Heute mal ein Extra-Beitrag mitten in der Woche, denn es gibt gerade mehr als genug Fundstücke zu posten. Wer mir auf dem Social-Media-Business-Netzwerk LinkedIn folgt, hat vielleicht mitbekommen, dass ich vergangene Woche dienstlich einige Tage in Barcelona weilte, um dort die Messe »Seafood Expo Global« zu besuchen. Ich bin zwar selbst nicht in der Fischbranche tätig, stehe aber als Grafik-Designer mit Menschen aus diesem Business beruflich in Verbindung.

Messen sind immer eine großartige Gelegenheit, auf engstem Raum eine Bestandsaufnahme des grafischen Außenauftritts von Unternehmen und Ausstellern aus aller Welt durchzuführen: Wo sind die Gemeinsamkeiten? Wo die Unterschiede? Was fällt positiv auf? Was negativ? Wer glänzt mit einem besonders gelungenen Logo, Corporate Design oder Messestand?

Neben vier LinkedIn-Kurzbeiträgen zu einzelnen Logolieblingen, die ich auf der Messe erkor, achtete ich natürlich auch auf die Schriftarten, die einzelne Aussteller für ihre Selbstdarstellung nutzten. Leider haben Hunderte Unternehmen nach wie vor (noch) nicht verstanden, wie nutzbringend eine besondere Schrift – oder sogar eine, die exklusiv für die Firma oder Marke gestaltet wurde – bei Marketing, Werbung und Kommunikation sein kann. Eine prägnante und zur eigenen Positionierung passende Schrift kann die Wiedererkennung steigern, die Profilierung schärfen, klar vom Wettbewerb abgrenzen und die Vermittlung der Produkte, Services, Versprechen oder Werte des Unternehmens gegenüber Geschäftspartnern, Kunden, Konsumenten und anderen Zielgruppen stützen. Trotzdem greifen etliche Unternehmen, über alle Branchen hinweg, gedankenlos zu gesichtslosen, überall legal und kostenfrei verfügbaren Schriftarten, die entweder auf ihren Rechnerplattformen als Systemschriften vorliegen (Arial, Helvetica, Calibri, Verdana, Times etc.) oder die auf Plattformen wie Google Fonts heruntergeladen werden können.

Eine Vertreterin aus diesem Umfeld, die es in kürzester Zeit vom Geheimtipp unter den Gratis-Schriften zum allgegenwärtigen Massen-Aushängeschild geschafft hat, ist die »Montserrat« der argentinischen Designerin Julieta Ulanovsky aus dem Jahr 2011. Eine ansprechende, klare, moderne und gut lesbare Schrift, ohne Frage. Aber was bringt ihr Einsatz beim Corporate Design eines Unternehmens, wenn auf jeder Messe im Umkreis von 200 Metern fünf andere Wettbewerber dieselbe Wahl getroffen haben? Wenn das, was eigentlich einen Unterschied herausstellen soll, zu einem Einheitslook führt? Es gab noch keine Messe, auf der mir nicht dieser Stoßseufzer entfuhr.

Sicherlich hat nicht jedes Unternehmen das Budget oder die Ambition, einen exklusiven Corporate Font für sich gestalten zu lassen, wie es beispielsweise bei der Deutschen Bahn, der Telekom, OTTO oder dem Flughafen BER Berlin Brandenburg der Fall ist. Aber schon die Wahl einer zur eigenen Marke und ihrer Positionierung passenden, merkfähigen handelsüblichen Schriftart kann viel zur Eigenständigkeit des grafischen Auftritts beitragen.

Wie erfreut war ich dann auch, auf meinem Streifzug über das Messegelände ein Unternehmen anzutreffen, das es ebenfalls anders und besser gemacht hat: Das Fischerei- und Fischverarbeitungssunternehmen Royal Greenland – gegründet 1774 als königlich grönländischer Handelsbetrieb. Schon von weitem fiel mir die ungewöhnliche, im Versalsatz genutzte Headline-Schrift auf, die den aktuellen Slogan »LEGACY-STRONG – FUTURE-DRIVEN« hoch über den Köpfen der Besucher vom Messestand aus in die Halle sendete.

Zwar nutzt auch Royal Greenland für kleinere Lesetexte und Mengentext einen kostenlosen Font, und zwar »Mona Sans« (Tobias Bjerrome Ahlin, Deni Anggara/Degarism Studio, and Sebastian Carewe, 2022), aber die visuelle Profilierung der Marke vollzieht sich eindeutig durch die markanten Überschriften. Organische Formelemente an den Buchstaben, die an Angelhaken und Fischflossen erinnern, verankern die Schrift zudem eindeutig und intuitiv im Tätigkeitsfeld des Seafood-Unternehmens.

Das staatlich betriebene Unternehmen selbst hat die Einführung dieser exklusiven Schrift nahezu geräuschlos vollzogen – es gibt im Internet dazu keine Pressemeldung, keine expliziten Social-Media-Postings und auch kein einsehbares Corporate-Design-Manual. Dennoch wollte ich natürlich ein wenig mehr über die Schrift herausfinden.

Eins der ersten im Internet dokumentierten Vorkommen der Schriftart ist auf den 25. April 2025 datiert. An diesem Tag postete Royal Greenland auf Facebook einen Beitrag zur Veröffentlichung des Geschäftsberichts für das Jahr 2024 und gleich auf der Titelseite war die neue Type zu sehen. Von diesem Datum an taucht sie in weiteren Medien und Online-Beiträgen auf. Doch auch in dem Geschäftsbericht selbst gibt es weder Erläuterungen zur Aktualisierung des Erscheinungsbildes noch zu der Schrift und den Designer*innen dahinter.

Durch die Developer-Tools meines Webbrowsers jedoch kam ich zumindest ihrem Namen auf die Spur: In den CSS-Stylesheets trägt der Font den Namen »Inua« – ein Begriff aus der Mythologie der Inuit, der indigenen Bevölkerung Grönlands.

»In der Mythologie der Inuit ist ein ›Inua‹ (Plural: ›Inuat‹) ein Geist bzw. eine seelische Kraft, die in allen Menschen, Tieren, Seen, Bergen und Pflanzen existiert. Dabei handelt es sich nicht um eine an das Individuum gekoppelte Seele wie etwa in der christlichen Religion, sondern um ›jene Lebenskraft, welche eine Kette oder ein Kontinuum aller einzelnen Geister dieser Gattung umfasst, die je gelebt haben, gegenwärtig leben oder dereinst leben werden.‹«

Quelle: Wikipedia (Englisch), »Inua« | Text übersetzt und leicht bearbeitet

Der Begriff findet sich jedoch auch im Titel für die selbstgewählte, Ende 2024 vom Royal-Greenland-Unternehmensvorstand formulierte Business-Strategie »INUA 2027« wieder:

»INUA is a concept from Inuit culture that means ›soul‹ or ›life force‹. It describes the spiritual essence that exists in all living beings and the nature around us. Inua is closely tied to our values at Royal Greenland, as we work with nature’s resources and have a responsibility to ensure their sustainability.«

»Our purpose, as we have defined it in our new strategy, INUA 2027, is to ensure a sustainable future for our people, our products and our country by:
– Exploit the full potential of our fishery resources
– Work locally and sell globally for the benefit of Greenlandic society.«

Quelle: royalgreenland.com

Durch weitere Recherchen konnte ich dann auch einige spärliche Informationen zu den Schriftgestaltern ausfindig machen. Entworfen wurde die »Inua« von Thomas Mele (Design Director der französischen Branding-Agentur Lonsdale, Paris) in Kooperation mit Christophe Badani (Schriftatelier badani/typophage.com, Versailles).

Mich würde interessieren, wie meinen Leser*innen die Royal-Greenland-Schriftart gefällt. Mögt ihr sie? Empfindet ihr sie als passend für das Unternehmen und dessen Produkte? Wie geht es euch persönlich mit besonderen vs. beliebigen Schriftarten in der Werbung oder bei Markenbotschaften, die bei euch ankommen? Die Kommentare sind offen … 🤓 🔠 🎣 ⚓️