verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Antiquitäten (Seite 3 von 14)

Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

16.01.2026

Der heutige Beitrag besteht aus einem typographischen Fundstück, erneut geknipst in der ehemaligen Hansestadt Havelberg in Sachsen-Anhalt, an der Seitenfassade des Hauses Vor dem Steintor 10. Es war mir leider nicht möglich, historische Details zu dem offenbar früher dort ansässigen Fleischereibetrieb ausfindig zu machen, der mit dieser Werbeinschrift »Rind und Schweineschlachterei mit Kraftbetrieb ff Fleisch u. Wurstwaren« für sich warb. Auch in welchem Jahr das Unternehmen seinen Betrieb einstellte, konnte ich nicht ermitteln. Die Abkürzung ff im Werbetext steht vermutlich für »feinste«, sie war üblich in der italienischen Kaufmannssprache seit dem 17. Jahrhundert. Darin steht ein f bei der Klassifizierung der Warenqualität für »fein« (fino), ff steht für die Steigerung »sehr fein« (finissimo).

Man erkennt eindeutig, dass es an der Stelle mehrere übereinander aufgetragene Farbschichten bzw. Werbemotive gab, am deutlichsten in der Zeile mit dem Namen des Geschäftsinhabers, der zuletzt ein Fleischermeister Willy Stettler gewesen zu sein scheint. Der übermalte Name dahinter ist bis auf die zu erahnende Buchstabenfolge »Bal…« nicht mehr lesbar.

Und selbst auf den dahinter liegenden Ebenen der größtenteils weißen Farbschichten lassen sich noch mindestens zwei verschiedene typographische Werbemotive erkennen. Zwei große diagonal aufsteigende Schriftzüge, die in der oberen rechten Ecke des Motivs mit »…ke« und »…er« oder »…en« enden; links unten ist ein großes L erhalten (das nahezu unkenntliche Wort könnte »Lederwaren« heißen) und dahinter schemenhaft mehrere kleine, übermalte Textzeilen. In einer davon, unten rechts, meine ich das Wort »Vertretung« entziffern zu können.

Die Datierung der Wandmalerei ist schwierig. Die Schriftart in dem Wandmotiv wirkt auf mich älter als gängige Werbeschriften der deutschen Nachkriegszeit aus den 1950er Jahren und später. Sie erinnert eher an die sehr schmalen, platzsparenden Schriften in gewerblichen Annoncen des frühen 20. Jahrhunderts, etwa die »Enge Journal Antiqua« der Schriftgießerei Berthold (um 1922) nach dem Originalentwurf der »Journal Antiqua« von Hermann Zehnpfundt (Emil-Gursch-Gießerei, Berlin, um 1912). Oder an die schmale Version der »Herold Reclameschrift« von Heinz Hoffmann (Berthold, 1904). Im Archivbestand digitalisierter historischer Adressbücher der Stadt Brandenburg etwa kann man solche alten Werbeanzeigen – ähnlich den späteren gewerblichen Inseraten in den »Gelben Seiten« – online einsehen. Hier z.B. ein Link zu einem PDF des Brandenburger Adressbuchs von 1914/1915.

Was weiterhin auffällt, ist die nach rechts aus der – ansonsten zentrierten –Textausrichtung hinausragende Angabe der Telefonnummer, was dafür spricht, dass diese Angabe erst nachträglich und bewusst im Schriftstil des restlichen Textes hinzugefügt wurde. Die Nummer ist mit drei Ziffern sehr kurz und deutet auf die Anfangszeit der Einführung von Telefonanschlüssen in Deutschland hin, die ab 1910 allmählich an Dynamik gewann. Laut Wikipedia besaßen im Jahr 1960 jedoch lediglich 4 von 100 Bundesbürgern einen Telefonanschluss. Andererseits liegt die Stadt Havelberg auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, wo Telefonanschlüsse bis weit in die 1980er-Jahre eher die Ausnahme waren. Das Selbstwählverfahren, bei dem man andere Teilnehmer vom eigenen Telefon aus einfach per Wählscheibe und ohne Umweg über eine Vermittlungsstelle anrufen konnte, wurde zwar bereits 1913 patentiert und in Bayern 1923 erstmals in der Praxis eingeführt, aber flächendeckend verfügbar war es erst deutlich später. Inzwischen befindet sich in dem Gebäude der Sitz eines Handwerksbetriebs für »Heizung · Sanitär · Klima · Solar« mit einer fünfstelligen Rufnummer.

»Private Telefonanschlüsse hatten in der DDR Seltenheitswert. Mitte der siebziger Jahre verfügten gerade mal rund zehn Prozent der Haushalte über ein eigenes Telefon. In der Bundesrepublik waren es zu dieser Zeit 90 Prozent. (…) Auf ein Auto musste man zwar mehrere Jahre warten, aber dann kriegte man es. Beim Telefonanschluss dagegen hatte man ohne Dringlichkeitsbescheinigung eines Betriebes oder einer Institution keine Chance. 1990 lagen bei der Deutschen Post noch 1,6 Millionen unbearbeitete Anträge. In kleineren Orten hatten oft nur Ärzte, Pfarrer oder Handwerker zu Hause ein Telefon.«

QUelle: ostfolk.de

»Das Telefonnetz der DDR stammte zum Teil noch aus den zwanziger Jahren.«

QUelle: »DDR-Telefon: Fasse dich kurz!« bei euractiv.de

»Die letzte per Hand gestöpselte Ortsvermittlungsstelle in der Bundesrepublik wird 1966 stillgelegt – und die Fräuleins vom Amt werden in den Ruhestand geschickt. In der DDR dauert es in ländlichen Regionen noch bis Ende der 1980er-Jahre.«

QUelle: »Eine kurze Geschichte des Telefons« bei tuev-nord.de

Daneben war auch das Thema Werbung in der DDR streng geregelt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Handwerksbetrieben erlaubt gewesen sein soll, für ihre Dienstleistungen (und hier sogar Produkte!) und damit für Umsatz und Profit zu werben, denn Werbung war Sache der DEWAG, der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft der DDR. Dieser der Partei unterstellte Betrieb hatte das Monopol für Werbemaßnahmen. In den 1970er-Jahren war Werbung dann, nachdem sie zuvor – wenngleich eingeschränkt und staatlich kontrolliert – erlaubt war, größtenteils verboten.

»Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers 1971 als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED ging auch die Ära der lustigen Werbefilmchen und Plakate ihrem Ende entgegen. Vier Jahre später folgte das Gesetz zum Verbot der Inlandswerbung, verordnet vom Ministerrat. Dieses hatte bis zum Mauerfall bestand und folglich blieben die letzten zwei Jahrzehnte der DDR ohne aufwendige Produktwerbung.«

Quelle: »Werbung in der DDR« bei ddr-museum.de

Alle Indizien bringen mich zu der Vermutung, dass die Werbetafel für den Fleischereibetrieb in ihrer ursprünglichen Form – mit dem übermalten, heute unkenntlichen ersten Inhaber und ohne Angabe der Telefonnummer – irgendwann zwischen 1910 und 1930 entstanden ist. Die übermalten Werbemotive im Hintergrund würde ich zeitlich zwischen 1880 und 1910 ansiedeln.

Eine schlüssige Chronologie könnte daher folgende sein:
  • 1880–1910: Wechselnde Werbemotive auf der Fassade für damals tätige Gewerbe und Betriebe
  • 1910–1930: Anbringung des Werbemotivs für den Fleischereibetrieb mit dessen damaligem Inhaber, jedoch noch ohne Telefonnummernangabe
  • 1930–1949: Wechsel des Inhabers, Übermalung des Namens und Ergänzung der Telefonnummer (Möglichkeit 1), Gründung der DDR
  • seit 1949: ggf. Hinzufügung der Telefonnummer im grafischen Stil der bereits vorhandenen Texte, entweder während des Bestehens der DDR oder – falls der Betrieb nach der Wende noch tätig war – nach 1989 (Möglichkeiten 2 und 3)
  • Anschließend: Verbleib des Motivs in unveränderter Form bis heute, ungeachtet der Tatsache, dass der Betrieb seine Geschäftstätigkeit während dieser Zeit einstellte

Damit schließe ich den heutigen Beitrag und hoffe, die detektivische Reise in die Vergangenheit hat Euch wieder genauso gut gefallen wie mir.
🤓 🔠 🥩🔎

12.01.2026

Das typographische Bonbon an diesem Montag knüpft an einen älteren Beitrag zu einer auffallend gestalteten, kreisrund eingefassten Hausnummer in Kopenhagen an. Dieses neue Foto habe ich allerdings in Basel gemacht, an einem Seitenfenster des Restaurants mit dem interessanten Namen »Gifthüttli«, das früher erst eine Weinstube und später eine Bierschänke war.

»Vor etwa 120 Jahren wurde in den traditionellen Basler Wirtschaften nur Wein ausgeschenkt. Bier gab es nur in den zahlreichen, mit einer Gaststätte verbundenen Hausbrauereien. Der Wirt des Gasthauses ›zum Ritter St. Georg‹ an der Schneidergasse, Innocenz Weiss, war der erste der es wagte, neben Wein auch Bier auszuschenken. Die Stadt hatte ein Tagesgespräch mehr und im Lokalblatt ›Basler Nachrichten‹ erschien ein Artikel, in dem es hieß:

›… Bier, das nicht direkt beim Bierbrauer getrunken werde, ist Gift.‹

Innocenz Weiss, der sich stolz als ›Bierwirt‹ bezeichnete, nahm die Sache mit Humor und taufte daraufhin sein Restaurant von ›zum Ritter St. Georg‹ auf ›Gifthüttli‹ um.«

Quelle: gifthuettli.ch

Das Monogramm mit dem formfolgend gerundeten W und dem stilisierten Bierglas steht für den Namen der Brauerei »Zum Warteck« (später »Warteck Brauerei & Getränke AG«). Der Großneffe des Inhabers ließ nach der Übernahme der Leitung im Jahr 1913 ein neues Gebäude für das Gasthaus errichten. Nach seinem unerwarteten Grippetod im Jahr 1918 führte zunächst seine Witwe zehn Jahre lang das Geschäft weiter, 1928 verkaufte sie das Lokal dann an die genannte Brauerei, die seither das Gebäude verwaltet und dessen Gaststätte verpachtet. Inzwischen gehört die Brauerei zur Feldschlösschen Getränke AG, die ihrerseits seit 2000 Teil der internationalen Carlsberg-Gruppe ist – der nach eigenen Angaben viertgrößten Brauerei-Gruppe weltweit und Marktführer in Nord- und Osteuropa.

Das Bier dieser Marke ist jedoch nach wie vor im Sortiment.
Zum Wohl! 🤓 🔠 🍺

09.01.2026

Noch immer liegen hier auf meiner Festplatte einige Fundstücke aus Freiburg und Basel, die ihres Postens harren. Der heutige Beitrag präsentiert eines davon; ich entdeckte es in der »Schweizer Kulturhauptstadt« – Basel hat eine der schönsten und besterhaltenen Altstädte Europas – in einem schmalen Gässchen Richtung Andreasplatz, zwischen den Häusern Schneidergasse 18 und 20, hoch oben an der Seitenfassade eines Eckhauses. Fast wäre ich daran vorbeigelaufen, weil das Relikt so unscheinbar und verwittert war. Die historischen Orts- und Straßennamen in diesem Viertel der »Grossbasler Altstadt« – Hutgasse, Nadelberg, Sattelgasse, Gerbergasse, Schneidergasse – lassen vermuten, dass hier einst etliche Handwerksbetriebe ansässig waren, die mit der Verarbeitung von Stoff- und Lederwaren ihr Geld verdienten. Seinen Namen hat der überschaubare mittelalterliche Platz von einer Kapelle, die einst in seiner Mitte stand:

»An die im 11. Jahrhundert erbaute Andreaskapelle erinnern Pflastersteine, die am Boden ihren Grundriss nachzeichnen. In nachreformatorischer Zeit diente die Kapelle den Krämern der Safran Zunft Basel als Warenlager, bevor sie im Jahr 1792 auf Wunsch der Anwohnenden abgerissen wurde. Die Abstände zwischen den Wohnhäusern und dem Kirchlein betrugen teilweise nur vier Meter!«

QUelle: @baslerstadtbuch auf Instagram

Ich hatte wohl noch mehr Glück, den Schriftzug »Spezialität in Nähseide & Schneiderartikel« überhaupt bemerken zu können, denn auf einer älteren Gebäudeansicht bei Google Streetview ist die Fassade nahezu komplett mit Efeu überwachsen. Der dichte Pflanzenteppich hatte sich erst im Sommer 2017 durch sein eigenes Gewicht von der Fassade gelöst. Am Tage meines Besuches bedeckten die neu sprießenden Ranken nur die letzten vier Buchstaben. Die vornehmen, aufrecht stehenden Buchstaben und verzierten Initialen, die an mit Feder geschriebene Texte erinnern, sind mit Sicherheit von Hand auf die Wand gemalt worden, denn es fallen sofort Unregelmäßigkeiten im Schriftbild auf, wie etwa unterschiedliche Zeichenbreiten oder verschiedene Neigungswinkel des Querstrichs im kleinen e.

Die Schriftart ist keiner eindeutigen Klasse zuzuordnen, sie vermischt Stilelemente verschiedenster Epochen und Kategorien miteinander. So etwa die eigenwillig nach links »gebückte« Form des großen N, wie sie sich in manchen mittelalterlichen oder »gotisch/keltisch« assoziierten Schreibschriften wiederfindet, z.B. in der »Old Norse« (Eric Kurniawan/Burntilldead). Aber sie besitzt auch modernere Attribute, die man von den kalligrafischen Antiqua-Varianten der »Chancery«-Schriften (»Humanistische Kursive«) kennt, etwa den nach rechts geschwungenen oberen Abschluss am Stamm des h. In ihrer aufrechten Schreibweise wiederum erinnert sie an Schriften aus der Gruppe der »Humanistischen Minuskel« aus dem 15. Jh. Und auch das über der Grundlinie gehaltene z mit Unterschlinge ist bemerkenswert. Bezeichnen wir die Schrift also bis auf Weiteres als »frei gestaltete, dekorative Werbeschrift mit Federduktus und verzierten Initialen«.

Im unteren Teil des Bildes habe ich versucht, den Schriftzug leserlicher hervorzuheben, soweit der verblasste Farbauftrag dies zuließ. Lediglich beim k musste ich raten, wie dieses vielleicht ausgesehen haben könnte, da sich das einzige Vorkommen dieses Zeichens hinter dem Efeubewuchs verbarg.

»Aufgrund der wachsenden Zahl der Annoncen in Zeitungen, als Folge der industriellen Revolution, wurde der Markt der Werbung entdeckt und auch bald der der kostengünstigen Außenwerbung. Bereits um die Jahrhundertwende wurden deshalb monumentale Reklamen an Häuserwände gemalt.«

Quelle: Wikipedia-Artikel »Außenwerbung«

Über den einstigen, mit der Inschrift beworbenen Betrieb konnte ich leider keine Informationen ausfindig machen, insofern ist eine Datierung der Wandbemalung schwierig. Vermutlich entstand sie nicht vor ca. 1850–1870; als Referenzdatum für den aufkommenden Boom der Außenwerbung im 19. Jahrhundert kann der 15. April 1855 dienen. An diesem Tag wurde in der Münzstraße in Berlin-Mitte die erste sogenannte »Annonciersäule«, erdacht vom dortigen Verleger und Druckereiunternehmer Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816–1874) aufgestellt.

Ich jedenfalls finde es schön, dass man diese alte Werbebotschaft nun wieder ohne Efeubewucherung sieht. 🤓 🔠 🪴


Update: Eine Leserin auf LinkedIn trug in ihrem Kommentar noch ein interessantes Detail bei, das meine Einschätzung zur Entstehungszeit bestätigt:

»Das Luxusgut Nähseide industriell herzustellen, wurde erst mit der Entwicklung der Spinn- und Nähmaschinen im 19. Jahrhundert möglich und von der Firma Gütermann 1864 in großer Menge verfügbar gemacht.«

Weiterführende Links

➡️ »Ghost Signs« – Artikel über die Bilder des Fotografen Nicholas Brewer aus Berkshire von verblassenden historischen Werbebotschaften auf Fassaden in Großbritannien aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert
➡️ »The History of OOH (Out Of Home)« auf der Website der OAAA (Out of Home Advertising Association of America)

05.01.2026

Fotografisch eingefangen habe ich das heutige typographische Montagsbonbon in der Stadt Havelberg in Sachsen-Anhalt während eines Winterspaziergangs in der beginnenden Dämmerung vor wenigen Tagen. Die Beschriftung gehörte, wie im Internet nachzulesen ist, einst zur Buchhandlung des Inhabers Carl Kampfhenkel. Bilder des Hauses aus dem Oktober 2022 bei Google Street View zeigen das Gebäude bereits in einem ähnlich desolaten Zustand, jedoch nach wie vor mit Büchern in der Auslage. Inzwischen ist das Ladengeschäft als »dauerhaft geschlossen« markiert. Der Betrieb existierte offenbar bereits Anfang des 20. Jahrhunderts und war zu jener Zeit auch als Verlag tätig, denn es existieren Archivalien in Form alter Postkarten mit Fotomotiven aus der Region mit dem Vermerk »Verlag J. L. Goern Nchf. C. Kampfhenkel, Havelberg«.

Die, wie ich finde, ziemlich originelle Schriftart mit der angedeuteten Serife am Kopf des C, dem elegant geschwungenen oberen Schaft des K, dem kleinen Schnörkel am oberen Bogen des f und der Schlaufe im k gefällt mir ausnehmend gut. Ungeachtet des vermuteten Alters der Beschriftung wirkt sie auf mich sehr klar und zeitgemäß und bildet einen fast melancholischen Kontrast zur derangierten Fassade des Gebäudes. Eine lediglich entfernt ähnliche Anmutung bei kommerziell erhältlichen Schriften sehe ich in der »Niva Medium Italic« (Pedro Gonzalez Jorquera, PeGGO Fonts, 2016) und der Corporative Sans Condensed Medium Italic (Luciano Vergara/Daniel Hernández, Latinotype; 2015). Aber den Charme des Originals erreichen beide meines Erachtens nicht.

Hat die Buchhandlung geschlossen, weil sie – wie so viele – gegenüber der Konkurrenz des Onlinehandels ins Hintertreffen geriet? Verstarb der Inhaber oder setzte sich zur Ruhe und das Geschäft wurde deshalb aufgegeben? Ich weiß es nicht. Doch zumindest durfte ich noch ein Relikt des wohl einst florierenden Unternehmens einfangen und hierhin überführen. 🤓 🔠 📕

29.12.2025

Das letzte typographische Montagsbonbon dieses Jahres entdeckte ich in der Nähe der historischen Fischauktionshalle in Hamburg-Altona, an der Fassade des gegenüberliegenden Design- und Interieur-Einkaufszentrums »Stilwerk«. Es war mal wieder eines der Fundstücke, an denen man – insbesondere als niedergelassener Einwohner der Stadt – zumeist achtlos vorbeiläuft, sofern man die vermeintlich schon dutzendmal gesehenen Gebäude nicht noch einmal bewusst betrachtet.

An der typischen Hamburger Klinkermauer sind drei Gedenkmarken aus Metall angebracht, die an die höchsten Wasserstände bei Sturmfluten in der jüngeren Geschichte der Hansestadt erinnern sollen. Auf das verheerendste Ereignis verweist interessanterweise die niedrigste der drei Markierungen – der Orkan »Vincinette« und die damit verbundene Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962, in deren Verlauf 315 Menschen ihr Leben verlieren und rund 100.000 Einwohner ohne Strom und Telefon und bei winterlichen Temperaturen vom Wasser stundenlang eingeschlossen waren. Der historisch hohe Pegel von 5,70 m über Normalhöhennull (NHN) überschwemmt nahezu alle Deiche und Dämme der Metropole; noch über Nacht treten 60 Dammbrüche auf. Rund 200 Wohnungen werden völlig zerstört, mehr als 700 massiv beschädigt. Über 11.000 Wohnungen sind anschließend vorübergehend nicht mehr bewohnbar, sodass etwa 20.000 Menschen für längere Zeit in Notunterkünften leben müssen. Die beherzten Handlungen und Hilfsmaßnahmen des damaligen Hamburger Polizeisenators Helmut Schmidt sind in die Geschichte eingegangen.

Seit dieser Flutkatastrophe wurden die Deiche in und um Hamburg massiv erhöht und die Innenstadt durch Hochwasserschutzmauern und -tore deutlich besser geschützt. Gegenwärtig ist Hamburg gegen Sturmfluten mit Deichen gewappnet, die einen Wasserstand zwischen 7,50 und 9,25 m ü. NHN zurückhalten können. Auch aus diesem Grund verliefen die Hochwasser der beiden weiter oben markierten, späteren Sturmfluten wohl glimpflicher als die erste.

Die mittlere der drei Flutmarken erinnert an zwei Hochwasser im Januar 1976. In diesem Monat trafen gleich zwei Sturmfluten im Abstand von nur 17 Tagen auf die deutsche und die dänische Nordseeküste, angestoßen durch eine dauerhafte Westwind-Wetterlage um den Jahreswechsel 1975/76 und den begleitenden Orkan »Capella«. Die erste, weniger schwere Flut mit einem neuen Rekordpegel von 6,45 Meter ü. NHN traf die Küstengebiete am 3. Januar 1976. Auch die darauf folgende, zweite Januarflut in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar richtete schwerere Schäden an und führte erneut zu Evakuierungen und Dammbrüchen. Beide hatten jedoch u.a. aufgrund des inzwischen verbesserten Hochwasserschutzes weniger gravierende Auswirkungen als die Flut 1962.

Die obere Flutmarke verweist vermutlich auf das Hochwasser im Winter 2023, verursacht durch das Sturmtief »Zoltan«. Diese Sturmflut führte im Hamburger Elbgebiet am 22. Dezember zu einem maximalen Wasserstand von +3,33 m gegenüber dem mittleren Hochwasserstand. Autos mussten aus dem Flutgebiet entfernt werden, die Hochwassertore wurden geschlossen. Insgesamt jedoch war die Lage keinesfalls so dramatisch wie bei den beiden markierten Ereignissen zuvor.

»Zahlreiche Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Hamburg Wasser waren vor Ort, wie dpa-Reporter berichteten. Die Atmosphäre war entspannt.«

QUELLE: Tagesspiegel vom 22.12.2023

Update (31.12.2025): Inzwischen kenne ich den Wert des höchsten Pegelstandes aus dem Jahr 2023 auch in der Messart »über NHN«, er entspricht 5,45 m. Seltsam daran ist, dass dieser Wert nicht – wie die Flutmarke 2023 an der Mauer – über den beiden Pegelständen von 1962 und 1976 liegt, sondern sogar unter dem Stand von 1962. Diese Unstimmigkeit versuche ich noch nachträglich aufzuklären.

Warum entschieden wurde, eine abweichende Schriftart für die Flutmarke 2023 zu nutzen, ist mir nicht bekannt. Eigentlich wirken die eigenwilligen, offenen Ziffern der beiden formal gleichartigen Marken aus den Jahren 1962 und 1976 auf mich nach wie vor modern, diejenigen der jüngsten Jahreszahl finde ich eher beliebig. Allein anhand der vier Ziffern lässt sich deren Schrift kaum verlässlich bestimmen. Bei den beiden älteren Marken gehe ich von eigens gestalteten Formen aus, insbesondere die 6 und die 9 lassen sich aus schmalen Metallstreifen in der Strichstärke der Ziffern vermutlich recht unaufwendig derart zurechtbiegen, die 1 muss überhaupt nicht gebogen werden, lediglich die 7 und die 2 erfordern aufgrund der spitzen Winkel wohl etwas mehr handwerklichen Aufwand.

Update (27.02.2026): Zunächst hatte ich zwei Hamburger Behörden kontaktiert, um herauszufinden, warum die obere Flutmarke von 2023 auf der falschen Höhe sitzt.

Am 07.01.2026 antwortete mir die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA):

»Hier hat sich jemand evtl. einen Scherz erlaubt. Von offizieller Seite ist zumindest die obere Marke nicht angebracht worden. Mir ist leider nicht bekannt, wer für die Anbringung dieser Marken zuständig ist«.

Man verwies mich netterweise an den Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG). Von dort kam am 27.01. folgende Auskunft:

»Die von Ihnen recherchierten Höhen der jeweiligen Sturmfluten sind korrekt. Die Flutmarke aus dem Jahr 2023 wurde tatsächlich auf einer nicht zutreffenden Höhe angebracht. Diese Markierung stammt jedoch nicht vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer.«

Ich solle mich an den Eigentümer des Gebäudes, die stilwerk Hospitality GmbH, wenden. Auch dies tat ich und erhielt heute am 27.02. von dort folgende Nachricht:

»Wir konnten leider auch nicht viel mehr herausfinden, als dass es sich, genau wie Sie schon richtig schreiben, um eine Guerilla-Flutmarke handelt, die wahrscheinlich von Klimaschützer:innen angebracht wurde – vor 2023 natürlich. Die Flutmarke besteht aus Styropor und ist auch sehr gut zu unterscheiden von den offiziellen. Natürlich kann das gewählte Jahr 2023 mittlerweile etwas zu Verwirrung führen – aber um ehrlich zu sein, sind Sie die erste Person, die uns darauf anspricht.
Wir finden aber den Gedanken hinter der Flutmarke wichtig und haben sie deshalb auch an der Fassade gelassen.«

Dass die »Guerilla-Flutmarke« damals offenbar als Warnung vor einem künftigen Hochwasser angebracht wurde, erklärt auch ihre inkorrekte Platzierung, denn den realen Wasserstand der 2023 dann tatsächlich eintretenden Flut von 5,45 m über NHN konnten die Aktivisten ja noch gar nicht kennen.

Rätsel gelöst! 🤓☝️🌊

Und wieder habe ich durch einen zufälligen Seitenblick wieder etwas über meinen Wohnort und dessen Geschichte gelernt. Allem voran, dass die höchste gemessene Flut nicht zwangsläufig die schwersten Schäden mit sich bringt – und dass vorausschauender Hochwasserschutz gar nicht genug wertgeschätzt werden kann.

Weiterführende Links bzw. genutzte Informationsquellen:
➡️ NDR – »Sturmflut 1962: Als Hamburg im Wasser versank«
➡️ NDR – »Orkan ›Capella‹ wütet im Januar 1976 im Norden«
➡️ Wikipedia – »Zweite Januarflut 1976«
➡️ Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie – »Serie von schweren Nordsee-Sturmfluten am 21.12.2023 und 25.12.2023« (PDF)
➡️ Behörde für Umwelt und Energie Hamburg – »Wasserstände, Sturmfluten, Sollhöhen in Hamburg · Am Beispiel des Pegels St. Pauli« (PDF)

26.12.2025

Ich kann einfach nicht aufhören, obwohl Weihnachten ist. Für viele Menschen sind die Festtage auch – je nach ihren finanziellen Möglichkeiten – ein Anlass, sich mal »etwas Anderes« oder besonders Feines auf dem heimischen Speiseplan zu gönnen. Oder sie folgen bewusst einer familiären Tradition und servieren Kartoffelsalat mit Würstchen, Fondue, Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen oder Raclette.

Auch Fisch und Meeresfrüchte sind beliebte Gerichte an Weihnachten und Silvester: Räucherlachs, Garnelencocktail, Hummersuppe oder delikate Fischsalate stehen auf dem Speiseplan. Und – Karpfen. Mich selbst hat dieser Fisch, auch nach mehrmaligem Probieren und in wechselnden Zubereitungsarten, nie wirklich begeistert. Wohl aber in Form dieses famosen Posters, das ich kürzlich während des Wartens in der Kundenschlange bei meinem lokalen Hamburger Fischfachgeschäft an der Wand neben dem Tresen hängen sah und das heute das typographische Fundstück der Woche sein soll. Die Farben! Die Schriften! Die Illustration! Für mich wieder eines dieser kuriosen, aber wunderschönen Werbemotive (ähnlich der dreieckigen Papiertüte mit dem Aufdruck »Esst mehr Früchte und Ihr bleibt gesund!«), die seit den 1950-er oder 1960-er Jahren irgendwie in kleinen Spezialitätengeschäften und auf Wochenmärkten bis heute überlebt haben und nach wie vor genutzt werden.

Die Schriften auf dem Poster entsprechen keiner digitalisierten Schriftart, die ich finden konnte. Schade eigentlich, denn die Lettern des fetten »Karpfen«–Schriftzuges mit dem interessanten Knick im unteren Bein des K und dem freundlich gerundeten e machen mich neugierig, wie wohl das komplette Alphabet aussehen würde. Bei der Schreibschrift ging ich gleich von Anfang an davon aus, dass sie von einem Plakatmaler exklusiv nur für dieses Werbemotiv gestaltet wurde.

Als Bonus zum Schluss hier noch die aktuelle Reihenfolge der zehn beliebtesten Weihnachtsgerichte in Deutschland, zusammengetragen aus verschiedenen Quellen der letzten beiden Jahre. Die Reihenfolge der Favoriten ist hierzulande offenbar bemerkenswert konstant:

  1. Würstchen und Kartoffelsalat
  2. Geflügel aus Ofen oder Bratpfanne, vor allem Gans und Ente
  3. Raclette
  4. Schweinebraten
  5. Fondue
  6. Rindfleisch (Steak, Schmorbraten, Roastbeef)
  7. Fisch und Meeresfrüchte*
  8. Wildgerichte
  9. Vegetarische Speisen/vegane Gerichte
  10. Sonstiges (z.B. Eintöpfe oder Bratwurst mit Sauerkraut)

Bei den Fischgerichten ist Lachs mit gut 60 % Beliebtheit der Spitzenreiter, gefolgt von Krustentieren wie Garnelen, Krabben und Scampi. An dritter Stelle steht die Forelle – der auf dem Plakat beworbene Karpfen folgt mit 20 % erst auf Platz vier.

(Quellen: Fischmagazin für 2024, Marine Stewardship Council [MSC] für 2025.)

Und warum stand ich im Fischladen an? Ich ließ mir vom Inhaber ein feines, gleichmäßig geschnittenes Stück Lachsfilet schneiden, das ich anlässlich der Feiertage zu Hause in eine aromatische, selbst kreierte Beize eingelegt habe. Hier das Rezept:

Hausgebeizter Graved Lachs mit Kaffirlimette und Hibiskusblüten

  • 400 g Lachsfilet ohne Haut in Sushi-Qualität
  • 14 g grobes Salz
  • 20 g Zucker
  • 1 TL Zitronenschalen-Abrieb
  • 10–12 in feine Streifen geschnittene Kaffirlimetten-Blätter (TK, gibt’s im Asia-Markt)
  • ½ TL frisch gemörserter (Tellicherry-)Pfeffer
  • 2 TL getrocknete Hibiskusblüten (z.B. Hibiskustee-Teebeutel)
  • 2 cl Ingwergeist (alternativ 1 TL geriebener frischer Ingwer + 2 cl Wodka)

Alle Gewürzzutaten bis auf den Schnaps miteinander vermischen und den Lachs damit rundum dick »panieren«. Dann vorsichtig den Ingwergeist darüber träufeln. Den marinierten Fisch mit allen eventuell abgefallenen Resten der Marinade entweder (dicht und ohne eingeschlossene Luft!) in Frischhaltefolie einwickeln und in eine flache Form oder einen tiefen Teller legen. Oder alles in einen Zip-Beutel umbetten, die Luft herausdrücken und ihn dicht verschließen. Der Lachs sollte im Kühlschrank 24 bis 48 Stunden in der Beize durchziehen, am besten das Paket währenddessen mehrfach bewegen und wenden.

Vor dem Servieren die Beize abspülen, den Lachs trockentupfen und noch einmal im Kühlschrank, fest in Folie gewickelt, einige Stunden ruhen lassen. Sodann mit einem scharfen Messer in feine Scheiben schneiden und auf dunklem Roggen- oder Vollkornbrot, z.B. mit etwas Frischkäse, verzehren. 🤓 🔠 🐟 😋

19.12.2025

Das typographische Fundstück der Woche besteht heute aus zwei Fotos der Fassade eines historischen Hauses in Freiburg in der Herrenstraße 34. Es ist wohl eines der ältesten erhaltenen Häuser in der Stadt überhaupt und genießt unter dem Namen »Haus zur alten Waag/zum alten Wag« den Status eines »Kulturdenkmals gemäß § 12 Denkmalschutzgesetz«.

Das Motiv ist keinesfalls neu, es ist im Internet bereits auf Fotos aus allerlei Perspektiven und verschiedenen Zeiten zu finden. Dennoch habe ich es für den heutigen Beitrag ausgewählt, weil ich es zum einen ausnehmend schön finde und ihm zum anderen durch die nachfolgenden Recherchen vielleicht doch noch einen interessanten zusätzlichen Kontext hinzufügen kann, der so bisher noch nicht behandelt wurde.

»Das dokumentierte Gebäude gehört zu den ältesten erhaltenen Gebäuden in Freiburg. In seiner ursprünglichen Form zu Beginn des 13. Jh. dürfte es sich um einen zweigeschossigen Bau mit Keller und zur Straße geneigtem Pultdach gehandelt haben.

Um 1173 (d/g) Errichtung des ersten Steinhauses mit verputztem Keller.
Abtiefung des Kellers um 2m, Einbau einer Zwischenbalkenlage, rückseitigen Erweiterung und Aufstockung 1225 (d).
(…) Bau der Westfassade der Kooperatur 1435 (d), sie bildet die Hofmauer des Alten Wags.
Verkauf des Gebäudes 1544 (…) mit vermutlich einhergehendem durchgreifendem Umbau: wohl Aufstockung um ein Geschoss, neue Hof-/Straßenfassade, neue Deckenbalken über EG und OG.
Erstmalige Nennung des Namens zum alten Wag 1565

QUelle: bauforschung-bw.de

Zur Aufnahme oder Beendigung der Geschäftstätigkeit der Druckerei konnte ich leider keine Angaben ermitteln. Aber im Netz finden sich zumindest Abbildungen gedruckter Postkarten, die zwischen 1899 und 1948 dort produziert wurden.

Die aufwendige Bemalung scheint seit jeher gewissenhaft gepflegt worden zu sein, im Bestand des Staatsarchivs Freiburg/Landesarchiv Baden-Württemberg befinden sich farbige Fotos, z.B. aus dem Jahr 1983 und ein schwarzweißes Motiv wohl noch deutlich früheren Datums, auf dem sie ebenso gut erhalten wirkt wie aktuell.

Bei der Schrift handelt es sich um eine – wahrscheinlich vom damaligen Schriftenmaler entworfene oder modifizierte – gebrochene Schrift aus der Gruppe der sog. »Textura-Schriften«. Dies schließe ich zum einen aus den variierenden Formen oder Breiten bei mehrfach vorkommenden gleichen Buchstaben (d, r, h) und den besonderen Abschlüssen der Buchstaben (t oben, h oben, g unten). Auch die prächtigen, goldbelegten und mit Verzierungen versehenen Initialen, die optimal in die verfügbaren Flächen auf der Fassade eingebunden sind, legen eine individuelle Gestaltung nahe. Als Beispiele für digitale Fonts mit ähnlicher Anmutung würde ich etwa die »Amador« (Jim Parkinson, 2004) oder die »Notre Dame« (Karlgeorg Hoefer für Linotype, 1991) nennen.

Obwohl die Bemalung frühestens angebracht worden sein dürfte, als die Druckerei in dem Haus ihren Betrieb aufnahm und vermutlich auch nicht vor Beginn des 19. Jahrhunderts, da die im Druckhaus genutzte Technik der Lithographie erst 1798 erfunden wurde, erfolgte die Wahl der Schriftart möglicherweise keinesfalls rein willkürlich, denn die Zeit der Entstehung und verbreiteten Nutzung der Textura-Schriften (12. bis 14. Jahrhundert) überlappt sich zum Teil mit den obengenannten wesentlichen Bau- und Umbauphasen des historischen Hauses (1173–1565). Man könnte also vermuten, dass die einstigen Auftraggeber oder Handwerker mit der Umsetzung auf dessen Wurzeln Bezug nehmen wollten.

Ein bisschen »störte« mich in der Beschriftung zunächst das &-Zeichen (Et-Zeichen oder »Ampersand«). Nach dem ersten Blick vermutete ich, dass dieses Zeichen zur Zeit der alten Textura-Schriften in dieser modern anmutenden, 8-artigen Form noch gar nicht existierte. Doch hier musste ich mich eines Besseren belehren lassen: Die verschlungene Ligatur, entstanden aus den beiden Buchstaben des lateinischen Wortes »et« (für »und«), existiert in der heute zumeist gebräuchlichen, schlaufenartigen Form tatsächlich bereits seit etwa dem 4. Jahrhundert, wie ich aus dem Beitrag »The story of the Ampersand« anhand von Abbildungen aus alten Manuskripten lernen durfte.

Und so schließe ich den heutigen Beitrag wieder einmal mit der Erkenntnis, dass es auch über schon öfter gezeigte oder gesehene Dinge noch Interessantes zu erfahren gibt – wenn man einfach noch einmal etwas genauer hinsieht. 🤓 🔠 🔎

12.12.2025

Zu den Erkenntnissen beim Recherchieren zu historischen typographischen Funden gehört auch, dass man manchmal in einer Sackgasse landet oder online ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr weiterkommt. Würde ich für dieses Hobby finanziell entlohnt, hätte ich nicht übel Lust, manchem noch unklaren Detail auch offline nachzuforschen, an Lebensorte der Urheber*innen zu reisen, Stadtarchive oder Bibliotheken zu besuchen und in alten Dokumenten zu blättern. Doch als reiner Steckenpferdreiter ist es dann sinnvoller, die Recherche in solchen Fällen abzubrechen und sich mit dem zu begnügen, was im Netz auffindbar war.

So ergab es sich mit dem heutigen Fundstück, das ich (ebenfalls wieder) in Freiburg entdeckte. Ziemlich versteckt und hoch oben, neben dem Türsturz zum Eingang einer Anwaltskanzlei in einem großen prächtigen Eckgebäude, erspähte ich zufällig ein steinernes Relief, das ich zunächst für das einstige Firmenschild des benannten Gewerbes hielt – und machte ein Foto davon.

Die untere linke Ecke der Relieftafel ist mittlerweile durch den nachträglich eingebauten, modernen Türrahmen verdeckt, trotzdem bleibt die Inschrift komplett lesbar, sie lautet: »Architekten Hans-Schütte W.-Schneider Mitarbeiter«. Auf dem Foto eines Users bei Google Maps sind die Platzierung und Größe des Reliefs sehr gut zu sehen.

Interessant an der Schreibweise fand ich die Bindestriche zwischen den Vor- und Nachnamen beider Personen und dass der Vorname der erstgenannten ausgeschrieben, der nachfolgende jedoch abgekürzt ist.

Zuerst versuchte ich, etwas zu dem Gebäude an dieser Adresse herauszufinden und zu ergründen, ob dort ggf. zu früherer Zeit ein Architekturbüro ansässig war. Das eindrucksvolle Gebäude mit abgerundeter Eckfassade trägt bis heute den Namen »Dreisameck«, benannt nach dem Fluss Dreisam, der keine 80 Meter entfernt davon durch Freiburg fließt.

Unter dieser Adresse, an der Kaiser-Joseph-Straße 284, so erfuhr ich weiter, befand sich keineswegs die Niederlassung der auf dem Schild benannten Architekten. Vielmehr ist die Tafel eine Art Signatur, da sie maßgeblich für den Entwurf und die Planung des Hauses verantwortlich waren.

»Hier erwarb Anfang des Jahres 1909 die seit 1906 in Freiburg ansässige Dresdner Bank das Eckgrundstück Schreiber-/Kaiserstraße. Sie ließ das darauf stehende Wohngebäude abreißen und begann Mitte des Jahres mit der Errichtung eines Neubaus. Geplant und ausgeführt wurde das imposante Gebäude von den Architekten H. Schütte und W. Schneider. Die Fassade, ganz aus Muschelkalk (Würzburg) und Granitgestein (Yach), wurde im barocken Erscheinungsbild, aber auch unter vom Jugendstil geprägten Einfluss gestaltet.«

QUelle: Badische Zeitung

Mit dieser Auskunft bestätigte sich auch meine Vermutung, dass die für das Relief ausgewählte Schrift in der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende zu suchen war. Sie erinnerte mich auf Anhieb an eine Gruppe von Schriften jener Zeit, die dem Jugendstil zuzuordnen sind. Und tatsächlich passen auch die Veröffentlichungsdaten dieser spontan assoziierten Schriften perfekt zum Baujahr des Hauses: Als Erstes würde ich die »Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, 1905) nennen, digital neu interpretiert von Ralph M. Unger unter dem Namen »RMU Trifels« (2020). Sehr ähnlich ist die »Manola« (Ludwig & Mayer, 1906), ebenfalls neu interpretiert von Ralph M. Unger als »RMU Manolo« (2019). Weitere, spätere – aber auch bis heute bekanntere – Varianten sind die »Nuptial Script« (Edwin W. Shaar für Intertype Corporation, 1952) und »Floridian Script« (Monotype, 1972). Und in dem online einsehbaren historischen Schriftmusterbuch »Hauptprobe in gedrängter Form der Bauerschen Giesserei, Frankfurt am Main« (1900) auf Seite 151 findet sich eine sehr anmutige Verwandte unter dem Namen »Zirkularschrift Chic«.

Die gemeißelte Inschrift ist zwar nicht deckungsgleich mit den recherchierten Schriftarten, aber sowohl ihre »hybride« Anmutung zwischen Schreib- und Druckschrift und etliche formale Details lassen dennoch eine große Verwandtschaft erkennen. Vermutlich wurde der Schriftzug eigens für die auftraggebenden Architekten gestaltet, was auch die Unterschiede zwischen mehrmals vorkommenden gleichen Buchstaben (am deutlichsten z.B. bei den beiden S) bekräftigen.

Doch wer waren die beiden Architekten, die dieses Gebäude entwarfen? Und waren sie seinerzeit noch für andere, bis heute erhaltene Bauwerke verantwortlich? Die Recherche dazu gestaltete sich deutlich mühsamer. Schon der Vorname des zweiten Mitarbeiters auf dem Schild ließ sich nicht herausfinden, weder im Kontext mit seinem Kompagnon noch mit der Profession als Architekt – und allein mit dem Nachnamen »Schneider« kam ich schon gar nicht weiter.

Hingegen gibt es im Netz zwar zahlreiche Hinweise auf einen Hans Schütte, der während der fraglichen Zeit als Architekt tätig war, jedoch sind diese recht widersprüchlich. Eine Angabe »geboren 1897, gestorben 1927« muss entweder falsch sein oder sich auf einen anderen Architekten gleichen Namens beziehen, denn ansonsten wäre Herr Schütte im Baujahr des Dreisameck erst 12 Jahre alt gewesen. Auf der Website des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin findet sich ein spärlicher Eintrag ohne Todesjahr zu einem Architekten Hans Schütte, der 1871 geboren worden sein soll, was schon deutlich plausibler erscheint.

In der Chronik an Gebäuden unter Federführung eines Hans Schütte finden sich zeitlich passende Einträge, interessanterweise aus Berlin, also quasi am anderen Ende des Landes. So etwa für die Gemeindeschule in Berlin-Lichtenberg (erbaut 1904/1905) sowie, im gleichen Stadtbezirk, die Alte Feuerwache (entstanden um 1898). An zwei anderen Stellen wird die Beteiligung eines Hans Schütte – sogar mit dem Titel »Regierungsbaumeister« – am Bau des Rathauses in Berlin Köpenick erwähnt:

»Für die Ausführung des ohne Grunderwerb, Innenausstattung und Bauleitungskosten auf 375.000 Mark bilanzierten Bauwerks holten sich die Stadtväter am 4. Februar 1901 Regierungsbaumeister Hans Schütte aus Bonn an die Spree, der die Rathausbaukommission am 12. April 1901 mit seinen Entwürfen zu überzeugen vermochte.«

Quelle: berlin.de

»Neubau (1902/05), märkische Backsteingotik mit fünfteiligem Ziergiebel und Turm (54 m). Entwurf von Regierungsbaumeister Hans Schütte

Quelle: tourbee.de

Dabei musste ich es dann belassen, mehr war mit meinen Mitteln nicht herauszufinden. Aber es war wieder einmal eine spannende Reise in die Vergangenheit, angestoßen von einem zufälligen Seitenblick in den unscheinbaren Hauseingang eines Freiburger Geschäftshauses. 🤓 🔠 🏛️

01.12.2025

Heute halte ich Euch beim typographischen Montagsbonbon gleich die ganze Tüte zum Zugreifen hin, denn auf andere Weise wird mein Berg an Freiburg-/Basel-Fundstücken ansonsten niemals kleiner. Infos zu den Geschäften und Betrieben habe ich diesmal nur wenige recherchiert – nehmt es heute einfach als nostalgisches Bilderpotpourri »nur« zum Anschauen. 🤩 🤓 🔠

28.11.2025

Ich finde, das Deutschlandticket (mal abgesehen von der ebenso quälenden wie kontraproduktiven politischen Preisdiskussion) ist eine großartige Sache. An den meisten Orten, an denen ich mich aufhalte, wird Mobilität dadurch für mich quasi zum »No Brainer«. Ich muss nur bei wenigen, spärlicher getakteten Verkehrsmitteln die Abfahrtzeiten kennen, ansonsten genügt es, zu einer passenden Haltestelle zu gehen und los geht’s. Es ist wie Licht anknipsen oder den Wasserhahn aufdrehen. Ich muss mich nicht um Versicherungsprämien, eine Pannenhilfe-Mitgliedschaft, Inspektionen, Reparaturen, Benzinpreise oder mühselige Parkplatzsuche kümmern. Famos!

Somit nutze ich auch an Reisezielen zur Fortbewegung fast nur den ÖPNV. Oft schaue ich in oberirdisch verkehrenden Bahnen oder Bussen während der Fahrt aus dem Fenster. Auch dabei fallen mir gelegentlich typographische Besonderheiten im Straßenland ins Auge, nur meistens reicht die Zeit dann leider nicht, um spontan ein Foto zu schießen. Aus dem Fenster einer Freiburger Tram entdeckte ich auch das Fundstück des heutigen Beitrags. Ich war gerade kurz zuvor erst eingestiegen und somit lag der Ort der Sichtung nah genug an meiner »Homebase«, um am nächsten Tag noch einmal zu Fuß dorthin zu gehen und das Objekt des Interesses in Ruhe fotografieren zu können.

Der dynamische Namenszug im Zentrum der Beschilderung atmet für mich eindeutig den Charme der 1950er Jahre. Die umgebende gelb-orangefarbene »Klammer« hingegen würde ich farblich und stilistisch eher irgendwann in den 1970er Jahren ansiedeln. Dieses Formelement erinnerte mich sofort an das Logo des einstigen Lebensmittel-Discounters »Plus«, welches von 1972 bis zur Übernahme der Filialen durch Tengelmann und Edeka im Jahr 2010 im Einsatz war (auf der Website plus-sammlung.de ist dessen Evolution übrigens sehr schön dokumentiert).

Die Schriftart, die sich perfekt mit der Kennzeichnung »Chemische Reinigung« links und rechts des Logos in Deckung bringen ließ, ist die »Neue Helvetica Extended Bold«, die allerdings erst 1983 als Mitglied der ausgebauten und neu gestalteten Schriftfamilie »Helvetica Neue« erschien (D. Stempel AG /Linotype).

Damit wären wir für das Entstehungsjahr der Beschilderung in den frühen bis mittleren 1980er Jahren. Diese ungefähre Zeitspanne wird auch untermauert durch öffentlich einsehbare Firmendaten: Bis etwa 1979 firmierte das 1954 gegründete Unternehmen (zeitlich passend zum Stil der Wortmarke) unter dem Namen »Dr. Elisabeth Mohr Chemische Reinigung, Freiburg«, ab dann wurde es zur »Dr. Elisabeth Mohr Chemische Reinigung GmbH, Freiburg« (Quelle: North Data). Womöglich gönnte sich das Unternehmen im Anschluss daran eine neue Ladenbeschilderung.

(Beim ersten Lesen des Doktortitels auf dem Schild hatte ich übrigens intuitiv als Gründer bzw. Inhaber einen älteren Herrn mit graumelierten Haaren, Brille und weißem Kittel vor meinem geistigen Auge. Falsch assoziiert – der Doktor war eine Frau! Mal wieder ein Beweis dafür, wie männlich geprägte Sprache das Denken manipuliert. Aber das nur am Rande.)

Für das Schreibschrift-Logo habe ich erst gar nicht nach einem formal verwandten Font gesucht, dieses wurde mit Sicherheit extra für das Unternehmen entworfen. Am besten gefällt mir daran das freche »Dach« des o. Ein interessantes Detail ist auch, dass beim »Dr« der Punkt weggelassen wurde – eine Schreibweise, die eigentlich dem britischen Englisch entstammt.

Wie ich weiter herausfand, war das Unternehmen in der Region einst überaus erfolgreich. Es bot in seinen besten Zeiten zu Beginn der 80er-Jahre 90 Mitarbeitern in 35 Filialen einen Arbeitsplatz und war laut dem späteren Betreiber Ekkehard Mohr zeitweise »die größte Textilreinigung zwischen Karlsruhe und Basel« – also prinzipiell in der gesamten Schwarzwaldregion. Mit dem Aufkommen pflegeleichter Kleidung, moderner Waschmittel und der fortschreitenden Ausstattung privater Haushalte mit Waschmaschinen und Bügeleisen jedoch ging es mit der Branche stetig bergab. Bis Anfang der 2000er Jahre sank die Anzahl der Filialen auf 12 und die Zahl der Beschäftigten auf 40. Zum 31. Juli 2003 stellte das Unternehmen den Betrieb aus wirtschaftlichen Gründen ein (Quelle: Badische Zeitung). Die Annahmestelle auf meinem Foto ist nach wie vor in Betrieb und als einer von mehreren Standorten auf der Website der Firma »Plank Textilpflege« gelistet, welche laut ihrer Firmenchronik diese Filiale unmittelbar im Jahr der Geschäftsaufgabe übernahm.

Dass die inzwischen seit 22 Jahren eigentlich nicht mehr aktuelle Ladenbeschilderung bis heute an der Fassade verblieben ist, spricht vielleicht für den guten Ruf sowohl des ehemaligen als auch des heutigen Unternehmens, für das sich unter dem aktuellen Namen »Mohr Plank Reinigung« bis heute im Netz beste Bewertungen finden.
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