verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Reisefunde (Seite 1 von 19)

Ich reise gerne und oft, innerhalb Deutschlands, aber auch in Europa. Und natürlich ist unterwegs immer die Kamera dabei, sodass auf jeder Tour neue Fundstücke in meiner Sammlung landen.

04.06.2026

Manchmal sind typographische Fundstücke sogar essbar. Wie zum Beispiel die Dutzenden Lebkuchenherzen in allen möglichen Größen und mit ’zig verschiedenen ein- und mehrzeiligen Botschaften, die natürlich auch auf der Regensburger Dult an den Naschwerkbuden feilgeboten wurden. Angesichts des so reichlichen Sortiments fragte ich mich, ob die Beschriftungen auf den Gebäckstücken tatsächlich allesamt noch von Hand aufgebracht werden oder ob nicht längst in hoch technisierten Lebkuchenherzfirmen Roboterarme das Dekor pseudohandschriftlich mit Spritzdüsen darauf kalligraphieren.

Und wie immer hatte das Internet eine Antwort darauf. Es ist tatsächlich alles noch Handarbeit. Es gibt sogar einige käufliche Schriften, die versuchen, die saftige Verspieltheit dieser Zuckergusstexte zu reproduzieren. Einer der gelungensten Fonts, den ich dazu finden konnte, ist »Watermelon Sugar« von Fikryal Studio. 🤓 🔠 💝 ✍️

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01.06.2026

Als ich über Pfingsten in Regensburg war, fand wie oft, gerade auf der Festwiese die »Dult« statt. Anderswo heißt es Kirmes, Rummel, Jahrmarkt, Kirchweih oder Volksfest – eine Mischung aus Wochenmarkt und Vergnügungspark, mit Festzelten, Fahrgeschäften, Schlemmerbuden und Marktständen.

»Das Wort Dult stammt aus dem Gotischen und bedeutet so viel wie ›ausgelassenes Fest‹. Ursprünglich bezeichnete es ein Kirchenfest, das zu Ehren eines Heiligen gefeiert wurde. In Regensburg richteten sich die Marktzeiten nach den Wallfahrten zu den Gräbern der Heiligen Erhard und Emmeram sowie nach Kirchweihfesten. Rund um diese Feiern entstanden Marktstände, an denen Waren aller Art angeboten wurden. (…)
1389 erhielt Stadtamhof vom bayerischen Herzog das Privileg, einen Wochenmarkt und zwei Jahrmärkte abzuhalten. Diese Genehmigung war eine Wiederaufbauhilfe nach den schweren Zerstörungen des Städtekriegs. Damit war der Grundstein für die Tradition gelegt, die bis heute Bestand hat.
(…)
Um 1800 hatten sich zwei feste Dult-Termine im Frühjahr und Herbst etabliert.«

Quelle: regensburger-dulten.com

Ich nutzte die Gelegenheit und schlenderte eine Stunde lang über den Festplatz. Seit jeher sind die oft selbst beschrifteten und bemalten Stände und Fahrgeschäfte für mich auch eine Fundgrube für kreative und ausgefallene Typographie. Für heute habe ich aus Regensburg einen dynamischen Schriftzug an einem Süßwarenstand ausgewählt.

Zur besseren Ansicht hier noch einmal mit gedämpftem Hintergrund:

Gewiss, der Schritzug ist nicht wirklich ausgewogen – die Strichstärken, Innenräume und Neigungswinkel der Buchstaben tanzen teilweise deutlich aus der Reihe. Aber ich mochte die zackige, leicht nostalgische Anmutung und den Namen, der sich davon ableitet, dass sich der Stand in Form einer Dampflokomotive präsentiert. Irgendwie musste ich bei dem Gesamtbild an die Donald-Duck-Comicgeschichten aus den »Lustigen Taschenbüchern« denken.

Und wer weiß, bestimmt gibt es ja auch in Entenhausen eine Dult …
🤓 🔠 🎡 🍭

29.05.2026

Schon mehrfach gab es hier im Blog Beiträge zu neuen und alten Beschriftungen an Gebäuden und Bahnsteigen an Bahnhöfen. Bedingt durch die weit zurückreichende Geschichte der Eisenbahn sind allerorten neue und alte, vergessene, teils verwitterte, teils aber auch erstaunlich gut erhaltene Schilder und Schriftzüge zu entdecken. Eines dieser Schilder habe ich heute aus der Deutsch-Luxemburgischen Grenzregion vom Regionalbahnhof Wasserbillig mitgebracht.

»Der Bahnhof Wasserbillig in der gleichnamigen Ortschaft Wasserbillig ist ein luxemburgischer Grenzbahnhof zwischen Luxemburg und Deutschland. Der Bahnhof Wasserbillig liegt an der Bahnstrecke Luxemburg–Wasserbillig. Der Bahnhof wird von RB- und RE-Zügen angefahren. (…)
Der Bahnhof wurde 1861 mit dem Bau der Bahnstrecke von Luxemburg Stadt eröffnet. 1911 wurde die Strecke bis Oetringen zweigleisig ausgebaut und von 1956 bis 1959 elektrifiziert.«

Quelle: Wikipedia – »Bahnhof Wasserbillig«

Spontan erinnerten mich die abgerundeten rechteckigen Lettern an die beiden Schriftklassiker »City« (Georg Trump für Berthold AG, 1930), die allerdings Serifen aufweist – und die deutlich breiter laufende »Bank Gothic« (Morris Fuller Benton für ATF, ebenfalls 1930). Bei der Recherche fiel mir dann auf, dass es interessanterweise auch große Ähnlichkeiten mit Schriften gibt, die historisch im Straßenverkehr genutzt wurden. So zum Beispiel mit der nach ihrem Gestalter benannten Schriftfamilie »Charles Wright«, die seit 1935 (und bis heute in weiterentwickelter Form sowie unter anderem Namen) in Großbritannien für Kfz-Nummernschilder verwendet wird. Man findet Varianten davon als »Mandatory« oder »UK Number Plate« im Netz und es gibt auch eine Info-Seite dazu von der »British Number Plate Manufacturers Association«.

Eine andere »Straßenverkehrsschrift« mit einer vergleichbaren Anmutung ist die »Route 66« von Nick’s Fonts, die auf Schriftarten beruhen, welche auf US-Highway-Schildern aus den 1930er bis 1950er Jahren anzutreffen waren.

Dennoch sind diese Schriften nicht mit jener auf dem deutsch-luxemburgischen Stationsschild identisch. Unter anderem der tiefliegende Querstrich des 𝐴, die beiden unterschiedlich breiten Bögen des 𝐵 sowie der kurze horizontale Abschlussstrich am Bein des 𝑅 machen den Schriftzug einzigartig. Das gleiche 𝑅 findet sich auch auf dem Schild, das am Bahnhof Wasserbillig auf den Ausgang verweist:

Es ist nicht ganz einfach, die Zeit der Anbringung der Schilder zu ergründen. Formal sind sie, den o.g. Ähnlichkeiten nach, in den 1930-er bis 1950-er Jahren verwurzelt. Das Stationsschild »WASSERBILLIG« scheint aus Metall gefertigt zu sein, das Hinweisschild »SORTIE« weist Risse auf, wie sie im Lauf der Zeit bei Emaille oder Keramik entstehen könnten. In einer kommerziellen Bilddatenbank entdeckte ich immerhin ein historisches Schwarzweißfoto vom 16. August 1968, auf dem das Stationsschild bereits dokumentiert ist. Weitere alte Abbildungen mit eindeutig erkennbaren Hinweisen fand ich online nicht. Da öffentliche Beschilderungen meist entweder unmittelbar beim Bau oder zum Zeitpunkt späterer Sanierungen, Renovierungen oder Ausbauten angebracht oder ausgetauscht werden, würde ich die Tafeln auf 1959 (s.o.) oder früher datieren.

Wer mehr dazu weiß, kann sich natürlich sehr gerne melden! 🤓 🔠 🛤️

25.05.2025

Aus Trier kommt das heutige typographische Montagsbonbon, und zwar in Form eines schnittigen Neonschriftzuges am »Stahlwarenhaus Schmelzer«. Küchen-, Koch-, Taschen- oder Sammlermesser sucht, ein Maniküreset oder sonstige Haushaltswaren wie Gläser, Kochgeschirr oder Küchenwerkzeuge, wird nach eigenen Angaben bei diesem Familienunternehmen fündig. Tatsächlich gibt es dieses Geschäft – in den Gründerjahren vermutlich mit einem etwas überschaubareren Sortiment und noch ohne den leuchtenden Namen an der Fassade – bereits seit 1734.

»Das Stahlwarenhaus Schmelzer in Trier wird bereits in der neunten Generation von unserer Familie geführt, kann auf über 285 Jahre Unternehmensgeschichte zurückblicken und zählt damit zu den ältesten Fachgeschäften Deutschlands. Der Name Schmelzer wird in der städtischen Chronik Triers sogar schon 1552 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.«

Melanie Schmelzer auf der Website der Messermanufaktur Böker

Wieder einmal, wie oft bei derartigen Klassikern aus der Blütezeit der Neon-Lichtwerbung, begeistern die einzelnen Buchstabenformen mit feinen Details: Die teilweise doppelt angelegte, gerade Basis des 𝑆. Die oben leicht begradigte Form der 𝑙-Schlaufe, die mich tatsächlich an eine Messerklinge erinnert. Der gekonnte Übergang mit gebogenem Auf- und waagerechtem Querstrich von dort aus zum 𝑧, das zudem oben links eine Art kleine Serife aufweist, die dann im 𝑟 ein formales Echo findet.

Ich schmelze dahin … 🤓 🔠 🔪 🤩

22.05.2026

Zurück nach Barcelona. Wieder habe ich aus dem aktuellen Fundus ein Vierer-Potpourri kreativer Ladenbeschriftungen zusammengestellt, die ich überschaubar kommentiert zur Ansicht bringen möchte. Allen vier ist wieder ein besonderer »Do-it-yourself«-Charme eigen, der mich dazu bewog, sie zu fotografieren. Und auch, wenn aus grafischer Sicht durchaus nicht alles daran perfekt umgesetzt ist, so verdienen sie doch aus meiner Sicht eine wohlwollende Würdigung des Ideenreichtums ihrer Urheber*innen …

Der erste Schriftzug fand sich an der Fassade eines Restaurants nahe der Altstadtpromenade La Rambla, das laut Speisekarte orientalisch-spanische »Fusion-Tapas« kredenzt. Auf der Markise ist der Name unspektakulär in grünen Versalien in der vom Jugendstil inspirierten Schrift »ITC Benguiat« (Ed Benguiat für ITC, 1977) aufgebracht. Darunter findet sich aber auch noch ein interessanter Versuch, den Namen im Duktus arabischer Schrift umzusetzen und trotzdem für nichtarabische Betrachter*innen lesbar zu halten. Ich nahm zuerst an, »Narin« sei der Name einer Stadt oder Region im arabischen Kulturkreis, aber meine Suche erbrachte stattdessen das Ergebnis, dass es sich um einen Vornamen handelt.

»Der Name Narin ist ein geschlechtsneutraler Vorname, der besonders in der kurdischen und türkischen Kultur vorkommt. Er bedeutet im Kurdischen so viel wie ›fein‹, ›zart‹ oder ›anmutig‹. Im Türkischen kann er auch als ›hell‹, ›leuchtend‹ oder ›Feuer‹ interpretiert werden.«

Quelle: Wisdom Library – »Bedeutung des Namens Narin«

Motiv Nr. 2 entdeckte ich an einem Laden, der für sein Gewerbe wirbt mit den Worten »Verkauf und Anbringung von Farben und Tapeten«. Der Schriftzug ist für mein Empfinden alles andere als ausgewogen – der i-Punkt zu groß, das a zu hoch, die Strichstärken uneinheitlich. Das g und seine Verbindung zum abschließenden l lese ich als Analogie für eine Tapetenbahn, die sich links von einer Rolle nach rechts abwickelt (und rechts an einer Wand haftet?). Aber irgendwie war mir diese wilde Mischung trotzdem einen Schnappschuss wert. Darunter übrigens in goldenen Lettern auf dem Schaufenster der gleiche Name in einer populären Jugendstil-Schriftart (schon wieder): »Arnold Böcklin« (Otto Weisert/Linotype, 1904).

»iocs i regals« – Spiele und Geschenke – nennt sich der Laden hinter dem Schriftensemble Nummer 3. Auch hier spielt sich die Typographie wieder auf zwei Ebenen ab: oben geometrische Buchstabenformen, die an streng konstruktivistische Schriftarten wie z.B. »ITC Bauhaus« erinnern, die 1975 von Ed Benguiat und Vic Caruso (Photo-Lettering, Inc.) für ITC gezeichnet wurde. Sie wiederum basiert auf dem 50 Jahre zuvor entstandenen expreimentellen Entwurf der Schrift »Universal« des Bauhaus-Professors Herbert Bayer. Weitere verwandte Schriften sind »Blippo Black« (Joe Taylor/Robert Trogman für Bitstream, 1969) und »Pump Bold« (Bob Newman/Philip Kelly für Linotype/ITC, 1970).

Auch die Schriftart auf der Markisenkante darunter weist interessante Details auf, insbesondere die Idee, Buchstaben nach Möglichkeit – hier bei P, T, E und R – oben mit einem Bogen abzuschließen. Bei U und I klappt das dann schon nicht mehr ganz so gut und das J sowie die 2 fallen dann komplett aus dem Konzept. Eine kommerzielle Schriftart, die diese Idee konsequenter aufgegriffen hat, ist etwa die »Fonquero« von Arwan Sutanto (2014).

Das vierte und letzte Motiv ist für mein Empfinden handwerklich bzw. gestalterisch am gelungensten umgesetzt. Das Wort »ferreteria« bezeichnet auf Katalanisch ein Eisenwarengeschäft, was auch der Text »Alles für den Heimwerker – Sanitärartikel, Beleuchtung, Haushaltswaren« in der Schriftart »Eras« (Albert Boton/Albert Hollenstein für ITC, 1976) über dem Schaufenster bestätigt.

Die nur mit geraden Linien konstruierten Buchstaben in den beiden großen Textzeilen halte ich für individuell gestaltete Schriftzüge. Obgleich die erste Zeile der Schrift »Acton One« von Rian Hughes (Device Fonts, 1994) verblüffend ähnlich sieht, gibt es doch Unterschiede im Detail. Für die zweite Zeile gilt dasselbe – es gibt etliche zum Verwechseln ähnliche Schriften, am nächsten kommt dem Schriftzug die »Motordrome One« (Gustavo Piqueira für T-26, 2006), aber auch hier sind – z.B. beim v – Abweichungen zu sehen.

Beide Zeilen passen perfekt zum bauhandwerklichen Sortiment des Ladengeschäfts und ziehen mit ihrem markanten Signalgelb (u.a. auch eine bevorzugte Farbe bei Baggern und Baufahrzeugen, z.B. bei den Marken Caterpillar, Komatsu oder John Deere) die Blicke auf sich.

Gut gelöst! 🤓 🔠 🛠️

19.05.2026

Es verdichtet sich bei mir allmählich das Gefühl, dass ich um so mehr typografische Fundstücke auf meinen Wegen, Reisen und Ausflügen erspähe, je mehr ich hier im Blog poste. Deshalb werde ich in dieser Woche die »Schlagzahl« noch einmal ein bisschen erhöhen und jeden Tag ein Typo-Häppchen servieren.

Das heutige stammt auch wieder aus Trier. Nach einem Einkauf nahe dem Trierer Hauptmarkt sah ich zufällig durch einen Torbogen (Pfeil im unteren Bild) dieses schöne Hausnummern-Relief an einem Eingang im Hof des Gebäudekomplexes der Markt- und Stadtkirche St. Gangolf. Und die interessante Ziffer 4 darin erforderte natürlich umgehend, dass ich durch das zufällig offenstehende Hoftor ging und sie für meine Sammlung dokumentierte. 🤓 🔠 ⛪️

18.05.2026

Als typographisches Montagsbonbon heute mal wieder ein Fundstück aus Trier. Auf dem Fußweg zum und vom Hauptbahnhof kam ich öfter an dem eingezäunten Grundstück des »Bischöflichen Generalvikariats Bistum Trier« vorbei. Schon bei meinen letzten Besuchen fiel mir durch die Gitterstäbe des Zaunes ein mannshohes eisernes A auf, das auf dem Innenhof zur Straße hin installiert war. Es ist von einer Rostschicht überzogen und wurde offensichtlich aus vielen kleinen eisernen Fragmenten, Platten, gestanzten Kleinteilen und Röhren zusammengefügt. Auf einigen der Einzelteile finden sich »aufgelötete« Signaturen mit Namen und Datumsangaben, z.B. »Medard Schule« oder »Pierre Fourier 10d Aug«. Es scheint also, als sei das Objekt eine kollaborative Arbeit, an der auch Bildungseinrichtungen und/oder Schüler beteiligt waren.

Erst jetzt aber, beim wiederholten Passieren des Areals, bemerkte ich eine Schrifttafel, die außen am Zaun angebracht war und nähere Details zu der Buchstabenskulptur offenbart. Augenscheinlich handelt es sich um eine dreidimensionale Umsetzung des Logos der sozialen Aktion »AKTION ARBEIT im Bistum Trier«:

Ich weiß nicht, ob die Aktion – über das sicherlich interessante Erlebnis der gemeinsamen handwerklichen Arbeit an der Skulptur hinaus – etwas bewirkt hat. Aber auch abseits seines kirchlichen Kontexts und der Intention dahinter ist das große A auf jeden Fall ein interessantes Monument. 🤓 🔠 🅰️

15.05.2026

Das heutige Thema des Fundstück-Potpourris aus Barcelona lautet »Embleme an Hauseingängen«. Davon habe ich diesmal vier schöne Exemplare von meiner Kurzreise mitgebracht – zwei mit Buchstaben und zwei mit Jahreszahlen.

Bei meiner Fotosafari durch die Straßen der Stadt kam ich nicht umhin, die zahllosen, im Jugendstil erbauten oder mit dekorativen Elementen dieser Epoche geschmückten Gebäude zu bemerken. Barcelona ist ein prachtvolles Sammelbecken dieser Architektur: Über 2.000 Gebäude, so heißt es, wurden in der Zeit zwischen etwa 1880 und 1930 im Stil des katalanischen »Modernisme« in der Stadt erbaut und sind zu großen Teilen bis heute erhalten geblieben. Durch Abriss der alten Stadtmauer bekam Barcelona damals die Möglichkeit, sich großzügig auszudehnen. Der parallel wachsende Reichtum durch Industrie und Kapital führte zu einer wohlhabenden Bürgerschicht, wohingegen im Rest Spaniens eine Depression herrschte. Dieser neue Wohlstand beflügelte den Nationalstolz der Katalanen, sodass der Jugendstil hier eine eigene politische Ebene beinhaltete, die von Aufbruch, Erneuerung und Selbstbestimmung geprägt war.

»Die Architekten des Modernismus entwerfen ihre Gebäude ›komplett‹: Alle Räume, Farben, Dekorationen, Rahmen, Stühle, Fußboden und Gardinen werden bis ins letzte Detail geplant. Inspirieren lassen sie sich dabei von der Kunst des Orients und von der Natur selbst: weiche Linien, Kurven, geometrische Formen und ein buntes Farbenspektrum dominieren in allen modernistischen Werken Barcelonas. Unter den Motiven findet man exotische Pflanzenranken, Blüten und Palmen. Im Gegensatz zu den geraden Linen und Formen des Neoklassizismus ist der katalanische Modernismus frech und verspielt.«

Quelle: freibeuter-reisen.org – »Auf den Spuren des katalanischen Modernisme«

Und so stammen auch meine hier gezeigten Fundstücke aus dieser Zeit.

Das erste Emblem ist aus Metall gefertigt und in ein mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziertes Türgitter eingebettet. Es zeigt die mit Goldbronze bemalten Initialen »AM«, die mit Jugendstil-Buchstaben gestaltet und übereinandergelegt zu einer Art Monogramm arrangiert sind.

Das zweite Emblem fällt garantiert in die Blütezeit des Modernisme, wie die Jahreszahl 1893 beweist. Interessant fand ich hier die diagonal gestürzte Anordnung, die in Verbindung mit den Verzierungen der Ziffern dem Gesamtgebilde eine fast abstrakt-ornamentale Anmutung verleiht.

Fünf Jahre später wurde dann wohl dieses Emblem angebracht – erneut von floralen Ornamenten umgeben. Schlicht, aber schön, wenngleich gekrönt von neuzeitlichem Kabelsalat.

Zum Schluss folgt noch ein Gesamtkunstwerk in Form des prachtvollen Portals des »Centro Aragonés de Barcelona«, eines 1909 gegründeten aragonesischen Kulturvereins, der sowohl eine 14.000 Bände umfassende Bibliothek beherbergt als auch ganzjährig Konzerte, Ausstellungen, Handwerksmärkte, Lesungen, Theateraufführungen und Workshops veranstaltet und u.a. für die aragonesische Community in der Stadt eine Anlaufstelle darstellt.

Typographisch interessant fand ich sowohl den bogenförmigen Schriftzug über dem Eingang als auch das »CA«-Monogramm in dem roten Gittertor. Beides würde ich gleichfalls dem Modernisme zuordnen, nicht nur aufgrund des o.g. Gründungsdatums des Vereins, sondern bei der Inschrift z.B. auch aufgrund der deutlich nach unten (beim A und R) bzw. nach oben (beim E) versetzten Mittelachse der Buchstaben. Bei dem Emblem deuten die geschweiften Enden der Bögen, Winkel und Stämme der Buchstaben darauf hin. Bemerkenswert sind auch die eckigen »Spiralen« im Kapitell am Kopf der Säulen links und rechts des Eingangs.

Ich zumindest kam beim Herumstromern mal wieder aus dem Staunen nicht heraus – und die heutigen Bildbeispiele zeigen aus meiner Sicht sehr schön, wie eng Typographie, Kunst und Architektur in manchen Epochen oder Regionen miteinander verbunden sein können. 🤓 🔠 ⚜️

13.05.2026

Und hier wieder etwas typographische Häppchenkost am Mittwoch. Noch mal Barcelona, zweimal Autohändler. Zwar keine aufpolierten, repräsentativen Flagship-Stores mit makellosen, lichtdurchfluteten Showrooms, aber dafür mit einem ganz eigenen kreativen Charme bei der Fassadenbeschriftung – natürlich gemäß der Ansprüche der (vermutlich vorwegend männlichen) Zielgruppe: kantig, technisch, kraftvoll, schnittig.

Hinzu kamen die beiden nicht gerade spanisch anmutenden Namen »Müller« und »Dachs« – könnten es Einwanderer mit Kfz-Expertise sein aus dem einst glorreichen Autoland Deutschland? Quién sabe … 🤓 🔠 🚘

11.05.2026

Weiter geht’s beim »Abbau« meiner typographischen Fundstücke aus Barcelona mit einem Potpourri fantasievoller Ladenbeschriftungen. Ich war wieder einmal entzückt, wie individuell und originell die Gründer bzw. Inhaber ihre Schriftzüge gestalten, anstatt diesen Aufwand zu scheuen und zu beliebigen, inflationär verbreiteten Schriftarten zu greifen.

Lloable!*

* (katalanisch: lobenswert!)


Das erste Wort in der nachfolgenden Beschriftung – so hübsch es auf den ersten Blick aussieht – ist leider suboptimal gestaltet. Die beiden eher f-ähnlichen Zeichen sollen tatsächlich den Buchstaben t repräsentieren: Das katalanische Wort »tintoreria« – ich las es zuerst fälschlich als »finforeria« – bedeutet sowohl »Färberei« als auch »(chemische) Reinigung«. Der Text darunter »neteja i tint de la pell · i planxat al vapor« bedeutet übersetzt »Lederreinigung und -färbung · chemische Reinigung«. Das Geschäft ist inzwischen offenbar leider dauerhaft geschlossen.

Fortsetzung folgt! 🤓 🔠 🖌️

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