verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Kunst und Kultur (Seite 1 von 2)

In dieser Kategorie werden Schriftbeispiele gesammelt, die aus Theatern, Opernhäusern oder Museen stammen. Aber auch Beiträge mit Bezug zu Kultur- und Alltagsgeschichte sollen hier ihren Platz finden.

04.09.2026

Viele der hier präsentierten typographischen Fundstücke sind verhältnismäßig groß. Sie überspannen komplette Hausfassaden, sind aus teils meterhohen Buchstaben gefertigt und fallen Vorbeigehenden meist sofort ins Auge. Das aktuelle Beispiel hingegen stammt von einem kleinen Messingschild, an dem vermutlich die meisten Passanten entweder vorbeilaufen oder es sogar dann nicht bemerken, wenn sie durch den damit gekennzeichneten Hauseingang das Gebäude betreten.

Das Schild befindet sich an einem der Eingänge am Hauptgebäude der Universität Greifswald in der Domstraße 11. Die Außenansicht des Instituts von der Straße aus kann bei Google Maps besichtigt werden. Dies ist auch der Eingang, der über das Treppenhaus direkt zum prächtigen Saal der Aula im Obergeschoss führt.

Auch ich selbst benutzte den Eingang bereits häufiger, denn seit geraumer Zeit besuchte ich im Sommer gerne u.a. das oft in der Aula stattfindende Eröffnungskonzert der jährlich stattfindenden Greifswalder Bachwoche – ein klassisches Musikfest mit einer mittlerweile 80‑jährigen Tradition, das jedes Mal bis zu 10.000 Besucher verzeichnen kann. 1945 ins Leben gerufen, ist die Bachwoche das älteste Musikfestival in Mecklenburg-Vorpommern und fand seither ohne Unterbrechung jedes Jahr statt, sogar während der Corona-Pandemie und während des Bestehens der DDR. Außer durch Landesmittel wird das Festival seit der Wende auch von Kooperationspartnern aus der Wirtschaft getragen; hinzu kommen kirchliche Institutionen sowie Gelder der Hansestadt Greifswald und der Universität.

»Die Aula befindet sich im 1750 fertiggestellten Hauptgebäude der Universität Greifswald. (…) Die Säulen, die Empore und der hölzerne Skulpturenschmuck – Arbeiten des Stralsunder Bildschnitzers Jakob Freese – sind heute in ihrem originalen Erscheinungsbild restauriert.

(…) Schon im 18. Jahrhundert gab es einen Kronleuchter und eine Rokoko-Stukkierung. Die heutige Ausführung mit ausufernder Grisaille-Malerei stammt jedoch aus den 1950er Jahren.«

Quelle: uni-greifswald.de – »Die Aula der Universität Greifswald«

Ich halte es für durchaus möglich, dass die Schriftart auf dem Schild – entweder im Original oder als inzwischen ersetzte Replik – entweder tatsächlich noch aus der Zeit der Errichtung des Gebäudes stammt oder nachfolgend, bewusst deren Stil zitierend, angefertigt wurde. Denn obwohl die Buchstaben – von den dünnen Zierlinien zwischen n und g abgesehen – nicht flüssig miteinander verbunden sind, erinnern sowohl der Strichstärkenkontrast als auch die Verzierungen an das Schriftbild der sogenannten »Anglaise« oder »Englischen Schreibschrift«, wie sie Mitte des 18. Jahrhunderts als kalligraphische Zierschrift genutzt wurde. Falls kundige Typographen, die hier mitlesen, über ergänzende oder gegenteilige Informationen zur Einordnung der Schrift verfügen, freue ich mich über entsprechende Kommentare.

Betrüblich ist jedoch, dass die Universität in Greifswald mit ihren fünf Fakultäten (Theologische Fakultät, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät, Universitätsmedizin, Philosophische Fakultät und Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät) aktuell von massiven finanziellen Kürzungen bedroht ist. Von den ca. 59.000 Einwohnern Greifswalds sind mehr als 10.000 Studierende an der bereits 1456 gegründeten Universität, die damit zu den ältesten in Deutschland zählt.

»(…) im Januar 2026 gab Rektorin Riedel bekannt, dass der Universität Greifswald im laufenden Haushalt fünf Millionen Euro fehlen. Daraufhin wurde ein pauschales Sparprogramm angekündigt, das alle Fakultäten gleichermaßen betrifft. Dazu gehören Wiederbesetzungssperren für frei werdende Stellen, die Reduzierung von Sachmitteln sowie die mittelfristige Veräußerung von Universitätsgebäuden.«

Quelle: Ostdeutsche Allgemeine – »80. Bach-Woche von Debatte um Schließung des Instituts für Kirchenmusik überschattet«

Aufgrund der finanziellen Defizite hat die Universität im Juni 2026 z.B. einen Einschreibungsstopp für die Fächer Musik und Musikwissenschaften für das Wintersemester 2026/27 verhängt, sodass keine neuen Erstsemester mehr in diesen Bereichen aufgenommen werden. Auch die Zukunft des Instituts für Kirchenmusik an der Uni, das die Greifswalder Bachwoche maßgeblich mitorganisiert, steht im Rahmen des Kostendrucks zur Debatte. Parallel gibt es Presseberichten zufolge immerhin die Zusage, dass jeder Student sein begonnenes Studium beenden kann. Ebenso sind wohl betriebsbedingte Kündigungen der Mitarbeiter derzeit nicht geplant.

Die Gelder für die Universität werden zum Großteil aus Landesmitteln im Rahmen der Hochschulfinanzierung bereitgestellt. Da aber auch der Landeshaushalt im laufenden Jahr Online-Quellen zufolge bereits ein Haushaltsloch von ca. 400 Millionen Euro ausweist, werden Hochschulen wohl landesweit von der knappen Finanzsituation betroffen sein. Bis Ende des Jahrzehnts soll das Haushaltsdefizit des Landes sogar auf bis zu 1,1 Milliarden Euro ansteigen.

Ob die Kürzungen tatsächlich alle Fakultäten gleichermaßen betreffen werden, bleibt abzuwarten. Denn in den letzten Jahren war – zumindest aus meiner Sicht – generell eine diffuse, aber wachsende Abwertung der geisteswissenschaftlichen Disziplinen gegenüber den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu spüren. Diese Sichtweise kann auch dazu führen, dass Studiengänge mit einer vermeintlich geringeren »Wertschöpfung« eher dem Rotstift zum Opfer fallen.

»Forschung ist kein Selbstzweck. Forschung muss zu Wertschöpfung, Produktion und Innovation in Deutschland und in Europa führen.«

Bundeskanzler Friedrich Merz anlässlich der Übergabe des Jahresgutachtens 2026 der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) am 11.02.2026 in Berlin

»Nowadays people know the price of everything and the value of nothing.«

Oscar Wilde (1854–1900) – Lord Henry in »The Picture of Dorian Gray«

Es liegt mir fern, hier im Blog politische oder gesellschaftlich kontrovers diskutierte Aspekte im Umfeld der präsentierten typographischen Fundstücke allzu sehr zu vertiefen. Dennoch würde ich mir wünschen, dass die Geisteswissenschaften wieder stärker geschätzt würden – auch wenn ihre Erkenntnisse, Forschungsgegenstände, Themen oder kulturellen und intellektuellen Beiträge weniger monetarisierbar scheinen und ihr Wert oft eher im Immateriellen liegt. Aber vielleicht trägt ja gerade der in vollem Gange befindliche KI-Boom (Hype?) dazu bei, das Blatt wieder zu wenden. Denn viele Kompetenzen, die auch in geisteswissenschaftlichen Disziplinen eine große Rolle spielen – wie kritisches Denken, die Fähigkeit zur analytischen Durchdringung komplexer Probleme und zum Aufzeigen geeigneter Lösungswege, die differenzierte Bewertung von (auch mittels KI erstellten) Quellen, Texten und sonstigen Materialsammlungen und nicht zuletzt Kreativität – werden zunehmend den sogenannten »Future Skills« zugerechnet. Dieser Begriff bezeichnet Kompetenzen und Wissensbereiche, denen angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besondere Bedeutung beigemessen wird.

Und nun noch ein kleiner Exkurs zu den Bachwochen und der Person ihres Namensgebers: Sowohl unter Musikern und Komponisten als auch bei Musikfreunden und Hörern klassischer Musik landet Johann Sebastian Bach bei Umfragen und Statistiken heutzutage regelmäßig unter den Top 3. So wurde der Barockkomponist von 174 lebenden Komponisten in der Dezemberausgabe 2019 des BBC Music Magazine zum größten Komponisten aller Zeiten gewählt. Auch in der Streaming-Statistik im Bereich Klassik bei Spotify für das Jahr 2020 rangierte Bach mit 7,2 Millionen Hörern pro Monat auf dem ersten Platz. Jeder kennt Bach. Er ist fester Teil der Musik- und Popkultur, seine Werke werden für Werbespots und Film-Soundtracks genutzt und kommen regelmäßig auf Konzertpodien in aller Welt zu Gehör. Doch nur wenige wissen, dass das nicht immer so war. Zwar wurde er bereits zu Lebzeiten als Organist und Musikgelehrter geschätzt und von Komponistenkollegen respektiert, doch war er bei weitem nicht so populär wie heute. Nach seinem Tod im Jahr 1750 geschah etwas aus heutiger Sicht Unglaubliches: Sein Werk verschwand für nahezu 80 Jahre aus dem aktiv aufgeführten Repertoire. Der gefragte musikalische Stil hatte sich geändert, wurde eingängiger, leichter und empfindsamer. Bachs Musik hingegen wirkte überladen, komplex und altmodisch (siehe unten stehendes Zitat des deutsch-dänischen Komponisten und Musikkritikers Johann Adolph Scheibe, eines Zeitgenossen J. S. Bachs). Seine Kompositionen wurden zwar weiterhin in der Musikwelt studiert und gewürdigt, darunter von Haydn, Mozart und Beethoven, und auch im kleineren Kreis intellektueller »Salons« diskutiert und aufgeführt, aber im Kulturleben der breiten Öffentlichkeit spielte seine Musik über Jahrzehnte nahezu keine Rolle mehr. Erst mit der Wiederaufführung der Matthäuspassion auf Initiative Felix Mendelssohn Bartholdys am 11. März 1829 in Berlin wurde ein regelrechtes »Bach-Revival« losgetreten, das bis heute nachhallt und der Genialität, Tiefe und Schönheit dieser Musik neue Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ.

»Dieser grosse Mann würde die Bewunderung ganzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit hätte, und wenn er nicht seinen Stücken durch ein schwülstiges und verworrenes Wesen das Natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzugrosse Kunst verdunkelte. (…) Die Schwülstigkeit hat [ihn] von dem Natürlichen auf das Künstliche, und von dem Erhabenen auf das Dunkle geführet; und man bewundert (…) die beschwerliche Arbeit und eine ausnehmende Mühe, die doch vergebens angewendet ist, weil sie wider die Natur streitet.«

Quelle: Johann Adolf Scheibe – »Der Critische Musicus«, Band I (1737)

Doch hätte dieses Revival damals auch dann stattgefunden, wenn die Veranstalter ohne Mendelssohns dokumentierte Beharrlichkeit allein darauf geblickt hätten, mit welchen Programmen von welchen Komponisten sie ihre Häuser nur mit Blick auf den Kartenverkauf und einen maximal erwartbaren Umsatz hätten füllen können? Ich lasse die Frage mal offen. 🤓 🔠 🎼

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).

Ich mag auch gut gemachte Visualisierungen der verschiedenen Stimmen in Bachs Werken. Sie machen die darin verborgene »Mathematik« auch für musikwissenschaftliche Laien auf intuitive Weise viel erfassbarer, als es beim reinen Zuhören möglich ist.

31.08.2026

Als Montagsbonbon zeige ich heute einen »Regelbruch« der gekonnteren Art. Wenn es um die Auszeichnung bei Texten in Frakturschrift geht – also das optische Hervorheben einzelner Wortteile, Wörter, Satzteile oder Sätze – sind die Möglichkeiten ohnehin eingeschränkt, da gebrochene Schriften zum Beispiel fast nie über kursive Schnitte verfügen. Vom Unterstreichen von Text ist typographisch (nicht nur bei Texten in Fraktur) ebenfalls eher abzuraten, denn automatische Funktionen in Textverarbeitungsprogrammen setzen die Linie oft zu nah unter die Grundlinie, durchkreuzen Unterlängen (wie etwa bei g, j, p, q, y) und stören insgesamt den Lesefluss, auch wenn sie grafisch einfühlsamer platziert und gestaltet sind. Bei online veröffentlichten Texten kommt hinzu, dass Unterstreichungen fast immer für anklickbare Links stehen und ein »funktionsloser« unterstrichener Text somit für Irritationen bei den User*innen sorgen kann. Eine vertretbare Möglichkeit besteht in der Nutzung eines fetten Schriftschnittes für die auszuzeichnenden Textteile. Sollte die gewählte Type keinen fetten Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie beinhalten, war es durchaus üblich, eine zweite fette Schriftart hinzuzuziehen, wie es in dem Werbemotiv vom vergangenen Freitag der Fall war, wo die leichtere »Hupp-Fraktur« mit der »Fetten Mainzer Fraktur« kombiniert wurde.

Unbehagen unter Typographen löst gemeinhin die durchgängige Großschreibung (Versalsatz) zur Textauszeichnung aus. Bereits bei Nicht-Frakturschriften sind solche Passagen schwerer lesbar und stören HARMONIE UND FLUSS des Textes, da sie deutlich größer und schwerer als Kleinbuchstaben wirken. Abhilfe schaffen kann hier (bedingt) die Verwendung sogenannter Kapitälchen, im Idealfall mithilfe eigens gestalteter (nicht rein algorithmisch skalierter!) Großbuchstaben in zwei verschiedenen Größen – eine für die orthographisch korrekt groß geschriebenen Anfangsbuchstaben und eine für die Kleinbuchstaben. Weil aber im Versalsatz immer die typischen Konturen und die Unter- und Oberlängen kleiner Buchstaben zur Orientierung des Auges fehlen, sind Versaltexte generell schwerer lesbar. Und last not least werden in Großbuchstaben gesetzte Texte als »laut« oder »geschrien« empfunden, wie ein leider allzu bekannter, launenhafter Weltmachtpräsident auf seinem hauseigenen Social-Media-Kanal nicht müde wird, zu demonstrieren. Am augenquälendsten jedoch wirkt ausschließlich in Versalien gesetzter Text bei den oft stark verzierten SCHREIBSCHRIFTEN und 𝔉ℜ𝔄𝔎𝔗𝔘ℜ𝔖ℭℌℜℑ𝔉𝔗𝔈𝔑.

»Ein ausschließliche Versalschrift verbietet sich generell bei den gebrochenen Schriften, da sie im Zusammenspiel mit den Minuskeln geschaffen wurden und nur mit diesen zusammen ein harmonisches Schriftbild ergeben.«

Quelle: typographie.info – »Gebrochene Schrift«

»Bei der Schriftgattung der Gebrochenen Schriften, z.B. bei der Fraktur, ist Majuskelsatz nahezu unlesbar. Deshalb vertraten renommierte Typografen und Lehrer (…) die Auffassung, dass ›Versalsatz in Gebrochenen Schriften grundsätzlich bei guter Typografie ausgeschlossen werden muss‹.«

Quelle: typolexikon.de – »Majuskel«

Dennoch stieß ich bei meinen Recherchen zur Schrift »Fette Mainzer Fraktur« in einem Schriftmusterheft der H. Berthold AG von 1908 auf eine (dekorativen Zwecken dienende) Abkehr von dieser Empfehlung. Aufgrund des herausgebenden Unternehmens – einer historischen Instanz für professionelle Schriftgestaltung – darf man wohl davon ausgehen, dass die dortigen Autoren und Setzer sehr wohl wussten, was sie taten und die übliche typographische Konvention hier ganz bewusst außer Acht ließen.

Die reich verzierten Buchstaben entstammen dem Repertoire der »Mainzer Initialen«, die für gewöhnlich – wie auch in dem Musterbuch demonstriert – als einzelne Schmuckelemente beim jeweils ersten Buchstaben eines Textabschnitts eingesetzt wurden. Im Bild kann man sehr schön sehen, dass die druckenden Formen der Bleilettern ohne zusätzlichen Abstand* zum unterliegenden quaderförmigen Korpus des Schriftkegels angelegt sind, sodass sich die Initialen quasi nahtlos ins Satzbild einfügen oder, wie hier, lückenlos aneinander platzieren lassen.

Die »Mainzer Initialen« wurden 2023 vom Schriftgestalter Ralf Herrmann in digitalisierter Form bei FDI veröffentlicht. Bei diesem Font lassen sich – im Gegensatz zu den historischen Bleilettern – Zeichenfüllung, Ornamentkontur und Ornamentfüllung separat einfärben, was natürlich ungleich vielfältigere Möglichkeiten zur Gestaltung der Initialen zulässt. Zehn vorgegebene Farbpaletten mit je drei Farben sind vorgefertigt als OpenType-SVG-Fonts enthalten; die Farben können aber nach Wunsch in CSS oder per Bearbeitung in Desktop-Designprogrammen auch beliebig editiert werden.

Als kleines Typo-Rätsel lasse ich das so gesetzte Wort hier bewusst ohne »Übersetzung«. Könnt Ihr es lesen? 🤓 🔠 👁️ ❓


* Eine solche Randzugabe auf der linken und rechten Seite des druckenden Zeichens nennt man im Bleisatz auch »Fleisch«. Interessierten Leser*innen empfehle ich auf Wikipedia den Artikel »Letter«, wo anhand einer Illustration die Elemente einer Bleiletter fachlich korrekt beschriftet dargestellt sind.

03.08.2026

Als Montagsbonbon hab ich heute mal wieder ein Fundstück mit meinem Lieblingbuchstaben, dem kleinen g, anzubieten. Vor einigen Tagen stieß ich im Œuvre Alfred Hitchcocks auf einen älteren Film, der mir zwar dem Namen nach geläufig war, den ich aber noch nie gesehen hatte: »Die 39 Stufen« (»The 39 Steps«). Da passte es, dass meine Guckstimmung gerade in Richtung »Krimi« zeigte und ich streamte den Streifen. Darin wird ein Kanadier in London erst unfreiwillig in eine Spionagemission verwickelt und gerät obendrein zu Unrecht unter Mordverdacht. Auf seiner Flucht vor der Polizei führt ihn die Spur seiner lückenhaften Kenntnisse bis nach Schottland, wo er verzweifelt versucht, die Puzzleteile zusammenzusetzen und den Verdacht gegen sich zu entkräften.

Gleich beim Vorspann sprang mir dann die ebenso kuriose wie auffällige Form des kleinen g, zuerst beim Namen der Darstellerin Peggy Ashcroft, ins Auge. Interessanterweise wird dieses g dann in einer nachfolgenden Tafel bei dem Begriff »[United] Kingdom« nicht mehr genutzt. Dort findet sich eine konventionellere Variante dieses Buchstabens. Auch das große G sieht dort deutlich anders aus. Die leicht unregelmäßig ausgearbeiteten Buchstaben im gesamten Vorspann machen allesamt einen eindeutig handgezeichneten Eindruck.

Screenshot: © Gaumont S. A.

Disclaimer: The images shown above are intended to give the reader a deeper understanding of the typographical, historical and cultural aspects of the topic covered in this private, non-commercial blog article. If you are the rightful owner of these images and have any concerns regarding their use, please contact me and I will remove them immediately.

Ich scheine allerdings nicht der einzige Typo-Nerd zu sein, dem diese Schriftart aufgefallen ist, deren Design perfekt ins Entstehungsjahr des Films (1935) passt. Denn bei der Recherche zu Schriftverwandten zeigte sich, dass der Schriftgestalter und emeritierte Kunstprofessor Harold Lohner (geb. 1958) exakt diesen Filmvorspann als Inspiration genutzt hat, um 2004 eine komplette Schriftfamilie mit insgesamt vier Schnitten daraus zu erstellen. Die Schrift trägt daher auch passenderweise den Namen der damaligen Produktionsfirma »Gaumont« (gegründet 1895 in Frankreich) – übrigens das älteste noch aktive Filmproduktionsunternehmen der Welt.

Die Schrift »Gaumont« kann in den Schnitten Light, Regular, Light Italic und Italic auf der Website von »Harold’s Fonts« kostenlos ausprobiert werden und ist zum Kauf im Onlineshop »Font Bros.« erhältlich.

Am Ende des launigen Agententhrillers gibt es natürlich einen turbulenten Showdown mit hollywoodreifem Happy End. Die Schauspielerin Peggy Ashcroft hat in dem Film nur eine – wenngleich bedeutsame – Nebenrolle. Nun ist sie hier im Beitrag noch einmal nachträglich zur (typographischen) Hauptdarstellerin dieses Films geworden. 🤓 🔠 🎬

13.07.2026

Immer wieder stoße ich bei meinen Zufallsentdeckungen und Fotostreifzügen auf – meist historische – Gedenktafeln an Gebäuden. Erinnert wird darauf meist an die Geburt, das zeitweilige Wohnen und Wirken oder den Tod von Menschen, die sich gesellschaftlich, politisch oder kulturell verdient gemacht haben oder die aus anderen Gründen nicht in Vergessenheit geraten sollen. Ebenfalls oft lese ich dort Namen, die mir bis dahin komplett unbekannt waren. So auch bei diesem Fundstück am Montag, welches ich im Frühsommer in Regensburg entdeckte und dessen Inschrift dem Dichter Georg Britting (1891–1964) gewidmet ist. Seit wann diese Tafel dort hängt, war per Netzrecherche leider nicht auszumachen.

Stünde ich in einem Raum mit meinen Leser*innen, sähe ich gern die Hände derer oben, die diesen Namen schon einmal gehört haben. Ich vermute, insbesondere außerhalb Bayerns (Britting lebte in Regensburg und München) wären das nicht allzu viele. Man erhebe in den Kommentaren gerne Einspruch, sollte meine Vermutung mich trügen.

Die Inschrift auf der Tafel hing recht weit oben, so dass ich nicht klar erkennen konnte, ob die Buchstaben ein leicht erhabenes Relief bilden oder nur flach mit Farbe auf den Untergrund aufgetragen wurden. Die Variationen bei gleichen Zeichen belegen jedoch ziemlich sicher eine manuelle Beschriftung.

Einerseits lehnt sich die Schriftart mit ihren quadratisch geprägten Grundproportionen klar an die klassische »Capitalis monumentalis« aus der römischen Antike an. Andererseits sind einige Buchstaben aber auch abweichend dimensioniert. So sind z.B. E und G etwas breiter als üblich, das N hingegen schmaler. Auch die sehr engen, bei der Datumsangabe komplett fehlenden Wortabstände assoziieren frühantike Inschriften. Ebenso ist die Laufweite (der Buchstabenabstand) extrem eng angelegt, was ich persönlich eher unglücklich finde, denn dadurch wird der Kontrast der unvermeidbaren großen Leerräume unter den Querstrichen der beiden Versal-T und dem sehr engen Raum zwischen I und N rechts daneben um so krasser. Weitere und optisch ausgeglichenere Abstände hätten hier insgesamt für mehr Harmonie sorgen können.

An den einzelnen Buchstaben wiederum finden sich Formdetails, die zeitlich deutlich nachantik, eher zwischen Renaissance und Jugendstil, zu finden sind. Beispielsweise die »fliehenden« Serifen an E, F und T, der leichte obere Überhang der diagonalen Striche bei A und N, das direkt in den Stamm laufende Bein des R oder die unteren, leicht nach außen weisenden, spitzen Abstriche beim G. Auch beim U, das rechts einen geraden senkrechten Stamm besitzt, der sonst eher beim Minuskel-u anzutreffen ist, findet sich diese Spitze. Diese feinen Details machten es nicht einfach, eine verwandte kommerzielle Schriftart zu identifizieren. Bis auf die G- und U-Spitzen jedoch kommt die »Florentino« von Harmonais Visual (2021) der Anmutung, finde ich, ziemlich nahe.

Der Dichter Georg Britting war mir, wie gesagt, bislang kein Begriff. Es gibt jedoch eine von der 2007 gegründeten »Georg-Britting-Stiftung« eingerichtete Website, auf der nahezu das gesamte Werk des Schriftstellers – bestehend aus Romanen, Erzählungen, Bühnenstücken und Gedichten – online nachzulesen ist. Da Britting erst im April 1964 verstarb, gibt es sogar Audiodateien, in denen der Autor selbst seine Texte rezitiert, etwa das Gedicht »Der Mond«, das mich unter den Gedichten stärker ansprach als andere Texte Brittings, in die ich hineinlas. Manche Wortkreationen und Metaphern Brittings sind mir persönlich etwas zu aufgesetzt, die Verszeilen zu blumig. Etwas kantigere, aber dennoch starke Verse wie »In den Wäldern am Hirschberg«, die sprachlich näher an den »Hardcore-Expressionisten« wie Georg Trakl oder Oskar Kanehl liegen, sprechen mich da eher an.

Und so ist es immer bereichernd, wenn ich auf Gedenktafeln nicht nur die Namen von Personen lese, die ich bereits kenne, sondern wenn sie auch der Grund dafür sind, erstmals auf jemanden aufmerksam zu werden. 🤓 🔠 📝

06.07.2026

Zwar unternahm ich dieses Jahr vor Kurzem wieder mal eine Reise in die schöne Hansestadt Stralsund, aber das Foto für das typographische Bonbon an diesem Montag knipste ich bereits vor zehn Jahren. Es zeigt eine historische Inschrift rechts neben dem Eingang zur örtlichen Stadtbibliothek, die in einem unter Denkmalschutz stehenden, spätbarocken Palais in der Badenstraße 13 untergebracht ist. Das Gebäude ließ der Kaufmann Johann Victor Ehlers um 1725 errichten.

Die auf der Tafel genannte, hier jedoch nicht mehr ansässige Ratsbibliothek wurde bereits 1577 durch Stralsunder Ratsmitglieder gegründet, umfasste zunächst juristische Werke und Urkunden und war Online-Quellen zufolge anfangs im Rathaus untergebracht. Erst im Jahr 1896 erfolgte der Umzug an diese neue Adresse und ich vermute, dass auch die Schrifttafel zu dieser Zeit angebracht wurde.

Die größte formale Ähnlichkeit zu den einzelnen Buchstabenformen fand ich dann auch bei der »[Schmale] Akzidenz Gotisch« (F. W. Bauer) aus dem Jahr 1876. Diese oder eine ähnliche Schrift könnte dem Schriftenmaler, der diese mit Sicherheit von Hand gestaltete Tafel erstellt hat, als Vorlage für die erste Zeile gedient haben. In der zweiten Zeile hat er meiner Meinung nach etwas improvisiert, denn die fast avantgardistische, kantige Form der beiden p und das insgesamt ein wenig unharmonische Gesamtbild der Zeile sprechen gegen eine konkrete Vorlage aus dem Zeichensatz einer einzelnen Schriftart.

Durch den ständig wachsenden Bestand an Dokumenten und gebundenen Druckwerken sowie die nachfolgende Einrichtung einer für alle Bürger öffentlich zugänglichen Bibliothek ergaben sich zwischen 1698 und 1920 mehrfache Neuordnungen, Zusammenlegungen und räumliche Auslagerungen des Bestandes, sodass die alten Werke der einstigen Ratsbibliothek (ca. 120.000 Bände) inzwischen im Stadtarchiv zu finden sind, das 400 m nördlich auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters St. Johannis seinen Platz gefunden hat. In den vormaligen Räumen der Ratsbibliothek erfolgte dann im Jahr 1920 die Gründung und Eröffnung der Stralsunder Stadtbibliothek, die sich bis heute dort befindet.

Die historische Schrifttafel muss zwischenzeitlich eine Zeitlang übermalt oder überputzt gewesen sein und trat wohl erst bei Sanierungsarbeiten – vermutlich nach der deutschen Wiedervereinigung – wieder zutage. Denn es existiert zwar ein auf das Jahr 1925 datiertes Foto, auf dem sie bereits zu sehen ist, auf einem späteren Bild, das 1974 zu DDR-Zeiten entstand, fehlt sie jedoch. Stattdessen befanden sich zwei andere und etwas höher platzierte dreidimensionale Schriftzüge (»BUECHEREI« und »ARCHIV«) links und rechts des Eingangs. In der Chronik der Stadtbibliothek ist zu lesen, dass im Jahr 2001 mit einer umfangreichen Haussanierung begonnen wurde. Wie aufwendig diese Bautätigkeiten gewesen sein müssen, zeigt die Wiedereröffnung nach erst neun Jahren, am 01. Oktober 2010. Fotos mit dem Eingang und der Stelle der Beschriftung direkt vor oder kurz nach der Sanierung konnte ich leider nicht finden.

Doch vor allem freue ich mich, dass auch bei diesem Fundstück wieder ein alter Schriftzug wieder zutage trat, der nun für die Nachwelt erhalten bleibt. 🤓 🔠 📚

03.07.2026

Content-Hinweis: Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Schriftanwendung bei der Kennzeichnung historischer anatomischer Präparate von Menschen und Tieren in einem medizinischen Museum. Daher kommen zur Bebilderung auch Fotos solcher Exponate zum Einsatz.

Der Anstoß zu dem heutigen Beitrag liegt tatsächlich schon mehr als einen Monat zurück. In dieses Thema konnte ich mich mal wieder so richtig hineingraben, habe sehr viel recherchiert, Korrespondenz geführt, Links zusammengesucht und auch wieder selbst jede Menge gelernt. Damit der Text trotz seiner Länge etwas lesefreundlicher wird, habe ich ihn versuchsweise mit Zwischenüberschriften in Teilabschnitte untergliedert.

Der Ausgangspunkt

Als großer Freund aller Wissenschaften schaute ich kürzlich aus der arte-Mediathek die sehr sehenswerte, anderthalbstündige Dokumentation »Auf Messers Schneide – Eine Geschichte der Chirurgie« (dort noch verfügbar bis zum 26.11.2026). Darin geht es um die Entwicklung des Verständnisses der Anatomie, der Funktionen der Organe, des Blutkreislaufs, des Schmerzempfindens und um die Erfindung der Anästhesie, um Infektionsschutz und generell um den Wandel medizinischer chirurgischer Eingriffe vom unerfahrenen »Herumprobieren« hin zu einer methodisch betriebenen Wissenschaft.

Bei den Zeitmarken 00:35:15 und 00:37:54 wurde ein britischer Pionier des anatomischen und chirurgischen Erkenntnisgewinns vorgestellt, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte: John Hunter (1728–1793). Zu seinem Leben und Wirken, seiner Karriere und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Medizin habe ich am Ende des Artikels einen gesonderten Abschnitt aufbereitet. Auch Hunters älterer Bruder William hatte maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Medizinergenerationen. So gründete er etwa 1746 die erste Schule für Anatomie in England.

»William Hunters Schule für Anatomie läutete eine neue Ära in der Ausbildung von Medizinern in England ein. Erstmals konnten angehende Ärzte sich ihr anatomisches Wissen nicht nur in der Theorie aneignen, sondern auch aus eigener Anschauung und Praxis. Neben Vorlesungen bestand der Unterricht aus anatomischen Übungen, für die William Hunter jedem Studenten einen eigenen Leichnam als Studienobjekt zusicherte.«

Quelle: Wikipedia – »John Hunter (Mediziner)«

Als Assistent seines Bruders in dieser Schule erwies sich John als ein hervorragender Präparator. Bald begann er mit dem eigenen Aufbau einer Sammlung biologischer, anatomischer und pathologischer Präparate.

»Wann immer ihm bei einer Sektion Besonderheiten auffielen, fertigte Hunter Präparate an, die er in seinem Haus in London sammelte. Auf diese Weise kam über die Jahre hinweg eine beträchtliche Sammlung zusammen, die von Walknochen, dem Fell einer Giraffe und einem ausgestopften Känguru über zahlreiche tierische und menschliche Feuchtpräparate bis hin zu Anomalien wie den Gehirnen eines Kalbs mit zwei Köpfen oder dem Körper eines ungeborenen Kindes mit offenem Rücken reichte.«

Quelle: Wikipedia – »John Hunter (Mediziner)«

Bis zu seinem Tode wuchs diese Sammlung auf schätzungsweise 14.000 Präparate an. Nach Hunters Tod wurde sie 1799 von der britischen Regierung angekauft und der »Company of Surgeons« anvertraut, aus der später das »Royal College of Surgeons of England« hervorging. Sein Nachlass wurde zum Grundstock des Hunterian Museum. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Sammlung schwere Verluste. Durch eine Brandbombe, die im Mai 1941 das Gebäude des Royal College of Surgeons direkt traf, wurden zwei Drittel der Museumssammlungen zerstört. Dennoch blieben ca. 3.500 der Originalpräparate erhalten. Auch heute noch stellt dieser Bestand eine der bedeutendsten historischen medizinischen Sammlungen der Welt dar.

Die Fundstücke

In der arte-Doku blieb mein buchstabenaffines Auge natürlich gleich an den wunderschönen historischen Etiketten hängen, mit denen die Glasgefäße der Präparate einst von Hand beschriftet wurden. Wie auch auf dem Foto unten gut zu erkennen ist, gibt es ältere (handgefertigte) und neuere (vermutlich mithilfe eines modernen Etikettendruckers erstellte) Labels. Die neueren sollen uns hier und heute nicht interessieren, sie sind wechselnd mit fetten Schnitten der beiden Schriften »Futura« oder »Helvetica« (oder für Thermoprinter erstellten Lookalikes) angelegt und kommen vermutlich bei der – nicht unaufwendigen – periodisch erforderlichen Umbettung und Neukonservierung der Präparate zum Einsatz. Zu diesem Vorgang gibt es übrigens auch ein interessantes Video des Museums. Überhaupt kann ich dessen Website sowie den unterhaltsamen und wissenswerten Content auf den museumseigenen Social-Media-Kanälen (bei Facebook, Instagram und Bluesky) sehr empfehlen.

Die Kuratorin des Museums, bei der ich die Erlaubnis erbat und bekam, einige Fotos der original beschrifteten Exponate hier im Blog abzubilden, schrieb mir dazu:

»I think it is unlikely that any of the numbers date back to Hunters time, as they were often renumbered and reorganised after his death.«

Alice Watkinson-Deane, Curator (Collections & Digital Interpretation), Hunterian Museum

Die Schrift

Ich habe zahlreiche Abbildungen im Internet durchgesehen und versucht, daraus einen möglichst vollständigen Zeichensatz zu extrahieren, um ihn hier abbilden zu können.

Dabei fiel mir auf, dass sich auch innerhalb des Schriftbildes der Original-Etiketten Unterschiede finden. Im Foto oben sieht man das etwa am kleinen 𝐚. Beim Präparat »Limax« (links, Nr. 787/788) hat der Stamm eine deutliche Neigung nach links. Auf dem vorderen »Rana«-Etikett (Nr. 800) steht er hingegen eher aufrecht. Bei solchen Varianten ein und desselben Buchstabens habe ich mich bei meiner Übersicht jeweils für diejenige entschieden, von der ich im Netz die deutlichste Bilddatei auffinden konnte.

Betrachten wir die wunderschöne Schrift mit ihren sehr ausgeprägten Oberlängen, den zumeist deutlich kürzeren Unterlängen und vielen charmanten Formdetails, wie z.B: den dynamischen Serifen am 𝐬 und dem kleinen Fähnchen am 𝐭, noch einmal »in situ« auf den alten Glasgefäßen:

Ohne Einblick in die Archive und Aufzeichnungen des Museums oder anderer, nicht online einsehbarer Quellen kann ich nicht sagen, ob es unter den mehreren tausend Gefäßen nicht doch noch welche gibt, die zu Lebzeiten John Hunters beschriftet wurden und bei denen die Etiketten die Jahrhunderte überdauert haben. Aber sucht man im Internet beispielsweise nach historischen und ebenfalls von Hand beschrifteten Apothekengefäßen aus jener Zeit, fallen durchaus Ähnlichkeiten ins Auge, allen voran das nach links weisende »Fähnchen« an der Spitze des 𝐭.

Disclaimer: The use of this image here in this private, non-commercial blog has not been specifically authorized by the copyright owner (published by 1stDibs.com, Inc.51 Astor Place, 3rd Floor, New York, NY 10003, USA). I am making it available in my efforts to advance understanding of historical, scientific, and cultural issues. I believe this constitutes a »fair use« as provided for in section 107 of the US Copyright Law. If you are the rightful owner of this image and have a concern about its use, please contact me and I will remove it promptly.

Hier noch einige weitere Beispielabbildungen solcher Gefäße. Hier fällt neben einem erneut ähnlich gezeichneten 𝐭 auf, dass auf dem ersten und dritten Gefäß die Buchstaben eine ähnliche Linksneigung haben wie auf einigen Gefäßen der Hunterian Collection.

»FENICV.« = feniculum (Fenchel), ca. 1700; »Bolus Armenica« (aluminiumsilikathaltige Heilerde, Blutstiller); »Cortex Cinnamomum« (Zimtrinde); »R. Nardi Yndicae« (Radice Nardus Indica, Wurzel einer Heil- und Aromapflanze), letztgenannte drei aus dem 18. Jahrhundert | Quelle: Smithsonian Institution/American History Museum | Public Domain

Einige der Charakteristika im Schriftbild der historischen Etiketten finden sich allerdings nicht nur bei Buchstaben aus dem 18. Jahrhundert, sondern bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Eine insgesamt ähnliche Anmutung hat etwa die Schriftart »Lucian« (Lucian Bernhard für die Bauersche Gießerei, 1928/1930). Auch sie hat sehr ausgeprägte Oberlängen, weniger ausladende Unterlängen, einen großen Strichstärkenkontrast und gedrungen wirkende Kleinbuchstaben. Selbst Details bei einigen Zeichen (𝐜 und 𝐱) ähneln einander. Nur die etwas exzentrischen »Zipfel« an 𝐬 und 𝐭 bleiben eine Eigenart der handgezeichneten Etiketten.

Es bleibt also erst einmal offen, aus welcher Zeit genau – zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert – die ältesten erhaltenen Beschriftungen auf den Exponaten stammen.

Zum Schluss habe ich einmal in einer digitalen Skizze einige Buchstaben neu gezeichnet nachempfunden, die für mich die Anmutung der Etikettenschrift sozusagen als »Konzentrat« einfangen. Anscheinend hat noch kein professioneller Schriftgestalter (ich selbst bin leider »nur« ein schriftvernarrter Grafik-Designer) versucht, eine vollständige Schrift auf Basis dieser Etiketten zu erstellen. Die Kopenhagener Designagentur Kontrapunkt hat zwar im Jahr 2004 für den Verband Dänischer Apotheker eine wunderschöne exklusive Schriftart namens »Apotek« gestaltet, die an den Fassaden und auf Produkten vieler dänischer Apotheken genutzt wird. Aber die formalen Inspirationen zu dieser Schrift sind jünger und knüpfen laut einem Beitrag zum 20jährigen Jubiläum des Designs neben der Typografie alter Apothekengläser auch an Schriften aus der Bauhaus-Zeit der 1930er Jahre an.

Zum Schluss hänge ich noch einige weiterführende Links an für Leser*innen, die mehr über John Hunter lesen möchten sowie einen ausklappbaren Contentblock mit einer Zusammenfassung seiner Biographie. Ich selbst werde bei der nächsten Reise, die mich nach London führt, auf jeden Fall mindestens einen halben Tag in diesem famosen Museum einplanen! 🤓 🔠 🫀

John Hunter – Leben und Werk


Weiterführende Links

29.06.2026

Montagsbonbon-Fundstück aus dem heimischen Bücherregal: Eine alte Semesterarbeit im Fach Typographie. Jeder Student dieses Kurses in meinem Studiengang Kommunikationsgestaltung war seinerzeit gefordert, ein Kompendium mit dem Grundwissen zu Schriftanwendung und ‑klassifizierung zu verfassen und zu gestalten.

Die DTP-Datei in meinem Archiv ist datiert auf den 26. Juni 1991, also fast auf den Tag genau 35 Jahre alt. Ich war zwar noch mitten im Studium, arbeitete jedoch nebenher bereits als »Freier« bei einer lokalen Werbeagentur und hatte dort nach Feierabend und am Wochenende freien Zugang und durfte das damals topmoderne Equipment für meine Semesterarbeiten nutzen: Macintosh IIfx, Laserdrucker, farbkalibrierte Röhrenmonitore. InDesign gab es noch nicht, aber PageMaker und QuarkXPress eroberten gerade die DTP-Arbeitsplätze. Zu dieser Zeit war es noch nicht gefordert und daher weniger üblich, Dateien mit einer Endung zu versehen, weshalb ich heute nicht mehr rekonstruieren kann, mit welcher Software ich die Textseiten layoutet habe. Ich meine mich zu erinnern, dass (noch) keins der zuvor genannten zum Einsatz kam, sondern ein »Außenseiter-Programm«, das aber vergleichbare Funktionalitäten besaß – eventuell DesignStudio von Letraset. Den Schriftzug »TYPOGRAPHY« hatte ich eigens für das Cover mit mit Aldus FreeHand 2 entworfen. Beide Dateien vermag ich inzwischen mit meinen aktuellen Apps auf dem Mac weder zu öffnen noch in ein aktuell lesbares Format zu konvertieren. 😅

In puncto Design waren zu dieser Zeit die Arbeiten von Duffy Design und den dort verantwortlichen Gestaltern Joe Duffy und Charles Spencer Anderson der angesagteste Trend: Craftpapier, Retro-Ästhetik, gebrochene Farben und das Druckbild stark vergrößerter, kolorierter historischer Strichzeichnungs-Bildmotive. Und so ließ auch ich mich bei der Umschlaggestaltung meines Handbuchs sehr deutlich davon inspirieren.

Ich mag den Look immer noch. 🤓 🔠 💾

24.06.2026

Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.

Leider konnte ich selbst keine Aufnahme von der Leuchtreklame bei Nacht machen, aber auf der Website »FILM NEWS BAYERN« des FilmFernsehFonds Bayern findet sich ein Beitrag zur Geschichte dieses Lichtspielhauses und der Menschen hinter dessen Kulissen, der mit einem nächtlichen Foto der Kinofassade bebildert ist.

»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«

Quelle: FILM NEWS BAYERN – »Neuer Glanz mit altem Charme«

An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.

Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿

22.06.2026

Es gab hier im Blog schon mehrmals Beiträge, in denen ich auf filmische Werke einging, bei denen Schriften auf Kulissen oder Requisiten historisch inkorrekt waren, weil die genutzten Schriftarten nachweislich erst – vom Zeitpunkt der inszenierten Handlung aus gesehen – in der Zukunft entstanden. So etwa in der Serie »The Queen‘s Gambit«, wo ein Schachturnier im Jahr 1966 mit einer Schrift beworben wurde, die erst vier Jahre später erscheinen sollte. Oder ein Werbespot der S-Bahn Berlin, in dem eine Zeitungsschlagzeile Kennedys Besuch in der geteilten Stadt ankündigte, in einer Schriftart, die es erst zwei Jahre nach der Präsidentenreise geben sollte.

Heute geht es erneut um eine typographische Anachronie – diesmal allerdings mit zwei Besonderheiten: Der betreffende Werbefilm wurde teilweise mit generativer K.I. erstellt, und die typographischen Unstimmigkeiten betreffen nicht nur die Vergangenheit, sondern reichen bis in die Gegenwart.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass es »nur« um einen Werbespot geht, nicht um eine Dokumentation, die eher Anspruch auf größere historische Korrektheit erhebt. Und ich weiß auch, dass jedwede Nachempfindung, Inszenierung oder Rekonstruktion vergangener Zeiten – ihrer Kultur, Architektur, Werkzeuge oder Lebensweise – zwangsläufig eine Interpretation aus heutiger Sicht bleibt. Mal gibt es mehr, mal weniger Freiräume, teils aus Unkenntnis, Unwille oder Unvermögen, aufgrund künstlerischer Freiheit, aus Spaß oder aus Nachlässigkeit. Es ist klar, dass viele der Sandalenfilme wie »Kleopatra« (1963) technicolor-bunte Marzipan-Versionen der Historie sind, dass Elizabeth Taylor eine fiktiv ausgeschmückte Figur spielt. Als ich kürzlich das Biopic »Maria« (2024) mit Angelina Jolie sah, in welchem etliche Super-8-Filmaufnahmen der echten Callas mit Angelina Jolie täuschend echt nachgedreht wurden, nahm ich diese Szenen als »Nachbau« der Realität wahr und störte mich nicht daran. Und auch Inszenierungen mit größerem Anspruch an Detailtreue wie die Serie »Rome« (2005–2007) oder Doku-Reihen wie »Terra X: Ein Tag in …« (2016–2014) erlauben sich immer noch erhebliche Freiheiten bei Produktionsdesign und Handlung. Auch was auf Mittelaltermärkten oder bei Rollenspielen »historisch« aufbereitet oder nachgespielt wird, hat mit der Realität der Vergangenheit (die wir zwangsläufig nur aus zweiter Hand, durch Artefakte, Chroniken oder andere Berichte kennen können) oftmals nur zum Teil etwas gemein. Das Bild, das wir heute von vergangenen Epochen kennen, ist geprägt durch ein Gemenge aus Fiktion, Verklärung, wissentlicher oder unwissentlicher Verfälschung, Interpretation, mutmaßlicher Authentizität und fundierter Geschichtswissenschaft. Dementsprechend findet sich diese Mixtur auch im Datenbestand des Internets wieder und fließt somit auch unweigerlich in die Trainingsdaten generativer K.I.-Modelle ein.

Der Clip, den ich zuerst auf der Businessplattform LinkedIn entdeckte, stammt von der Telekom, soll im Berlin des Jahres 1924 spielen und trägt den Untertitel »Building the future of communication with AI«. Er soll hier lediglich zur Ansicht verlinkt werden, man sollte ihn auch ohne einen User-Account anschauen können. Alternativ ist das Video auch auf einer Website der Telekom aufrufbar.

Vermutlich mit Blick auf die internationalen Zielgruppen der Werbebotschaft ist die Tonspur des Videos komplett auf Englisch angelegt. Die Off-Stimme spricht Englisch und auch der digital reanimierte Albert Einstein wendet sich in seiner Ansprache aus dem ersten Berliner Radio-Funkhaus (»Vox-Haus«) auf Englisch an die (deutsche!) Bevölkerung und erläutert den Hörer*innen das Konzept seiner Relativitätstheorie. In den Kommentaren wird die englischsprachliche Umsetzung ebenfalls lebhaft kritisch diskutiert, aber ich verstehe die Beweggründe und möchte hier nicht zu weit über das Thema Typographie hinaus ausholen.

Nach etwa einer Minute des knapp 90-sekündigen Films tritt der Einstein-Avatar aus dem Gebäude heraus auf den Potsdamer Platz. Hier vollzieht sich dann ein dynamischer virtueller Kameraschwenk von der Vorderseite eines »historischen« Straßenschildes, welches in einer gebrochenen Schrift mit dem Namen des Platzes beschriftet ist, zu dessen Rückseite, wo sich derselbe Name in einer »modernen« Schrift befindet. Zeitgleich wechselt auch die Stadtkulisse aus dem Jahr 1924 in die Gegenwart. Und diese Szene war es, bei der ich stutzte, denn auf der Rückseitenbeschriftung des Schildes fehlt ganz klar ein zentrales visuelles »Key Asset« der bis heute gebräuchlichen realen Berliner Straßenschilder in den Schriften »Erbar Grotesk« (im verlinkten PDF auf Seite 7) bzw. »CST West«: Der Buchstabe z und die Ligatur tz sind in der Schriftart der realen aktuellen Berliner Straßenschilder mit Unterlängen bei der z-Glyphe angelegt, also als ʒ und ꜩ. Und dieses Charakteristikum wurde entweder von der K.I. – oder dem an dem Film beteiligten Team – weggelassen.

In einem Post aus dem Unternehmen zur Veröffentlichung des Videos heißt es: »A launch of this importance needed a film with the same care, weight, and humanity as the product behind it«. Zumindest ich als typographischer Erbsenzähler kam nicht umhin, bei dem Wort »care« eine Augenbraue zu heben.

Wie sieht es in puncto Authentizität bei der Vorderseite des Schildes aus? Auf den ersten Blick könnte man denken »Joar, 1924 war das, da haben die Leute ihre Straßenschilder damals wohl so beschriftet«. Doch auf den zweiten Blick stimmt wohl auch hier einiges nicht. Zwar findet man im Internet einige wenige Straßenschilder mit gebrochenen Schriften, aber ich konnte nur eine Variante ausfindig machen, die authentisch historisch ist, etwa bei einem Exponat aus der Sammlung des »Imperial War Museums« in Großbritannien sowie in einem Instagram-Post. Die Schrift darauf ähnelt am ehesten einer Type mit dem Namen »Wittenberger Fraktur« und unterscheidet sich deutlich von dem Schriftzug aus dem K.I.-Video. Hinzu kommt, dass sich im Internet weder ein historisches Berliner Straßenschild anderen Namens mit der Schriftart aus dem Video auffinden ließ, noch war die dafür genutzte Schriftart zu identifizieren. Sie hat zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Schrift namens »Wilhelm Klingspor Gotisch«, aber meine Vermutung wäre, dass die K.I. diese gebrochene Schrift für das Video »erfunden« hat. Wer valide gegenteilige Erkenntnisse hat, kann sie mir gerne mitteilen.

Doch warum habe ich die gebrochene Schrift aus dem Museums-Schild als »fraglich« bewertet? Weil ich zum einen kein Schild auf historischen Fotos aus Berlin ausfindig machen konnte, das garantiert mit dieser Schrift im Handlungsjahr des Videos (1924) angebracht war. Und zum anderen, weil es sehr wohl historische Aufnahmen mit Straßenschildern aus dieser Zeit – und sogar vom Potsdamer Platz! – gibt, die ein ganz anderes Schriftbild nahelegen:

All diese Fotos legen nahe, dass die Straßenschilder am Potsdamer Platz des Jahres 1924 keineswegs in Fraktur, sondern in einer fast neuzeitlich anmutenden sog. »serifenbetonten Antiqua« gesetzt waren. Eine Schriftart, die der auf den dokumentierten Schildern recht nahe kommt, ist die »Bourgeois Slab« (Jonathan Barnbrook/Julián Moncada, 2019), die auf Schriften aus dem viktorianischen Zeitalter beruht und auf deren Basis ich eine ungefähre (und wahrscheinlichere) Rekonstruktion des damaligen Straßenschildes angefertigt habe.

Update: Nach der Veröffentlichung dieses Beitrags stieß ich tatsächlich noch auf ein auf das Jahr 1953 datiertes Foto eines Schildes vom Potsdamer Platz, das meiner Rekonstruktion ziemlich nahekommt und durchaus im Jahr 1924 bereits angebracht gewesen sein könnte.

Das Feld der Berliner Straßenschilder ist insgesamt ein kunterbuntes, historisch gewachsenes Potpourri. Es gibt »echte« historische Schilder (wie oben beschrieben), es entstanden nach der Deutschen Teilung »Ost-Versionen« und »West-Versionen«, es gibt als »historisch« beworbene Souvenir-Schilder in einer nochmals ganz anderen gebrochenen Schrift (»Alte Schwabacher«), die jedoch sehr wahrscheinlich so nirgends jemals im Straßenland hingen. Es gibt Schilder mit einer konstruktivistischen Schriftart, die theoretisch ab ca. 1930 (dem Entstehungsjahr der Schrift »City«) angebracht sein könnten, aber teilweise derart makellos und neu aussehen, dass auch dies fraglich erscheint – und es gibt vereinzelt zeitgenössische Schilder in z.T. weiteren gebrochenen Schriften mit weißer Schrift auf blauem Grund, die zur Erzeugung eines historisch wirkenden Straßenbildes angebracht wurden. Uff! 😅

Was es aber sehr wahrscheinlich nicht gab, sind die Schriftvarianten auf der Vorder- und Rückseite des Straßenschildes in dem gerenderten K.I.-Video.

Ich habe lange nachgedacht, warum dieses vermeintlich kleine Detail bei mir diesmal ein stärkeres »Störgefühl« auslöst als bei den anfangs erwähnten früheren Beiträgen zu nicht authentischen Schriftarten. Ich denke, es liegt speziell in der K.I.-Erzeugung des Videos begründet. Die wiederbelebte Figur Albert Einsteins wirkt verblüffend echt, sie sieht ihm zu 100% ähnlich, spricht mit seiner Stimme, die auf Basis von Tonaufnahmen rekonstruiert wurde, bewegt sich plausibel, sie suggeriert – obwohl es ganz klar ein Werbespot ist und als solcher gekennzeichnet wird – eine historische Authentizität, die unbewusst im Kopf des Betrachters auf den Rest des Videos, seiner weiteren virtuellen Darsteller, der Kulissen und Requisiten »abfärbt«. Weil Einstein so real wirkt, erscheint der gesamte Clip real. Und doch gibt es nachweislich Details, die nicht stimmen. So ist etwa auch die Darstellung des »VOX-Hauses« im Film, trotz einer gewissen Ähnlichkeit, freier interpretiert. Beim echten Gebäude befand sich der Schriftzug »VOX« unterhalb des Daches auf der Fassade. Im Film (Timecode 00:24) befindet er sich oberhalb der Fassade auf dem Dach. Die Beschriftungen »SCHALLundWELLE« und »Funk[-]Stunde« im Erdgeschoss des Hauses sind zwar im Video vorhanden, jedoch ebenfalls in komplett anderen Schriftarten. Auch die Fensterkreuze und weitere architektonische Details weichen vom Originalgebäude ab. Was sonst noch in dem Film an Details, etwa im gerenderten Stadtbild, an Fahrzeugen, bei Frisuren oder Kleidung der digitalen Statisten von der historischen Realität abweichen oder gar abwegig sein könnte, vermag ich mangels Fachwissen nicht zu sagen.

Es liegt – zumindest derzeit noch – im Wesen der K.I., dass sie alle noch so kleinen Details, die A) nicht explizit sowie nach sorgsamer vorheriger strukturierter Überlegung gepromptet und B) nicht nach ihrer Generierung von entsprechend fachkundigen Menschen geprüft und ggf. korrigiert werden, nach eigenem Ermessen (aka statischer Wahrscheinlichkeit auf Basis der verarbeiteten Trainingsdaten) »auffüllt«. Und so können Ergebnisse entstehen, die sowohl von weniger wesentlichen bis hin zu kritischen Aspekten inkorrekt, diffus oder unsicher (z.B. bei Vibe Coding) sind. Bezüglich K.I.-generierter Texte, die so klingen sollen, als habe sie ein Mensch verfasst, las ich kürzlich dazu dies:

»Man könnte von einer KI einen Text schreiben lassen, der […] menschenhaft klingt […]. Aber dann würde sich die Arbeit verlagern. Man müsste der KI sehr viele Informationen liefern, nicht nur über das Thema selbst, sondern auch über die Erlebnisse der vergangenen Wochen, Gespräche mit Freunden, eben alles, was zum Schreiben interessant sein könnte.

Und wenn man möchte, dass das Ergebnis nicht den immer gleichen Mustern folgt, müsste man auch das vorher programmieren. Je weniger Arbeit man sich macht, desto schlechter wird das Ergebnis.«

Quelle: MDR, Kolumne »Das Altpapier« vom 18. Juni 2026

Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind vielschichtig: Nimmt uns die K.I. tatsächlich Aufwand und mühsame Arbeit verlässlich und zufriedenstellend ab? Oder weckt sie durch ihre implizite Funktionalität, alle Lücken in unseren eingegebenen Prompts und ggf. ohne Rückfragen »automatisch« zu füllen, in uns das trügerische Gefühl, Ergebnisse seien in gleicher Qualität und in wesentlich kürzerer Zeit als mittels menschlicher Arbeit und Denkleistung zu erzielen, obwohl uns die vermeintlich makellose Oberfläche der Resultate eigentlich zu mehr Nachlässigkeit und Schludrigkeit verführt? Müssten wir vor dem Einsatz von K.I. nicht häufig deutlich mehr Zeit in Recherche, Struktur und Vorbereitung investieren? Würde ein maximal detailliert ausgearbeitetes Prompting den vermeintlichen Zeitgewinn teilweise wieder aufheben? Und letztlich stellt sich die Frage, ob ein historisch vollkommen fehlerfreies KI-Video tatsächlich »besser« wäre – oder womöglich erst recht problematisch.

Es bleiben also nicht nur typographische Fragen offen, sondern auch solche nach Authentizität, Verhältnismäßigkeit und Vertrauen. Mich würde interessieren, wie Ihr diese Entwicklung bewertet. 🤓 🔠 🤖 🧠


Natürlich umfasst das weite Thema »K.I.« noch eine ganze Reihe weiterer diskussionswürdiger Aspekte. Das reicht von ethischen Fragen über den Umgang mit Copyrights und einer fairen Vergütung der kreativen menschlichen Arbeit, die in Trainingsdaten einfließt, beinhaltet die prekäre Arbeitssituation menschlicher Content Monitoring Worker, den monetären und politischen Einfluss der großen Tech-Konzerne, die fragwürdige und antidemokratische Attitüde bei deren Inhabern und anderen involvierten Akteuren, dem Einsatz von K.I. bei Militär- und Überwachungstechnik, dem monströsen Wasser-, Energie- und Ressourcenverbrauch* bis hin zu K.I.-Regulierung, der Kennzeichnungspflicht bei generativ erzeugtem Content usw. Ich habe diese Punkte aber hier bewusst weggelassen, da ich damit definitiv ein »zu großes Fass aufmachen« würde. Denn letztlich ist dies ein Typographie-Blog und das soll auch gerne so bleiben.

* Ich wüsste darüber hinaus tatsächlich gerne einmal, wie der ökologische Fußabdruck der K.I.-gestützten Erstellung eines sochen 90-sekündigen Videos im Vergleich zu einer herkömmlichen, K.I.-freien analog-/digitalen Produktion eines gleichartigen Clips aussehen würde – inklusive Casting, Produktionsteam, digitalem/analogen Kulissenbau, Kostümen, Requisiten, Dreh, Catering, Postproduktion, Reisekosten, Arbeitslöhnen usw. Wer dazu Informationen hat, möge sie gerne teilen.

02.06.2026

Aus aktuellem Anlass zwischendurch noch ein Extra-Fundstück aus Hamburg. Das Thema »Pro & Contra Olympische Spiele« bewegte während der letzten Monate in Hamburg die Gemüter. Die ganze Stadt war geradezu zuplakatiert mit Pro- und Contra-Plakatmotiven, Promi-Testimonials sowie Botschaften einzelner Parteien und Initiativen zu diesem Thema.

Auch typographisch wurde die Debatte geführt – wie ich fand, auf einer erfrischend originellen Ebene:

Am vergangenen Sonntag hat Hamburg nun abgestimmt und die Bürger haben sich entschieden.

»Für die Gegner der Olympia-Bewerbung war es ein unerwartet deutlicher Erfolg. Um 20:31 Uhr war die Auszählung abgeschlossen. 54,9 Prozent (357.911) der teilnehmenden Wahlberechtigten stimmten gegen eine Kandidatur Hamburgs für die Olympischen Spiele – 45,1 Prozent (293.819) stimmten dafür. Insgesamt nahmen 651.730 Hamburgerinnen und Hamburger an der Abstimmung teil. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,6 Prozent.«

Quelle: ndr.de

Mögen die Befürworter ihre Niederlage sportlich nehmen! 🤓 🔠 🥈

« Ältere Beiträge
Das Typographische Fundstück
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies zur technischen Optimierung Deines Website-Besuches. Cookie-Informationen werden in Deinem Browser gespeichert und ermöglichen z.B., Dich bei einem erneuten Besuch wiederzuerkennen und zu verstehen, welche Inhalte Dich am meisten interessieren.