verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Do It Yourself (Seite 1 von 3)

Wenn weder Drucker noch Computer zur Hand sind, müssen Textschaffende zur Selbsthilfe greifen. Dann entstehen mit allerlei Hilfsmitteln ungenormte, kreative Ergebnisse, denen man ihren manuellen Ursprung ansehen kann.

01.06.2026

Als ich über Pfingsten in Regensburg war, fand wie oft, gerade auf der Festwiese die »Dult« statt. Anderswo heißt es Kirmes, Rummel, Jahrmarkt, Kirchweih oder Volksfest – eine Mischung aus Wochenmarkt und Vergnügungspark, mit Festzelten, Fahrgeschäften, Schlemmerbuden und Marktständen.

»Das Wort Dult stammt aus dem Gotischen und bedeutet so viel wie ›ausgelassenes Fest‹. Ursprünglich bezeichnete es ein Kirchenfest, das zu Ehren eines Heiligen gefeiert wurde. In Regensburg richteten sich die Marktzeiten nach den Wallfahrten zu den Gräbern der Heiligen Erhard und Emmeram sowie nach Kirchweihfesten. Rund um diese Feiern entstanden Marktstände, an denen Waren aller Art angeboten wurden. (…)
1389 erhielt Stadtamhof vom bayerischen Herzog das Privileg, einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte abzuhalten. Diese Genehmigung war eine Wiederaufbauhilfe nach den schweren Zerstörungen des Städtekriegs. Damit war der Grundstein für die Tradition gelegt, die bis heute Bestand hat.
(…)
Um 1800 hatten sich zwei feste Dult-Termine im Frühjahr und Herbst etabliert.«

Quelle: regensburger-dulten.com

Ich nutzte die Gelegenheit und schlenderte eine Stunde lang über den Festplatz. Seit jeher sind die oft selbst beschrifteten und bemalten Stände und Fahrgeschäfte für mich auch eine Fundgrube für kreative und ausgefallene Typographie. Für heute habe ich aus Regensburg einen dynamischen Schriftzug an einem Süßwarenstand ausgewählt.

Zur besseren Ansicht hier noch einmal mit gedämpftem Hintergrund:

Gewiss, der Schritzug ist nicht wirklich ausgewogen – die Strichstärken, Innenräume und Neigungswinkel der Buchstaben tanzen teilweise deutlich aus der Reihe. Aber ich mochte die zackige, leicht nostalgische Anmutung und den Namen, der sich davon ableitet, dass sich der Stand in Form einer Dampflokomotive präsentiert. Irgendwie musste ich bei dem Gesamtbild an die Donald-Duck-Comicgeschichten aus den »Lustigen Taschenbüchern« denken.

Und wer weiß, bestimmt gibt es ja auch in Entenhausen eine Dult …
🤓 🔠 🎡 🍭

22.05.2026

Zurück nach Barcelona. Wieder habe ich aus dem aktuellen Fundus ein Vierer-Potpourri kreativer Ladenbeschriftungen zusammengestellt, die ich überschaubar kommentiert zur Ansicht bringen möchte. Allen vier ist wieder ein besonderer »Do-it-yourself«-Charme eigen, der mich dazu bewog, sie zu fotografieren. Und auch, wenn aus grafischer Sicht durchaus nicht alles daran perfekt umgesetzt ist, so verdienen sie doch aus meiner Sicht eine wohlwollende Würdigung des Ideenreichtums ihrer Urheber*innen …

Der erste Schriftzug fand sich an der Fassade eines Restaurants nahe der Altstadtpromenade La Rambla, das laut Speisekarte orientalisch-spanische »Fusion-Tapas« kredenzt. Auf der Markise ist der Name unspektakulär in grünen Versalien in der vom Jugendstil inspirierten Schrift »ITC Benguiat« (Ed Benguiat für ITC, 1977) aufgebracht. Darunter findet sich aber auch noch ein interessanter Versuch, den Namen im Duktus arabischer Schrift umzusetzen und trotzdem für nichtarabische Betrachter*innen lesbar zu halten. Ich nahm zuerst an, »Narin« sei der Name einer Stadt oder Region im arabischen Kulturkreis, aber meine Suche erbrachte stattdessen das Ergebnis, dass es sich um einen Vornamen handelt.

»Der Name Narin ist ein geschlechtsneutraler Vorname, der besonders in der kurdischen und türkischen Kultur vorkommt. Er bedeutet im Kurdischen so viel wie ›fein‹, ›zart‹ oder ›anmutig‹. Im Türkischen kann er auch als ›hell‹, ›leuchtend‹ oder ›Feuer‹ interpretiert werden.«

Quelle: Wisdom Library – »Bedeutung des Namens Narin«

Motiv Nr. 2 entdeckte ich an einem Laden, der für sein Gewerbe wirbt mit den Worten »Verkauf und Anbringung von Farben und Tapeten«. Der Schriftzug ist für mein Empfinden alles andere als ausgewogen – der i-Punkt zu groß, das a zu hoch, die Strichstärken uneinheitlich. Das g und seine Verbindung zum abschließenden l lese ich als Analogie für eine Tapetenbahn, die sich links von einer Rolle nach rechts abwickelt (und rechts an einer Wand haftet?). Aber irgendwie war mir diese wilde Mischung trotzdem einen Schnappschuss wert. Darunter übrigens in goldenen Lettern auf dem Schaufenster der gleiche Name in einer populären Jugendstil-Schriftart (schon wieder): »Arnold Böcklin« (Otto Weisert/Linotype, 1904).

»iocs i regals« – Spiele und Geschenke – nennt sich der Laden hinter dem Schriftensemble Nummer 3. Auch hier spielt sich die Typographie wieder auf zwei Ebenen ab: oben geometrische Buchstabenformen, die an streng konstruktivistische Schriftarten wie z.B. »ITC Bauhaus« erinnern, die 1975 von Ed Benguiat und Vic Caruso (Photo-Lettering, Inc.) für ITC gezeichnet wurde. Sie wiederum basiert auf dem 50 Jahre zuvor entstandenen expreimentellen Entwurf der Schrift »Universal« des Bauhaus-Professors Herbert Bayer. Weitere verwandte Schriften sind »Blippo Black« (Joe Taylor/Robert Trogman für Bitstream, 1969) und »Pump Bold« (Bob Newman/Philip Kelly für Linotype/ITC, 1970).

Auch die Schriftart auf der Markisenkante darunter weist interessante Details auf, insbesondere die Idee, Buchstaben nach Möglichkeit – hier bei P, T, E und R – oben mit einem Bogen abzuschließen. Bei U und I klappt das dann schon nicht mehr ganz so gut und das J sowie die 2 fallen dann komplett aus dem Konzept. Eine kommerzielle Schriftart, die diese Idee konsequenter aufgegriffen hat, ist etwa die »Fonquero« von Arwan Sutanto (2014).

Das vierte und letzte Motiv ist für mein Empfinden handwerklich bzw. gestalterisch am gelungensten umgesetzt. Das Wort »ferreteria« bezeichnet auf Katalanisch ein Eisenwarengeschäft, was auch der Text »Alles für den Heimwerker – Sanitärartikel, Beleuchtung, Haushaltswaren« in der Schriftart »Eras« (Albert Boton/Albert Hollenstein für ITC, 1976) über dem Schaufenster bestätigt.

Die nur mit geraden Linien konstruierten Buchstaben in den beiden großen Textzeilen halte ich für individuell gestaltete Schriftzüge. Obgleich die erste Zeile der Schrift »Acton One« von Rian Hughes (Device Fonts, 1994) verblüffend ähnlich sieht, gibt es doch Unterschiede im Detail. Für die zweite Zeile gilt dasselbe – es gibt etliche zum Verwechseln ähnliche Schriften, am nächsten kommt dem Schriftzug die »Motordrome One« (Gustavo Piqueira für T-26, 2006), aber auch hier sind – z.B. beim v – Abweichungen zu sehen.

Beide Zeilen passen perfekt zum bauhandwerklichen Sortiment des Ladengeschäfts und ziehen mit ihrem markanten Signalgelb (u.a. auch eine bevorzugte Farbe bei Baggern und Baufahrzeugen, z.B. bei den Marken Caterpillar, Komatsu oder John Deere) die Blicke auf sich.

Gut gelöst! 🤓 🔠 🛠️

20.05.2026

Zwischendurch springen wir heute zur Abwechslung nach Hamburg. Nach einem dienstlichen Termin in der Nähe des Hamburger Fischmarkts nutzte ich vor einigen Tagen die Gelegenheit, den Weg von dort aus zu meinem nächsten Anlaufpunkt durch mir unbekannte Straßen und Stadtviertel zu Fuß zurückzulegen. Und wie zu erwarten, sprangen mir auf den rund 3 Kilometern Wegstrecke gleich wieder reichlich neue typographische Fundstücke vor die Kameralinse.

Das erste war ein aus Kunststoff ausgeschnittenes, rundes Emblem, das in etwa 2 m Höhe an einem Brückenpfeiler angebracht war. Ich fand sowohl die Botschaft als auch die Umsetzung sehr ansprechend, weshalb ich das schon etwas ramponierte Objekt im unteren Bild digital noch einmal rekonstruiert habe.

Die Aufteilung des Wortes in vier einzelne Buchstaben auf einer geviertelten Fläche erinnerte mich ein wenig an das berühmte – ebenfalls typographische – Werk »LOVE« des Pop-Art-Künstlers Robert Indiana aus dem Jahr 1964.

Der/die Hamburger Künstler*in ist leider unbekannt und das Exponat hängt auch nicht in einem Museum. Doch manchmal findet man auch in einer Guerilla-Freiluftgalerie wie dieser durchaus sehenswerte Werke, finde ich. 🤓 🔠 💟


Update, 21.05.2026: Ein Leser wies mich darauf hin, dass das gleiche Motiv – wenngleich in anderer Farbigkeit – unter den Stickreferenzen eines Textilveredelungsunternehmens aus Kassel auftaucht. Die schwarzweiße Motivumsetzung, die mittels reverser Bildersuche ausfindig zu machen ist, trägt den Dateinamen crowns-for-street.png. Als ich dann wiederum nach »Crowns for Street« suchte, gelangte ich zum Instagram-Profil eines unter diesem Pseudonym hauptsächlich in Kassel tätigen Streetart-Künstlers. Sein rundes »Love-Logo« findet sich dort in allerlei Größen und Varianten wieder und ist im Straßenland der hessischen Großstadt ebenfalls in ähnlicher Größe und Platzierung wie das Exemplar in Hamburg anzutreffen. Nun kennen wir den Künstler! 🙂

»Geht man den Fußgängerweg an der Frankfurter Straße ein Stück entlang, sieht man von dort aus an der Seite der Brücke ein hellgraues Love-Logo von Crowns For Street. Mit diesem runden Markenzeichen, das der Kasseler Streetart-Künstler wie eine Art Schild zumeist an höher gelegenen Stellen anbringt, verbreitet er seine einfache, aber manchmal schwer in die Tat umzusetzende Botschaft: ›Love is the answer!‹ Neben den rund 50 Zentimeter großen Varianten begegnet man an den Laternen oder Wänden im Stadtraum auch immer wieder Abwandlungen dieses Logos, beispielsweise in Form der angekleb-
ten Kronkorken, die den ›Love‹-Schriftzug hinter einer Schicht von
Epoxidharz enthalten.«

Quelle: »Spaziergangsführer STREET-ART TO GO – Unterwegs zur Kunst in Kassels Straßen« (PDF) – via cdw-stiftung.de

18.05.2026

Als typographisches Montagsbonbon heute mal wieder ein Fundstück aus Trier. Auf dem Fußweg zum und vom Hauptbahnhof kam ich öfter an dem eingezäunten Grundstück des »Bischöflichen Generalvikariats Bistum Trier« vorbei. Schon bei meinen letzten Besuchen fiel mir durch die Gitterstäbe des Zaunes ein mannshohes eisernes A auf, das auf dem Innenhof zur Straße hin installiert war. Es ist von einer Rostschicht überzogen und wurde offensichtlich aus vielen kleinen eisernen Fragmenten, Platten, gestanzten Kleinteilen und Röhren zusammengefügt. Auf einigen der Einzelteile finden sich »aufgelötete« Signaturen mit Namen und Datumsangaben, z.B. »Medard Schule« oder »Pierre Fourier 10d Aug«. Es scheint also, als sei das Objekt eine kollaborative Arbeit, an der auch Bildungseinrichtungen und/oder Schüler beteiligt waren.

Erst jetzt aber, beim wiederholten Passieren des Areals, bemerkte ich eine Schrifttafel, die außen am Zaun angebracht war und nähere Details zu der Buchstabenskulptur offenbart. Augenscheinlich handelt es sich um eine dreidimensionale Umsetzung des Logos der sozialen Aktion »AKTION ARBEIT im Bistum Trier«:

Ich weiß nicht, ob die Aktion – über das sicherlich interessante Erlebnis der gemeinsamen handwerklichen Arbeit an der Skulptur hinaus – etwas bewirkt hat. Aber auch abseits seines kirchlichen Kontexts und der Intention dahinter ist das große A auf jeden Fall ein interessantes Monument. 🤓 🔠 🅰️

09.05.2026

Typographisches Fundstück zum Wochenende. Ohne große Worte – einfach, weil die Zeiten derzeit zu düster und das Leben generell zu kurz sind, um nicht dem Schönen, Wahren, Guten, so oft wie es irgend geht, mehr Raum zu bieten.

Lest es als Verb. Imperativ. 🤓 🔠 ♥️

»Das Wahre suchen und das Schöne lieben,
das Gute üben,
kein edler Ziel kann im Leben
ein Mensch erstreben,
kein reiner Glück kann auf Erden
der Seele werden.«

Karl von Gerok (1815–1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

18.03.2026

Weil hier bei mir gerade so viele neue Fundstücke aus Kopenhagen auflaufen, gibt’s heute mal ein Bonus-Posting außer der Reihe. Ein schriftlicher Hinweis an einem Hauseingang, der mit einer Art Rubbelbuchstaben auf Glasbausteinen aufgetragen worden zu sein scheint, denn wären die Buchstaben aufgemalt, hätte z. B. das E in der drittletzten Zeile nicht verrutschen können. Selbstklebende Folienbuchstaben können es eigentlich auch nicht sein, denn dafür sind die starken Abtragungen und Verwitterungen untypisch. Für die aufwendigste Möglichkeit – eine von Hand aufgemalte Beschriftung – sprechen die Formabweichungen, die man gut an den Doppelbuchstaben TT, kk, pp, MM, KK und PP beobachten kann. Vielleicht ist es auch eine Mischung verschiedener Beschriftungstechniken.

Die Schriftart ist aus meiner Sicht von der »Friz Quadrata« (Ernst Friz für Visual Graphics Corporation/ITC, 1966) inspiriert. Aber auch hier gibt es so viele Abweichungen in Details, dass eine individuelle Gestaltung der Zeichen wahrscheinlich scheint.

Der Hinweis auf Dänisch lautet: »Bude skal benytte køkkentreppen om hjørnet ↢ da ejendommens beboer ikke modtager varer ad hovedtrappen«. Auf Deutsch: »Lieferanten mögen/sollen die Küchentreppe um die Ecke benutzen ↢ da die Bewohner des Hauses keine Lieferungen über die Haupttreppe entgegennehmen«.

Und ich weiß jetzt, dass das dänische Wort »Bude« nichts – wie ich zunächst annahm – mit den Räumlichkeiten des Hauses zu tun hat. 🤓 🔠 😬

22.12.2025

Weihnachten steht vor der Tür – und deshalb ist das typographische Montagsbonbon heute nichts Gefundenes, sondern was Selbstgemachtes. Nur mit Farbflächen und Buchstaben erstellt und von Hand animiert.

Ob ich am Freitag dieser Woche, wie üblich, ein ausführlicheres Fundstück poste, entscheide ich spontan, je nach Muße, Lust und Laune. Bis dahin vielen Dank fürs Liken, Boosten und Kommentieren meiner Einträge hier, feiert schön, lasst Euch herzerwärmend beschenken, umgebt Euch mit lieben Menschen, genießt feine Speisen, Trank und Festlichkeit und habt eine schöne Zeit! 🤓 🔠🎄🎅

Verwendete Schriftarten: J am Bildrand: Adobe Handwriting (Frank Grießhammer/Ernest March/Tiffany de Sousa Wardle), H: American Typewriter (Joel Kaden/Tony Stan, ITC), V: Bauhaus 93 (URW Type Foundry), T: Birch (Kim Buker Chansler, Adobe), U: Custard (Rian Hughes, Device), S: Engravers MT (Robert Wiebking, Monotype), M: Giddyup (Laurie Szujewska, Adobe), Q: ITC Edwardian Script (Edward Benguiat), W: ITC Portago (Luis Siquot), O: Kestrel Script (Alan Meeks), o: Kino MT (Martin Dovey, Monotype), E: Latin Wide (URW Type Foundry), I: Lucida Blackletter (Charles Bigelow/Kris Holmes, Monotype), L am Bildrand: Matura (Imre Reiner, Monotype) und Z: Party (Carol Kemp, ITC).

20.10.2025

Wohl jeder hat im Hinblick auf zeitgenössische Konsumgepflogenheiten und Produktlebenszyklen schon mal die Begriffe »Upcycling« und »geplante Obsoles­­zenz« gehört. Letzteres bezieht sich zwar meist auf technische Geräte und bezeichnet deren vorprogrammierten Verschleiß, aber auch in der Modewelt ist dieses Prinzip schon länger anzutreffen:

»Ein weiteres frühes Beispiel für eine künstliche Veralterung ist die hauchdünne und extrem reißfeste Feinstrumpfhose aus dem damaligen Wundergewebe Nylon. DuPont brachte im Jahre 1940 die ersten Nylonstrümpfe auf den Markt. Als schließlich jede Frau Nylonstrümpfe ihr eigen nennen durfte, brachen die Umsätze rapide ein. Daher mussten die Entwickler eine noch dünnere Strumpfhose mit begrenzter Haltbarkeit konzipieren.«

Quelle: BSZ (Bayerische Staatszeitung)

Es stellt sich ohnehin die Frage, ob nicht Mode an sich ein Konzept ist, das die vorzeitige »Entsorgung« an sich noch tadelloser Kleidungsstücke forciert – denn wer, der es sich leisten kann, läuft schon gerne in einem einst trendgerechten Outfit aus dem letzten oder vorletzten Jahr umher, das inzwischen als überholt oder unmodern gilt? Nicht ohne Grund türmen sich auf katastrophal schadstoffbelasteten Müllhalden rund um den Globus groteske Mengen aus Fabrikationsresten und zu Müll deklarierten Klamotten unserer mehr als fragwürdigen Fast-Fashion-Kultur.

Das typographische Montagsbonbon von heute belegt, dass es schon vor Jahrzehnten Gewerbetreibende gab, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Lebenszeit von Kleidungsstücken zu verlängern und damit quasi »Upcycling« zu betreiben, noch ehe dieses Wort geboren wurde. Entdeckt habe ich es im November 2018 auf einer Städtereise nach Göttingen. Zur Gründung und dem geschäftlichen Schicksal des beworbenen Betriebes – von dem nur noch diese Beschilderung verblieben ist – konnte ich leider keine näheren Details ermitteln.

Das Schild ist definitiv von Hand gefertigt, was man aus seinem zu vermutenden Alter sowie den Abweichungen bei mehrfach vorkommenden Buchstaben schlussfolgern kann. Die oberen vier Zeilen mit dem Dienstleistungsangebot passen für mein Auge stimmig zu den letzten beiden Zeilen mit Name und Stockwerk des Ladenbesitzers. Wie so oft habe ich im Spektrum der aktuell käuflichen Schriften nach möglichst ähnlichen Vertretern gesucht. Meine Favoriten für die Schreibschrift sind die »Koozie Script« von Dathan Boardman und Conrad Garner (Good Gravy Type Co.) und die »Brillian Greek Condensed Light« von Dusko Joksimovic (Fontex). Bei der ersten sind z.B. das U, r und F ähnlicher, bei der zweiten das b und das e. Erste Wahl für die gebrochene Schrift unten ist die »Thannhaeuser Fraktur«, die bis auf das T ziemlich nah an die Vorlage herankommt (siehe unteres Bild). Insbesondere der Querbalken im M und das konkave rechte »Bein« des M sind hier besondere Formmerkmale.

Und während ich diesen Beitrag verfasse, bin ich noch einmal in den schönen und geschichtsträchtigen Städten Freiburg und Basel zu Gast und bin sicher, dass ich auch von dort wieder reichlich Motive zu meinem Herzensthema mitbringen werde. 🤓 🔠 🎩 👒

25.08.2025

Das typographische Montagsbonbon kommt heute wieder aus der Rubrik »Do-It-Yourself-Typographie« und ich erspähte es an einem Regionalbahnhof auf der Fahrt aus Brandenburg nach Hamburg. Toller Farbkontrast und eine dem Wetter folgende, lockende Botschaft. Da fallen die kleinen Kanten und Lücken in den Buchstaben gar nicht mehr so ins Gewicht … 😉 🤓 🔠 ☕ 🧊

04.08.2025

Das heutige typographische Montagsbonbon stammt aus meiner Schnappschuss-Ausbeute während eines Aufenthaltes in Stralsund im Juni diesen Jahres. Besonders gefiel mir an dem Schild die spürbar »loriot-eske« Formulierung »Für die Dame, für den Herren, für das Kind«. 😄 



Die Schriftart, in der die zweifarbigen Texte auf dem rustikalen Holzschild aufgebracht sind (vermutlich über Stempel oder Schablonen), mag dem Einen oder Anderen irgendwie bekannt vorkommen. Ihre Ursprünge liegen über 100 Jahre zurück und doch ist sie in all ihren Varianten bis heute eine beliebte Wahl, vor allem für Anwendungen mit leicht nostalgischem, historischen oder traditionsbehaftetem Kontext wie Tabakwaren, Flohmärkte, Trödelläden, Spirituosen, Museen, Antiquitäten o.ä.



Die »Originalversion« der Schrift mit dem Namen »Bernhard Antiqua Schmalfette« wurde vom Schriftgestalter Lucian Bernhard 1911/12 als einer von mehreren Schriftschnitten der »Bernhard Antiqua« für die deutsche Schriftgiesserei Flinsch entworfen, welche 1916 vom Konkurrenten Bauer aufgekauft wurde. In den folgenden Jahrzehnten entstehen – auch unter verschiedenen Namen wie Bernhard Antique, Bernhard Bold Condensed oder Bernard Condensed (mit und ohne h) und von mehreren Schriftenhäusern, u.a. Elsner+Flake, Letraset, Linotype/Adobe/Monotype, Scangraphic oder URW – zahlreiche Neuschnitte und Varianten dieser Schriftart, die jedoch alle deren Ursprung in den organischen Formen des Jugendstils wahren. Sie eignet sich aufgrund ihrer Schlankheit und Eigenständigkeit gut für den großformatigen Einsatz auf eng begrenzten Gestaltungsflächen, wie Album-/Buchcover, Werbeplakate oder eben Firmenschilder.



Unter dem Namen Bernard MT ist die Variante, die auch für das fotografierte Schild genutzt wurde, seit 1993 im lizenzierten Schriften-Set des Microsoft Office Pakets enthalten. Sie unterscheidet sich vom Original vornehmlich durch ihre deutlich weniger gerundeten Formen und eckigeren Serifen. Was noch auffällt, ist, dass einige der Großbuchstaben am Wortanfang von den Urheber*innen des Schildes »zu groß« angelegt sind (bei »Für« z.B. ist die Versalhöhe korrekt, bei »Dame«/»Herren«/»Kind« deutlich erhöht). Nennen wir es künstlerische Freiheit … 😉 🤓 🔠 



Kurzportrait von Lucian Bernhard (PDF) beim Klingspor-Museum: 


➡️ https://www.klingspor-museum.de/KlingsporKuenstler/Schriftdesigner/Bernhard/LucianBernhard.pdf

Anwendungsbeispiele der Schrift auf der Website »Fonts In Use«:
➡️ https://fontsinuse.com/typefaces/42235/bernhard-antique

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