verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Schriftgestaltung (Seite 1 von 3)

Wie viel Arbeit, Ideen, Liebe zum Detail, Kreativität und handwerkliches Können in einer professionell gestalteten Schrift stecken, wird beim Lesen oft übersehen. Diese Rubrik setzt die Lupe an und lenkt das Augenmerk darauf.

31.08.2026

Als Montagsbonbon zeige ich heute einen »Regelbruch« der gekonnteren Art. Wenn es um die Auszeichnung bei Texten in Frakturschrift geht – also das optische Hervorheben einzelner Wortteile, Wörter, Satzteile oder Sätze – sind die Möglichkeiten ohnehin eingeschränkt, da gebrochene Schriften zum Beispiel fast nie über kursive Schnitte verfügen. Vom Unterstreichen von Text ist typographisch (nicht nur bei Texten in Fraktur) ebenfalls eher abzuraten, denn automatische Funktionen in Textverarbeitungsprogrammen setzen die Linie oft zu nah unter die Grundlinie, durchkreuzen Unterlängen (wie etwa bei g, j, p, q, y) und stören insgesamt den Lesefluss, auch wenn sie grafisch einfühlsamer platziert und gestaltet sind. Bei online veröffentlichten Texten kommt hinzu, dass Unterstreichungen fast immer für anklickbare Links stehen und ein »funktionsloser« unterstrichener Text somit für Irritationen bei den User*innen sorgen kann. Eine vertretbare Möglichkeit besteht in der Nutzung eines fetten Schriftschnittes für die auszuzeichnenden Textteile. Sollte die gewählte Type keinen fetten Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie beinhalten, war es durchaus üblich, eine zweite fette Schriftart hinzuzuziehen, wie es in dem Werbemotiv vom vergangenen Freitag der Fall war, wo die leichtere »Hupp-Fraktur« mit der »Fetten Mainzer Fraktur« kombiniert wurde.

Unbehagen unter Typographen löst gemeinhin die durchgängige Großschreibung (Versalsatz) zur Textauszeichnung aus. Bereits bei Nicht-Frakturschriften sind solche Passagen schwerer lesbar und stören HARMONIE UND FLUSS des Textes, da sie deutlich größer und schwerer als Kleinbuchstaben wirken. Abhilfe schaffen kann hier (bedingt) die Verwendung sogenannter Kapitälchen, im Idealfall mithilfe eigens gestalteter (nicht rein algorithmisch skalierter!) Großbuchstaben in zwei verschiedenen Größen – eine für die orthographisch korrekt groß geschriebenen Anfangsbuchstaben und eine für die Kleinbuchstaben. Weil aber im Versalsatz immer die typischen Konturen und die Unter- und Oberlängen kleiner Buchstaben zur Orientierung des Auges fehlen, sind Versaltexte generell schwerer lesbar. Und last not least werden in Großbuchstaben gesetzte Texte als »laut« oder »geschrien« empfunden, wie ein leider allzu bekannter, launenhafter Weltmachtpräsident auf seinem hauseigenen Social-Media-Kanal nicht müde wird, zu demonstrieren. Am augenquälendsten jedoch wirkt ausschließlich in Versalien gesetzter Text bei den oft stark verzierten SCHREIBSCHRIFTEN und 𝔉ℜ𝔄𝔎𝔗𝔘ℜ𝔖ℭℌℜℑ𝔉𝔗𝔈𝔑.

»Ein ausschließliche Versalschrift verbietet sich generell bei den gebrochenen Schriften, da sie im Zusammenspiel mit den Minuskeln geschaffen wurden und nur mit diesen zusammen ein harmonisches Schriftbild ergeben.«

Quelle: typographie.info – »Gebrochene Schrift«

»Bei der Schriftgattung der Gebrochenen Schriften, z.B. bei der Fraktur, ist Majuskelsatz nahezu unlesbar. Deshalb vertraten renommierte Typografen und Lehrer (…) die Auffassung, dass ›Versalsatz in Gebrochenen Schriften grundsätzlich bei guter Typografie ausgeschlossen werden muss‹.«

Quelle: typolexikon.de – »Majuskel«

Dennoch stieß ich bei meinen Recherchen zur Schrift »Fette Mainzer Fraktur« in einem Schriftmusterheft der H. Berthold AG von 1908 auf eine (dekorativen Zwecken dienende) Abkehr von dieser Empfehlung. Aufgrund des herausgebenden Unternehmens – einer historischen Instanz für professionelle Schriftgestaltung – darf man wohl davon ausgehen, dass die dortigen Autoren und Setzer sehr wohl wussten, was sie taten und die übliche typographische Konvention hier ganz bewusst außer Acht ließen.

Die reich verzierten Buchstaben entstammen dem Repertoire der »Mainzer Initialen«, die für gewöhnlich – wie auch in dem Musterbuch demonstriert – als einzelne Schmuckelemente beim jeweils ersten Buchstaben eines Textabschnitts eingesetzt wurden. Im Bild kann man sehr schön sehen, dass die druckenden Formen der Bleilettern ohne zusätzlichen Abstand* zum unterliegenden quaderförmigen Korpus des Schriftkegels angelegt sind, sodass sich die Initialen quasi nahtlos ins Satzbild einfügen oder, wie hier, lückenlos aneinander platzieren lassen.

Die »Mainzer Initialen« wurden 2023 vom Schriftgestalter Ralf Herrmann in digitalisierter Form bei FDI veröffentlicht. Bei diesem Font lassen sich – im Gegensatz zu den historischen Bleilettern – Zeichenfüllung, Ornamentkontur und Ornamentfüllung separat einfärben, was natürlich ungleich vielfältigere Möglichkeiten zur Gestaltung der Initialen zulässt. Zehn vorgegebene Farbpaletten mit je drei Farben sind vorgefertigt als OpenType-SVG-Fonts enthalten; die Farben können aber nach Wunsch in CSS oder per Bearbeitung in Desktop-Designprogrammen auch beliebig editiert werden.

Als kleines Typo-Rätsel lasse ich das so gesetzte Wort hier bewusst ohne »Übersetzung«. Könnt Ihr es lesen? 🤓 🔠 👁️ ❓


* Eine solche Randzugabe auf der linken und rechten Seite des druckenden Zeichens nennt man im Bleisatz auch »Fleisch«. Interessierten Leser*innen empfehle ich auf Wikipedia den Artikel »Letter«, wo anhand einer Illustration die Elemente einer Bleiletter fachlich korrekt beschriftet dargestellt sind.

10.08.2026

Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, wie »schlampig« wir Menschen manchmal unsere Umgebung wahrnehmen. Das nachträgliche falsche Erinnern von Details oder das unbewusste Hinzuerfinden von vermeintlich real erlebten Erlebnisfragmenten (auch »Erinnerungsverfälschung« genannt), wie man es etwa bei polizeilichen Befragungen von Zeugen beobachten kann, gehört ebenso dazu wie das verwunderliche Übersehen von Dingen in unserem direkten Umfeld, die eigentlich unübersehbar sind.

So etwas passierte mir in diesem Frühjahr, als ich mich Anfang Mai mal wieder einmal für eine Woche Kurzurlaub in Trier aufhielt. Die wunderschöne, ebenso zentral wie ruhig gelegene Ferienwohnung bewohnte ich auf dieser Reise bestimmt schon zum sechsten oder siebten Mal. Ich kannte alle Räume in- und auswendig und es war auch in all den Jahren seitens der Vermieter*innen nichts an der geschmackvollen und gepflegten Einrichtung und Ausstattung verändert worden. Und doch bemerkte ich jetzt zum ersten Mal einen Dekorationsgegenstand im Wohnzimmer auf einem gepolsterten »Sitzwürfel« neben dem Sofa: einen alten Setzkasten mit original Bleilettern in verschiedenen Größen.

Jetzt endlich schaute ich aber einmal etwas genauer hin – wollte ich doch wissen, was es mit dieser schönen typographischen Antiquität auf sich hatte. Der Kasten enthält offenbar Schriftsätze in fünf verschiedenen Größen: Der größte nimmt die ersten sechs Reihen ein, der zweitgrößte und drittgrößte jeweils die folgenden vier. Die beiden kleinsten verfügen über deutlich mehr Exemplare pro Schriftzeichen und belegen daher zwölf bzw. neun Reihen. Am Fuß des Kastens gibt es noch ein Fach mit nicht einsortierten Lettern und mit nicht druckenden Elementen, die zum Ausfüllen freibleibender Leerstellen in der fertig gesetzten Druckform genutzt wurden, sogenanntes »Blindmaterial«.

Mit etwas Bildbearbeitung konnte ich aus dem Foto tatsächlich eine Buchstabenprobe entnehmen, die ich zu einem positiven und seitenrichtigen schwarzweißen Schriftmuster umbauen konnte. Damit ließ sich nun auch die Schriftart gut bestimmen. Die Besonderheit der feinen Groteskschrift ist es, dass die eigentlichen Zeichen nicht druckend ausgespart und von einer dünnen Kontur umgeben sind, die diagonal nach links unten in einen »Schatten« ausläuft, wodurch ein dekoratives, dreidimensionales Schriftbild entsteht. Es leuchtet ein, dass eine solche Schrift nicht genutzt wurde, um (längere) Lesetexte zu setzen, sondern eher bei Überschriften, Werbeanzeigen, Plakate oder Einladungskarten zum Einsatz kam.

Die Veröffentlichung der Schriftart kann zwar auf das Jahr 1935 datiert werden, aber es gibt in der Tat zwei sehr ähnliche Kandidaten aus demselben Jahr, die sich nur minimal unterscheiden und bei zwei verschiedenen Schriftgießereien erschienen. Das »Original« stammt laut verlässlicher Quellen aus der Schriftgießerei C. E. Weber in Stuttgart, trägt den Namen »Neon« und wurde von einem Gestalter namens Willy Schaefer gezeichnet.

Im gleichen Jahr brachte eine Schriftgießerei in Madrid unter dem Namen »Imán« (span. »Magnet«) quasi eine »Coverversion« dieser Schrift heraus. Der Gründer des Hauses, der »Fundición Tipográfica Richard Gans«, war – wie sein Name schon vermuten lässt – kein gebürtiger Spanier, sondern der Sohn eines Arztes aus Karlsbad (Österreich). 1874 wanderte er nach Spanien aus und gründete dort 1888 seine Gießerei, die unter wechselnder Führung, zuletzt von Gans’ Tochter Amalia, bis 1975 im Geschäft blieb. Vor 1925 kreierte die Gießerei nahezu keine eigenen Schriftarten, sondern übernahm Entwürfe deutscher Gießereien. In späteren Jahren veröffentlichte das Haus auch eigene Designs, sowohl von extern beauftragten als auch von angestellten Gestaltern, darunter auch einer der beiden Söhne des Gründers, Ricardo Gans. Auf der Website des »Richard Gans Heritage Project«, mit initiiert von Gans’ Enkel José Antonio, gibt es einen interessanten Überblick über das Leben und Wirken des Gründers und der von ihm veröffentlichten Schriften.

»Founded in 1881, the foundry became a cornerstone of Spanish printing history, shaping visual culture across Spain, Portugal and Latin America. Its typefaces played a significant role in the development of modern typography in the Spanish-speaking world, leaving a lasting imprint on publishing, advertising and graphic design.«

Quelle: Richard Gans Heritage Project – richardgans.xyz

Schaut man im obigen Bild mit den drei gegenübergestellten Schriftproben etwas genauer auf die Punzen (Binnen-Öffnungen) in den Buchstaben B, D und R, spricht deren Größe dafür, dass die Bleilettern in dem Trierer Setzkasten zur Schriftart »Neon« gehören. Auch die minimal feinere Strichstärke der weißen Buchstabenformen passt zu dieser Annahme.

Die »Imán« wurde 2016 vom galizischen Designer Manuel Lage digitalisiert und als preiswerte kommerzielle Schriftart erhältlich. Hinweise auf eine Digitalisierung des Originals, der »Neon«, konnte ich nicht finden.

Es gibt einige Initiativen und Museen in Deutschland, die mir bekannt sind, welche sich bemühen, die Vielfalt und das Erbe der historischen Druckkunst zu bewahren und nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. So etwa die experimentelle Buchdruckwerkstatt Hacking Gutenberg in Berlin, gegründet vom »Schriftenpapst« Erik Spiekermann oder die Museumsdruckerei Hoya „Zwiebelfisch“ e.V. – eine Adresse, auf die mich kürzlich ein Blogleser aufmerksam machte.

Denn obwohl es erfreulich ist, dass alten Setzkästen nach ihrer Ausmusterung ein zweites Leben als dekorative Wohnaccessoires geschenkt bekommen, aber wie der heutige Beitrag zeigt, können mit etwas mehr historischem Kontext und typographischem Hintergrundwissen daraus richtig spannende Artefakte werden. 🤓 🔠 💡

24.06.2026

Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.

Leider konnte ich selbst keine Aufnahme von der Leuchtreklame bei Nacht machen, aber auf der Website »FILM NEWS BAYERN« des FilmFernsehFonds Bayern findet sich ein Beitrag zur Geschichte dieses Lichtspielhauses und der Menschen hinter dessen Kulissen, der mit einem nächtlichen Foto der Kinofassade bebildert ist.

»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«

Quelle: FILM NEWS BAYERN – »Neuer Glanz mit altem Charme«

An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.

Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿

19.06.2026

Auch bei der Ergründung der Geschichte des heutigen Fundstücks haben mir Digitalisate historischer Hamburger Adressbücher wieder gute Dienste geleistet. Fotografiert habe ich dieses edle Buchstabenrelief an der Fassade eines Hauses in Hamburg-Altona an der heutigen Adresse Bernstorffstraße 143.

Der ungewöhnliche und eher seltene Nachname des Firmeninhabers machte es vergleichsweise einfach, Informationen zu sammeln, obgleich eine herkömmliche Suchmaschinenanfrage nur sehr spärliche Fakten erbrachte. Zum Gebäude kam immerhin zutage, dass das lichtblaue Etagenhaus in den Jahren 1865/1866 erbaut wurde und in der »Liste der Kulturdenkmäler in Hamburg-Altona-Altstadt« aufgeführt wird.

Der Inhaber, August Bluthardt, wird in den alten Hamburger Adressbüchern bis einschließlich 1911 als angestellter Prokurist bei der Firma »Paulsen
Bohde Nfg. [= Nachfolger], Eisenguss- und Tonwaren, Heizungs­verklei­dungen« geführt. Ab 1912 erscheint er dann in weiteren Registern namentlich als Einzelinhaber eines eigenen Unternehmens mit dem Geschäftsfeld »Öfen u. Herdlager-Dauerbrand-Öfen, Majolika [farbig glasierte Tonwaren, vgl. Wikipedia], weiße Schmalzkacheln, Herd- u. Wandplatten, sämtliche Ofenersatzteile, Baumaterial«. Bei den »Schmalzkacheln« scheint es sich um einen Druckfehler zu handeln, denn diese Vokabel konnte ich im Feld des Ofenbaus nirgends antreffen, wohl aber tauchen »Schmelzkacheln« bei den textlichen Beschreibungen historischer Öfen in Museen auf. Ab 1921 findet sich dann in den Verzeichnissen die Firmierung »Aug. Bluthardt & Co. G. m. b. H«, die im Anschluss dann wohl in gekürzter Form, wie im Foto zu sehen, am Gebäude angebracht wurde.

Diese Zeitangabe deckt sich auch mit meiner Vermutung, wo die Ursprünge der für die Beschriftung genutzten Schriftart liegen könnten. Eine der Schriften, die sich überraschend gut mit den weißen dreidimensionalen Lettern in Deckung bringen ließ, ist die »Gotham« von Tobias Frere-Jones und Jesse Ragan, entstanden 2000–2002 für die Hoefler Type Foundry (HTF). Weltbekannt wurde die Schrift im Jahr 2007, als das Wahlkampfteam um Barack Obama sie zur Schriftart für seine Präsidentschaftskampagne erkor. Das ikonische »HOPE« Poster mit dieser Schriftart kennt wohl noch fast jede*r. Die Ursprünge einer ganzen Gruppe alter Schriftzüge, welche die Schriftdesigner zu dieser modern anmutenden Grotesk-Familie inspirierten, sind jedoch fast 100 Jahre früher zu suchen. Auf der Website Jonathan Hoeflers findet sich dazu unter der Überschrift »The History of the Gotham Typeface« ein ausführlicher, sehr lesenswerter Artikel.

»Gotham was inspired by a style of bold capital letters that evolved outside the typographic tradition in the early twentieth century, common to lithographed posters, enamel signs, and commercial facades throughout New York City.«

Quelle: myfonts.com – »Gotham – about this font«

Ich habe den Text des Schriftzuges aus dem Foto einmal in der »Gotham Bold« nachgesetzt und farbig markiert, wo ich nachträglich grafisch noch etwas »umbauen« musste, damit die Zeichen ungefähr in Deckung kommen. Die einzige Glyphe, die komplett andersartig ausfällt, ist das »&«-Zeichen. Dessen leicht ausgezogene Ecken in dem fotografierten Relief, die deutlich anders anmuten als die Buchstaben mit ihrer nüchternen Linienführung, lassen jedoch ohnehin vermuten, dass dieses Zeichen bereits zur Zeit der Anbringung der Beschriftung aus dem Repertoire einer separaten Schriftart hinzugefügt wurde.

Wie ging es dann weiter mit dem Ofengeschäft August Bluthardts? 1929 taucht ein neuer Inhaber der Ofenhandlung in den Adressbüchern auf – ein gewisser Carl Mollwitz führt nun die Geschäfte. Zwischen 1943 und 1950 wurde die Adresse der Niederlassung geändert – ohne dass ein Umzug erfolgte. Zur Zeit der Gründung hieß die Straße noch »Adolphstraße« (oft auch »Adolfstraße«). Ab 1950 wird das Unternehmen dann in den Branchenbüchern unter dem neuen Straßennamen »Bernstorffstraße« gelistet, obwohl die Umbenennung laut einigen Quellen bereits einige Jahre früher stattfand:

»Bereits in der NS-Zeit wurde die Bernstorffstraße als neuer Straßenname (alter Straßenname: Adolfstraße, benannt 1857 nach Hans Adolph Wieck, Bauunternehmer, (…) in der Liste ›Umbenannte Straßen‹ aufgeführt. Die Liste wurde im Hamburger Adressbuch von 1943 veröffentlicht und listet alle in der NS-Zeit umbenannten Straßen auf, auch diejenigen, bei denen die konkrete Umbenennung noch nicht vollzogen wurde.«

Quelle: hamburg-strassennamen.de – »Bernstorffstraße«

Als Namensgeber der umgetauften Straße werden in derselben Quelle die dänischen Staatsminister Johann Hartwig Ernst Graf von Bernstorff (1712–1772) und Andreas Peter Graf von Bernstorff (1735–1797) genannt.

Nach 1957 übernimmt dann laut der Brancheneinträge eine »Frau L. Mollwitz« die Leitung, vermutlich die Ehefrau des Inhabers. Dessen Name taucht jedoch bis 1968 weiterhin als Mitarbeiter auf. 1974 gibt es erneut einen innerfamiliären Wechsel: Der neue Name des Inhabers lautet jetzt Georg Mollwitz. Es ist plausibel, anzunehmen, dass der Staffelstab der Firmenleitung an die jüngere Generation weitergereicht wurde, aber eindeutige Informationen dazu fand ich nicht, insofern könnte es eventuell auch ein Bruder oder sonstiger Verwandter sein.

Im »Wirtschafts- u. Firmenhandbuch Hamburg + Schleswig-Holstein Ausgabe Großraum Hamburg 1976/77« erscheint der Eintrag des Unternehmens zum letzten Mal. Ich vermute, dass der Einzug moderner Zentralheizungen und platzsparender elektrischer Küchenherde den Traditionsbetrieb vom Markt verdrängt hat. Was blieb, ist dieser kunstvoll gefertigte Schriftzug an einem alten Haus in Hamburg Altona. 🤓 🔠 🏠

29.04.2026

Heute mal ein Extra-Beitrag mitten in der Woche, denn es gibt gerade mehr als genug Fundstücke zu posten. Wer mir auf dem Social-Media-Business-Netzwerk LinkedIn folgt, hat vielleicht mitbekommen, dass ich vergangene Woche dienstlich einige Tage in Barcelona weilte, um dort die Messe »Seafood Expo Global« zu besuchen. Ich bin zwar selbst nicht in der Fischbranche tätig, stehe aber als Grafik-Designer mit Menschen aus diesem Business beruflich in Verbindung.

Messen sind immer eine großartige Gelegenheit, auf engstem Raum eine Bestandsaufnahme des grafischen Außenauftritts von Unternehmen und Ausstellern aus aller Welt durchzuführen: Wo sind die Gemeinsamkeiten? Wo die Unterschiede? Was fällt positiv auf? Was negativ? Wer glänzt mit einem besonders gelungenen Logo, Corporate Design oder Messestand?

Neben vier LinkedIn-Kurzbeiträgen zu einzelnen Logolieblingen, die ich auf der Messe erkor, achtete ich natürlich auch auf die Schriftarten, die einzelne Aussteller für ihre Selbstdarstellung nutzten. Leider haben Hunderte Unternehmen nach wie vor (noch) nicht verstanden, wie nutzbringend eine besondere Schrift – oder sogar eine, die exklusiv für die Firma oder Marke gestaltet wurde – bei Marketing, Werbung und Kommunikation sein kann. Eine prägnante und zur eigenen Positionierung passende Schrift kann die Wiedererkennung steigern, die Profilierung schärfen, klar vom Wettbewerb abgrenzen und die Vermittlung der Produkte, Services, Versprechen oder Werte des Unternehmens gegenüber Geschäftspartnern, Kunden, Konsumenten und anderen Zielgruppen stützen. Trotzdem greifen etliche Unternehmen, über alle Branchen hinweg, gedankenlos zu gesichtslosen, überall legal und kostenfrei verfügbaren Schriftarten, die entweder auf ihren Rechnerplattformen als Systemschriften vorliegen (Arial, Helvetica, Calibri, Verdana, Times etc.) oder die auf Plattformen wie Google Fonts heruntergeladen werden können.

Eine Vertreterin aus diesem Umfeld, die es in kürzester Zeit vom Geheimtipp unter den Gratis-Schriften zum allgegenwärtigen Massen-Aushängeschild geschafft hat, ist die »Montserrat« der argentinischen Designerin Julieta Ulanovsky aus dem Jahr 2011. Eine ansprechende, klare, moderne und gut lesbare Schrift, ohne Frage. Aber was bringt ihr Einsatz beim Corporate Design eines Unternehmens, wenn auf jeder Messe im Umkreis von 200 Metern fünf andere Wettbewerber dieselbe Wahl getroffen haben? Wenn das, was eigentlich einen Unterschied herausstellen soll, zu einem Einheitslook führt? Es gab noch keine Messe, auf der mir nicht dieser Stoßseufzer entfuhr.

Sicherlich hat nicht jedes Unternehmen das Budget oder die Ambition, einen exklusiven Corporate Font für sich gestalten zu lassen, wie es beispielsweise bei der Deutschen Bahn, der Telekom, OTTO oder dem Flughafen BER Berlin Brandenburg der Fall ist. Aber schon die Wahl einer zur eigenen Marke und ihrer Positionierung passenden, merkfähigen handelsüblichen Schriftart kann viel zur Eigenständigkeit des grafischen Auftritts beitragen.

Wie erfreut war ich dann auch, auf meinem Streifzug über das Messegelände ein Unternehmen anzutreffen, das es ebenfalls anders und besser gemacht hat: Das Fischerei- und Fischverarbeitungssunternehmen Royal Greenland – gegründet 1774 als königlich grönländischer Handelsbetrieb. Schon von weitem fiel mir die ungewöhnliche, im Versalsatz genutzte Headline-Schrift auf, die den aktuellen Slogan »LEGACY-STRONG – FUTURE-DRIVEN« hoch über den Köpfen der Besucher vom Messestand aus in die Halle sendete.

Zwar nutzt auch Royal Greenland für kleinere Lesetexte und Mengentext einen kostenlosen Font, und zwar »Mona Sans« (Tobias Bjerrome Ahlin, Deni Anggara/Degarism Studio, and Sebastian Carewe, 2022), aber die visuelle Profilierung der Marke vollzieht sich eindeutig durch die markanten Überschriften. Organische Formelemente an den Buchstaben, die an Angelhaken und Fischflossen erinnern, verankern die Schrift zudem eindeutig und intuitiv im Tätigkeitsfeld des Seafood-Unternehmens.

Das staatlich betriebene Unternehmen selbst hat die Einführung dieser exklusiven Schrift nahezu geräuschlos vollzogen – es gibt im Internet dazu keine Pressemeldung, keine expliziten Social-Media-Postings und auch kein einsehbares Corporate-Design-Manual. Dennoch wollte ich natürlich ein wenig mehr über die Schrift herausfinden.

Eins der ersten im Internet dokumentierten Vorkommen der Schriftart ist auf den 25. April 2025 datiert. An diesem Tag postete Royal Greenland auf Facebook einen Beitrag zur Veröffentlichung des Geschäftsberichts für das Jahr 2024 und gleich auf der Titelseite war die neue Type zu sehen. Von diesem Datum an taucht sie in weiteren Medien und Online-Beiträgen auf. Doch auch in dem Geschäftsbericht selbst gibt es weder Erläuterungen zur Aktualisierung des Erscheinungsbildes noch zu der Schrift und den Designer*innen dahinter.

Durch die Developer-Tools meines Webbrowsers jedoch kam ich zumindest ihrem Namen auf die Spur: In den CSS-Stylesheets trägt der Font den Namen »Inua« – ein Begriff aus der Mythologie der Inuit, der indigenen Bevölkerung Grönlands.

»In der Mythologie der Inuit ist ein ›Inua‹ (Plural: ›Inuat‹) ein Geist bzw. eine seelische Kraft, die in allen Menschen, Tieren, Seen, Bergen und Pflanzen existiert. Dabei handelt es sich nicht um eine an das Individuum gekoppelte Seele wie etwa in der christlichen Religion, sondern um ›jene Lebenskraft, welche eine Kette oder ein Kontinuum aller einzelnen Geister dieser Gattung umfasst, die je gelebt haben, gegenwärtig leben oder dereinst leben werden.‹«

Quelle: Wikipedia (Englisch), »Inua« | Text übersetzt und leicht bearbeitet

Der Begriff findet sich jedoch auch im Titel für die selbstgewählte, Ende 2024 vom Royal-Greenland-Unternehmensvorstand formulierte Business-Strategie »INUA 2027« wieder:

»INUA is a concept from Inuit culture that means ›soul‹ or ›life force‹. It describes the spiritual essence that exists in all living beings and the nature around us. Inua is closely tied to our values at Royal Greenland, as we work with nature’s resources and have a responsibility to ensure their sustainability.«

»Our purpose, as we have defined it in our new strategy, INUA 2027, is to ensure a sustainable future for our people, our products and our country by:
– Exploit the full potential of our fishery resources
– Work locally and sell globally for the benefit of Greenlandic society.«

Quelle: royalgreenland.com

Durch weitere Recherchen konnte ich dann auch einige spärliche Informationen zu den Schriftgestaltern ausfindig machen. Entworfen wurde die »Inua« von Thomas Mele (Design Director der französischen Branding-Agentur Lonsdale, Paris) in Kooperation mit Christophe Badani (Schriftatelier badani/typophage.com, Versailles).

Mich würde interessieren, wie meinen Leser*innen die Royal-Greenland-Schriftart gefällt. Mögt ihr sie? Empfindet ihr sie als passend für das Unternehmen und dessen Produkte? Wie geht es euch persönlich mit besonderen vs. beliebigen Schriftarten in der Werbung oder bei Markenbotschaften, die bei euch ankommen? Die Kommentare sind offen … 🤓 🔠 🎣 ⚓️

02.01.2026

Vor gut einem Jahr, am Heiligabend 2024, postete ich einen Beitrag zur Formenvielfalt des »Asterisk«- oder »Sternchen«-Zeichens. Es begeistert mich immer wieder, wie blühend die Fantasie der Schriftgestalter beim Design einzelner Glyphen ist. Manche Zeichen eignen sich dafür besser, andere – wie zum Beispiel das große I – lassen etwas weniger Spielraum. Ebenso faszinierend finde ich, wie gut Auge und Gehirn des Menschen damit klarkommen, diese so unterschiedlichen Formen fast immer blitzschnell und eindeutig als die Zeichen zu erkennen und lesen zu können, die es sein sollen.

Ein Symbol aus dem gängigen Zeichensatz, bei dem mir der Variantenreichtum ebenfalls besonders auffällt, ist das »Et«-, »Und«- oder »Ampersand«-Zeichen (&), auf das ich beim ersten typographischen Fundstück im Neuen Jahr das Augenmerk lenken will. Aufgefallen war mir das Zeichen kurz vor Silvester im Abspann des Woody-Allen-Films »Hannah und ihre Schwestern«, wo es insbesondere im Rahmen der Auflistung der im Film gespielten Musikstücke ins Auge fällt. Die Schriftart mit dieser wunderbar geschwungenen, ausladend-eleganten Interpretation des Ampersand ist sehr wahrscheinlich eine Condensed-Variante der »Windsor« (Originalentwurf von Eleisha Pechey für Stephenson Blake, um 1904).

Das heute als einzelnes Zeichen genutzte Symbol ist eigentlich eine Ligatur, also eine Verschmelzung mehrerer Schriftzeichen, und zwar aus den beiden lateinischen Buchstaben des Wortes »Et« (= »und«). Bei manchen Schriftarten kann man diesen Ursprung aus der Form im wahrsten Sinne des Wortes noch herauslesen (siehe z.B. letzte Reihe im Bild, vorletzte Spalte), bei anderen ist er weniger oder gar nicht mehr erkennbar.

Erste Zeile: Davis Sans Medium, Papyrus, American Typewriter, Bookman Old Style Bold, Aviano Slab Light, Arima Medium. Zweite Zeile: Blenny Black, Rooney Sans Light, Rockwell Extra Bold, Noteworthy Light, Aller Display, Bickham Script Pro Semibold. Dritte Zeile: Semplicita Pro Bold, Edwardian Script ITC, Monotype Corsiva, FS Lola ExtraBold, Dax Compact Pro Medium, Marker Felt Thin. Vierte Zeile: Harrington, Kino MT, Coquette, Skia Bold, Ellograph CF Bold, Charmonman Bold. Fünfte Zeile: Allotrope Medium, Giddyup Std, Luminari, Regave DemiBold, Rhetoric, LayarBahtera Kiamat Bold. Sechste Zeile: Aviano, Asphalt Black, Adlery Pro , Adobe Clean UX, Trebuchet MS, Mukta Medium.

Ebenso vielfältig wie sein Erscheinungsbild ist auch die Verwendung des Ampersand. Es taucht bei der Benennung von Konzernen (Johnson & Johnson, AT&T, Procter & Gamble) oder Handelsunternehmen (Marks & Spencer, C&A, Peek & Cloppenburg, H&M) ebenso auf wie bei Produktmarken (Ben & Jerry’s, M&M’s, Head & Shoulders, Black & Decker, Dolce & Gabbana) oder auf den Firmenschildern von Anwaltskanzleien, Consultingfirmen oder Werbeagenturen (Scholz & Friends, McKinsey & Company). Und auch aus Firmierungen wie »Lidl GmbH & Co. KG« ist es uns vertraut.

In Auszeichnungssprachen wie HTML oder LaTeX wird mit dem Ampersand die Codierung sichtbarer oder unsichtbarer Sonderzeichen eingeleitet. So steht z.B. die Zeichenfolge Ä in der Codierung »Decimal NCR« (Decimal Numeric Character Reference) für den Großbuchstaben des Umlauts Ä. In einer anderen, nichtdezimalen Schreibweise als sog. »HTML-Entity« lautet die codierte Schreibweise für denselben Buchstaben Ä (A-Umlaut). Einige Programmiersprachen verwenden zwei aufeinanderfolgende Ampersands && als Referenz auf den booleschen Operator AND, der zwei Aussagen logisch miteinander zu einer sog. »Konjunktion« verknüpft, die genau dann wahr ist, wenn beide verbundenen Aussagen wahr sind. Und in der Programmiersprache C++ bezieht sich das & auf eine konkrete Adresse im Speicher, wo z.B. eine Variable abgelegt ist. Auch in den Sprachen Fortran, MySQL, Perl und Pascal hat das Ampersand eine speziell zugewiesene Funktion.

In Alltagsleben und Popkultur findet sich das Et-Zeichen bei der Kategorisierung von Musikgenres (R&B – Rhythm and Blues) ebenso wie bei den Namen von Bands oder Interpreten (Echo & the Bunnymen, Earth, Wind & Fire, Simon & Garfunkel). Es gibt Bezeichnungen für Unternehmensabteilungen oder Geschäftsbereiche (R&D – Research and Development, F&B – Food and Beverages). Man kann Unterkünfte mit B&B (Bed and Breakfast) buchen, in Publikumsveranstaltungen Q&A (Questions and Answers) diskutieren oder mit D&D (Dungeons and Dragons)-Games virtuelle Abenteuer erleben. Und auf Initiative des US-Amerikaners Chaz DeSimone, einem Designer mit einer Leidenschaft für Typographie, ist dem Symbol seit 2015 sogar ein eigener Feiertag gewidmet, der »National Ampersand Day« oder »World Ampersand Day«, der jedes Jahr am 08. September begangen wird.

Die formalen Ursprünge des Zeichens lassen sich tatsächlich schon bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. zurückverfolgen. Zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert n. Chr. trat es dann zunehmend in der heute verbreiteten verschlungenen Gestalt auf, die an eine 8 erinnert. Der Name »Ampersand« hingegen entstand erst ca. Anfang des 19. Jahrhunderts im britisch-englischen Sprachraum. Damals wurde das Zeichen als 27. Buchstabe des Alphabets nach dem Z britischen Schülern beigebracht, die es mit dem Begriff »and per se and« bezeichneten. Eine undeutliche Aussprache bzw. die Zusammenziehung dieses Terminus führten dann letztlich zum »Ampersand«. 1837 wurde das Wort offiziell in die ersten englischen Wörterbücher aufgenommen.

Der Begriff »Ampersand« findet sich interessanterweise auch in einem beliebten englischen Kinderreim zum Erlernen der Buchstaben und ihrer Reihenfolge im Alphabet. In den ältesten Fassungen (die bis zum Jahr 1671 zurückreichen!) ist dieser Bezug noch nicht enthalten. Das Gedicht wurde aber im Laufe der Zeit mehrfach erweitert und verändert und in einer gedruckten Fassung um 1820 wird das &-Zeichen in der vorletzten Zeile erwähnt. Es fehlen hingegen noch die Buchstaben I und U, da zu jener Zeit zwischen der Schreibweise der Großbuchstaben I und J sowie U und V noch nicht unterschieden wurde, was das Fehlen der beiden Vokale erklärt.

The Tragical Death Of An Apple Pie

A An Apple Pie,
B Bit it,
C Cut it,
D Dealt it,
E Did eat it,
F Fought for it,
G Got it,
H Had it,
J Join’d for it,
K Kept it,
L Long’d for it,
M Mourned for it,
N Nodded at it,
O Open’d it,
P Peeped into it,
Q Quartered it,
R Ran for it,
S Stole it,
T Took it,
V View’d it,
W Wanted it,
XYZ and ampersand
all wished for a piece in hand.

Quelle: Faksimile (um 1820) bei spitalfieldslife.com

Das Et-Zeichen wird in einigen geschriebenen Texten (oder sogar Headlines) bisweilen aus Bequemlichkeit, Gewohnheit oder Unbedachtheit oft auch als Ersatz für das geschriebene Wort »und« genutzt. Von dieser Verwendung raten jedoch professionell schreibende, lektorierende und textende Expert*innen ab. Bei Platznot oder in Eile geschriebenen Texten sollte ein »und« besser durch die Abkürzung »u.« ersetzt werden. Am besten lesen sich Texte jedoch, wenn sich die Verfasser*innen den Platz und die Zeit zum Ausschreiben des »und« nehmen und dem Ampersand seinen exklusiven Status, den es als altehrwürdige Design-Diva unter den Schriftzeichen aus meiner Sicht verdient hat, wohlwollend zugestehen. 🤓 🔠 👩‍🎤

Weiterführende Links

➡️ »Formenwandlungen der ET-Zeichen« (archive.org)
➡️ »The Story of the Ampersand« (blazetype.eu)
➡️ Zur Geschichte des »Apple Pie ABC« (wikipedia.org)

07.11.2025

Kennt Ihr diese alten, traditionsreichen Läden für Schuhe, Spielwaren oder Haushaltswaren, bei denen die Schaufensterdekoration das komplette Gegenteil einer Edelboutique wie Prada oder Louis Vuitton ist? Wo nicht auf 4 Metern Fensterfront auf spartanischen Warensockeln ein, zwei Paar Schuhe oder Handtaschen stehen, sondern das gefühlt komplette Sortiment in die Auslage gepackt wurde? Ich liebe sie, und je diverser das Sortiment ist, desto neugieriger bin ich, so einen Laden zu betreten und in den Regalen zu stöbern.

Genau so einen Laden entdeckte ich am Ankunftstag meiner Reise nach Freiburg, in direkter Nachbarschaft zur bezogenen Unterkunft. »Oh!«, dachte ich, »Die haben bestimmt so ein Pilzmesser, nach dem ich gerade suche!« – und zwar ein kleines, stabiles Klappmesser mit einer leicht gebogegen Klinge, jedoch unter 5 cm Länge, um die (aus meiner Sicht fragwürdigen) jüngst eingeführten Waffenkontrollzonenvorschriften in Großstädten wie Hamburg und Berlin zu umgehen und einer Konfiszierung meines Natur-Ausflugszubehörs vorzubeugen. Und siehe da, sie hatten eins.

Schon vor dem Kauf stand ich längere Zeit vor dem Schaufenster, sah mir das bunt gewürfelte Angebot an und bemerkte natürlich auch die teilweise schon recht verwaschenen Schriftzüge, die mit weißer Farbe von innen auf die Scheiben aufgetragen worden waren und über die Jahre (oder Jahrzehnte?) durch die notwendige Fensterpflege sichtlich gelitten hatten. Da musste natürlich ein Foto für meine Sammlung geknipst werden.

Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1925, hat also in diesem Jahr ein sattes 100jähriges Jubiläum zu feiern. Wann die Schrift auf die Scheiben aufgemalt wurde, war leider per Recherche nicht zu ermitteln.

»Der Eisenwarenladen Luitpold Bauer ist ein unwahrscheinliches Geschäft. Dem Siegeszug der Baumärkte hat er genauso getrotzt wie dem Ladensterben in der Innenstadt. Nun feiert der Traditionsladen 100-Jahr Jubiläum.
(…)
Übers Jahr seien etwa die Hälfte ihrer Kunden Touristen, die andere Hälfte Freiburger. Die einen wollen Mitbringsel, die anderen kommen wegen eines konkreten Problems. Die Rückmeldungen seien gut, teils sogar hymnisch. Touristen seien begeistert, dass es solch einen Laden gibt, Freiburger freuten sich, dass es den Laden immer noch gibt.«

Quelle: Badische Zeitung

Trotzdem habe ich natürlich wieder die Herausforderung angenommen, dem Ursprung der Beschriftung durch etwas typographische Detektivarbeit ein wenig näherzukommen. Dazu habe ich die verblassten Buchstaben zunächst vervollständigt, sodass sie besser erkennbar werden.

Der Name des Ladens, der Ende 2022 durch die ehemaligen Landschaftsgärtner Thomas Weisser und Nico Winterhalter übernommen wurde und sich somit aktuell nicht mehr im Familienbesitz befindet, ist in einer fetten Kursive mit teilweise verbundenen Buchstaben gesetzt, die ich gefühlt irgendwo zwischen den 1930er und 1960er Jahren verorten würde. Die auffallendsten Zeichen sind aus meiner Sicht das große und kleine L, sowie das d. Sehr wahrscheinlich wurde die Schrift – gewiss von einem professionellen Schildermaler – seinerzeit von Hand auf die Glasflächen aufgetragen, wie der erodierte Pinselduktus der Farbflächen erahnen lässt. Insofern war ich nicht überrascht, keine 100%ig übereinstimmende kommerzielle Schriftart dafür zu finden. Aber es gibt ein paar Favoriten, die für mein Auge eine recht ähnliche Anmutung (oder »look and feel«) haben.

Meine Auswahl an »Schriftverwandten« umfasst drei Fonts: Die »Splendor« (Ralph M. Unger, 1930 für Schriftguß AG, Dresden), die »Impuls« (Paul Zimmermann, 1954 veröffentlicht durch Johannes Wagner/Ludwig Wagner, VEB Typoart) und – bis auf die Großbuchstaben – die »Cochin Black Italic«. Georges Peignot entwarf die Grundform der Cochin um 1914 auf Basis von Kupferstichen aus dem 18. Jh. für das Pariser Schriftenhaus Deberny & Peignot. Später wurde die Schrift. u.a. von Matthew Carter und Sol Hess überarbeitet und z.T. ausgebaut und der Schriftenhersteller URW erweiterte die Schriftart (1995?) um den extrafetten kursiven Schnitt im nachfolgenden Bild. Die Zeitspanne für die vermuteten stilistischen Wurzeln der Werbeinschrift umfassen dadurch aber noch immer das weite Feld zwischen 1925 (dem Jahr der Geschäftsgründung) und ca. Mitte der 1950er Jahre.

Die zweite Zeile mit ihren kantigen, fast »techno-artig« wirkenden Buchstaben wirkt da schon weitaus moderner. Als optisch sehr ähnliche Schrift fiel mir sofort die »Serpentine« des US-Designers Dick Jensen ein, die er 1972 für die Visual Graphics Corporation entworfen hat. Sie läuft zwar nicht ganz so breit wie die Unterzeile auf dem Fenster, aber auch hier stimmt m.E. die Anmutung.

Ich persönlich neige zu der Annahme, dass der Schriftzug nicht ganz so alt ist wie das Unternehmen selbst, zumal ich auch nicht herausfinden konnte, seit wann das Ladengeschäft an der heutigen Adresse ansässig ist. Meine Hypothese ist, dass der obere Schriftzug bereits etwas nostalgisch wirkte, als die Bemalung des Fensters stattfand, dass die Unterzeile hingegen dem eher moderneren damaligen Zeitgeschmack entsprach – meine Schätzung liegt zwischen 1965 und 1975. Eine bereits im Gründungsjahr mit Farbe aufgetragene Beschriftung hätte zudem 100 Jahre regelmäßige Scheibenreinigung kaum in derart guter Verfassung überstanden.

Wer weitere Indizien hat, um das Alter der Schaufensterzeilen plausibel zu bestimmen oder es auch gänzlich anders einzuordnen, möge sich sehr gerne melden! 🤓 🔠 🫆


Update: Nachträglich kam noch ein interessantes Rechercheergebnis hinzu. Als ich noch weiter suchte, um das Eröffnungsdatum des Ladengeschäfts an der heutigen Adresse herauszufinden, fiel mir auf der rudimentären Website des Unternehmens auf, dass dort eine »modernere« Variante des Logos am Seitenkopf eingesetzt wird. Die Unterzeile erkannte ich sofort als die populäre »Science-Fiction-Schrift« mit dem Namen »Bank Gothic« (Morris Fuller Benton für ATF, 1930). Die Schreibschrift hingegen ist unter mehreren Namen in Umlauf: Die Ur-Version wurde offenbar vom deutschen Schriftgestalter Erich Mollowitz entworfen und von der Schriftgießerei J. D. Trennert & Sohn in Hamburg-Altona unter dem Namen »Forelle« herausgebracht. Ein zweiter Name für die gleiche Schrift, jedoch verlegt von der Schriftgießerei C. E. Weber im selben Jahr, ist »Rheingold«. 1954 interpretierte das britische Schrifthaus Stephenson Blake in Sheffield die Schrift und brachte sie in zwei Schnitten als »Mercury« und »Mercury Light« heraus. 2010 wurde die Schrift als »Forelle Pro« digitalisiert und ausgebaut von RMU (Ralph Michael Unger Typedesign) und kurz zuvor im Jahr 2007 hat auch der Designer Nick Curtis (Nick’s Fonts) seine Version davon veröffentlicht und nennt sie »Jaunty Gent«. Es gibt zwar noch einige andere freie und kostenpflichtige Versionen, aber die vorgenannten sind wohl die bedeutsamsten.

Diese neue Website-Version des Logos bestätigt m.E. die Vermutung, dass der Schriftzug nicht mit käuflichen Schriftarten erstellt wurde, so dass sogar die Inhaber mit einem nachempfundenen Entwurf online gehen mussten. Im Vergleich macht die »Forelle« einen guten Job, die unterkühlte Bank Gothic in der Unterzeile jedoch hat deutlich weniger Charme, finde ich.

31.10.2025

Los geht’s mit der Ausbeute an Fundstücken aus Freiburg und Basel! Heute möchte ich mal ein kleines Typo-Rätsel posten. Zu gewinnen gibt’s zwar nichts, aber vielleicht macht es ja trotzdem ein bisschen Spaß, mitzuraten.

Bei meinem Tagesausflug nach Basel sah ich vor einem Uhrengeschäft in der Fußgängerzone einen dunkelgrauen Bauzaun mit dem unten abgebildeten goldgelben Buchstaben. Der Zugang zum Geschäft war durch die Bauarbeiten nicht versperrt und der Verkaufsbetrieb ging unvermindert weiter. Insofern reichte mir ein kurzer Blick auf das Schild über der Ladentür, um zu erfahren, wer oder was sich hinter der Initiale verbirgt. Ich selbst gehöre zwar nicht zur Zielgruppe, zu den Fans oder zum Kundenkreis dieses Anbieters¹, aber wer unter meinen Leser*innen ihm zugeneigter ist oder etwas aus dessen Sortiment sein Eigen nennt, errät es vermutlich schneller. Vielleicht wird das Raten dennoch etwas erschwert, weil diese Version des Logos erst seit einem Redesign vor einigen Jahren im Einsatz ist und im Außenauftritt des Unternehmens erst nach und nach an allen »touch points« sichtbar wird.

Also – für wen oder was steht wohl dieses sorgsam gepinselte Zeichen?

Im unteren schwarzen Feld verbirgt sich die Auflösung; bei Klick oder Mouseover wird sie sichtbar.

So. Eigentlich wollte ich es diese Woche ja nur bei diesem überschaubaren Ratespiel belassen, aber wie das so ist – wenn ich einmal beim Recherchieren bin, komme ich oft »von Hölzchen auf Stöckchen«, erfahre interessante Details, falle in online in »rabbit holes« und lerne allerlei Wissenswertes dabei. Deshalb folgt nun noch ziemlich fetter Bonuscontent. Und damit ich frei und unbefangen weiterschreiben kann, habe ich den Zusatztext in einen Accordion-Block gepackt, um die Lösung des Rätsels nicht zu spoilern. 😎

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08.09.2025

Das typographische Montagsbonbon zeigt heute eine Gedenktafel aus der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, angebracht am Geburtshaus des berühmten Künstlers Caspar David Friedrich (1774–1840). Das denkmalgeschützte Haus steht mitten in der Fußgängerzone der Innenstadt und beherbergt seit 2004 das Caspar-David-Friedrich-Zentrum – das als Museum, Dokumentations- und Forschungsstätte zu Leben und Werk des Künstlers sowie der Geschichte seiner Familie dient und der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Bei der Schriftart auf der steinernen Tafel handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine Variante der »Koch-Schrift« (auch »Koch-Fraktur« oder »Deutsche Schrift« genannt), die 1910 mit ihren kräftigen, fetten Lettern das Debüt des Schriftgestalters Rudolf Koch war und in der Schriftgießerei Gebr. Klingspor erschien. Warum für ein Gebäude aus dem 18. Jahrhundert und einen in jener Zeit geborenen Künstler der Romantik diese über 100 Jahre später entstandene Schriftart gewählt wurde, kann nur vermutet werden. Vielleicht wollten die Verantwortlichen einerseits zwar eine gebrochene Schrift nutzen, da diese in Deutschland zu Lebzeiten der Friedrichs weithin gebräuchlich waren, aber andererseits eine Variante, die mit ihren klareren Formen und alternativen Buchstaben (z.B. A vs. 𝔄) für heutige Leser ein bisschen besser entzifferbarer ist.

Rudolf Koch jedenfalls entwarf neben seiner populären Koch-Fraktur auch noch weitere, »modernere« – und bis heute genutzte – Schriften, wie z.B. die geometrische sog. Groteskschrift »Kabel«. 🤓 🔠

Website der Caspar-David-Friedrich-Gesellschaft und des Museums:
➡️ https://www.caspar-david-friedrich-gesellschaft.de/

Mehr zur Koch-Schrift:
➡️ https://www.typografie.info/3/Schriften/fonts.html/deutsche-schrift-koch-schrift-r341/

29.08.2025

Das typographische Fundstück der Woche stammt aus dem Kopenhagener Stadtteil Ordrup und begann mit einem y. Dieses y fiel mir als erstes auf einem Straßenschild in der Nähe meiner dortigen Ferienunterkunft auf. Und nach und nach entdeckte ich auf weiteren Schildern in der Gegend mehr und mehr Details: Das rote Herzchen auf dem j, den kleinen Dorn am r, die kantigen Schrägen von A, X, Y, R und V, das rustikale M, die konischen Querstriche bei H und E usw. 😍 Drei der Schilder habe ich fotografiert und begann, dieser Beschilderung, die mir in Kopenhagen nie zuvor aufgefallen war, nachzuspüren.



Die Schilder sind tatsächlich begrenzt auf die Gemeinde Gentofte im Norden der Stadt. Ihre Geschichte begann 1923, als der Architekt und Buchdrucker Knud V. Engelhardt (1882–1931)¹ den Auftrag erhielt, neue Straßenschilder für die Gemeinde zu entwerfen². Er war überzeugt, dass Staat und Kommunen die Pflicht hätten, Wert auf gutes Design im öffentlichen Raum zu legen und gestaltete ein komplett neues Alphabet, das sich auf Standardisierung, Ästhetik und Lesbarkeit fokussierte. Die anfangs emaillierten Schilder wurden 1954 durch langlebigere, aus Aluminium gegossene ersetzt. Schon von Anfang an war das kleine Herz, das Engelhardt oft als Signatur nutzte, in weiß auf dem j vorhanden, es wurde später einheitlich rot und ist mittlerweile eine Art Markenzeichen der Gemeinde geworden. Manche Anwohner überkleben oder übermalen auf privat angebrachten Schildern mit Straßennamen sogar die »normalen« j-Punkte mit roten Herzchen und bessern so als Guerilla-Designer die Fehlstellen im Look des Viertels aus.



Die senkrechten Kappungen der diagonalen Auf- und Abstriche sollen bei längeren Namen einen geringeren Zeichenabstand und eine höhere Anzahl Buchstaben pro Schild ermöglichen. Einige der Formelemente erinnerten mich an die Schrift »Ovink« von Sofie Beier, die ich unserem damaligen biike GmbH Agenturkunden maresystems 2018 als Logo- und Hausschrift empfahl. Und der schwedische Schriftdesigner Mårten Thavenius veröffentlichte 2016 mit der »Skilt Gothic« eine auf dem Alphabet Engelhardts basierende Schriftfamilie, die noch mehr der markanten Formelemente übernimmt³. Einige der auffälligsten Buchstaben habe ich im zweiten Bild auf Basis einer im Netz gefundenen Originalskizze Engelhardts nachgezeichnet. Von Juni bis Oktober 2023 wurde ihm die Ausstellung »URBAN HEARTBEATS – celebrating 100 years of public design by Knud V. Engelhardt«⁴ gewidmet, die ich leider verpasst habe. 🤓 🔠

Ich könnte noch seitenweise über dieses wunderbare Beispiel dänischen Designs schreiben, aber ach 😅 … ein paar Links hänge ich dennoch an.



PDF zu Engelhardt:


1 ➡️ https://arkitekturpolitik.gentofte.dk/media/rzoof2c1/knud-v-engelhardt-webtilgaengelig.pdf

Weitere Originalschilder:


2 ➡️ http://vwnettet.dk/bb-media/pictures/1/6/127161/skilte.jpg

Font »Skilt Gothic«:


3 ➡️ https://fontcaster.com/


Website der Ausstellung:


4 ➡️ https://designmuseum.dk/udstilling/urban-heartbeats/

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Das Typographische Fundstück
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