verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Reisefunde (Seite 1 von 21)

Ich reise gerne und oft, innerhalb Deutschlands, aber auch in Europa. Und natürlich ist unterwegs immer die Kamera dabei, sodass auf jeder Tour neue Fundstücke in meiner Sammlung landen.

07.09.2026

Das typographische Bonbon am Montag fällt mal wieder in die Kategorie »Schriftschatten«. Das sind Fundstücke, bei denen nur noch Verwitterungsspuren, Farbreste, Aussparungen im Wandputz oder ähnliche Überbleibsel erahnen lassen, wie ein einst angebrachter Schriftzug einmal ausgesehen hat oder ausgesehen haben könnte. Es gab hier im Blog schon einige Beispiele dieser Art, etwa den Schatten der Beschriftung an einer einstigen Karstadt-Filiale.

Der Schriftschatten heute stammt aus der Fußgängerzone in Uelzen, wo ich kürzlich aufgrund eines unfreiwillig verlängerten Umsteigehaltes bei einer Zugfahrt etwas Zeit zum Herumstromern in der Innenstadt hatte.

Wahrscheinlich handelte es sich bei der früheren Installation um zwei be- oder hinterleuchtete Schriftzüge. Ich folgere dies daraus, dass die »Unterstreichung« der zweiten Zeile auf eine Kabelschiene hindeutet, welche die Leuchtelemente in den einzeln stehenden Buchstaben von unten mit Strom versorgte. In der ersten Zeile sind die Schreibschrift-Buchstaben auch ohne eine solche Schiene miteinander verbunden, sodass die Verkabelung ohne ein zusätzliches Verbindungselement möglich war.

Wie lange es her ist, dass die Beschriftung abgenommen wurde, konnte ich nicht ermitteln, da ich online keine Fotos des Gebäudes auffand, auf denen sie noch vorhanden war. Auch auf einem Foto bei Google Maps vom April 2022 ist sie bereits demontiert. In einer alten Broschüre »Dein Bundesgrenzschutz-Standort UELZEN« aus dem Jahr 1968 hatte der Versicherungsmakler jedoch bereits sein Büro an dieser Adresse eröffnet, denn er wirbt mit einem Inserat in dem Heft für seine Dienste. Vielleicht befand sich auch damals schon seine Leuchtreklame an dem Gebäude – der Stil der Schreibschrift jedenfalls würde aus meiner Sicht gut in die Zeit der späten 1950er- bis frühen 1970er-Jahre passen.

Der Namensschriftzug an der Fassade ist sehr wahrscheinlich ein individueller Entwurf. Die Buchstaben in der zweiten Zeile erwecken zwar auf den ersten Blick den Eindruck, aus einer kommerziellen Schriftart gesetzt zu sein, aber es gibt einige Ungereimtheiten. So wirken etwa H, U und N im Vergleich zu den restlichen Zeichen viel zu schmal. Ungewöhnlich ist auch, dass die Enden der Bögen im S nahezu waagerecht abzuschließen scheinen, die Bögen bei C und G jedoch deutlich diagonale Strichenden haben. Üblicherweise finden sich bestimmte Winkel, Proportionen und Gestaltungsmerkmale bei einer Schriftart an formverwandten Zeichen im gesamten Glyphenrepertoire durchgängig wieder. Ich vermute daher, dass zwar eine bestimmte Schriftart als Vorlage für den Werbeschriftzug gedient haben könnte, aber die ausführenden Werbetechniker*innen diese frei interpretiert haben.

Die nächsten Verwandten zum Schriftbild der Unterzeile, die ich finden konnte, sind die »Avant Garde Gothic Condensed Demi Bold« (Ed Benguiat für ITC International Typeface Corporation, 1974) und die »Flink Neue Compressed Bold« (Moritz Kleinsorge, Identity Letters, 2023). Letztere wurde zwar erst nach Schließung des Versicherungsbüros veröffentlicht, orientiert sich jedoch an frühen Klassikern aus der Gruppe der geometrischen serifenlosen Schriften aus den 1920er-Jahren wie Futura, Erbar und Kabel – und an der Avant Garde Gothic.

Mehr war über Herrn Lange und sein Gewerbe diesmal leider nicht in Erfahrung zu bringen. Und sollten irgendwann auch noch die Bohrlöcher in der Fassade zugespachtelt und übermalt werden, verschwänden auch noch diese öffentlich verbliebenen Spuren seiner einstigen Geschäftstätigkeit. 🤓 🔠 🫥

04.09.2026

Viele der hier präsentierten typographischen Fundstücke sind verhältnismäßig groß. Sie überspannen komplette Hausfassaden, sind aus teils meterhohen Buchstaben gefertigt und fallen Vorbeigehenden meist sofort ins Auge. Das aktuelle Beispiel hingegen stammt von einem kleinen Messingschild, an dem vermutlich die meisten Passanten entweder vorbeilaufen oder es sogar dann nicht bemerken, wenn sie durch den damit gekennzeichneten Hauseingang das Gebäude betreten.

Das Schild befindet sich an einem der Eingänge am Hauptgebäude der Universität Greifswald in der Domstraße 11. Die Außenansicht des Instituts von der Straße aus kann bei Google Maps besichtigt werden. Dies ist auch der Eingang, der über das Treppenhaus direkt zum prächtigen Saal der Aula im Obergeschoss führt.

Auch ich selbst benutzte den Eingang bereits häufiger, denn seit geraumer Zeit besuchte ich im Sommer gerne u.a. das oft in der Aula stattfindende Eröffnungskonzert der jährlich stattfindenden Greifswalder Bachwoche – ein klassisches Musikfest mit einer mittlerweile 80‑jährigen Tradition, das jedes Mal bis zu 10.000 Besucher verzeichnen kann. 1945 ins Leben gerufen, ist die Bachwoche das älteste Musikfestival in Mecklenburg-Vorpommern und fand seither ohne Unterbrechung jedes Jahr statt, sogar während der Corona-Pandemie und während des Bestehens der DDR. Außer durch Landesmittel wird das Festival seit der Wende auch von Kooperationspartnern aus der Wirtschaft getragen; hinzu kommen kirchliche Institutionen sowie Gelder der Hansestadt Greifswald und der Universität.

»Die Aula befindet sich im 1750 fertiggestellten Hauptgebäude der Universität Greifswald. (…) Die Säulen, die Empore und der hölzerne Skulpturenschmuck – Arbeiten des Stralsunder Bildschnitzers Jakob Freese – sind heute in ihrem originalen Erscheinungsbild restauriert.

(…) Schon im 18. Jahrhundert gab es einen Kronleuchter und eine Rokoko-Stukkierung. Die heutige Ausführung mit ausufernder Grisaille-Malerei stammt jedoch aus den 1950er Jahren.«

Quelle: uni-greifswald.de – »Die Aula der Universität Greifswald«

Ich halte es für durchaus möglich, dass die Schriftart auf dem Schild – entweder im Original oder als inzwischen ersetzte Replik – entweder tatsächlich noch aus der Zeit der Errichtung des Gebäudes stammt oder nachfolgend, bewusst deren Stil zitierend, angefertigt wurde. Denn obwohl die Buchstaben – von den dünnen Zierlinien zwischen n und g abgesehen – nicht flüssig miteinander verbunden sind, erinnern sowohl der Strichstärkenkontrast als auch die Verzierungen an das Schriftbild der sogenannten »Anglaise« oder »Englischen Schreibschrift«, wie sie Mitte des 18. Jahrhunderts als kalligraphische Zierschrift genutzt wurde. Falls kundige Typographen, die hier mitlesen, über ergänzende oder gegenteilige Informationen zur Einordnung der Schrift verfügen, freue ich mich über entsprechende Kommentare.

Betrüblich ist jedoch, dass die Universität in Greifswald mit ihren fünf Fakultäten (Theologische Fakultät, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät, Universitätsmedizin, Philosophische Fakultät und Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät) aktuell von massiven finanziellen Kürzungen bedroht ist. Von den ca. 59.000 Einwohnern Greifswalds sind mehr als 10.000 Studierende an der bereits 1456 gegründeten Universität, die damit zu den ältesten in Deutschland zählt.

»(…) im Januar 2026 gab Rektorin Riedel bekannt, dass der Universität Greifswald im laufenden Haushalt fünf Millionen Euro fehlen. Daraufhin wurde ein pauschales Sparprogramm angekündigt, das alle Fakultäten gleichermaßen betrifft. Dazu gehören Wiederbesetzungssperren für frei werdende Stellen, die Reduzierung von Sachmitteln sowie die mittelfristige Veräußerung von Universitätsgebäuden.«

Quelle: Ostdeutsche Allgemeine – »80. Bach-Woche von Debatte um Schließung des Instituts für Kirchenmusik überschattet«

Aufgrund der finanziellen Defizite hat die Universität im Juni 2026 z.B. einen Einschreibungsstopp für die Fächer Musik und Musikwissenschaften für das Wintersemester 2026/27 verhängt, sodass keine neuen Erstsemester mehr in diesen Bereichen aufgenommen werden. Auch die Zukunft des Instituts für Kirchenmusik an der Uni, das die Greifswalder Bachwoche maßgeblich mitorganisiert, steht im Rahmen des Kostendrucks zur Debatte. Parallel gibt es Presseberichten zufolge immerhin die Zusage, dass jeder Student sein begonnenes Studium beenden kann. Ebenso sind wohl betriebsbedingte Kündigungen der Mitarbeiter derzeit nicht geplant.

Die Gelder für die Universität werden zum Großteil aus Landesmitteln im Rahmen der Hochschulfinanzierung bereitgestellt. Da aber auch der Landeshaushalt im laufenden Jahr Online-Quellen zufolge bereits ein Haushaltsloch von ca. 400 Millionen Euro ausweist, werden Hochschulen wohl landesweit von der knappen Finanzsituation betroffen sein. Bis Ende des Jahrzehnts soll das Haushaltsdefizit des Landes sogar auf bis zu 1,1 Milliarden Euro ansteigen.

Ob die Kürzungen tatsächlich alle Fakultäten gleichermaßen betreffen werden, bleibt abzuwarten. Denn in den letzten Jahren war – zumindest aus meiner Sicht – generell eine diffuse, aber wachsende Abwertung der geisteswissenschaftlichen Disziplinen gegenüber den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu spüren. Diese Sichtweise kann auch dazu führen, dass Studiengänge mit einer vermeintlich geringeren »Wertschöpfung« eher dem Rotstift zum Opfer fallen.

»Forschung ist kein Selbstzweck. Forschung muss zu Wertschöpfung, Produktion und Innovation in Deutschland und in Europa führen.«

Bundeskanzler Friedrich Merz anlässlich der Übergabe des Jahresgutachtens 2026 der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) am 11.02.2026 in Berlin

»Nowadays people know the price of everything and the value of nothing.«

Oscar Wilde (1854–1900) – Lord Henry in »The Picture of Dorian Gray«

Es liegt mir fern, hier im Blog politische oder gesellschaftlich kontrovers diskutierte Aspekte im Umfeld der präsentierten typographischen Fundstücke allzu sehr zu vertiefen. Dennoch würde ich mir wünschen, dass die Geisteswissenschaften wieder stärker geschätzt würden – auch wenn ihre Erkenntnisse, Forschungsgegenstände, Themen oder kulturellen und intellektuellen Beiträge weniger monetarisierbar scheinen und ihr Wert oft eher im Immateriellen liegt. Aber vielleicht trägt ja gerade der in vollem Gange befindliche KI-Boom (Hype?) dazu bei, das Blatt wieder zu wenden. Denn viele Kompetenzen, die auch in geisteswissenschaftlichen Disziplinen eine große Rolle spielen – wie kritisches Denken, die Fähigkeit zur analytischen Durchdringung komplexer Probleme und zum Aufzeigen geeigneter Lösungswege, die differenzierte Bewertung von (auch mittels KI erstellten) Quellen, Texten und sonstigen Materialsammlungen und nicht zuletzt Kreativität – werden zunehmend den sogenannten »Future Skills« zugerechnet. Dieser Begriff bezeichnet Kompetenzen und Wissensbereiche, denen angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besondere Bedeutung beigemessen wird.

Und nun noch ein kleiner Exkurs zu den Bachwochen und der Person ihres Namensgebers: Sowohl unter Musikern und Komponisten als auch bei Musikfreunden und Hörern klassischer Musik landet Johann Sebastian Bach bei Umfragen und Statistiken heutzutage regelmäßig unter den Top 3. So wurde der Barockkomponist von 174 lebenden Komponisten in der Dezemberausgabe 2019 des BBC Music Magazine zum größten Komponisten aller Zeiten gewählt. Auch in der Streaming-Statistik im Bereich Klassik bei Spotify für das Jahr 2020 rangierte Bach mit 7,2 Millionen Hörern pro Monat auf dem ersten Platz. Jeder kennt Bach. Er ist fester Teil der Musik- und Popkultur, seine Werke werden für Werbespots und Film-Soundtracks genutzt und kommen regelmäßig auf Konzertpodien in aller Welt zu Gehör. Doch nur wenige wissen, dass das nicht immer so war. Zwar wurde er bereits zu Lebzeiten als Organist und Musikgelehrter geschätzt und von Komponistenkollegen respektiert, doch war er bei weitem nicht so populär wie heute. Nach seinem Tod im Jahr 1750 geschah etwas aus heutiger Sicht Unglaubliches: Sein Werk verschwand für nahezu 80 Jahre aus dem aktiv aufgeführten Repertoire. Der gefragte musikalische Stil hatte sich geändert, wurde eingängiger, leichter und empfindsamer. Bachs Musik hingegen wirkte überladen, komplex und altmodisch (siehe unten stehendes Zitat des deutsch-dänischen Komponisten und Musikkritikers Johann Adolph Scheibe, eines Zeitgenossen J. S. Bachs). Seine Kompositionen wurden zwar weiterhin in der Musikwelt studiert und gewürdigt, darunter von Haydn, Mozart und Beethoven, und auch im kleineren Kreis intellektueller »Salons« diskutiert und aufgeführt, aber im Kulturleben der breiten Öffentlichkeit spielte seine Musik über Jahrzehnte nahezu keine Rolle mehr. Erst mit der Wiederaufführung der Matthäuspassion auf Initiative Felix Mendelssohn Bartholdys am 11. März 1829 in Berlin wurde ein regelrechtes »Bach-Revival« losgetreten, das bis heute nachhallt und der Genialität, Tiefe und Schönheit dieser Musik neue Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ.

»Dieser grosse Mann würde die Bewunderung ganzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit hätte, und wenn er nicht seinen Stücken durch ein schwülstiges und verworrenes Wesen das Natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzugrosse Kunst verdunkelte. (…) Die Schwülstigkeit hat [ihn] von dem Natürlichen auf das Künstliche, und von dem Erhabenen auf das Dunkle geführet; und man bewundert (…) die beschwerliche Arbeit und eine ausnehmende Mühe, die doch vergebens angewendet ist, weil sie wider die Natur streitet.«

Quelle: Johann Adolf Scheibe – »Der Critische Musicus«, Band I (1737)

Doch hätte dieses Revival damals auch dann stattgefunden, wenn die Veranstalter ohne Mendelssohns dokumentierte Beharrlichkeit allein darauf geblickt hätten, mit welchen Programmen von welchen Komponisten sie ihre Häuser nur mit Blick auf den Kartenverkauf und einen maximal erwartbaren Umsatz hätten füllen können? Ich lasse die Frage mal offen. 🤓 🔠 🎼

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).

Ich mag auch gut gemachte Visualisierungen der verschiedenen Stimmen in Bachs Werken. Sie machen die darin verborgene »Mathematik« auch für musikwissenschaftliche Laien auf intuitive Weise viel erfassbarer, als es beim reinen Zuhören möglich ist.

21.08.2026

Eine der größten Mythen des Online-Zeitalters ist aus meiner Sicht der Satz »das Internet vergisst nichts«. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall – das Internet vergisst eine ganze Menge und es wird jeden Tag mehr. Die Zahl der »dead links« ist Legion. Jeden Tag verschwinden Websites, Informationen, Blogs, Newsmeldungen, Videos oder Fotos, weil sie »veraltet« sind, Verträge auslaufen, ein »Relaunch« ansteht, Seiten bewusst abgeschaltet werden oder auch, weil die für Inhalte verantwortlichen Menschen sterben. Ich vermute, genauso zahlreich ist die Menge der Informationen, die es gar nicht erst »ins Internet geschafft haben«. Allein aufgrund der schieren Menge des Materials, das sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in analoger Form angesammelt hat, ist noch lange nicht alles Wissens- und Erhaltenswerte digitalisiert, erfasst oder dokumententiert und wird es vielleicht auch niemals sein.

Ich merke dies oft, wenn ich anfange, zu bestimmten Fundstücken – wie dem heutigen – zu recherchieren und finde … nahezu nichts. Weder in Urkunden oder Namenslisten, in digitalisierten Medienarchiven, Facebookgruppen, auf Online-Gebrauchtmärkten noch im »Internet Archive«. So auch wieder geschehen beim heutigen Exemplar, das wie am vergangenen Montag, aus Tangermünde stammt.

Die anscheinend aus Holz ausgesägten, handgefertigten Buchstaben weckten durch verschiedene Details meine Aufmerksamkeit. So etwa das auffällige »altmodische« ӡ im Vornamen, die abgerundeten »Stummel« am Fuß von F, i, t und n, oder der tropfenförmige i-Punkt in dem ansonsten recht kantigen Zeichenumfeld. Worin das Business des vermuteten Geschäftsinhabers Fritz Jung bestand, wird weder in der Beschriftung enthüllt noch ließ sich online dazu irgendetwas herausfinden. Auch zu dem schmucklosen, wenngleich wohl schon älteren Gebäude gab es keine auffindbaren Daten bezüglich des Baujahrs oder früherer Inhaber*innen.

Zwar entdeckte ich auf eBay ein Angebot, in dem die Kopie eines gedruckten Werbezettels für einen »Lkw-Pritschenanhänger E 2 H«, »Hersteller: Fa. Fritz Jung Tangermünde« angeboten wird, aber weitere Informationen nennt der Verkäufer nicht. Und in einer Traueranzeige schließlich vermelden Angehörige leider den Tod eines 84-jährigen Fritz Jung im Februar 2008. Ob aber dieser Verstorbene in Zusammenhang mit dem Ladengeschäft steht, bleibt offen. Damit fand dann meine Recherche ihr Ende. Weiteres hätte ich vermutlich nur außerhalb des Netzes aufspüren können, etwa in lokalen Archiven oder Bibliotheken.

Zeitlich würde ich die Beschriftung auf jeden Fall vor 1950 datieren, allein schon aufgrund des altertümlichen ӡ. Wollte man die Lettern ein wenig geraderücken, etwas gefälliger gestalten oder einander harmonischer angleichen, böte sich dazu die Schriftart »Dabi Regular« des indonesischen Designers Habaab El Fath alias Tafleh an, die eine sehr ähnliche Anmutung hat, wenngleich ohne die kurzen »Haken« an den unteren Enden der Buchstaben. Aber ansonsten kommt sie dem Vorbild ziemlich nahe, finde ich.

Trotzdem weiß das Internet natürlich sehr viel. Insbesondere die Schwarmintelligenz unter meinen Followern und Followees auf Social-Media-Plattformen begeistert mich immer wieder. Und vielleicht schwärmt ja eine(r) hier rein von jenen, die mehr über Fritz Jung aus Tangermünde wissen, dessen Name an einem Haus in der Altstadt an einen Menschen erinnert, der dort einst seine Geschäfte führte. 🤓 🔠 🕵️‍♂️

Update, 22.08.2026: Das Geheimnis ist gelüftet! Durch den Kommentar einer Blogleserin wurde ich auf eine digitalisierte Ausgabe des Adressbuchs von Tangermünde aus dem Jahr 1937 aufmerksam gemacht. Die Einträge darin führten erstens zu der Erkenntnis, dass die heutige und frühere »Lange Straße« (auch »Langestraße«) 66, in der sich das Geschäft Fritz Jungs befand, zur Zeit des Nationalsozialismus den Namen des tyrannischen deutschen Reichskanzlers trug. Und unter dieser Adresse und Hausnummer gibt es für das betreffende Jahr gleich drei Brancheneinträge für diesen Namen, und zwar »Schmiedemeister«, »Kohlen-, Koks- und Holzhandlung« sowie »Eisenwaren, Haus- und Küchengeräte«. Am wahrscheinlichsten ist es wohl, dass das Ladengeschäft – vermutlich bereits damals mit einem Schaufenster versehen – zum letztgenannten Gewerbe gehörte und man dort allerlei Haushaltsartikel erstehen konnte. Vielen Dank für den Hinweis!

17.08.2026

Nochmal ein Fundstück aus Sachsen-Anhalt, diesmal aus der schönen Kaiser- und Hansestadt Tangermünde an der Elbe. Es war nicht unbedingt die Schönheit des Schriftzuges, die mich veranlasste, das Motiv fotografisch festzuhalten, sondern seine rührend ungelenke Ausführung, die in dem zweiten, spiegelverkehrten g ihr auffälligstes Merkmal aufweist.

Die Formen der Fraktur-Buchstaben wirken eher wie aus dem Gedächtnis als nach einer Vorlage gezeichnet, die bogenförmige Grundlinie tanzt munter, die Wortabstände zwischen »Glück u. Segen« sind gerade zusammen eine rauchen gegangen und auch das S sieht ein wenig sonderbar aus. Dennoch empfinde ich keine Häme ob der handwerklichen Unzulänglichkeiten, denn ich kann mir gut vorstellen, wie die beauftragten Handwerker das Relief mit der frommen Segensbitte konzentriert, mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen, auf den Putz aufgetragen und koloriert haben. Es wirkt auf mich nicht unbedingt nachlässig oder lieblos, sondern strahlt eine gewisse hingebungsvolle Tapsigkeit aus, die durchaus Würdigung verdient.

Das prächtige Emblem ist über dem Seiteneingang des »Hotel & Restaurant ›Alte Brauerei‹« nahe der Kirche St. Stephan, angebracht. In dem Fachwerkhaus, das um 1855 neu erbaut wurde befand sich bis 1917 tatsächlich eine Brauerei – und nachdem das Gebäude im Anschluss jahrzehntelang ungenutzt blieb und zu verfallen drohte, wurde es von Vater Armin Schulze und Sohn Christian im Jahr 2010 gekauft, aufwendig saniert und durch eine moderne Brauanlage in einer angrenzenden, ebenfalls restaurierten Scheune ergänzt. Ziemlich genau 100 Jahre nach der Schließung des früheren Brauhauses begann die neue Inhaberfamilie dann, an dem historischen Ort erneut handwerklich gebraute Biere herzustellen. Das Familienunternehmen »Schulzens« umfasst neben der Brauerei, Biergarten, Hotel und Restaurant auch einen Hofladen, der neben den hausgebrauten, in Flaschen abgefüllten Bieren noch weitere (regionale) Lebensmittel und Produkte im Sortiment hat.

Natürlich habe ich als passionierter Bierliebhaber bei meinen Besuchen in Tangermünde auch schon den feinen Gerstensaft und die schmackhafte Brauhausküche probiert. Und das schöne Logo-Konzept von »Schulzens« mit der sehr wandelbaren zinnoberroten S-Initiale (Design: Claudia Besuch) mag ich auch richtig gerne.

Das klingt heute zwar wie ein bezahlter Werbebeitrag, aber der Schein trügt – es ist lediglich etwas übersprudelnder Enthusiasmus. 🤓 🔠 🍺


Weiterführende Links

➡️ Lesenswerter Artikel zur Geschichte der neu eröffneten Brauerei auf der Website »GEHEIMTIPP Sachsen-Anhalt«: »BIER BRAUCHT HEIMAT – Nach 100 Jahren lebt die Braukunst in Tangermünde wieder auf«

➡️ Recherchen zur Baugeschichte des historischen Brauereibetriebes, inklusive Stadt- und Bauplänen auf der Website »Familienforschung Hemprich«

10.08.2026

Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, wie »schlampig« wir Menschen manchmal unsere Umgebung wahrnehmen. Das nachträgliche falsche Erinnern von Details oder das unbewusste Hinzuerfinden von vermeintlich real erlebten Erlebnisfragmenten (auch »Erinnerungsverfälschung« genannt), wie man es etwa bei polizeilichen Befragungen von Zeugen beobachten kann, gehört ebenso dazu wie das verwunderliche Übersehen von Dingen in unserem direkten Umfeld, die eigentlich unübersehbar sind.

So etwas passierte mir in diesem Frühjahr, als ich mich Anfang Mai mal wieder einmal für eine Woche Kurzurlaub in Trier aufhielt. Die wunderschöne, ebenso zentral wie ruhig gelegene Ferienwohnung bewohnte ich auf dieser Reise bestimmt schon zum sechsten oder siebten Mal. Ich kannte alle Räume in- und auswendig und es war auch in all den Jahren seitens der Vermieter*innen nichts an der geschmackvollen und gepflegten Einrichtung und Ausstattung verändert worden. Und doch bemerkte ich jetzt zum ersten Mal einen Dekorationsgegenstand im Wohnzimmer auf einem gepolsterten »Sitzwürfel« neben dem Sofa: einen alten Setzkasten mit original Bleilettern in verschiedenen Größen.

Jetzt endlich schaute ich aber einmal etwas genauer hin – wollte ich doch wissen, was es mit dieser schönen typographischen Antiquität auf sich hatte. Der Kasten enthält offenbar Schriftsätze in fünf verschiedenen Größen: Der größte nimmt die ersten sechs Reihen ein, der zweitgrößte und drittgrößte jeweils die folgenden vier. Die beiden kleinsten verfügen über deutlich mehr Exemplare pro Schriftzeichen und belegen daher zwölf bzw. neun Reihen. Am Fuß des Kastens gibt es noch ein Fach mit nicht einsortierten Lettern und mit nicht druckenden Elementen, die zum Ausfüllen freibleibender Leerstellen in der fertig gesetzten Druckform genutzt wurden, sogenanntes »Blindmaterial«.

Mit etwas Bildbearbeitung konnte ich aus dem Foto tatsächlich eine Buchstabenprobe entnehmen, die ich zu einem positiven und seitenrichtigen schwarzweißen Schriftmuster umbauen konnte. Damit ließ sich nun auch die Schriftart gut bestimmen. Die Besonderheit der feinen Groteskschrift ist es, dass die eigentlichen Zeichen nicht druckend ausgespart und von einer dünnen Kontur umgeben sind, die diagonal nach links unten in einen »Schatten« ausläuft, wodurch ein dekoratives, dreidimensionales Schriftbild entsteht. Es leuchtet ein, dass eine solche Schrift nicht genutzt wurde, um (längere) Lesetexte zu setzen, sondern eher bei Überschriften, Werbeanzeigen, Plakate oder Einladungskarten zum Einsatz kam.

Die Veröffentlichung der Schriftart kann zwar auf das Jahr 1935 datiert werden, aber es gibt in der Tat zwei sehr ähnliche Kandidaten aus demselben Jahr, die sich nur minimal unterscheiden und bei zwei verschiedenen Schriftgießereien erschienen. Das »Original« stammt laut verlässlicher Quellen aus der Schriftgießerei C. E. Weber in Stuttgart, trägt den Namen »Neon« und wurde von einem Gestalter namens Willy Schaefer gezeichnet.

Im gleichen Jahr brachte eine Schriftgießerei in Madrid unter dem Namen »Imán« (span. »Magnet«) quasi eine »Coverversion« dieser Schrift heraus. Der Gründer des Hauses, der »Fundición Tipográfica Richard Gans«, war – wie sein Name schon vermuten lässt – kein gebürtiger Spanier, sondern der Sohn eines Arztes aus Karlsbad (Österreich). 1874 wanderte er nach Spanien aus und gründete dort 1888 seine Gießerei, die unter wechselnder Führung, zuletzt von Gans’ Tochter Amalia, bis 1975 im Geschäft blieb. Vor 1925 kreierte die Gießerei nahezu keine eigenen Schriftarten, sondern übernahm Entwürfe deutscher Gießereien. In späteren Jahren veröffentlichte das Haus auch eigene Designs, sowohl von extern beauftragten als auch von angestellten Gestaltern, darunter auch einer der beiden Söhne des Gründers, Ricardo Gans. Auf der Website des »Richard Gans Heritage Project«, mit initiiert von Gans’ Enkel José Antonio, gibt es einen interessanten Überblick über das Leben und Wirken des Gründers und der von ihm veröffentlichten Schriften.

»Founded in 1881, the foundry became a cornerstone of Spanish printing history, shaping visual culture across Spain, Portugal and Latin America. Its typefaces played a significant role in the development of modern typography in the Spanish-speaking world, leaving a lasting imprint on publishing, advertising and graphic design.«

Quelle: Richard Gans Heritage Project – richardgans.xyz

Schaut man im obigen Bild mit den drei gegenübergestellten Schriftproben etwas genauer auf die Punzen (Binnen-Öffnungen) in den Buchstaben B, D und R, spricht deren Größe dafür, dass die Bleilettern in dem Trierer Setzkasten zur Schriftart »Neon« gehören. Auch die minimal feinere Strichstärke der weißen Buchstabenformen passt zu dieser Annahme.

Die »Imán« wurde 2016 vom galizischen Designer Manuel Lage digitalisiert und als preiswerte kommerzielle Schriftart erhältlich. Hinweise auf eine Digitalisierung des Originals, der »Neon«, konnte ich nicht finden.

Es gibt einige Initiativen und Museen in Deutschland, die mir bekannt sind, welche sich bemühen, die Vielfalt und das Erbe der historischen Druckkunst zu bewahren und nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. So etwa die experimentelle Buchdruckwerkstatt Hacking Gutenberg in Berlin, gegründet vom »Schriftenpapst« Erik Spiekermann oder die Museumsdruckerei Hoya „Zwiebelfisch“ e.V. – eine Adresse, auf die mich kürzlich ein Blogleser aufmerksam machte.

Denn obwohl es erfreulich ist, dass alten Setzkästen nach ihrer Ausmusterung ein zweites Leben als dekorative Wohnaccessoires geschenkt bekommen, aber wie der heutige Beitrag zeigt, können mit etwas mehr historischem Kontext und typographischem Hintergrundwissen daraus richtig spannende Artefakte werden. 🤓 🔠 💡

07.08.2026

Ich denke, das Gebäude in Stendal, von dem das heutige typographische Freitagsfundstück stammt, kann man getrost als »Bauruine« bezeichnen. Ich hatte mein Auto in der Nähe des Bahnhofs abgestellt und als ich auf meinem Weg an diesem Eckhaus vorbeikam, fielen mir die stark verwitterten Reste der Inschriften »ZIGARREN | ZIGARETTEN« und »WEINE« auf den Flächen über den mit Brettern vernagelten Fenstern schon von weitem auf.

Auf der unteren Fläche ist schemenhaft rechts neben dem E noch ein helleres N zu erkennen. Die Gesamtansicht des heruntergekommenen und sicherlich einst stattlichen Hauses ist bei Google Maps dokumentiert.

Das Haus an der Ecke Bahnhofstraße/Frommhagenstraße gehört zur sogenannten Bahnhofsvorstadt, die nach der Eröffnung des Stendaler Hauptbahnhofs (1871) systematisch bebaut wurde. Die Stadt selbst führt dieses Areal heute als erhaltenswertes Gründerzeitensemble. Stilistisch kann der reich verzierte dreigeschossige Eckbau mit den markanten Dreiecks- und Segmentgiebeln oberhalb der Fenster dem Historismus bzw. der Neorenaissance zugeordnet werden und dürfte etwa zwischen 1885 und 1905 erbaut worden sein.

Welche Art Geschäft es war, das die Tabakwaren und Weine verkaufte, konnte ich nicht rekonstruieren. Auch die Geschichte der dort ansässigen Gewerbe scheint im Laufe der Zeit sehr wechselhaft gewesen zu sein. In der offenen Facebook-Gruppe »Stendal – Meine Heimatstadt (Vergangenheit und Gegenwart)« fand ich ein Posting mit u.a. drei Scans historischer Ansichtskarten, auf denen das Gebäude abgebildet ist. Die Karten sind allerdings nicht datiert. Auf zweien der Fotos wird auf Tafeln links und rechts neben dem Eingang für das angebotene Sortiment geworben, auf einem davon sind sogar alle vier Schriftzüge leserlich: »Drogen · Colonialwaren · Cigarren · Cigaretten«. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die heute noch sichtbaren Reste der Beschriftungen an der Fassade in jener Zeit ihren Ursprung hatten. Auf derselben Postkarte verweist ein Schild im oberen Stockwerk nach links in die Seitenstraße hinein auf ein »Central Hotel · Zieraus Hotel · Restaurant · Wiener Café«. Auf beiden Postkarten sind (noch) keine Automobile zu sehen, ein unscharfes Gefährt im Hintergrund des einen Motivs ist womöglich ein Pferdefuhrwerk und hier scheinen die Straßen noch nicht asphaltiert zu sein, denn in der braun kolorierten Fläche sind etliche schmale Reifenspuren zu sehen. Dies dürfte somit die älteste der Ansichtskarten sein. Im Gegensatz dazu sieht man auf einer weiteren der geposteten Postkarten sehr wohl einige frühe Pkw, die Straßen wirken planiert und autotauglich und die Texte auf den Werbetafeln am Eingang haben sich geändert. Links und rechts sind sie zwar klein und unleserlich, doch über dem Eingang steht nun »Restaurant · Gaststätte«.

In der besagten Facebook-Gruppe existiert auch noch ein etwas späterer Eintrag, in dem ein User explizit nach der Geschichte dieses Bauwerks fragt. Neben einigen nicht verifizierbaren Antworten decken sich aber mehrere Erinnerungen, dass zu DDR-Zeiten im Erdgeschoss ein Lokal namens »Zur Drehscheibe« existiert haben soll. Eine andere Userin ergänzt: »[Nach] 1998 zog keiner mehr ein«.

Bestätigt wird der jahrzehntelange Leerstand auch durch einen lokalen Pressebericht:

»Die guten Zeiten, als das reich verzierte, stattliche Gebäude zu den architektonischen Aushängeschildern der Stendaler Bahnhofsvorstadt gehört hat, sind längst vorbei. Fenster mit Holzplatten versperrt, die Rollläden heruntergelassen, bröckelnde Fassade. (…)

Nach Kenntnis der Stadt plane der Eigentümer derzeit keine Sanierung des Gebäudes.«

Quelle: volksstimme.de – »Einst stattlich, heute gefährlich« (14.04.2021)

Die Beschriftungen in meinem Foto lassen nur noch wenige Merkmale erkennen, die eine Datierung ermöglichen. Etwas idealisiert könnte einer der Schriftzüge anfangs ungefähr so ausgesehen haben (Beim N musste ich ein wenig spekulieren, da an der Fassade nicht mehr genau zu erkennen ist, wo die Diagonale unten in den Stamm mündet):

Die frühesten kommerziellen Schriftarten mit erkennbarer formaler Verwandtschaft zu meiner Rekonstruktion, die ich finden konnte, waren »Berthold Block« (Hermann Hoffmann für H. Berthold AG, 1908) für das Wort »ZIGARREN« und »Wedding Gothic Wide« (American Type Founders, 1901) für das ungewöhnlich breit laufende »WEINE«.

Wären dieses oder das darauffolgende Jahrzehnt zutreffend für die Entstehung der Beschriftungen, deckte sich dies auch ungefähr mit der Schätzung zur Errichtung des Hauses sowie der Zeit der beginnenden Verbreitung des Automobils, aus der die oben erwähnten Postkartenmotive stammen.

»Um dem Automobil eine höhere Akzeptanz zu geben und sogar ein wachsendes Interesse auszulösen, rührten Automobilvereine wie der 1903 gegründete Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) und in wachsender Zahl auch Medien die Trommel für das neue Fahrgerät.«

Quelle: BPB – »Kleine Geschichte des Automobils in Deutschland«

Aufgrund der dünnen Faktenlage kann ich natürlich nur vermuten, dass die fotografierten Schriftzüge zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Es ist schließlich ohne weiteres denkbar, dass die Anbringung erst später geschah und bewusst auf etwas älter »getrimmt« wurde.

Dass allerdings das vernachlässigte und ungehindert weiter verfallende Bauwerk selbst inzwischen fast noch älter aussieht als die darauf verbliebenen typographischen Relikte, finde ich noch wesentlich bedauerlicher an der heutigen Geschichte. 🤓 🔠 🏚️ 😞

20.07.2026

»Alles muss raus!« – obwohl es keine offiziellen saisonalen Schlussverkäufe mehr gibt, sieht man diesen Werbespruch oft nach wie vor an Geschäften. Und auch bei Räumungsverkäufen aufgrund von Geschäftsaufgaben wird er häufig genutzt. Ich greife ihn heute auf, weil ich immer noch ein gutes halbes Dutzend Typo-Motive aus Barcelona in meinem Fundstücklager vorrätig habe. Also raus damit …

Ich fand das Motiv aus mehreren Gründen interessant. Zum ersten aufgrund der ungewöhnlichen und vergleichsweise aufwendigen, gerippten Untergrundkonstruktion, zum zweiten aufgrund der Schriftwahl und der m.E. ansprechenden Farbkombination und zum dritten schwang natürlich auch für mich als Bundesbürger angedenk der Abgründe der deutschen Geschichte eine gewisse Assoziation mit. Hierzulande käme wohl kaum jemand auf die Idee, sein Einrichtungsgeschäft »SS Möbel« zu nennen (hoffe ich!), obgleich es bei der Namensgebung feilgebotenen Mobiliars schon vor einem Vierteljahrhundert befremdliche Verirrungen nach rechts gab.

Dem spanischen Laden hingegen unterstelle ich keinerlei Absichten in diese weltanschauliche Richtung. Wofür das »SS« steht, war online nicht zu ergründen, nur die Information, dass sich das Geschäft auf »Mobles i articles fusta i metall« (Möbel und [Einrichtungs]gegenstände aus Holz und Metall) spezialisiert hat. Vielleicht waren es anfänglich ausschließlich Metallmöbel und das Kürzel steht für »stainless steel«. Oder der/die Inhaber*in hat einen alliterarischen Namen wie »Sofía Serrano« oder »Sebastián Salazar«. Wir wissen es nicht …

Als ich den Schriftzug »mobles« sah, dachte ich: Ah, das ist doch ganz klar eine Schriftart aus dem Trio der drei bekanntesten klassischen Schriften aus den 1970er-Jahren mit derlei strikt geometrisch konstruierten Buchstabenformen, nämlich entweder »ITC Bauhaus« (Ed Benguiat und Victor Caruso für ITC, 1975, nach Entwürfen von Herbert Bayer aus dem Jahr 1925), »Blippo« (Joe Taylor für FotoStar, 1969) oder »Pump« (Bob Newman, 1970 und Philip Kelly, 1975–1980 für Letraset/ITC). Aber entweder stimmte der Schriftschnitt nicht (die »Blippo« ist zu fett) oder einzelne Zeichen wie b, e oder s stimmten nicht überein. Also: falsch gedacht!

Inzwischen vermute ich, dass diese Schriften zwar wahrscheinlich als Vorlage dienten, aber der Entwurf individuell angefertigt wurde. Eine Schriftart jüngeren Datums kommt, bis auf den Fettegrad, am dichtesten an die Ladenbeschriftung heran, und zwar »Churchward Design« (Joseph Churchward für BluHead Studio, 2007).

Bei dem »SS«-Kürzel ist die Bestimmung noch schwieriger. Es gibt etliche Schriftarten mit geometrischer Anmutung, bei denen das S wie ein gespiegeltes Z aussieht. Am besten gefiel mir hier die »Silver Streak« von John Roshell (Swell Type, 2020) – eine ebenso elegante wie futuristische Type, nicht nur mit einem passenden S, sondern mit insgesamt sehr ansprechenden Zeichenformen und erhältlich in 26 Schnitten. Der Designer schreibt dazu:

»Inspired by the streamlined lettering on trains, cars & ads of the 1930s & ’40s, Silver Streak combines Art Deco elegance with refined craftsmanship and modern features.«

Quelle: Swell Type – »Silver Streak«

Nimmt man also den Ursprung der Schrift »Bauhaus« im Jahr 1925 und das Zitat des »Silver Streak«-Schriftgestalters, klingt in der Ladenbeschriftung ziemlich kongruent die Designsprache der 1920er- und 1930er-Jahre an. Genau die Zeit, in der die ersten zeitlos schönen Stahlrohrmöbel, entworfen u.a. von Marcel Breuer (1925), Mart Stam (1926) und Ludwig Mies van Rohe (1927) das Licht der Welt erblickten. Zwei davon (Mart Stam S34 Freischwinger-Nachbauten) stehen übrigens in meiner Küche am Esstisch.

Vielleicht waren ja diese Metallmöbel-Klassiker für den/die Inhaber*in die Inspiration, den gestalterischen Geist jener Zeit beim Design der Ladenbeschriftung typographisch aufzugreifen.

Mein Fazit (wenn es so wäre): »mission accomplished!« 🤓 🔠 🛋️

17.07.2026

Die Schriftart, um die es im aktuellen Fundstückfoto geht, war bereits vor einigen Wochen schon mal Gegenstand eines Beitrags. Damals begegnete sie uns auf der Markise eines erzgebirgischen Souvenirgeschäfts am Berliner Gendarmenmarkt. Welche Schrift sich ein Ladenbesitzer für seine Außenwerbung aussucht, ist seine freie Entscheidung. Dass ich dieselbe Type nun aber an einem offiziellen Bushäuschen sah, verwunderte mich dann doch ein bisschen. Ich hätte gedacht, dass in Deutschland, dem Land der »überbordenden Bürokratie« (so they say), der im Treppenhaus aushängenden Kehrwochenpläne und der mannigfaltigen DIN-Normen (hoch lebe Walter Porstmann!) strengstens geregelt ist, wie Bushäuschen gekennzeichnet werden dürfen – und wie nicht. Aber offenbar ist dem entweder nicht so oder am Ort der Beobachtung haben sich unbemerkt Chaos und Anarchie breitgemacht.

Das Objekt der vermuteten typographischen Rebellion steht in dem kleinen Ort Düpow im Norden Brandenburgs am Rande der Ortsdurchgangsstraße – und zwar gleich in doppelter Ausführung, nämlich in beiden Fahrtrichtungen. Die Bemalungen der sogenannten »Fahrgastunterstände« wurden 2021 und 2022 umgesetzt. Laut Ortsvorsteher André Kenzler »… soll durch die Gestaltung mit lebensecht wirkenden Figuren erreicht werden, dass die Autofahrer dort vorsichtiger fahren.«

Vielleicht kommt dem/der einen oder anderen meiner Leser*innen mit Erfahrung bei der Nutzung von Apple-Computern die Schrift auf der Seitenwand vage bekannt vor. Das liegt daran, dass der Font seit 1984 unter dem Namen »Chicago« von Anfang an fester Bestandteil des legendären Apple-Macintosh-Betriebssystems war und als Schrift für Menüpunkte und Textmeldungen des mausgesteuerten, grafischen User-Interfaces weltberühmt wurde. Erdacht und gestaltet wurde sie 1983 von der US-amerikanischen Grafik-Designerin Susan Kare, die auch die zahlreichen Icons für den Macintosh entwarf, wie den freundlichen Begrüßungs-Mac nach dem Einschalten des Rechners oder die funkensprühende Bombe bei einem kritischen Systemfehler.

Von 1984 bis 1991 – vor der ins System integrierten Einführung auch auf dem Bildschirm beliebig skalierbarer vektorbasierter Schriftarten – existierte die »Chicago« lediglich als pixelbasierte Schrift in der Ausgangsgröße 12 pt. Wurde sie größer oder kleiner verwendet, wurden die Pixelklötzchen einfach proportional mitskaliert. Unser Bushäuschen würde in dieser Ur-Version der »Chicago 12« also ein wenig anders aussehen.

1991 lieferte Apple die Betriebssystem-Version »System 7« aus und implementierte in diesem Zuge, in Verbindung mit weiteren Verbesserungen der Grafik-Performance des Rechners, den Font in der damals neuen TrueType-Technologie, mittels der die Konturen von Schrift in Echtzeit und mit beliebiger Größe und Auflösung – nicht nur bei der digitalen Druckausgabe, sondern auch auf Bildschirmen – glatt und ohne Pixeltreppen gerendert werden konnten. Zu diesem Zweck wurde die Schrift komplett von den Designer*innen Charles Bigelow und Kris Holmes neu gestaltet. Dabei nahmen alle Zeichen der neuen »geglätteten« Version denselben Raum ein und hatten auch dieselben Buchstabenabstände wie zuvor, sodass man einen Text von »Chicago 12« zu »Chicago« (TrueType) umformatieren könnte, ohne dass er neu umbrochen würde. Der Pixel-Look wurde zwar durch geometrisch konstruierte Kurven ersetzt, der rechteckige Computer-Look der Schrift dabei jedoch weitgehend beibehalten.

Diese aktualisierte Version der »Chicago« ist auch jene, die außen auf dem brandenburgischen Bushäuschen prangt.

Mittlerweile (seit 1996) ist die smoothere »Chicago« aus dem User Interface der Apple Macs verschwunden. Sie wurde mit der Einführung von »System 8« durch die gefälligere und besser lesbare Schriftart »Charcoal« ersetzt. Die »Chicago« überlebte in Form der in macOS enthaltenen thailändischen Systemfonts »Krungthep« und »Silom«, deren lateinische Buchstaben nach wie vor ihrer Vorfahrin entsprechen. Die Thai-Glyphen der »Krungthep« wurden im gleichen grafischen Stil wie die restlichen Schriftzeichen gestaltet.

Hätte der ländliche ÖPNV-Unterstand auch dieses Apple-Systemupdate mitgemacht, sähe die Inschrift in der Schrift »Charcoal« wie folgt aus. Besser lesbar ist sie, aber auch ein bisschen langweiliger:

Update, 17.07.2026
Ich hatte ganz vergessen, zu erwähnen, dass die »Chicago 12«-Pixelschrift nach dem Ende ihrer Karriere als Apple-Mac-Systemschrift ein Jahrzehnt später, im Jahr 2001, ein Comeback als Interface-Font des Apple iPod der 1. Generation feierte. Wer sich noch erinnert oder gar eins der Geräte aufgehoben hat – es ist nicht nur ein Stück Technikgeschichte, sondern auch »a font museum in your pocket.« 🙂

Tatsächlich gelten für das äußere Erscheinungsbild bzw. die Kennzeichnung offizieller Bushaltestellen des Schulbus- und Linienbusverkehrs offenbar keine bundesweit verpflichtenden Vorschriften, sondern »nur« für die bauliche Umsetzung und die Barrierefreiheit. In der kostenpflichtigen Publikation »Empfehlungen für Anlagen des öffentlichen Personennahverkehrs« (EAÖ), herausgegeben von der »Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V.« und dem »Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V.« (VDV) finden sich lediglich Mindestanforderungen:

»Jede Haltestelle im Straßenraum muss mit dem entsprechenden Zeichen 224 StVO gekennzeichnet sein, das auf einem quer zur Fahrtrichtung angeordneten Schild anzubringen ist. Es muss folgende Informationen an die Fahrgäste übermitteln:

  • Haltestellenname mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
  • Liniennummer mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
  • Verkehrsmittelpiktogramm mit Höhe von 50 mm,
  • Zielhaltestelle bzw. Linienende mit Zeilenhöhe von mindestens 30 mm.«
Quelle: ABES S. à r. l. – Info-Seite »Haltestellen gestalten«

Bei dem »Zeichen 224 StVO« handelt es sich um das allgemein geläufige kreisrunde Verkehrszeichen mit grünem »H« auf gelbem Grund und mit breitem grünen Rand. Das Schild hat üblicherweise eine von vier Größen, und zwar Ø 420 mm (für Geschwindigkeitsbereiche bis 20 km/h), Ø 600 mm (Standardmaß, für Geschwindigkeiten bis 80 km/h), Ø 750 mm (für Abschnitte mit mehr als 80 km/h) und – als Ausnahme – Ø 350 mm (bei nachweislich beengten Platzverhältnissen).

Und natürlich sind auch die Farbtöne vorgegeben: Für das »H« sowie den äußeren Rand des Schildes ist Verkehrsgrün (RAL 6024) festgelegt, für den kreisrunden Hintergrund des Schildes muss Verkehrsgelb (RAL 1023) genutzt werden. Zusätzlich können weiße Zusatzschilder mit Haltestellennamen oder Linien mit einer Beschriftung in Verkehrsschwarz (RAL 9017) angebracht werden. Dementsprechend ist natürlich neben jedem unserer beiden dörflichen Unterstände ein separater Mast installiert, der diesen Anforderungen entspricht und ein solches Schild, inklusive einem gelb gerahmten Fahrplanaushang, trägt.

Und damit ist klar, dass in Düpow typographisch keinesfalls »Sodom und Gomorrha« an den Bushaltestellen herrschen, sondern lediglich bestehende Freiräume kreativ ausgenutzt wurden.

Susan Kare, Charles Bigelow und Kris Holmes würden sich freuen. 🤓 🔠 🚏 🚌 

13.07.2026

Immer wieder stoße ich bei meinen Zufallsentdeckungen und Fotostreifzügen auf – meist historische – Gedenktafeln an Gebäuden. Erinnert wird darauf meist an die Geburt, das zeitweilige Wohnen und Wirken oder den Tod von Menschen, die sich gesellschaftlich, politisch oder kulturell verdient gemacht haben oder die aus anderen Gründen nicht in Vergessenheit geraten sollen. Ebenfalls oft lese ich dort Namen, die mir bis dahin komplett unbekannt waren. So auch bei diesem Fundstück am Montag, welches ich im Frühsommer in Regensburg entdeckte und dessen Inschrift dem Dichter Georg Britting (1891–1964) gewidmet ist. Seit wann diese Tafel dort hängt, war per Netzrecherche leider nicht auszumachen.

Stünde ich in einem Raum mit meinen Leser*innen, sähe ich gern die Hände derer oben, die diesen Namen schon einmal gehört haben. Ich vermute, insbesondere außerhalb Bayerns (Britting lebte in Regensburg und München) wären das nicht allzu viele. Man erhebe in den Kommentaren gerne Einspruch, sollte meine Vermutung mich trügen.

Die Inschrift auf der Tafel hing recht weit oben, so dass ich nicht klar erkennen konnte, ob die Buchstaben ein leicht erhabenes Relief bilden oder nur flach mit Farbe auf den Untergrund aufgetragen wurden. Die Variationen bei gleichen Zeichen belegen jedoch ziemlich sicher eine manuelle Beschriftung.

Einerseits lehnt sich die Schriftart mit ihren quadratisch geprägten Grundproportionen klar an die klassische »Capitalis monumentalis« aus der römischen Antike an. Andererseits sind einige Buchstaben aber auch abweichend dimensioniert. So sind z.B. E und G etwas breiter als üblich, das N hingegen schmaler. Auch die sehr engen, bei der Datumsangabe komplett fehlenden Wortabstände assoziieren frühantike Inschriften. Ebenso ist die Laufweite (der Buchstabenabstand) extrem eng angelegt, was ich persönlich eher unglücklich finde, denn dadurch wird der Kontrast der unvermeidbaren großen Leerräume unter den Querstrichen der beiden Versal-T und dem sehr engen Raum zwischen I und N rechts daneben um so krasser. Weitere und optisch ausgeglichenere Abstände hätten hier insgesamt für mehr Harmonie sorgen können.

An den einzelnen Buchstaben wiederum finden sich Formdetails, die zeitlich deutlich nachantik, eher zwischen Renaissance und Jugendstil, zu finden sind. Beispielsweise die »fliehenden« Serifen an E, F und T, der leichte obere Überhang der diagonalen Striche bei A und N, das direkt in den Stamm laufende Bein des R oder die unteren, leicht nach außen weisenden, spitzen Abstriche beim G. Auch beim U, das rechts einen geraden senkrechten Stamm besitzt, der sonst eher beim Minuskel-u anzutreffen ist, findet sich diese Spitze. Diese feinen Details machten es nicht einfach, eine verwandte kommerzielle Schriftart zu identifizieren. Bis auf die G- und U-Spitzen jedoch kommt die »Florentino« von Harmonais Visual (2021) der Anmutung, finde ich, ziemlich nahe.

Der Dichter Georg Britting war mir, wie gesagt, bislang kein Begriff. Es gibt jedoch eine von der 2007 gegründeten »Georg-Britting-Stiftung« eingerichtete Website, auf der nahezu das gesamte Werk des Schriftstellers – bestehend aus Romanen, Erzählungen, Bühnenstücken und Gedichten – online nachzulesen ist. Da Britting erst im April 1964 verstarb, gibt es sogar Audiodateien, in denen der Autor selbst seine Texte rezitiert, etwa das Gedicht »Der Mond«, das mich unter den Gedichten stärker ansprach als andere Texte Brittings, in die ich hineinlas. Manche Wortkreationen und Metaphern Brittings sind mir persönlich etwas zu aufgesetzt, die Verszeilen zu blumig. Etwas kantigere, aber dennoch starke Verse wie »In den Wäldern am Hirschberg«, die sprachlich näher an den »Hardcore-Expressionisten« wie Georg Trakl oder Oskar Kanehl liegen, sprechen mich da eher an.

Und so ist es immer bereichernd, wenn ich auf Gedenktafeln nicht nur die Namen von Personen lese, die ich bereits kenne, sondern wenn sie auch der Grund dafür sind, erstmals auf jemanden aufmerksam zu werden. 🤓 🔠 📝

10.07.2026

Das heutige typographische Fundstück tangiert unweigerlich ein kontroverses Thema, nämlich das der Sexarbeit bzw. Prostitution. Sie ist so alt wie die Menschheit; namentlich taucht mindestens eine Frau (»Rahab«), die Sex gegen Geld anbot, bereits in der Bibel auf. Die zahllosen Synonyme für Menschen – meist Frauen –, die einen solchen Handel anbieten, sind entweder größtenteils euphemistisch-verklärend oder abwertend, ebenso gegensätzlich ist die Darstellung von Sexarbeiter*innen in Musik, Literatur, Kunst und verfilmten Darstellungen. Auch Gewalt, sexueller Missbrauch, Menschenhandel, Sexismus, Ausbeutung und (finanzielle) Abhängigkeit, gesundheitliche Risiken, gesellschaftliche Stigmatisierung und psychische Belastungen sind allgegenwärtige und schlimme Facetten im Leben vieler Menschen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – freiwillig oder unfreiwillig prostituieren.

Doch für die Rechte und Interessen, den Schutz, das Ansehen und als Anlaufstellen bei Problemen von Sexarbeiter*innen setzen sich mittlerweile auch viele Vereine, Verbände, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen ein. Der älteste Verein ist der 1980 gegründete Hydra e.V., weitere wichtige Zusammenschlüsse sind bufaS e.V. (Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter) und BesD e.V. (Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen).

Ich möchte mich bei dem Beitrag zu meinem heutigen Fundstück ausdrücklich weder der Verklärung noch der Verdammung der Sexarbeit anschließen. Wenn eine volljährige Person aus freien Stücken diese Tätigkeit ausübt und es ihr im Idealfall gelingt, damit gewaltfrei, psychisch stabil und im Einvernehmen mit ihren Kund*innen Geld zu verdienen, sehe ich persönlich keinen Grund, dies zu verurteilen.

Doch nun zum heutigen Buchstabenfund. Begegnet bin ich dem auffälligen Arrangement Ende April bei einem Kurzurlaub in Trier, als ich nach der Rückkehr von einer Wanderung bei schönstem Frühsommerwetter die Straße passierte. Ausgerechnet die Karl-Marx-Straße, die den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt trägt – so lernte ich –, war in den 1970er- bis 1990er-Jahren als »Rotlichtviertel« zu bezeichnen, in der Shops, Kinos, Bars und Bordelle ihrer Kundschaft harrten. Heute ist durch Online-Angebote und eine verschärfte Gesetzgebung so gut wie nichts davon mehr übriggeblieben. Ein Relikt jener Zeit jedoch ist dieser Schriftzug an der Fassade des Gebäudes mit der Hausnummer 59.

Auch dieser Name gehört eindeutig in die Gruppe der romantisierenden Euphemismen, denn es handelte sich keineswegs nur um ein geselliges Lokal mit Getränkeausschank, sondern nachweislich um ein – inzwischen offenbar geschlossenes – Bordell. Auf der archivierten Website der Bar findet sich der Disclaimer »Bei den sich in der Einrichtung aufhaltenden Prostituierten handelt es sich um selbstständige Gewerbebetreiberinnen, die ihre Leistungen im eigenen Namen und auf eigene Rechnung bewerben und anbieten«; online verbliebene Werbetexte empfehlen den Betrieb als »gemütlichen Treffpunkt in Trier mit maritimem Flair und entspannter Atmosphäre« – eine Formulierung, die bei mir sofort Assoziationen an einen bekannten britischen Sketch weckte (»Monty Python’s Flying Circus« S01E02: »Nudge nudge, snap snap, grin grin, wink wink, say no more?«).

Die »maritime« Werbung und Benennung mag zunächst unpassend wirken; ich hätte sie eher Städten wie Bremen oder Hamburg zugeordnet. Ein Hauch von Hans Albers’ Rotlichthymne »Auf der Reeperbahn …« schwingt mit, es klingt nach Klischees von Meer, Möwen, Akkordeonmusik und im Wind flatternden Segeln. Doch tatsächlich gehörten wohl auch die männlichen Besatzungen der am Moselufer in Trier anlegenden Binnenschiffe zur Zielgruppe des Etablissements.

Die Schrift des vertikal angeordneten Parts HAFENMELODIE hat wenig Besonderes, sie ist sehr wahrscheinlich an fette Schnitte des Klassikers »Helvetica« oder ihrer engen Verwandten angelehnt, zumindest gilt das für alle Zeichen außer dem O. Dieses fällt definitiv aus dem Rahmen: es ist viel zu kreisrund und in der Strichstärke zu mager. Bei dem horizontal kreuzenden Wort BAR wirken der erste und letzte Buchstabe zudem nicht nur in der Höhe »gestreckt«, sondern die horizontalen Verbindungsstriche sind dort proportional zu den senkrechten deutlich schmaler als bei den Buchstaben der abwärts laufenden Zeile. Entweder sind diese beiden Glyphen aus Vorlagen professioneller Buchstaben stark modifiziert worden oder sie wurden komplett »selbstgemacht«, denn die Kurven und Innenräume »eiern« sichtbar.

Unten an der Fassade ist zwar nach wie vor ein vom mit Neonröhren besetzten Schriftzug ausgehendes Kabel zu sehen, ob die Installation nachts aber immer noch beleuchtet ist, kann ich nicht sagen. Sicher ist, dass die Bar unter diesem Namen seit mindestens März 2020 nicht mehr besteht, denn die letzte Newsmeldung auf deren früherer Website lautete »Hafenmelodie vorübergehend geschlossen«. Doch bereits drei Jahre zuvor änderten sich die gesetzlichen Bestimmungen für den Betrieb derartiger Einrichtungen deutlich. Mit dem bundesweit erlassenen Prostituiertenschutzgesetz mussten Bordellbetreiber seit 2017 wesentlich umfangreichere Vorschriften erfüllen. Demnach mussten behördliche Erlaubnisse und Zuverlässigkeitsprüfungen nachgewiesen sowie Hygiene- und Sicherheitskonzepte vorgelegt werden, zudem wurde neben Dokumentationspflichten auch eine Kondompflicht eingeführt. Im Juli 2020 berichtete die lokale Presse, dass die Stadt Trier etlichen städtischen Bordellen die Betriebserlaubnis entzog, weil sie die Auflagen nach dem neuen Gesetz nicht erfüllten. Der letzte archivierte Web-Snapshot der Domain hafenmelodie-trier.com stammt vom Juli 2021, danach wurde die Seite abgeschaltet und bis August 2024 eine Weiterleitung zu einer anderen nicht jugendfreien URL eingerichtet, deren Betreiber mit dem – wie ich finde – sehr deutsch klingenden Slogan »Hier verkehrst Du richtig« werben.

Doch dieser Spur werde ich nun definitiv nicht weiter folgen. 🤓 🔠 😅

« Ältere Beiträge
Das Typographische Fundstück
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies zur technischen Optimierung Deines Website-Besuches. Cookie-Informationen werden in Deinem Browser gespeichert und ermöglichen z.B., Dich bei einem erneuten Besuch wiederzuerkennen und zu verstehen, welche Inhalte Dich am meisten interessieren.