Einkauf beim Landmetzger. Während ich wartete, begutachtete ich das Sortiment in der Bedientheke. Auf der Hülle einer der hausgemachten Wurstsorten entdeckte ich dieses fulminante (typo)graphische Ensemble und hielt es als herzhaftes Montagsbonbon mit der Kamera fest. Das Bild wurde nachträglich bearbeitet, aber nur, um die Bildqualität zu verbessern – das Motiv ist so wie im Bild gezeigt auf heimischen Wurstwaren in Umlauf.

Die Identifikation der Schrift wird durch mehrere Umstände erschwert. Zum einen die grobe Druckqualität, vermutlich durch das Tampondruckverfahren auf dem Hüllenmaterial und zum anderen durch die zylindrische Verzerrung auf der Wurst. Mindestens drei Buchstaben wurden wohl nachträglich modifiziert: Das G, das zweite D und das letzte S. Trotzdem lassen die Buchstabenformen eine entfernte Verwandtschaft zu einer Gruppe von Schriften von Anfang des 20. Jahrhunderts erkennen, die allesamt kräftige, abgerundete Formen, schräggestellte und stark betonte Serifen und dekorative Formelemente des Jugendstils aufweisen. So z. B. die »Windsor« (Eleisha Pechey für Stephenson Blake, 1905) oder die »Pan Am«, die 1999 anlässlich des 100. Jahrestages der »Pan-American Exposition«, einer Weltausstellung in Buffalo, New York (1901) auf Basis der Schriften in den damaligen Werbemitteln entwickelt wurde. Das Design dieser Neuauflage, erschienen beim Schriftenanbieter P22, stammt von Richard Kegler und Christina Torre. Eine exakte Entsprechung für die Schriftart ließ sich jedoch nicht ausfindig machen.

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich sah das Motiv vor meinem geistigen Auge sofort als eine sehr treffliche Etikettierung für nicht wenige der lautstarken Akteure, die Gesellschaft und Demokratie dieser Tage mit spaltenden Parolen und rückwärtsgewandten Forderungen malträtieren. Schade nur, dass sie sich wohl kaum freiwillig damit labeln werden. 🤓 🔠 🌭