Dies ist die Kategorie für alle manuell mit Stift, Kreide, Feder oder Pinsel erzeugten Schriftzüge – egal, ob ungelenke handschriftliche Notizen, gekonnte Werke vom Profi-Schildermaler oder kunstvolle Kalligraphie.
Typographisches Fundstück zum Wochenende. Ohne große Worte – einfach, weil die Zeiten derzeit zu düster und das Leben generell zu kurz sind, um nicht dem Schönen, Wahren, Guten, so oft wie es irgend geht, mehr Raum zu bieten.
Lest es als Verb. Imperativ. 🤓 🔠 ♥️
»Das Wahre suchen und das Schöne lieben, das Gute üben, kein edler Ziel kann im Leben ein Mensch erstreben, kein reiner Glück kann auf Erden der Seele werden.«
Karl von Gerok (1815–1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter
Und schon stand die nächste Reise an – eine Woche Kurzurlaub in der 1.-Mai-Woche in Trier. Die Unterkunft war, wie meistens, mit Selbstverpflegung gebucht und gleich am ersten Abend kam Appetit auf frisch gebackene, gute Steinofenpizza auf. Ein italienisches Restaurant, das in der Stadt seit über 50 Jahren ansässig ist und damit zum kulinarischen Urgestein gehört, lag keine 5 Gehminuten von der Ferienwohnung entfernt und wurde zur Bezugsquelle für zwei Pizze »to go« erkoren.
In der Appartementküche beim Auspacken fiel mir auf dem Deckel des Pizzakartons sofort die bizarre Formgebung des Doppel-z bei dem Wort »Pizza« auf. Es las sich eher wie »Pi(t)zma« und wirkte um so absonderlicher, je länger ich daraufschaute. Hier hatte sich der Kartongrafiker bei seinem Versuch der Gestaltung eines handgemachten Schriftzuges meines Erachtens typographisch eindeutig verhoben.
Die Illustration hingegen ist handwerklich nicht zu beanstanden. Nun kann man rätseln: War der Kartongestalter ein geübter Illustrator und hat dafür spürbar weniger Talent bei der Schriftgestaltung? Oder wurde das Bildmotiv von einem externen Bildanbieter lizenziert und die Person, welche die Druckvorlage erstellte, hatte überhaupt keine gestalterische Ausbildung, sodass der Do-it-yourself-Schriftzug als laienhafter Versuch zu sehen ist, mit den Designtools des genutzten Rechners das Wort mühsam manuell umzusetzen?
Der Ursprung des Bildes blieb auch nach einer Rückwärts-Bildersuche im Unklaren. Offensichtlich kursiert das Motiv seit geraumer Zeit, sowohl mit als auch ohne das Wort »Pizza« und in zahlreichen Farb-, Druck- und Schriftvarianten im Kreise von Restaurants sowie Verpackungsanbietern. Eine kommerzielle Bildquelle ließ sich nicht ausfindig machen, doch auch der kuriose Schriftzug findet sich unter den Suchergebnissen mehrfach wieder, vereinzelt ist er eine Idee besser zu entziffern.
Natürlich könnte man sagen, »Hey, es ist nur eine Einwegverpackung und die kommt doch nach dem Essen der Pizza sowieso ins Altpapier« oder »Die Pizza schmeckt doch trotzdem, egal, wie gut oder womit der Karton bedruckt ist«. Aber mir geht es nun mal so, dass ich es immer etwas bedaure, wenn das letzte Quentchen gestalterischer Mühe oder überschaubarer Kosten, das aus einem »okayen« Design ein besseres gemacht hätte, nicht investiert wurde.
Deshalb gibt’s hier von mir einen Vorschlag für das Kartondesign mit einer käuflichen Schriftart, die mit ihren Formen die Dampfschwaden aus dem Pizzaofen aufgreift, die das Doppel-z mit der Unterlängen-Schlaufe beibehält und dem Auge, wie ich finde, etwas mehr schmeichelt als die ursprüngliche Umsetzung.
Buon appetito! 🤓 🔠 🍕
Schriftart: »Tisha« (Aldy Sidik für Epiclinez, 2021)
Ich versuche meistens, meine typographischen Fundstücke so zu sortieren, dass die sogenannten »Montagsbonbons« eher Motive zeigen, zu denen es entweder nicht sonderlich viel zu erzählen gibt – entweder, weil sich dazu trotz emsiger Recherchen keine weiteren Fakten ausgraben lassen oder weil nur wenige Erläuterungen vonnöten sind, da die Bilder für sich selbst sprechen. Das heutige Motiv – geknipst an der Haupt-Durchfahrtsstraße im Ort Schönhausen/Elbe in Sachsen-Anhalt auf dem Weg nach Stendal – gehört ein bisschen zu beiden Kategorien. Außer dem Namen des Betriebes und der Tatsache, dass sich dort anscheinend auch heute noch eine aktiv tätige Tischlerwerkstatt befindet, waren im Netz keine weiteren Details zu finden.
Fotografiert habe ich die Beschriftung, weil ich es immer wieder faszinierend finde, wie gekonnt es manche professionellen Schildermaler schaffen, den Duktus kalligrafischer Schriften, die normalerweise von Hand mit einer Breitfeder (und in wesentlich kleinerem Format) auf Papier geschrieben werden, derart ins Riesenhafte und noch dazu auf eine senkrechte, raue Fläche zu übertragen. In einem früheren Beitrag hatte ich schon einmal ein solches Werk aus dem Schankraum eines Regensburger Brauhauses vorgestellt.
Freuen wir uns also heute einfach nur ohne einen vertiefenden Text über dieses Zeugnis althergebrachter Schildermalerei – trotz des fehlenden Leerzeichens nach »Bau-« – und wünschen dem Tischlermeister, dass die Werbung an seinem Giebel nicht nur vorbeifahrende Buchstabennerds, sondern auch zahlende Kunden auf seine Werkstatt aufmerksam macht … 🤓 🔠 🪑
Kommen wir nun zum ersten »richtigen« Fundstück aus Kopenhagen. Am zweiten Tag meines Aufenthalts besuchte ich in der mittelalterlichen Kirche im Stadtteil Brønshøj(Außenansicht des Turmes: siehe letztes Foto am Ende des Beitrags) ein wunderbares klassisches Konzert mit Musik, gespielt auf dem Urahn des Klaviers, einem Clavichord. Direkt hinter dem Bühnenpodest mit dem Instrument und dem auftretenden Künstler hatte ich freien Blick auf den prunkvollen Altar der Kirche und dort fielen mir insbesondere die derart üppig verzierten Initialen auf den beiden unteren Texttafeln auf. Die Ranken und Schlaufen sind derart filigran und überbordend, dass für die meisten Betrachter*innen nur aus dem Text selbst ersichtlich wird, um welche Buchstaben es sich überhaupt handelt.
Die Brønshøj-Kirche ist seit der Eingemeindung der Pfarrei in die Stadt Kopenhagen im Jahr 1901 tatsächlich das älteste noch genutzte Gebäude Kopenhagens. Sie wurde in den 1180er-Jahren von Bischof Absalon im romanischen Stil aus Kalksteinblöcken von der dänischen Halbinsel Stevns erbaut. Der Turm im gotischen Stil wurde um 1450 hinzugefügt und besteht aus rotem Backstein.
Während der schwedischen Besatzung im Jahr 1658 wurde das Kircheninnere geräumt und vermutlich als Waffenlager genutzt. Zwar überstand die Kirche die Kriege, von der Innenausstattung jedoch blieben nur das Altarbild und das Taufbecken erhalten. Letzteres ist vermutlich so alt wie die Kirche selbst.
Das große, sogenannte Katechismus-Altarbild mit den goldenen Bibeltexten stammt aus dem Jahr 1587, der vergoldete Zieraufsatz mit dem Monogramm von Christian V. ist etwa 100 Jahre jünger und wurde im Jahr 1679 angebracht. Nach der Reformation ersetzte man in Dänemark die früheren Altar-Tafelbilder aus der katholischen Zeit oftmals durch Texttafeln mit Bibelzitaten. Der von Hand gestaltete Text auf diesem Altar zitiert die Einsetzungsworte des Abendmahls, in den oberen Feldern auf Lateinisch (𝐴𝑁𝑇𝐼𝑄𝑈𝐴) und in den unteren auf Dänisch (𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯). In der barocken Niederschrift finden sich einige Besonderheiten bei der Schreibweise. So ist etwa an zwei Stellen ein doppeltes M/m mit einem leicht nach links versetzten, waagerechten Strich über einem einfachen M/m notiert und »DEDITQUE« wurde im lateinischen Text zu »DEDITQ« verkürzt:
»DOMINVS NOSTER IESVS CHRISTVS IN EA NOCTE QVA TRADITVS EST, ACCEPIT PANEM, ET CVM GRATIAS EGISSET FREGIT DEDITQ[UE] DISCIPVLIS SVIS, DICENS: ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORPVS MEVM, QVOD PRO VOBIS DATVR HOC FACITE IN MEI COM[M]EMORATIONEM«
»Vor Herre Jesus Christus, i den Nat Der Hand bleff forraad, Tog Hand Brødet, takede oc brød det, Gaff sine discipler oc sagde, Tager Dette hen oc æderit, det er mit Legem, som Giffuis for Eder, Det giører, I min Hukom[m]else.«
»Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.«
Im rechten unteren Tafelbild setzt sich der dänische Text fort mit den Worten »Lige saa tog hand og Kalken efter Aftens-Maaltid …« (»Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl …«). Somit ist klar, dass die beiden Initialen ein V (links) und ein L (rechts) darstellen.
▲ Die »V«-Initiale von der linken unteren Altartafel in freigestellter Darstellung.Die »L«-Initiale in einem vergrößerten und digital optimierten fotografischen Ausschnitt.
Und somit durfte ich an diesem Abend nicht nur zartklingende Alte Musik geießen, sondern hatte auch wieder einen spannenden Anlass, einem historischen Schrift-Fundstück hinterherzurecherchieren und einiges dabei über meinen Urlaubsort zu lernen. 🤓 🔠 🇩🇰
Der Turm der Brønshøj Kirke, fotografiert am Abend, kurz vor der Konzertveranstaltung.
An diesem Montag biete ich gleich vier typographische Bonbons an, die ich im Umfeld von Bistros, Restaurants, Imbissen oder Marktständen fotografiert habe, teils schon vor einigen Jahren.
Es ist einiges Handgeschriebene dabei, sodass sich eine Schriftbestimmung dort erübrigt. Allen gemein ist aus meiner Sicht jedoch eine amüsante Komponente, die durch Botschaft, Wortwahl, Schriftbild oder Anordnung der Buchstaben bzw. Texte entstand – teils mit Absicht, teils ohne Zutun der Schreiber*innen. Deshalb lasse ich die Fundstücke heute auch mal nur für sich sprechen und verzichte auf tiefgründige Recherchen. Man bemerke jedoch, dass beim ersten Bild in der zweiten Zeile kopfstehende W als M-Ersatz genutzt wurden.
In letzter Zeit fragte ich mich gelegentlich, ob ich eventuell zu oft Fundstücke poste und bespreche, die schon relativ alt sind: Werbeschilder von geschlossenen Geschäften, Steinreliefs aus früheren Jahrhunderten, Retro-Verpackungen … Aber dann denke ich: Nein, das ist schon gut so. Es gibt so viele schöne, amüsante, lehrreiche, interessante, kreative und nach wie vor top-aktuelle »alte« Dinge – ich bleibe dabei!
Auch das heutige typographische Montagsbonbon ist wieder ein solcher »Vintage«-Beitrag. Es ist das vordere Umschlagmotiv eines Buches, das als Geschenk eines lieben Freundes seinen Weg aus dessen elterlicher Bibliothek (mit Erlaubnis der Eltern) in unseren Haushalt fand:
Wolf Schmidt: »Die Hesselbachs – Babba« (1967, Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh), Umschlaggestaltung: Karl Hartig.
Zur Erläuterung: Seit vielen Jahren bin ich nicht nur ein großer Fan der Kult-Familienserien »Ein Herz und eine Seele« (»Ekel Alfred«) und »Familie Heinz Becker«, sondern auch der deutlich weniger bekannten »Familie Hesselbach«, einer in schwarzweiß gedrehten, sehr erfolgreichen Fernsehserie der ARD aus den Jahren 1960/61, die auf einer ebenso populären Hörspielserie aus den späten 1940er-Jahren des Hessischen Rundfunks basiert. Die einzelnen Episoden haben in sich geschlossene Handlungen und verquicken auf ebenso kurzweilige wie gekonnte Weise den Arbeitsalltag in einer mittelständischen Druckerei mit turbulenten Ereignissen im Privatleben der Inhaberfamilie. Die Serie lebt vor allem von der zentralen Figur des temperamentvollen Patriarchen Karl »Babba« Hesselbach, gespielt von Wolf Schmidt, der als Drehbuchautor auch für die ausgesprochen eloquenten und amüsanten Dialoge verantwortlich zeichnete. In vielen der Monologe und Stoßseufzer Vater Hesselbachs finden sich gesellschaftskritische, politische oder philosophische Bonmots, die bis heute nichts an Aktualität verloren haben.
»Wenn sich wegen jeder Falschmeldung in der Presse ein Redakteur aufhängen würde, dann wäre dieser Berufsstand schon längst ausgestorben.«
Alle Folgen der TV-Serie werden sowohl auf dem Pay-TV-Sender »ARD Plus« als auch auf dem YouTube-Kanal »TV-Klassiker« im Stream abrufbar.
Die Besonderheit des Buchumschlags, in einem typischen collage-artigen Stil der 1960er-Jahre, besteht im Wesentlichen aus den handschriftlich-kalligrafischen Schriftzügen, die statt normaler Satzschriften für die Gestaltung genutzt wurden. Ich finde, auf diese Weise kommt die persönlich-anekdotische Note der Erzählungen im Buch, die auf vier der Seriengeschichten beruhen, bereits auf dem Cover schon besser zur Geltung als mit einer statischer wirkenden Grotesk- oder Antiqua-Schrift. Und der stilisierte, unter dem Portrait des Protagonisten installierte Sockel nimmt ironisch dessen Platz als Familien- und Firmenoberhaupt aufs Korn.
Das Buch ähnelt somit durchaus der Fernsehserie: Von außen vielleicht etwas »oldstyle« – inhaltlich aber keineswegs. 🤓 🔠 📺
Noch immer liegen hier auf meiner Festplatte einige Fundstücke aus Freiburg und Basel, die ihres Postens harren. Der heutige Beitrag präsentiert eines davon; ich entdeckte es in der »Schweizer Kulturhauptstadt« – Basel hat eine der schönsten und besterhaltenen Altstädte Europas – in einem schmalen Gässchen Richtung Andreasplatz, zwischen den Häusern Schneidergasse 18 und 20, hoch oben an der Seitenfassade eines Eckhauses. Fast wäre ich daran vorbeigelaufen, weil das Relikt so unscheinbar und verwittert war. Die historischen Orts- und Straßennamen in diesem Viertel der »Grossbasler Altstadt« – Hutgasse, Nadelberg, Sattelgasse, Gerbergasse, Schneidergasse – lassen vermuten, dass hier einst etliche Handwerksbetriebe ansässig waren, die mit der Verarbeitung von Stoff- und Lederwaren ihr Geld verdienten. Seinen Namen hat der überschaubare mittelalterliche Platz von einer Kapelle, die einst in seiner Mitte stand:
»An die im 11. Jahrhundert erbaute Andreaskapelle erinnern Pflastersteine, die am Boden ihren Grundriss nachzeichnen. In nachreformatorischer Zeit diente die Kapelle den Krämern der Safran Zunft Basel als Warenlager, bevor sie im Jahr 1792 auf Wunsch der Anwohnenden abgerissen wurde. Die Abstände zwischen den Wohnhäusern und dem Kirchlein betrugen teilweise nur vier Meter!«
Ich hatte wohl noch mehr Glück, den Schriftzug »Spezialität in Nähseide & Schneiderartikel« überhaupt bemerken zu können, denn auf einer älteren Gebäudeansicht bei Google Streetview ist die Fassade nahezu komplett mit Efeu überwachsen. Der dichte Pflanzenteppich hatte sich erst im Sommer 2017 durch sein eigenes Gewicht von der Fassade gelöst. Am Tage meines Besuches bedeckten die neu sprießenden Ranken nur die letzten vier Buchstaben. Die vornehmen, aufrecht stehenden Buchstaben und verzierten Initialen, die an mit Feder geschriebene Texte erinnern, sind mit Sicherheit von Hand auf die Wand gemalt worden, denn es fallen sofort Unregelmäßigkeiten im Schriftbild auf, wie etwa unterschiedliche Zeichenbreiten oder verschiedene Neigungswinkel des Querstrichs im kleinen e.
Die Schriftart ist keiner eindeutigen Klasse zuzuordnen, sie vermischt Stilelemente verschiedenster Epochen und Kategorien miteinander. So etwa die eigenwillig nach links »gebückte« Form des großen N, wie sie sich in manchen mittelalterlichen oder »gotisch/keltisch« assoziierten Schreibschriften wiederfindet, z.B. in der »Old Norse« (Eric Kurniawan/Burntilldead). Aber sie besitzt auch modernere Attribute, die man von den kalligrafischen Antiqua-Varianten der »Chancery«-Schriften (»Humanistische Kursive«) kennt, etwa den nach rechts geschwungenen oberen Abschluss am Stamm des h. In ihrer aufrechten Schreibweise wiederum erinnert sie an Schriften aus der Gruppe der »Humanistischen Minuskel« aus dem 15. Jh. Und auch das über der Grundlinie gehaltene z mit Unterschlinge ist bemerkenswert. Bezeichnen wir die Schrift also bis auf Weiteres als »frei gestaltete, dekorative Werbeschrift mit Federduktus und verzierten Initialen«.
Im unteren Teil des Bildes habe ich versucht, den Schriftzug leserlicher hervorzuheben, soweit der verblasste Farbauftrag dies zuließ. Lediglich beim k musste ich raten, wie dieses vielleicht ausgesehen haben könnte, da sich das einzige Vorkommen dieses Zeichens hinter dem Efeubewuchs verbarg.
»Aufgrund der wachsenden Zahl der Annoncen in Zeitungen, als Folge der industriellen Revolution, wurde der Markt der Werbung entdeckt und auch bald der der kostengünstigen Außenwerbung. Bereits um die Jahrhundertwende wurden deshalb monumentale Reklamen an Häuserwände gemalt.«
Über den einstigen, mit der Inschrift beworbenen Betrieb konnte ich leider keine Informationen ausfindig machen, insofern ist eine Datierung der Wandbemalung schwierig. Vermutlich entstand sie nicht vor ca. 1850–1870; als Referenzdatum für den aufkommenden Boom der Außenwerbung im 19. Jahrhundert kann der 15. April 1855 dienen. An diesem Tag wurde in der Münzstraße in Berlin-Mitte die erste sogenannte »Annonciersäule«, erdacht vom dortigen Verleger und Druckereiunternehmer Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) aufgestellt.
Ich jedenfalls finde es schön, dass man diese alte Werbebotschaft nun wieder ohne Efeubewucherung sieht. 🤓 🔠 🪴
Update: Eine Leserin auf LinkedIn trug in ihrem Kommentar noch ein interessantes Detail bei, das meine Einschätzung zur Entstehungszeit bestätigt:
»Das Luxusgut Nähseide industriell herzustellen, wurde erst mit der Entwicklung der Spinn- und Nähmaschinen im 19. Jahrhundert möglich und von der Firma Gütermann 1864 in großer Menge verfügbar gemacht.«
Weiterführende Links
➡️ »Ghost Signs« – Artikel über die Bilder des Fotografen Nicholas Brewer aus Berkshire von verblassenden historischen Werbebotschaften auf Fassaden in Großbritannien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ➡️ »The History of OOH (Out Of Home)« auf der Website der OAAA (Out of Home Advertising Association of America)
Das typographische Bonbon zum Wochenanfang ist heute nichts für Vegetarier oder Veganer, passt aber nachträglich noch recht gut zum Thema »Halloween«. Gefunden habe ich es vor einer Metzgerei in Basel.
Was meine Aufmerksamkeit weckte, war nicht in erster Linie das Logo des Ladens. Es waren auch nicht die etwas grobschlächtigen 🤭 zweifarbigen und handgeschriebenen, kreativen Großbuchstaben. Es war … der nicht vorhandene Bindestrich.
(Zum Preis pro Liter kann ich leider keine Angaben machen.) 🤓 🔠🩸😱
Auch beim typographischen Fundstück von heute bleiben wir noch in Sachsen-Anhalt. Im kleinen Dorf Klietznick, das die Auszeichnung „Lebenswertestes Dorf Deutschlands« trägt, unternahm ich an einem der vergangenen Wochenenden eine Wanderung durch die dortige schöne Landschaft. Ausgangs- und Endpunkt war ein Parkplatz am Fuße des sage und schreibe 48 m hohen »Weinbergs«. Dieser heißt nicht nur so, sondern tatsächlich wachsen an seinem Südhang einige Rebstöcke. Auf der Kuppe befindet sich ein hölzerner Aussichtsturm, von dessen Spitze sich ein wunderbarer Ausblick über die Elblandschaft genießen lässt.
Am Rande des Parkplatzes steht eine handbeschriebene Tafel, auf der interessierte Touristen einige Informationen über das Dorf und seine Bewohner nachlesen können. Ich habe im ländlichen Raum schon oft solche Tafeln entdeckt und liebe die Fantasie und die kalligraphischen Ambitionen der Urheber und sehe sie als ein sympathisches Gegengewicht zu Digitaldrucken, Folienschriftzügen und oftmals liebloser PowerPoint-Ästhetik an touristischen Info-Touchpoints.
Dennoch fiel mir auf der Tafel sofort ein kleiner typographischer Lapsus auf: die beiden M in der ersten Zeile stehen »verkehrt herum«. Eine sehr ähnliche Schrift wie die dort genutzte ist die »Optima« – eine serifenlose Antiqua-Variante, deren Proportionen und Buchstabenformen (der Versalien) sich an historische, gemeißelte Inschriften anlehnen. Der berühmte Schriftdesigner Hermann Zapf entwarf die Schrift in den Jahren 1952–1958 für die Schriftgießerei Stempel in Frankfurt. Erste Skizzen dazu erstellte Zapf bereits im Jahr 1950 nach Inschriften am Konstantinsbogen in Rom und auf Grabplatten in der Basilika Santa Croce in Florenz während einer Italienreise. Das Interessante an dieser Schrift ist, dass sie gekonnt ein Charakteristikum solcher antiken Serifenschriften – die wechselnden Strichstärken innerhalb der einzelnen Buchstaben – mit der klaren Anmutung moderner geometrisch konstruierter, serifenloser Groteskschriften ähnlicher Proportionen vereint (siehe unteres Bild).
Wenn ich nun die erste Zeile von der Tafel in der Schriftart »Optima« setze, ist zu sehen, dass die Abstriche des M zur rechten Seite des Buchstabens hin fett sind, auf der Tafel hingegen zur linken Seite. Wie diese kleine Anomalie zustande kam, lässt sich nur vermuten. Vielleicht hat die schreibende Person das W vom Wortanfang als Vorlage genutzt und es an einer horizontalen Achse gespiegelt. Hätte sie das W hingegen um 180° gedreht, entstünde ein M-ähnliches Zeichen mit der korrekten Strichstärkenanordnung.
Die meisten Betrachter der Tafel werden diesen kleinen Schönheitsfehler vermutlich kaum bemerkt haben. Mir geht es oft so, dass mein Auge an derlei Details hängenbleibt, noch bevor mein Kopf erfasst hat, was mir da eigentlich aufgefallen ist.
Aber genau aus diesem Grund gibt es ja dieses Blog. 🤓 🔠 😉
Hier kann man sehr schön sehen, welche Formmerkmale klassischer Serifenschriften (oben »Trajan«) und moderner Groteskschriften (unten »Futura Book«) in der »Optima« (Mitte) zusammenkommen.
Das heutige typographische Fundstück ist zum einen ein sehr persönliches Schriftstück, zum anderen verdient es die Bezeichnung »Fundstück« im wahrsten Sinne des Wortes, denn es lag lange Zeit versteckt an einem speziellen Ort und wurde erst dann gefunden. Es ist ein etwa postkartengroßer Zettel aus leicht vergilbtem Papier, datiert auf den Sommer des Jahres 1978, zweimal gefaltet und von Hand mit Kugelschreiber in Kurrentschrift beschrieben. Die Schreiberin war meine Oma mütterlicherseits, sie trug den vornehm klingenden Vornamen Margarethe, wurde aber von meiner Schwester und mir entweder »Oma Gretchen« oder »Omchen« genannt. Ihre Schrift war mir schon früh vertraut, denn sie schrieb auch ihre Briefe oder Grußkarten an uns oftmals von Hand.
Die Oma lebte lange im Haus eines Onkels und einer Tante, sie hatte dort im Obergeschoss mehrere kleine Zimmer für sich. Ich erinnere mich noch gut an die sehr omagemäße Einrichtung in diesen Räumen von meinen Besuchen und Ferienaufenthalten aus Kindertagen: Beim Wippen auf dem gepolsterten Sofa hörte man das Echo der Sprungfedern im Inneren, auf dem massiven Wohnzimmer-Vitrinenschrank tickte eine Buffetuhr in einem geschwungenen hölzernen Gehäuse und daneben stand ein Hund aus Porzellan. Ich musste diesen Hund gemocht haben, denn ich weiß noch, dass ihn die Oma für mich damals oft vom Schrank holen musste. Vermutlich habe ich ihn nur vorsichtig berührt, denn Porzellan ist empfindlich und kein Spielzeug für Kinder. Er ist nicht kitschig und nicht farbig bemalt, nur ein paar graue und schwarze Farbflecken akzentuieren sein Fell und die Augen. Er trägt kein Halsband und keine Leine, er ist nicht »niedlich«, sondern elegant und von einer vornehmen Wildheit. Er sitzt nicht brav bei Fuß, sondern ist draußen unterwegs, streift durchs Gras, apportiert vielleicht einem Jäger.
Als der Text auf dem Zettel verfasst wurde, war ich elf Jahre alt. Die Oma erzählte niemandem davon, sie deponierte ihn zusammengefaltet im hohlen Sockel des Hundes, wohl wissend, dass er zu gegebener Zeit entdeckt werden würde. Neun Jahre lang sollte das dauern. Sie verstarb im Jahr 1987.
Nach ihrem Tod wurde ihre kleine Wohnung nach und nach ausgeräumt und der Hund ging, als der Zettel zutage kam, wie verfügt in meinen Besitz über. Seither steht er in jeder meiner Wohnungen in meinem Wohnzimmerschrank und ist eines der schönsten und für mich wertvollsten Erinnerungsstücke, die ich besitze. Zusammen mit diesem kleinen Stück Papier und dessen warmherzigem Text – in einer Schrift, die heutzutage kaum noch jemand lesen kann. Könnt Ihr es? 🤓 🔠 🥹
Der »dechiffrierte« Wortlaut des Textes ist im Alt-Text des Bildes hinterlegt oder kann
hierSommer 1978. Ich, der schöne Porzellan-Hund gehöre meinem Frauchen-Gretchen (Auch Omchen, Omi oder Omichen.) Sollte mein Frauchen mich einmal verlassen, so möchte mich der Thomas Pfeiffer gerne haben. Er freut sich.
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Leser dieses Artikels, die mich schon länger als 15 Jahre online »kennen«, werden sich vielleicht erinnern, dass ich zu diesem Hund und dem Omazettel bereits im November 2009 einen Beitrag in meinem allgemeinen privaten Blog veröffentlicht habe. Da der Zettel sich aufgrund seiner typographischen Besonderheit aber auch für die hiesige Seite anbietet, entschied ich mich für eine überarbeitete Wiederveröffentlichung mit neuen Fotos und angepasstem Text.