Im Vergleich zum letzten Beitrag aus Tangermünde zeigte sich bei den Recherchen zum heutigen typographischen Montagsbonbon, wie viel zahlreicher und ergiebiger die historischen Quellen zur Geschichte einzelner Gebäude, Betriebe und Geschäfte – im Gegensatz zu kleineren Ortschaften – in Großstädten sind. Dass der Ort der Betrachung darüber hinaus auch noch eine gewisse lokale Popularität besitzt, kommt erleichternd hinzu.
Auf einem frei improvisierten Fußweg von der Großen Elbstraße in Hamburg zum Bahnhof Altona kam ich vergangene Woche an dem alteingesessenen Lokal »Weinstube Zur Traube Emil Peters« in Hamburg-Ottensen vorbei, das nicht nur durch die extravagante »Rebenlampe« über dem Eingang meine Aufmerksamkeit erregte, sondern auch mit seinem schönen dunkelgrünen Werbeschriftzug an der Fassade. Um die Ansicht auf dem unten abgebildeten Foto frei von störendem Geraffel im Straßenland zeigen zu können, habe ich per Retusche ein Parkplatzschild auf dem Gehweg vor dem linken Fenster entfernt und die Traubenlampe ein klein wenig verkleinert und von der Buchstabenzeile abgerückt.

Bei dem Lokal handelt es sich tatsächlich um das älteste noch existierende Weinlokal Hamburgs. Obwohl die Besitzer im Laufe der Jahrzehnte mehrfach wechselten, ist es seiner Bestimmung, Gäste mit gutem Wein zu bewirten, bis heute treu geblieben. Seit Herbst 2022 führen die neuen Inhaber*innen Kristian Haas und Theres Neuhaus das traditionsreiche Wirtshaus. Auf der archivierten Website der langjährigen früheren Betreiber*innen Karin Wege und André Reuter findet sich zur Geschichte des Lokals folgender Text:
»Das Weinlokal ›Zur Traube‹ liegt versteckt in den verwinkelten Gassen von Alt-Ottensen. Im Jahre 1880 wurde der Grundstein des Hauses gelegt. Bis 1919 wurde im Haus eine Weinhandlung betrieben.
Emil Peters schuf ab 1919 mit dem Holzbildhauer Otto Wessel die Holzvertäfelung mit den 30 Zunftfiguren, die heute noch alle erhalten sind und richtete eine Weinstube ein.«
Quelle: web-archive.org – »Zur Traube«
Sogar ein hochauflösendes historisches Foto der Weinhandlung, die vor der Eröffnung der Weinstube dort ansässig war, konnte ich auf einer litauischen Website ausfindig machen. »Wein-Stube / Wein-Handlung Robert Dähmcke« steht auf den Fenstern und der Fassade zu lesen. Das Etagenhaus in der Karl-Theodor-Straße steht unter Denkmalschutz.
Die Beschriftung an der Hauswand scheint tatsächlich noch aus der Zeit der Eröffnung der Weinstube zu stammen, denn sie passt perfekt zum betreffenden Jahr 1919. Zwar ist anzunehmen, dass bei ihrer Anfertigung keine spezifische Schriftart zum Einsatz kam, denn wie schon häufiger bei derartigen Fundstücken, gibt es minimale Formvarianten bei gleichen Buchstaben – hier etwa die leicht unterschiedlich bauchigen u in den Wörtern »Zur Traube«. Trotzdem existieren einige Schriften aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, die eine augenfällige Ähnlichkeit zu der Zeile an der Fassade aufweisen. Sie alle sind einer Gruppe von Schriften zuzuweisen, die auch als »Zirkularschriften« bezeichnet werden und sich zwischen ca. 1880 und 1920 großer Beliebtheit erfreuten. So nannte man im historischen Bleisatz insbesondere für Rundbriefe und geschäftliche Einladungen entworfene Schreib- oder Kursivschriften. Der Begriff leitet sich von »Zirkular« (Rundbrief) ab. Einige Vertreter dieser Kategorie sind etwa die »Künstlerschrift Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, ca. 1904) oder die jüngere Interpretation »Nuptial (Script)« von Edwin W. Shaar für die Intertype Corporation aus dem Jahr 1952. Eine Vertreterin, in der sich sogar eine gestreckte Variante des an dem Lokal angebrachten langgestreckten s (ſ) wiederfindet, ist die »Rühlsche Kursiv«, die der Schriftgestalter und Professor an der Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig, Georg Schiller, ca. 1906 für die Schriftgiesserei C. F. Rühl in Leipzig gestaltete. Und obwohl die beiden Typen im Detail deutliche Unterschiede zeigen, sehe ich bei Duktus, Neigungswinkel und einigen Formdetails (W, u) durchaus plausible Indizien, dass dies eine zeitgenössische Inspirationsquelle für Emil Peters’ Reklameschriftzug gewesen sein könnte.

Diesmal quoll das Netz also förmlich über vor lauter Texten, Rezensionen, Geschichten, Presseartikeln und Quellen zu meinem Fundstück. Es gibt reichlich Fotos von außen und innen, man kann online einen Blick auf die alten, holzgeschnitzten Figuren und Wandtäfelungen werfen, und ich musste regelrecht achtgeben, mich in der Fülle des Materials nicht zu verlieren.
Deshalb ist nun auch Schluss für heute. Aber da ich ja in Hamburg meinen Hauptwohnsitz habe, erwäge ich tatsächlich – ganz abseits aller Theorie, reichlicher Weblinks und historischer Berichte –, der Weinstube einen realen Besuch abzustatten und ganz untypographisch mal ein Glas Wein dort zu genießen. 🤓 🔠 🍷 🍇
Weiterführende Links
➡️ Doku zum Thema aus der ZDF-Reihe »Terra X«: »Wein – Eine Geschichte durch Jahrtausende« (online verfügbar bis 02.08.2033)
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