Zwar unternahm ich dieses Jahr vor Kurzem wieder mal eine Reise in die schöne Hansestadt Stralsund, aber das Foto für das typographische Bonbon an diesem Montag knipste ich bereits vor zehn Jahren. Es zeigt eine historische Inschrift rechts neben dem Eingang zur örtlichen Stadtbibliothek, die in einem unter Denkmalschutz stehenden, spätbarocken Palais in der Badenstraße 13 untergebracht ist. Das Gebäude ließ der Kaufmann Johann Victor Ehlers um 1725 errichten.

Die auf der Tafel genannte, hier jedoch nicht mehr ansässige Ratsbibliothek wurde bereits 1577 durch Stralsunder Ratsmitglieder gegründet, umfasste zunächst juristische Werke und Urkunden und war Online-Quellen zufolge anfangs im Rathaus untergebracht. Erst im Jahr 1896 erfolgte der Umzug an diese neue Adresse und ich vermute, dass auch die Schrifttafel zu dieser Zeit angebracht wurde.
Die größte formale Ähnlichkeit zu den einzelnen Buchstabenformen fand ich dann auch bei der »[Schmale] Akzidenz Gotisch« (F. W. Bauer) aus dem Jahr 1876. Diese oder eine ähnliche Schrift könnte dem Schriftenmaler, der diese mit Sicherheit von Hand gestaltete Tafel erstellt hat, als Vorlage für die erste Zeile gedient haben. In der zweiten Zeile hat er meiner Meinung nach etwas improvisiert, denn die fast avantgardistische, kantige Form der beiden p und das insgesamt ein wenig unharmonische Gesamtbild der Zeile sprechen gegen eine konkrete Vorlage aus dem Zeichensatz einer einzelnen Schriftart.

Durch den ständig wachsenden Bestand an Dokumenten und gebundenen Druckwerken sowie die nachfolgende Einrichtung einer für alle Bürger öffentlich zugänglichen Bibliothek ergaben sich zwischen 1698 und 1920 mehrfache Neuordnungen, Zusammenlegungen und räumliche Auslagerungen des Bestandes, sodass die alten Werke der einstigen Ratsbibliothek (ca. 120.000 Bände) inzwischen im Stadtarchiv zu finden sind, das 400 m nördlich auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters St. Johannis seinen Platz gefunden hat. In den vormaligen Räumen der Ratsbibliothek erfolgte dann im Jahr 1920 die Gründung und Eröffnung der Stralsunder Stadtbibliothek, die sich bis heute dort befindet.
Die historische Schrifttafel muss zwischenzeitlich eine Zeitlang übermalt oder überputzt gewesen sein und trat wohl erst bei Sanierungsarbeiten – vermutlich nach der deutschen Wiedervereinigung – wieder zutage. Denn es existiert zwar ein auf das Jahr 1925 datiertes Foto, auf dem sie bereits zu sehen ist, auf einem späteren Bild, das 1974 zu DDR-Zeiten entstand, fehlt sie jedoch. Stattdessen befanden sich zwei andere und etwas höher platzierte dreidimensionale Schriftzüge (»BUECHEREI« und »ARCHIV«) links und rechts des Eingangs. In der Chronik der Stadtbibliothek ist zu lesen, dass im Jahr 2001 mit einer umfangreichen Haussanierung begonnen wurde. Wie aufwendig diese Bautätigkeiten gewesen sein müssen, zeigt die Wiedereröffnung nach erst neun Jahren, am 01. Oktober 2010. Fotos mit dem Eingang und der Stelle der Beschriftung direkt vor oder kurz nach der Sanierung konnte ich leider nicht finden.
Doch vor allem freue ich mich, dass auch bei diesem Fundstück wieder ein alter Schriftzug wieder zutage trat, der nun für die Nachwelt erhalten bleibt. 🤓 🔠 📚
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