Ein originelles künstlerisches »Mural« aus Kopenhagen soll heute das typographische Montagsbonbon sein. Ich entdeckte es während einer Wanderung über die städtische Halbinsel Refshaleøen durch den Zugang zu einem alternativen Veranstaltungszentrum. In dem Gebäude befinden sich unter dem Namen WERKSTATT167 nicht nur eine Bar mit Nachtclub und dazugehöriger 1000 m² großer Eventhalle, sondern auch der Streetfood-Markt Reffen. Das gesamte Areal an der nordwestlichen Seite der Insel Amager in Richtung des Kopenhagener Hafens ist geprägt von kiezigen, jungen Gewerbe-, Wohn- und Kunstprojekten. Man findet dort u.a. Craft-Beer-Bars (»Mikkeller Baghaven«), zu schwimmenden Wohnungen umgebaute Schiffscontainer (»Urban Rigger«) und ein Museum für zeitgenössische Kunst (»Copenhagen Contemporary«).

»Refshaleøen war einst das Herzstück der dänischen Industrie. Von 1872 bis 1996 befand sich hier die Werft Burmeister & Wain (B&W), die zu ihrer Zeit Dänemarks größter Arbeitgeber war. Tausende Arbeiter bauten hier innovative Schiffe, und die Werft war ein Symbol für den industriellen Fortschritt. Nach der Schließung des Werftbetriebs lag die Halbinsel lange brach und war für die Öffentlichkeit zunächst nicht zugänglich. Heute gilt Refshaleøen als Ikone der dänischen Industriegeschichte und hat sich zu einem lebendigen Treffpunkt für Kultur und Freizeit entwickelt.«

Quelle: go2kopenhagen.de – »Refshaleøen«

Das Fundstück aus Holz ist ein Mosaik aus knapp 100 bunten Vogelhäuschen, die auf großen Trägerbuchstaben an der Fassade der Industriehalle fixiert wurden und das Wort »LOVE« bilden. Diese Lettern sind vermutlich mit Zirkel und Lineal konstruiert worden, denn sie sind nicht nur nahezu exakt gleich breit, sondern zeigen auch kaum Variationen in der Strichstärke bei Senkrechten und Waagerechten. Bei professionell gestalteten, ähnlichen Typen wie »DIN Condensed« oder »Alternate Gothic« wäre dies aus Gründen der optischen Ausgewogenheit anders – die senkrechten Striche etwa wären etwas kräftiger als die waagerechten und beim V würden die Striche von oben nach unten leicht schlanker werden. Aber da die Formen der Lettern sowieso hinter den Häuschen zurücktreten, spielen solche Feinheiten hier m. E. keine nennenswerte Rolle.

Als ich im Netz recherchierte, welche kreativen Köpfe hinter dem Objekt stecken könnten und wann es angebracht wurde, stolperte ich relativ bald über den dänischen Konzeptkünstler Thomas Dambo. Seit jeher nutzt er für seine zumeist unter freiem Himmel errichteten Skulpturen Recyclingmaterialien wie Altholz oder Plastikabfall und kombiniert sie zu riesigen Figuren – meist Trolle, Tierfiguren oder andere Märchengestalten. Seine Werke sind rund um die Welt zu besichtigen und sogar in einer interaktiven Weltkarte, der »Trollmap« dokumentiert. Während seines Kunststudiums an der Kolding School Of Design kam er an eine größere Menge ausrangierter Holzpaletten und entwickelte die Idee, daraus 250 bunt bemalte Vogelhäuschen zu bauen, diese per Lastenrad in städtische Gegenden Dänemarks zu verfrachten und sie, auffällig gruppiert, zum Beispiel in Bäumen oder an Strommasten aufzuhängen. Dieses Projekt mit dem Titel »250 Birdhouses« bildete im Jahr 2009 den Beginn einer ganzen Reihe ähnlicher Installationen. Das Wandobjekt »Happy City Birds« an der leuchtend blau getünchten Giebelseite des Hauses, in dem sich Dambos erstes eigenes Studio befand, kommt dem Schriftzug an der Hafenhalle aus meiner Sicht schon ziemlich nahe.

Es stellte sich allerdings heraus, dass meine naheliegende Vermutung falsch war. Thomas Dambo ist nicht der Urheber des Street-Art-Werks. Denn ich hatte die drei Betreiber der Halle separat angeschrieben und tatsächlich erhielt ich vom Team bei Reffen eine Antwort. Man ließ sich zwar womöglich von Dambos Vogelhäusern inspirieren, ein »Original« ist das Mural jedoch nicht:

»The design and installation were all done in-house. Just like everything else at Reffen, we built it ourselves.«

Quelle: E-Mail, Reffen Venue Team

Leider gab es zum Zeitpunkt der Anbringung keine Angaben. Bei Google Street View dokumentiert ein Foto den Zustand der Fassade im Oktober 2024, dort ist die Installation noch nicht zu sehen. Erste Schnappschüsse auf Social-Media-Plattformen tauchen gegen Ende Juli 2025 auf. Einige Hinweise in den Suchergebnissen deuten darauf hin, dass das Wandobjekt im Kontext der letztjährigen Copenhagen Pride Week (9.–17. August 2025) angebracht worden sein könnte.

Doch wie auch immer – es ist ein schöner Blickfang mit einer unterstützenswerten Botschaft und für mich einmal mehr ein Grund, dass Kopenhagen ganz oben auf die Liste meiner Lieblingsstädte steht. 🤓 🔠 🌈 🩷