Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.
Es verdichtet sich bei mir allmählich das Gefühl, dass ich um so mehr typografische Fundstücke auf meinen Wegen, Reisen und Ausflügen erspähe, je mehr ich hier im Blog poste. Deshalb werde ich in dieser Woche die »Schlagzahl« noch einmal ein bisschen erhöhen und jeden Tag ein Typo-Häppchen servieren.
Das heutige stammt auch wieder aus Trier. Nach einem Einkauf nahe dem Trierer Hauptmarkt sah ich zufällig durch einen Torbogen (Pfeil im unteren Bild) dieses schöne Hausnummern-Relief an einem Eingang im Hof des Gebäudekomplexes der Markt- und Stadtkirche St. Gangolf. Und die interessante Ziffer 4 darin erforderte natürlich umgehend, dass ich durch das zufällig offenstehende Hoftor ging und sie für meine Sammlung dokumentierte. 🤓 🔠 ⛪️
Das heutige Thema des Fundstück-Potpourris aus Barcelona lautet »Embleme an Hauseingängen«. Davon habe ich diesmal vier schöne Exemplare von meiner Kurzreise mitgebracht – zwei mit Buchstaben und zwei mit Jahreszahlen.
Bei meiner Fotosafari durch die Straßen der Stadt kam ich nicht umhin, die zahllosen, im Jugendstil erbauten oder mit dekorativen Elementen dieser Epoche geschmückten Gebäude zu bemerken. Barcelona ist ein prachtvolles Sammelbecken dieser Architektur: Über 2.000 Gebäude, so heißt es, wurden in der Zeit zwischen etwa 1880 und 1930 im Stil des katalanischen »Modernisme« in der Stadt erbaut und sind zu großen Teilen bis heute erhalten geblieben. Durch Abriss der alten Stadtmauer bekam Barcelona damals die Möglichkeit, sich großzügig auszudehnen. Der parallel wachsende Reichtum durch Industrie und Kapital führte zu einer wohlhabenden Bürgerschicht, wohingegen im Rest Spaniens eine Depression herrschte. Dieser neue Wohlstand beflügelte den Nationalstolz der Katalanen, sodass der Jugendstil hier eine eigene politische Ebene beinhaltete, die von Aufbruch, Erneuerung und Selbstbestimmung geprägt war.
»Die Architekten des Modernismus entwerfen ihre Gebäude ›komplett‹: Alle Räume, Farben, Dekorationen, Rahmen, Stühle, Fußboden und Gardinen werden bis ins letzte Detail geplant. Inspirieren lassen sie sich dabei von der Kunst des Orients und von der Natur selbst: weiche Linien, Kurven, geometrische Formen und ein buntes Farbenspektrum dominieren in allen modernistischen Werken Barcelonas. Unter den Motiven findet man exotische Pflanzenranken, Blüten und Palmen. Im Gegensatz zu den geraden Linen und Formen des Neoklassizismus ist der katalanische Modernismus frech und verspielt.«
Und so stammen auch meine hier gezeigten Fundstücke aus dieser Zeit.
Das erste Emblem ist aus Metall gefertigt und in ein mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziertes Türgitter eingebettet. Es zeigt die mit Goldbronze bemalten Initialen »AM«, die mit Jugendstil-Buchstaben gestaltet und übereinandergelegt zu einer Art Monogramm arrangiert sind.
Ob die mit Beeren und Blättern versehene Einfassung Lorbeer- oder Olivenzweige darstellen sollen, konnte ich nicht belegbar herausfinden. Ich würde jedoch auf Lorbeer tippen, da die Beeren rundlicher aussehen sind und die Form der Blätter, ebenfalls botanisch passend, spitzer zuläuft als es gemeinhin bei Oliven der Fall ist.
Das zweite Emblem fällt garantiert in die Blütezeit des Modernisme, wie die Jahreszahl 1893 beweist. Interessant fand ich hier die diagonal gestürzte Anordnung, die in Verbindung mit den Verzierungen der Ziffern dem Gesamtgebilde eine fast abstrakt-ornamentale Anmutung verleiht.
Die Eingangstür unter dem steinernen Emblem ist ziemlich sicher kein Jugendstil. 😉
Fünf Jahre später wurde dann wohl dieses Emblem angebracht – erneut von floralen Ornamenten umgeben. Schlicht, aber schön, wenngleich gekrönt von neuzeitlichem Kabelsalat.
Das blaue Objekt am unteren Bildrand ist ein Bus, der vor dem Gebäude geparkt war.
Zum Schluss folgt noch ein Gesamtkunstwerk in Form des prachtvollen Portals des »Centro Aragonés de Barcelona«, eines 1909 gegründeten aragonesischen Kulturvereins, der sowohl eine 14.000 Bände umfassende Bibliothek beherbergt als auch ganzjährig Konzerte, Ausstellungen, Handwerksmärkte, Lesungen, Theateraufführungen und Workshops veranstaltet und u.a. für die aragonesische Community in der Stadt eine Anlaufstelle darstellt.
Typographisch interessant fand ich sowohl den bogenförmigen Schriftzug über dem Eingang als auch das »CA«-Monogramm in dem roten Gittertor. Beides würde ich gleichfalls dem Modernisme zuordnen, nicht nur aufgrund des o.g. Gründungsdatums des Vereins, sondern bei der Inschrift z.B. auch aufgrund der deutlich nach unten (beim A und R) bzw. nach oben (beim E) versetzten Mittelachse der Buchstaben. Bei dem Emblem deuten die geschweiften Enden der Bögen, Winkel und Stämme der Buchstaben darauf hin. Bemerkenswert sind auch die eckigen »Spiralen« im Kapitell am Kopf der Säulen links und rechts des Eingangs.
Nicht nur die typographischen Elemente, sondern auch das prachtvoll ornamentierte Ziergitter sind eine wahre Augenweide.
Ich zumindest kam beim Herumstromern mal wieder aus dem Staunen nicht heraus – und die heutigen Bildbeispiele zeigen aus meiner Sicht sehr schön, wie eng Typographie, Kunst und Architektur in manchen Epochen oder Regionen miteinander verbunden sein können. 🤓 🔠 ⚜️
Weiter geht’s beim »Abbau« meiner typographischen Fundstücke aus Barcelona mit einem Potpourri fantasievoller Ladenbeschriftungen. Ich war wieder einmal entzückt, wie individuell und originell die Gründer bzw. Inhaber ihre Schriftzüge gestalten, anstatt diesen Aufwand zu scheuen und zu beliebigen, inflationär verbreiteten Schriftarten zu greifen.
Lloable!*
* (katalanisch: lobenswert!)
Das erste Wort in der nachfolgenden Beschriftung – so hübsch es auf den ersten Blick aussieht – ist leider suboptimal gestaltet. Die beiden eher f-ähnlichen Zeichen sollen tatsächlich den Buchstaben t repräsentieren: Das katalanische Wort »tintoreria« – ich las es zuerst fälschlich als »finforeria« – bedeutet sowohl »Färberei« als auch »(chemische) Reinigung«. Der Text darunter »neteja i tint de la pell · i planxat al vapor« bedeutet übersetzt »Lederreinigung und -färbung · chemische Reinigung«. Das Geschäft ist inzwischen offenbar leider dauerhaft geschlossen.
Schön anzusehen, aber typographisch leider etwas irreführend umgesetzt. Vielleicht ist die Ladenbezeichnung für Muttersprachler leichter zu entschlüsseln, weil ihnen das gemeinte Wort bereits vertraut ist.Das Fotostudio »Daguerre« wurde tatsächlich bereits 1916 gegründet und feierte dieses Jahr somit sein 110-jähriges Bestehen. Alte Werbeanzeigen aus den Gründungsjahren sind auf der Website des Unternehmens dokumentiert.Noch einmal Leder, diesmal ein Modeatelier, gegründet vom Namensgeber Xavier Barris im Jahr 1986. Der eigens gestaltete Schriftzug an der Ladenfassade wurde aufwendig aus gebogenen Metallstäben gefertigt.Schriftzug an einem Schuhgeschäft. »Sabates« ist das katalanische Wort für Schuhe, der Laden heißt somit auf deutsch sinngemäß »Schuh-o-Thek«.
Der zweite Beitrag meiner am letzten Freitag begonnenen Bilderserie vom kürzlichen Berlin-Kulturausflug stammt direkt vom Gendarmenmarkt – genauer gesagt: an der Adresse Markgrafenstr. 39, direkt gegenüber dem Konzerthaus. Ich hatte noch etwas Zeit bis zum Beginn des anstehenden Konzerts und so ging ich die Straße entlang, um mir die benachbarten Gebäude einmal näher anzusehen. Die vollständig mit einem gelb-roten Mosaik geschmückte Fassade dieses Hauses stach in der Reihe der Nachbargebäude besonders hervor. Und erst auf den zweiten Blick bemerkte ich hinter den Baumkronen (siehe animierte Markierung im Bild) drei – ebenfalls aus Mosaiksteinchen gefertigte – Schrifttafeln.
Um diese Tableaus überhaupt unverdeckt abbilden zu können, machte ich aus verschiedenen Blickwinkeln, zwischen den Ästen der Bäume hindurch, mehrere separate Aufnahmen und fügte diese zu einer simulierten Gesamtansicht zusammen.
Im Erdgeschoss des Gebäudes unter den insgesamt drei knallroten Markisen befinden sich im Bereich der Eingangstür mehrere in die Fassade eingelassene Beschriftungen: oberhalb: »Akademie Buchhandlung G. W. Leibniz«, links neben der Tür, von oben nach unten: »AKADEMIE·VERLAG·BERLIN« und rechts, ebenfalls von oben nach unten: »HERMANN·BÖHLAU s Nachf. WEIMAR«. Auf der Markise selbst wirbt der derzeitige Inhaber des dort ansässigen Geschäfts mit den Schlagworten »Tradition & Qualität« (linke Markise), »Plauener Spitze«, »Kuckucksuhren« und »Erzgebirgswaren« (mittlere Markise) und »Made in Germany« (rechte Markise) für sein Angebot. Oben auf der zentralen Markise befindet sich zudem der Name des Handelsunternehmens, der nur zu sehen ist, wenn das Stoffdach voll ausgefahren ist: »DAS SACHSENHAUS«. Kurioserweise wurde dieser in der wenig traditionsgemäß wirkenden, kantigen Computerschrift »Krungthep« gesetzt, die von 1984–97 unter dem Namen »Chicago« (Susan Kare für Apple Computer, 1983) und anfangs als reiner »Pixel-Font« Bestandteil der Systemsoftware von Apple-Macintosh-Computern war. Der legendäre Font ist zwar nach wie vor auf der MacOS-Plattform verfügbar, allerdings inzwischen unter geändertem Namen und um einen thailändischen Zeichensatz ergänzt.
Das erste Wort bei der Beschriftung in der oberen Zeile wurde aus unerfindlichen Gründen mit »falschen Kapitälchen« und auf etwa 80% Zeichenbreite gestauchten Buchstaben »gestaltet«.
Die Beschriftungen auf den Frontseiten der Markisen wurden in der Schriftart »Arial Rounded MT Bold« (Robin Nicholas, 1993 für Monotype) umgesetzt. Auch dies ist eine Systemschriftart, allerdings lizenziert von Microsoft für ihre Office-Applikationen. Tradition, wohin man blickt …
Doch zurück zum Gebäude. Man könnte annehmen, dass »Das Sachsenhaus« die Bezeichnung für dieses Wohn- und Geschäftshaus ist. Dem ist jedoch nicht so, dieser Name bezieht sich allein auf diese Filiale des folkloristischen Ladengeschäfts. Auf der Website der Bildagentur akg images finden sich einige Aufnahmen des Bauwerks, die noch zu DDR-Zeiten entstanden sind und das Erdgeschoss ohne Markise und mit dem zuvor dort ansässigen Buchladen zeigen. Dieser vertrat den bereits oben genannten, renommierten »Akademie-Verlag« und wurde im Jahr 1988 an diesem Standort – damals hieß die Adresse noch »Platz der Akademie« – eröffnet. Kein Zufall – denn sowohl die Benennung des Platzes als auch der Buchhandlung waren zu Repräsentationszwecken von staatlicher Seite bewusst aufeinander abgestimmt:
»Der Akademie-Verlag (Eigenschreibung: Akademie Verlag, früher Akademie-Verlag Berlin) war ein von 1946 bis 2013 bestehender deutscher Wissenschaftsverlag mit Sitz in Berlin. Er verlegte Werke aus den Fachgebieten Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Er war der bedeutendste Wissenschaftsverlag der DDR. Insgesamt erschienen über 12.000 Buchtitel und über 60 regelmäßig erscheinende Zeitschriften mit über 700.000 einzelnen Heften.
Im Signet des Verlags fand sich seit 1957 der Kopf von Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Gründer der Akademie im Jahre 1700, sowie der lateinische Wahlspruch ›THEORIA CUM PRAXI‹ (Theorie mit Praxis). (…) Mitte der 1950er Jahre gehörte er zu den größten Exportverlagen der DDR. Anfang der 1970er Jahre exportierte der Verlag 55 % seiner Produktion ins westliche Ausland. Mitte der 1980er Jahre waren es 66 %. Das anfangs noch recht übersichtliche Programm wuchs in die Breite und umfasste rund 25 Wissensgebiete aus Geistes- und Naturwissenschaften, Medizin und Technik.«
Signet des Akademie-Verlags | Quelle: Wikimedia Commons · ohne Urheberrechtsbeschränkung
Damit ist auch geklärt, in wessen Auftrag und zu welchem Zeitpunkt die drei Mosaik-Texttafeln unter den Fenstern im 1. Obergeschoss des Hauses angebracht wurden. Und obwohl der erste Eindruck vermuten lässt, dass es sich um ein frühes historisches Gebäude handelt, widerlegen online verfügbare Quellen auch dies. Das Ensemble aus Wohn- und Geschäftshäusern an der Adresse Markgrafenstr. 39–41 wurde tatsächlich erst in den Jahren 1985–87, kurz vor dem Fall der Mauer, errichtet.
»Die Baumaßnahmen der 1980er Jahre am Platz der Akademie (seit 1991 wieder als Gendarmenmarkt bezeichnet) belegen anschaulich das Ziel, eine der Bedeutung des Standortes angemessene Gestaltung zu finden. […] Im Brüstungsbereich der Fenster und im Traufbereich werden durch dunkelrote Mosaiksteine vom Jugendstil inspirierte Zierelemente angedeutet. […] In den Brüstungsfeldern der darüber gelegenen Fenster befindet sich mit dem Schriftzug ›THEORIA CUM PRAXI‹ die von Gottfried Wilhelm Leibniz stammende Maxime für die von ihm begründete Akademie der Wissenschaften.«
»Fake-Jugendstil«, könnte man also gemäß heutigem Vokabular zur Fassade des Vorzeigebaus für den angesehenen Verlag sagen. Und irgendwie passt diese »Mosaiktapete« ja dann auch wieder ganz gut zu den mit Computer-Systemschriften bedruckten Markisen an dem aktuell dort betriebenen Kunstgewerbeladen. 🤓 🔠 📖
Mit dem heutigen Beitrag möchte ich eine kurze zweiteilige Serie mit Fundstücken einleiten, die ich innerhalb einer guten Stunde in Berlin aufgetan habe. Ich machte mich an einem Samstag Ende März mit dem Regionalzug auf nach Berlin, um am Nachmittag ein spannendes Konzert an der Orgel des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, gespielt vom jungen Virtuosen und Organist der Berliner Gedächtniskirche, Sebastian Heindl, zu besuchen.
»Ein Heldenleben? – heroische Musik für Orgel«
Rachel Laurin – „Étude Héroïque“ op. 38
Clara Schumann – „Caprice á la Boléros“ aus „Quartre Pièces caractéristiques“ für Klavier op. 5, für Orgel übertragen von Sebastian Heindl
César Franck – „Symphonie héroïque“ (zusammengestellt von S. Heindl)
Sebastian Heindl – Improvisation (u. a. über Themen aus dem Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber)
Meine Zugreise endete am Bahnhof Potsdamer Platz und ich beschloss, da noch Zeit genug war, den Weg zum Konzerthaus zu Fuß zurückzulegen. Nach wenigen hundert Meter Wegstrecke bemerkte ich an einer Straßenkreuzung ein großes Jugendstil-Eckhaus, dessen Fassade mit opulenten Mosaiken in Grün, Gold und Schwarz und der Abkürzung »W.M.F.« geschmückt war. »Interessant«, dachte ich – liegt doch der Firmensitz und Gründungsort, Geislingen an der Steige, gut 500 km Luftlinie entfernt. Die 1853 gegründete Firma WMF (Württembergische Metallwarenfabrik), seit den 1950-er und 1960-er Jahren bekannt für ihre ebenso funktionalen wie ästhetischen Haushaltswaren, schien also bereits früh Bedarf an einer repräsentativen Niederlassung in der deutschen Hauptstadt gehabt zu haben.
Tatsächlich hat das 1903/1904 als Verwaltungsgebäude des Unternehmens errichtete »WMF-Haus« eine interessante und bewegte Geschichte:
»Das Gebäude […] diente zum Zeitpunkt der Eröffnung dem Unternehmen als Verwaltungsgebäude. […] Im Erdgeschoss bedienten 100 Angestellte die Käufer, zwei darüberliegende Etagen beherbergten eine Musterausstellung des Unternehmens. In den obersten Etagen befand sich die Berliner Redaktion der französischen Zeitung Le Matin.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte es verschiedene Nutzer, unter anderem ein Konfektionsgeschäft, ein Lebensmittelgeschäft und einen Auto-Ersatzteile-Markt. Das Gebäude wurde vom Ost-Berliner Magistrat für die Verbreiterung der Straße 1986 enteignet und verfiel. Am 6. Juni 1990 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, die WMF erhielt es zurück und verkaufte es […]. Das Haus wurde berühmt, weil es Anfang der 1990er Jahre Namensgeber und Gründungsstätte für den Technoclub WMF-Club war, dieser besetzte das Haus und veranstaltete illegale Partys.«
Die Embleme links und rechts des Firmennamens in den Mosaiken zeigen einen laufenden Vogel Strauß. Dieses Markensymbol des Unternehmens wurde um 1903 – also etwa zeitgleich zum Baujahr des Hauses – eingeführt, um Produkte des Unternehmens mit einem geprägten Motivstempel als Originale zu kennzeichnen. Man nimmt an, dass das Symbol Strauß vom Nachnamen eines der WMF-Gründer (Daniel Straub) abgeleitet wurde. Zur Entstehungsgeschichte und Nutzung dieses und weiterer WMF-Markenzeichen finden sich viele weitere Details auf der Website des auf antike Tischwaren und Bestecke spezialisierten Antiquitätenhändlers Ralph Prüschberg.
Obwohl nur die drei Buchstaben des Monogramms für die Analyse der Schriftart zur Verfügung stehen, bieten sowohl das Entstehungsjahr des Gebäudes als auch die ausladenden Formen und markanten Serifen der genutzten Zeichen genug Anhaltspunkte, um sie ähnlichen Schriften vom Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts zuzuordnen. Exakte Übereinstimmungen ließen sich zwar nicht finden, aber große Ähnlichkeiten. Drei Beispiele für verwandte Schriften, inspiriert oder abgeleitet aus jener Zeit, sind »MFC Elmstead« (Font Brothers, nach Initialen aus dem Buch »Monograms and Alphabets for Combination« von Dollfus, Mieg & Cie aus den 1880-er Jahren), »Remus« (Ralph M. Unger, nach dem Schriftentwurf »Romanisch« von Schelter & Giesecke, 1889) oder »TS Verona« (Walter Florenz Brendel/Brendel Type Studio, 1974–1978 für die »TypeShop Collection« nach Schriftentwürfen ).
Zum wiederholten Male ein feines Fundstück aus der Ära des Jugendstils – eine Zeit, die für schöne Schriften unglaublich ergiebig zu sein scheint. 🤓 🔠🍴
Wie jeden Montag habe ich für heute wieder einen Schnappschuss vorbereitet, diesmal einen, der auf der Durchfahrt durch das Dorf Schönfeld im Landkreis Stendal entstand. Schon mehrmals war mir dort an einem alten Backsteingebäude, das aussieht, wie eine Scheune oder ein Stallgebäude, die verwitterte, aufgemalte schwarzweiße Schrifttafel mit dem Wort »Ausspannung« aufgefallen. Diesmal hatte ich genug Muße, um kurz anzuhalten und ein Foto davon zu machen.
Bei der Nachzeichnung des Schriftzuges habe ich die Buchstabenabstände provisorisch ein bisschen harmonischer ausgeglichen.
Das seit 2020 zur Gemeinde Kamern gehörende Dorf Schönfeld wird erstmals im Jahr 1420 urkundlich erwähnt und beging 2020 seine 600-Jahr-Feier. Insofern ist die Annahme realistisch, dass es sich bei dem Anwesen früher um ein Gasthaus mit oder ohne Übernachtungsmöglichkeit handelte, in dem Reisende, die mit Pferdekutschen unterwegs waren, eine Rast einlegen konnten, um die Tiere zu verpflegen und sich selbst ebenfalls zu stärken und auszuruhen.
»Der Ausspann, regional auch die Ausspanne, ist eine früher übliche Bezeichnung für ein Gasthaus oder eine Schänke an alten Handelsstraßen, das Raum zur Unterbringung von Pferden und Wagen der Reisenden bot.
Auf langen Handelsreisen war es erforderlich, Übernachtungspausen einzulegen. Der Begriff ›Ausspanne‹ weist auf ein Gasthaus mit der Möglichkeit zum Ausspannen der Pferde aus den Fuhrwagen und Kutschen hin, also auf die Übernachtung der Reisenden und das Unterstellen der Tiere im Stall. Allgemein wurden solche Gasthäuser auch als Ausspannwirtschaft oder Ausspannlokal bezeichnet.
Im heutigen Sprachgebrauch ist das Verb ausspannen (sich erholen, entspannen) noch gebräuchlich, obwohl sein wörtlicher Sinn verloren gegangen ist.«
Bestätigt wird die Annahme, dass es sich um ein Wirtshaus handelt, auch hier wieder durch ein »Geisterbild« des Wortes »Gaststätte«, das in der rechten unteren Ecke der bemalten Fläche schemenhaft erhalten blieb. Die exakte typographische Gestaltung ist zwar auf diesem Wandbild auf der Nordseite nicht mehr rekonstruierbar, aber – o Wunder! – auf der Südseite desselben Gebäudes befindet sich direkt gegenüber ein zweites, gleich großes Motiv, auf dem zwar der Schriftzug »Ausspannung« deutlich schwächer erkennbar ist, aber die Gaststättenwerbung die Zeit besser überdauert hat. So konnte ich mithilfe kontrastverstärkender Bildfilter und anderen Nachbearbeitungen ziemlich gut rekonstruieren, wo der Schriftzug stand, wie er in etwa proportioniert war und was dort auf den anscheinend identisch beschrifteten Flächen einst stand. Links sind die beiden Großbuchstaben »HO« erkennbar – die Beschriftung bewarb somit eine »HO-Gaststätte«, eine Kette mit Restaurantbetrieben, die von 1948 bis 1990 in der ehemaligen DDR betrieben wurde. Und auf dem zweiten Wandbild ist klar erkennbar, dass es sich um eine »KOMMISSIONS(-)Gaststätte« handelte.
Das zweite Werbemotiv von der gegenüberliegenden, nach Süden weisenden Seite des Gebäudes und mein Versuch einer Rekonstruktion der Komponenten dieses Schriftzuges.
Interessant ist, dass die ältere Beschriftung, die auf die Pferdefuhrwerke hindeutet, auf der Nordseite kräftiger erscheint als die HO-Gaststätten-Beschriftung, die ja erst nach 1948 entstanden sein kann. Ich vermute, dass der neuere Farbauftrag die Witterungseinflüsse aus irgendeinem Grund schlechter verkraftet hat als die darunter befindliche, ältere Beschriftung – zumindest auf einer Seite des Gebäudes.
Bei dem Gaststättenmotiv fielen mir insbesondere die seltsam »tiefliegenden« S im Wort »KOMMISSION« auf und die beiden markant geschwungenen S bei »Gaststätte«. Vielleicht hatte der oder die Schildermaler*in ja eine Vorliebe für eine gewisse Extravaganz speziell bei der Gestaltung dieses Buchstabens.
Bei dem älteren Schriftzug »Ausspannung« fand ich zudem die Ähnlichkeit des kleinen g mit dem kleinen g in einem anderen historischen Werbemotiv aus Trebbin spannend, rund 100 km Luftlinie entfernt, das in meinem Foto zum Blogbeitrag vom 20.03.2026 auftaucht und dessen Entstehungszeit ich auf Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt hatte. Vielleicht wurden ja beide Motive etwa zur selben Zeit angebracht?
Es bleiben also mal wieder ein paar Fragezeichen stehen, denn weitere Details zu dem Gebäude und dem Wirtshaus blieben leider trotz meiner Nachforschungen im Dunkeln. Also: Zeit, den Rechner zuzuklappen und bei einer Tasse Kaffee erstmal ein bisschen auszuspannen … 🤓 🔠 🐴
Und nun mal wieder ein inländisches Fundstück. Geknipst habe ich es bei einem kurzen Stopp bei der Durchfahrt durch den Ort Rehberg im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt.
Zu diesem Betrieb erbrachte meine Suche im Netz leider diesmal keinerlei valide Informationen betreffend Gründung oder Historie. Gegenwärtig scheint das Gebäude als Wohnhaus zu dienen, ein dort ansässiges Gewerbe ist von außen nicht zu erkennen, das Baujahr des Hauses wird online als »1919 oder früher« datiert. Da die Beschriftung in einer eigens ausgesparten Vertiefung im Mauerwerk platziert ist, würde ich davon ausgehen, dass diese Fläche bereits beim Bau des Hauses angelegt wurde.
Die Schrift ist zwar einerseits sorgsam per Hand gemalt worden und offenbar auch über die Jahrzehnte gereinigt oder restauriert worden, andererseits wirken die Buchstaben in ihren Formen unterschiedlich »schwer« und ergeben dadurch ein etwas unruhiges Gesamtbild. Dass die Versalien M, G, F, H und P betont kräftig angelegt sind, ist bei solchen Beschriftungen nicht unüblich. Doch innerhalb der Gruppe der Kleinbuchstaben gibt es deutliche Schwankungen: e, o, a, g und c weisen sehr feine Strichstärken auf, bei s, t und r sind sie schon etwas stärker, aber bei h, i, d, u, l und n sind die Striche und Serifen insgesamt deutlich fetter.
Bei professionell(er) gestalteten Schriftarten mit einem ähnlichen Formenkanon zeigt sich die Gesamtanmutung deutlich harmonischer.
Zu lernen gab es bei diesem Fundstück auch, was das aus der Mode gekommene Wort »Fourage« bedeutet. Es bezeichnet sowohl die Versorgung von Militäreinheiten als auch von Nutztieren mit Nahrungsmitteln. 🤓 🔠 🌽
Furage (alternative Schreibung: Fourage) »›Verpflegung‹ (für die Truppe), ›Futter‹ (für die Pferde), Entlehnung (17. Jh.) von frz. fourrage m. ›Viehfutter‹, abgeleitet von afrz. feurre ›Stroh‹, das auf afrk. fodar beruht. (s. Futter).«
Heute folgt das vorerst letzte Foto mit einem typographischen Fundstück aus Kopenhagen. Fotografiert habe ich die Beschriftung dieses alten Gasthauses am Kanal Nyhavn nahe dem Stadtzentrum.
»Der Nyhavn (dänisch für ›neuer Hafen‹) ist ein zentraler Hafen in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Der 1673 fertiggestellte Kanal Nyhavn wurde in Auftrag gegeben, um einen Stichkanal vom Kopenhagener Hafen zum Platz Kongens Nytorv zu schaffen. Die farbenfrohen Giebelhäuser an beiden Seiten des kleinen Hafenarms entstanden vorwiegend im 18. und 19. Jahrhundert. Das Hafenmilieu brachte frühzeitig zahlreiche Tavernen hervor, und die Gegend ist bis heute mit ihren vielen Restaurants, Bierstuben und Tanzlokalen neben der Istedgade eines der bekanntesten Vergnügungsviertel Kopenhagens.«
Es ist ja manchmal so an solchen touristischen Brennpunkten, dass vor lauter Besucher*innen, Shoppingflanierenden, Sonnenschirmen, Markisen, dicht möblierten Außenbereichen, Straßenkünstler*innen und Radfahrenden die Fassaden der Gebäude optisch etwas ins Hintertreffen geraten. Gleichwohl lohnt es sich, auch an wuseligen touristischen Orten ab und zu innezuhalten und sich umzuschauen, um abseits des Trubels ein Auge auf Details zu werfen.
Das Gasthaus »Nyhavns Færgekro« mit seiner einst weißen, seit ca. 2011 jedoch leuchtend blauen Fassade, befindet sich nur zwei Häuser links des ältesten Gebäudes an diesem Straßenzug, welches im Jahr 1681 an der Adresse Nyhavn 9 erbaut wurde. Etwa 50 Jahre später, um das Jahr 1736, entstand dann an der Hausnummer 5 das Bauwerk auf dem Foto, zunächst als zweistöckiges Gebäude. In den folgenden rund 100 Jahren wurde es in Etappen um zwei Etagen aufgestockt und diente offenbar zunächst als städtisches Wohnhaus. Das Hinterhaus mit Keller und drei Stockwerken wurde 1757 im Auftrag des Gastwirtes Lorentz Svendsen erbaut.
»Færgekro« bedeutet auf Deutsch »Fährkrug« oder »Fährhaus« (Færge = dän. Fähre; Kro = dän. Krug, Gasthaus, Wirtshaus, Gaststätte). Es handelt sich um ein traditionelles, oft historisches Gasthaus oder Hotel, das direkt an einem Fähranleger liegt. Zumeist bieten Færgekroen neben Gastronomie auch Übernachtungsmöglichkeiten an und ihre Lage gewährt Blick auf das Wasser.
Belegt ist jedoch, dass sich in Nyhavn 5 um 1911/1912 einst die Büros der White Star Line befanden – der Reederei, die Fahrkarten für die »RMS Titanic« verkaufte. Wenn man genau hinschaut, sollen auf den erhaltenen historischen Fensterscheiben des Hauses noch immer die Namen der Reiseziele »New York«, »São Paulo« oder »Rio de Janeiro« erkennbar sein, die damals zu Werbezwecken in das Glas eingraviert wurden. Die meisten Passagiere, auch jene aus Skandinavien, waren Auswanderer, die sich aufmachten, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen und buchten zumeist die günstigsten Tickets in der 3. Klasse. Im Hafen Southhampton gingen Aufzeichnungen zufolge 196 Passagiere aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland an Bord. Zu 12 der dänischen Passagiere ist online sogar eine Namensliste einsehbar. Es ist tatsächlich Zufall, dass dieser Blogbeitrag heute online geht, nur drei Tage, nachdem sich die Katastrophe um dieses legendäre Schiff mit rund 1.500 Todesopfern zum 114. Mal jährt, denn ich recherchiere zu den einzelnen Motiven erst tiefergehend, während ich an den vorab datierten Beitragsentwürfen arbeite und darin nach und nach meine zusammengetragenen Erkenntnisse miteinander verknüpfe.
Der Schriftzug am Gasthaus, in der Nachbearbeitung etwas enger gesetzt und monochrom eingefärbt.
Die Ursprünge des Schriftzuges an der Fassade zu ergründen ist nicht ganz einfach. Ungewöhnlich sind daran die spiraligen Verzierungen an den Initialen sowie an y, s, und g. Eine ähnliche Form des y findet sich auf der Seite eines gedruckten Buches aus dem Jahr 1750. Auch der ausladende gebogene Aufstrich am v ist eher untypisch für frühe gebrochene Schriften, deren Formen auf dem Duktus einer Breitfeder beruhen. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen des Klassizismus, machten sich Schriftgestalter daran, die Formen der gebrochenen Schriften zu modernisieren. Der Drucker Johann Friedrich Unger aus Berlin entwickelte zwischen 1785 und 1794 mit der »Unger-Fraktur« eine solche Schrift, die sich bereits deutlich von den historischen Buchstabenformen löste und deren strenge Anmutung in Richtung modernerer Antiqua-Schriften öffnete. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden nach und nach weitere »modernisierte« Frakturschriften in diesem Sinne, so z. B. die »Aristokrat« (Albert Auspurg, 1912), die eine entfernte Ähnlichkeit zu dem Schriftzug des Kopenhagener Wirtshauses zeigen. Auch üppiger verzierte Varianten, auch »Kanzleischriften« genannt, entstanden vielfach in dieser Zeit.
Ein wahrer Glücksfund bei der Recherche war ein hochauflösendes historisches Motiv des dänischen Fotografen Peter Elfelt (1866–1931) aus dem Bestand digitaler Fotografien der Königlichen Dänischen Bibliothek. Ganz links am Rand kann man darin (inklusive der Hausnummer 5) das heutige Wirtshausgebäude erkennen. Anhand der im Kanal vertäuten Schiffe wird das Bild in Forendiskussionen datiert zwischen 1906 und 1931. Damals befanden sich an der Fassade, wie man sieht, noch die Werbeschriftzüge der Reedereien. Der Schriftzug »Nyhavns Færgekro« muss also zwischen frühestens 1911/12 (Zeitraum des Ticketverkaufs für die »Titanic«) und ca. 1930 (Motiv der o.g. Postkarte) angebracht worden sein.
Es war wieder ein spannendes Fundstück – ich hätte nie gedacht, dass mich die Geschichte dieser im Vorbeigehen geknipsten Fassade diesmal sogar bis zur tragischen Legende der »Titanic« führen würde. 🔠 🚢
Wer (zumindest von den etwas älteren unter uns) kennt es nicht, dieses legendäre gesprochene Intro zu Beginn vieler der gruselig-trashigen Krimis aus den späten 1950-er bis frühen 1970-er Jahren? Zum ersten Mal zu hören – gesprochen vom verantwortlichen Filmregisseur Alfred Vohrer himself – war es allerdings erst in der zwölften Produktion, »Das Gasthaus an der Themse«. Deutsche Schauspiel-Ikonen jener Zeit wie der typisch irrlichternde Klaus Kinski, Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Hans Paetsch, Eva Pflug, Siegfried Lowitz, Ingrid van Bergen, Wolfgang Völz, Ida Ehre, Lil Dagover, Hans Clarin und natürlich Eddi Arent gaben sich am Set die Klinke in die Hand. Charakteristisch für viele der Thriller sind auch die jazzig-wilden Soundtracks des Komponisten Peter Thomas, die er zwischen 1961 und 1971 für stattliche 18 davon beisteuerte.
Die erfolgreichsten Filme der Reihe lockten damals bis zu 3,6 Millionen Zuschauer in die Kinos. Es gibt Parodien, Remakes, Zitate, Hommagen – aber manchmal müssen es auch mal wieder die Originale sein. Außerdem kenne ich noch bei weitem nicht alle Werke der Kult-Krimireihe, und so wählte ich für einen nostalgischen Heimkinoabend kürzlich den letzten noch in Schwarzweiß gedrehten Streifen »Der unheimliche Mönch« aus dem Jahr 1965 aus.
»Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen.«
Und der Vorspann dieses Films soll heute Thema für das typographische Fundstück der Woche sein, denn sein famose Lettering prädestiniert ihn auf jeden Fall dafür. Drei der eingeblendeten Schrifttafeln habe ich zur Illustration für diesen Beitrag nachgezeichnet, was dank der klotzig-geradlinigen Konturen angenehm flugs von der Hand ging. Tatsächlich scheint keiner der Buchstaben dem anderen zu gleichen, die Texte wurde somit anscheinend komplett von Hand angefertigt.
Wer genau hinschaut, erkennt im Hintergrund der beiden unteren Bildmotive das in Niedersachsen gelegene Herrenhaus Schloss Hastenbeck, das im Film als Drehort für den zentralen Schauplatz des Mädchenpensionats diente. Foto: Wikimedia Commons | Public Domain.
Man sieht, es gab nicht nur Versalien, sondern auch einen kompletten Satz Kleinbuchstaben, des Weiteren finden sich auf der Tafel mit dem Titel des Films – beim D zu Beginn der oberen Zeile sowie bei Ö und C im Wort »Mönch« –gestalterische »Ausreißer« in Form etwas kurvigerer Buchstaben. Insgesamt machen die Lettern auf mich den Eindruck, als seien sie mit einer großen, scharfen Schere improvisiert aus Papier ausgeschnitten worden.
Auch beim Film selbst sind noch einige cineastische Details einer Anmerkung wert. So gibt etwa eine gewisse Ursula Glas darin als eine der von dem ominösen Mönch bedrohten Mädchenschülerinnen ihr Schauspieldebüt, ehe sie für die 1968 gedrehte Komödie »Zur Sache, Schätzchen« ihren (Künstler)Namen fortan in Uschi Glas änderte. Der sonst in vielen Edgar-Wallace-Verfilmungen als skurriles Faktotum besetzte Eddi Arent verkörpert in »Der unheimliche Mönch« ausnahmsweise und zudem ganz ohne sein häufiges Overacting einen deutlich stilleren Charakter und ist maßgeblich in die überraschende Wendung involviert, welche die Handlung zum Ende nimmt. Natürlich wirken die gut 60 Jahre alten Streifen aus heutiger Sicht mit ihren stereotypen Rollenbildern klar aus der Zeit gefallen. Die weiblichen Figuren agieren allesamt ängstlich und schutzbedürftig, die männlichen Darsteller stets wagemutig und unerschrocken. Und die reiferen Herren nehmen sich in einem Fort heraus, jede Frau, die jünger ist als sie selbst, wahlweise mit »Kindchen« oder »mein Kind« anzureden. Doch rechnet man auch dies dem Trash-Faktor hinzu, können die Filme dennoch durchaus unterhaltsam sein.
Alle, die an der Handlung (ohne Spoiler) interessiert sind, finden eine kurze Zusammenfassung im folgenden Absatz. Ein ausführlicherer Beitrag, dann allerdings inklusive der Auflösung, ist unten bei den weiterführenden Links aufgeführt. 🤓 🔠
Ein als Mönch getarnter Verbrecher, der zugleich als Mädchenhändler agiert, versetzt das englische Schloss Darkwood in Angst und Schrecken. Dort betreibt die angesehene Lady Patricia ein Internat für junge Mädchen. Nach dem Tod des alten Schlossherrn häufen sich rätselhafte Todesfälle, während gleichzeitig die Erbfrage ungeklärt bleibt. Obwohl sich Sir William und Sir Richard um ihre Nichte Gwendolyn sorgen, die als alleinige Erbin vorgesehen ist, gelingt es ihnen nicht, ein Attentat auf sie zu verhindern. Um Gwendolyn zu beschützen und das Geheimnis des unheimlichen Mönchs aufzuklären, erscheinen schließlich Inspektor Bratt und Sir John von Scotland Yard auf Schloss Darkwood.
Und wieder ein Streifzugfoto aus Kopenhagen als montägliches Typo-Bonbon. Ebenfalls im Stadtteil Frederiksberg erblickte ich an einer Klinkerfassade diesen hübschen Neonschriftzug. Erst nahm ich an, es handele sich um eine Leuchtwerbung für ein Unternehmen, doch anscheinend war es einst durchaus üblich, größere, ganzheitlich konzipierte Wohnanlagen derartig zu beschriften, denn um eine solche handelt es sich.
Im Netz finden sich zu dem Namen des Gebäudes und des dazugehörigen Areals folgende Informationen:
Hostrups Have ist eine berühmte funktionalistische Wohnsiedlung mit dazugehöriger Grünfläche an der Ecke Falkoner Allé und Rolighedsvej im Stadtteil Frederiksberg in Kopenhagen. Entworfen wurde sie von dem dänischen Architekten Hans Dahlerup Berthelsen in den Jahren 1935–36 und benannt nach dem Dramatiker Jens Christian Hostrup.
Die Anlage hat eine eigene Postleitzahl und befindet sich auf dem Gelände der alten Rubens Klædefabrik, einer Textilfabrik, die zuvor seit 1857 dort ansässig war. Diese wurde 1927 geschlossen und abgerissen. Hostrups Have ist ein typisches Beispiel für den dänischen Funktionalismus, der in den 1930er Jahren aufkam. Der dreiflügelige Komplex erstreckt sich über fünf Stockwerke, ist aus Backstein errichtet und hat eine Gesamtfläche von 60.000 Quadratmetern. Ursprünglich umfasste er neben 680 Wohnungen auch 30 Gewerbeeinheiten.
Über dem Haupttor am Rolighedsvej befindet sich ein Neonschriftzug aus dem Jahr 1937 mit dem Namen der Siedlung. Ursprünglich war der 45 Meter hohe Schornstein der ehemaligen Fabrik in die Anlage integriert, wurde aber im Juli 2014 abgerissen.
2007 wurde Hostrups Have in eine Wohungsgenossenschaft umgewandelt, was jedoch wirtschaftlich scheiterte. Im Jahr 2017 wurde das Areal aus der Insolvenzmasse an Heimstaden, einen großen schwedischen Immobilieneigner, verkauft.
Interessant an dem Schriftzug fand ich insbesondere die aus dem Schreibschrift-Stil bewusst herausgelösten beiden H-Anfangsbuchstaben, vielleicht sollte auf diese Weise die Alliteration im Namen noch einmal gesondert betont werden. 🤓 🔠 🏢