verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Handwerkskunst (Seite 2 von 7)

In dieser Rubrik wurde Schrift nicht zweidimensional gedruckt, gemalt oder aufgeklebt, sondern gemeißelt, geschmiedet, gefräst oder gelasert. Und das hat sichtbaren Einfluss auf ihre Formgebung.

15.05.2026

Das heutige Thema des Fundstück-Potpourris aus Barcelona lautet »Embleme an Hauseingängen«. Davon habe ich diesmal vier schöne Exemplare von meiner Kurzreise mitgebracht – zwei mit Buchstaben und zwei mit Jahreszahlen.

Bei meiner Fotosafari durch die Straßen der Stadt kam ich nicht umhin, die zahllosen, im Jugendstil erbauten oder mit dekorativen Elementen dieser Epoche geschmückten Gebäude zu bemerken. Barcelona ist ein prachtvolles Sammelbecken dieser Architektur: Über 2.000 Gebäude, so heißt es, wurden in der Zeit zwischen etwa 1880 und 1930 im Stil des katalanischen »Modernisme« in der Stadt erbaut und sind zu großen Teilen bis heute erhalten geblieben. Durch Abriss der alten Stadtmauer bekam Barcelona damals die Möglichkeit, sich großzügig auszudehnen. Der parallel wachsende Reichtum durch Industrie und Kapital führte zu einer wohlhabenden Bürgerschicht, wohingegen im Rest Spaniens eine Depression herrschte. Dieser neue Wohlstand beflügelte den Nationalstolz der Katalanen, sodass der Jugendstil hier eine eigene politische Ebene beinhaltete, die von Aufbruch, Erneuerung und Selbstbestimmung geprägt war.

»Die Architekten des Modernismus entwerfen ihre Gebäude ›komplett‹: Alle Räume, Farben, Dekorationen, Rahmen, Stühle, Fußboden und Gardinen werden bis ins letzte Detail geplant. Inspirieren lassen sie sich dabei von der Kunst des Orients und von der Natur selbst: weiche Linien, Kurven, geometrische Formen und ein buntes Farbenspektrum dominieren in allen modernistischen Werken Barcelonas. Unter den Motiven findet man exotische Pflanzenranken, Blüten und Palmen. Im Gegensatz zu den geraden Linen und Formen des Neoklassizismus ist der katalanische Modernismus frech und verspielt.«

Quelle: freibeuter-reisen.org – »Auf den Spuren des katalanischen Modernisme«

Und so stammen auch meine hier gezeigten Fundstücke aus dieser Zeit.

Das erste Emblem ist aus Metall gefertigt und in ein mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziertes Türgitter eingebettet. Es zeigt die mit Goldbronze bemalten Initialen »AM«, die mit Jugendstil-Buchstaben gestaltet und übereinandergelegt zu einer Art Monogramm arrangiert sind.

Das zweite Emblem fällt garantiert in die Blütezeit des Modernisme, wie die Jahreszahl 1893 beweist. Interessant fand ich hier die diagonal gestürzte Anordnung, die in Verbindung mit den Verzierungen der Ziffern dem Gesamtgebilde eine fast abstrakt-ornamentale Anmutung verleiht.

Fünf Jahre später wurde dann wohl dieses Emblem angebracht – erneut von floralen Ornamenten umgeben. Schlicht, aber schön, wenngleich gekrönt von neuzeitlichem Kabelsalat.

Zum Schluss folgt noch ein Gesamtkunstwerk in Form des prachtvollen Portals des »Centro Aragonés de Barcelona«, eines 1909 gegründeten aragonesischen Kulturvereins, der sowohl eine 14.000 Bände umfassende Bibliothek beherbergt als auch ganzjährig Konzerte, Ausstellungen, Handwerksmärkte, Lesungen, Theateraufführungen und Workshops veranstaltet und u.a. für die aragonesische Community in der Stadt eine Anlaufstelle darstellt.

Typographisch interessant fand ich sowohl den bogenförmigen Schriftzug über dem Eingang als auch das »CA«-Monogramm in dem roten Gittertor. Beides würde ich gleichfalls dem Modernisme zuordnen, nicht nur aufgrund des o.g. Gründungsdatums des Vereins, sondern bei der Inschrift z.B. auch aufgrund der deutlich nach unten (beim A und R) bzw. nach oben (beim E) versetzten Mittelachse der Buchstaben. Bei dem Emblem deuten die geschweiften Enden der Bögen, Winkel und Stämme der Buchstaben darauf hin. Bemerkenswert sind auch die eckigen »Spiralen« im Kapitell am Kopf der Säulen links und rechts des Eingangs.

Ich zumindest kam beim Herumstromern mal wieder aus dem Staunen nicht heraus – und die heutigen Bildbeispiele zeigen aus meiner Sicht sehr schön, wie eng Typographie, Kunst und Architektur in manchen Epochen oder Regionen miteinander verbunden sein können. 🤓 🔠 ⚜️

08.05.2026

Der zweite Beitrag meiner am letzten Freitag begonnenen Bilderserie vom kürzlichen Berlin-Kulturausflug stammt direkt vom Gendarmenmarkt – genauer gesagt: an der Adresse Markgrafenstr. 39, direkt gegenüber dem Konzerthaus. Ich hatte noch etwas Zeit bis zum Beginn des anstehenden Konzerts und so ging ich die Straße entlang, um mir die benachbarten Gebäude einmal näher anzusehen. Die vollständig mit einem gelb-roten Mosaik geschmückte Fassade dieses Hauses stach in der Reihe der Nachbargebäude besonders hervor. Und erst auf den zweiten Blick bemerkte ich hinter den Baumkronen (siehe animierte Markierung im Bild) drei – ebenfalls aus Mosaiksteinchen gefertigte – Schrifttafeln.

Um diese Tableaus überhaupt unverdeckt abbilden zu können, machte ich aus verschiedenen Blickwinkeln, zwischen den Ästen der Bäume hindurch, mehrere separate Aufnahmen und fügte diese zu einer simulierten Gesamtansicht zusammen.

Im Erdgeschoss des Gebäudes unter den insgesamt drei knallroten Markisen befinden sich im Bereich der Eingangstür mehrere in die Fassade eingelassene Beschriftungen: oberhalb: »Akademie Buchhandlung G. W. Leibniz«, links neben der Tür, von oben nach unten: »AKADEMIE·VERLAG·BERLIN« und rechts, ebenfalls von oben nach unten: »HERMANN·BÖHLAU s Nachf. WEIMAR«. Auf der Markise selbst wirbt der derzeitige Inhaber des dort ansässigen Geschäfts mit den Schlagworten »Tradition & Qualität« (linke Markise), »Plauener Spitze«, »Kuckucksuhren« und »Erzgebirgswaren« (mittlere Markise) und »Made in Germany« (rechte Markise) für sein Angebot. Oben auf der zentralen Markise befindet sich zudem der Name des Handelsunternehmens, der nur zu sehen ist, wenn das Stoffdach voll ausgefahren ist: »DAS SACHSENHAUS«. Kurioserweise wurde dieser in der wenig traditionsgemäß wirkenden, kantigen Computerschrift »Krungthep« gesetzt, die von 1984–97 unter dem Namen »Chicago« (Susan Kare für Apple Computer, 1983) und anfangs als reiner »Pixel-Font« Bestandteil der Systemsoftware von Apple-Macintosh-Computern war. Der legendäre Font ist zwar nach wie vor auf der MacOS-Plattform verfügbar, allerdings inzwischen unter geändertem Namen und um einen thailändischen Zeichensatz ergänzt.

Die Beschriftungen auf den Frontseiten der Markisen wurden in der Schriftart »Arial Rounded MT Bold« (Robin Nicholas, 1993 für Monotype) umgesetzt. Auch dies ist eine Systemschriftart, allerdings lizenziert von Microsoft für ihre Office-Applikationen. Tradition, wohin man blickt …

Doch zurück zum Gebäude. Man könnte annehmen, dass »Das Sachsenhaus« die Bezeichnung für dieses Wohn- und Geschäftshaus ist. Dem ist jedoch nicht so, dieser Name bezieht sich allein auf diese Filiale des folkloristischen Ladengeschäfts. Auf der Website der Bildagentur akg images finden sich einige Aufnahmen des Bauwerks, die noch zu DDR-Zeiten entstanden sind und das Erdgeschoss ohne Markise und mit dem zuvor dort ansässigen Buchladen zeigen. Dieser vertrat den bereits oben genannten, renommierten »Akademie-Verlag« und wurde im Jahr 1988 an diesem Standort – damals hieß die Adresse noch »Platz der Akademie« – eröffnet. Kein Zufall – denn sowohl die Benennung des Platzes als auch der Buchhandlung waren zu Repräsentationszwecken von staatlicher Seite bewusst aufeinander abgestimmt:

»Der Akademie-Verlag (Eigenschreibung: Akademie Verlag, früher Akademie-Verlag Berlin) war ein von 1946 bis 2013 bestehender deutscher Wissenschaftsverlag mit Sitz in Berlin. Er verlegte Werke aus den Fachgebieten Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Er war der bedeutendste Wissenschaftsverlag der DDR. Insgesamt erschienen über 12.000 Buchtitel und über 60 regelmäßig erscheinende Zeitschriften mit über 700.000 einzelnen Heften.

Im Signet des Verlags fand sich seit 1957 der Kopf von Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Gründer der Akademie im Jahre 1700, sowie der lateinische Wahlspruch ›THEORIA CUM PRAXI‹ (Theorie mit Praxis).
(…)
Mitte der 1950er Jahre gehörte er zu den größten Exportverlagen der DDR. Anfang der 1970er Jahre exportierte der Verlag 55 % seiner Produktion ins westliche Ausland. Mitte der 1980er Jahre waren es 66 %. Das anfangs noch recht übersichtliche Programm wuchs in die Breite und umfasste rund 25 Wissensgebiete aus Geistes- und Naturwissenschaften, Medizin und Technik.«

Quelle: Wikipedia – »Akademie-Verlag«

Damit ist auch geklärt, in wessen Auftrag und zu welchem Zeitpunkt die drei Mosaik-Texttafeln unter den Fenstern im 1. Obergeschoss des Hauses angebracht wurden. Und obwohl der erste Eindruck vermuten lässt, dass es sich um ein frühes historisches Gebäude handelt, widerlegen online verfügbare Quellen auch dies. Das Ensemble aus Wohn- und Geschäftshäusern an der Adresse Markgrafenstr. 39–41 wurde tatsächlich erst in den Jahren 1985–87, kurz vor dem Fall der Mauer, errichtet.

»Die Baumaßnahmen der 1980er Jahre am Platz der Akademie (seit 1991 wieder als Gendarmenmarkt bezeichnet) belegen anschaulich das Ziel, eine der Bedeutung des Standortes angemessene Gestaltung zu finden. […] Im Brüstungsbereich der Fenster und im Traufbereich werden durch dunkelrote Mosaiksteine vom Jugendstil inspirierte Zierelemente angedeutet. […] In den Brüstungsfeldern der darüber gelegenen Fenster befindet sich mit dem Schriftzug ›THEORIA CUM PRAXI‹ die von Gottfried Wilhelm Leibniz stammende Maxime für die von ihm begründete Akademie der Wissenschaften.«

Quelle: berlin.de – Landesdenkmalamt, »Erläuterungen zum Vorliegen der Merkmale eines Denkmals nach § 2 DSchG Bln vom 24.5.95« (PDF)

»Fake-Jugendstil«, könnte man also gemäß heutigem Vokabular zur Fassade des Vorzeigebaus für den angesehenen Verlag sagen. Und irgendwie passt diese »Mosaiktapete« ja dann auch wieder ganz gut zu den mit Computer-Systemschriften bedruckten Markisen an dem aktuell dort betriebenen Kunstgewerbeladen. 🤓 🔠 📖

01.05.2026

Mit dem heutigen Beitrag möchte ich eine kurze zweiteilige Serie mit Fundstücken einleiten, die ich innerhalb einer guten Stunde in Berlin aufgetan habe. Ich machte mich an einem Samstag Ende März mit dem Regionalzug auf nach Berlin, um am Nachmittag ein spannendes Konzert an der Orgel des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, gespielt vom jungen Virtuosen und Organist der Berliner Gedächtniskirche, Sebastian Heindl, zu besuchen.

»Ein Heldenleben? – heroische Musik für Orgel«
  • Rachel Laurin – „Étude Héroïque“ op. 38
  • Clara Schumann – „Caprice á la Boléros“ aus „Quartre Pièces caractéristiques“ für Klavier op. 5, für Orgel übertragen von Sebastian Heindl
  • César Franck – „Symphonie héroïque“ (zusammengestellt von S. Heindl)
  • Sebastian Heindl – Improvisation (u. a. über Themen aus dem Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber)

Meine Zugreise endete am Bahnhof Potsdamer Platz und ich beschloss, da noch Zeit genug war, den Weg zum Konzerthaus zu Fuß zurückzulegen. Nach wenigen hundert Meter Wegstrecke bemerkte ich an einer Straßenkreuzung ein großes Jugendstil-Eckhaus, dessen Fassade mit opulenten Mosaiken in Grün, Gold und Schwarz und der Abkürzung »W.M.F.« geschmückt war. »Interessant«, dachte ich – liegt doch der Firmensitz und Gründungsort, Geislingen an der Steige, gut 500 km Luftlinie entfernt. Die 1853 gegründete Firma WMF (Württembergische Metallwarenfabrik), seit den 1950-er und 1960-er Jahren bekannt für ihre ebenso funktionalen wie ästhetischen Haushaltswaren, schien also bereits früh Bedarf an einer repräsentativen Niederlassung in der deutschen Hauptstadt gehabt zu haben.

Tatsächlich hat das 1903/1904 als Verwaltungsgebäude des Unternehmens errichtete »WMF-Haus« eine interessante und bewegte Geschichte:

»Das Gebäude […] diente zum Zeitpunkt der Eröffnung dem Unternehmen als Verwaltungsgebäude. […] Im Erdgeschoss bedienten 100 Angestellte die Käufer, zwei darüberliegende Etagen beherbergten eine Musterausstellung des Unternehmens. In den obersten Etagen befand sich die Berliner Redaktion der französischen Zeitung Le Matin.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte es verschiedene Nutzer, unter anderem ein Konfektionsgeschäft, ein Lebensmittelgeschäft und einen Auto-Ersatzteile-Markt. Das Gebäude wurde vom Ost-Berliner Magistrat für die Verbreiterung der Straße 1986 enteignet und verfiel. Am 6. Juni 1990 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, die WMF erhielt es zurück und verkaufte es […]. Das Haus wurde berühmt, weil es Anfang der 1990er Jahre Namensgeber und Gründungsstätte für den Technoclub WMF-Club war, dieser besetzte das Haus und veranstaltete illegale Partys.«

Quelle: Wikipedia – »WMF Haus«

Die Embleme links und rechts des Firmennamens in den Mosaiken zeigen einen laufenden Vogel Strauß. Dieses Markensymbol des Unternehmens wurde um 1903 – also etwa zeitgleich zum Baujahr des Hauses – eingeführt, um Produkte des Unternehmens mit einem geprägten Motivstempel als Originale zu kennzeichnen. Man nimmt an, dass das Symbol Strauß vom Nachnamen eines der WMF-Gründer (Daniel Straub) abgeleitet wurde. Zur Entstehungsgeschichte und Nutzung dieses und weiterer WMF-Markenzeichen finden sich viele weitere Details auf der Website des auf antike Tischwaren und Bestecke spezialisierten Antiquitätenhändlers Ralph Prüschberg.

Obwohl nur die drei Buchstaben des Monogramms für die Analyse der Schriftart zur Verfügung stehen, bieten sowohl das Entstehungsjahr des Gebäudes als auch die ausladenden Formen und markanten Serifen der genutzten Zeichen genug Anhaltspunkte, um sie ähnlichen Schriften vom Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts zuzuordnen. Exakte Übereinstimmungen ließen sich zwar nicht finden, aber große Ähnlichkeiten. Drei Beispiele für verwandte Schriften, inspiriert oder abgeleitet aus jener Zeit, sind »MFC Elmstead« (Font Brothers, nach Initialen aus dem Buch »Monograms and Alphabets for Combination« von Dollfus, Mieg & Cie aus den 1880-er Jahren), »Remus« (Ralph M. Unger, nach dem Schriftentwurf »Romanisch« von Schelter & Giesecke, 1889) oder »TS Verona« (Walter Florenz Brendel/Brendel Type Studio, 1974–1978 für die »TypeShop Collection« nach Schriftentwürfen ).

Zum wiederholten Male ein feines Fundstück aus der Ära des Jugendstils – eine Zeit, die für schöne Schriften unglaublich ergiebig zu sein scheint. 🤓 🔠🍴

23.02.2026

Ich weiß nicht, wie viele Leser*innen sich hier einfinden, die in der Schule noch Gedichte auswendig lernen mussten. Ich erinnere mich zumindest noch an Schillers »Bürgschaft« mit dem »Dolch im Gewande« und an Adalbert von Chamissos »Riesenspielzeug«. Bei anderen, gern aufgetragenen Werken, wie »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« oder auch (noch mal Schiller) »Die Glocke« (s.u.), ging der Lernkelch an mir vorüber. Und so lernte ich auch erst bei der Recherche zum heutigen typographischen Montagsbonbon, dass das in Stein verewigte Zitat am Hauseingang des Teltower Damm 20 in Steglitz, welches ich heute zeige, ebenfalls aus der »Glocke« stammt.

Entdeckt habe ich das Objekt an einem Wohn- und Geschäftshaus, das online verfügbaren Quellen zufolge in den Jahren 1908/1909 von der Architektensozietät Bastian & Kabelitz geplant wurde und dessen verzierte Fassade es dem Baustil des Historismus und dort insbesondere dem »Neobarock« zuordnet. Die Schrift zeigt typische Stilelemente der Bauzeit, auch des Jugendstils, wie z.B. die schneckenartigen Einrollungen im S, die organisch gerundeten Konturen der Buchstaben (E, G) oder das gebogene Bein des R. Einen entfernten Verwandten der Schriftart auf der Tafel sähe ich z.B. in der auch heute noch gern genutzten »Hobo« (Morris Fuller Benton für American Type Founders, 1910).

ARBEITISTDES
BÜRGERSZIRDE
SEGENISTDER
MÜHEPREIS.

Typographisch interessant sind bei dem Relief aus meiner Sicht zudem fünf weitere Details: Zum einen das nahezu völlige Fehlen von Leerzeichen zwischen den Wörtern. Mit einer etwas kleineren Schrift oder einem schmaleren Rahmen um das Textfeld wäre dafür ja durchaus Platz vorhanden. Es muss also eine bewusste Entscheidung gewesen sein. Auch auf Interpunktion innerhalb des Textes hat die künstlerisch verantwortliche Person verzichtet, lediglich am Ende wurde ein Punkt gesetzt. Die dritte Besonderheit sind die sehr dezenten Miniatur-Ü-Punkte, die in den Wörtern »BÜRGERS« und »MÜHE« regelrecht im U »versenkt« wurden. Hier mag tatsächlich der Grund gewesen sein, in der Höhe Platz zu sparen, um die Zeilen möglichst eng setzen zu können.

Am spannendsten finde ich aber, dass das Wort »ZIRDE« ohne E geschrieben wurde und dass das N in »SEGEN« spiegelverkehrt dargestellt ist. Zum ersten Detail wollte ich prüfen, wie die Schreibweise in der Urfassung des Gedichtes vorliegt.

»Zwar ist die Niederschrift des Gedichtes nicht überliefert, im Erstdruck erschienen ist es 1799 im Musen-Almanach für das Jahr 1800, den Schiller selbst herausgab.«

Quelle: Staatsbibliothek Berlin (PDF)

Es gibt tatsächlich Scans dieses Druckes und dort ist zu sehen, dass der Dichter höchstselbst »Zierde« mit »ie« drucken ließ. Wurde das E also ebenfalls aus Platznot weggelassen? Es bleibt rätselhaft.

Ebenso mysteriös ist das spiegelverkehrte N. Eigentlich ist dies ein Fehler (wenn es denn einer ist und nicht Absicht), der nur passieren kann, wenn ein Schild aus einzelnen dreidimensionalen Buchstaben angefertigt wird und einer davon versehentlich mit falscher Orientierung appliziert wird, wie es hier im Blog schon bei Fundstücken mit gedrehten oder spiegelverkehrten Lettern vorkam. Ein Flüchtigkeitsfehler kann es bei einem gemeißelten Relief, das etliche Arbeitsstunden erfordert, kaum sein. Und auch bei einem gegossenen Werkstück hätte der Irrtum auffallen müssen, da als Vorlage für Form und Abguss meist ein Urmodell steht, welches ebenfalls seitenrichtig vorliegt. Auch hier bleibt die Ursache dieser Besonderheit also im Dunkeln.

Ich gebe mich also heute gerne wieder damit zufrieden, viel Neues gelernt zu haben (u. a. vier Zeilen aus der »Glocke«), ohne den Geheimnissen des Fundstücks komplett auf die Spur kommen zu können. Aber manchmal sind es ja gerade die ungelösten Rätsel, die etwas erst interessant machen … 🤓 🔠 🏛️

16.02.2026

Zu den Geschäften bzw. Bezugsquellen des Einzelhandels, bei denen mir das Aussterben einzelner Branchen in den Innenstädten am stärksten auffällt, zählen neben den klassischen, gutsortierten Schreibwarengeschäften und Bettwarenhandlungen auch Kurzwaren- und Handarbeitsläden. Ich erinnere mich noch gut an kleine inhabergeführte Geschäfte und an Kaufhausabteilungen, in denen sich Stoffballen türmten, sich ein Regal mit Näh- und Stickgarnen in allen Farben des Regenbogens und darüber hinaus ans andere reihte. Es gab Garne und Wollknäuel in riesiger ein- und mehrfarbiger Auswahl, Reißverschlüsse von kurz bis lang, Gummilitzen, Druckknöpfe, Häkel-, Strick- und Nähnadeln in allen Dimensionen und – in langen transparenten Kunststoffröhren gestapelt, mit einem Musterexemplar außen am Verschlussstopfen – Knöpfe aus Horn, Metall und Kunststoff oder mit Stoffüberzug, mit zwei Löchern, vier Löchern oder mit rückseitigen Ösen in hunderten Varianten. Die kleinen Läden hießen »Wollzauber«, »Nähkästchen«, »Stofftruhe« oder »Nadelspiel« oder enthielten die Nachnamen ihrer Gründer*innen, wie »Wollhaus Klocke« oder »Stoffhaus Tippel«.

Im Zeitalter der »Fast Fashion« mit ihren gefühlt wöchentlichen Kollektionswechseln jedoch nähen nicht mehr so viele Menschen wie damals selbst und auch das Reparieren, Stopfen, Ändern oder Umarbeiten von Kleidungsstücken scheint etwas aus der Mode gekommen. Die bevorzugte Bezugsquelle sind auch bei Handarbeitsbedarf inzwischen in erster Linie Online-Shops. Doch hier und da finden sich im Stadtbild – und gemeint ist hier explizit die unvergällte Bedeutung des Wortes – noch vereinzelte Relikte, fast wie kleine gallische Handarbeitsdörfer. Eins, an dem ich z.B. öfter vorbeikomme, ist die Fadeninsel in Berlin-Kreuzberg mit ihrem herrlich nostalgischen, schwungvollen Schriftzug über der rot-weiß gestreiften Markise.

Ein anderes Geschäft entdeckte ich einige Tage zuvor auf einem Fußweg in Berlin-Zehlendorf. Dort ist der goldgelbe Schriftzug »Handarbeiten« sogar noch als Original-Neoninstallation erhalten geblieben. Wie schön bitte sind die Lettern mit ihren »unnötigen« Verzierungen, unten am rechten Bein des H oder in der Schlaufe des d!

Das Geschäft trägt inzwischen den vermutlich gegenwartstauglicheren Namen »Cottonfields«, aber das Sortiment passt nach wie vor zu der hübschen Leuchtreklame. Ein feines typographisches Montagsbonbon, wie ich finde.
🤓 🔠 🧶🪡 🧵

12.01.2026

Das typographische Bonbon an diesem Montag knüpft an einen älteren Beitrag zu einer auffallend gestalteten, kreisrund eingefassten Hausnummer in Kopenhagen an. Dieses neue Foto habe ich allerdings in Basel gemacht, an einem Seitenfenster des Restaurants mit dem interessanten Namen »Gifthüttli«, das früher erst eine Weinstube und später eine Bierschänke war.

»Vor etwa 120 Jahren wurde in den traditionellen Basler Wirtschaften nur Wein ausgeschenkt. Bier gab es nur in den zahlreichen, mit einer Gaststätte verbundenen Hausbrauereien. Der Wirt des Gasthauses ›zum Ritter St. Georg‹ an der Schneidergasse, Innocenz Weiss, war der erste der es wagte, neben Wein auch Bier auszuschenken. Die Stadt hatte ein Tagesgespräch mehr und im Lokalblatt ›Basler Nachrichten‹ erschien ein Artikel, in dem es hieß:

›… Bier, das nicht direkt beim Bierbrauer getrunken werde, ist Gift.‹

Innocenz Weiss, der sich stolz als ›Bierwirt‹ bezeichnete, nahm die Sache mit Humor und taufte daraufhin sein Restaurant von ›zum Ritter St. Georg‹ auf ›Gifthüttli‹ um.«

Quelle: gifthuettli.ch

Das Monogramm mit dem formfolgend gerundeten W und dem stilisierten Bierglas steht für den Namen der Brauerei »Zum Warteck« (später »Warteck Brauerei & Getränke AG«). Der Großneffe des Inhabers ließ nach der Übernahme der Leitung im Jahr 1913 ein neues Gebäude für das Gasthaus errichten. Nach seinem unerwarteten Grippetod im Jahr 1918 führte zunächst seine Witwe zehn Jahre lang das Geschäft weiter, 1928 verkaufte sie das Lokal dann an die genannte Brauerei, die seither das Gebäude verwaltet und dessen Gaststätte verpachtet. Inzwischen gehört die Brauerei zur Feldschlösschen Getränke AG, die ihrerseits seit 2000 Teil der internationalen Carlsberg-Gruppe ist – der nach eigenen Angaben viertgrößten Brauerei-Gruppe weltweit und Marktführer in Nord- und Osteuropa.

Das Bier dieser Marke ist jedoch nach wie vor im Sortiment.
Zum Wohl! 🤓 🔠 🍺

29.12.2025

Das letzte typographische Montagsbonbon dieses Jahres entdeckte ich in der Nähe der historischen Fischauktionshalle in Hamburg-Altona, an der Fassade des gegenüberliegenden Design- und Interieur-Einkaufszentrums »Stilwerk«. Es war mal wieder eines der Fundstücke, an denen man – insbesondere als niedergelassener Einwohner der Stadt – zumeist achtlos vorbeiläuft, sofern man die vermeintlich schon dutzendmal gesehenen Gebäude nicht noch einmal bewusst betrachtet.

An der typischen Hamburger Klinkermauer sind drei Gedenkmarken aus Metall angebracht, die an die höchsten Wasserstände bei Sturmfluten in der jüngeren Geschichte der Hansestadt erinnern sollen. Auf das verheerendste Ereignis verweist interessanterweise die niedrigste der drei Markierungen – der Orkan »Vincinette« und die damit verbundene Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962, in deren Verlauf 315 Menschen ihr Leben verlieren und rund 100.000 Einwohner ohne Strom und Telefon und bei winterlichen Temperaturen vom Wasser stundenlang eingeschlossen waren. Der historisch hohe Pegel von 5,70 m über Normalhöhennull (NHN) überschwemmt nahezu alle Deiche und Dämme der Metropole; noch über Nacht treten 60 Dammbrüche auf. Rund 200 Wohnungen werden völlig zerstört, mehr als 700 massiv beschädigt. Über 11.000 Wohnungen sind anschließend vorübergehend nicht mehr bewohnbar, sodass etwa 20.000 Menschen für längere Zeit in Notunterkünften leben müssen. Die beherzten Handlungen und Hilfsmaßnahmen des damaligen Hamburger Polizeisenators Helmut Schmidt sind in die Geschichte eingegangen.

Seit dieser Flutkatastrophe wurden die Deiche in und um Hamburg massiv erhöht und die Innenstadt durch Hochwasserschutzmauern und -tore deutlich besser geschützt. Gegenwärtig ist Hamburg gegen Sturmfluten mit Deichen gewappnet, die einen Wasserstand zwischen 7,50 und 9,25 m ü. NHN zurückhalten können. Auch aus diesem Grund verliefen die Hochwasser der beiden weiter oben markierten, späteren Sturmfluten wohl glimpflicher als die erste.

Die mittlere der drei Flutmarken erinnert an zwei Hochwasser im Januar 1976. In diesem Monat trafen gleich zwei Sturmfluten im Abstand von nur 17 Tagen auf die deutsche und die dänische Nordseeküste, angestoßen durch eine dauerhafte Westwind-Wetterlage um den Jahreswechsel 1975/76 und den begleitenden Orkan »Capella«. Die erste, weniger schwere Flut mit einem neuen Rekordpegel von 6,45 Meter ü. NHN traf die Küstengebiete am 3. Januar 1976. Auch die darauf folgende, zweite Januarflut in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar richtete schwerere Schäden an und führte erneut zu Evakuierungen und Dammbrüchen. Beide hatten jedoch u.a. aufgrund des inzwischen verbesserten Hochwasserschutzes weniger gravierende Auswirkungen als die Flut 1962.

Die obere Flutmarke verweist vermutlich auf das Hochwasser im Winter 2023, verursacht durch das Sturmtief »Zoltan«. Diese Sturmflut führte im Hamburger Elbgebiet am 22. Dezember zu einem maximalen Wasserstand von +3,33 m gegenüber dem mittleren Hochwasserstand. Autos mussten aus dem Flutgebiet entfernt werden, die Hochwassertore wurden geschlossen. Insgesamt jedoch war die Lage keinesfalls so dramatisch wie bei den beiden markierten Ereignissen zuvor.

»Zahlreiche Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Hamburg Wasser waren vor Ort, wie dpa-Reporter berichteten. Die Atmosphäre war entspannt.«

Quelle: Tagesspiegel vom 22.12.2023

31.12.2025 – Update 1 von 3:

Inzwischen kenne ich den Wert des höchsten Pegelstandes aus dem Jahr 2023 auch in der Messart »über NHN«, er entspricht 5,45 m. Seltsam daran ist, dass dieser Wert nicht – wie die Flutmarke 2023 an der Mauer – über den beiden Pegelständen von 1962 und 1976 liegt, sondern sogar unter dem Stand von 1962. Diese Unstimmigkeit versuche ich noch nachträglich aufzuklären.

Warum entschieden wurde, eine abweichende Schriftart für die Flutmarke 2023 zu nutzen, ist mir nicht bekannt. Eigentlich wirken die eigenwilligen, offenen Ziffern der beiden formal gleichartigen Marken aus den Jahren 1962 und 1976 auf mich nach wie vor modern, diejenigen der jüngsten Jahreszahl finde ich eher beliebig. Allein anhand der vier Ziffern lässt sich deren Schrift kaum verlässlich bestimmen. Bei den beiden älteren Marken gehe ich von eigens gestalteten Formen aus, insbesondere die 6 und die 9 lassen sich aus schmalen Metallstreifen in der Strichstärke der Ziffern vermutlich recht unaufwendig derart zurechtbiegen, die 1 muss überhaupt nicht gebogen werden, lediglich die 7 und die 2 erfordern aufgrund der spitzen Winkel wohl etwas mehr handwerklichen Aufwand.

27.02.2026 – Update 2 von 3:

Zunächst hatte ich zwei Hamburger Behörden kontaktiert, um herauszufinden, warum die obere Flutmarke von 2023 auf der falschen Höhe sitzt.

Am 07.01.2026 antwortete mir die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA):

»Hier hat sich jemand evtl. einen Scherz erlaubt. Von offizieller Seite ist zumindest die obere Marke nicht angebracht worden. Mir ist leider nicht bekannt, wer für die Anbringung dieser Marken zuständig ist«.

Man verwies mich netterweise an den Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG). Von dort kam am 27.01. folgende Auskunft:

»Die von Ihnen recherchierten Höhen der jeweiligen Sturmfluten sind korrekt. Die Flutmarke aus dem Jahr 2023 wurde tatsächlich auf einer nicht zutreffenden Höhe angebracht. Diese Markierung stammt jedoch nicht vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer.«

Ich solle mich an den Eigentümer des Gebäudes, die stilwerk Hospitality GmbH, wenden. Auch dies tat ich und erhielt heute am 27.02. von dort folgende Nachricht:

»Wir konnten leider auch nicht viel mehr herausfinden, als dass es sich, genau wie Sie schon richtig schreiben, um eine Guerilla-Flutmarke handelt, die wahrscheinlich von Klimaschützer:innen angebracht wurde – vor 2023 natürlich. Die Flutmarke besteht aus Styropor und ist auch sehr gut zu unterscheiden von den offiziellen. Natürlich kann das gewählte Jahr 2023 mittlerweile etwas zu Verwirrung führen – aber um ehrlich zu sein, sind Sie die erste Person, die uns darauf anspricht.
Wir finden aber den Gedanken hinter der Flutmarke wichtig und haben sie deshalb auch an der Fassade gelassen.«

Dass die »Guerilla-Flutmarke« damals offenbar als Warnung vor einem künftigen Hochwasser angebracht wurde, erklärt auch ihre inkorrekte Platzierung, denn den realen Wasserstand der 2023 dann tatsächlich eintretenden Flut von 5,45 m über NHN konnten die Aktivisten ja noch gar nicht kennen.

Rätsel gelöst! 🤓☝️🌊

Und wieder habe ich durch einen zufälligen Seitenblick wieder etwas über meinen Wohnort und dessen Geschichte gelernt. Allem voran, dass die höchste gemessene Flut nicht zwangsläufig die schwersten Schäden mit sich bringt – und dass vorausschauender Hochwasserschutz gar nicht genug wertgeschätzt werden kann.

28.05.2026 – Update 3 von 3:

Vor kurzem ging ich dieselbe Strecke, die mich anfangs an den Flutmarken vorbeiführte, erneut zu Fuß. Und siehe da – die obere »Fake-Marke« wurde inzwischen von unbekannter Hand entfernt … 😆

Weiterführende Links bzw. genutzte Informationsquellen:
➡️ NDR – »Sturmflut 1962: Als Hamburg im Wasser versank«
➡️ NDR – »Orkan ›Capella‹ wütet im Januar 1976 im Norden«
➡️ Wikipedia – »Zweite Januarflut 1976«
➡️ Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie – »Serie von schweren Nordsee-Sturmfluten am 21.12.2023 und 25.12.2023« (PDF)
➡️ Behörde für Umwelt und Energie Hamburg – »Wasserstände, Sturmfluten, Sollhöhen in Hamburg · Am Beispiel des Pegels St. Pauli« (PDF)

26.12.2025

Ich kann einfach nicht aufhören, obwohl Weihnachten ist. Für viele Menschen sind die Festtage auch – je nach ihren finanziellen Möglichkeiten – ein Anlass, sich mal »etwas Anderes« oder besonders Feines auf dem heimischen Speiseplan zu gönnen. Oder sie folgen bewusst einer familiären Tradition und servieren Kartoffelsalat mit Würstchen, Fondue, Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen oder Raclette.

Auch Fisch und Meeresfrüchte sind beliebte Gerichte an Weihnachten und Silvester: Räucherlachs, Garnelencocktail, Hummersuppe oder delikate Fischsalate stehen auf dem Speiseplan. Und – Karpfen. Mich selbst hat dieser Fisch, auch nach mehrmaligem Probieren und in wechselnden Zubereitungsarten, nie wirklich begeistert. Wohl aber in Form dieses famosen Posters, das ich kürzlich während des Wartens in der Kundenschlange bei meinem lokalen Hamburger Fischfachgeschäft an der Wand neben dem Tresen hängen sah und das heute das typographische Fundstück der Woche sein soll. Die Farben! Die Schriften! Die Illustration! Für mich wieder eines dieser kuriosen, aber wunderschönen Werbemotive (ähnlich der dreieckigen Papiertüte mit dem Aufdruck »Esst mehr Früchte und Ihr bleibt gesund!«), die seit den 1950-er oder 1960-er Jahren irgendwie in kleinen Spezialitätengeschäften und auf Wochenmärkten bis heute überlebt haben und nach wie vor genutzt werden.

Die Schriften auf dem Poster entsprechen keiner digitalisierten Schriftart, die ich finden konnte. Schade eigentlich, denn die Lettern des fetten »Karpfen«–Schriftzuges mit dem interessanten Knick im unteren Bein des K und dem freundlich gerundeten e machen mich neugierig, wie wohl das komplette Alphabet aussehen würde. Bei der Schreibschrift ging ich gleich von Anfang an davon aus, dass sie von einem Plakatmaler exklusiv nur für dieses Werbemotiv gestaltet wurde.

Als Bonus zum Schluss hier noch die aktuelle Reihenfolge der zehn beliebtesten Weihnachtsgerichte in Deutschland, zusammengetragen aus verschiedenen Quellen der letzten beiden Jahre. Die Reihenfolge der Favoriten ist hierzulande offenbar bemerkenswert konstant:

  1. Würstchen und Kartoffelsalat
  2. Geflügel aus Ofen oder Bratpfanne, vor allem Gans und Ente
  3. Raclette
  4. Schweinebraten
  5. Fondue
  6. Rindfleisch (Steak, Schmorbraten, Roastbeef)
  7. Fisch und Meeresfrüchte*
  8. Wildgerichte
  9. Vegetarische Speisen/vegane Gerichte
  10. Sonstiges (z.B. Eintöpfe oder Bratwurst mit Sauerkraut)

Bei den Fischgerichten ist Lachs mit gut 60 % Beliebtheit der Spitzenreiter, gefolgt von Krustentieren wie Garnelen, Krabben und Scampi. An dritter Stelle steht die Forelle – der auf dem Plakat beworbene Karpfen folgt mit 20 % erst auf Platz vier.

(Quellen: Fischmagazin für 2024, Marine Stewardship Council [MSC] für 2025.)

Und warum stand ich im Fischladen an? Ich ließ mir vom Inhaber ein feines, gleichmäßig geschnittenes Stück Lachsfilet schneiden, das ich anlässlich der Feiertage zu Hause in eine aromatische, selbst kreierte Beize eingelegt habe. Hier das Rezept:

Hausgebeizter Graved Lachs mit Kaffirlimette und Hibiskusblüten

  • 400 g Lachsfilet ohne Haut in Sushi-Qualität
  • 14 g grobes Salz
  • 20 g Zucker
  • 1 TL Zitronenschalen-Abrieb
  • 10–12 in feine Streifen geschnittene Kaffirlimetten-Blätter (TK, gibt’s im Asia-Markt)
  • ½ TL frisch gemörserter (Tellicherry-)Pfeffer
  • 2 TL getrocknete Hibiskusblüten (z.B. Hibiskustee-Teebeutel)
  • 2 cl Ingwergeist (alternativ 1 TL geriebener frischer Ingwer + 2 cl Wodka)

Alle Gewürzzutaten bis auf den Schnaps miteinander vermischen und den Lachs damit rundum dick »panieren«. Dann vorsichtig den Ingwergeist darüber träufeln. Den marinierten Fisch mit allen eventuell abgefallenen Resten der Marinade entweder (dicht und ohne eingeschlossene Luft!) in Frischhaltefolie einwickeln und in eine flache Form oder einen tiefen Teller legen. Oder alles in einen Zip-Beutel umbetten, die Luft herausdrücken und ihn dicht verschließen. Der Lachs sollte im Kühlschrank 24 bis 48 Stunden in der Beize durchziehen, am besten das Paket währenddessen mehrfach bewegen und wenden.

Vor dem Servieren die Beize abspülen, den Lachs trockentupfen und noch einmal im Kühlschrank, fest in Folie gewickelt, einige Stunden ruhen lassen. Sodann mit einem scharfen Messer in feine Scheiben schneiden und auf dunklem Roggen- oder Vollkornbrot, z.B. mit etwas Frischkäse, verzehren. 🤓 🔠 🐟 😋

15.12.2025

Als typographisches Montagsbonbon serviere ich heute einen eher herzhaften statt süßen Beitrag. Ich hatte in einem früheren Artikel schon einmal erwähnt, wie gerne ich auf Reisen – insbesondere ins Ausland – große Supermärkte durchstreife und mir die Produkte und ihre Verpackungen ansehe, die es in deutschen Geschäften nicht gibt.

Auf einem Tagesausflug nach Basel tat ich genau das wieder in einer MIGROS-Filiale, vergleichbar etwa mit einer hiesigen Kaufland-Niederlassung. Dort fiel mir im Kühlregal diese rein typographisch gestaltete Frischepackung für einen neutralen Pizzateig zum Selbstbelegen auf. Keine Klarsichtfolie bzw. kein Plastik, keine italienischen Farb- oder Bildmotiv-Stereotypen, keine Abbildungen von Pizza, Tomaten, Basilikum, Mozzarella oder anderen banalen »Serviervorschlägen«. Stattdessen lediglich ein Becher mit einer Banderole aus nachhaltig anmutendem Kraftpapier bzw. -karton und eine einfarbige, rein schwarze Beschriftung in einer – vermutlich eigens handgezeichneten – kräftigen Schrift, welche die Assoziationen »hausgemacht«/»selbstgemacht/handwerklich« und »rustikal« aufruft. Alles Weitere wird der Fantasie der Käufer*innen überlassen.

Wie findet Ihr die Idee, geeignete Lebensmittel auch mal »nur mit Typo« zu verpacken und auf übliche, oft schon tausendmal gesehene bildliche Designklischees zu verzichten? Spontan fallen mir als weiteres Beispiel noch die Verpackungen der nachhaltigen Schokoladenmarke »Tony’s« ein.

Mir persönlich gefällt’s und ich würde mich freuen, künftig öfter mal etwas Abwechslung dieser Art in den Regalen anzutreffen. 🤓 🔠 🍕 📦

12.12.2025

Zu den Erkenntnissen beim Recherchieren zu historischen typographischen Funden gehört auch, dass man manchmal in einer Sackgasse landet oder online ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr weiterkommt. Würde ich für dieses Hobby finanziell entlohnt, hätte ich nicht übel Lust, manchem noch unklaren Detail auch offline nachzuforschen, an Lebensorte der Urheber*innen zu reisen, Stadtarchive oder Bibliotheken zu besuchen und in alten Dokumenten zu blättern. Doch als reiner Steckenpferdreiter ist es dann sinnvoller, die Recherche in solchen Fällen abzubrechen und sich mit dem zu begnügen, was im Netz auffindbar war.

So ergab es sich mit dem heutigen Fundstück, das ich (ebenfalls wieder) in Freiburg entdeckte. Ziemlich versteckt und hoch oben, neben dem Türsturz zum Eingang einer Anwaltskanzlei in einem großen prächtigen Eckgebäude, erspähte ich zufällig ein steinernes Relief, das ich zunächst für das einstige Firmenschild des benannten Gewerbes hielt – und machte ein Foto davon.

Die untere linke Ecke der Relieftafel ist mittlerweile durch den nachträglich eingebauten, modernen Türrahmen verdeckt, trotzdem bleibt die Inschrift komplett lesbar, sie lautet: »Architekten Hans-Schütte W.-Schneider Mitarbeiter«. Auf dem Foto eines Users bei Google Maps sind die Platzierung und Größe des Reliefs sehr gut zu sehen.

Interessant an der Schreibweise fand ich die Bindestriche zwischen den Vor- und Nachnamen beider Personen und dass der Vorname der erstgenannten ausgeschrieben, der nachfolgende jedoch abgekürzt ist.

Zuerst versuchte ich, etwas zu dem Gebäude an dieser Adresse herauszufinden und zu ergründen, ob dort ggf. zu früherer Zeit ein Architekturbüro ansässig war. Das eindrucksvolle Gebäude mit abgerundeter Eckfassade trägt bis heute den Namen »Dreisameck«, benannt nach dem Fluss Dreisam, der keine 80 Meter entfernt davon durch Freiburg fließt.

Unter dieser Adresse, an der Kaiser-Joseph-Straße 284, so erfuhr ich weiter, befand sich keineswegs die Niederlassung der auf dem Schild benannten Architekten. Vielmehr ist die Tafel eine Art Signatur, da sie maßgeblich für den Entwurf und die Planung des Hauses verantwortlich waren.

»Hier erwarb Anfang des Jahres 1909 die seit 1906 in Freiburg ansässige Dresdner Bank das Eckgrundstück Schreiber-/Kaiserstraße. Sie ließ das darauf stehende Wohngebäude abreißen und begann Mitte des Jahres mit der Errichtung eines Neubaus. Geplant und ausgeführt wurde das imposante Gebäude von den Architekten H. Schütte und W. Schneider. Die Fassade, ganz aus Muschelkalk (Würzburg) und Granitgestein (Yach), wurde im barocken Erscheinungsbild, aber auch unter vom Jugendstil geprägten Einfluss gestaltet.«

Quelle: Badische Zeitung

Mit dieser Auskunft bestätigte sich auch meine Vermutung, dass die für das Relief ausgewählte Schrift in der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende zu suchen war. Sie erinnerte mich auf Anhieb an eine Gruppe von Schriften jener Zeit, die dem Jugendstil zuzuordnen sind. Und tatsächlich passen auch die Veröffentlichungsdaten dieser spontan assoziierten Schriften perfekt zum Baujahr des Hauses: Als Erstes würde ich die »Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, 1905) nennen, digital neu interpretiert von Ralph M. Unger unter dem Namen »RMU Trifels« (2020). Sehr ähnlich ist die »Manola« (Ludwig & Mayer, 1906), ebenfalls neu interpretiert von Ralph M. Unger als »RMU Manolo« (2019). Weitere, spätere – aber auch bis heute bekanntere – Varianten sind die »Nuptial Script« (Edwin W. Shaar für Intertype Corporation, 1952) und »Floridian Script« (Monotype, 1972). Und in dem online einsehbaren historischen Schriftmusterbuch »Hauptprobe in gedrängter Form der Bauerschen Giesserei, Frankfurt am Main« (1900) auf Seite 151 findet sich eine sehr anmutige Verwandte unter dem Namen »Zirkularschrift Chic«.

Die gemeißelte Inschrift ist zwar nicht deckungsgleich mit den recherchierten Schriftarten, aber sowohl ihre »hybride« Anmutung zwischen Schreib- und Druckschrift und etliche formale Details lassen dennoch eine große Verwandtschaft erkennen. Vermutlich wurde der Schriftzug eigens für die auftraggebenden Architekten gestaltet, was auch die Unterschiede zwischen mehrmals vorkommenden gleichen Buchstaben (am deutlichsten z.B. bei den beiden S) bekräftigen.

Doch wer waren die beiden Architekten, die dieses Gebäude entwarfen? Und waren sie seinerzeit noch für andere, bis heute erhaltene Bauwerke verantwortlich? Die Recherche dazu gestaltete sich deutlich mühsamer. Schon der Vorname des zweiten Mitarbeiters auf dem Schild ließ sich nicht herausfinden, weder im Kontext mit seinem Kompagnon noch mit der Profession als Architekt – und allein mit dem Nachnamen »Schneider« kam ich schon gar nicht weiter.

Hingegen gibt es im Netz zwar zahlreiche Hinweise auf einen Hans Schütte, der während der fraglichen Zeit als Architekt tätig war, jedoch sind diese recht widersprüchlich. Eine Angabe »geboren 1897, gestorben 1927« muss entweder falsch sein oder sich auf einen anderen Architekten gleichen Namens beziehen, denn ansonsten wäre Herr Schütte im Baujahr des Dreisameck erst 12 Jahre alt gewesen. Auf der Website des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin findet sich ein spärlicher Eintrag ohne Todesjahr zu einem Architekten Hans Schütte, der 1871 geboren worden sein soll, was schon deutlich plausibler erscheint.

In der Chronik an Gebäuden unter Federführung eines Hans Schütte finden sich zeitlich passende Einträge, interessanterweise aus Berlin, also quasi am anderen Ende des Landes. So etwa für die Gemeindeschule in Berlin-Lichtenberg (erbaut 1904/1905) sowie, im gleichen Stadtbezirk, die Alte Feuerwache (entstanden um 1898). An zwei anderen Stellen wird die Beteiligung eines Hans Schütte – sogar mit dem Titel »Regierungsbaumeister« – am Bau des Rathauses in Berlin Köpenick erwähnt:

»Für die Ausführung des ohne Grunderwerb, Innenausstattung und Bauleitungskosten auf 375.000 Mark bilanzierten Bauwerks holten sich die Stadtväter am 4. Februar 1901 Regierungsbaumeister Hans Schütte aus Bonn an die Spree, der die Rathausbaukommission am 12. April 1901 mit seinen Entwürfen zu überzeugen vermochte.«

Quelle: berlin.de

»Neubau (1902/05), märkische Backsteingotik mit fünfteiligem Ziergiebel und Turm (54 m). Entwurf von Regierungsbaumeister Hans Schütte

Quelle: tourbee.de

Dabei musste ich es dann belassen, mehr war mit meinen Mitteln nicht herauszufinden. Aber es war wieder einmal eine spannende Reise in die Vergangenheit, angestoßen von einem zufälligen Seitenblick in den unscheinbaren Hauseingang eines Freiburger Geschäftshauses. 🤓 🔠 🏛️

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