verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Do It Yourself (Seite 1 von 4)

Wenn weder Drucker noch Computer zur Hand sind, müssen Textschaffende zur Selbsthilfe greifen. Dann entstehen mit allerlei Hilfsmitteln ungenormte, kreative Ergebnisse, denen man ihren manuellen Ursprung ansehen kann.

03.07.2026

Content-Hinweis: Im nachfolgenden Beitrag geht es um die Schriftanwendung bei der Kennzeichnung historischer anatomischer Präparate von Menschen und Tieren in einem medizinischen Museum. Daher kommen zur Bebilderung auch Fotos solcher Exponate zum Einsatz.

Der Anstoß zu dem heutigen Beitrag liegt tatsächlich schon mehr als einen Monat zurück. In dieses Thema konnte ich mich mal wieder so richtig hineingraben, habe sehr viel recherchiert, Korrespondenz geführt, Links zusammengesucht und auch wieder selbst jede Menge gelernt. Damit der Text trotz seiner Länge etwas lesefreundlicher wird, habe ich ihn versuchsweise mit Zwischenüberschriften in Teilabschnitte untergliedert.

Der Ausgangspunkt

Als großer Freund aller Wissenschaften schaute ich kürzlich aus der arte-Mediathek die sehr sehenswerte, anderthalbstündige Dokumentation »Auf Messers Schneide – Eine Geschichte der Chirurgie« (dort noch verfügbar bis zum 26.11.2026). Darin geht es um die Entwicklung des Verständnisses der Anatomie, der Funktionen der Organe, des Blutkreislaufs, des Schmerzempfindens und um die Erfindung der Anästhesie, um Infektionsschutz und generell um den Wandel medizinischer chirurgischer Eingriffe vom unerfahrenen »Herumprobieren« hin zu einer methodisch betriebenen Wissenschaft.

Bei den Zeitmarken 00:35:15 und 00:37:54 wurde ein britischer Pionier des anatomischen und chirurgischen Erkenntnisgewinns vorgestellt, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte: John Hunter (1728–1793). Zu seinem Leben und Wirken, seiner Karriere und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Medizin habe ich am Ende des Artikels einen gesonderten Abschnitt aufbereitet. Auch Hunters älterer Bruder William hatte maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Medizinergenerationen. So gründete er etwa 1746 die erste Schule für Anatomie in England.

»William Hunters Schule für Anatomie läutete eine neue Ära in der Ausbildung von Medizinern in England ein. Erstmals konnten angehende Ärzte sich ihr anatomisches Wissen nicht nur in der Theorie aneignen, sondern auch aus eigener Anschauung und Praxis. Neben Vorlesungen bestand der Unterricht aus anatomischen Übungen, für die William Hunter jedem Studenten einen eigenen Leichnam als Studienobjekt zusicherte.«

Quelle: Wikipedia – »John Hunter (Mediziner)«

Als Assistent seines Bruders in dieser Schule erwies sich John als ein hervorragender Präparator. Bald begann er mit dem eigenen Aufbau einer Sammlung biologischer, anatomischer und pathologischer Präparate.

»Wann immer ihm bei einer Sektion Besonderheiten auffielen, fertigte Hunter Präparate an, die er in seinem Haus in London sammelte. Auf diese Weise kam über die Jahre hinweg eine beträchtliche Sammlung zusammen, die von Walknochen, dem Fell einer Giraffe und einem ausgestopften Känguru über zahlreiche tierische und menschliche Feuchtpräparate bis hin zu Anomalien wie den Gehirnen eines Kalbs mit zwei Köpfen oder dem Körper eines ungeborenen Kindes mit offenem Rücken reichte.«

Quelle: Wikipedia – »John Hunter (Mediziner)«

Bis zu seinem Tode wuchs diese Sammlung auf schätzungsweise 14.000 Präparate an. Nach Hunters Tod wurde sie 1799 von der britischen Regierung angekauft und der »Company of Surgeons« anvertraut, aus der später das »Royal College of Surgeons of England« hervorging. Sein Nachlass wurde zum Grundstock des Hunterian Museum. Während des Zweiten Weltkriegs erlitt die Sammlung schwere Verluste. Durch eine Brandbombe, die im Mai 1941 das Gebäude des Royal College of Surgeons direkt traf, wurden zwei Drittel der Museumssammlungen zerstört. Dennoch blieben ca. 3.500 der Originalpräparate erhalten. Auch heute noch stellt dieser Bestand eine der bedeutendsten historischen medizinischen Sammlungen der Welt dar.

Die Fundstücke

In der arte-Doku blieb mein buchstabenaffines Auge natürlich gleich an den wunderschönen historischen Etiketten hängen, mit denen die Glasgefäße der Präparate einst von Hand beschriftet wurden. Wie auch auf dem Foto unten gut zu erkennen ist, gibt es ältere (handgefertigte) und neuere (vermutlich mithilfe eines modernen Etikettendruckers erstellte) Labels. Die neueren sollen uns hier und heute nicht interessieren, sie sind wechselnd mit fetten Schnitten der beiden Schriften »Futura« oder »Helvetica« (oder für Thermoprinter erstellten Lookalikes) angelegt und kommen vermutlich bei der – nicht unaufwendigen – periodisch erforderlichen Umbettung und Neukonservierung der Präparate zum Einsatz. Zu diesem Vorgang gibt es übrigens auch ein interessantes Video des Museums. Überhaupt kann ich dessen Website sowie den unterhaltsamen und wissenswerten Content auf den museumseigenen Social-Media-Kanälen (bei Facebook, Instagram und Bluesky) sehr empfehlen.

Die Kuratorin des Museums, bei der ich die Erlaubnis erbat und bekam, einige Fotos der original beschrifteten Exponate hier im Blog abzubilden, schrieb mir dazu:

»I think it is unlikely that any of the numbers date back to Hunters time, as they were often renumbered and reorganised after his death.«

Alice Watkinson-Deane, Curator (Collections & Digital Interpretation), Hunterian Museum

Die Schrift

Ich habe zahlreiche Abbildungen im Internet durchgesehen und versucht, daraus einen möglichst vollständigen Zeichensatz zu extrahieren, um ihn hier abbilden zu können.

Dabei fiel mir auf, dass sich auch innerhalb des Schriftbildes der Original-Etiketten Unterschiede finden. Im Foto oben sieht man das etwa am kleinen 𝐚. Beim Präparat »Limax« (links, Nr. 787/788) hat der Stamm eine deutliche Neigung nach links. Auf dem vorderen »Rana«-Etikett (Nr. 800) steht er hingegen eher aufrecht. Bei solchen Varianten ein und desselben Buchstabens habe ich mich bei meiner Übersicht jeweils für diejenige entschieden, von der ich im Netz die deutlichste Bilddatei auffinden konnte.

Betrachten wir die wunderschöne Schrift mit ihren sehr ausgeprägten Oberlängen, den zumeist deutlich kürzeren Unterlängen und vielen charmanten Formdetails, wie z.B: den dynamischen Serifen am 𝐬 und dem kleinen Fähnchen am 𝐭, noch einmal »in situ« auf den alten Glasgefäßen:

Ohne Einblick in die Archive und Aufzeichnungen des Museums oder anderer, nicht online einsehbarer Quellen kann ich nicht sagen, ob es unter den mehreren tausend Gefäßen nicht doch noch welche gibt, die zu Lebzeiten John Hunters beschriftet wurden und bei denen die Etiketten die Jahrhunderte überdauert haben. Aber sucht man im Internet beispielsweise nach historischen und ebenfalls von Hand beschrifteten Apothekengefäßen aus jener Zeit, fallen durchaus Ähnlichkeiten ins Auge, allen voran das nach links weisende »Fähnchen« an der Spitze des 𝐭.

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Hier noch einige weitere Beispielabbildungen solcher Gefäße. Hier fällt neben einem erneut ähnlich gezeichneten 𝐭 auf, dass auf dem ersten und dritten Gefäß die Buchstaben eine ähnliche Linksneigung haben wie auf einigen Gefäßen der Hunterian Collection.

»FENICV.« = feniculum (Fenchel), ca. 1700; »Bolus Armenica« (aluminiumsilikathaltige Heilerde, Blutstiller); »Cortex Cinnamomum« (Zimtrinde); »R. Nardi Yndicae« (Radice Nardus Indica, Wurzel einer Heil- und Aromapflanze), letztgenannte drei aus dem 18. Jahrhundert | Quelle: Smithsonian Institution/American History Museum | Public Domain

Einige der Charakteristika im Schriftbild der historischen Etiketten finden sich allerdings nicht nur bei Buchstaben aus dem 18. Jahrhundert, sondern bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Eine insgesamt ähnliche Anmutung hat etwa die Schriftart »Lucian« (Lucian Bernhard für die Bauersche Gießerei, 1928/1930). Auch sie hat sehr ausgeprägte Oberlängen, weniger ausladende Unterlängen, einen großen Strichstärkenkontrast und gedrungen wirkende Kleinbuchstaben. Selbst Details bei einigen Zeichen (𝐜 und 𝐱) ähneln einander. Nur die etwas exzentrischen »Zipfel« an 𝐬 und 𝐭 bleiben eine Eigenart der handgezeichneten Etiketten.

Es bleibt also erst einmal offen, aus welcher Zeit genau – zwischen dem 18. und frühen 20. Jahrhundert – die ältesten erhaltenen Beschriftungen auf den Exponaten stammen.

Zum Schluss habe ich einmal in einer digitalen Skizze einige Buchstaben neu gezeichnet nachempfunden, die für mich die Anmutung der Etikettenschrift sozusagen als »Konzentrat« einfangen. Anscheinend hat noch kein professioneller Schriftgestalter (ich selbst bin leider »nur« ein schriftvernarrter Grafik-Designer) versucht, eine vollständige Schrift auf Basis dieser Etiketten zu erstellen. Die Kopenhagener Designagentur Kontrapunkt hat zwar im Jahr 2004 für den Verband Dänischer Apotheker eine wunderschöne exklusive Schriftart namens »Apotek« gestaltet, die an den Fassaden und auf Produkten vieler dänischer Apotheken genutzt wird. Aber die formalen Inspirationen zu dieser Schrift sind jünger und knüpfen laut einem Beitrag zum 20jährigen Jubiläum des Designs neben der Typografie alter Apothekengläser auch an Schriften aus der Bauhaus-Zeit der 1930er Jahre an.

Zum Schluss hänge ich noch einige weiterführende Links an für Leser*innen, die mehr über John Hunter lesen möchten sowie einen ausklappbaren Contentblock mit einer Zusammenfassung seiner Biographie. Ich selbst werde bei der nächsten Reise, die mich nach London führt, auf jeden Fall mindestens einen halben Tag in diesem famosen Museum einplanen! 🤓 🔠 🫀

John Hunter – Leben und Werk


Weiterführende Links

29.06.2026

Montagsbonbon-Fundstück aus dem heimischen Bücherregal: Eine alte Semesterarbeit im Fach Typographie. Jeder Student dieses Kurses in meinem Studiengang Kommunikationsgestaltung war seinerzeit gefordert, ein Kompendium mit dem Grundwissen zu Schriftanwendung und ‑klassifizierung zu verfassen und zu gestalten.

Die DTP-Datei in meinem Archiv ist datiert auf den 26. Juni 1991, also fast auf den Tag genau 35 Jahre alt. Ich war zwar noch mitten im Studium, arbeitete jedoch nebenher bereits als »Freier« bei einer lokalen Werbeagentur und hatte dort nach Feierabend und am Wochenende freien Zugang und durfte das damals topmoderne Equipment für meine Semesterarbeiten nutzen: Macintosh IIfx, Laserdrucker, farbkalibrierte Röhrenmonitore. InDesign gab es noch nicht, aber PageMaker und QuarkXPress eroberten gerade die DTP-Arbeitsplätze. Zu dieser Zeit war es noch nicht gefordert und daher weniger üblich, Dateien mit einer Endung zu versehen, weshalb ich heute nicht mehr rekonstruieren kann, mit welcher Software ich die Textseiten layoutet habe. Ich meine mich zu erinnern, dass (noch) keins der zuvor genannten zum Einsatz kam, sondern ein »Außenseiter-Programm«, das aber vergleichbare Funktionalitäten besaß – eventuell DesignStudio von Letraset. Den Schriftzug »TYPOGRAPHY« hatte ich eigens für das Cover mit mit Aldus FreeHand 2 entworfen. Beide Dateien vermag ich inzwischen mit meinen aktuellen Apps auf dem Mac weder zu öffnen noch in ein aktuell lesbares Format zu konvertieren. 😅

In puncto Design waren zu dieser Zeit die Arbeiten von Duffy Design und den dort verantwortlichen Gestaltern Joe Duffy und Charles Spencer Anderson der angesagteste Trend: Craftpapier, Retro-Ästhetik, gebrochene Farben und das Druckbild stark vergrößerter, kolorierter historischer Strichzeichnungs-Bildmotive. Und so ließ auch ich mich bei der Umschlaggestaltung meines Handbuchs sehr deutlich davon inspirieren.

Ich mag den Look immer noch. 🤓 🔠 💾

10.06.2026

Kleiner Typo-Schnappschuss zwischendurch, geknipst in Regensburg:
»EINFAHRT freihalten!« – handgemalt und mit einem etwas zu schlanken H.

Ich mag es trotzdem, wenn Menschen, die ein Gebots-, Verbots- oder Hinweisschild aufhängen, sich die Mühe machen, es selbst zu gestalten, anstatt einfach ein käufliches Standardschild zu benutzen. 🤓 🔠 🪧

01.06.2026

Als ich über Pfingsten in Regensburg war, fand wie oft, gerade auf der Festwiese die »Dult« statt. Anderswo heißt es Kirmes, Rummel, Jahrmarkt, Kirchweih oder Volksfest – eine Mischung aus Wochenmarkt und Vergnügungspark, mit Festzelten, Fahrgeschäften, Schlemmerbuden und Marktständen.

»Das Wort Dult stammt aus dem Gotischen und bedeutet so viel wie ›ausgelassenes Fest‹. Ursprünglich bezeichnete es ein Kirchenfest, das zu Ehren eines Heiligen gefeiert wurde. In Regensburg richteten sich die Marktzeiten nach den Wallfahrten zu den Gräbern der Heiligen Erhard und Emmeram sowie nach Kirchweihfesten. Rund um diese Feiern entstanden Marktstände, an denen Waren aller Art angeboten wurden. (…)
1389 erhielt Stadtamhof vom bayerischen Herzog das Privileg, einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte abzuhalten. Diese Genehmigung war eine Wiederaufbauhilfe nach den schweren Zerstörungen des Städtekriegs. Damit war der Grundstein für die Tradition gelegt, die bis heute Bestand hat.
(…)
Um 1800 hatten sich zwei feste Dult-Termine im Frühjahr und Herbst etabliert.«

Quelle: regensburger-dulten.com

Ich nutzte die Gelegenheit und schlenderte eine Stunde lang über den Festplatz. Seit jeher sind die oft selbst beschrifteten und bemalten Stände und Fahrgeschäfte für mich auch eine Fundgrube für kreative und ausgefallene Typographie. Für heute habe ich aus Regensburg einen dynamischen Schriftzug an einem Süßwarenstand ausgewählt.

Zur besseren Ansicht hier noch einmal mit gedämpftem Hintergrund:

Gewiss, der Schritzug ist nicht wirklich ausgewogen – die Strichstärken, Innenräume und Neigungswinkel der Buchstaben tanzen teilweise deutlich aus der Reihe. Aber ich mochte die zackige, leicht nostalgische Anmutung und den Namen, der sich davon ableitet, dass sich der Stand in Form einer Dampflokomotive präsentiert. Irgendwie musste ich bei dem Gesamtbild an die Donald-Duck-Comicgeschichten aus den »Lustigen Taschenbüchern« denken.

Und wer weiß, bestimmt gibt es ja auch in Entenhausen eine Dult …
🤓 🔠 🎡 🍭

22.05.2026

Zurück nach Barcelona. Wieder habe ich aus dem aktuellen Fundus ein Vierer-Potpourri kreativer Ladenbeschriftungen zusammengestellt, die ich überschaubar kommentiert zur Ansicht bringen möchte. Allen vier ist wieder ein besonderer »Do-it-yourself«-Charme eigen, der mich dazu bewog, sie zu fotografieren. Und auch, wenn aus grafischer Sicht durchaus nicht alles daran perfekt umgesetzt ist, so verdienen sie doch aus meiner Sicht eine wohlwollende Würdigung des Ideenreichtums ihrer Urheber*innen …

Der erste Schriftzug fand sich an der Fassade eines Restaurants nahe der Altstadtpromenade La Rambla, das laut Speisekarte orientalisch-spanische »Fusion-Tapas« kredenzt. Auf der Markise ist der Name unspektakulär in grünen Versalien in der vom Jugendstil inspirierten Schrift »ITC Benguiat« (Ed Benguiat für ITC, 1977) aufgebracht. Darunter findet sich aber auch noch ein interessanter Versuch, den Namen im Duktus arabischer Schrift umzusetzen und trotzdem für nichtarabische Betrachter*innen lesbar zu halten. Ich nahm zuerst an, »Narin« sei der Name einer Stadt oder Region im arabischen Kulturkreis, aber meine Suche erbrachte stattdessen das Ergebnis, dass es sich um einen Vornamen handelt.

»Der Name Narin ist ein geschlechtsneutraler Vorname, der besonders in der kurdischen und türkischen Kultur vorkommt. Er bedeutet im Kurdischen so viel wie ›fein‹, ›zart‹ oder ›anmutig‹. Im Türkischen kann er auch als ›hell‹, ›leuchtend‹ oder ›Feuer‹ interpretiert werden.«

Quelle: Wisdom Library – »Bedeutung des Namens Narin«

Motiv Nr. 2 entdeckte ich an einem Laden, der für sein Gewerbe wirbt mit den Worten »Verkauf und Anbringung von Farben und Tapeten«. Der Schriftzug ist für mein Empfinden alles andere als ausgewogen – der i-Punkt zu groß, das a zu hoch, die Strichstärken uneinheitlich. Das g und seine Verbindung zum abschließenden l lese ich als Analogie für eine Tapetenbahn, die sich links von einer Rolle nach rechts abwickelt (und rechts an einer Wand haftet?). Aber irgendwie war mir diese wilde Mischung trotzdem einen Schnappschuss wert. Darunter übrigens in goldenen Lettern auf dem Schaufenster der gleiche Name in einer populären Jugendstil-Schriftart (schon wieder): »Arnold Böcklin« (Otto Weisert/Linotype, 1904).

»iocs i regals« – Spiele und Geschenke – nennt sich der Laden hinter dem Schriftensemble Nummer 3. Auch hier spielt sich die Typographie wieder auf zwei Ebenen ab: oben geometrische Buchstabenformen, die an streng konstruktivistische Schriftarten wie z.B. »ITC Bauhaus« erinnern, die 1975 von Ed Benguiat und Vic Caruso (Photo-Lettering, Inc.) für ITC gezeichnet wurde. Sie wiederum basiert auf dem 50 Jahre zuvor entstandenen expreimentellen Entwurf der Schrift »Universal« des Bauhaus-Professors Herbert Bayer. Weitere verwandte Schriften sind »Blippo Black« (Joe Taylor/Robert Trogman für Bitstream, 1969) und »Pump Bold« (Bob Newman/Philip Kelly für Linotype/ITC, 1970).

Auch die Schriftart auf der Markisenkante darunter weist interessante Details auf, insbesondere die Idee, Buchstaben nach Möglichkeit – hier bei P, T, E und R – oben mit einem Bogen abzuschließen. Bei U und I klappt das dann schon nicht mehr ganz so gut und das J sowie die 2 fallen dann komplett aus dem Konzept. Eine kommerzielle Schriftart, die diese Idee konsequenter aufgegriffen hat, ist etwa die »Fonquero« von Arwan Sutanto (2014).

Das vierte und letzte Motiv ist für mein Empfinden handwerklich bzw. gestalterisch am gelungensten umgesetzt. Das Wort »ferreteria« bezeichnet auf Katalanisch ein Eisenwarengeschäft, was auch der Text »Alles für den Heimwerker – Sanitärartikel, Beleuchtung, Haushaltswaren« in der Schriftart »Eras« (Albert Boton/Albert Hollenstein für ITC, 1976) über dem Schaufenster bestätigt.

Die nur mit geraden Linien konstruierten Buchstaben in den beiden großen Textzeilen halte ich für individuell gestaltete Schriftzüge. Obgleich die erste Zeile der Schrift »Acton One« von Rian Hughes (Device Fonts, 1994) verblüffend ähnlich sieht, gibt es doch Unterschiede im Detail. Für die zweite Zeile gilt dasselbe – es gibt etliche zum Verwechseln ähnliche Schriften, am nächsten kommt dem Schriftzug die »Motordrome One« (Gustavo Piqueira für T-26, 2006), aber auch hier sind – z.B. beim v – Abweichungen zu sehen.

Beide Zeilen passen perfekt zum bauhandwerklichen Sortiment des Ladengeschäfts und ziehen mit ihrem markanten Signalgelb (u.a. auch eine bevorzugte Farbe bei Baggern und Baufahrzeugen, z.B. bei den Marken Caterpillar, Komatsu oder John Deere) die Blicke auf sich.

Gut gelöst! 🤓 🔠 🛠️

20.05.2026

Zwischendurch springen wir heute zur Abwechslung nach Hamburg. Nach einem dienstlichen Termin in der Nähe des Hamburger Fischmarkts nutzte ich vor einigen Tagen die Gelegenheit, den Weg von dort aus zu meinem nächsten Anlaufpunkt durch mir unbekannte Straßen und Stadtviertel zu Fuß zurückzulegen. Und wie zu erwarten, sprangen mir auf den rund 3 Kilometern Wegstrecke gleich wieder reichlich neue typographische Fundstücke vor die Kameralinse.

Das erste war ein aus Kunststoff ausgeschnittenes, rundes Emblem, das in etwa 2 m Höhe an einem Brückenpfeiler angebracht war. Ich fand sowohl die Botschaft als auch die Umsetzung sehr ansprechend, weshalb ich das schon etwas ramponierte Objekt im unteren Bild digital noch einmal rekonstruiert habe.

Die Aufteilung des Wortes in vier einzelne Buchstaben auf einer geviertelten Fläche erinnerte mich ein wenig an das berühmte – ebenfalls typographische – Werk »LOVE« des Pop-Art-Künstlers Robert Indiana aus dem Jahr 1964.

Der/die Hamburger Künstler*in ist leider unbekannt und das Exponat hängt auch nicht in einem Museum. Doch manchmal findet man auch in einer Guerilla-Freiluftgalerie wie dieser durchaus sehenswerte Werke, finde ich. 🤓 🔠 💟


Update, 21.05.2026: Ein Leser wies mich darauf hin, dass das gleiche Motiv – wenngleich in anderer Farbigkeit – unter den Stickreferenzen eines Textilveredelungsunternehmens aus Kassel auftaucht. Die schwarzweiße Motivumsetzung, die mittels reverser Bildersuche ausfindig zu machen ist, trägt den Dateinamen crowns-for-street.png. Als ich dann wiederum nach »Crowns for Street« suchte, gelangte ich zum Instagram-Profil eines unter diesem Pseudonym hauptsächlich in Kassel tätigen Streetart-Künstlers. Sein rundes »Love-Logo« findet sich dort in allerlei Größen und Varianten wieder und ist im Straßenland der hessischen Großstadt ebenfalls in ähnlicher Größe und Platzierung wie das Exemplar in Hamburg anzutreffen. Nun kennen wir den Künstler! 🙂

»Geht man den Fußgängerweg an der Frankfurter Straße ein Stück entlang, sieht man von dort aus an der Seite der Brücke ein hellgraues Love-Logo von Crowns For Street. Mit diesem runden Markenzeichen, das der Kasseler Streetart-Künstler wie eine Art Schild zumeist an höher gelegenen Stellen anbringt, verbreitet er seine einfache, aber manchmal schwer in die Tat umzusetzende Botschaft: ›Love is the answer!‹ Neben den rund 50 Zentimeter großen Varianten begegnet man an den Laternen oder Wänden im Stadtraum auch immer wieder Abwandlungen dieses Logos, beispielsweise in Form der angekleb-
ten Kronkorken, die den ›Love‹-Schriftzug hinter einer Schicht von
Epoxidharz enthalten.«

Quelle: »Spaziergangsführer STREET-ART TO GO – Unterwegs zur Kunst in Kassels Straßen« (PDF) – via cdw-stiftung.de

18.05.2026

Als typographisches Montagsbonbon heute mal wieder ein Fundstück aus Trier. Auf dem Fußweg zum und vom Hauptbahnhof kam ich öfter an dem eingezäunten Grundstück des »Bischöflichen Generalvikariats Bistum Trier« vorbei. Schon bei meinen letzten Besuchen fiel mir durch die Gitterstäbe des Zaunes ein mannshohes eisernes A auf, das auf dem Innenhof zur Straße hin installiert war. Es ist von einer Rostschicht überzogen und wurde offensichtlich aus vielen kleinen eisernen Fragmenten, Platten, gestanzten Kleinteilen und Röhren zusammengefügt. Auf einigen der Einzelteile finden sich »aufgelötete« Signaturen mit Namen und Datumsangaben, z.B. »Medard Schule« oder »Pierre Fourier 10d Aug«. Es scheint also, als sei das Objekt eine kollaborative Arbeit, an der auch Bildungseinrichtungen und/oder Schüler beteiligt waren.

Erst jetzt aber, beim wiederholten Passieren des Areals, bemerkte ich eine Schrifttafel, die außen am Zaun angebracht war und nähere Details zu der Buchstabenskulptur offenbart. Augenscheinlich handelt es sich um eine dreidimensionale Umsetzung des Logos der sozialen Aktion »AKTION ARBEIT im Bistum Trier«:

Ich weiß nicht, ob die Aktion – über das sicherlich interessante Erlebnis der gemeinsamen handwerklichen Arbeit an der Skulptur hinaus – etwas bewirkt hat. Aber auch abseits seines kirchlichen Kontexts und der Intention dahinter ist das große A auf jeden Fall ein interessantes Monument. 🤓 🔠 🅰️

09.05.2026

Typographisches Fundstück zum Wochenende. Ohne große Worte – einfach, weil die Zeiten derzeit zu düster und das Leben generell zu kurz sind, um nicht dem Schönen, Wahren, Guten, so oft wie es irgend geht, mehr Raum zu bieten.

Lest es als Verb. Imperativ. 🤓 🔠 ♥️

»Das Wahre suchen und das Schöne lieben,
das Gute üben,
kein edler Ziel kann im Leben
ein Mensch erstreben,
kein reiner Glück kann auf Erden
der Seele werden.«

Karl von Gerok (1815–1890), deutscher evangelischer Theologe und Kirchenliederdichter

18.03.2026

Weil hier bei mir gerade so viele neue Fundstücke aus Kopenhagen auflaufen, gibt’s heute mal ein Bonus-Posting außer der Reihe. Ein schriftlicher Hinweis an einem Hauseingang, der mit einer Art Rubbelbuchstaben auf Glasbausteinen aufgetragen worden zu sein scheint, denn wären die Buchstaben aufgemalt, hätte z. B. das E in der drittletzten Zeile nicht verrutschen können. Selbstklebende Folienbuchstaben können es eigentlich auch nicht sein, denn dafür sind die starken Abtragungen und Verwitterungen untypisch. Für die aufwendigste Möglichkeit – eine von Hand aufgemalte Beschriftung – sprechen die Formabweichungen, die man gut an den Doppelbuchstaben TT, kk, pp, MM, KK und PP beobachten kann. Vielleicht ist es auch eine Mischung verschiedener Beschriftungstechniken.

Die Schriftart ist aus meiner Sicht von der »Friz Quadrata« (Ernst Friz für Visual Graphics Corporation/ITC, 1966) inspiriert. Aber auch hier gibt es so viele Abweichungen in Details, dass eine individuelle Gestaltung der Zeichen wahrscheinlich scheint.

Der Hinweis auf Dänisch lautet: »Bude skal benytte køkkentreppen om hjørnet ↢ da ejendommens beboer ikke modtager varer ad hovedtrappen«. Auf Deutsch: »Lieferanten mögen/sollen die Küchentreppe um die Ecke benutzen ↢ da die Bewohner des Hauses keine Lieferungen über die Haupttreppe entgegennehmen«.

Und ich weiß jetzt, dass das dänische Wort »Bude« nichts – wie ich zunächst annahm – mit den Räumlichkeiten des Hauses zu tun hat. 🤓 🔠 😬

22.12.2025

Weihnachten steht vor der Tür – und deshalb ist das typographische Montagsbonbon heute nichts Gefundenes, sondern was Selbstgemachtes. Nur mit Farbflächen und Buchstaben erstellt und von Hand animiert.

Ob ich am Freitag dieser Woche, wie üblich, ein ausführlicheres Fundstück poste, entscheide ich spontan, je nach Muße, Lust und Laune. Bis dahin vielen Dank fürs Liken, Boosten und Kommentieren meiner Einträge hier, feiert schön, lasst Euch herzerwärmend beschenken, umgebt Euch mit lieben Menschen, genießt feine Speisen, Trank und Festlichkeit und habt eine schöne Zeit! 🤓 🔠🎄🎅

Verwendete Schriftarten: J am Bildrand: Adobe Handwriting (Frank Grießhammer/Ernest March/Tiffany de Sousa Wardle), H: American Typewriter (Joel Kaden/Tony Stan, ITC), V: Bauhaus 93 (URW Type Foundry), T: Birch (Kim Buker Chansler, Adobe), U: Custard (Rian Hughes, Device), S: Engravers MT (Robert Wiebking, Monotype), M: Giddyup (Laurie Szujewska, Adobe), Q: ITC Edwardian Script (Edward Benguiat), W: ITC Portago (Luis Siquot), O: Kestrel Script (Alan Meeks), o: Kino MT (Martin Dovey, Monotype), E: Latin Wide (URW Type Foundry), I: Lucida Blackletter (Charles Bigelow/Kris Holmes, Monotype), L am Bildrand: Matura (Imre Reiner, Monotype) und Z: Party (Carol Kemp, ITC).

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