In meiner Eigenschaft als Artdirektor und Grafik-Designer war ich schon des öfteren damit beauftragt, Reinzeichnungen für Werbemotive anzufertigen, die dann – auf Folie gedruckt – auf Gegenstände oder Fahrzeuge aufgebracht werden. Unabdingbar ist für diese Aufgabe, dass als Grundlage dafür verbindliche technische Zeichnungen und Maßangaben dazu vorliegen, welche Abmessungen und Formen die zu beklebenden Flächen haben. Auf Fahrzeugen gilt es, auf Fensteröffnungen, Fugen in der Karosserie, Zierleisten, Scheinwerfer, Rück- und Blinklichter und andere Aussparungen und technische Elemente auf der Oberfläche zu achten. Bei Bauelementen wie Wänden oder Türen sollte man neben Fugen z.B. auf Scharniere, Schlösser und weitere Beschläge und auch auf das Oberflächenprofil achten, denn Garagentore oder Container bestehen oft aus gewellten oder anderweitig gefalteten Blechflächen, die Motive verzerren oder aus bestimmten Blickwinkeln verdeckt erscheinen lassen. Auch bewegliche Teile am beklebten Objekt sollten im Auge behalten werden! Das Internet ist voll mit Fotos von »Design Fails«, die entstehen, wenn solche Details vorab zu wenig berücksichtigt werden. Im besten Fall ist der Lapsus nur amüsant, im schlimmsten Fall muss das Motiv abgenommen und komplett neu erstellt werden, weil inakzeptable Botschaften bzw. Motivkonfigurationen entstehen oder wichtige Elemente verdeckt oder abgeschnitten werden.

Eher harmlos ist die Problematik, die ich mit dem heutigen typographischen Montagsbonbon thematisieren möchte. In der Kopenhagener Metro fielen mir an einigen Stationen Werbemotive des Online-Versandhändlers zalando auf, die auf die Glasflächen aufgeklebt waren, die an den Bahnsteigen über die gesamte Länge die Gleise sichern. Fährt ein Zug ein, hält er passgenau an den automatischen Schiebetüren in diesen Trennwänden und die Einstiege der Metro öffnen sich zeitgleich damit.

Da sich sowohl zwischen den einzelnen Glaspanels als auch den beweglichen Türelementen sowohl Metallprofile als auch ca. 2–3 cm breite Spalten mit Gummidichtungen befinden, muss das Werbemotiv entsprechend in Segmente aufgeteilt werden. Bei der Anbringung des zalando-Logos haben sich die beauftragten Personen aus Grafik und Werbetechnik hier entschieden, das Teilmotiv mit dem Firmenlogo, das auf den zwei Flügeln der Schiebetüren klebt, einfach senkrecht zu zerschneiden und dann, um die Breite der jeweiligen Fuge versetzt, weiterzuführen. Das führt dazu, dass die Formen der zerschnittenen Buchstaben (l und d) eine Art optischen »Schluckauf« bekommen und dadurch breiter oder leicht deformiert wirken.

Ich fragte mich, was ich wohl getan hätte, wenn ich dieses Motiv für die Beklebung hätte vorbereiten sollen.

  • Möglichkeit 1: Die Umsetzung genau so vornehmen wie oben im Foto.
  • Möglichkeit 2: die durch die Spalten entstehenden Zwischenräume aus dem Motiv herausschneiden, so dass die natürlichen Formen der längs zerschnittenen Zeichen quasi unsichtbar »überbrückt« werden (Bild 2). Das ist allerdings nur ratsam bei hinreichend schmalen Spalten, die die Buchstaben nicht »auffressen«.
  • Möglichkeit 3: Das Logo behutsam so proportional skalieren, dass die Spalten exakt zwischen den Buchstaben zu liegen kommen, aber dafür in Kauf nehmen, dass das Logo nicht mehr perfekt zentriert auf der Motivfläche steht (Bild 3).

Ich glaube, wenn ich frei entscheiden könnte, wäre Möglichkeit 3 meine Präferenz. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich das leise Wimmern malträtierter Buchstaben nicht allzu gern höre. 🤓 🔠 🤕