Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.
Kleiner Typo-Schnappschuss zwischendurch, geknipst in Regensburg: »EINFAHRT freihalten!« – handgemalt und mit einem etwas zu schlanken H.
Ich mag es trotzdem, wenn Menschen, die ein Gebots-, Verbots- oder Hinweisschild aufhängen, sich die Mühe machen, es selbst zu gestalten, anstatt einfach ein käufliches Standardschild zu benutzen. 🤓 🔠 🪧
Versuch einer Rekonstruktion des Schildes (mit etwas optimierten Buchstabenabständen)
Ein Werbe-»Mural« aus Regensburg habe ich heute als typographisches Montagsbonbon ausgewählt. Und obwohl der Farbauftrag noch relativ neu und unverwittert aussieht, hat das beworbene Produkt bereits eine über 300-jährige Geschichte.
Die Wandmalerei befindet sich an der Außenwand des Karmelitenklosters St. Joseph, Ecke Adolph-Kolping-Straße und Pfluggasse – an der Adresse, wo der Geist auch produziert wird.
»P. Ulrich Eberskirch OCD*, der als gelernter Apotheker in den Karmelitenorden eintrat, erfand im Jahre 1721 den echten Karmelitengeist. Das Geheimnis wird bis heute streng gehütet und immer nur von zwei Karmeliten weitergegeben.«
Typographisch fand ich das Motiv insofern interessant, dass es zum einen rein schriftlich für das Produkt wirbt – es gibt keinerlei Abbildung eines Mönches, einer Flasche, eines eingeschenkten Glases, einer Verpackung o.ä. Und zum anderen nutzt es in nur drei Zeilen Text vier verschiedene Schriftarten. Zwei davon konnte ich problemlos bestimmen, bei den beiden anderen war das etwas schwieriger bis erfolglos.
Das Wort »REGENSBURGER« ist in der Schriftart »ITC Avant Garde Gothic« im Schnitt »Demi Bold« gesetzt. Die Schrift wurde zunächst 1968 exklusiv für das Logo und die Headlines des US-amerikanischen Lifestyle-Magazins »Avant Garde« entworfen. Erst ab 1970 arbeitete Lubalin zusammen mit Tom Carnase – einem Partner in seinem Designbüro – daran, eine komplette Schriftfamilie gleichen Namens daraus zu entwickeln, die nachfolgend zu einer der populärsten Schriften der 1970er-Jahre wurde.
Für die Unterzeile »seit 1721 hier im Kloster hergestellt« wurde die Schrift »Palette« genutzt. Sie stammt aus dem Jahr 1951 und ihr Urheber war der Grafiker und Schriftgestalter Martin Wilke.
Die Schrift bei dem Wort »Echter« würde ich ebenfalls in den 1950er-Jahren verorten, allerdings konnte ich sie nicht verlässlich identifizieren. Das etwas zu eng stehende letzte Buchstabenpaar »er« könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Buchstaben hier individuell gestaltet wurden.
Ebenfalls knifflig war die Recherche zur Schrift im Produktnamen »KARMELITERGEIST«. Das auffälligste Merkmal ist in jedem Fall das rechtwinklig abknickende Bein des K, das sich etwas dezenter auch im R noch einmal wiederfindet. Die älteste Referenz, die ich zu dieser Buchstabenform finden konnte, reicht zurück in die Jahre 1929–1934, zu einer eleganten Art-Déco-Schrift namens »Corvinus«, entworfen vom ungarisch-schweizerischen Designer Imre Reiner für die Bauersche Schriftgießerei. Im Umfeld eines experimentelleren Formenrepertoires trifft man ein ähnliches K auch bei der Schrift »Altona« von Albert-Jan Pool, Julia Uplegger und Antonia Cornelius an, die auf Hamburger Straßenschildern Ende der 1920er-Jahre beruht, sowie in der serifenbetonten Linear-Antiqua »City« (Georg Trump für Berthold, um 1930). Alle drei Verwandten verweisen somit auf etwa dieselbe Zeit, obwohl sie nicht exakt mit der Type im Werbeschriftzug auf der Fassade übereinstimmen. Eine modernere Variante, entstanden 2002–2014, findet sich in Form der Schriftfamilie »Compass Next« von Ramiz Guseynov/TipografiaRamis.
Im Netz konnte ich zudem in einem Pressebericht aus dem Jahr 2021 zum Jubiläum der klösterlichen Spirituose ein Foto ausfindig machen, das deren Verpackungs-Evolution dokumentiert. Das »K mit dem Knick« taucht darin ausschließlich in den beiden linken der sechs abgebildeten Exemplare auf, offenbar zeitgleich mit der Einführung einer auffälligen purpurnen Kennfarbe beim Packaging. Zeitlich datieren konnte ich diese Umstellung leider nicht. Immerhin lässt sich sagen, dass das Konglomerat aus verschiedenen Schriftarten nicht älter sein kann als die jüngste der vier (»Avant Garde«).
(Nachtrag – 09. Juni 2026: In dem weiter unten im Beitrag verlinkten Video schwenkt die Kamera beim Timecode 12:28 über ein Bildtableau mit Fotos aus dem Jahr 1971, als das Elixier sein 250-jähriges Jubiläum beging. Auch darauf sind sowohl das komplette Werbemotiv als auch die orange-purpurviolette Farbgebung der Verpackung bereits zu sehen!)
Das Produkt ist nach wie vor erhältlich, es gibt sogar Pralinés, die mit einer damit aromatisierten Trüffelmasse gefüllt sind. Laut Hersteller hilft das Elixier innerlich, auf Zucker geträufelt oder mit Wasser bzw. Tee verdünnt, »… bei Grippe, Erkältung, Unwohlsein, Magenbeschwerden, Blähungen, Schlaflosigkeit«, sowie unverdünnt äußerlich »… zum Einreiben bei Ohnmacht, Herzschwäche, Rheumatismus, neuralgischen Schmerzen und zur Desinfektion von Wunden«.
Die Ursprünge dieser Heilspirituose aus (karmelitischen) Klöstern lassen sich sogar zurückverfolgen bis ins 14. Jahrhundert. Eines der ersten kommerziell vertriebenen Produkte tauchte 1611 in Frankreich unter dem Namen »L’Eau des Carmes« auf und war offenbar über Apotheken erhältlich. Das Rezept, aus Melisse, Engelwurz, Zitronenschale, Lavendel und weiteren Pflanzenessenzen gebraut, soll ursprünglich aus einem Kloster der Unbeschuhten Karmeliterinnen einer Abtei namens St. Just[e] stammen (die ich leider nicht eindeutig lokalisieren konnte) und wurde anfänglich wohl u.a. auch für den französischen König Karl V. (1338–1380) hergestellt. Andere Überlieferungen sprechen von Pariser Karmelitermönchen als Urheber der Rezeptur.
Das in Deutschland deutlich bekanntere Konkurrenzprodukt »Klosterfrau Melissengeist« kam übrigens erst im Jahr 1826, gute 100 Jahre später als der Regensburger Geist, auf den Markt. 🤓 🔠 🌿 👻
Das typographische Fundstück kommt heute aus Hamburg und befindet sich an der Adresse Beim Grünen Jäger 11. Fotografiert habe ich es, weil ich die Schriftwahl und die Farbigkeit der Beschriftungen in Verbindung mit der typischen dunkelroten Hamburger Klinkermauer als ausgesprochen passend für eine Autogarage empfand. Im Moment der Entdeckung war für mich nicht ersichtlich, ob es sich um eine reine Parkgarage oder eine Kfz-Werkstatt handelt, und auch, ob das beworbene Unternehmen noch tätig ist, konnte ich nicht erkennen. Links und rechts des vergitterten Rolltores befinden sich eine Galerie und kleine Kioske bzw. Imbisse. Ansonsten gibt es keine Hinweise auf einen Gewerbebetrieb. Der letzte Hinweis auf eine Aktivität in dem Gebäude war die Ankündigung eines »Weihnachts-ART-Marktes« im Dezember 2023, veranstaltet von der benachbarten Galerie.
Das zweigeschossige Ziegelgebäude scheint in der Übergangszeit zwischen der Fortbewegung mit Pferdefuhrwerken und der automobilen Ära entstanden zu sein, so ist es zumindest in einem schon etwas älteren Zeitungsartikel zu lesen:
»… am Schulterblatt 92 (…) auf einem weiteren großflächigen Wandgemälde ist der Neue Pferdemarkt zu sehen: Fuhrwerke auf dem ovalen Platz, im Hintergrund flanieren einige Menschen – das Bild erinnert an die Jahrhundertwende.
Entstanden sind die Wandmalereien jedoch frühestens Ende der 20er Jahre. Denn am Pferdemarkt existiert schon die ›Shell Garage Sauerberg‹, auch wenn kein einziges Auto die Idylle mit Pferd trübt. Diese erste Hochgarage Deutschlands wurde Ende der 20er Jahre eröffnet, ihre Bauzeichnungen datieren vom 11. April 1926. Heute steht der Klinkerbau (…) unter Denkmalschutz.«
Auch auf die gelbe und rote Farbgebung der Schriftzüge an dem Gebäude könnte der in dem Artikel genannte Name »Shell Garage Sauerberg« ein Hinweis sein, denn sie entspricht den Unternehmensfarben des weltbekannten, 1907 als »Royal Dutch Shell Group« gegründeten Mineralölkonzerns und ohne eine offizielle Lizenz oder Partnerschaft hätte er dessen Namen wohl kaum für seinen Betrieb nutzen dürfen.
Diese Kooperation könnte auch einen Bezug zu den rechteckig-abgerundeten Formen der Buchstaben in beiden Schriftzügen haben. Im Jahr 1971 ließ Shell sein Logo vom US-amerikanischen Designer Raymond Loewy neu gestalten und in diesem Zuge änderte auch die Wortmarke sowohl ihr Aussehen als auch ihre Platzierung im Logo. Bis dahin war der Firmenname SHELL zentriert innerhalb der stilisierten gelb-roten Kammmuschel platziert. Nach Loewys Überarbeitung war er unterhalb der neuen, minimalistischen Bildmarke angesiedelt. Auch die Schriftart änderte sich: Statt der zuvor genutzten serifenlosen Linear-Antiqua, die an die »Gill Sans Condensed Bold« (Eric Gill, um 1928) erinnert, wurden die Buchstaben technischer, mit rechteckigen Proportionen und abgerundeten Ecken – nicht unähnlich den Lettern an der Hamburger Hochgarage.
Bei der Bestimmung des oberen Schriftzugs »GARAGE« wurde ich zunächst in die Irre geführt, denn ich hielt die Schriftart auf Anhieb ganz klar entweder für die »Eurostile Extended Bold« (1962) oder ihre ausschließlich großbuchstabige Vorgängerin »Microgramma« (1952), beide entworfen von den Schriftgestaltern Alessandro Butti und Aldo Novarese. Doch der zusätzliche senkrechte Abstrich am G und das im Vergleich zu schmale A der Neonbuchstaben widersprachen dieser Vermutung. Ich konnte tatsächlich keine Schrift ausfindig machen, die exakt den Buchstabenformen an der Fassade gleicht.
Auch die untere Beschriftung »SAUERBERG« scheint eigens für den Garagenbetrieb gestaltet worden zu sein. Insbesondere A, R und G weisen sehr individuelle Details auf, die sich mit keiner mir bekannten kommerziellen Schrift in Deckung bringen ließen. Die weißen Flecken im Foto, links und rechts des Leuchtkastens (vielleicht Mörtel, Heißkleber o.ä.?), die in etwa dieselbe Breite wie die Neonschrift auf dem Dach andeuten, lassen vermuten, dass anstelle der heutigen dort früher eine andere werbetechnische Installation angebracht war. Aber auch hier ließen sich leider keine historischen Fotos finden, die diese Vermutung bestätigen. Auch die »wiederentdeckten Wandgemälde« aus dem oben zitierten taz-Artikel, welche die Garage in früherem Zustand zeigen sollen, sind online leider nirgends auffindbar.
Und so bleibt auch diesmal nur die Gewissheit, dass das Baudenkmal mit der offiziellen Identifikationsnummer 12752 unter der Bezeichnung »Großgarage am Neuen Pferdemarkt, Typ: Garage; Parkhaus; Tankstelle; Werkstatt« weiterhin an seinem angestammten Platz erhalten bleiben wird – und das hoffentlich mitsamt der interessanten Beschriftung. 🤓 🔠 🚗 🔧
Schon mehrfach gab es hier im Blog Beiträge zu neuen und alten Beschriftungen an Gebäuden und Bahnsteigen an Bahnhöfen. Bedingt durch die weit zurückreichende Geschichte der Eisenbahn sind allerorten neue und alte, vergessene, teils verwitterte, teils aber auch erstaunlich gut erhaltene Schilder und Schriftzüge zu entdecken. Eines dieser Schilder habe ich heute aus der Deutsch-Luxemburgischen Grenzregion vom Regionalbahnhof Wasserbillig mitgebracht.
»Der Bahnhof Wasserbillig in der gleichnamigen Ortschaft Wasserbillig ist ein luxemburgischer Grenzbahnhof zwischen Luxemburg und Deutschland. Der Bahnhof Wasserbillig liegt an der Bahnstrecke Luxemburg–Wasserbillig. Der Bahnhof wird von RB- und RE-Zügen angefahren. (…) Der Bahnhof wurde 1861 mit dem Bau der Bahnstrecke von Luxemburg Stadt eröffnet. 1911 wurde die Strecke bis Oetringen zweigleisig ausgebaut und von 1956 bis 1959 elektrifiziert.«
Spontan erinnerten mich die abgerundeten rechteckigen Lettern an die beiden Schriftklassiker »City« (Georg Trump für Berthold AG, 1930), die allerdings Serifen aufweist – und die deutlich breiter laufende »Bank Gothic« (Morris Fuller Benton für ATF, ebenfalls 1930). Bei der Recherche fiel mir dann auf, dass es interessanterweise auch große Ähnlichkeiten mit Schriften gibt, die historisch im Straßenverkehr genutzt wurden. So zum Beispiel mit der nach ihrem Gestalter benannten Schriftfamilie »Charles Wright«, die seit 1935 (und bis heute in weiterentwickelter Form sowie unter anderem Namen) in Großbritannien für Kfz-Nummernschilder verwendet wird. Man findet Varianten davon als »Mandatory« oder »UK Number Plate« im Netz und es gibt auch eine Info-Seite dazu von der »British Number Plate Manufacturers Association«.
Eine andere »Straßenverkehrsschrift« mit einer vergleichbaren Anmutung ist die »Route 66« von Nick’s Fonts, die auf Schriftarten beruhen, welche auf US-Highway-Schildern aus den 1930er bis 1950er Jahren anzutreffen waren.
Dennoch sind diese Schriften nicht mit jener auf dem deutsch-luxemburgischen Stationsschild identisch. Unter anderem der tiefliegende Querstrich des 𝐴, die beiden unterschiedlich breiten Bögen des 𝐵 sowie der kurze horizontale Abschlussstrich am Bein des 𝑅 machen den Schriftzug einzigartig. Das gleiche 𝑅 findet sich auch auf dem Schild, das am Bahnhof Wasserbillig auf den Ausgang verweist:
»Luxembourg, commune de Mertert: la gare CFL de Wasserbillig« | Foto: GilPe, via Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 4.0
Es ist nicht ganz einfach, die Zeit der Anbringung der Schilder zu ergründen. Formal sind sie, den o.g. Ähnlichkeiten nach, in den 1930-er bis 1950-er Jahren verwurzelt. Das Stationsschild »WASSERBILLIG« scheint aus Metall gefertigt zu sein, das Hinweisschild »SORTIE« weist Risse auf, wie sie im Lauf der Zeit bei Emaille oder Keramik entstehen könnten. In einer kommerziellen Bilddatenbank entdeckte ich immerhin ein historisches Schwarzweißfoto vom 16. August 1968, auf dem das Stationsschild bereits dokumentiert ist. Weitere alte Abbildungen mit eindeutig erkennbaren Hinweisen fand ich online nicht. Da öffentliche Beschilderungen meist entweder unmittelbar beim Bau oder zum Zeitpunkt späterer Sanierungen, Renovierungen oder Ausbauten angebracht oder ausgetauscht werden, würde ich die Tafeln auf 1959 (s.o.) oder früher datieren.
Wer mehr dazu weiß, kann sich natürlich sehr gerne melden! 🤓 🔠 🛤️
Zwischendurch noch ein schönes Fundstück aus Hamburg St. Pauli – genauer gesagt, aus dem dortigen Karolinenviertel. Dieses Objekt ist mal wieder ein schöner Beweis dafür, dass es sich bei Streifzügen durch Straßen und Stadtviertel durchaus lohnt, auch mal den Blick nach oben zu richten und nicht nur bis kurz über die eigene Augenhöhe auf das Umfeld zu achten.
In etwa dreieinhalb Metern Höhe erspähte ich so dieses wunderbare Steinrelief über dem Eingangsportal an einem Gründerzeitbau, der einst als Schulgebäude diente.
Interessant ist, dass die zweizeilige Inschrift ohne Bindestrich angelegt ist. Die Schrift erinnert mich tatsächlich ein wenig an die Schulschreibschrift, die auch ich als Kind in den 1970er-Jahren während meiner Grundschulzeit erlernte.
»Die Schule Laeiszstraße im Hamburger Stadtteil St. Pauli wurde 1862 für die Armen- und Freischule Laeiszstraße (kurz Armenschule Laeiszstraße) erbaut.
Die Entwürfe stammten vermutlich von Franz [Gustav] Forsmann. Das Jahr 1862 gilt auch als offizielles Gründungsjahr der Schule. 1905 wurde das Gebäude nach Plänen von Albert Erbe umgebaut, dabei blieben die ursprünglichen Achsmaße erhalten. Ein Neubau nach Planung des Hamburger Hochbauamtes kam 1967 hinzu. (…) Zum Schuljahresbeginn 2006/2007 wurde die Grundschule (…) dauerhaft geschlossen. Danach wurde das Gebäude zwischenzeitlich als Standort der Grundschule Sternschanze genutzt. Mit Stand 2020 ist dort die Beratungsabteilung des Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ) Mitte ansässig. Schule und Turnhalle stehen unter Denkmalschutz.«
Auch, was es mit dem Begriff »Armenschulen« auf sich hatte, speziell im Kontext mit dieser einen, ist wissenswert:
»Erst im Jahr 1870 wurden in der Freien und Hansestadt Hamburg, einem Teilgebiet des künftigen Deutschen Reiches, Volksschulen und die Schulpflicht eingeführt. Umso bemerkenswerter ist es, dass die heutige Grundschule im Karolinenviertel, Laeiszstraße 12, bereits acht Jahre vor Einführung der Schulpflicht als ›Zweite Armenschule von St. Pauli‹ im Jahr 1862 auf Initiative des Abgeordneten Johannes Halben gegründet wurde, zunächst in einem kleinen Gebäude mit begrenzter Anzahl an Klassenräumen. Die Bezeichnung ›Armenschule‹ oder ›Freischule‹ bedeutet, dass diese Schulen kein Schulgeld verlangten, was in privaten Einrichtungen sonst selbstverständlich war.«
Aus Trier kommt das heutige typographische Montagsbonbon, und zwar in Form eines schnittigen Neonschriftzuges am »Stahlwarenhaus Schmelzer«. Küchen-, Koch-, Taschen- oder Sammlermesser sucht, ein Maniküreset oder sonstige Haushaltswaren wie Gläser, Kochgeschirr oder Küchenwerkzeuge, wird nach eigenen Angaben bei diesem Familienunternehmen fündig. Tatsächlich gibt es dieses Geschäft – in den Gründerjahren vermutlich mit einem etwas überschaubareren Sortiment und noch ohne den leuchtenden Namen an der Fassade – bereits seit 1734.
»Das Stahlwarenhaus Schmelzer in Trier wird bereits in der neunten Generation von unserer Familie geführt, kann auf über 285 Jahre Unternehmensgeschichte zurückblicken und zählt damit zu den ältesten Fachgeschäften Deutschlands. Der Name Schmelzer wird in der städtischen Chronik Triers sogar schon 1552 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.«
Wieder einmal, wie oft bei derartigen Klassikern aus der Blütezeit der Neon-Lichtwerbung, begeistern die einzelnen Buchstabenformen mit feinen Details: Die teilweise doppelt angelegte, gerade Basis des 𝑆. Die oben leicht begradigte Form der 𝑙-Schlaufe, die mich tatsächlich an eine Messerklinge erinnert. Der gekonnte Übergang mit gebogenem Auf- und waagerechtem Querstrich von dort aus zum 𝑧, das zudem oben links eine Art kleine Serife aufweist, die dann im 𝑟 ein formales Echo findet.
Ein zweites Fundstück, geknipst entlang der Wegstrecke vom Fischmarkt in Hamburg-Altona in Richtung Pferdemarkt, Karoviertel und schließlich Schulterblatt. Hinter einer großen Kreuzung am Nobistor entdecke ich einen kleinen Seiteneingang am Ende des Gebäudes Holstenstraße 3, der offenbar zum Hotel Lafayette gehört.
Unter einer verblichenen schmalen Markise (man sieht sie in der Spiegelung im Bild) an dem in die Jahre gekommenen blaugrauen Waschbeton-Gebäudeklotz, vermutlich aus den 1960er-Jahren, findet sich über der verglasten Aluminiumtür ein blaues Banner »Hotel·Eingang«. Man erkennt deutlich die Pinselstriche in dem gelben Farbauftrag; irgendwann einmal hat wohl ein Schildermaler diesen Schriftzug dort hinterlassen. Die Website des Hotels präsentiert sich inzwischen in zeitgemäßem Chic, direkt nebenan unter der Hausnummer 5 konkurriert das moderne »Prize by Radisson« in einem sandfarbenen Neubau mit extravagant eingerichteten, günstigen Designzimmern um Übernachtungsgäste.
Und doch hat hier in einer schmalen Nische ein kleines Relikt die Jahrzehnte überdauert. Ich liebe es. 🤓 🔠 🏨
Es verdichtet sich bei mir allmählich das Gefühl, dass ich um so mehr typografische Fundstücke auf meinen Wegen, Reisen und Ausflügen erspähe, je mehr ich hier im Blog poste. Deshalb werde ich in dieser Woche die »Schlagzahl« noch einmal ein bisschen erhöhen und jeden Tag ein Typo-Häppchen servieren.
Das heutige stammt auch wieder aus Trier. Nach einem Einkauf nahe dem Trierer Hauptmarkt sah ich zufällig durch einen Torbogen (Pfeil im unteren Bild) dieses schöne Hausnummern-Relief an einem Eingang im Hof des Gebäudekomplexes der Markt- und Stadtkirche St. Gangolf. Und die interessante Ziffer 4 darin erforderte natürlich umgehend, dass ich durch das zufällig offenstehende Hoftor ging und sie für meine Sammlung dokumentierte. 🤓 🔠 ⛪️
Das heutige Thema des Fundstück-Potpourris aus Barcelona lautet »Embleme an Hauseingängen«. Davon habe ich diesmal vier schöne Exemplare von meiner Kurzreise mitgebracht – zwei mit Buchstaben und zwei mit Jahreszahlen.
Bei meiner Fotosafari durch die Straßen der Stadt kam ich nicht umhin, die zahllosen, im Jugendstil erbauten oder mit dekorativen Elementen dieser Epoche geschmückten Gebäude zu bemerken. Barcelona ist ein prachtvolles Sammelbecken dieser Architektur: Über 2.000 Gebäude, so heißt es, wurden in der Zeit zwischen etwa 1880 und 1930 im Stil des katalanischen »Modernisme« in der Stadt erbaut und sind zu großen Teilen bis heute erhalten geblieben. Durch Abriss der alten Stadtmauer bekam Barcelona damals die Möglichkeit, sich großzügig auszudehnen. Der parallel wachsende Reichtum durch Industrie und Kapital führte zu einer wohlhabenden Bürgerschicht, wohingegen im Rest Spaniens eine Depression herrschte. Dieser neue Wohlstand beflügelte den Nationalstolz der Katalanen, sodass der Jugendstil hier eine eigene politische Ebene beinhaltete, die von Aufbruch, Erneuerung und Selbstbestimmung geprägt war.
»Die Architekten des Modernismus entwerfen ihre Gebäude ›komplett‹: Alle Räume, Farben, Dekorationen, Rahmen, Stühle, Fußboden und Gardinen werden bis ins letzte Detail geplant. Inspirieren lassen sie sich dabei von der Kunst des Orients und von der Natur selbst: weiche Linien, Kurven, geometrische Formen und ein buntes Farbenspektrum dominieren in allen modernistischen Werken Barcelonas. Unter den Motiven findet man exotische Pflanzenranken, Blüten und Palmen. Im Gegensatz zu den geraden Linen und Formen des Neoklassizismus ist der katalanische Modernismus frech und verspielt.«
Und so stammen auch meine hier gezeigten Fundstücke aus dieser Zeit.
Das erste Emblem ist aus Metall gefertigt und in ein mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziertes Türgitter eingebettet. Es zeigt die mit Goldbronze bemalten Initialen »AM«, die mit Jugendstil-Buchstaben gestaltet und übereinandergelegt zu einer Art Monogramm arrangiert sind.
Ob die mit Beeren und Blättern versehene Einfassung Lorbeer- oder Olivenzweige darstellen sollen, konnte ich nicht belegbar herausfinden. Ich würde jedoch auf Lorbeer tippen, da die Beeren rundlicher aussehen sind und die Form der Blätter, ebenfalls botanisch passend, spitzer zuläuft als es gemeinhin bei Oliven der Fall ist.
Das zweite Emblem fällt garantiert in die Blütezeit des Modernisme, wie die Jahreszahl 1893 beweist. Interessant fand ich hier die diagonal gestürzte Anordnung, die in Verbindung mit den Verzierungen der Ziffern dem Gesamtgebilde eine fast abstrakt-ornamentale Anmutung verleiht.
Die Eingangstür unter dem steinernen Emblem ist ziemlich sicher kein Jugendstil. 😉
Fünf Jahre später wurde dann wohl dieses Emblem angebracht – erneut von floralen Ornamenten umgeben. Schlicht, aber schön, wenngleich gekrönt von neuzeitlichem Kabelsalat.
Das blaue Objekt am unteren Bildrand ist ein Bus, der vor dem Gebäude geparkt war.
Zum Schluss folgt noch ein Gesamtkunstwerk in Form des prachtvollen Portals des »Centro Aragonés de Barcelona«, eines 1909 gegründeten aragonesischen Kulturvereins, der sowohl eine 14.000 Bände umfassende Bibliothek beherbergt als auch ganzjährig Konzerte, Ausstellungen, Handwerksmärkte, Lesungen, Theateraufführungen und Workshops veranstaltet und u.a. für die aragonesische Community in der Stadt eine Anlaufstelle darstellt.
Typographisch interessant fand ich sowohl den bogenförmigen Schriftzug über dem Eingang als auch das »CA«-Monogramm in dem roten Gittertor. Beides würde ich gleichfalls dem Modernisme zuordnen, nicht nur aufgrund des o.g. Gründungsdatums des Vereins, sondern bei der Inschrift z.B. auch aufgrund der deutlich nach unten (beim A und R) bzw. nach oben (beim E) versetzten Mittelachse der Buchstaben. Bei dem Emblem deuten die geschweiften Enden der Bögen, Winkel und Stämme der Buchstaben darauf hin. Bemerkenswert sind auch die eckigen »Spiralen« im Kapitell am Kopf der Säulen links und rechts des Eingangs.
Nicht nur die typographischen Elemente, sondern auch das prachtvoll ornamentierte Ziergitter sind eine wahre Augenweide.
Ich zumindest kam beim Herumstromern mal wieder aus dem Staunen nicht heraus – und die heutigen Bildbeispiele zeigen aus meiner Sicht sehr schön, wie eng Typographie, Kunst und Architektur in manchen Epochen oder Regionen miteinander verbunden sein können. 🤓 🔠 ⚜️
Weiter geht’s beim »Abbau« meiner typographischen Fundstücke aus Barcelona mit einem Potpourri fantasievoller Ladenbeschriftungen. Ich war wieder einmal entzückt, wie individuell und originell die Gründer bzw. Inhaber ihre Schriftzüge gestalten, anstatt diesen Aufwand zu scheuen und zu beliebigen, inflationär verbreiteten Schriftarten zu greifen.
Lloable!*
* (katalanisch: lobenswert!)
Das erste Wort in der nachfolgenden Beschriftung – so hübsch es auf den ersten Blick aussieht – ist leider suboptimal gestaltet. Die beiden eher f-ähnlichen Zeichen sollen tatsächlich den Buchstaben t repräsentieren: Das katalanische Wort »tintoreria« – ich las es zuerst fälschlich als »finforeria« – bedeutet sowohl »Färberei« als auch »(chemische) Reinigung«. Der Text darunter »neteja i tint de la pell · i planxat al vapor« bedeutet übersetzt »Lederreinigung und -färbung · chemische Reinigung«. Das Geschäft ist inzwischen offenbar leider dauerhaft geschlossen.
Schön anzusehen, aber typographisch leider etwas irreführend umgesetzt. Vielleicht ist die Ladenbezeichnung für Muttersprachler leichter zu entschlüsseln, weil ihnen das gemeinte Wort bereits vertraut ist.Das Fotostudio »Daguerre« wurde tatsächlich bereits 1916 gegründet und feierte dieses Jahr somit sein 110-jähriges Bestehen. Alte Werbeanzeigen aus den Gründungsjahren sind auf der Website des Unternehmens dokumentiert.Noch einmal Leder, diesmal ein Modeatelier, gegründet vom Namensgeber Xavier Barris im Jahr 1986. Der eigens gestaltete Schriftzug an der Ladenfassade wurde aufwendig aus gebogenen Metallstäben gefertigt.Schriftzug an einem Schuhgeschäft. »Sabates« ist das katalanische Wort für Schuhe, der Laden heißt somit auf deutsch sinngemäß »Schuh-o-Thek«.