Nochmal ein Fundstück aus Sachsen-Anhalt, diesmal aus der schönen Kaiser- und Hansestadt Tangermünde an der Elbe. Es war nicht unbedingt die Schönheit des Schriftzuges, die mich veranlasste, das Motiv fotografisch festzuhalten, sondern seine rührend ungelenke Ausführung, die in dem zweiten, spiegelverkehrten g ihr auffälligstes Merkmal aufweist.
Die Formen der Fraktur-Buchstaben wirken eher wie aus dem Gedächtnis als nach einer Vorlage gezeichnet, die bogenförmige Grundlinie tanzt munter, die Wortabstände zwischen »Glück u. Segen« sind gerade zusammen eine rauchen gegangen und auch das S sieht ein wenig sonderbar aus. Dennoch empfinde ich keine Häme ob der handwerklichen Unzulänglichkeiten, denn ich kann mir gut vorstellen, wie die beauftragten Handwerker das Relief mit der frommen Segensbitte konzentriert, mit der Zungenspitze zwischen den Zähnen, auf den Putz aufgetragen und koloriert haben. Es wirkt auf mich nicht unbedingt nachlässig oder lieblos, sondern strahlt eine gewisse hingebungsvolle Tapsigkeit aus, die durchaus Würdigung verdient.

Das prächtige Emblem ist über dem Seiteneingang des »Hotel & Restaurant ›Alte Brauerei‹« nahe der Kirche St. Stephan, angebracht. In dem Fachwerkhaus, das um 1855 neu erbaut wurde befand sich bis 1917 tatsächlich eine Brauerei – und nachdem das Gebäude im Anschluss jahrzehntelang ungenutzt blieb und zu verfallen drohte, wurde es von Vater Armin Schulze und Sohn Christian im Jahr 2010 gekauft, aufwendig saniert und durch eine moderne Brauanlage in einer angrenzenden, ebenfalls restaurierten Scheune ergänzt. Ziemlich genau 100 Jahre nach der Schließung des früheren Brauhauses begann die neue Inhaberfamilie dann, an dem historischen Ort erneut handwerklich gebraute Biere herzustellen. Das Familienunternehmen »Schulzens« umfasst neben der Brauerei, Biergarten, Hotel und Restaurant auch einen Hofladen, der neben den hausgebrauten, in Flaschen abgefüllten Bieren noch weitere (regionale) Lebensmittel und Produkte im Sortiment hat.
Natürlich habe ich als passionierter Bierliebhaber bei meinen Besuchen in Tangermünde auch schon den feinen Gerstensaft und die schmackhafte Brauhausküche probiert. Und das schöne Logo-Konzept von »Schulzens« mit der sehr wandelbaren zinnoberroten S-Initiale (Design: Claudia Besuch) mag ich auch richtig gerne.
Das klingt heute zwar wie ein bezahlter Werbebeitrag, aber der Schein trügt – es ist lediglich etwas übersprudelnder Enthusiasmus. 🤓 🔠 🍺
Weiterführende Links
➡️ Lesenswerter Artikel zur Geschichte der neu eröffneten Brauerei auf der Website »GEHEIMTIPP Sachsen-Anhalt«: »BIER BRAUCHT HEIMAT – Nach 100 Jahren lebt die Braukunst in Tangermünde wieder auf«
➡️ Recherchen zur Baugeschichte des historischen Brauereibetriebes, inklusive Stadt- und Bauplänen auf der Website »Familienforschung Hemprich«
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