verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Handwerkskunst (Seite 1 von 7)

In dieser Rubrik wurde Schrift nicht zweidimensional gedruckt, gemalt oder aufgeklebt, sondern gemeißelt, geschmiedet, gefräst oder gelasert. Und das hat sichtbaren Einfluss auf ihre Formgebung.

31.08.2026

Als Montagsbonbon zeige ich heute einen »Regelbruch« der gekonnteren Art. Wenn es um die Auszeichnung bei Texten in Frakturschrift geht – also das optische Hervorheben einzelner Wortteile, Wörter, Satzteile oder Sätze – sind die Möglichkeiten ohnehin eingeschränkt, da gebrochene Schriften zum Beispiel fast nie über kursive Schnitte verfügen. Vom Unterstreichen von Text ist typographisch (nicht nur bei Texten in Fraktur) ebenfalls eher abzuraten, denn automatische Funktionen in Textverarbeitungsprogrammen setzen die Linie oft zu nah unter die Grundlinie, durchkreuzen Unterlängen (wie etwa bei g, j, p, q, y) und stören insgesamt den Lesefluss, auch wenn sie grafisch einfühlsamer platziert und gestaltet sind. Bei online veröffentlichten Texten kommt hinzu, dass Unterstreichungen fast immer für anklickbare Links stehen und ein »funktionsloser« unterstrichener Text somit für Irritationen bei den User*innen sorgen kann. Eine vertretbare Möglichkeit besteht in der Nutzung eines fetten Schriftschnittes für die auszuzeichnenden Textteile. Sollte die gewählte Type keinen fetten Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie beinhalten, war es durchaus üblich, eine zweite fette Schriftart hinzuzuziehen, wie es in dem Werbemotiv vom vergangenen Freitag der Fall war, wo die leichtere »Hupp-Fraktur« mit der »Fetten Mainzer Fraktur« kombiniert wurde.

Unbehagen unter Typographen löst gemeinhin die durchgängige Großschreibung (Versalsatz) zur Textauszeichnung aus. Bereits bei Nicht-Frakturschriften sind solche Passagen schwerer lesbar und stören HARMONIE UND FLUSS des Textes, da sie deutlich größer und schwerer als Kleinbuchstaben wirken. Abhilfe schaffen kann hier (bedingt) die Verwendung sogenannter Kapitälchen, im Idealfall mithilfe eigens gestalteter (nicht rein algorithmisch skalierter!) Großbuchstaben in zwei verschiedenen Größen – eine für die orthographisch korrekt groß geschriebenen Anfangsbuchstaben und eine für die Kleinbuchstaben. Weil aber im Versalsatz immer die typischen Konturen und die Unter- und Oberlängen kleiner Buchstaben zur Orientierung des Auges fehlen, sind Versaltexte generell schwerer lesbar. Und last not least werden in Großbuchstaben gesetzte Texte als »laut« oder »geschrien« empfunden, wie ein leider allzu bekannter, launenhafter Weltmachtpräsident auf seinem hauseigenen Social-Media-Kanal nicht müde wird, zu demonstrieren. Am augenquälendsten jedoch wirkt ausschließlich in Versalien gesetzter Text bei den oft stark verzierten SCHREIBSCHRIFTEN und 𝔉ℜ𝔄𝔎𝔗𝔘ℜ𝔖ℭℌℜℑ𝔉𝔗𝔈𝔑.

»Ein ausschließliche Versalschrift verbietet sich generell bei den gebrochenen Schriften, da sie im Zusammenspiel mit den Minuskeln geschaffen wurden und nur mit diesen zusammen ein harmonisches Schriftbild ergeben.«

Quelle: typographie.info – »Gebrochene Schrift«

»Bei der Schriftgattung der Gebrochenen Schriften, z.B. bei der Fraktur, ist Majuskelsatz nahezu unlesbar. Deshalb vertraten renommierte Typografen und Lehrer (…) die Auffassung, dass ›Versalsatz in Gebrochenen Schriften grundsätzlich bei guter Typografie ausgeschlossen werden muss‹.«

Quelle: typolexikon.de – »Majuskel«

Dennoch stieß ich bei meinen Recherchen zur Schrift »Fette Mainzer Fraktur« in einem Schriftmusterheft der H. Berthold AG von 1908 auf eine (dekorativen Zwecken dienende) Abkehr von dieser Empfehlung. Aufgrund des herausgebenden Unternehmens – einer historischen Instanz für professionelle Schriftgestaltung – darf man wohl davon ausgehen, dass die dortigen Autoren und Setzer sehr wohl wussten, was sie taten und die übliche typographische Konvention hier ganz bewusst außer Acht ließen.

Die reich verzierten Buchstaben entstammen dem Repertoire der »Mainzer Initialen«, die für gewöhnlich – wie auch in dem Musterbuch demonstriert – als einzelne Schmuckelemente beim jeweils ersten Buchstaben eines Textabschnitts eingesetzt wurden. Im Bild kann man sehr schön sehen, dass die druckenden Formen der Bleilettern ohne zusätzlichen Abstand* zum unterliegenden quaderförmigen Korpus des Schriftkegels angelegt sind, sodass sich die Initialen quasi nahtlos ins Satzbild einfügen oder, wie hier, lückenlos aneinander platzieren lassen.

Die »Mainzer Initialen« wurden 2023 vom Schriftgestalter Ralf Herrmann in digitalisierter Form bei FDI veröffentlicht. Bei diesem Font lassen sich – im Gegensatz zu den historischen Bleilettern – Zeichenfüllung, Ornamentkontur und Ornamentfüllung separat einfärben, was natürlich ungleich vielfältigere Möglichkeiten zur Gestaltung der Initialen zulässt. Zehn vorgegebene Farbpaletten mit je drei Farben sind vorgefertigt als OpenType-SVG-Fonts enthalten; die Farben können aber nach Wunsch in CSS oder per Bearbeitung in Desktop-Designprogrammen auch beliebig editiert werden.

Als kleines Typo-Rätsel lasse ich das so gesetzte Wort hier bewusst ohne »Übersetzung«. Könnt Ihr es lesen? 🤓 🔠 👁️ ❓


* Eine solche Randzugabe auf der linken und rechten Seite des druckenden Zeichens nennt man im Bleisatz auch »Fleisch«. Interessierten Leser*innen empfehle ich auf Wikipedia den Artikel »Letter«, wo anhand einer Illustration die Elemente einer Bleiletter fachlich korrekt beschriftet dargestellt sind.

10.08.2026

Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, wie »schlampig« wir Menschen manchmal unsere Umgebung wahrnehmen. Das nachträgliche falsche Erinnern von Details oder das unbewusste Hinzuerfinden von vermeintlich real erlebten Erlebnisfragmenten (auch »Erinnerungsverfälschung« genannt), wie man es etwa bei polizeilichen Befragungen von Zeugen beobachten kann, gehört ebenso dazu wie das verwunderliche Übersehen von Dingen in unserem direkten Umfeld, die eigentlich unübersehbar sind.

So etwas passierte mir in diesem Frühjahr, als ich mich Anfang Mai mal wieder einmal für eine Woche Kurzurlaub in Trier aufhielt. Die wunderschöne, ebenso zentral wie ruhig gelegene Ferienwohnung bewohnte ich auf dieser Reise bestimmt schon zum sechsten oder siebten Mal. Ich kannte alle Räume in- und auswendig und es war auch in all den Jahren seitens der Vermieter*innen nichts an der geschmackvollen und gepflegten Einrichtung und Ausstattung verändert worden. Und doch bemerkte ich jetzt zum ersten Mal einen Dekorationsgegenstand im Wohnzimmer auf einem gepolsterten »Sitzwürfel« neben dem Sofa: einen alten Setzkasten mit original Bleilettern in verschiedenen Größen.

Jetzt endlich schaute ich aber einmal etwas genauer hin – wollte ich doch wissen, was es mit dieser schönen typographischen Antiquität auf sich hatte. Der Kasten enthält offenbar Schriftsätze in fünf verschiedenen Größen: Der größte nimmt die ersten sechs Reihen ein, der zweitgrößte und drittgrößte jeweils die folgenden vier. Die beiden kleinsten verfügen über deutlich mehr Exemplare pro Schriftzeichen und belegen daher zwölf bzw. neun Reihen. Am Fuß des Kastens gibt es noch ein Fach mit nicht einsortierten Lettern und mit nicht druckenden Elementen, die zum Ausfüllen freibleibender Leerstellen in der fertig gesetzten Druckform genutzt wurden, sogenanntes »Blindmaterial«.

Mit etwas Bildbearbeitung konnte ich aus dem Foto tatsächlich eine Buchstabenprobe entnehmen, die ich zu einem positiven und seitenrichtigen schwarzweißen Schriftmuster umbauen konnte. Damit ließ sich nun auch die Schriftart gut bestimmen. Die Besonderheit der feinen Groteskschrift ist es, dass die eigentlichen Zeichen nicht druckend ausgespart und von einer dünnen Kontur umgeben sind, die diagonal nach links unten in einen »Schatten« ausläuft, wodurch ein dekoratives, dreidimensionales Schriftbild entsteht. Es leuchtet ein, dass eine solche Schrift nicht genutzt wurde, um (längere) Lesetexte zu setzen, sondern eher bei Überschriften, Werbeanzeigen, Plakate oder Einladungskarten zum Einsatz kam.

Die Veröffentlichung der Schriftart kann zwar auf das Jahr 1935 datiert werden, aber es gibt in der Tat zwei sehr ähnliche Kandidaten aus demselben Jahr, die sich nur minimal unterscheiden und bei zwei verschiedenen Schriftgießereien erschienen. Das »Original« stammt laut verlässlicher Quellen aus der Schriftgießerei C. E. Weber in Stuttgart, trägt den Namen »Neon« und wurde von einem Gestalter namens Willy Schaefer gezeichnet.

Im gleichen Jahr brachte eine Schriftgießerei in Madrid unter dem Namen »Imán« (span. »Magnet«) quasi eine »Coverversion« dieser Schrift heraus. Der Gründer des Hauses, der »Fundición Tipográfica Richard Gans«, war – wie sein Name schon vermuten lässt – kein gebürtiger Spanier, sondern der Sohn eines Arztes aus Karlsbad (Österreich). 1874 wanderte er nach Spanien aus und gründete dort 1888 seine Gießerei, die unter wechselnder Führung, zuletzt von Gans’ Tochter Amalia, bis 1975 im Geschäft blieb. Vor 1925 kreierte die Gießerei nahezu keine eigenen Schriftarten, sondern übernahm Entwürfe deutscher Gießereien. In späteren Jahren veröffentlichte das Haus auch eigene Designs, sowohl von extern beauftragten als auch von angestellten Gestaltern, darunter auch einer der beiden Söhne des Gründers, Ricardo Gans. Auf der Website des »Richard Gans Heritage Project«, mit initiiert von Gans’ Enkel José Antonio, gibt es einen interessanten Überblick über das Leben und Wirken des Gründers und der von ihm veröffentlichten Schriften.

»Founded in 1881, the foundry became a cornerstone of Spanish printing history, shaping visual culture across Spain, Portugal and Latin America. Its typefaces played a significant role in the development of modern typography in the Spanish-speaking world, leaving a lasting imprint on publishing, advertising and graphic design.«

Quelle: Richard Gans Heritage Project – richardgans.xyz

Schaut man im obigen Bild mit den drei gegenübergestellten Schriftproben etwas genauer auf die Punzen (Binnen-Öffnungen) in den Buchstaben B, D und R, spricht deren Größe dafür, dass die Bleilettern in dem Trierer Setzkasten zur Schriftart »Neon« gehören. Auch die minimal feinere Strichstärke der weißen Buchstabenformen passt zu dieser Annahme.

Die »Imán« wurde 2016 vom galizischen Designer Manuel Lage digitalisiert und als preiswerte kommerzielle Schriftart erhältlich. Hinweise auf eine Digitalisierung des Originals, der »Neon«, konnte ich nicht finden.

Es gibt einige Initiativen und Museen in Deutschland, die mir bekannt sind, welche sich bemühen, die Vielfalt und das Erbe der historischen Druckkunst zu bewahren und nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. So etwa die experimentelle Buchdruckwerkstatt Hacking Gutenberg in Berlin, gegründet vom »Schriftenpapst« Erik Spiekermann oder die Museumsdruckerei Hoya „Zwiebelfisch“ e.V. – eine Adresse, auf die mich kürzlich ein Blogleser aufmerksam machte.

Denn obwohl es erfreulich ist, dass alten Setzkästen nach ihrer Ausmusterung ein zweites Leben als dekorative Wohnaccessoires geschenkt bekommen, aber wie der heutige Beitrag zeigt, können mit etwas mehr historischem Kontext und typographischem Hintergrundwissen daraus richtig spannende Artefakte werden. 🤓 🔠 💡

26.06.2026

Weil der Montagsbeitrag diese Woche schon so ausführlich war, wird die Besprechung des typographischen Fundstücks am Freitag nun etwas kürzer ausfallen. Das liegt aber auch daran, dass es sehr schwierig war, zu dem Gebäude, an dem sich der Schriftzug befindet, historische Details ausfindig zu machen. Insbesondere zu der benannten Bäckerei erbrachte meine Recherche so gut wie nichts. Das tut der Schönheit dieser Inschrift aber keinen Abbruch.

Entstanden ist das Foto am Haus Fischmarkt 11 in Regensburg. Außer einem Eintrag in der Liste der Baudenkmäler des Bayr. Landesamtes ist die Faktenlage dünn. Es gibt keine alten Fotos, Ansichtskarten, Werbeanzeigen oder Informationstexte zur Gründung oder Geschäftsaufgabe der alten Bäckerei.

»Eckhaus, 16./17. Jh., (…) 1892 wurde das Haus um das 3. OG aufgestockt und mit einer neubarocken Fassadengliederung versehen, die sich im Stil an das östliche Nachbargebäude anzugleichen versucht, dabei aber wesentlich sparsamer ausfällt. Gleichzeitig mit dem Umbau 1892 dürfte der Ladenvorbau im EG entstanden sein, der vom 1. OG aus als Altane [balkonartiger Vorbau am oberen Geschoss eines Hauses] benutzt wurde.«

Quelle: Borgmeyer, Anke, Achim Hubel Andreas Tillmann u. a.: »Denkmäler in Bayern«, Bd. 3/37, Stadt Regensburg (1997).

Das Zitat wurde mir freundlicherweise zugespielt über ein Mitglied der öffentlichen Facebook-Gruppe »Regensburg in alten Bildern«, in der ich nach Details zu dem Gebäude gefragt hatte. Eine andere Userin hatte noch eine Anmerkung zum dortigen Gewerbebetrieb:

»Ca. 1952–1973 gab es diese Bäckerei. 1869–1873 war eine Schankwirtschaft mit dem Namen ›Zu den drei Königen‹ am Fischmarkt 11 beheimatet. Ich denke, der Name leitet sich davon ab.«

Quelle: Facebook-Kommentar

Sollte es stimmen, dass die Bäckerei erst 1953 eröffnete, ist die Formgebung der Schrift, die deutliche Einflüsse des Jugendstils erahnen lässt, um so interessanter. Vielleicht wollte man ja damit dem Stil des Hauses Rechnung tragen. Möglich ist aber auch, dass eine (weitere?) Bäckerei dieses Namens bereits viel früher eröffnet wurde.

Dass die Buchstaben individuell gezeichnet wurden, ist auch an den drei leicht unterschiedlichen Vorkommen des kleinen e ablesbar. Als nähere Verwandte der genutzten Schriftart mit ihrem originell das Bäckerhandwerk zitierenden, brezelförmigen B, würde ich die »Carola-Grotesk« sehen. Sie stammt vom Schriftgestalter Hermann Hoffmann und wurde bei der H. Berthold AG im Jahr 1896 veröffentlicht. Die Jahresangabe passt somit ziemlich gut zu den oben erwähnten Baumaßnahmen am Gebäude, die offenbar anlässlich der erstmaligen gewerblichen Nutzung vorgenommen wurden.

Vielleicht lesen ja hier auch Regensburger mit, die noch weitere Hinweise beisteuern können. Dann gerne her damit! 🤓 🔠 🥨

24.06.2026

Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.

Leider konnte ich selbst keine Aufnahme von der Leuchtreklame bei Nacht machen, aber auf der Website »FILM NEWS BAYERN« des FilmFernsehFonds Bayern findet sich ein Beitrag zur Geschichte dieses Lichtspielhauses und der Menschen hinter dessen Kulissen, der mit einem nächtlichen Foto der Kinofassade bebildert ist.

»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«

Quelle: FILM NEWS BAYERN – »Neuer Glanz mit altem Charme«

An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.

Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿

19.06.2026

Auch bei der Ergründung der Geschichte des heutigen Fundstücks haben mir Digitalisate historischer Hamburger Adressbücher wieder gute Dienste geleistet. Fotografiert habe ich dieses edle Buchstabenrelief an der Fassade eines Hauses in Hamburg-Altona an der heutigen Adresse Bernstorffstraße 143.

Der ungewöhnliche und eher seltene Nachname des Firmeninhabers machte es vergleichsweise einfach, Informationen zu sammeln, obgleich eine herkömmliche Suchmaschinenanfrage nur sehr spärliche Fakten erbrachte. Zum Gebäude kam immerhin zutage, dass das lichtblaue Etagenhaus in den Jahren 1865/1866 erbaut wurde und in der »Liste der Kulturdenkmäler in Hamburg-Altona-Altstadt« aufgeführt wird.

Der Inhaber, August Bluthardt, wird in den alten Hamburger Adressbüchern bis einschließlich 1911 als angestellter Prokurist bei der Firma »Paulsen
Bohde Nfg. [= Nachfolger], Eisenguss- und Tonwaren, Heizungs­verklei­dungen« geführt. Ab 1912 erscheint er dann in weiteren Registern namentlich als Einzelinhaber eines eigenen Unternehmens mit dem Geschäftsfeld »Öfen u. Herdlager-Dauerbrand-Öfen, Majolika [farbig glasierte Tonwaren, vgl. Wikipedia], weiße Schmalzkacheln, Herd- u. Wandplatten, sämtliche Ofenersatzteile, Baumaterial«. Bei den »Schmalzkacheln« scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln, denn diese Vokabel konnte ich im Feld des Ofenbaus nirgends antreffen, wohl aber tauchen »Schmelzkacheln« bei den textlichen Beschreibungen historischer Öfen in Museen auf. Ab 1921 findet sich dann in den Verzeichnissen die Firmierung »Aug. Bluthardt & Co. G. m. b. H«, die im Anschluss dann wohl in gekürzter Form, wie im Foto zu sehen, am Gebäude angebracht wurde.

Diese Zeitangabe deckt sich auch mit meiner Vermutung, wo die Ursprünge der für die Beschriftung genutzten Schriftart liegen könnten. Eine der Schriften, die sich überraschend gut mit den weißen dreidimensionalen Lettern in Deckung bringen ließ, ist die »Gotham« von Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan, entstanden 2000–2002 für die Hoefler Type Foundry (HTF). Weltbekannt wurde die Schrift im Jahr 2007, als das Wahlkampfteam um Barack Obama sie zur Schriftart für seine Präsidentschaftskampagne erkor. Das ikonische »HOPE« Poster mit dieser Schriftart kennt wohl noch fast jede*r. Die Ursprünge einer ganzen Gruppe alter Schriftzüge, welche die Schriftdesigner zu dieser modern anmutenden Grotesk-Familie inspirierten, sind jedoch fast 100 Jahre früher zu suchen. Auf der Website Jonathan Hoeflers findet sich dazu unter der Überschrift »The History of the Gotham Typeface« ein ausführlicher, sehr lesenswerter Artikel.

»Gotham was inspired by a style of bold capital letters that evolved outside the typographic tradition in the early twentieth century, common to lithographed posters, enamel signs, and commercial facades throughout New York City.«

Quelle: myfonts.com – »Gotham – about this font«

Ich habe den Text des Schriftzuges aus dem Foto einmal in der »Gotham Bold« nachgesetzt und farbig markiert, wo ich nachträglich grafisch noch etwas »umbauen« musste, damit die Zeichen ungefähr in Deckung kommen. Die einzige Glyphe, die komplett andersartig ausfällt, ist das »&«-Zeichen. Dessen leicht ausgezogene Ecken in dem fotografierten Relief, die deutlich anders anmuten als die Buchstaben mit ihrer nüchternen Linienführung, lassen jedoch ohnehin vermuten, dass dieses Zeichen bereits zur Zeit der Anbringung der Beschriftung aus dem Repertoire einer separaten Schriftart hinzugefügt wurde.

Wie ging es dann weiter mit dem Ofengeschäft August Bluthardts? 1929 taucht ein neuer Inhaber der Ofenhandlung in den Adressbüchern auf – ein gewisser Carl Mollwitz führt nun die Geschäfte. Zwischen 1943 und 1950 wurde die Adresse der Niederlassung geändert – ohne dass ein Umzug erfolgte. Zur Zeit der Gründung hieß die Straße noch »Adolphstraße« (oft auch »Adolfstraße«). Ab 1950 wird das Unternehmen dann in den Branchenbüchern unter dem neuen Straßennamen »Bernstorffstraße« gelistet, obwohl die Umbenennung laut einigen Quellen bereits einige Jahre früher stattfand:

»Bereits in der NS-Zeit wurde die Bernstorffstraße als neuer Straßenname (alter Straßenname: Adolfstraße, benannt 1857 nach Hans Adolph Wieck, Bauunternehmer, (…) in der Liste ›Umbenannte Straßen‹ aufgeführt. Die Liste wurde im Hamburger Adressbuch von 1943 veröffentlicht und listet alle in der NS-Zeit umbenannten Straßen auf, auch diejenigen, bei denen die konkrete Umbenennung noch nicht vollzogen wurde.«

Quelle: hamburg-strassennamen.de – »Bernstorffstraße«

Als Namensgeber der umgetauften Straße werden in derselben Quelle die dänischen Staatsminister Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff (1712–1772) und Andreas Peter Graf von Bernstorff (1735–1797) genannt.

Nach 1957 übernimmt dann laut der Brancheneinträge eine »Frau L. Mollwitz« die Leitung, vermutlich die Ehefrau des Inhabers. Dessen Name taucht jedoch bis 1968 weiterhin als Mitarbeiter auf. 1974 gibt es erneut einen innerfamiliären Wechsel: Der neue Name des Inhabers lautet jetzt Georg Mollwitz. Es ist plausibel, anzunehmen, dass der Staffelstab der Firmenleitung an die jüngere Generation weitergereicht wurde, aber eindeutige Informationen dazu fand ich nicht, insofern könnte es eventuell auch ein Bruder oder sonstiger Verwandter sein.

Im »Wirtschafts- u. Firmenhandbuch Hamburg + Schleswig-Holstein Ausgabe Großraum Hamburg 1976/77« erscheint der Eintrag des Unternehmens zum letzten Mal. Ich vermute, dass der Einzug moderner Zentralheizungen und platzsparender elektrischer Küchenherde den Traditionsbetrieb vom Markt verdrängt hat. Was blieb, ist dieser kunstvoll gefertigte Schriftzug an einem alten Haus in Hamburg Altona. 🤓 🔠 🏠

17.06.2026

Ein Typo-Schnappschuss am Mittwoch, eingefangen in der Stralsunder Frankenstraße. Links und rechts neben dem Eingang des denkmalgeschützten historischen Altstadthauses befinden sich diese beiden Werbetafeln für eine einst hier ansässige Kohlenhandlung.

Wie schon oft hier im Blog, lassen die Schriftformen auf eine Entstehung der Tafel Ende des 19. bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts schließen. Obwohl es auch viele Abweichungen im Detail gibt, wie etwa die oben abgeschrägten Senkrechten bei d, h und l oder die Form des a, weisen die Gesamt­anmu­tung und die prägnanten spitzwinkligen Bögen – insbesondere bei P, u und n – große Ähnlichkeit mit der Schrift »Ronaldson Gothic« auf (American Type Founders, 1892). Diese Schrift ist auch unter den Namen »Mediaeval-Grotesk« (in Schrift­muster­büchern der Gießereien Stempel sowie Ludwig & Mayer) und »Mediaeval-Steinschrift« (bei Schelter & Giesecke) zu finden. Ihre Urheberschaft im Jahr 1889 wird William W. Jackson zugeschrieben.

Eine kostenfrei nutzbare, digitalisierte Version der Schrift steht auf der Website des autodidaktischen Schriftgestalters Peter Wiegel zum Download zur Verfügung. 🤓 🔠 🪵

04.06.2026

Manchmal sind typographische Fundstücke sogar essbar. Wie zum Beispiel die Dutzenden Lebkuchenherzen in allen möglichen Größen und mit ’zig verschiedenen ein- und mehrzeiligen Botschaften, die natürlich auch auf der Regensburger Dult an den Naschwerkbuden feilgeboten wurden. Angesichts des so reichlichen Sortiments fragte ich mich, ob die Beschriftungen auf den Gebäckstücken tatsächlich allesamt noch von Hand aufgebracht werden oder ob nicht längst in hoch technisierten Lebkuchenherzfirmen Roboterarme das Dekor pseudohandschriftlich mit Spritzdüsen darauf kalligraphieren.

Und wie immer hatte das Internet eine Antwort darauf. Es ist tatsächlich alles noch Handarbeit. Es gibt sogar einige käufliche Schriften, die versuchen, die saftige Verspieltheit dieser Zuckergusstexte zu reproduzieren. Einer der gelungensten Fonts, den ich dazu finden konnte, ist »Watermelon Sugar« von Fikryal Studio. 🤓 🔠 💝 ✍️

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27.05.2026

Zwischendurch noch ein schönes Fundstück aus Hamburg St. Pauli – genauer gesagt, aus dem dortigen Karolinenviertel. Dieses Objekt ist mal wieder ein schöner Beweis dafür, dass es sich bei Streifzügen durch Straßen und Stadtviertel durchaus lohnt, auch mal den Blick nach oben zu richten und nicht nur bis kurz über die eigene Augenhöhe auf das Umfeld zu achten.

In etwa dreieinhalb Metern Höhe erspähte ich so dieses wunderbare Steinrelief über dem Eingangsportal an einem Gründerzeitbau, der einst als Schulgebäude diente.

Interessant ist, dass die zweizeilige Inschrift ohne Bindestrich angelegt ist. Die Schrift erinnert mich tatsächlich ein wenig an die Schulschreibschrift, die auch ich als Kind in den 1970er-Jahren während meiner Grundschulzeit erlernte.

Aber was kann uns das Netz über dieses Gebäude – hier eine Komplettansicht der Fassade – an der Adresse Laeiszstraße 12 erzählen?

»Die Schule Laeiszstraße im Hamburger Stadtteil St. Pauli wurde 1862 für die Armen- und Freischule Laeiszstraße (kurz Armenschule Laeiszstraße) erbaut.

Die Entwürfe stammten vermutlich von Franz [Gustav] Forsmann. Das Jahr 1862 gilt auch als offizielles Gründungsjahr der Schule. 1905 wurde das Gebäude nach Plänen von Albert Erbe umgebaut, dabei blieben die ursprünglichen Achsmaße erhalten. Ein Neubau nach Planung des Hamburger Hochbauamtes kam 1967 hinzu. (…) Zum Schuljahresbeginn 2006/2007 wurde die Grundschule (…) dauerhaft geschlossen. Danach wurde das Gebäude zwischenzeitlich als Standort der Grundschule Sternschanze genutzt. Mit Stand 2020 ist dort die Beratungsabteilung des Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ) Mitte ansässig. Schule und Turnhalle stehen unter Denkmalschutz.«

Quelle: Wikimedia Commons – »Schule Laeiszstraße«

Auch, was es mit dem Begriff »Armenschulen« auf sich hatte, speziell im Kontext mit dieser einen, ist wissenswert:

»Erst im Jahr 1870 wurden in der Freien und Hansestadt Hamburg, einem Teilgebiet des künftigen Deutschen Reiches, Volksschulen und die Schulpflicht eingeführt. Umso bemerkenswerter ist es, dass die heutige Grundschule im Karolinenviertel, Laeiszstraße 12, bereits acht Jahre vor Einführung der Schulpflicht als ›Zweite Armenschule von St. Pauli‹ im Jahr 1862 auf Initiative des Abgeordneten Johannes Halben gegründet wurde, zunächst in einem kleinen Gebäude mit begrenzter Anzahl an Klassenräumen.
Die Bezeichnung ›Armenschule‹ oder ›Freischule‹ bedeutet, dass diese Schulen kein Schulgeld verlangten, was in privaten Einrichtungen sonst selbstverständlich war.«

Quelle: Olga Wewerka, »Alfred Lichtwark. Persönlichkeit und Werk im Kontext der deutschen und tschechischen Kultur«. Doktorarbeit, Philosophische Fakultät der Karls-Universität Prag, S. 116 (Zitat ins Deutsche übersetzt).

Wie die Quelle dieses Zitats erahnen lässt, steht auch ein berühmter – wenngleich nicht gebürtiger – Hamburger mit dieser Schule in Verbindung:

»Einer der ersten Schüler der Einrichtung war der spätere Direktor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark

Quelle: Uwe Schmidt: »Hamburger Schulen im ›Dritten Reich‹«, Bd. 2 (Anhang), S. 810

So schnell kann’s gehen – einmal kurz den Kopf gehoben und – zack! – wieder was über Hamburg gelernt.
🤓 🔠 🏫

25.05.2025

Aus Trier kommt das heutige typographische Montagsbonbon, und zwar in Form eines schnittigen Neonschriftzuges am »Stahlwarenhaus Schmelzer«. Küchen-, Koch-, Taschen- oder Sammlermesser sucht, ein Maniküreset oder sonstige Haushaltswaren wie Gläser, Kochgeschirr oder Küchenwerkzeuge, wird nach eigenen Angaben bei diesem Familienunternehmen fündig. Tatsächlich gibt es dieses Geschäft – in den Gründerjahren vermutlich mit einem etwas überschaubareren Sortiment und noch ohne den leuchtenden Namen an der Fassade – bereits seit 1734.

»Das Stahlwarenhaus Schmelzer in Trier wird bereits in der neunten Generation von unserer Familie geführt, kann auf über 285 Jahre Unternehmensgeschichte zurückblicken und zählt damit zu den ältesten Fachgeschäften Deutschlands. Der Name Schmelzer wird in der städtischen Chronik Triers sogar schon 1552 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.«

Melanie Schmelzer auf der Website der Messermanufaktur Böker

Wieder einmal, wie oft bei derartigen Klassikern aus der Blütezeit der Neon-Lichtwerbung, begeistern die einzelnen Buchstabenformen mit feinen Details: Die teilweise doppelt angelegte, gerade Basis des 𝑆. Die oben leicht begradigte Form der 𝑙-Schlaufe, die mich tatsächlich an eine Messerklinge erinnert. Der gekonnte Übergang mit gebogenem Auf- und waagerechtem Querstrich von dort aus zum 𝑧, das zudem oben links eine Art kleine Serife aufweist, die dann im 𝑟 ein formales Echo findet.

Ich schmelze dahin … 🤓 🔠 🔪 🤩

19.05.2026

Es verdichtet sich bei mir allmählich das Gefühl, dass ich um so mehr typografische Fundstücke auf meinen Wegen, Reisen und Ausflügen erspähe, je mehr ich hier im Blog poste. Deshalb werde ich in dieser Woche die »Schlagzahl« noch einmal ein bisschen erhöhen und jeden Tag ein Typo-Häppchen servieren.

Das heutige stammt auch wieder aus Trier. Nach einem Einkauf nahe dem Trierer Hauptmarkt sah ich zufällig durch einen Torbogen (Pfeil im unteren Bild) dieses schöne Hausnummern-Relief an einem Eingang im Hof des Gebäudekomplexes der Markt- und Stadtkirche St. Gangolf. Und die interessante Ziffer 4 darin erforderte natürlich umgehend, dass ich durch das zufällig offenstehende Hoftor ging und sie für meine Sammlung dokumentierte. 🤓 🔠 ⛪️

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Das Typographische Fundstück
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