Am heutigen Freitag hole ich noch einmal ein Fundstück aus Uelzen aus meinem Bestand. Fotografiert wurde das Motiv Anfang August 2026. Die interessante Neonreklame an der Ladenfassade eines einst dort ansässigen Juweliers und Uhrmachers weckte mein Interesse zunächst recht allgemein, aber bei näherer Betrachtung ergaben sich noch mehrere interessante Details beim Design und der Umsetzung dieses Schriftzuges.

Die erste der beiden zuerst auffallenden Besonderheiten bei der Schriftart ist der ungewöhnlich starke Neigungswinkel der Buchstaben von ungefähr 34°. Üblicherweise bewegt sich die Schrägstellung für eine Kursivschrift zwischen 8° und 15°, wenn man von Ausnahmen wie experimentellen Schriften oder Hand- und Schreibschriften absieht. Die zweite Besonderheit sind die Verbindungen zwischen den Buchstaben, die eine Schreibschrift andeuten, aber der Grundcharakter der Schrift ähnelt dennoch eher einer schmalen serifenlosen Linear-Antiqua, wie beispielsweise der – nicht kursiven – »DIN Condensed Demibold« (Isabella Chaeva für Paratype, 2020) oder der »Opinion Pro ExtraCondensed Bold Italic« (Oleh Lishchuk, Mint Type, 2017).

Erst als ich nachfolgend den Schriftzug nachzuzeichnen begann, entdeckte ich dann die dritte Besonderheit. Diese fällt nämlich erst in dem Moment so richtig ins Auge, wenn die Neonschrift aktiviert wird: Im Gegensatz zu den schreibschriftartig miteinander verbundenen Buchstaben des Schriftzugs der Metalleinfassung sind die aus den Leuchtröhren geformten Buchstaben nicht miteinander verbunden. Im folgenden Bild habe ich zur besseren Ansicht die Form des Gehäuses sowie die Neonbuchstaben einmal separat nachgezeichnet.

Eine aktuell erhältliche und zeitlich passende Schriftart, die der »Schreibschrift-Variante« des Schriftzuges entspricht, konnte ich nicht finden. Eine sehr entfernte Ähnlichkeit sehe ich bei der erst jüngst erschienenen Schrift »Badwill« des indonesischen Designers Febrie Setiawan (Marvatype, 2026), wobei insbesondere G und s jedoch stark abweichen und die Schrift insgesamt »schreibschriftiger« wirkt.
Leider konnte ich im Internet auch kein Foto der Ladenfassade bei Nacht finden. Es hätte mich nicht nur interessiert, wie der beleuchtete Schriftzug im Dunkeln aussieht, sondern auch, in welcher Farbe die Buchstaben leuchten. Ich würde vermuten, dass ein Geschäft mit dem Titel »Goldhaus« keine blauen, grünen oder roten Neonröhren wählt, sondern eher ein passendes Gelb oder Goldgelb. Aus Neugier habe ich auch eine solche nicht auffindbare nächtliche Ansicht gemäß meiner Vermutung einmal simuliert – zunächst anhand der Form der innen freiliegenden Neonröhren.

Wäre dies die ursprünglich angebrachte Leuchtschrift-Installation, entspräche der Schriftzug einem »Hybrid«, bei dem tagsüber eine Schreibschrift-Anmutung zu sehen ist und nachts unverbundene Einzelbuchstaben. Sicherlich ist diese Umsetzung der Neonbuchstaben auch technisch bedingt – vielleicht, weil es teurer oder komplizierter gewesen wäre, die Röhren in Form des verbundenen Schriftzuges zu formen oder zu installieren.
Viel wahrscheinlicher ist es jedoch, dass die Frontseite der Metallumhausung zu einem früheren Zeitpunkt mit einer gelben diffusen Plexiglasabdeckung in Form des Schreibschrift-Logos versehen war. In diesem Fall hätten die Neonbuchstaben einfach weiß leuchten können, die Farbe wäre durch die gelbe Abdeckung entstanden und durch das Streulicht im Inneren des Leuchtkastens würden die Verbindungen zwischen den Lettern ausgeleuchtet werden. Einen Beleg für diese Vermutung habe ich nicht, hier könnten nur alteingesessene Uelzener helfen. Diese Variante hätte dann wie folgt ausgesehen.

Leider ist das Geschäft inzwischen dauerhaft geschlossen. Im Internet finden sich bezüglich der Chronik des Unternehmens kaum noch detaillierte Informationen, auch eine archivierte Website existiert offenbar nicht. Gegründet wurde der Betrieb am 01. Oktober 1892 von dem damals 28-jährigen Uhrmachermeister und Juwelier Johannes Ohmstede. Bei eBay wird zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags eine historische Ansichtskarte von 1931 angeboten, auf der das Ladenschild für das Geschäft »J. Ohmstede« – damals in einem Fachwerkhaus, aber bereits an derselben Adresse – deutlich erkennbar ist.
Im Laufe der Jahrzehnte ging die Geschäftsführung zunächst auf einen Hans Ohmstede, später auf einen Werner Ohmstede über. Auf einem Foto des Ladens, das laut der enthaltenen Metadaten Ende Juli 2016 angefertigt oder gespeichert wurde, ist ein Plakat neben dem Schaufenster zu sehen, auf dem das 100-jährige Firmenjubiläum erwähnt wird. Auf diesem Foto ist übrigens auch die blaue Markise vollständig zu sehen, die mein Foto nur in eingefahrenem Zustand zeigt. Die Markise ist in Mattgold mit der Schreibschrift-Variante des Ladenschriftzuges bedruckt und auf den Schaufenstern kleben Flatterbänder und Texthinweise auf einen »RÄUMUNGSVERKAUF«. Wie es scheint, übernahm ungefähr in der Zeit (Anfang 2015), in welcher dieses Foto entstanden sein könnte, ein neuer Juwelier die Geschäftsräume, der den Betrieb unter anderem Namen, aber mitsamt der Beschriftungen an der Fassade weiterführte. Doch mit Datum Mai 2023 taucht bei Google Maps dann ein Foto des Juwelierladens auf, das wahrscheinlich die endgültige Schließung ankündigt. Auf vorgehängten roten Bannern mit gelber Schrift über den Schaufenstern steht dort zu lesen »Wir schließen – Alles muss raus! Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe«.
Im Anschluss hatte eine Wohnungsverwaltung die Räume im Erdgeschoss als Bürofläche bezogen und entsprechend an den Fenstern beschriftet, doch als ich das Foto knipste, standen die Räume leer. 🤓 🔠 💍





















