verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Eingereicht

Gerne nehme ich auch von Leser*innen selbst geknipste typographische Fundstücke zur Veröffentlichung an die Mailadresse einreichung@tyfudewo entgegen – am besten begleitet von einigen Angaben zu Ort und Zeitpunkt des Fundes.

Mit der Übersendung wird mir zugesichert, dass der/die Einreichende die Rechte an den übersandten Motiven und ggf. zu zitierenden Textinhalten besitzt und mir die Erlaubnis zur kostenfreien Veröffentlichung erteilt.

02.10.2026

Es gibt mal wieder eine Einreichung aus dem Kreis der Blogleser bzw. typo-affinen LinkedIn-Follower. Der Architekturfotograf und Grafiker Marco Kany sandte mir sein Foto eines etwas ramponierten Verbotsschildes in französischer Sprache zu.

Der Text bedeutet übersetzt sinngemäß »Rauchen (und) alle Arten von Feuer (unter) Strafe verboten«. Das Schild entspricht in etwa einer französischen Variante des in Deutschland verbreiteten Schildes mit dem Text »Feuer, offenes Licht und Rauchen verboten«.

Die bevorzugten Orte der Anbringung für solche Verbote sind zumeist Orte, an denen der Umgang mit Zigaretten und offenem Feuer eine hohe Brand- oder Explosionsgefahr darstellt, wie etwa Tiefgaragen, Papier-, Holz- oder Munitionslager, Tankstellen oder andere Depots mit brennbaren Gasen, Lösungsmitteln oder sonstigen flüchtigen, leicht entflammbaren, brandfördernden oder gar explosiven Chemikalien. Auch in freier Natur sind zur Vermeidung von Wald- und Flurbränden solche Schilder anzutreffen. Es gibt daher – zumindest in Deutschland – nicht nur ein einzelnes Gesetz, das diesbezügliche Warnungen und Verbote regelt, sondern verschiedene Regelwerke. So heißt es zum Beispiel in der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV), die auch die Pflichten von Arbeitgebern bzw. an Arbeitsplätzen regelt:

»In Arbeitsbereichen mit Brand- oder Explosionsgefährdungen sind das Rauchen und das Verwenden von offenem Feuer und offenem Licht zu verbieten. Unbefugten ist das Betreten von Bereichen mit Brand- oder Explosionsgefährdungen zu verbieten. Auf die Verbote muss deutlich erkennbar und dauerhaft hingewiesen werden.«

Quelle: Anhang I Nr. 1.1 Abs. 2 GefStoffV

In der freien Natur regeln in Deutschland Gesetze von Bund und Ländern die Verbote zum Brandschutz, beispielsweise die Bundes- und Landeswaldgesetze (BWaldG/LWaldG) bzw. die Bundes- und Landesnaturschutzgesetze (BNatSchG/LNatSchG). Die Strafen bei fahrlässigen oder vorsätzlichen Verstößen gegen Brandschutzbestimmungen oder andere gesetzliche Vorgaben, insbesondere in Verbindung mit Sach- und Personenschäden oder gar Todesfällen umfassen nicht nur hohe Geldstrafen, sondern auch mehrjährige bis lebenslange Freiheitsstrafen.

Doch wo war nun konkret unser französisches Verbotsschild angebracht? Der Einreicher hat dazu zwar keine Angaben gemacht, aber ich vermute aufgrund der Roststellen, dass es unter freiem Himmel hing. Die punktförmigen Beschädigungen könnten durch kleinere Schusswaffenprojektile verursacht worden sein, vielleicht war es daher auch auf einem militärischen Übungsgelände angebracht. Bei meinen Recherchen entdeckte ich das gleiche Schild in einem Stockfoto, wo es in Kombination mit einem zweiten Schild zu sehen ist, das vor Waldbränden warnt. Die Strafen (»Sanctions«) bei Verstößen dürften in Frankreich ähnlich ausfallen wie hierzulande, denn Waldbrände richten in den stetig häufiger werdenden Dürresommern auch dort immer größere Schäden an.

»Bis zum 27. Juli [2026] verbrannten [in Frankreich] rund 116.000 Hektar Fläche, (…) Der französische Innenministers Laurent Nuñez bezeichnete dies als historischen Rekord. Aufgrund der Feuer mussten hunderttausende Menschen evakuiert werden; Nuñez sprach von der größten zivilen Evakuierungsoperation in Frankreich außerhalb von Kriegszeiten.«

Quelle: Wikipedia – »Waldbrände in Frankreich«

Zur typographischen Einordnung des Schildes habe ich das Bildmotiv ein wenig aufpoliert und restauriert.

Vergleichbar der oben im deutschen Verbotsschild identifizierten DIN-Schrift gibt es auch in Frankreich eine »offizielle« Schriftart, die von Behörden und anderen staatlichen Einrichtungen auf allerlei Schilderwerk, etwa zur Verkehrs-Wegeleitung oder bei mit Text versehenen Gebots- und Verbotsschildern genutzt wird. Wer schon einmal in Frankreich mit dem Auto unterwegs war, wird sie z.B. unweigerlich auf Verkehrsschildern gesehen haben.

Diese Schrift kam auch bei dem eingereichten Verbotsschild zum Einsatz. Sie trägt den Namen »Caractères« (frz. für »Schriftzeichen«) und wurde – herausgegeben vom französischen Verkehrsministerium »Ministère des Transports« – seit ca. 1946/48 sukzessive als landesweiter Standard für schriftliche Hinweise zur Orientierung und Lenkung im öffentlichen Raum etabliert, unter anderem im Straßenverkehr, an Bahnstrecken sowie rund um Flughafen- und Fährterminals.

Die ursprünglich veröffentlichte Schrift lag in drei verschiedenen, durch eine Nummerierung gekennzeichneten Varianten vor:

  • L1: Ausschließlich fette Großbuchstaben; in der Regel schwarz auf weißem oder hellem Hintergrund und für Verkehrsschilder verwendet, die auf Orte in der Nähe hinweisen, sowie für Zusatz- und Hinweisschilder.
  • L2: Ausschließlich Großbuchstaben, etwas leichter als L1; zumeist negativ weiß auf farbigem Hintergrund (grün: Nationalstraßen, blau: Autobahnen) und für Verkehrsschilder verwendet, die auf weiter entfernte Orte hinweisen, sowie für Zusatz- und Hinweisschilder..
  • L4: Kursive Variante von L1 mit sowohl Groß- als auch Kleinbuchstaben; sowohl farbig auf weißem oder hellem Hintergrund als auch negativ auf farbigem Hintergrund für Verkehrsschilder innerhalb einer Stadt verwendet, um nahegelegene Orte und öffentliche Einrichtungen zu kennzeichnen.

Eine weitere Variante, L5, die formal eher an den Schriftklassiker »Frutiger« erinnert, kam nachträglich hinzu und wird vorzugsweise negativ weiß auf braunen Hinweisschildern für Denkmäler und Sehenswürdigkeiten genutzt. Alle drei Zeichensätze wurden zudem in späteren Jahren um weitere benötigte Zeichen (z.B. »€«) ergänzt. Für elektronische Anzeigetafeln wurden die eigenständigen Schriftarten L11 (5 × 7 LED-Punktmatrix) und L12 (16-Segment-LCD-Anzeige) hinzugefügt.

Eine offizielle »Bezugsquelle« für die Fontdateien dieser offiziellen Schriften ist mir zwar nicht bekannt, jedoch kursiert auf diversen Websites unter dem Namen »Caracteres« eine handwerklich unvollkommene »Bootleg-Digitalisierung« (Freeware-Fonts im TrueType-Format), datiert auf Anfang 2004 und versehen mit dem Urheberkürzel »F.R.«.

Es existieren jedoch zwei kommerziell erhältliche digitalisierte Versionen neueren Datums, die mit erweiterten Zeichensätzen und professionell überarbeiteten Formen daherkommen. Die erste, »Signal URW«, wurde (1995?) von URW++ Design & Development veröffentlicht und war u.a. Bestandteil einer Schriftensammlung mit dem Namen »URW Sign Collection«, die ca. 2001 auf CD erschien. Sie besteht aus vier nummerierten Schnitten, No1 bis No4, die zwar (bis auf No4) ebenfalls nur Großbuchstaben enthalten, fügt jedoch eine enger laufende Variante hinzu (No3). Und diese erkenne ich in den ersten beiden Zeilen des Brandschutzschildes wieder. Die dritte Zeile kann der No1 zugeordnet werden. Ob die behördlichen oder gewerblichen Ersteller*innen des Schildes exklusive, leicht abweichende Schriftdateien genutzt haben oder die minimalen sichtbaren Unterschiede entweder beim Bedrucken, durch die Fotoperspektive oder aufgrund von Verformungen des Blechs entstanden, vermag ich nicht zu sagen. Am zielführendsten bei der Bestimmung der Schrift waren für mich der große Bogen des R und die bis auf die Grundlinie zulaufende Spitze des M.

Die zweite kommerzielle Version der Schrift, die im Jahr 2019 und ebenfalls unter dem Namen »Signal« erschien, stammt von Production Type (Emmanuel Besse und Team) und baut die Schrift auf insgesamt 8 Schnitte – Extra Light, Light, Regular, Bold, jeweils zzgl. Italic – aus, inklusive Kleinbuchstaben, Sonderzeichen, Diakritika und Piktogramme. Hinzu kommt die ebenfalls 8 Schnitte umfassende Monospace-Version »Signal Mono« sowie ein besonders eng laufender »Compressed«-Schnitt. Der Detailvergleich mit den Buchstabenformen des eingereichten Fundstücks zeigt jedoch, dass Schnitte dieser neueren Familie darin nicht zum Einsatz gekommen sind.

»Production Type’s new Signal series completes and extends the pre-existing set of styles. The palette is an extrapolation of previously unexisting roman lowercases in four weights and their matching italics, a complete set of accents for multilingual typesetting, numerous arrows and pictograms, and characters for mathematical typesetting. An extra Compressed style, skewed and excessive, wittily rounds out the family.«

Quelle: productiontype.com – »About this font«

Mit diesen Erkundungsergebnissen möchte ich den Beitrag rund um diese Einreichung für heute beenden. Bei dem typographische Ausflug ins Nachbarland Frankreich habe ich wieder etliches gelernt und ich hoffe, es geht Euch ebenso. 🤓 🔠 🪧 🇫🇷

28.08.2026

Menschen neigen bekanntermaßen bisweilen dazu, Flora und Fauna in »gut« und »schlecht« zu unterteilen. Schmetterlinge oder Bienen sind »gute« Insekten – Silberfischchen oder Stechmücken sind »schlechte« Insekten, aka »Ungeziefer«. Glockenblumen oder Bärlauch sind »gute« Pflanzen – Disteln oder Knöterich sind »schlechte« Pflanzen oder auch »Unkräuter«.

Das typographische Fundstück am Freitag ist heute wieder eine sehr schöne Einreichung, fotografiert vom Blogleser Werner L. aus Berlin und entdeckt in einer Ausstellung im Landschloss Zuschendorf, das mir von ihm zudem als lohnendes und lehrreiches Ausflugsziel empfohlen wurde. Und auch dieses eingereichte Printmedium – eine historische Werbeanzeige – nimmt im Markennamen des beworbenen Produktes eine Unterteilung in »gute« und »schlechte« Wildtiere vor. Zunächst zeige ich das eingereichte Foto im Original:

Für diejenigen, die Frakturschrift nicht so gut lesen können, hier eine Transkription des Textes:

»Antispatz – Der beste Meisen-Anlock- u. Fütter-Apparat, das Entzücken d. Vogelfreunde. Von 14 Ministerien empf. M. 4,60 postfrei, 4 St. M. 14,90, postfrei. Prospekt Parus, Hamburg 36 G. Postscheckk. Hbg. 2475.«

Tatsächlich war der »Antispatz« eine spezielle Futterstelle für Singvögel. Die Konstruktion sollte allerdings insbesondere Haussperlinge (»Spatzen«) von der Winterfütterung fernhalten, während akrobatischen Klettervögeln und Flugkünstlern, wie Meisen oder Kleibern, der Zugang erleichtert wurde. Damals wurden Spatzen von vielen als üble Futterkonkurrenten für andere, seltener gesehene Singvögel angesehen.

Entwickelt wurde die Vorrichtung von dem Hamburger Mediziner und Sanitätsrat Dr. Christian Adolf Bruhn (1865–1927), Online-Quellen zufolge während einer Liegekur, die dem Lungenarzt während einer eigenen Tuberkuloseerkrankung in den Jahren zwischen 1905 und 1910 verordnet war. In einem selbst verfassten Artikel (»Futterglocke und Meisendose ›Antispatz‹«, in »Ornithologische Monatsschrift«, Jahrgang 1910, hrsg. vom Deutschen Vereine zum Schutze der Vogelwelt e. V.«, Seite 149–154) erwähnt Dr. Bruhn, dass bereits im September 1908 ein gewisser Friedrich Schwabe, damals Leiter der »Versuchs- und Musterstation für Vogelschutz« in Seebach/Thüringen, sich äußerst wohlwollend über Konstruktion und Funktion der damals auch »Dr. Bruhns Meisendose« genannten Erfindung geäußert habe. Auch in einer Schweizer Publikation aus dem Jahr 1908 taucht das Produkt bereits auf. Man kann also davon ausgehen, dass die ersten Modelle des »Antispatz« etwa zu dieser Zeit entstanden:

»Von den vielen Futterapparaten für Meisen darf Dr. med. Bruhns Meisendose in den ersten Rang gestellt werden. Sie ist ein viereckiger, mit Deckel versehener Blechkasten, dessen Boden eine schiefe Ebene bildet. Der Apparat wird mittelst eines oben angebrachten Henkels, sowie seitlich angelöteter Blechbänder am Baum, an der Wand etc. befestigt und mit Hanffrucht gefüllt. Die Körner rutschen auf dem schräg gestellten Boden herunter und gelangen unten durch eine schmale Öffnung auf eine kleine, mit Rand versehene Blechplatte. Da nur so viel Hanfkörner auf dieses Futtertischchen nachrutschen können, als von den Meisen weggepickt werden, so ist jeder Futterverlust ausgeschlossen. Auf den beiden Seitenwänden des Kastens sind lange Glasfensterchen angebracht, die das langsame Schwinden des Futtervorrates von weitem erkennen lassen und die Futterplatte beleuchten.«

Quelle: Ala, Schweizerische Gesellschaft für Vogelkunde und Vogelschutz: »Ornithologischer Beobachter«, Heft 12, Dezember 1908, S. 190.

Das anfängliche Prinzip bestand wohl darin, dass zwar Vögeln mit schmaleren Schnäbeln Zugriff auf den nachrieselnden Körnervorrat ermöglicht wurde, aber Spatzen mit ihren breiteren Schnäbeln nicht.

Später heißt es in einer anderen Abbildung (undatiert, ca. 1910) zu einer anscheinend weiterentwickelten und patentierten Nachfolgekonstruktion: »Neue Spatzensicherung. Unsere bisherige Vorrichtung verhindert das Eintauchen der dicken Sperlingsschnäbel ins Futter; die neue das Anfliegen der Spatzen«. Es sieht so aus, als ob der Zugang von der Unterseite des Futterkastens für Spatzen weiter erschwert wurde, da diese – anders als die erwünschten Vögel, welche auch »hängend« fressen können – keinerlei Möglichkeit mehr hatten, sich von oben auf Vorsprünge oder Randleisten an der Futterrinne zu setzen.

Um 1912 kauften schließlich mehrere offizielle Institutionen die Rechte an der Verwertung der patentierten »Antispatz«‑Konstruktion (wir erinnern uns an das Prädikat in unserem Annoncen-Fundstück »von 14 Ministerien empfohlen«). So steht etwa im Jahresbericht des Bundes für Vogelschutz 1911/1912 (S. 137): »Mit dem Ankaufe des Patents ›Antispatz‹ von Herrn Dr. Bruhn haben wir offenbar einen sehr glücklichen Griff getan«. Und in der Chronik des Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU): »Schon 1912 hatte der Bund die Rechte an den ›Antispatz‹-Futterhäuschen erworben«.

Schon zu Lebzeiten wurden medizinische Broschüren Dr. Bruhns im 1908 gegründeten Hamburger »Parus Verlag« veröffentlicht, so z.B. sein Ratgeber »Vom gesunden und vom kranken Tuberkulösen – Erfahrungen eines lungenkranken Lungenarztes für jedermann« (1922), der auf seiner zuvor erwähnten Erkrankung beruhte. Im weiteren Verlauf der 1920er-Jahre übernahm dann Bruhns Sohn Max die Leitung des Verlages und fuhr über diesen Vertriebskanal bzw. das angeschlossene Handelsgeschäft »Parus Vogel- und Pflanzenschutz« mit der Vermarktung und dem Verkauf des »Antispatz« fort. Im Laufe der Jahre entstanden offenbar mehrere unterschiedlich aufwendige Varianten des Produktes – von einer einfachen, hängenden »Meisendose« über mit Schellen und Bändern installierbare Vogelhaus-Modelle aus Holz bis hin zur aufwendig gefertigten, 300 kg schweren Edel-Futtersäule »… als zierliche Säulenhalle mit rotem Pfannendach (…) 2,80 m hoch, (…) aus frostfester Steinmasse« (in: »Der Lehrmeister im Garten und Kleintierhof«, 1912, S. 731) für 180 Mk (nach heutiger Kaufkraft etwa 500 €). Ganz offensichtlich florierte also das Geschäft mit dem patentierten Sperlingsschreck und nahm in den 1920er- und 1930er-Jahren weiter an Fahrt auf.

Die Datierung unseres Werbemotivs ist relativ einfach, denn rein zufällig bietet zum Veröffentlichungszeitpunkt dieses Beitrags ein Hamburger Antiquariat bei eBay das Original einer historischen Werbeanzeige mit genau derselben Illustration an. Betitelt ist das Angebot als »Vogelschutz Abtlg. Parus-Verlag Reinbe[c]k-K. ANTISPATZ Historische Reklame 1930«. Wir können daher davon ausgehen, dass dies auch in etwa das Erscheinungsdatum der heutigen Einreichung ist. Auch der Text dieser Anzeige ist ganz famos formuliert (s.u.):

»Lebhafter Meisenbetrieb im Garten und am Fenster durch Meisen-Anlock- und Fütterapparat ›Antispatz‹, mit dem die Sperlinge nach Belieben vom Futter auszuschalten sind. ›Diese Methode ist ganz vorzüglich. Mein Garten wimmelt jetzt von Meisen aller Sorten. Ich sehe Arten, die ich nie gekannt habe, auch ein kleiner Specht zieht zu meiner Freude Nutzen aus dem ›Antispatz‹. Zum Dank vertilgen die fleißigen Tierchen alles Ungeziefer. Die Gärtner vermögen keine Raupen mehr zu finden.‹ Max Römer, Opladen. (…) Ministeriell eingeführt bei fast sämtlichen Forst- und Parkverwaltungen, in Obst- und Gartenbauvereinen. Das Entzücken Aller, das beste Geschenk! (…) Bestellen Sie, bevor der Schnee fällt!«

Quelle: Anzeige Parus-Verlag, 1930

Zur Bestimmung der darin verwendeten Schriftarten (ENDLICH kommen wir zur Typographie!) habe ich das Originalfoto nachbearbeitet, entzerrt, retuschiert, im Kontrast optimiert und scharfgezeichnet.

Der Produktname »Antispatz« in der Anzeige ist Teil der (Linolschnitt?)-Illustration und wurde eindeutig von Hand geschnitzt. Die Kleinbuchstaben werden in Leserichtung nach und nach immer kleiner; beim langen s (ſ), dem p und dem abschließenden z (ӡ) werden gar die bei diesen Zeichen üblichen Unterlängen durch deren Verkleinerung über das Niveau der Grundlinie verlegt. Im Werbetext darunter kommen dann in herkömmlichem Bleisatz zwei verschiedene, unterschiedlich fette Frakturschriften zum Einsatz, erkennbar z.B. an den individuellen Formen des großen P. Es war nicht ganz einfach, diesen eher seltenen gebrochenen Schriften auf die Spur zu kommen, aber nach einigen Anläufen und mit digital weiter optimierten Schriftproben kam ich der Bestimmung nah genug.

Insbesondere die prägnanten Formen beim P waren es, die mich zu der oben genannten Einordnung führten. Der magere Text ist wahrscheinlich in der »Hupp-Fraktur« (Otto Hupp für Klingspor, 1911) oder einer nah verwandten Variante gesetzt. Die »Hupp Fraktur« wurde 2016 von Ralph Michael Unger/RMU digitalisiert. Die fetten Textpassagen würde ich der »Fetten Mainzer Fraktur« (Berthold, 1904) zuordnen. Der normale Schnitt dieser Schrift, basierend auf einem Entwurf von Carl Albert Fahrenwaldt, erschien bereits 1901; er ist unter dem Namen »Mainzer Fraktur«, erstellt vom Schriftgestalter Peter Wiegel, seit 2010 digital verfügbar und wurde seither im Rahmen des Projekts »Unifraktur Maguntia« zu einem Unicode-gerechten Fraktur-Font weiterentwickelt.

Damit wären wir am Ende der Ergründung dieses sehr ergiebigen eingereichten Fundstücks – fast. Denn eine bei meinen Recherchen zutage getretene Information zur weiteren Generationenfolge des »Antispatz«-Erfinders Dr. Christian Adolf Bruhn möchte ich Euch nicht vorenthalten. Denn seinen Enkel »kennen« vermutlich sehr viele (ältere) Leser*innen zumindest indirekt: Es ist Hans Christian Bruhn (*1934), ein überaus erfolgreicher Komponist im Bereich Schlager und TV‑Filmmusik. Aus seiner Feder stammen u.a. die Melodien der Hits »Liebeskummer lohnt sich nicht« (Siw Malmkvist, 1964), »Marmor, Stein und Eisen bricht« (Drafi Deutscher, 1965) und »Akropolis adieu« (Mireille Mathieu, 1971). Außerdem komponierte er die Titelsongs zu den Kinder-Kult-Fernsehserien »Wickie« (1974), »Heidi« (1977), »Timm Thaler« (1979), »Captain Future« (1980) und »Patrick Pacard« (1984).

Das war doch wieder famos – von einer Vintage-Meisendose zum Soundtrack von »Captain Future« führte diesmal der Recherchepfad. Ich jedenfalls bin restlos begeistert und möchte abschließend anmerken: »Kannste dir nicht ausdenken«. 🤓 🔠 🐦‍⬛

14.08.2026

Schon wieder eine schöne Einreichung aus dem Kreise meiner Blogleser – und schon wieder aus Stendal, wo ich in der Nähe des Hauptbahnhofs auch mein Fundstück vom letzten Freitag entdeckte.

Die eingereichte Beschriftung befindet sich an einem Gebäude, das um die Jahrhundertwende entstanden zu sein scheint und als Baudenkmal geschützt ist. Etwa zwischen 1909 und 1913 eröffnete darin unter dem Inhaber und Gründer Paul Schlobach an der Adresse Hohe Bude 12, Ecke Uchtstraße die »Erste Stendaler Dampfwäscherei, Kunstfärberei, Chemische Reinigungs-Anstalt und Plisseebrennerei«. Das Haus ist in gut erhaltenem Zustand und auch die typographische Wandmalerei macht einen sorgsam restaurierten und bestens erhaltenen Eindruck. An der Fassade links gibt es einen weiteren restaurierten Schriftzug mit dem Text »Geschw. Schlobach«, der z.B. bei Google Maps dokumentiert ist. Oberhalb des Eckportals befindet sich unterhalb der Dachkante ein rundes Reliefornament mit den Initialen »FM« – sicherlich ein Hinweis auf den Bauherrn und damaligen Verpächter Fritz Müller, von dem Schlobach das Haus 1913 gekauft haben soll.

Zur besseren Betrachtung der großen Wandmalerei habe ich das Werbemotiv isoliert und vergrößert rekonstruiert. Es fällt auf, dass nicht nur in jeder Zeile die Schriftart anders aussieht, sondern es wird auch eindeutig erkennbar, dass alle Buchstaben von Hand gemalt wurden. In der ersten Zeile sind die Enden der Striche abgerundet, die zweite Zeile besitzt Verzierungen und breite Serifen (sie erinnert an die zeitlich ähnlich datierte Schrift auf dem Firmenschild eines nicht weit von Stendal entfernten Landhandels aus einem früheren Beitrag). Einige Anfangsbuchstaben sind fetter angelegt als der Rest der nachfolgenden Wörter, in der fünften Zeile sitzen die Initialen sogar bewusst unterhalb der Grundlinie. Bei manchen Vorkommen der Buchstaben a, e, f, r, s und t sind die Strich-Enden abgeschrägt, bei anderen gerade, in den meisten Wörtern haben die Zeichen deutlich eckige Konturen, bis hin zu den steil ansteigenden Schultern bei h, n und r, an anderer Stelle sind sie wieder runder. Ähnliche Formen dokumentierte ich hier auch schon einmal auf dem alten Firmenschild einer Kohlenhandlung in Stralsund.

Ein buntes Potpourri also an Stilen und Formmerkmalen, was aber in der Zeit der Eröffnung des Betriebes gang und gäbe war. In der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung etwa sind komplette Jahrgänge historischer Tageszeitungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert digitalisiert abrufbar und auf den Seiten mit gewerblichen Annoncen bietet sich darin typographisch ein ganz ähnliches Bild: Es dominieren schmale Typen, die im Verhältnis zu ihrer Größe viel Text pro Zeile zulassen und die Schriftarten wurden munter kombiniert und gewechselt. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1912:

Zur Geschichte der Wäscherei kann man einiges in einem lokalen Presseartikel der »Volksstimme« vom 05. September 2012 nachlesen.

»Etwa 50 Wäscherinnen, Fahrer und Handwerker waren in den 1930er und 1940er Jahren im Dienste der sauberen Wäsche bei Schlobachs angestellt. Aber wie so oft veränderte auch hier der Krieg vieles. Die sowjetische Armee übernahm nach Kriegsende die Wäscherei. (…) Was blieb, war der Name. Bis zur Wende nutzte das Sowjetmilitär die Wäscherei für die Uniformen der Soldaten. (…) 1993 schließlich wurde die Wäscherei endgültig geschlossen.«

Quelle: volksstimme.de – »Wo Altmärker ihre Wäsche waschen ließen«

Zu einer aus heutiger Sicht kuriosen unternehmerischen Synergie aus den blühenden Anfangsjahren der Wäscherei fand ich ergänzend noch ein Posting in einer Facebook-Gruppe:

»Auf dem Hof der Wäscherei von Paul Schlobach, der die Wäscherei 1913 von Fritz Müller kaufte, war eine Dampfmobile installiert, die heißes Wasser und den Dampf lieferte. Somit stand kontinuierlich Heißwasser zur Verfügung, was die Betreiber auf die Idee brachte, ein Wannenbad im Gebäude der Mittelstraße zu etablieren. Deshalb führt das Gebäude in der [beachbarten] Mittelstraße 1 den Namen ›Victoriabad‹.«

Quelle: Zitat aus einer Stendaler Tageszeitung, via User Joachim Kraatz in der Facebook-Gruppe »Stendal – Meine Heimatstadt«

Auch das historische Gebäude des Victoriabades existiert an der genannten Adresse in Stendal noch immer.

Nach der Schließung der Wäscherei folgte offenbar ein längerer Leerstand. Im Zuge der im o.g. Artikel erwähnten Renovierung jedoch wurde das Gebäude schließlich mit barrierefreien Mietwohnungen ausgebaut und im Frühjahr 2012 zog ein Gastronomiebetrieb (»Bistro Regional«) in die Gewerbeflächen ein, der aber gut zwei Jahre später bereits wieder schloss. Auch dem 2018 nachfolgenden Café »Lavanderia« mit Kuchenbäckerei war leider kein dauerhafter geschäftlicher Erfolg vergönnt – 2023 musste die Gründerin den Betrieb wieder aufgeben.

Hoffen wir, dass dem nachfolgenden Gewerbe, das hier vielleicht bald einzieht, mehr Glück beschieden ist. Das schöne Haus hätte es verdient. 🤓 🔠 🧺 🫧

09.05.2025

Die Woche endet wie gewohnt mit einem typografischen Fundstück der Woche.

Es ist jedoch heute kein eigene Entdeckung, sondern eine Einreichung meines Freundes Robert Plasberg. Er hatte diesen Schriftzug mit seiner interessanten Interpretation des »Ç« in Paris entdeckt und mir gestattet, das Motiv hier zu posten. Ich verorte die Schrift stilistisch – mal wieder – in der Zeit des Art Déco, spontan erinnert sie mich an den Font »ITC Anna«, um 1988–1991 gestaltet von Daniel Pelavin (USA).

Die heute gepostete Einreichung gefällt mir nicht nur grafisch ausgesprochen gut, sondern kommt mir auch aus einem anderen Grund sehr gelegen – denn nach meiner kürzlichen Städtereise nach Trier über Ostern, während der ich viele neue Fundstücke erbeutet habe, folgte nun eine berufliche Reise nach Barcelona. Und obwohl ich nicht viel Zeit hatte mir die Stadt anzuschauen, konnte ich mich in den wenigen Tagen in den verwinkelten Gassen und auf den prachtvollen Boulevards schier bewusstlos fotografieren, was neue typographische Juwelen und Kuriositäten betrifft – und somit wird es eine Weile dauern, bis ich alles gesichtet, sortiert und bearbeitet habe. 

Aber genug Stoff für die nächsten Monate ist auf jeden Fall jetzt schon mal absehbar. 



Bon week-end à tous les garçons et filles, ainsi qu’à tous les autres! 🤓🔠



ITC Anna:
➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/anna-font-itc

13.10.2023

Wie schön! Zum ersten Mal seit Bestehen meiner kleinen Rubrik »Typographisches Fundstück der Woche« erhalte ich die Gelegenheit, einen Gastbeitrag zu posten. Beigesteuert hat das erfrischende Motiv Jens M. Wellbrock von der Renneberg Wirtschaftskanzlei. Vielen Dank und ich freue mich! 



Bezüglich des Fundort schreibt der Urheber: »Die Eigenkreation eines traditionsreichen Eiscafés in Burg Stargard (Mecklenburg-Vorpommern).« 🍦

Wer gelegentlich ebenfalls Fotos typographischer Fundstücke zur Veröffetnlichung einreichen möchte, ist herzlich willkommen! Auf der Kategorieseite »Eingereicht« gebe ich dazu noch ein paar Hinweise.

Das Typographische Fundstück
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies zur technischen Optimierung Deines Website-Besuches. Cookie-Informationen werden in Deinem Browser gespeichert und ermöglichen z.B., Dich bei einem erneuten Besuch wiederzuerkennen und zu verstehen, welche Inhalte Dich am meisten interessieren.