leicht schlanker werden. Aber da die Formen der Lettern sowieso hinter den Häuschen zurücktreten, spielen solche Feinheiten hier m. E. keine nennenswerte Rolle.
Die von mir nachgezeichneten Formen der Hintergrundlettern.
Als ich im Netz recherchierte, welche kreativen Köpfe hinter dem Objekt stecken könnten und wann es angebracht wurde, stolperte ich relativ bald über den dänischen Konzeptkünstler Thomas Dambo. Seit jeher nutzt er für seine zumeist unter freiem Himmel errichteten Skulpturen Recyclingmaterialien wie Altholz oder Plastikabfall und kombiniert sie zu riesigen Figuren – meist Trolle, Tierfiguren oder andere Märchengestalten. Seine Werke sind rund um die Welt zu besichtigen und sogar in einer interaktiven Weltkarte, der »Trollmap« dokumentiert. Während seines Kunststudiums an der Kolding School Of Design kam er an eine größere Menge ausrangierter Holzpaletten und entwickelte die Idee, daraus 250 bunt bemalte Vogelhäuschen zu bauen, diese per Lastenrad in städtische Gegenden Dänemarks zu verfrachten und sie, auffällig gruppiert, zum Beispiel in Bäumen oder an Strommasten aufzuhängen. Dieses Projekt mit dem Titel »250 Birdhouses« bildete im Jahr 2009 den Beginn einer ganzen Reihe ähnlicher Installationen. Das Wandobjekt »Happy City Birds« an der leuchtend blau getünchten Giebelseite des Hauses, in dem sich Dambos erstes eigenes Studio befand, kommt dem Schriftzug an der Hafenhalle aus meiner Sicht schon ziemlich nahe.
Es stellte sich allerdings heraus, dass meine naheliegende Vermutung falsch war. Thomas Dambo ist nicht der Urheber des Street-Art-Werks. Denn ich hatte die drei Betreiber der Halle separat angeschrieben und tatsächlich erhielt ich vom Team bei Reffen eine Antwort. Man ließ sich zwar womöglich von Dambos Vogelhäusern inspirieren, ein »Original« ist das Mural jedoch nicht:
»The design and installation were all done in-house. Just like everything else at Reffen, we built it ourselves.«
Quelle: E-Mail, Reffen Venue Team
Leider gab es zum Zeitpunkt der Anbringung keine Angaben. Bei Google Street View dokumentiert ein Foto den Zustand der Fassade im Oktober 2024, dort ist die Installation noch nicht zu sehen. Erste Schnappschüsse auf Social-Media-Plattformen tauchen gegen Ende Juli 2025 auf. Einige Hinweise in den Suchergebnissen deuten darauf hin, dass das Wandobjekt im Kontext der letztjährigen Copenhagen Pride Week (9.–17. August 2025) angebracht worden sein könnte.
Doch wie auch immer – es ist ein schöner Blickfang mit einer unterstützenswerten Botschaft und für mich einmal mehr ein Grund, dass Kopenhagen ganz oben auf die Liste meiner Lieblingsstädte steht. 🤓 🔠 🌈 🩷
Manchmal treffe ich auf meinen alltäglichen Wegen kurz nacheinander auf typographische Fundstücke, die zufällig in eine »Schublade« gehören. So auch bei einem Stadtausflug nach Berlin am letzten Wochenende. Beide geknipsten Ladenbeschriftungen in Charlottenburg bzw. Friedrichshain-Kreuzberg leiden offenbar gleichermaßen unter Ermüdungserscheinungen bei Schrauben oder Dübeln. Welche Schriftarten könnten es sein? Vielleicht »Downslide Black« (oben) und »Tumble Display« (unten)?
Aus der Reihe tanzen hier (U), S, T und I.Drehwurm überm Drehspieß herrscht hier bei o und K.
Nein, Spaß beiseite – es sind »Castle Ultra« (zugeschrieben Leslie Usherwood um 1968 oder Steve Jackaman/Linotype, 1975) und »Gecko« (Måns Grebäck, 2015). Die liegenden elliptischen Umlautpunkte oben beim Änderungsatelier sind in der Schriftart, welche auch als leicht abweichende Variante unter dem Namen »Salzburg« in Umlauf ist, tatsächlich so angelegt. Das S, fiel mir auf, wurde ca. 7° gegen den Uhrzeigersinn gedreht angebracht. Entweder war das von Anfang an so, oder es ist der Buchstabe, der als nächster abzurutschen droht. Und beim Dönerimbiss hoffen wir auf die dämpfende Wirkung der Markise, die hoffentlich verhindert, dass Passanten durch die Befestigungsschwäche bei o und K irgendwann Kopfschmerzen bekommen … 🤓 🔠 🔩 ⚠️
Das aktuelle typographische Montagsbonbon zeigt aus meiner Sicht einmal mehr, dass eine eigenständiges, merkfähiges und originelle Wortmarke – also quasi ein »Schrift-Logo« – manchmal mit einfachsten Mitteln kreiert werden kann. Das Foto ist ein etwas verhuschter abendlicher Schnappschuss vom Schaufenster der Potsdamer Filiale der Wäscherei Luxenburger. Der Betrieb stammt offenbar aus Potsdam, besitzt seit 2019 eine zweite Filiale in Berlin und ist innerhalb Potsdams Anfang Juli in neue Geschäftsräume umgezogen, knapp 1 km Luftlinie vom früheren Standort entfernt. Wie auf der Website findet sich auch auf dem Fenster das Firmenlogo in Form selbstklebender Folienbuchstaben.
Mir fiel das humorvolle Spiel mit den Ä-Pünktchen im Vorbeigehen sofort auf und ich machte trotz der einsetzenden Abenddämmerung ein Foto. Der typographische Scherz beeinträchtigt in keinster Weise die Lesbarkeit, bleibt aber sofort im Kopf hängen. Es gibt übrigens tatsächlich Schriftzeichen für Vokale (A̤E̤O̤Ṳ), bei denen die doppelten Pünktchen (»Trema«)unter der Grundlinie stehen. Sie werden zur Verschriftlichung der chinesischen Sprache »Min Dong« genutzt und das Trema wird aus Platzgründen untergesetzt, damit über dem Buchstaben noch weitere diakritische Zeichen zur Markierung der Tonhöhe bzw. des Tonhöhenverlaufs bei der Aussprache platziert werden können. Wieder was gelernt!
Die Wahl der Schriftart für die Wortmarke ist keineswegs exotisch, obwohl einige der Buchstabenformen mit ihren zarten Kurven und Schwüngen dezente Besonderheiten aufweisen und sie dadurch meines Erachtens hochwertiger wirken lassen als wenn derselbe Schriftzug in inflätionär genutzten serifenlosen Schriftarten wie »Helvetica«, »Arial« oder »Calibri« gesetzt worden wäre. Und apropos »Calibri«: Tatsächlich ist die genutzte Schriftart auf fast jedem Rechner vorhanden. Es ist die »Candara«, die 2004 von Gary Munch für Microsoft-Betriebssysteme (seit Windows Vista) und MS-Office-Produkte entworfen wurde. Im Bundle mit den Schriften »Cambria«, »Calibri«, »Consolas«, »Constantia« und »Corbel« bildete sie die »ClearType Font Collection« aus sechs Schriftarten, die speziell für die Darstellung auf Displays mithilfe der von Microsoft entwickelten »ClearType«– Softwaretechnologie optimiert wurden. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Verfahren zur Glättung von Schriftkonturen, das die Lesbarkeit elektronisch dargestellter und somit mittels Pixeln gerenderter Texte verbessern sollte. Mit der Entwickung hochauflösender Flüssigkristallanzeigen wie Apples Retina-Displays verlor dieses Verfahren ab etwa 2012 jedoch wieder an Relevanz.
Eine kleine typographische Unartigkeit haben sich die Entwerfer*innen des Logos dennoch geleistet. Wie im Bild ersichtlich, ist die erste Zeile mit dem Wort »WÄSCHEREI« fetter gesetzt als die zweite mit dem Wort »LUXENBURGER«. Doch anstatt die fettere Zeile in dem verfügbaren Schnitt »Candara Bold« zu formatieren, wählte man den Weg, die Buchstaben mittels einer umlaufenden Kontur künstlich »anzufetten«, und zwar auf einen etwas schlankeren Fettegrad als den im Schriftmenü angebotenen. Im Bild unten habe ich die beiden Varianten einmal einander gegenübergestellt.
Oben wurde die erste Zeile künstlich mittels einer umlaufenden Konturlinie etwas »fetter gemacht«, unten ohne Kontur in dem separat verfügbaren, sichtbar kräftigeren Schriftschnitt »Candara Bold« formatiert.
Dieses »Anfetten« von Schrift durch eine Kontur gilt aus ästhetischen Gründen als typographisch unsauber, da Buchstabenformen, die lediglich durch eine mathematische Verdickung der Umrisse entstehen, meist optisch unharmonisch wirken. Stattdessen werden die verschiedenen Schnitte entweder einzeln und mit typographischem Augenmaß gestaltet oder zwischen mehreren »Masterschnitten« mathematisch interpoliert. Bei sogenannten »Variable Fonts« kann eine solche Interpolation entlang einer oder mehrerer Designachsen erfolgen, etwa zwischen mageren und fetten oder zwischen schmalen und breiten Ausprägungen. Die dahinterliegende Technologie ist jedoch eine Wissenschaft für sich und soll hier und heute nicht weiter vertieft werden.
Ich verstehe aber die Motivation für diesen typographischen Lifehack zum Erzielen einer »halbfetten« Schrift, denn wie man ebenfalls im Bild sieht, funktioniert der Gag mit den tiefergelegten Ä-Pünktchen besser mit mehr Luft um die Punkte. In der unteren Variante mit der »Candara Bold« wirkt der Freiraum unter dem A mit zwei gerade noch angemessen fett dimensionierten Punkten eng und überfüllt, oben bei der künstlich auf »mittelfett« getrimmten Zeile hingegen ausgeglichener und luftiger. Da die Buchstaben allerdings durch die Ausweitung auch um die Dicke der Kontur höher werden, wäre es ratsam gewesen, die gesamte angefettete Zeile proportional auf die Versalhöhe der zweiten, unmodifizierten Zeile herunterzuskalieren, was jedoch nicht getan wurde – die Buchstabenhöhe in der ersten Zeile ist somit etwas größer als in der zweiten. Aber sowohl die Anfettung als auch der Größenunterschied fallen meines Erachtens so dezent aus, dass sie einem ungeübten Auge kaum auffallen dürften. Auffälliger sind da schon eher die nicht wirklich sorgsam ausbalancierten Buchstabenabstände zwischen W, A und S. Das W steht deutlich zu eng am A, das S hingegen einen Hauch zu weit davon entfernt.
Doch trotz aller Beanstandungen – über den originellen Einfall freute ich mich jedenfalls mehr als mich die typographischen Unreinheiten störten. 🤓 🔠 🧺 🫧
Es gibt Menschen, die lieben Jahrmärkte wegen der Bierzelte, wegen Lebkuchenherzen, gebrannten Mandeln, Liebesäpfeln oder Zuckerwatte, wegen Fischbrötchen, Crêpes oder Wurstsemmeln. Andere begeistern die unzähligen Fahrgeschäfte: von der Geisterbahn, dem Spiegelkabinett, Autoscooter, Riesenrad, Achterbahn, Kettenkarussell und all die anderen Vorrichtungen, mit denen kreischende Insassen rauf und runter oder in allerlei wahnwitzigen Orbitalbahnen herumgeschleudert werden.
Das meiste davon lässt mich weitgehend kalt. Bier trinke ich lieber aus den gut sortierten Zapfhähnen einer Craft-Bier-Bar, Süßigkeitenexzesse habe ich mir abgewöhnt, das Preis-Genuss-Verhältnis der meisten Imbiss-Snacks auf Jahrmärkten halte ich für suboptimal und in Freifall-, Kreisel- oder Schleudermaschinen wird mir zügig blümerant.
Was ich jedoch liebe, sind Volksfeste mit einem besonderen, reservierten Bereich für fahrende Händler. Auf hemmungslos mit Waren in allen Varianten überladenen Ständen bieten sie Mützen und Hüte, Gürtel, Socken, Duftöle und Seifen, Kräutermischungen, Tees und Gewürze, Modeschmuck, Dekoartikel, Spielwaren, Töpfe und Küchenzubehör an. Stundenlang kann ich an den Auslagen dieser Buden entlangschlendern, in den kuriosen und interessanten Artikeln stöbern und Utensilien, Markennamen oder Verpackungen entdecken, wie sie nirgendwo im Einzelhandel zu finden sind. Bisweilen habe ich auch schon das eine oder andere gekauft, zuletzt etwa ein rundes Fett-Spritzschutzgitter in Übergröße für meine Wokpfanne und einige angenehm duftende natürliche Aromaöle für die heimische Sauna.
Einer der Jahrmärkte mit einem solchen Händlerareal ist die Dult in Regensburg, und bei einer Kurzreise über Pfingsten nutzte ich natürlich die Gelegenheit für einen Bummel durch die besagten bunten Budengassen. An einem der Stände mit allerlei Edelstahlgerät – Messer, Zahnarztinstrumente, Scheren, Nagelfeilen, Pinzetten etc. – bemerkte ich ein Holzkästchen mit einigen altertümlich anmutenden, aber sehr schönen (und auch typographisch interessanten) Rasierklingenpäckchen. Und die wollten natürlich sofort fotografiert werden.
Nicht nur die Optik der in verschiedenen Purpurtönen bedruckten Schachteln ließ vermuten, dass sie schon einige Jahrzehnte alt sein dürften, sondern auch die Tatsache, dass die Glanzzeit der Messer- und Klingenherstellung in Solingen bereits eine Zeit lang zurückliegt.
Die Geschichte des Schneidwarenhandwerks in Solingen reicht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Wasserreiche Bäche der Wupper trieben die Schleifmühlen an, reichliche Vorkommen an regionalem Eisenerz und Holz aus den Wäldern begünstigten das dichte Netz an Werkstätten, Fabriken und Manufakturen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert stieg Solingen zur wichtigsten Produktionsstätte für Schneidwaren weltweit auf. Die Herkunftsangabe »Solingen« auf Produkten und Verpackungen wurde zum weltweiten Gütesiegel. Der Name der Stadt ist sogar als Marke gesetzlich geschützt und seit 2012 führt sie den offiziellen Zusatz »Klingenstadt«.
Doch sowohl die Massenproduktion als auch die handwerkliche Fertigung gerieten ab dem späten 20. Jahrhundert durch billigere Konkurrenzprodukte und minderwertige Plagiate aus Asien massiv unter Druck. Viele Traditionsbetriebe mussten schließen, fusionieren oder sich komplett neu erfinden. Trotz aller Widrigkeiten jedoch behauptet sich Solingen bis heute als weltweiter Standort für hochwertige Messer und Haushaltswaren. Etwa 90 % der deutschen Schneidwaren- und Besteckbranche sind nach wie vor in der Region ansässig.
In digitalisierten Solinger Adressbüchern aus den Jahren 1938 und 1953 finden sich allein in der Rubrik »Rasierklingen(fabriken)« jeweils etwa 80–90 Einträge; in der jüngeren Ausgabe lautet einer davon »Pott & Co. · Tizian – Milano – Rio – Rekord · Burgstr. 37«. Dass der Markenname »RECORD« auf dem oben abgebildeten Päckchen mit C geschrieben wird, scheint dabei keinen Unterschied zu machen, denn auf dem Sammlermarkt mit Retro-Rasierklingen (ja, auch ich lernte bei der Recherche zu diesem Beitrag: so etwas gibt es!) werden orangefarbene und ebenfalls in derselben Schriftart mit »RECORD« bedruckte Chargen mit Klingenschachteln angeboten, auf deren enthaltenen, einzeln verpackten Klingen dann kurioserweise »REKORD« mit K steht, dazu die Jahresangabe »1952«. Diese Datierung würde ich auch in etwa der Produktion der von mir fotografierten Klingenschachteln zuordnen. Zwei der im Internet kursierenden Druckmotive mit unterschiedlicher Schreibweise auf den Klingen selbst habe ich hier einmal rekonstruiert:
Die Schriften sowohl auf den Klingen (die ich für den Beitrag hier bewusst außer Acht lasse) als auch auf den farbig bedruckten Kartonschachteln werden durch das gewählte Druckverfahren, vermutlich der sog. »Flexodruck«, nicht sauber dargestellt, da durch die elastischen Druckklischees beim Druckprozess Quetschränder zu den unbedruckten Flächen hin entstehen, die die Formkanten ausweiten und z.T. zulaufen lassen. Auf vielen Fotos der alten Klingen wirken die Buchstaben, wie auch hier, zudem noch verschmiert oder verwischt, möglicherweise bedingt durch die Geschwindigkeit, mit der sie durch die Druckvorrichtung laufen. Ich kann nicht sagen, ob Rasierklingen heute noch exakt so produziert werden wie damals, aber es scheint plausibel, dass viele Fertigungsschritte sich nicht wesentlich verändert haben.
Für die Schriftarten auf den Kartonschachteln konnte ich in den mir zugänglichen Quellen und Musterverzeichnissen keine hinreichend ähnliche Entsprechung finden, sodass ich davon ausgehe, dass die Schriftzüge eigens für die Verpackungen entworfen wurden. Dafür spricht auch, dass doppelt vorkommende Buchstaben, wie P (bei »Wappen«) und R (bei »RECORD«) im Detail unterschiedlich aussehen. Auch die, wie ich finde, sehr gekonnt kalligraphisch anmutende Gestaltung der einzelnen Buchstaben des Wortes »Klinge« und deren dekorative Schwünge könnten ein Indiz dafür sein.
Bei dem etwa mit 20° geneigten Schriftzug »RECORD« finden sich an den Enden der Striche ähnliche, an trockene Pinselspuren erinnernde Ausfaserungen wie bei der recht bekannten Schrift »Reporter«, die 1938 von Carlos Winkow für die Schriftgießerei Johannes Wagner entworfen wurde. Eine spätere Version von Linotype mit dem Namen »Reporter No. 2«, die in den 1980er-Jahren bei Letraset auch in Form von Rubbelbuchstaben erschien, verzichtete auf die Pinselstrukturen innerhalb der Buchstaben und ließ die Schrift kompakter erscheinen.
Die auffälligsten Besonderheiten des »WAPPEN«-Schriftzugs sind aus meiner Sicht die nur in eine Richtung »wehenden« Serifen an A, P und N, die oben markant herausragende Spitze des W und vor allem das unten gerundete E. Die »Romic« etwa (Colin Brignall für Letraset, 1979) weist ähnliche asymmetrische Serifen auf. Einzeln sind solche Merkmale bei diversen Schriftarten anzutreffen, vereint in einer Type konnte ich sie jedoch nicht finden.
Die Blütezeit der Rasierklingenproduktion in Solingen, die auch durch das Aufkommen moderner Elektrorasierer in den 1960er-Jahren ihrem Ende entgegenging, war auch gekennzeichnet durch ein buntes Potpourri zeitgenössischer Markennamen wie Flirt, Element, Punktal, Cosmeta, Dozent, Birko, Rotbart, Timor, Romi, Extase, Amboss, Azur, Excentric, Damocles, Sonnal Markanto, Hammond, FAMA oder Herrenstolz. Ebenso phantasievoll waren die – natürlich oft gereimten – Reklamesprüche in Anzeigen und auf Werbeplakaten: »Rasier Dich ohne Qual – mit Punktal«, »Mit ›ROMI‹ Klingen – ein gut’ Gelingen!« oder »Deine Wahl: nur Sonnal«.
Und wenn ich diese amüsanten Retro-Marketingfragmente so lese, kann ich die Sammelleidenschaft der Fans dieser kuriosen Körperpflegeantiquitäten tatsächlich ein bisschen verstehen … 🤓 🔠 🪒
Menschen neigen bekanntermaßen bisweilen dazu, Flora und Fauna in »gut« und »schlecht« zu unterteilen. Schmetterlinge oder Bienen sind »gute« Insekten – Silberfischchen oder Stechmücken sind »schlechte« Insekten, aka »Ungeziefer«. Glockenblumen oder Bärlauch sind »gute« Pflanzen – Disteln oder Knöterich sind »schlechte« Pflanzen oder auch »Unkräuter«.
Das typographische Fundstück am Freitag ist heute wieder eine sehr schöne Einreichung, fotografiert vom Blogleser Werner L. aus Berlin und entdeckt in einer Ausstellung im Landschloss Zuschendorf, das mir von ihm zudem als lohnendes und lehrreiches Ausflugsziel empfohlen wurde. Und auch dieses eingereichte Printmedium – eine historische Werbeanzeige – nimmt im Markennamen des beworbenen Produktes eine Unterteilung in »gute« und »schlechte« Wildtiere vor. Zunächst zeige ich das eingereichte Foto im Original:
Für diejenigen, die Frakturschrift nicht so gut lesen können, hier eine Transkription des Textes:
»Antispatz – Der beste Meisen-Anlock- u. Fütter-Apparat, das Entzücken d. Vogelfreunde. Von 14 Ministerien empf. M. 4,60 postfrei, 4 St. M. 14,90, postfrei. Prospekt Parus, Hamburg 36 G. Postscheckk. Hbg. 2475.«
Tatsächlich war der »Antispatz« eine spezielle Futterstelle für Singvögel. Die Konstruktion sollte allerdings insbesondere Haussperlinge (»Spatzen«) von der Winterfütterung fernhalten, während akrobatischen Klettervögeln und Flugkünstlern, wie Meisen oder Kleibern, der Zugang erleichtert wurde. Damals wurden Spatzen von vielen als üble Futterkonkurrenten für andere, seltener gesehene Singvögel angesehen.
Entwickelt wurde die Vorrichtung von dem Hamburger Mediziner und Sanitätsrat Dr. Christian Adolf Bruhn (1865–1927), Online-Quellen zufolge während einer Liegekur, die dem Lungenarzt während einer eigenen Tuberkuloseerkrankung in den Jahren zwischen 1905 und 1910 verordnet war. In einem selbst verfassten Artikel (»Futterglocke und Meisendose ›Antispatz‹«, in »Ornithologische Monatsschrift«, Jahrgang 1910, hrsg. vom Deutschen Vereine zum Schutze der Vogelwelt e. V.«, Seite 149–154) erwähnt Dr. Bruhn, dass bereits im September 1908 ein gewisser Friedrich Schwabe, damals Leiter der »Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz« in Seebach/Thüringen, sich äußerst wohlwollend über Konstruktion und Funktion der damals auch »Dr. Bruhns Meisendose« genannten Erfindung geäußert habe. Auch in einer Schweizer Publikation aus dem Jahr 1908 taucht das Produkt bereits auf. Man kann also davon ausgehen, dass die ersten Modelle des »Antispatz« etwa zu dieser Zeit entstanden:
»Von den vielen Futterapparaten für Meisen darf Dr. med. Bruhns Meisendose in den ersten Rang gestellt werden. Sie ist ein viereckiger, mit Deckel versehener Blechkasten, dessen Boden eine schiefe Ebene bildet. Der Apparat wird mittelst eines oben angebrachten Henkels, sowie seitlich angelöteter Blechbänder am Baum, an der Wand etc. befestigt und mit Hanffrucht gefüllt. Die Körner rutschen auf dem schräg gestellten Boden herunter und gelangen unten durch eine schmale Öffnung auf eine kleine, mit Rand versehene Blechplatte. Da nur so viel Hanfkörner auf dieses Futtertischchen nachrutschen können, als von den Meisen weggepickt werden, so ist jeder Futterverlust ausgeschlossen. Auf den beiden Seitenwänden des Kastens sind lange Glasfensterchen angebracht, die das langsame Schwinden des Futtervorrates von weitem erkennen lassen und die Futterplatte beleuchten.«
Das anfängliche Prinzip bestand wohl darin, dass zwar Vögeln mit schmaleren Schnäbeln Zugriff auf den nachrieselnden Körnervorrat ermöglicht wurde, aber Spatzen mit ihren breiteren Schnäbeln nicht.
Später heißt es in einer anderen Abbildung (undatiert, ca. 1910) zu einer anscheinend weiterentwickelten und patentierten Nachfolgekonstruktion: »Neue Spatzensicherung. Unsere bisherige Vorrichtung verhindert das Eintauchen der dicken Sperlingsschnäbel ins Futter; die neue das Anfliegen der Spatzen«. Es sieht so aus, als ob der Zugang von der Unterseite des Futterkastens für Spatzen weiter erschwert wurde, da diese – anders als die erwünschten Vögel, welche auch »hängend« fressen können – keinerlei Möglichkeit mehr hatten, sich von oben auf Vorsprünge oder Randleisten an der Futterrinne zu setzen.
Um 1912 kauften schließlich mehrere offizielle Institutionen die Rechte an der Verwertung der patentierten »Antispatz«‑Konstruktion (wir erinnern uns an das Prädikat in unserem Annoncen-Fundstück »von 14 Ministerien empfohlen«). So steht etwa im Jahresbericht des Bundes für Vogelschutz 1911/1912 (S. 137): »Mit dem Ankaufe des Patents ›Antispatz‹ von Herrn Dr. Bruhn haben wir offenbar einen sehr glücklichen Griff getan«. Und in der Chronik des Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU): »Schon 1912 hatte der Bund die Rechte an den ›Antispatz‹-Futterhäuschen erworben«.
Schon zu Lebzeiten wurden medizinische Broschüren Dr. Bruhns im 1908 gegründeten Hamburger »Parus Verlag« veröffentlicht, so z.B. sein Ratgeber »Vom gesunden und vom kranken Tuberkulösen – Erfahrungen eines lungenkranken Lungenarztes für jedermann« (1922), der auf seiner zuvor erwähnten Erkrankung beruhte. Im weiteren Verlauf der 1920er-Jahre übernahm dann Bruhns Sohn Max die Leitung des Verlages und fuhr über diesen Vertriebskanal bzw. das angeschlossene Handelsgeschäft »Parus Vogel- und Pflanzenschutz« mit der Vermarktung und dem Verkauf des »Antispatz« fort. Im Laufe der Jahre entstanden offenbar mehrere unterschiedlich aufwendige Varianten des Produktes – von einer einfachen, hängenden »Meisendose« über mit Schellen und Bändern installierbare Vogelhaus-Modelle aus Holz bis hin zur aufwendig gefertigten, 300 kg schweren Edel-Futtersäule»… als zierliche Säulenhalle mit rotem Pfannendach (…) 2,80 m hoch, (…) aus frostfester Steinmasse«(in: »Der Lehrmeister im Garten und Kleintierhof«, 1912, S. 731) für 180 Mk (nach heutiger Kaufkraft etwa 500 €). Ganz offensichtlich florierte also das Geschäft mit dem patentierten Sperlingsschreck und nahm in den 1920er- und 1930er-Jahren weiter an Fahrt auf.
Die Datierung unseres Werbemotivs ist relativ einfach, denn rein zufällig bietet zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Beitrags ein Hamburger Antiquariat bei eBay das Original einer historischen Werbeanzeige mit genau derselben Illustration an. Betitelt ist das Angebot als »Vogelschutz Abtlg. Parus-Verlag Reinbe[c]k-K. ANTISPATZ Historische Reklame 1930«. Wir können daher davon ausgehen, dass dies auch in etwa das Erscheinungsdatum der heutigen Einreichung ist. Auch der Text dieser Anzeige ist ganz famos formuliert (s.u.):
Foto: Vom MacBook-Screen zu Dokumentationszwecken abfotografiert.
»Lebhafter Meisenbetrieb im Garten und am Fenster durch Meisen-Anlock- und Fütterapparat ›Antispatz‹, mit dem die Sperlinge nach Belieben vom Futter auszuschalten sind. ›Diese Methode ist ganz vorzüglich. Mein Garten wimmelt jetzt von Meisen aller Sorten. Ich sehe Arten, die ich nie gekannt habe, auch ein kleiner Specht zieht zu meiner Freude Nutzen aus dem ›Antispatz‹. Zum Dank vertilgen die fleißigen Tierchen alles Ungeziefer. Die Gärtner vermögen keine Raupen mehr zu finden.‹ Max Römer, Opladen. (…) Ministeriell eingeführt bei fast sämtlichen Forst- und Parkverwaltungen, in Obst- und Gartenbauvereinen. Das Entzücken Aller, das beste Geschenk! (…) Bestellen Sie, bevor der Schnee fällt!«
Quelle: Anzeige Parus-Verlag, 1930
Zur Bestimmung der darin verwendeten Schriftarten (ENDLICH kommen wir zur Typographie!) habe ich das Originalfoto nachbearbeitet, entzerrt, retuschiert, im Kontrast optimiert und scharfgezeichnet.
Der Produktname »Antispatz« in der Anzeige ist Teil der (Linolschnitt?)-Illustration und wurde eindeutig von Hand geschnitzt. Die Kleinbuchstaben werden in Leserichtung nach und nach immer kleiner; beim langen s (ſ), dem p und dem abschließenden z (ӡ) werden gar die bei diesen Zeichen üblichen Unterlängen durch deren Verkleinerung über das Niveau der Grundlinie verlegt. Im Werbetext darunter kommen dann in herkömmlichem Bleisatz zwei verschiedene, unterschiedlich fette Frakturschriften zum Einsatz, erkennbar z.B. an den individuellen Formen des großen P. Es war nicht ganz einfach, diesen eher seltenen gebrochenen Schriften auf die Spur zu kommen, aber nach einigen Anläufen und mit digital weiter optimierten Schriftproben kam ich der Bestimmung nah genug.
Insbesondere die prägnanten Formen beim P waren es, die mich zu der oben genannten Einordnung führten. Der magere Text ist wahrscheinlich in der »Hupp-Fraktur« (Otto Hupp für Klingspor, 1911) oder einer nah verwandten Variante gesetzt. Die »Hupp Fraktur« wurde 2016 von Ralph Michael Unger/RMU digitalisiert. Die fetten Textpassagen würde ich der »Fetten Mainzer Fraktur« (Berthold, 1904) zuordnen. Der normale Schnitt dieser Schrift, basierend auf einem Entwurf von Carl Albert Fahrenwaldt, erschien bereits 1901; er ist unter dem Namen »Mainzer Fraktur«, erstellt vom Schriftgestalter Peter Wiegel, seit 2010 digital verfügbar und wurde seither im Rahmen des Projekts »Unifraktur Maguntia« zu einem Unicode-gerechten Fraktur-Font weiterentwickelt.
Damit wären wir am Ende der Ergründung dieses sehr ergiebigen eingereichten Fundstücks – fast. Denn eine bei meinen Recherchen zutage getretene Information zur weiteren Generationenfolge des »Antispatz«-Erfinders Dr. Christian Adolf Bruhn möchte ich Euch nicht vorenthalten. Denn seinen Enkel »kennen« vermutlich sehr viele (ältere) Leser*innen zumindest indirekt: Es ist Hans Christian Bruhn (*1934), ein überaus erfolgreicher Komponist im Bereich Schlager und TV‑Filmmusik. Aus seiner Feder stammen u.a. die Melodien der Hits »Liebeskummer lohnt sich nicht« (Siw Malmkvist, 1964), »Marmor, Stein und Eisen bricht« (Drafi Deutscher, 1965) und »Akropolis adieu« (Mireille Mathieu, 1971). Außerdem komponierte er die Titelsongs zu den Kinder-Kult-Fernsehserien »Wickie« (1974), »Heidi« (1977), »Timm Thaler« (1979), »Captain Future« (1980) und »Patrick Pacard« (1984).
Das war doch wieder famos – von einer Vintage-Meisendose zum Soundtrack von »Captain Future« führte diesmal der Recherchepfad. Ich jedenfalls bin restlos begeistert und möchte abschließend anmerken: »Kannste dir nicht ausdenken«. 🤓 🔠 🐦⬛
Anzeige aus »Ornithologische Monatsschrift«, Februar 1913, hrsg. vom »Deutschen Vereine zum Schutze der Vogelwelt e. V.«, 1. Umschlagseite innen. | Public Domain
Nochmal ein Fundstück aus Sachsen-Anhalt, diesmal aus der schönen Kaiser- und Hansestadt Tangermünde an der Elbe. Es war nicht unbedingt die Schönheit des Schriftzuges, die mich veranlasste, das Motiv fotografisch festzuhalten, sondern seine rührend ungelenke Ausführung, die in dem zweiten, spiegelverkehrten g ihr auffälligstes Merkmal aufweist.
Die Formen der Fraktur-Buchstaben wirken eher wie aus dem Gedächtnis als nach einer Vorlage gezeichnet, die bogenförmige Grundlinie tanzt munter, die Wortabstände zwischen »Glück u. Segen« sind gerade zusammen eine rauchen gegangen und auch das S sieht ein wenig sonderbar aus. Dennoch empfinde ich keine Häme ob der handwerklichen Unzulänglichkeiten, denn ich kann mir gut vorstellen, wie die beauftragten Handwerker das Relief mit der frommen Segensbitte konzentriert, mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen, auf den Putz aufgetragen und koloriert haben. Es wirkt auf mich nicht unbedingt nachlässig oder lieblos, sondern strahlt eine gewisse hingebungsvolle Tapsigkeit aus, die durchaus Würdigung verdient.
Das prächtige Emblem ist über dem Seiteneingang des »Hotel & Restaurant ›Alte Brauerei‹« nahe der Kirche St. Stephan, angebracht. In dem Fachwerkhaus, das um 1855 neu erbaut wurde befand sich bis 1917 tatsächlich eine Brauerei – und nachdem das Gebäude im Anschluss jahrzehntelang ungenutzt blieb und zu verfallen drohte, wurde es von Vater Armin Schulze und Sohn Christian im Jahr 2010 gekauft, aufwendig saniert und durch eine moderne Brauanlage in einer angrenzenden, ebenfalls restaurierten Scheune ergänzt. Ziemlich genau 100 Jahre nach der Schließung des früheren Brauhauses begann die neue Inhaberfamilie dann, an dem historischen Ort erneut handwerklich gebraute Biere herzustellen. Das Familienunternehmen »Schulzens« umfasst neben der Brauerei, Biergarten, Hotel und Restaurant auch einen Hofladen, der neben den hausgebrauten, in Flaschen abgefüllten Bieren noch weitere (regionale) Lebensmittel und Produkte im Sortiment hat.
Natürlich habe ich als passionierter Bierliebhaber bei meinen Besuchen in Tangermünde auch schon den feinen Gerstensaft und die schmackhafte Brauhausküche probiert. Und das schöne Logo-Konzept von »Schulzens« mit der sehr wandelbaren zinnoberroten S-Initiale (Design: Claudia Besuch) mag ich auch richtig gerne.
Das klingt heute zwar wie ein bezahlter Werbebeitrag, aber der Schein trügt – es ist lediglich etwas übersprudelnder Enthusiasmus. 🤓 🔠 🍺
Als Montagsbonbon hab ich heute mal wieder ein Fundstück mit meinem Lieblingbuchstaben, dem kleinen g, anzubieten. Vor einigen Tagen stieß ich im Œuvre Alfred Hitchcocks auf einen älteren Film, der mir zwar dem Namen nach geläufig war, den ich aber noch nie gesehen hatte: »Die 39 Stufen« (»The 39 Steps«). Da passte es, dass meine Guckstimmung gerade in Richtung »Krimi« zeigte und ich streamte den Streifen. Darin wird ein Kanadier in London erst unfreiwillig in eine Spionagemission verwickelt und gerät obendrein zu Unrecht unter Mordverdacht. Auf seiner Flucht vor der Polizei führt ihn die Spur seiner lückenhaften Kenntnisse bis nach Schottland, wo er verzweifelt versucht, die Puzzleteile zusammenzusetzen und den Verdacht gegen sich zu entkräften.
Gleich beim Vorspann sprang mir dann die ebenso kuriose wie auffällige Form des kleinen g, zuerst beim Namen der Darstellerin Peggy Ashcroft, ins Auge. Interessanterweise wird dieses g dann in einer nachfolgenden Tafel bei dem Begriff »[United] Kingdom« nicht mehr genutzt. Dort findet sich eine konventionellere Variante dieses Buchstabens. Auch das große G sieht dort deutlich anders aus. Die leicht unregelmäßig ausgearbeiteten Buchstaben im gesamten Vorspann machen allesamt einen eindeutig handgezeichneten Eindruck.
Disclaimer: The images shown above are intended to give the reader a deeper understanding of the typographical, historical and cultural aspects of the topic covered in this private, non-commercial blog article. If you are the rightful owner of these images and have any concerns regarding their use, please contact me and I will remove them immediately.
Ich scheine allerdings nicht der einzige Typo-Nerd zu sein, dem diese Schriftart aufgefallen ist, deren Design perfekt ins Entstehungsjahr des Films (1935) passt. Denn bei der Recherche zu Schriftverwandten zeigte sich, dass der Schriftgestalter und emeritierte Kunstprofessor Harold Lohner (geb. 1958) exakt diesen Filmvorspann als Inspiration genutzt hat, um 2004 eine komplette Schriftfamilie mit insgesamt vier Schnitten daraus zu erstellen. Die Schrift trägt daher auch passenderweise den Namen der damaligen Produktionsfirma »Gaumont« (gegründet 1895 in Frankreich) – übrigens das älteste noch aktive Filmproduktionsunternehmen der Welt.
Die Schrift »Gaumont« kann in den Schnitten Light, Regular, Light Italic und Italic auf der Website von »Harold’s Fonts« kostenlos ausprobiert werden und ist zum Kauf im Onlineshop »Font Bros.« erhältlich.
Oben der Name mit der auffälligen g-Form aus dem Vorspann, unten derselbe Name in der »Gaumont Regular« von Harold Lohner.
Am Ende des launigen Agententhrillers gibt es natürlich einen turbulenten Showdown mit hollywoodreifem Happy End. Die Schauspielerin Peggy Ashcroft hat in dem Film nur eine – wenngleich bedeutsame – Nebenrolle. Nun ist sie hier im Beitrag noch einmal nachträglich zur (typographischen) Hauptdarstellerin dieses Films geworden. 🤓 🔠 🎬
Als »Zwiebelfisch« bezeichnet man in der Typographie einen einzelnen abweichenden Buchstaben, der versehentlich in einem Text auftaucht, welcher ansonsten in einer anderen Schrift gesetzt ist. Zum Beispiel ein Buchstabe in einer fetten »Helvetica« inmitten eines Wortes bzw. Textes, der ansonsten durchgängig in »Times« gesetzt wurde. Der typographische Abweichler muss nicht zwingend einer anderen Schriftfamilie angehören, es kann sich durchaus auch ein kursiver »Arial«-Buchstabe in einen nicht-kursiven Text in derselben Schrift verirren oder ein fetteres Zeichen in einen ansonsten magereren Text. Auch kuriose Fälle, wie irrtümlich auf dem Kopf stehende Buchstaben, sind möglich. Nicht als Zwiebelfisch gelten hingegen Zeichen, die vorsätzlich abweichen, etwa in mathematischen Texten, in denen Buchstaben, Zahlen oder Symbole in besonders gestalteter Form, wie beispielsweise alphabetische Variablen, auftauchen und die bewusst genutzt werden, um einen Text wissenschaftlich korrekt wiederzugeben.
Der Begriff stammt ursprünglich aus dem manuellen Bleisatz. In den großen hölzernen Setzkästen, in denen einst die metallenen Lettern für jede Schriftart, jeden Schnitt und jede Punktgröße, getrennt voneinander, und jeweils sorgsam alphabetisch und nach Zahlen und Zeichen sortiert, aufbewahrt und in der Druckwerkstatt für den Setzer bereitgestellt wurden, kam es immer wieder dazu, dass einzelne Bleilettern bei der »Demontage« eines Druckbogens nach dem Druck nicht korrekt einsortiert wurden oder unbemerkt ins falsche Fach fielen. Bei der nächsten Verwendung gelangten diese dann – insbesondere unter Zeitdruck, bei allzu flüchtigem Arbeiten oder aufgrund unzureichender Endkontrolle – in den nächsten gesetzten Text.
Der Begriff geht etymologisch (angeblich) auf den kleinen Süßwasserfisch Ukelei – auch Lauge oder eben »Zwiebelfisch« genannt – zurück. Da dieser aufgrund seiner geringen Größe von unter 18 cm und vieler kleiner Gräten als minderwertig galt, wurde er in der frühen Neuzeit zum spöttischen Synonym für schlechte oder nachlässige Arbeit. Eine schlampig arbeitende Setzerei nannte man im Volksmund abwertend gar eine »Zwiebelfischbude«.
Mit dem Aufkommen des Fotosatzes (1960er-Jahre) und des Desktop-Publishing (um 1985) wurden Zwiebelfische seltener, verschwanden aber nicht völlig. Auch mir selbst ist vor kurzem bei der Erstellung des Programmzettels für ein privat organisiertes klassisches Konzert in einer kleinen Dorfkirche ein solcher »Fail« passiert: Ich wollte eigentlich die Titel der Stücke kursiv formatieren, hatte aber bei der Textauswahl mit dem Cursor nicht bemerkt, dass ich den letzten Buchstaben eines zur Kursivstellung vorgesehenen Wortes nicht mit in die Auswahlmarkierung übernommen hatte. Demzufolge blieb dieser Buchstabe nicht-kursiv stehen und wurde leider auch fehlerhaft ausgedruckt. Und wann habe ich es bemerkt? Als ich im Konzert saß und den Ablauf des Musikprogramms live auf dem Zettel verfolgte. Schreck, Scham, Schusseligkeit! 🫣
Alle Textzeilen sind in der Schriftart »Palatino Italic« formatiert, bis auf das a (Pfeil), das in der nicht-kursiven »Palatino« verblieb.
Den meisten Menschen mit weniger geübtem Auge fallen viele der Zwiebelfische vermutlich gar nicht oder erst auf wiederholten Blick auf. Je stärker sich die beiden unfreiwillig vermischten Schriftarten voneinander unterscheiden, desto eher dürfte ein solcher 𝓛apsus auffallen. Oben im Bild kommt hinzu, dass sich die Formen des aufrechten a und des kursiven a – wie es bei vielen Schriften der Fall ist – auch abseits der Schrägstellung voneinander unterscheiden. Die Form des kursiven a leitet sich vom historischen Schreiben mit einer Schreibfeder o.ä. ab; damit verbunden ist auch oft der Anspruch einer höheren Schreibgeschwindigkeit. Beim zügigen Schreiben mit der Hand kann das rundliche a flüssiger und schneller zu Papier gebracht werden als das komplizierter geformte a. Es gibt noch etliche weitere Glyphen, die in der kursiven Variante eine abweichende Form zeigen. Am deutlichsten sind die Unterschiede aber bei a/a, f/f und g/g.
Bis hierhin war dieser Text lediglich eine Einleitung für das heutige typographische Fundstück der Woche, das mir vor kurzem zufällig im Internet über den Weg lief. Es stammt aus dem »U.S. Government Printing Office« (GPO, heute »U.S. Government Publishing Office«), wurde laut Wikipedia am 25. Juni 1934 – wahrscheinlich von einem dortigen FBI-Mitarbeiter – angefertigt, hat eine Größe von 8 × 13 Inch (20,3 × 33 cm), ist inzwischen weltberühmt und enthält in der Tat einen ziemlich auffälligen Zwiebelfisch.
Bei dem Druckerzeugnis handelt es sich um ein Fahndungsplakat nach dem US-amerikanischen Bandenchef, Gangster und Bankräuber John Herbert Dillinger (1903–1934). Für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters beitrugen oder gar seine Festnahme nach sich zogen, wurde eine Belohnung zwischen 5.000 und 10.000 US-Dollar ausgesetzt. Laut dem Inflationsrechner der Federal Reserve Bank of Minneapolis entsprächen diese Prämien aus dem Jahr 1934 heute Beträgen von rund 125.000 bzw. 250.000 Dollar. Die Figur Dillinger, ihre Geschichte und die Fahndung nach ihm waren 1945, 1973, 1991 und 2009 Thema von insgesamt vier Verfilmungen und inspirierten darüber hinaus Musik, Literatur und Popkultur.
»John Herbert Dillinger (…) war ein US-amerikanischer Gangster, der sich mit seiner Bande auf Bankraub spezialisierte.
Das FBI setzte auf ihn ein Kopfgeld von 10.000 US-Dollar aus (…) und erklärte ihn als erste Person überhaupt zum ›Staatsfeind Nr. 1‹. Dillinger wurde am 22. Juli 1934 beim Verlassen eines Kinos von mehreren FBI-Agenten erschossen, nachdem er von seiner Bekannten Anna Sage, der ›Frau in Rot‹, verraten worden war.«
Im untenstehenden Bild wird die Position des Zwiebelfischs nach drei Sekunden animiert gekennzeichnet (falls Ihr ihn nicht sofort selbst entdeckt). Wie der Buchstabe in der korrekten Schriftart aussehen sollte, sieht man rechts davon in derselben Zeile.
Quelle: FBI/Wikimedia Commons (farbige Version als Basis für die Abbildung dearchiviert via web.archive.org, Darstellungsqualität digital optimiert) | Public Domain
Da die Technik der Elektrofotografie (Xerografie) erst 1937 patentiert und Fotokopiergeräte nicht vor 1949 auf den Markt kamen und auch »Rubbelbuchstaben« erst seit 1961 verfügbar sind, ist davon auszugehen, dass das Plakat auf herkömmliche Weise gedruckt wurde. Bei den beiden Fahndungsfotos ist in der hochauflösenden Bilddatei zudem eindeutig ein Druckraster erkennbar:
Die Lettern der fetten Überschriften zeigen an den Rändern einen deutlichen Druckzuwachs, der die Formen ausweitet und deren Konturen abrundet. Dieser Effekt kann sowohl durch die Verteilung der Druckfarbe in den saugfähigen Fasern des Papiers entstehen als auch in Form von sog. »Quetschrändern«, die insbesondere bei Druckverfahren mit erhabenen Druckformen (Klischees) auftreten können und umso breiter ausfallen, je weicher deren Material beschaffen ist. Die extremsten Quetschränder verursachen Gummiklischees, etwa beim Stempeln, bei Tampondruck (erst seit 1968) oder beim Flexodruck (patentiert 1907), die hier allerdings nicht zum Einsatz kamen. Gegen ein manuelles Stempelverfahren beim Druck dieses Plakats spricht auch die vergleichsweise gerade und saubere Ausrichtung der Buchstaben. Bei dem Wort »WANTED« fällt allerdings der unschöne weite Abstand zwischen dem W und dem A auf, der ein Indiz dafür sein könnte, dass rechteckige bewegliche Lettern für den Druck genutzt wurden, bei denen ein professionelles »Unterschneiden« der beiden Buchstaben – also ein ästhetischeres Zusammenrücken – technisch nicht möglich war. Welches Druckverfahren jedoch genau zum Einsatz kam (ggf. auch eine Kombination mehrerer Techniken), vermag ich nicht eindeutig zu sagen.
Die beiden zum Einsatz kommenden Schriftarten für die Überschriften und den Fahndungstext lassen sich recht leicht bestimmen. Die Überschriften sind höchstwahrscheinlich in der »Cheltenham Bold Extended« gesetzt, die im Jahr 1906 vom Ingenieur und Schriftgestalter Morris Fuller Benton für American Type Founders (ATF) gezeichnet wurde. Zumindest ließen sich die Lettern in dem Poster sehr gut in Deckung bringen mit Zeichen aus einem historischen Schriftmusterbuch der Gießerei Barnhart Brothers & Spindler aus dem Jahr 1925.
Die Buchstabenabstände zwischen W und A habe ich für den Vergleich etwas optimiert.
Die Schreibmaschinenschrift hingegen lässt sich kaum einem bestimmten Hersteller zuordnen. Zur Zeit der Entstehung des Fahndungsplakates nutzten Behörden und Unternehmen in den USA oftmals robuste und verlässliche Maschinen der führenden Hersteller Remington, L. C. Smith oder Underwood. Die typische, serifenbetonte »Monospace«-Schrift mit festen Laufweiten von 10 Zeichen pro Zoll (»Pica«) oder 12 Zeichen pro Zoll (»Elite«) existiert vermutlich in so zahlreichen Varianten wie es Gerätemodelle gibt. Es ist wohl bisweilen auch üblich gewesen, dass die Plakate mit vorgegebenen Inhalten im Auftrag der US-Regierung durch externe, privat betriebene Vertragsdruckereien produziert wurden. So kursiert etwa im Netz bei seriös erscheinenden Auktionshäusern auch eine Version des Plakats mit Überschriften (ohne Zwiebelfisch!) in der »Ultra Bodoni Extra Condensed«, ebenfalls entworfen von Morris Fuller Benton (1928).
Die schwierigste Frage ist natürlich, in welcher Schriftart der Zwiebelfisch gesetzt ist. Doch eine Schrift anhand nur eines einzelnen Zeichens – und noch dazu eines so generischen wie des serifenlosen H – zu bestimmen, ist ziemlich herausfordernd. Aber ich hatte einen Verdacht …
Zur Person John Dillingers existiert in verschiedenen verlässlichen Quellen ein weiteres Fahndungsplakat, nämlich jenes, auf dem er explizit als »PUBLIC ENEMY NUMBER ONE!« gesucht wird. Auf diesem Plakat aus dem Jahr 1933 – also ein Jahr vor dem obigen veröffentlicht – sind u.a. genau diese beiden Zeilen in einer damals überaus populären fetten und serifenlosen Schrift gesetzt, nämlich in der »Franklin Gothic«. Und nun ratet, wer sie im Jahr 1902 entworfen hatte? Richtig: Schon wieder Morris Fuller Benton, von 1900 bis 1937 Design-Direktor bei American Type Founders.
»Was Bekanntheitsgrad, Bedeutung und Verbreitung anbelangt, sticht vor allem die ab 1902 produzierte Franklin Gothic hervor. Die ›amerikanische Helvetica‹ gilt (…) als der Standard schlechthin unter den US-amerikanischen Serifenlosen.«
Bei einem am selben Tag veröffentlichten Fahndungsplakat nach einem Bandenmitglied Dillingers, Lester M. Gillis, alias »Baby Face« Nelson, findet sich ein »Condensed«-Schnitt der »Franklin Gothic« bei den beiden Zeilen mit der Aufzählung seiner Spitznamen.
Das Government Printing Office gab zudem auch Schriftmusterbücher heraus, in denen das offizielle Repertoire der Schriftarten aufgeführt war, die für Regierungsdrucksachen genutzt wurden. Ich konnte zwar online kein digitalisiertes Exemplar aus den 1930er-Jahren finden, wohl aber eins aus dem Jahr 1950. In diesem »Specimens of type faces in the United States Government Printing Office« erscheint auf den Seiten 104–106 auch die »Franklin Gothic«. Somit ist klar, dass auch diese Schriftart zum offiziellen Repertoire des GPO gehörte. Auf den Seiten 170 und 171 treffen wir dann auch noch auf die eigentliche, umgebende Headline-Schriftart des Plakats, die »Cheltenham Bold Extended«.
(Übrigens versteckt sich auch ein ganz spezieller und sehr dezenter Zwiebelfisch in dem Plakat mit »Baby Face Nelson«, denn die Satzzeichen-Punkte in der »Cheltenham Bold Extended« sind gemäß der Schriftprobe in dem Musterbuch rund. Auf dem Fahndungsposter jedoch taucht im Namen des Delinquenten die Abkürzung »Lester M. Gillis« mit einem eckigen Punkt auf. Hinzu kommt, dass Gillis mit zweitem Vornamen nachweislich Joseph hieß und online keine validen Unterlagen oder Informationen auffindbar sind, die erklären können, wofür das »M.« stehen soll. Womöglich ist auch dies ein Fehler in dem Plakat. Aber das ist jetzt wirklich Nerdkram. 😬)
Nehmen wir nun das gedruckte Zwiebelfisch-H aus dem anfänglichen Fahndungsplakat und vergleichen es mit dem H aus dem GPO-Schriftmusterbuch, stimmen Proportionen, Strichstärken und Buchstabenform frappierend überein.
Von links nach rechts: das H aus dem Fahndungsplakat, das Franklin-Gothic-H aus dem GPO-Schriftmusterbuch und die übereinandergelegten Konturen der beiden Zeichen.
Mein »educated guess« wäre somit, dass sich in der beauftragten Druckerei versehentlich ein »Franklin-Gothic«-H in den Setzkasten mit den gleich großen »Cheltenham Bold Extended«-Lettern verirrt hatte und es so als einer der bekanntesten Zwiebelfische der Kriminalgeschichte in die typographischen Annalen geschafft hat.
Auf das Montagsbonbon dieser Woche stieß ich bei einem Wochenmarkt-Ausflug in den Stadtteil Rahlstedt im Norden Hamburgs. Direkt am dortigen (Bus-)Bahnhof erblickte ich diese Beschriftung an einem lokalen Lederwarengeschäft und die besondere Optik der Buchstaben katapultierte mich sofort zurück ins Jahr 1987, als ich in einer Siebdruckerei bei Hannover mein erstes Grafik-Design-Praktikum absolvierte. Ein zentrales Arbeitswerkzeug bei der Herstellung von Druckvorlagen war damals die Reprokamera, und nachdem ich von einem erfahrenen Kollegen sowohl eine Einweisung in die Bedienung des riesigen Standgerätes als auch eine Schulung in der Reprofotografie, inklusive Entwicklung der belichteten Papier- und Film-Abzüge bekommen hatte, wurde ich nicht selten damit beauftragt, schwarzweiße Druckvorlagen auf die gewünschten Abbildungsmaße zu vergrößern oder zu verkleinern.
Wenn eine Vorlage – etwa ein Firmenlogo, eine Illustration oder ein Schriftzug – sowohl von den Auftraggeber*innen nur sehr klein angeliefert wurde und kein besseres Original zur Verfügung stand als auch für das finale Druckmotiv um mehrere hundert Prozent vergrößert werden musste, entstand durch die Grenzen der Kameraoptik und die scharfe schwarz-weiß-Tontrennung des Fotomaterials genau jener etwas »seifige«, abgerundete Look bei den Druckvorlagen wie auf der grünen Banderole an dem Lederwarengeschäft. Auch akribischstes Scharfstellen der Kamera konnte dies bei derart extremen Vergrößerungen nicht verhindern. Manchmal wurden die schlimmsten Detailverluste auf dem entwickelten Fotomaterial mit speziellen Zeichenstiften und -tinten ausgebessert, aber was bereits in der angelieferten Vorlage an Details nicht vorhanden war, konnte auch auf diese Weise nicht verlässlich rekonstruiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch der »Niederstadt«-Schriftzug einst auf diese Weise auf das mehrere Meter breite Format der Außenwerbung hochskaliert wurde.
Ein ähnlicher Effekt entsteht auch, wenn eine vergrößerte Fotokopie erneut (ggf. mehrmals) fotokopiert und vergrößert wird. Man kann den so entstehenden grafischen Effekt, der eine gewisse Retro-Anmutung hat, auch ganz bewusst einsetzen, wie es in einem Beitrag vor einigen Wochen bei einer von mir gestalteten Illustration gemacht wurde.
Update: Ein Leser (User slowtiger auf Mastodon) ergänzte noch sehr richtig, dass auch der bekannte britische Designer Neville Brody im Jahr 1992 einen ähnlichen Effekt mithilfe einer Reprokamera zur Gestaltung einer seiner Schriftarten nutzte. Die abfotografierte Vorlage war einwandfrei und detailreich, aber Brody stellte die Optik der Kamera bewusst unscharf. Aus den so entstandenen weich und verschwommen wirkenden Formen des Abzuges, die trotzdem kontraststark und rein schwarzweiß waren, wurde dann die Schriftart »FF Blur« erstellt. Als Vorlage nutzte Brody wahrscheinlich den Zeichensatz der »Akzidenz Grotesk«.
Aufgrund der »rundgelutschten« Buchstabenformen ist es hier auch schwierig, die genutzte Schriftart – sofern es eine kommerzielle Vorlage gibt – zu identifizieren. Die erste Eintragung des Geschäfts ins Hamburger Handelsregister unter dem Namen »Hermann Niederstadt Offenbacher Lederwaren« stammt vom 16. Dezember 1949. Eine Schreibschrift-Type, die entfernt ähnlich aussieht, ist die »Brush (Script)« von Robert E. Smith, die im Jahr 1942 für American Type Founders entworfen wurde. Die Ähnlichkeit kann man noch etwas dichter an die Ladenbeschriftung heranpeitschen, indem die Zeichen nachträglich horizontal gestaucht werden. Soll man als gewissenhafter Designer eigentlich nicht machen, ich weiß, aber zur Verdeutlichung sei hier einmal eine Ausnahme gestattet.
Ich finde, bis auf den Anfangsbuchstaben N ist die Möglichkeit, dass die »Brush Script« eine Inspiration für den Schriftzug gewesen sein könnte, nicht von der Hand zu weisen.
Der Laden ist nach wie vor geöffnet und hat eine – ebenfalls etwas antiquiert aussehende – Internetpräsenz. Aber so ist das halt mit traditionsreichen inhabergeführten Fachgeschäften und ihrer manchmal etwas angestaubt wirkenden Aura. Ich denke, wir sollten froh sein, dass es hin und wieder, auch abseits von Amazon, Temu und Co., immer noch ein paar davon gibt. 🤓 🔠 👜