In dieser Kategorie werden Schriftbeispiele gesammelt, die aus Theatern, Opernhäusern oder Museen stammen. Aber auch Beiträge mit Bezug zu Kultur- und Alltagsgeschichte sollen hier ihren Platz finden.
Immer wieder stoße ich bei meinen Zufallsentdeckungen und Fotostreifzügen auf – meist historische – Gedenktafeln an Gebäuden. Erinnert wird darauf meist an die Geburt, das zeitweilige Wohnen und Wirken oder den Tod von Menschen, die sich gesellschaftlich, politisch oder kulturell verdient gemacht haben oder die aus anderen Gründen nicht in Vergessenheit geraten sollen. Ebenfalls oft lese ich dort Namen, die mir bis dahin komplett unbekannt waren. So auch bei diesem Fundstück am Montag, welches ich im Frühsommer in Regensburg entdeckte und dessen Inschrift dem Dichter Georg Britting (1891–1964) gewidmet ist. Seit wann diese Tafel dort hängt, war per Netzrecherche leider nicht auszumachen.
Stünde ich in einem Raum mit meinen Leser*innen, sähe ich gern die Hände derer oben, die diesen Namen schon einmal gehört haben. Ich vermute, insbesondere außerhalb Bayerns (Britting lebte in Regensburg und München) wären das nicht allzu viele. Man erhebe in den Kommentaren gerne Einspruch, sollte meine Vermutung mich trügen.
Die Inschrift auf der Tafel hing recht weit oben, so dass ich nicht klar erkennen konnte, ob die Buchstaben ein leicht erhabenes Relief bilden oder nur flach mit Farbe auf den Untergrund aufgetragen wurden. Die Variationen bei gleichen Zeichen belegen jedoch ziemlich sicher eine manuelle Beschriftung.
Einerseits lehnt sich die Schriftart mit ihren quadratisch geprägten Grundproportionen klar an die klassische »Capitalis monumentalis« aus der römischen Antike an. Andererseits sind einige Buchstaben aber auch abweichend dimensioniert. So sind z.B. E und G etwas breiter als üblich, das N hingegen schmaler. Auch die sehr engen, bei der Datumsangabe komplett fehlenden Wortabstände assoziieren frühantike Inschriften. Ebenso ist die Laufweite (der Buchstabenabstand) extrem eng angelegt, was ich persönlich eher unglücklich finde, denn dadurch wird der Kontrast der unvermeidbaren großen Leerräume unter den Querstrichen der beiden Versal-T und dem sehr engen Raum zwischen I und N rechts daneben um so krasser. Weitere und optisch ausgeglichenere Abstände hätten hier insgesamt für mehr Harmonie sorgen können.
Ich finde, mit etwas mehr Luft zwischen den Buchstaben wirkt der Name doch gleich viel ansprechender, oder?
An den einzelnen Buchstaben wiederum finden sich Formdetails, die zeitlich deutlich nachantik, eher zwischen Renaissance und Jugendstil, zu finden sind. Beispielsweise die »fliehenden« Serifen an E, F und T, der leichte obere Überhang der diagonalen Striche bei A und N, das direkt in den Stamm laufende Bein des R oder die unteren, leicht nach außen weisenden, spitzen Abstriche beim G. Auch beim U, das rechts einen geraden senkrechten Stamm besitzt, der sonst eher beim Minuskel-u anzutreffen ist, findet sich diese Spitze. Diese feinen Details machten es nicht einfach, eine verwandte kommerzielle Schriftart zu identifizieren. Bis auf die G- und U-Spitzen jedoch kommt die »Florentino« von Harmonais Visual (2021) der Anmutung, finde ich, ziemlich nahe.
Der Dichter Georg Britting war mir, wie gesagt, bislang kein Begriff. Es gibt jedoch eine von der 2007 gegründeten »Georg-Britting-Stiftung« eingerichtete Website, auf der nahezu das gesamte Werk des Schriftstellers – bestehend aus Romanen, Erzählungen, Bühnenstücken und Gedichten – online nachzulesen ist. Da Britting erst im April 1964 verstarb, gibt es sogar Audiodateien, in denen der Autor selbst seine Texte rezitiert, etwa das Gedicht »Der Mond«, das mich unter den Gedichten stärker ansprach als andere Texte Brittings, in die ich hineinlas. Manche Wortkreationen und Metaphern Brittings sind mir persönlich etwas zu aufgesetzt, die Verszeilen zu blumig. Etwas kantigere, aber dennoch starke Verse wie »In den Wäldern am Hirschberg«, die sprachlich näher an den »Hardcore-Expressionisten« wie Georg Trakl oder Oskar Kanehl liegen, sprechen mich da eher an.
Und so ist es immer bereichernd, wenn ich auf Gedenktafeln nicht nur die Namen von Personen lese, die ich bereits kenne, sondern wenn sie auch der Grund dafür sind, erstmals auf jemanden aufmerksam zu werden. 🤓 🔠 📝
Zwar unternahm ich dieses Jahr vor Kurzem wieder mal eine Reise in die schöne Hansestadt Stralsund, aber das Foto für das typographische Bonbon an diesem Montag knipste ich bereits vor zehn Jahren. Es zeigt eine historische Inschrift rechts neben dem Eingang zur örtlichen Stadtbibliothek, die in einem unter Denkmalschutz stehenden, spätbarocken Palais in der Badenstraße 13 untergebracht ist. Das Gebäude ließ der Kaufmann Johann Victor Ehlers um 1725 errichten.
Die auf der Tafel genannte, hier jedoch nicht mehr ansässige Ratsbibliothek wurde bereits 1577 durch Stralsunder Ratsmitglieder gegründet, umfasste zunächst juristische Werke und Urkunden und war Online-Quellen zufolge anfangs im Rathaus untergebracht. Erst im Jahr 1896 erfolgte der Umzug an diese neue Adresse und ich vermute, dass auch die Schrifttafel zu dieser Zeit angebracht wurde.
Die größte formale Ähnlichkeit zu den einzelnen Buchstabenformen fand ich dann auch bei der »[Schmale] Akzidenz Gotisch« (F. W. Bauer) aus dem Jahr 1876. Diese oder eine ähnliche Schrift könnte dem Schriftenmaler, der diese mit Sicherheit von Hand gestaltete Tafel erstellt hat, als Vorlage für die erste Zeile gedient haben. In der zweiten Zeile hat er meiner Meinung nach etwas improvisiert, denn die fast avantgardistische, kantige Form der beiden p und das insgesamt ein wenig unharmonische Gesamtbild der Zeile sprechen gegen eine konkrete Vorlage aus dem Zeichensatz einer einzelnen Schriftart.
Das Wort »Ratsbibliothek« in der Schrift »Schmale Akzidenz Gotisch«. Im Vergleich läuft sie sichtbar schmaler als das Original am Gebäude und ist – insbesondere beim R – stärker verziert sowie im Duktus insgesamt etwas eckiger. Aber viele kleine Details, wie die i-Punkte, das s, die Grundform des k oder die oberen Abschlüsse bei t, b, h und l weisen starke Ähnlichkeiten auf.
Durch den ständig wachsenden Bestand an Dokumenten und gebundenen Druckwerken sowie die nachfolgende Einrichtung einer für alle Bürger öffentlich zugänglichen Bibliothek ergaben sich zwischen 1698 und 1920 mehrfache Neuordnungen, Zusammenlegungen und räumliche Auslagerungen des Bestandes, sodass die alten Werke der einstigen Ratsbibliothek (ca. 120.000 Bände) inzwischen im Stadtarchiv zu finden sind, das 400 m nördlich auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters St. Johannis seinen Platz gefunden hat. In den vormaligen Räumen der Ratsbibliothek erfolgte dann im Jahr 1920 die Gründung und Eröffnung der Stralsunder Stadtbibliothek, die sich bis heute dort befindet.
Die historische Schrifttafel muss zwischenzeitlich eine Zeitlang übermalt oder überputzt gewesen sein und trat wohl erst bei Sanierungsarbeiten – vermutlich nach der deutschen Wiedervereinigung – wieder zutage. Denn es existiert zwar ein auf das Jahr 1925 datiertes Foto, auf dem sie bereits zu sehen ist, auf einem späteren Bild, das 1974 zu DDR-Zeiten entstand, fehlt sie jedoch. Stattdessen befanden sich zwei andere und etwas höher platzierte dreidimensionale Schriftzüge (»BUECHEREI« und »ARCHIV«) links und rechts des Eingangs. In der Chronik der Stadtbibliothek ist zu lesen, dass im Jahr 2001 mit einer umfangreichen Haussanierung begonnen wurde. Wie aufwendig diese Bautätigkeiten gewesen sein müssen, zeigt die Wiedereröffnung nach erst neun Jahren, am 01. Oktober 2010. Fotos mit dem Eingang und der Stelle der Beschriftung direkt vor oder kurz nach der Sanierung konnte ich leider nicht finden.
Doch vor allem freue ich mich, dass auch bei diesem Fundstück wieder ein alter Schriftzug wieder zutage trat, der nun für die Nachwelt erhalten bleibt. 🤓 🔠 📚
Content-Hinweis: Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Schriftanwendung bei der Kennzeichnung historischer anatomischer Präparate von Menschen und Tieren in einem medizinischen Museum. Daher kommen zur Bebilderung auch Fotos solcher Exponate zum Einsatz.
Der Anstoß zu dem heutigen Beitrag liegt tatsächlich schon mehr als einen Monat zurück. In dieses Thema konnte ich mich mal wieder so richtig hineingraben, habe sehr viel recherchiert, Korrespondenz geführt, Links zusammengesucht und auch wieder selbst jede Menge gelernt. Damit der Text trotz seiner Länge etwas lesefreundlicher wird, habe ich ihn versuchsweise mit Zwischenüberschriften in Teilabschnitte untergliedert.
Der Ausgangspunkt
Als großer Freund aller Wissenschaften schaute ich kürzlich aus der arte-Mediathek die sehr sehenswerte, anderthalbstündige Dokumentation »Auf Messers Schneide – Eine Geschichte der Chirurgie«(dort noch verfügbar bis zum 26.11.2026). Darin geht es um die Entwicklung des Verständnisses der Anatomie, der Funktionen der Organe, des Blutkreislaufs, des Schmerzempfindens und um die Erfindung der Anästhesie, um Infektionsschutz und generell um den Wandel medizinischer chirurgischer Eingriffe vom unerfahrenen »Herumprobieren« hin zu einer methodisch betriebenen Wissenschaft.
Bei den Zeitmarken 00:35:15 und 00:37:54 wurde ein britischer Pionier des anatomischen und chirurgischen Erkenntnisgewinns vorgestellt, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte: John Hunter (1728–1793). Zu seinem Leben und Wirken, seiner Karriere und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Medizin habe ich am Ende des Artikels einen gesonderten Abschnitt aufbereitet. Auch Hunters älterer Bruder William hatte maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Medizinergenerationen. So gründete er etwa 1746 die erste Schule für Anatomie in England.
»William Hunters Schule für Anatomie läutete eine neue Ära in der Ausbildung von Medizinern in England ein. Erstmals konnten angehende Ärzte sich ihr anatomisches Wissen nicht nur in der Theorie aneignen, sondern auch aus eigener Anschauung und Praxis. Neben Vorlesungen bestand der Unterricht aus anatomischen Übungen, für die William Hunter jedem Studenten einen eigenen Leichnam als Studienobjekt zusicherte.«
Portrait John Hunters, anonymes Ölgemälde nach Sir Joshua Reynolds | Quelle: Wellcome Collection, via Wikimedia Commons | Lizenziert unter CC BY 4.0
Als Assistent seines Bruders in dieser Schule erwies sich John als ein hervorragender Präparator. Bald begann er mit dem eigenen Aufbau einer Sammlung biologischer, anatomischer und pathologischer Präparate.
»Wann immer ihm bei einer Sektion Besonderheiten auffielen, fertigte Hunter Präparate an, die er in seinem Haus in London sammelte. Auf diese Weise kam über die Jahre hinweg eine beträchtliche Sammlung zusammen, die von Walknochen, dem Fell einer Giraffe und einem ausgestopften Känguru über zahlreiche tierische und menschliche Feuchtpräparate bis hin zu Anomalien wie den Gehirnen eines Kalbs mit zwei Köpfen oder dem Körper eines ungeborenen Kindes mit offenem Rücken reichte.«
Bis zu seinem Tode wuchs diese Sammlung auf schätzungsweise 14.000 Präparate an. Nach Hunters Tod wurde sie 1799 von der britischen Regierung angekauft und der »Company of Surgeons« anvertraut, aus der später das »Royal College of Surgeons of England« hervorging. Sein Nachlass wurde zum Grundstock des Hunterian Museum. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Sammlung schwere Verluste. Durch eine Brandbombe, die im Mai 1941 das Gebäude des Royal College of Surgeons direkt traf, wurden zwei Drittel der Museumssammlungen zerstört. Dennoch blieben ca. 3.500 der Originalpräparate erhalten. Auch heute noch stellt dieser Bestand eine der bedeutendsten historischen medizinischen Sammlungen der Welt dar.
Die Fundstücke
In der arte-Doku blieb mein buchstabenaffines Auge natürlich gleich an den wunderschönen historischen Etiketten hängen, mit denen die Glasgefäße der Präparate einst von Hand beschriftet wurden. Wie auch auf dem Foto unten gut zu erkennen ist, gibt es ältere (handgefertigte) und neuere (vermutlich mithilfe eines modernen Etikettendruckers erstellte) Labels. Die neueren sollen uns hier und heute nicht interessieren, sie sind wechselnd mit fetten Schnitten der beiden Schriften »Futura« oder »Helvetica« (oder für Thermoprinter erstellten Lookalikes) angelegt und kommen vermutlich bei der – nicht unaufwendigen – periodisch erforderlichen Umbettung und Neukonservierung der Präparate zum Einsatz. Zu diesem Vorgang gibt es übrigens auch ein interessantes Video des Museums. Überhaupt kann ich dessen Website sowie den unterhaltsamen und wissenswerten Content auf den museumseigenen Social-Media-Kanälen (bei Facebook, Instagram und Bluesky) sehr empfehlen.
Die Kuratorin des Museums, bei der ich die Erlaubnis erbat und bekam, einige Fotos der original beschrifteten Exponate hier im Blog abzubilden, schrieb mir dazu:
»I think it is unlikely that any of the numbers date back to Hunters time, as they were often renumbered and reorganised after his death.«
Alice Watkinson-Deane, Curator (Collections & Digital Interpretation), Hunterian Museum
Die Schrift
Ich habe zahlreiche Abbildungen im Internet durchgesehen und versucht, daraus einen möglichst vollständigen Zeichensatz zu extrahieren, um ihn hier abbilden zu können.
Dabei fiel mir auf, dass sich auch innerhalb des Schriftbildes der Original-Etiketten Unterschiede finden. Im Foto oben sieht man das etwa am kleinen 𝐚. Beim Präparat »Limax« (links, Nr. 787/788) hat der Stamm eine deutliche Neigung nach links. Auf dem vorderen »Rana«-Etikett (Nr. 800) steht er hingegen eher aufrecht. Bei solchen Varianten ein und desselben Buchstabens habe ich mich bei meiner Übersicht jeweils für diejenige entschieden, von der ich im Netz die deutlichste Bilddatei auffinden konnte.
Vermutlich aufgrund der Beschriftung der Etiketten in lateinischer Sprache kommen einige Zeichen auf den Etiketten nicht vor, so etwa K/k und W/w. Das im Lateinischen ebenfalls nicht gebräuchliche J stammt aus den Buchstaben-Indizes bei den Nummerierungsetiketten.
Betrachten wir die wunderschöne Schrift mit ihren sehr ausgeprägten Oberlängen, den zumeist deutlich kürzeren Unterlängen und vielen charmanten Formdetails, wie z.B: den dynamischen Serifen am 𝐬 und dem kleinen Fähnchen am 𝐭, noch einmal »in situ« auf den alten Glasgefäßen:
Ohne Einblick in die Archive und Aufzeichnungen des Museums oder anderer, nicht online einsehbarer Quellen kann ich nicht sagen, ob es unter den mehreren tausend Gefäßen nicht doch noch welche gibt, die zu Lebzeiten John Hunters beschriftet wurden und bei denen die Etiketten die Jahrhunderte überdauert haben. Aber sucht man im Internet beispielsweise nach historischen und ebenfalls von Hand beschrifteten Apothekengefäßen aus jener Zeit, fallen durchaus Ähnlichkeiten ins Auge, allen voran das nach links weisende »Fähnchen« an der Spitze des 𝐭.
Drei Apothekergefäße aus Frankreich (18. Jahrhundert) für »Uvae Corinthiacae« (getrocknete Weinbeeren/Korinthen, Süßungsmittel für oral angewandte Heilmittel), »Pilulae Hydrargyri« (Quecksilberpillen) und »Unguentum Populeum« (Pappelsalbe, linderndes Wundheilmittel)
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Hier noch einige weitere Beispielabbildungen solcher Gefäße. Hier fällt neben einem erneut ähnlich gezeichneten 𝐭 auf, dass auf dem ersten und dritten Gefäß die Buchstaben eine ähnliche Linksneigung haben wie auf einigen Gefäßen der Hunterian Collection.
»FENICV.« = feniculum (Fenchel), ca. 1700; »Bolus Armenica« (aluminiumsilikathaltige Heilerde, Blutstiller); »Cortex Cinnamomum« (Zimtrinde); »R. Nardi Yndicae« (Radice Nardus Indica, Wurzel einer Heil- und Aromapflanze), letztgenannte drei aus dem 18. Jahrhundert | Quelle: Smithsonian Institution/American History Museum | Public Domain
Einige der Charakteristika im Schriftbild der historischen Etiketten finden sich allerdings nicht nur bei Buchstaben aus dem 18. Jahrhundert, sondern bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Eine insgesamt ähnliche Anmutung hat etwa die Schriftart »Lucian« (Lucian Bernhard für die Bauersche Gießerei, 1928/1930). Auch sie hat sehr ausgeprägte Oberlängen, weniger ausladende Unterlängen, einen großen Strichstärkenkontrast und gedrungen wirkende Kleinbuchstaben. Selbst Details bei einigen Zeichen (𝐜 und 𝐱) ähneln einander. Nur die etwas exzentrischen »Zipfel« an 𝐬 und 𝐭 bleiben eine Eigenart der handgezeichneten Etiketten.
Es bleibt also erst einmal offen, aus welcher Zeit genau – zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert – die ältesten erhaltenen Beschriftungen auf den Exponaten stammen.
Oben: Extrahierte Schriftzüge von den historischen Glasgefäßen. Unten: Dieselben Wörter in der Schriftart »Lucian Bold«.
Zum Schluss habe ich einmal in einer digitalen Skizze einige Buchstaben neu gezeichnet nachempfunden, die für mich die Anmutung der Etikettenschrift sozusagen als »Konzentrat« einfangen. Anscheinend hat noch kein professioneller Schriftgestalter (ich selbst bin leider »nur« ein schriftvernarrter Grafik-Designer) versucht, eine vollständige Schrift auf Basis dieser Etiketten zu erstellen. Die Kopenhagener Designagentur Kontrapunkt hat zwar im Jahr 2004 für den Verband Dänischer Apotheker eine wunderschöne exklusive Schriftart namens »Apotek« gestaltet, die an den Fassaden und auf Produkten vieler dänischer Apotheken genutzt wird. Aber die formalen Inspirationen zu dieser Schrift sind jünger und knüpfen laut einem Beitrag zum 20jährigen Jubiläum des Designs neben der Typografie alter Apothekengläser auch an Schriften aus der Bauhaus-Zeit der 1930er Jahre an.
Mein Versuch einer »glatteren« Skizze der Buchstabenformen und ihrer Besonderheiten. Das Wort »pedrotaxi« ist Blindtext, ich habe es frei aus Zeichen zusammengesetzt, die ich auf jeden Fall in der Auswahl haben wollte … 🙂
Zum Schluss hänge ich noch einige weiterführende Links an für Leser*innen, die mehr über John Hunter lesen möchten sowie einen ausklappbaren Contentblock mit einer Zusammenfassung seiner Biographie. Ich selbst werde bei der nächsten Reise, die mich nach London führt, auf jeden Fall mindestens einen halben Tag in diesem famosen Museum einplanen! 🤓 🔠 🫀
John Hunter – Leben und Werk
Leben und Werdegang
John Hunter wurde am 13. Februar 1728 in Long Calderwood bei Glasgow in Schottland geboren. Er war das jüngste von zehn Kindern einer Bauernfamilie. Seine schulische Ausbildung blieb vergleichsweise unvollständig; bereits früh zeigte sich jedoch eine ausgeprägte Neugier für Naturbeobachtungen. Tiere, Pflanzen und Naturphänomene faszinierten ihn stärker als der klassische Unterricht.
1748 zog Hunter im Alter von 20 Jahren nach London zu seinem älteren Bruder William Hunter, einem bereits angesehenen Anatomen und Geburtshelfer. An dessen neu gegründeter Anatomieschule arbeitete John zunächst als Präparator und erlernte die Sektion menschlicher Leichen. Dabei entwickelte er außergewöhnliche Fähigkeiten in der Anatomie und der Herstellung anatomischer Präparate. Zusätzlich erhielt er eine chirurgische Ausbildung bei bedeutenden Londoner Chirurgen der damaligen Zeit. Eine universitäre medizinische Ausbildung schloss er nie ab; dies entsprach allerdings der damaligen Situation vieler Chirurgen, die sich vor allem praktisch ausbildeten.
1758 wurde Hunter Chirurg am St. George’s Hospital in London. 1760 trat er als Militärchirurg in die britische Armee ein und nahm während des Siebenjährigen Krieges für drei Jahre an Einsätzen in Frankreich und Portugal teil. Dort sammelte er umfangreiche Erfahrungen in der Behandlung von Schussverletzungen und anderen Kriegsverletzungen. Gleichzeitig begann er, Tiere und naturkundliche Objekte zu sammeln.
Nach seiner Rückkehr nach London eröffnete er eine eigene Praxis und begann, selbst Anatomie und Chirurgie zu unterrichten. 1767 wurde er in die Royal Society aufgenommen. 1768 erhielt er die Stellung als Chirurg am St. George’s Hospital. Später wurde er Leibarzt von König Georg III. und Inspektor der Militärkrankenhäuser.
Hunter starb am 16. Oktober 1793 in London während einer Auseinandersetzung im St. George’s Hospital, vermutlich infolge eines Angina-pectoris-Anfalls.
Arbeit und Forschungstätigkeit
John Hunter gehört zu den Begründern der wissenschaftlichen Chirurgie. Während viele seiner Zeitgenossen vor allem auf althergebrachte Traditionen und verstorbene oder praktizierende medizinische Autoritäten vertrauten, verlangte Hunter genaue Beobachtung, Experimente und die Überprüfung medizinischer Annahmen.
Sein Grundsatz lautete, dass ein Chirurg die natürlichen Vorgänge des Körpers verstehen müsse, bevor er therapeutisch eingreift. Krankheiten, Verletzungen und Heilungsprozesse sollten unmittelbar beobachtet und untersucht werden. Damit wurde er zu einem frühen Vertreter der evidenzbasierten Medizin.
Besonders bedeutend waren seine Arbeiten auf den Gebieten Wundheilung und Entzündung, Schussverletzungen, Gefäßerkrankungen, Zahnheilkunde, vergleichende Anatomie und Tierphysiologie. Das Werk »The Natural History of the Human Teeth« von 1771 gilt als ein Meilenstein der Zahnmedizin. Hunter beschrieb die Entwicklung und Anatomie der menschlichen Zähne systematisch und wissenschaftlich. Außerdem veröffentlichte er wichtige Arbeiten über Geschlechtskrankheiten sowie über Entzündungsprozesse und Wundheilung. Sein posthum erschienenes Werk »A Treatise on the Blood, Inflammation and Gun-shot Wounds« hatte großen Einfluss auf die Chirurgie des 19. Jahrhunderts.
Einfluss Hunters auf Wissenschaft und Medizin
Der wichtigste Beitrag Hunters bestand darin, die Chirurgie von einem handwerklichen Beruf zu einer wissenschaftlich begründeten Disziplin weiterzuentwickeln. Er vertrat die Auffassung, dass ein Chirurg gleichzeitig Anatom, Physiologe und Naturforscher sein müsse. Beobachtung und Experiment sollten über Autorität und Tradition stehen. Diese Denkweise beeinflusste Generationen von Ärzten und Forschern.
Besondere Bedeutung hatte seine Lehre der vergleichenden Anatomie. Hunter untersuchte nicht nur den Menschen, sondern auch hunderte Tierarten. Er suchte nach allgemeinen biologischen Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhängen zwischen Bau und Funktion der Organe und führte zahlreiche Tierexperimente durch, um biologische Vorgänge besser zu verstehen, etwa zur Regeneration von Gewebe oder dem Wachstum von Knochen.
Hunters Untersuchungen trugen wesentlich zur späteren Entwicklung der Evolutionsbiologie und der vergleichenden Physiologie bei. Viele seiner Gedanken wurden im 19. Jahrhundert von Naturforschern weiterentwickelt. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem der Arzt und Impfpionier Edward Jenner, der die Pockenimpfung entwickelte. Hunter ermutigte seine Schüler, selbst zu experimentieren und ihre Beobachtungen kritisch zu prüfen. Seine Arbeitsweise beeinflusste außerdem die Pathologie, die moderne Anatomie, die chirurgische Ausbildung, die klinische Forschung sowie die medizinische Museumskultur. Daher wird Hunter häufig als »Vater der wissenschaftlichen Chirurgie« bezeichnet.
Entstehung, Entwicklung und Verbleib seiner Präparatesammlung
Die Sammlung anatomischer Präparate war das Lebenswerk John Hunters. Bereits während seiner Militärzeit begann er, Tiere und anatomische Objekte zu sammeln. Im Laufe der Jahrzehnte investierte er einen erheblichen Teil seines Einkommens in den Ausbau seiner Sammlung.
1783 bezog Hunter ein großes Haus am Leicester Square in London. Dort richtete er ein privates Museum und eine Lehrsammlung ein. Zum Zeitpunkt seines Todes umfasste die Sammlung ca. 14.000 Präparate. Dazu gehörten menschliche Anatomiepräparate, krankhaft veränderte Organe, Skelette, Tierpräparate, Fossilien, vergleichend-anatomische Objekte und konservierte Organe und Gewebe. Die Sammlung umfasste mehr als 500 Tierarten. Zahlreiche Objekte stammten aus den Forschungsreisen des 18. Jahrhunderts. Unter anderem erhielt Hunter Tierpräparate von Joseph Banks, der an der ersten Weltumsegelung von James Cook teilgenommen hatte.
Aus heutiger Sicht werden einige Beschaffungsmethoden kritisch bewertet. Besonders bekannt ist der Fall des als »Irish Giant« bekannten Charles Byrne. Trotz dessen ausdrücklicher Verfügung, nicht seziert zu werden, gelangte sein Skelett in Hunters Sammlung. Die Diskussion über den angemessenen Umgang mit diesen menschlichen Überresten dauert bis heute an.
Die heutige Sammlung des Hunterian Museum London
Das Hunterian Museum befindet sich im Gebäude des Royal College of Surgeons in London, das über mehr als 70.000 Exponate, darunter anatomische und pathologische Präparate (von Menschen und Tieren), Modelle, Instrumente, Gemälde und Skulpturen beherbergt, die die Kunst und Wissenschaft der Chirurgie und die Entwicklung medizinischer Forschung seit dem 17. Jahrhundert bis zur modernen robotergestützten Chirurgie der Gegenwart abdecken.
Nach einer umfassenden Modernisierung wurde das Museum 2023 wiedereröffnet. Heute werden dort mehr als 3.500 Objekte aus Hunters ursprünglicher Sammlung ausgestellt, die er zwischen 1760 und 1793 präpariert hat. Als Konservierungsmittel für die Präparate wird meist Ethanol verwendet. Zu den weiteren in der Hunterian Collection verwendeten Konservierungsmitteln zählen Flüssigparaffin, Terpentinöl, Formaldehyd und Kaiserling III – ein Gemisch aus Kaliumacetat (Gewebe-Stabilisator), Glycerin (Feuchthaltemittel), Wasser und ggf. Thymol (gegen Schimmelbildung).
Hinzu kommen chirurgische Instrumente, medizinische Modelle, Gemälde, historische Dokumente und Präparate aus späteren Jahrhunderten. Eigene Ausstellungsbereiche beschäftigen sich mit Hunters Kindheit und Ausbildung, seiner Tätigkeit als Chirurg, seiner wissenschaftlichen Arbeitsweise, seinen Patienten sowie seinem Einfluss auf spätere Generationen. Neben der historischen Bedeutung thematisiert das Museum heute auch ethische Fragen des Umgangs mit menschlichen Überresten.
Das Hunterian Museum ist somit nicht nur eine Art Denkmal für John Hunter, sondern zugleich ein bedeutendes Forschungs-, Bildungs- und Ausstellungszentrum zur Geschichte der Anatomie, Chirurgie und Medizin.
Montagsbonbon-Fundstück aus dem heimischen Bücherregal: Eine alte Semesterarbeit im Fach Typographie. Jeder Student dieses Kurses in meinem Studiengang Kommunikationsgestaltung war seinerzeit gefordert, ein Kompendium mit dem Grundwissen zu Schriftanwendung und ‑klassifizierung zu verfassen und zu gestalten.
Die DTP-Datei in meinem Archiv ist datiert auf den 26. Juni 1991, also fast auf den Tag genau 35 Jahre alt. Ich war zwar noch mitten im Studium, arbeitete jedoch nebenher bereits als »Freier« bei einer lokalen Werbeagentur und hatte dort nach Feierabend und am Wochenende freien Zugang und durfte das damals topmoderne Equipment für meine Semesterarbeiten nutzen: Macintosh IIfx, Laserdrucker, farbkalibrierte Röhrenmonitore. InDesign gab es noch nicht, aber PageMaker und QuarkXPress eroberten gerade die DTP-Arbeitsplätze. Zu dieser Zeit war es noch nicht gefordert und daher weniger üblich, Dateien mit einer Endung zu versehen, weshalb ich heute nicht mehr rekonstruieren kann, mit welcher Software ich die Textseiten layoutet habe. Ich meine mich zu erinnern, dass (noch) keins der zuvor genannten zum Einsatz kam, sondern ein »Außenseiter-Programm«, das aber vergleichbare Funktionalitäten besaß – eventuell DesignStudio von Letraset. Den Schriftzug »TYPOGRAPHY« hatte ich eigens für das Cover mit mit Aldus FreeHand 2 entworfen. Beide Dateien vermag ich inzwischen mit meinen aktuellen Apps auf dem Mac weder zu öffnen noch in ein aktuell lesbares Format zu konvertieren. 😅
Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.
»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«
An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.
Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿
Es gab hier im Blog schon mehrmals Beiträge, in denen ich auf filmische Werke einging, bei denen Schriften auf Kulissen oder Requisiten historisch inkorrekt waren, weil die genutzten Schriftarten nachweislich erst – vom Zeitpunkt der inszenierten Handlung aus gesehen – in der Zukunft entstanden. So etwa in der Serie »The Queen‘s Gambit«, wo ein Schachturnier im Jahr 1966 mit einer Schrift beworben wurde, die erst vier Jahre später erscheinen sollte. Oder ein Werbespot der S-Bahn Berlin, in dem eine Zeitungsschlagzeile Kennedys Besuch in der geteilten Stadt ankündigte, in einer Schriftart, die es erst zwei Jahre nach der Präsidentenreise geben sollte.
Heute geht es erneut um eine typographische Anachronie – diesmal allerdings mit zwei Besonderheiten: Der betreffende Werbefilm wurde teilweise mit generativer K.I. erstellt, und die typographischen Unstimmigkeiten betreffen nicht nur die Vergangenheit, sondern reichen bis in die Gegenwart.
Ich bin mir natürlich bewusst, dass es »nur« um einen Werbespot geht, nicht um eine Dokumentation, die eher Anspruch auf größere historische Korrektheit erhebt. Und ich weiß auch, dass jedwede Nachempfindung, Inszenierung oder Rekonstruktion vergangener Zeiten – ihrer Kultur, Architektur, Werkzeuge oder Lebensweise – zwangsläufig eine Interpretation aus heutiger Sicht bleibt. Mal gibt es mehr, mal weniger Freiräume, teils aus Unkenntnis, Unwille oder Unvermögen, aufgrund künstlerischer Freiheit, aus Spaß oder aus Nachlässigkeit. Es ist klar, dass viele der Sandalenfilme wie »Kleopatra« (1963) technicolor-bunte Marzipan-Versionen der Historie sind, dass Elizabeth Taylor eine fiktiv ausgeschmückte Figur spielt. Als ich kürzlich das Biopic »Maria« (2024) mit Angelina Jolie sah, in welchem etliche Super-8-Filmaufnahmen der echten Callas mit Angelina Jolie täuschend echt nachgedreht wurden, nahm ich diese Szenen als »Nachbau« der Realität wahr und störte mich nicht daran. Und auch Inszenierungen mit größerem Anspruch an Detailtreue wie die Serie »Rome« (2005–2007) oder Doku-Reihen wie »Terra X: Ein Tag in …« (2016–2014) erlauben sich immer noch erhebliche Freiheiten bei Produktionsdesign und Handlung. Auch was auf Mittelaltermärkten oder bei Rollenspielen »historisch« aufbereitet oder nachgespielt wird, hat mit der Realität der Vergangenheit (die wir zwangsläufig nur aus zweiter Hand, durch Artefakte, Chroniken oder andere Berichte kennen können) oftmals nur zum Teil etwas gemein. Das Bild, das wir heute von vergangenen Epochen kennen, ist geprägt durch ein Gemenge aus Fiktion, Verklärung, wissentlicher oder unwissentlicher Verfälschung, Interpretation, mutmaßlicher Authentizität und fundierter Geschichtswissenschaft. Dementsprechend findet sich diese Mixtur auch im Datenbestand des Internets wieder und fließt somit auch unweigerlich in die Trainingsdaten generativer K.I.-Modelle ein.
Der Clip, den ich zuerst auf der Businessplattform LinkedIn entdeckte, stammt von der Telekom, soll im Berlin des Jahres 1924 spielen und trägt den Untertitel »Building the future of communication with AI«. Er soll hier lediglich zur Ansicht verlinkt werden, man sollte ihn auch ohne einen User-Account anschauen können. Alternativ ist das Video auch auf einer Website der Telekom aufrufbar.
(Screenshot via LinkedIn)
Vermutlich mit Blick auf die internationalen Zielgruppen der Werbebotschaft ist die Tonspur des Videos komplett auf Englisch angelegt. Die Off-Stimme spricht Englisch und auch der digital reanimierte Albert Einstein wendet sich in seiner Ansprache aus dem ersten Berliner Radio-Funkhaus (»Vox-Haus«) auf Englisch an die (deutsche!) Bevölkerung und erläutert den Hörer*innen das Konzept seiner Relativitätstheorie. In den Kommentaren wird die englischsprachliche Umsetzung ebenfalls lebhaft kritisch diskutiert, aber ich verstehe die Beweggründe und möchte hier nicht zu weit über das Thema Typographie hinaus ausholen.
Nach etwa einer Minute des knapp 90-sekündigen Films tritt der Einstein-Avatar aus dem Gebäude heraus auf den Potsdamer Platz. Hier vollzieht sich dann ein dynamischer virtueller Kameraschwenk von der Vorderseite eines »historischen« Straßenschildes, welches in einer gebrochenen Schrift mit dem Namen des Platzes beschriftet ist, zu dessen Rückseite, wo sich derselbe Name in einer »modernen« Schrift befindet. Zeitgleich wechselt auch die Stadtkulisse aus dem Jahr 1924 in die Gegenwart. Und diese Szene war es, bei der ich stutzte, denn auf der Rückseitenbeschriftung des Schildes fehlt ganz klar ein zentrales visuelles »Key Asset« der bis heute gebräuchlichen realen Berliner Straßenschilder in den Schriften »Erbar Grotesk« (im verlinkten PDF auf Seite 7) bzw. »CST West«: Der Buchstabe z und die Ligatur tz sind in der Schriftart der realen aktuellen Berliner Straßenschilder mit Unterlängen bei der z-Glyphe angelegt, also als ʒ und ꜩ. Und dieses Charakteristikum wurde entweder von der K.I. – oder dem an dem Film beteiligten Team – weggelassen.
Die inkorrekte und die tatsächliche Umsetzung der Beschriftung im Vergleich (nachgezeichnet).Foto: Metoc, via Wikimedia Commons | Lizenziert unter CC BY-SA 2.5 (Lichtreflexe leicht retuschiert)
In einem Post aus dem Unternehmen zur Veröffentlichung des Videos heißt es: »A launch of this importance needed a film with the same care, weight, and humanity as the product behind it«. Zumindest ich als typographischer Erbsenzähler kam nicht umhin, bei dem Wort »care« eine Augenbraue zu heben.
Wie sieht es in puncto Authentizität bei der Vorderseite des Schildes aus? Auf den ersten Blick könnte man denken »Joar, 1924 war das, da haben die Leute ihre Straßenschilder damals wohl so beschriftet«. Doch auf den zweiten Blick stimmt wohl auch hier einiges nicht. Zwar findet man im Internet einige wenige Straßenschilder mit gebrochenen Schriften, aber ich konnte nur eine Variante ausfindig machen, die authentisch historisch ist, etwa bei einem Exponat aus der Sammlung des »Imperial War Museums« in Großbritannien sowie in einem Instagram-Post. Die Schrift darauf ähnelt am ehesten einer Type mit dem Namen »Wittenberger Fraktur« und unterscheidet sich deutlich von dem Schriftzug aus dem K.I.-Video. Hinzu kommt, dass sich im Internet weder ein historisches Berliner Straßenschild anderen Namens mit der Schriftart aus dem Video auffinden ließ, noch war die dafür genutzte Schriftart zu identifizieren. Sie hat zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Schrift namens »Wilhelm Klingspor Gotisch«, aber meine Vermutung wäre, dass die K.I. diese gebrochene Schrift für das Video »erfunden« hat. Wer valide gegenteilige Erkenntnisse hat, kann sie mir gerne mitteilen.
Die zwei zum Vergleich stehenden Straßenschild-Varianten mit gebrochenen Schriften (nachgezeichnet).Foto: Imperial War Museums/IWM (FEQ 379) – »Street sign taken from a lampost in Allied-occupied Berlin in 1945 (at the end of the Second World War) by Captain Franklin Engleman when he was serving as a BBC War Correspondent.« | non-commercial use allowed
Doch warum habe ich die gebrochene Schrift aus dem Museums-Schild als »fraglich« bewertet? Weil ich zum einen kein Schild auf historischen Fotos aus Berlin ausfindig machen konnte, das garantiert mit dieser Schrift im Handlungsjahr des Videos (1924) angebracht war. Und zum anderen, weil es sehr wohl historische Aufnahmen mit Straßenschildern aus dieser Zeit – und sogar vom Potsdamer Platz! – gibt, die ein ganz anderes Schriftbild nahelegen:
In einem Foto aus dem Jahr 1919 im Umfeld des sogenannten »Spartakus-Aufstandes« in Berlin (s.u.)
Foto: W. Braemer, via Wikimedia Commons / Public Domain – »Die Spartakisten unter der Führung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wollten eine sozialistische Republik errichten. Soldaten errichten mit Holzbrettern eine Barrikade, um Angriffe im ›Zeitungsviertel‹ der Stadt abzuwehren.«
All diese Fotos legen nahe, dass die Straßenschilder am Potsdamer Platz des Jahres 1924 keineswegs in Fraktur, sondern in einer fast neuzeitlich anmutenden sog. »serifenbetonten Antiqua« gesetzt waren. Eine Schriftart, die der auf den dokumentierten Schildern recht nahe kommt, ist die »Bourgeois Slab« (Jonathan Barnbrook/Julián Moncada, 2019), die auf Schriften aus dem viktorianischen Zeitalter beruht und auf deren Basis ich eine ungefähre (und wahrscheinlichere) Rekonstruktion des damaligen Straßenschildes angefertigt habe.
So dürfte das Straßenschild am Potsdamer Platz um 1924 in etwa tatsächlich ausgesehen haben (nachgezeichnet).
Update: Nach der Veröffentlichung dieses Beitrags stieß ich tatsächlich noch auf ein auf das Jahr 1953 datiertes Foto eines Schildes vom Potsdamer Platz, das meiner Rekonstruktion ziemlich nahekommt und durchaus im Jahr 1924 bereits angebracht gewesen sein könnte.
Das Feld der Berliner Straßenschilder ist insgesamt ein kunterbuntes, historisch gewachsenes Potpourri. Es gibt »echte« historische Schilder (wie oben beschrieben), es entstanden nach der Deutschen Teilung »Ost-Versionen« und »West-Versionen«, es gibt als »historisch« beworbene Souvenir-Schilder in einer nochmals ganz anderen gebrochenen Schrift (»Alte Schwabacher«), die jedoch sehr wahrscheinlich so nirgends jemals im Straßenland hingen. Es gibt Schilder mit einer konstruktivistischen Schriftart, die theoretisch ab ca. 1930 (dem Entstehungsjahr der Schrift »City«) angebracht sein könnten, aber teilweise derart makellos und neu aussehen, dass auch dies fraglich erscheint – und es gibt vereinzelt zeitgenössische Schilder in z.T. weiteren gebrochenen Schriften mit weißer Schrift auf blauem Grund, die zur Erzeugung eines historisch wirkenden Straßenbildes angebracht wurden. Uff! 😅
Weitere Erscheinungsformen bis heute anzutreffender, historisch anmutender Berliner Straßenschilder (nachgezeichnet).
Was es aber sehr wahrscheinlich nicht gab, sind die Schriftvarianten auf der Vorder- und Rückseite des Straßenschildes in dem gerenderten K.I.-Video.
Ich habe lange nachgedacht, warum dieses vermeintlich kleine Detail bei mir diesmal ein stärkeres »Störgefühl« auslöst als bei den anfangs erwähnten früheren Beiträgen zu nicht authentischen Schriftarten. Ich denke, es liegt speziell in der K.I.-Erzeugung des Videos begründet. Die wiederbelebte Figur Albert Einsteins wirkt verblüffend echt, sie sieht ihm zu 100% ähnlich, spricht mit seiner Stimme, die auf Basis von Tonaufnahmen rekonstruiert wurde, bewegt sich plausibel, sie suggeriert – obwohl es ganz klar ein Werbespot ist und als solcher gekennzeichnet wird – eine historische Authentizität, die unbewusst im Kopf des Betrachters auf den Rest des Videos, seiner weiteren virtuellen Darsteller, der Kulissen und Requisiten »abfärbt«. Weil Einstein so real wirkt, erscheint der gesamte Clip real. Und doch gibt es nachweislich Details, die nicht stimmen. So ist etwa auch die Darstellung des »VOX-Hauses« im Film, trotz einer gewissen Ähnlichkeit, freier interpretiert. Beim echten Gebäude befand sich der Schriftzug »VOX« unterhalb des Daches auf der Fassade. Im Film (Timecode 00:24) befindet er sich oberhalb der Fassade auf dem Dach. Die Beschriftungen »SCHALLundWELLE« und »Funk[-]Stunde« im Erdgeschoss des Hauses sind zwar im Video vorhanden, jedoch ebenfalls in komplett anderen Schriftarten. Auch die Fensterkreuze und weitere architektonische Details weichen vom Originalgebäude ab. Was sonst noch in dem Film an Details, etwa im gerenderten Stadtbild, an Fahrzeugen, bei Frisuren oder Kleidung der digitalen Statisten von der historischen Realität abweichen oder gar abwegig sein könnte, vermag ich mangels Fachwissen nicht zu sagen.
Es liegt – zumindest derzeit noch – im Wesen der K.I., dass sie alle noch so kleinen Details, die A) nicht explizit sowie nach sorgsamer vorheriger strukturierter Überlegung gepromptet und B) nicht nach ihrer Generierung von entsprechend fachkundigen Menschen geprüft und ggf. korrigiert werden, nach eigenem Ermessen (aka statischer Wahrscheinlichkeit auf Basis der verarbeiteten Trainingsdaten) »auffüllt«. Und so können Ergebnisse entstehen, die sowohl von weniger wesentlichen bis hin zu kritischen Aspekten inkorrekt, diffus oder unsicher (z.B. bei Vibe Coding) sind. Bezüglich K.I.-generierter Texte, die so klingen sollen, als habe sie ein Mensch verfasst, las ich kürzlich dazu dies:
»Man könnte von einer KI einen Text schreiben lassen, der […] menschenhaft klingt […]. Aber dann würde sich die Arbeit verlagern. Man müsste der KI sehr viele Informationen liefern, nicht nur über das Thema selbst, sondern auch über die Erlebnisse der vergangenen Wochen, Gespräche mit Freunden, eben alles, was zum Schreiben interessant sein könnte.
Und wenn man möchte, dass das Ergebnis nicht den immer gleichen Mustern folgt, müsste man auch das vorher programmieren. Je weniger Arbeit man sich macht, desto schlechter wird das Ergebnis.«
Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind vielschichtig: Nimmt uns die K.I. tatsächlich Aufwand und mühsame Arbeit verlässlich und zufriedenstellend ab? Oder weckt sie durch ihre implizite Funktionalität, alle Lücken in unseren eingegebenen Prompts und ggf. ohne Rückfragen »automatisch« zu füllen, in uns das trügerische Gefühl, Ergebnisse seien in gleicher Qualität und in wesentlich kürzerer Zeit als mittels menschlicher Arbeit und Denkleistung zu erzielen, obwohl uns die vermeintlich makellose Oberfläche der Resultate eigentlich zu mehr Nachlässigkeit und Schludrigkeit verführt? Müssten wir vor dem Einsatz von K.I. nicht häufig deutlich mehr Zeit in Recherche, Struktur und Vorbereitung investieren? Würde ein maximal detailliert ausgearbeitetes Prompting den vermeintlichen Zeitgewinn teilweise wieder aufheben? Und letztlich stellt sich die Frage, ob ein historisch vollkommen fehlerfreies KI-Video tatsächlich »besser« wäre – oder womöglich erst recht problematisch.
Es bleiben also nicht nur typographische Fragen offen, sondern auch solche nach Authentizität, Verhältnismäßigkeit und Vertrauen. Mich würde interessieren, wie Ihr diese Entwicklung bewertet. 🤓 🔠 🤖 🧠
Natürlich umfasst das weite Thema »K.I.« noch eine ganze Reihe weiterer diskussionswürdiger Aspekte. Das reicht von ethischen Fragen über den Umgang mit Copyrights und einer fairen Vergütung der kreativen menschlichen Arbeit, die in Trainingsdaten einfließt, beinhaltet die prekäre Arbeitssituation menschlicher Content Monitoring Worker, den monetären und politischen Einfluss der großen Tech-Konzerne, die fragwürdige und antidemokratische Attitüde bei deren Inhabern und anderen involvierten Akteuren, dem Einsatz von K.I. bei Militär- und Überwachungstechnik, dem monströsen Wasser-, Energie- und Ressourcenverbrauch* bis hin zu K.I.-Regulierung, der Kennzeichnungspflicht bei generativ erzeugtem Content usw. Ich habe diese Punkte aber hier bewusst weggelassen, da ich damit definitiv ein »zu großes Fass aufmachen« würde. Denn letztlich ist dies ein Typographie-Blog und das soll auch gerne so bleiben.
* Ich wüsste darüber hinaus tatsächlich gerne einmal, wie der ökologische Fußabdruck der K.I.-gestützten Erstellung eines sochen 90-sekündigen Videos im Vergleich zu einer herkömmlichen, K.I.-freien analog-/digitalen Produktion eines gleichartigen Clips aussehen würde – inklusive Casting, Produktionsteam, digitalem/analogen Kulissenbau, Kostümen, Requisiten, Dreh, Catering, Postproduktion, Reisekosten, Arbeitslöhnen usw. Wer dazu Informationen hat, möge sie gerne teilen.
Aus aktuellem Anlass zwischendurch noch ein Extra-Fundstück aus Hamburg. Das Thema »Pro & Contra Olympische Spiele« bewegte während der letzten Monate in Hamburg die Gemüter. Die ganze Stadt war geradezu zuplakatiert mit Pro- und Contra-Plakatmotiven, Promi-Testimonials sowie Botschaften einzelner Parteien und Initiativen zu diesem Thema.
Auch typographisch wurde die Debatte geführt – wie ich fand, auf einer erfrischend originellen Ebene:
Fotografiert in Hamburg Barmbek-Nord an der Fuhlsbüttler Straße.
Am vergangenen Sonntag hat Hamburg nun abgestimmt und die Bürger haben sich entschieden.
»Für die Gegner der Olympia-Bewerbung war es ein unerwartet deutlicher Erfolg. Um 20:31 Uhr war die Auszählung abgeschlossen. 54,9 Prozent (357.911) der teilnehmenden Wahlberechtigten stimmten gegen eine Kandidatur Hamburgs für die Olympischen Spiele – 45,1 Prozent (293.819) stimmten dafür. Insgesamt nahmen 651.730 Hamburgerinnen und Hamburger an der Abstimmung teil. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,6 Prozent.«
Zwischendurch springen wir heute zur Abwechslung nach Hamburg. Nach einem dienstlichen Termin in der Nähe des Hamburger Fischmarkts nutzte ich vor einigen Tagen die Gelegenheit, den Weg von dort aus zu meinem nächsten Anlaufpunkt durch mir unbekannte Straßen und Stadtviertel zu Fuß zurückzulegen. Und wie zu erwarten, sprangen mir auf den rund 3 Kilometern Wegstrecke gleich wieder reichlich neue typographische Fundstücke vor die Kameralinse.
Das erste war ein aus Kunststoff ausgeschnittenes, rundes Emblem, das in etwa 2 m Höhe an einem Brückenpfeiler angebracht war. Ich fand sowohl die Botschaft als auch die Umsetzung sehr ansprechend, weshalb ich das schon etwas ramponierte Objekt im unteren Bild digital noch einmal rekonstruiert habe.
Die Aufteilung des Wortes in vier einzelne Buchstaben auf einer geviertelten Fläche erinnerte mich ein wenig an das berühmte – ebenfalls typographische – Werk »LOVE« des Pop-Art-Künstlers Robert Indiana aus dem Jahr 1964.
Der/die Hamburger Künstler*in ist leider unbekannt und das Exponat hängt auch nicht in einem Museum. Doch manchmal findet man auch in einer Guerilla-Freiluftgalerie wie dieser durchaus sehenswerte Werke, finde ich. 🤓 🔠 💟
Update, 21.05.2026: Ein Leser wies mich darauf hin, dass das gleiche Motiv – wenngleich in anderer Farbigkeit – unter den Stickreferenzen eines Textilveredelungsunternehmens aus Kassel auftaucht. Die schwarzweiße Motivumsetzung, die mittels reverser Bildersuche ausfindig zu machen ist, trägt den Dateinamen crowns-for-street.png. Als ich dann wiederum nach »Crowns for Street« suchte, gelangte ich zum Instagram-Profil eines unter diesem Pseudonym hauptsächlich in Kassel tätigen Streetart-Künstlers. Sein rundes »Love-Logo« findet sich dort in allerlei Größen und Varianten wieder und ist im Straßenland der hessischen Großstadt ebenfalls in ähnlicher Größe und Platzierung wie das Exemplar in Hamburg anzutreffen. Nun kennen wir den Künstler! 🙂
»Geht man den Fußgängerweg an der Frankfurter Straße ein Stück entlang, sieht man von dort aus an der Seite der Brücke ein hellgraues Love-Logo von Crowns For Street. Mit diesem runden Markenzeichen, das der Kasseler Streetart-Künstler wie eine Art Schild zumeist an höher gelegenen Stellen anbringt, verbreitet er seine einfache, aber manchmal schwer in die Tat umzusetzende Botschaft: ›Love is the answer!‹ Neben den rund 50 Zentimeter großen Varianten begegnet man an den Laternen oder Wänden im Stadtraum auch immer wieder Abwandlungen dieses Logos, beispielsweise in Form der angekleb- ten Kronkorken, die den ›Love‹-Schriftzug hinter einer Schicht von Epoxidharz enthalten.«
Als typographisches Montagsbonbon heute mal wieder ein Fundstück aus Trier. Auf dem Fußweg zum und vom Hauptbahnhof kam ich öfter an dem eingezäunten Grundstück des »Bischöflichen Generalvikariats Bistum Trier« vorbei. Schon bei meinen letzten Besuchen fiel mir durch die Gitterstäbe des Zaunes ein mannshohes eisernes A auf, das auf dem Innenhof zur Straße hin installiert war. Es ist von einer Rostschicht überzogen und wurde offensichtlich aus vielen kleinen eisernen Fragmenten, Platten, gestanzten Kleinteilen und Röhren zusammengefügt. Auf einigen der Einzelteile finden sich »aufgelötete« Signaturen mit Namen und Datumsangaben, z.B. »Medard Schule« oder »Pierre Fourier 10d Aug«. Es scheint also, als sei das Objekt eine kollaborative Arbeit, an der auch Bildungseinrichtungen und/oder Schüler beteiligt waren.
Erst jetzt aber, beim wiederholten Passieren des Areals, bemerkte ich eine Schrifttafel, die außen am Zaun angebracht war und nähere Details zu der Buchstabenskulptur offenbart. Augenscheinlich handelt es sich um eine dreidimensionale Umsetzung des Logos der sozialen Aktion »AKTION ARBEIT im Bistum Trier«:
»Die AKTION ARBEIT im Bistum Trier Das eiserne ›A‹ entstand wahrend der ›Heilig-Rock-Tage‹ 2007 auf dem Trierer Hauptmarkt. Viele haben daran mitgearbeitet. Das ›Denk-mal‹ soll an die tonnenschwere Last der Arbeitslosigkeit erinnern und zur Solidarität anregen. Information www.aktionarbeit.bistum-trier.de«
(Die eingravierte URL ist mittlerweile inaktiv und wird nicht umgeleitet, aber es gibt eine aktuelle: www.aktion-arbeit.de)
Ich weiß nicht, ob die Aktion – über das sicherlich interessante Erlebnis der gemeinsamen handwerklichen Arbeit an der Skulptur hinaus – etwas bewirkt hat. Aber auch abseits seines kirchlichen Kontexts und der Intention dahinter ist das große A auf jeden Fall ein interessantes Monument. 🤓 🔠 🅰️
Das heutige Thema des Fundstück-Potpourris aus Barcelona lautet »Embleme an Hauseingängen«. Davon habe ich diesmal vier schöne Exemplare von meiner Kurzreise mitgebracht – zwei mit Buchstaben und zwei mit Jahreszahlen.
Bei meiner Fotosafari durch die Straßen der Stadt kam ich nicht umhin, die zahllosen, im Jugendstil erbauten oder mit dekorativen Elementen dieser Epoche geschmückten Gebäude zu bemerken. Barcelona ist ein prachtvolles Sammelbecken dieser Architektur: Über 2.000 Gebäude, so heißt es, wurden in der Zeit zwischen etwa 1880 und 1930 im Stil des katalanischen »Modernisme« in der Stadt erbaut und sind zu großen Teilen bis heute erhalten geblieben. Durch Abriss der alten Stadtmauer bekam Barcelona damals die Möglichkeit, sich großzügig auszudehnen. Der parallel wachsende Reichtum durch Industrie und Kapital führte zu einer wohlhabenden Bürgerschicht, wohingegen im Rest Spaniens eine Depression herrschte. Dieser neue Wohlstand beflügelte den Nationalstolz der Katalanen, sodass der Jugendstil hier eine eigene politische Ebene beinhaltete, die von Aufbruch, Erneuerung und Selbstbestimmung geprägt war.
»Die Architekten des Modernismus entwerfen ihre Gebäude ›komplett‹: Alle Räume, Farben, Dekorationen, Rahmen, Stühle, Fußboden und Gardinen werden bis ins letzte Detail geplant. Inspirieren lassen sie sich dabei von der Kunst des Orients und von der Natur selbst: weiche Linien, Kurven, geometrische Formen und ein buntes Farbenspektrum dominieren in allen modernistischen Werken Barcelonas. Unter den Motiven findet man exotische Pflanzenranken, Blüten und Palmen. Im Gegensatz zu den geraden Linen und Formen des Neoklassizismus ist der katalanische Modernismus frech und verspielt.«
Und so stammen auch meine hier gezeigten Fundstücke aus dieser Zeit.
Das erste Emblem ist aus Metall gefertigt und in ein mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziertes Türgitter eingebettet. Es zeigt die mit Goldbronze bemalten Initialen »AM«, die mit Jugendstil-Buchstaben gestaltet und übereinandergelegt zu einer Art Monogramm arrangiert sind.
Ob die mit Beeren und Blättern versehene Einfassung Lorbeer- oder Olivenzweige darstellen sollen, konnte ich nicht belegbar herausfinden. Ich würde jedoch auf Lorbeer tippen, da die Beeren rundlicher aussehen sind und die Form der Blätter, ebenfalls botanisch passend, spitzer zuläuft als es gemeinhin bei Oliven der Fall ist.
Das zweite Emblem fällt garantiert in die Blütezeit des Modernisme, wie die Jahreszahl 1893 beweist. Interessant fand ich hier die diagonal gestürzte Anordnung, die in Verbindung mit den Verzierungen der Ziffern dem Gesamtgebilde eine fast abstrakt-ornamentale Anmutung verleiht.
Die Eingangstür unter dem steinernen Emblem ist ziemlich sicher kein Jugendstil. 😉
Fünf Jahre später wurde dann wohl dieses Emblem angebracht – erneut von floralen Ornamenten umgeben. Schlicht, aber schön, wenngleich gekrönt von neuzeitlichem Kabelsalat.
Das blaue Objekt am unteren Bildrand ist ein Bus, der vor dem Gebäude geparkt war.
Zum Schluss folgt noch ein Gesamtkunstwerk in Form des prachtvollen Portals des »Centro Aragonés de Barcelona«, eines 1909 gegründeten aragonesischen Kulturvereins, der sowohl eine 14.000 Bände umfassende Bibliothek beherbergt als auch ganzjährig Konzerte, Ausstellungen, Handwerksmärkte, Lesungen, Theateraufführungen und Workshops veranstaltet und u.a. für die aragonesische Community in der Stadt eine Anlaufstelle darstellt.
Typographisch interessant fand ich sowohl den bogenförmigen Schriftzug über dem Eingang als auch das »CA«-Monogramm in dem roten Gittertor. Beides würde ich gleichfalls dem Modernisme zuordnen, nicht nur aufgrund des o.g. Gründungsdatums des Vereins, sondern bei der Inschrift z.B. auch aufgrund der deutlich nach unten (beim A und R) bzw. nach oben (beim E) versetzten Mittelachse der Buchstaben. Bei dem Emblem deuten die geschweiften Enden der Bögen, Winkel und Stämme der Buchstaben darauf hin. Bemerkenswert sind auch die eckigen »Spiralen« im Kapitell am Kopf der Säulen links und rechts des Eingangs.
Nicht nur die typographischen Elemente, sondern auch das prachtvoll ornamentierte Ziergitter sind eine wahre Augenweide.
Ich zumindest kam beim Herumstromern mal wieder aus dem Staunen nicht heraus – und die heutigen Bildbeispiele zeigen aus meiner Sicht sehr schön, wie eng Typographie, Kunst und Architektur in manchen Epochen oder Regionen miteinander verbunden sein können. 🤓 🔠 ⚜️