verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Antiquitäten (Seite 4 von 18)

Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

29.05.2026

Schon mehrfach gab es hier im Blog Beiträge zu neuen und alten Beschriftungen an Gebäuden und Bahnsteigen an Bahnhöfen. Bedingt durch die weit zurückreichende Geschichte der Eisenbahn sind allerorten neue und alte, vergessene, teils verwitterte, teils aber auch erstaunlich gut erhaltene Schilder und Schriftzüge zu entdecken. Eines dieser Schilder habe ich heute aus der Deutsch-Luxemburgischen Grenzregion vom Regionalbahnhof Wasserbillig mitgebracht.

»Der Bahnhof Wasserbillig in der gleichnamigen Ortschaft Wasserbillig ist ein luxemburgischer Grenzbahnhof zwischen Luxemburg und Deutschland. Der Bahnhof Wasserbillig liegt an der Bahnstrecke Luxemburg–Wasserbillig. Der Bahnhof wird von RB- und RE-Zügen angefahren. (…)
Der Bahnhof wurde 1861 mit dem Bau der Bahnstrecke von Luxemburg Stadt eröffnet. 1911 wurde die Strecke bis Oetringen zweigleisig ausgebaut und von 1956 bis 1959 elektrifiziert.«

Quelle: Wikipedia – »Bahnhof Wasserbillig«

Spontan erinnerten mich die abgerundeten rechteckigen Lettern an die beiden Schriftklassiker »City« (Georg Trump für Berthold AG, 1930), die allerdings Serifen aufweist – und die deutlich breiter laufende »Bank Gothic« (Morris Fuller Benton für ATF, ebenfalls 1930). Bei der Recherche fiel mir dann auf, dass es interessanterweise auch große Ähnlichkeiten mit Schriften gibt, die historisch im Straßenverkehr genutzt wurden. So zum Beispiel mit der nach ihrem Gestalter benannten Schriftfamilie »Charles Wright«, die seit 1935 (und bis heute in weiterentwickelter Form sowie unter anderem Namen) in Großbritannien für Kfz-Nummernschilder verwendet wird. Man findet Varianten davon als »Mandatory« oder »UK Number Plate« im Netz und es gibt auch eine Info-Seite dazu von der »British Number Plate Manufacturers Association«.

Eine andere »Straßenverkehrsschrift« mit einer vergleichbaren Anmutung ist die »Route 66« von Nick’s Fonts, die auf Schriftarten beruhen, welche auf US-Highway-Schildern aus den 1930er bis 1950er Jahren anzutreffen waren.

Dennoch sind diese Schriften nicht mit jener auf dem deutsch-luxemburgischen Stationsschild identisch. Unter anderem der tiefliegende Querstrich des 𝐴, die beiden unterschiedlich breiten Bögen des 𝐵 sowie der kurze horizontale Abschlussstrich am Bein des 𝑅 machen den Schriftzug einzigartig. Das gleiche 𝑅 findet sich auch auf dem Schild, das am Bahnhof Wasserbillig auf den Ausgang verweist:

Es ist nicht ganz einfach, die Zeit der Anbringung der Schilder zu ergründen. Formal sind sie, den o.g. Ähnlichkeiten nach, in den 1930-er bis 1950-er Jahren verwurzelt. Das Stationsschild »WASSERBILLIG« scheint aus Metall gefertigt zu sein, das Hinweisschild »SORTIE« weist Risse auf, wie sie im Lauf der Zeit bei Emaille oder Keramik entstehen könnten. In einer kommerziellen Bilddatenbank entdeckte ich immerhin ein historisches Schwarzweißfoto vom 16. August 1968, auf dem das Stationsschild bereits dokumentiert ist. Weitere alte Abbildungen mit eindeutig erkennbaren Hinweisen fand ich online nicht. Da öffentliche Beschilderungen meist entweder unmittelbar beim Bau oder zum Zeitpunkt späterer Sanierungen, Renovierungen oder Ausbauten angebracht oder ausgetauscht werden, würde ich die Tafeln auf 1959 (s.o.) oder früher datieren.

Wer mehr dazu weiß, kann sich natürlich sehr gerne melden! 🤓 🔠 🛤️

27.05.2026

Zwischendurch noch ein schönes Fundstück aus Hamburg St. Pauli – genauer gesagt, aus dem dortigen Karolinenviertel. Dieses Objekt ist mal wieder ein schöner Beweis dafür, dass es sich bei Streifzügen durch Straßen und Stadtviertel durchaus lohnt, auch mal den Blick nach oben zu richten und nicht nur bis kurz über die eigene Augenhöhe auf das Umfeld zu achten.

In etwa dreieinhalb Metern Höhe erspähte ich so dieses wunderbare Steinrelief über dem Eingangsportal an einem Gründerzeitbau, der einst als Schulgebäude diente.

Interessant ist, dass die zweizeilige Inschrift ohne Bindestrich angelegt ist. Die Schrift erinnert mich tatsächlich ein wenig an die Schulschreibschrift, die auch ich als Kind in den 1970er-Jahren während meiner Grundschulzeit erlernte.

Aber was kann uns das Netz über dieses Gebäude – hier eine Komplettansicht der Fassade – an der Adresse Laeiszstraße 12 erzählen?

»Die Schule Laeiszstraße im Hamburger Stadtteil St. Pauli wurde 1862 für die Armen- und Freischule Laeiszstraße (kurz Armenschule Laeiszstraße) erbaut.

Die Entwürfe stammten vermutlich von Franz [Gustav] Forsmann. Das Jahr 1862 gilt auch als offizielles Gründungsjahr der Schule. 1905 wurde das Gebäude nach Plänen von Albert Erbe umgebaut, dabei blieben die ursprünglichen Achsmaße erhalten. Ein Neubau nach Planung des Hamburger Hochbauamtes kam 1967 hinzu. (…) Zum Schuljahresbeginn 2006/2007 wurde die Grundschule (…) dauerhaft geschlossen. Danach wurde das Gebäude zwischenzeitlich als Standort der Grundschule Sternschanze genutzt. Mit Stand 2020 ist dort die Beratungsabteilung des Regionalen Bildungs- und Beratungszentrum (ReBBZ) Mitte ansässig. Schule und Turnhalle stehen unter Denkmalschutz.«

Quelle: Wikimedia Commons – »Schule Laeiszstraße«

Auch, was es mit dem Begriff »Armenschulen« auf sich hatte, speziell im Kontext mit dieser einen, ist wissenswert:

»Erst im Jahr 1870 wurden in der Freien und Hansestadt Hamburg, einem Teilgebiet des künftigen Deutschen Reiches, Volksschulen und die Schulpflicht eingeführt. Umso bemerkenswerter ist es, dass die heutige Grundschule im Karolinenviertel, Laeiszstraße 12, bereits acht Jahre vor Einführung der Schulpflicht als ›Zweite Armenschule von St. Pauli‹ im Jahr 1862 auf Initiative des Abgeordneten Johannes Halben gegründet wurde, zunächst in einem kleinen Gebäude mit begrenzter Anzahl an Klassenräumen.
Die Bezeichnung ›Armenschule‹ oder ›Freischule‹ bedeutet, dass diese Schulen kein Schulgeld verlangten, was in privaten Einrichtungen sonst selbstverständlich war.«

Quelle: Olga Wewerka, »Alfred Lichtwark. Persönlichkeit und Werk im Kontext der deutschen und tschechischen Kultur«. Doktorarbeit, Philosophische Fakultät der Karls-Universität Prag, S. 116 (Zitat ins Deutsche übersetzt).

Wie die Quelle dieses Zitats erahnen lässt, steht auch ein berühmter – wenngleich nicht gebürtiger – Hamburger mit dieser Schule in Verbindung:

»Einer der ersten Schüler der Einrichtung war der spätere Direktor der Kunsthalle, Alfred Lichtwark

Quelle: Uwe Schmidt: »Hamburger Schulen im ›Dritten Reich‹«, Bd. 2 (Anhang), S. 810

So schnell kann’s gehen – einmal kurz den Kopf gehoben und – zack! – wieder was über Hamburg gelernt.
🤓 🔠 🏫

25.05.2025

Aus Trier kommt das heutige typographische Montagsbonbon, und zwar in Form eines schnittigen Neonschriftzuges am »Stahlwarenhaus Schmelzer«. Küchen-, Koch-, Taschen- oder Sammlermesser sucht, ein Maniküreset oder sonstige Haushaltswaren wie Gläser, Kochgeschirr oder Küchenwerkzeuge, wird nach eigenen Angaben bei diesem Familienunternehmen fündig. Tatsächlich gibt es dieses Geschäft – in den Gründerjahren vermutlich mit einem etwas überschaubareren Sortiment und noch ohne den leuchtenden Namen an der Fassade – bereits seit 1734.

»Das Stahlwarenhaus Schmelzer in Trier wird bereits in der neunten Generation von unserer Familie geführt, kann auf über 285 Jahre Unternehmensgeschichte zurückblicken und zählt damit zu den ältesten Fachgeschäften Deutschlands. Der Name Schmelzer wird in der städtischen Chronik Triers sogar schon 1552 zum ersten Mal urkundlich erwähnt.«

Melanie Schmelzer auf der Website der Messermanufaktur Böker

Wieder einmal, wie oft bei derartigen Klassikern aus der Blütezeit der Neon-Lichtwerbung, begeistern die einzelnen Buchstabenformen mit feinen Details: Die teilweise doppelt angelegte, gerade Basis des 𝑆. Die oben leicht begradigte Form der 𝑙-Schlaufe, die mich tatsächlich an eine Messerklinge erinnert. Der gekonnte Übergang mit gebogenem Auf- und waagerechtem Querstrich von dort aus zum 𝑧, das zudem oben links eine Art kleine Serife aufweist, die dann im 𝑟 ein formales Echo findet.

Ich schmelze dahin … 🤓 🔠 🔪 🤩

21.05.2026

Ein zweites Fundstück, geknipst entlang der Wegstrecke vom Fischmarkt in Hamburg-Altona in Richtung Pferdemarkt, Karoviertel und schließlich Schulterblatt. Hinter einer großen Kreuzung am Nobistor entdecke ich einen kleinen Seiteneingang am Ende des Gebäudes Holstenstraße 3, der offenbar zum Hotel Lafayette gehört.

Unter einer verblichenen schmalen Markise (man sieht sie in der Spiegelung im Bild) an dem in die Jahre gekommenen blaugrauen Waschbeton-Gebäudeklotz, vermutlich aus den 1960er-Jahren, findet sich über der verglasten Aluminiumtür ein blaues Banner »Hotel·Eingang«. Man erkennt deutlich die Pinselstriche in dem gelben Farbauftrag; irgendwann einmal hat wohl ein Schildermaler diesen Schriftzug dort hinterlassen. Die Website des Hotels präsentiert sich inzwischen in zeitgemäßem Chic, direkt nebenan unter der Hausnummer 5 konkurriert das moderne »Prize by Radisson« in einem sandfarbenen Neubau mit extravagant eingerichteten, günstigen Designzimmern um Übernachtungsgäste.

Und doch hat hier in einer schmalen Nische ein kleines Relikt die Jahrzehnte überdauert. Ich liebe es. 🤓 🔠 🏨

19.05.2026

Es verdichtet sich bei mir allmählich das Gefühl, dass ich um so mehr typografische Fundstücke auf meinen Wegen, Reisen und Ausflügen erspähe, je mehr ich hier im Blog poste. Deshalb werde ich in dieser Woche die »Schlagzahl« noch einmal ein bisschen erhöhen und jeden Tag ein Typo-Häppchen servieren.

Das heutige stammt auch wieder aus Trier. Nach einem Einkauf nahe dem Trierer Hauptmarkt sah ich zufällig durch einen Torbogen (Pfeil im unteren Bild) dieses schöne Hausnummern-Relief an einem Eingang im Hof des Gebäudekomplexes der Markt- und Stadtkirche St. Gangolf. Und die interessante Ziffer 4 darin erforderte natürlich umgehend, dass ich durch das zufällig offenstehende Hoftor ging und sie für meine Sammlung dokumentierte. 🤓 🔠 ⛪️

15.05.2026

Das heutige Thema des Fundstück-Potpourris aus Barcelona lautet »Embleme an Hauseingängen«. Davon habe ich diesmal vier schöne Exemplare von meiner Kurzreise mitgebracht – zwei mit Buchstaben und zwei mit Jahreszahlen.

Bei meiner Fotosafari durch die Straßen der Stadt kam ich nicht umhin, die zahllosen, im Jugendstil erbauten oder mit dekorativen Elementen dieser Epoche geschmückten Gebäude zu bemerken. Barcelona ist ein prachtvolles Sammelbecken dieser Architektur: Über 2.000 Gebäude, so heißt es, wurden in der Zeit zwischen etwa 1880 und 1930 im Stil des katalanischen »Modernisme« in der Stadt erbaut und sind zu großen Teilen bis heute erhalten geblieben. Durch Abriss der alten Stadtmauer bekam Barcelona damals die Möglichkeit, sich großzügig auszudehnen. Der parallel wachsende Reichtum durch Industrie und Kapital führte zu einer wohlhabenden Bürgerschicht, wohingegen im Rest Spaniens eine Depression herrschte. Dieser neue Wohlstand beflügelte den Nationalstolz der Katalanen, sodass der Jugendstil hier eine eigene politische Ebene beinhaltete, die von Aufbruch, Erneuerung und Selbstbestimmung geprägt war.

»Die Architekten des Modernismus entwerfen ihre Gebäude ›komplett‹: Alle Räume, Farben, Dekorationen, Rahmen, Stühle, Fußboden und Gardinen werden bis ins letzte Detail geplant. Inspirieren lassen sie sich dabei von der Kunst des Orients und von der Natur selbst: weiche Linien, Kurven, geometrische Formen und ein buntes Farbenspektrum dominieren in allen modernistischen Werken Barcelonas. Unter den Motiven findet man exotische Pflanzenranken, Blüten und Palmen. Im Gegensatz zu den geraden Linen und Formen des Neoklassizismus ist der katalanische Modernismus frech und verspielt.«

Quelle: freibeuter-reisen.org – »Auf den Spuren des katalanischen Modernisme«

Und so stammen auch meine hier gezeigten Fundstücke aus dieser Zeit.

Das erste Emblem ist aus Metall gefertigt und in ein mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziertes Türgitter eingebettet. Es zeigt die mit Goldbronze bemalten Initialen »AM«, die mit Jugendstil-Buchstaben gestaltet und übereinandergelegt zu einer Art Monogramm arrangiert sind.

Das zweite Emblem fällt garantiert in die Blütezeit des Modernisme, wie die Jahreszahl 1893 beweist. Interessant fand ich hier die diagonal gestürzte Anordnung, die in Verbindung mit den Verzierungen der Ziffern dem Gesamtgebilde eine fast abstrakt-ornamentale Anmutung verleiht.

Fünf Jahre später wurde dann wohl dieses Emblem angebracht – erneut von floralen Ornamenten umgeben. Schlicht, aber schön, wenngleich gekrönt von neuzeitlichem Kabelsalat.

Zum Schluss folgt noch ein Gesamtkunstwerk in Form des prachtvollen Portals des »Centro Aragonés de Barcelona«, eines 1909 gegründeten aragonesischen Kulturvereins, der sowohl eine 14.000 Bände umfassende Bibliothek beherbergt als auch ganzjährig Konzerte, Ausstellungen, Handwerksmärkte, Lesungen, Theateraufführungen und Workshops veranstaltet und u.a. für die aragonesische Community in der Stadt eine Anlaufstelle darstellt.

Typographisch interessant fand ich sowohl den bogenförmigen Schriftzug über dem Eingang als auch das »CA«-Monogramm in dem roten Gittertor. Beides würde ich gleichfalls dem Modernisme zuordnen, nicht nur aufgrund des o.g. Gründungsdatums des Vereins, sondern bei der Inschrift z.B. auch aufgrund der deutlich nach unten (beim A und R) bzw. nach oben (beim E) versetzten Mittelachse der Buchstaben. Bei dem Emblem deuten die geschweiften Enden der Bögen, Winkel und Stämme der Buchstaben darauf hin. Bemerkenswert sind auch die eckigen »Spiralen« im Kapitell am Kopf der Säulen links und rechts des Eingangs.

Ich zumindest kam beim Herumstromern mal wieder aus dem Staunen nicht heraus – und die heutigen Bildbeispiele zeigen aus meiner Sicht sehr schön, wie eng Typographie, Kunst und Architektur in manchen Epochen oder Regionen miteinander verbunden sein können. 🤓 🔠 ⚜️

11.05.2026

Weiter geht’s beim »Abbau« meiner typographischen Fundstücke aus Barcelona mit einem Potpourri fantasievoller Ladenbeschriftungen. Ich war wieder einmal entzückt, wie individuell und originell die Gründer bzw. Inhaber ihre Schriftzüge gestalten, anstatt diesen Aufwand zu scheuen und zu beliebigen, inflationär verbreiteten Schriftarten zu greifen.

Lloable!*

* (katalanisch: lobenswert!)


Das erste Wort in der nachfolgenden Beschriftung – so hübsch es auf den ersten Blick aussieht – ist leider suboptimal gestaltet. Die beiden eher f-ähnlichen Zeichen sollen tatsächlich den Buchstaben t repräsentieren: Das katalanische Wort »tintoreria« – ich las es zuerst fälschlich als »finforeria« – bedeutet sowohl »Färberei« als auch »(chemische) Reinigung«. Der Text darunter »neteja i tint de la pell · i planxat al vapor« bedeutet übersetzt »Lederreinigung und -färbung · chemische Reinigung«. Das Geschäft ist inzwischen offenbar leider dauerhaft geschlossen.

Fortsetzung folgt! 🤓 🔠 🖌️

08.05.2026

Der zweite Beitrag meiner am letzten Freitag begonnenen Bilderserie vom kürzlichen Berlin-Kulturausflug stammt direkt vom Gendarmenmarkt – genauer gesagt: an der Adresse Markgrafenstr. 39, direkt gegenüber dem Konzerthaus. Ich hatte noch etwas Zeit bis zum Beginn des anstehenden Konzerts und so ging ich die Straße entlang, um mir die benachbarten Gebäude einmal näher anzusehen. Die vollständig mit einem gelb-roten Mosaik geschmückte Fassade dieses Hauses stach in der Reihe der Nachbargebäude besonders hervor. Und erst auf den zweiten Blick bemerkte ich hinter den Baumkronen (siehe animierte Markierung im Bild) drei – ebenfalls aus Mosaiksteinchen gefertigte – Schrifttafeln.

Um diese Tableaus überhaupt unverdeckt abbilden zu können, machte ich aus verschiedenen Blickwinkeln, zwischen den Ästen der Bäume hindurch, mehrere separate Aufnahmen und fügte diese zu einer simulierten Gesamtansicht zusammen.

Im Erdgeschoss des Gebäudes unter den insgesamt drei knallroten Markisen befinden sich im Bereich der Eingangstür mehrere in die Fassade eingelassene Beschriftungen: oberhalb: »Akademie Buchhandlung G. W. Leibniz«, links neben der Tür, von oben nach unten: »AKADEMIE·VERLAG·BERLIN« und rechts, ebenfalls von oben nach unten: »HERMANN·BÖHLAU s Nachf. WEIMAR«. Auf der Markise selbst wirbt der derzeitige Inhaber des dort ansässigen Geschäfts mit den Schlagworten »Tradition & Qualität« (linke Markise), »Plauener Spitze«, »Kuckucksuhren« und »Erzgebirgswaren« (mittlere Markise) und »Made in Germany« (rechte Markise) für sein Angebot. Oben auf der zentralen Markise befindet sich zudem der Name des Handelsunternehmens, der nur zu sehen ist, wenn das Stoffdach voll ausgefahren ist: »DAS SACHSENHAUS«. Kurioserweise wurde dieser in der wenig traditionsgemäß wirkenden, kantigen Computerschrift »Krungthep« gesetzt, die von 1984–97 unter dem Namen »Chicago« (Susan Kare für Apple Computer, 1983) und anfangs als reiner »Pixel-Font« Bestandteil der Systemsoftware von Apple-Macintosh-Computern war. Der legendäre Font ist zwar nach wie vor auf der MacOS-Plattform verfügbar, allerdings inzwischen unter geändertem Namen und um einen thailändischen Zeichensatz ergänzt.

Die Beschriftungen auf den Frontseiten der Markisen wurden in der Schriftart »Arial Rounded MT Bold« (Robin Nicholas, 1993 für Monotype) umgesetzt. Auch dies ist eine Systemschriftart, allerdings lizenziert von Microsoft für ihre Office-Applikationen. Tradition, wohin man blickt …

Doch zurück zum Gebäude. Man könnte annehmen, dass »Das Sachsenhaus« die Bezeichnung für dieses Wohn- und Geschäftshaus ist. Dem ist jedoch nicht so, dieser Name bezieht sich allein auf diese Filiale des folkloristischen Ladengeschäfts. Auf der Website der Bildagentur akg images finden sich einige Aufnahmen des Bauwerks, die noch zu DDR-Zeiten entstanden sind und das Erdgeschoss ohne Markise und mit dem zuvor dort ansässigen Buchladen zeigen. Dieser vertrat den bereits oben genannten, renommierten »Akademie-Verlag« und wurde im Jahr 1988 an diesem Standort – damals hieß die Adresse noch »Platz der Akademie« – eröffnet. Kein Zufall – denn sowohl die Benennung des Platzes als auch der Buchhandlung waren zu Repräsentationszwecken von staatlicher Seite bewusst aufeinander abgestimmt:

»Der Akademie-Verlag (Eigenschreibung: Akademie Verlag, früher Akademie-Verlag Berlin) war ein von 1946 bis 2013 bestehender deutscher Wissenschaftsverlag mit Sitz in Berlin. Er verlegte Werke aus den Fachgebieten Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften. Er war der bedeutendste Wissenschaftsverlag der DDR. Insgesamt erschienen über 12.000 Buchtitel und über 60 regelmäßig erscheinende Zeitschriften mit über 700.000 einzelnen Heften.

Im Signet des Verlags fand sich seit 1957 der Kopf von Gottfried Wilhelm Leibniz, dem Gründer der Akademie im Jahre 1700, sowie der lateinische Wahlspruch ›THEORIA CUM PRAXI‹ (Theorie mit Praxis).
(…)
Mitte der 1950er Jahre gehörte er zu den größten Exportverlagen der DDR. Anfang der 1970er Jahre exportierte der Verlag 55 % seiner Produktion ins westliche Ausland. Mitte der 1980er Jahre waren es 66 %. Das anfangs noch recht übersichtliche Programm wuchs in die Breite und umfasste rund 25 Wissensgebiete aus Geistes- und Naturwissenschaften, Medizin und Technik.«

Quelle: Wikipedia – »Akademie-Verlag«

Damit ist auch geklärt, in wessen Auftrag und zu welchem Zeitpunkt die drei Mosaik-Texttafeln unter den Fenstern im 1. Obergeschoss des Hauses angebracht wurden. Und obwohl der erste Eindruck vermuten lässt, dass es sich um ein frühes historisches Gebäude handelt, widerlegen online verfügbare Quellen auch dies. Das Ensemble aus Wohn- und Geschäftshäusern an der Adresse Markgrafenstr. 39–41 wurde tatsächlich erst in den Jahren 1985–87, kurz vor dem Fall der Mauer, errichtet.

»Die Baumaßnahmen der 1980er Jahre am Platz der Akademie (seit 1991 wieder als Gendarmenmarkt bezeichnet) belegen anschaulich das Ziel, eine der Bedeutung des Standortes angemessene Gestaltung zu finden. […] Im Brüstungsbereich der Fenster und im Traufbereich werden durch dunkelrote Mosaiksteine vom Jugendstil inspirierte Zierelemente angedeutet. […] In den Brüstungsfeldern der darüber gelegenen Fenster befindet sich mit dem Schriftzug ›THEORIA CUM PRAXI‹ die von Gottfried Wilhelm Leibniz stammende Maxime für die von ihm begründete Akademie der Wissenschaften.«

Quelle: berlin.de – Landesdenkmalamt, »Erläuterungen zum Vorliegen der Merkmale eines Denkmals nach § 2 DSchG Bln vom 24.5.95« (PDF)

»Fake-Jugendstil«, könnte man also gemäß heutigem Vokabular zur Fassade des Vorzeigebaus für den angesehenen Verlag sagen. Und irgendwie passt diese »Mosaiktapete« ja dann auch wieder ganz gut zu den mit Computer-Systemschriften bedruckten Markisen an dem aktuell dort betriebenen Kunstgewerbeladen. 🤓 🔠 📖

01.05.2026

Mit dem heutigen Beitrag möchte ich eine kurze zweiteilige Serie mit Fundstücken einleiten, die ich innerhalb einer guten Stunde in Berlin aufgetan habe. Ich machte mich an einem Samstag Ende März mit dem Regionalzug auf nach Berlin, um am Nachmittag ein spannendes Konzert an der Orgel des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, gespielt vom jungen Virtuosen und Organist der Berliner Gedächtniskirche, Sebastian Heindl, zu besuchen.

»Ein Heldenleben? – heroische Musik für Orgel«
  • Rachel Laurin – „Étude Héroïque“ op. 38
  • Clara Schumann – „Caprice á la Boléros“ aus „Quartre Pièces caractéristiques“ für Klavier op. 5, für Orgel übertragen von Sebastian Heindl
  • César Franck – „Symphonie héroïque“ (zusammengestellt von S. Heindl)
  • Sebastian Heindl – Improvisation (u. a. über Themen aus dem Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber)

Meine Zugreise endete am Bahnhof Potsdamer Platz und ich beschloss, da noch Zeit genug war, den Weg zum Konzerthaus zu Fuß zurückzulegen. Nach wenigen hundert Meter Wegstrecke bemerkte ich an einer Straßenkreuzung ein großes Jugendstil-Eckhaus, dessen Fassade mit opulenten Mosaiken in Grün, Gold und Schwarz und der Abkürzung »W.M.F.« geschmückt war. »Interessant«, dachte ich – liegt doch der Firmensitz und Gründungsort, Geislingen an der Steige, gut 500 km Luftlinie entfernt. Die 1853 gegründete Firma WMF (Württembergische Metallwarenfabrik), seit den 1950-er und 1960-er Jahren bekannt für ihre ebenso funktionalen wie ästhetischen Haushaltswaren, schien also bereits früh Bedarf an einer repräsentativen Niederlassung in der deutschen Hauptstadt gehabt zu haben.

Tatsächlich hat das 1903/1904 als Verwaltungsgebäude des Unternehmens errichtete »WMF-Haus« eine interessante und bewegte Geschichte:

»Das Gebäude […] diente zum Zeitpunkt der Eröffnung dem Unternehmen als Verwaltungsgebäude. […] Im Erdgeschoss bedienten 100 Angestellte die Käufer, zwei darüberliegende Etagen beherbergten eine Musterausstellung des Unternehmens. In den obersten Etagen befand sich die Berliner Redaktion der französischen Zeitung Le Matin.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte es verschiedene Nutzer, unter anderem ein Konfektionsgeschäft, ein Lebensmittelgeschäft und einen Auto-Ersatzteile-Markt. Das Gebäude wurde vom Ost-Berliner Magistrat für die Verbreiterung der Straße 1986 enteignet und verfiel. Am 6. Juni 1990 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, die WMF erhielt es zurück und verkaufte es […]. Das Haus wurde berühmt, weil es Anfang der 1990er Jahre Namensgeber und Gründungsstätte für den Technoclub WMF-Club war, dieser besetzte das Haus und veranstaltete illegale Partys.«

Quelle: Wikipedia – »WMF Haus«

Die Embleme links und rechts des Firmennamens in den Mosaiken zeigen einen laufenden Vogel Strauß. Dieses Markensymbol des Unternehmens wurde um 1903 – also etwa zeitgleich zum Baujahr des Hauses – eingeführt, um Produkte des Unternehmens mit einem geprägten Motivstempel als Originale zu kennzeichnen. Man nimmt an, dass das Symbol Strauß vom Nachnamen eines der WMF-Gründer (Daniel Straub) abgeleitet wurde. Zur Entstehungsgeschichte und Nutzung dieses und weiterer WMF-Markenzeichen finden sich viele weitere Details auf der Website des auf antike Tischwaren und Bestecke spezialisierten Antiquitätenhändlers Ralph Prüschberg.

Obwohl nur die drei Buchstaben des Monogramms für die Analyse der Schriftart zur Verfügung stehen, bieten sowohl das Entstehungsjahr des Gebäudes als auch die ausladenden Formen und markanten Serifen der genutzten Zeichen genug Anhaltspunkte, um sie ähnlichen Schriften vom Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts zuzuordnen. Exakte Übereinstimmungen ließen sich zwar nicht finden, aber große Ähnlichkeiten. Drei Beispiele für verwandte Schriften, inspiriert oder abgeleitet aus jener Zeit, sind »MFC Elmstead« (Font Brothers, nach Initialen aus dem Buch »Monograms and Alphabets for Combination« von Dollfus, Mieg & Cie aus den 1880-er Jahren), »Remus« (Ralph M. Unger, nach dem Schriftentwurf »Romanisch« von Schelter & Giesecke, 1889) oder »TS Verona« (Walter Florenz Brendel/Brendel Type Studio, 1974–1978 für die »TypeShop Collection« nach Schriftentwürfen ).

Zum wiederholten Male ein feines Fundstück aus der Ära des Jugendstils – eine Zeit, die für schöne Schriften unglaublich ergiebig zu sein scheint. 🤓 🔠🍴

27.04.2026

Wie jeden Montag habe ich für heute wieder einen Schnappschuss vorbereitet, diesmal einen, der auf der Durchfahrt durch das Dorf Schönfeld im Landkreis Stendal entstand. Schon mehrmals war mir dort an einem alten Backsteingebäude, das aussieht, wie eine Scheune oder ein Stallgebäude, die verwitterte, aufgemalte schwarzweiße Schrifttafel mit dem Wort »Ausspannung« aufgefallen. Diesmal hatte ich genug Muße, um kurz anzuhalten und ein Foto davon zu machen.

Das seit 2020 zur Gemeinde Kamern gehörende Dorf Schönfeld wird erstmals im Jahr 1420 urkundlich erwähnt und beging 2020 seine 600-Jahr-Feier. Insofern ist die Annahme realistisch, dass es sich bei dem Anwesen früher um ein Gasthaus mit oder ohne Übernachtungsmöglichkeit handelte, in dem Reisende, die mit Pferdekutschen unterwegs waren, eine Rast einlegen konnten, um die Tiere zu verpflegen und sich selbst ebenfalls zu stärken und auszuruhen.

»Der Ausspann, regional auch die Ausspanne, ist eine früher übliche Bezeichnung für ein Gasthaus oder eine Schänke an alten Handelsstraßen, das Raum zur Unterbringung von Pferden und Wagen der Reisenden bot.

Auf langen Handelsreisen war es erforderlich, Übernachtungspausen einzulegen. Der Begriff ›Ausspanne‹ weist auf ein Gasthaus mit der Möglichkeit zum Ausspannen der Pferde aus den Fuhrwagen und Kutschen hin, also auf die Übernachtung der Reisenden und das Unterstellen der Tiere im Stall. Allgemein wurden solche Gasthäuser auch als Ausspannwirtschaft oder Ausspannlokal bezeichnet.

Im heutigen Sprachgebrauch ist das Verb ausspannen (sich erholen, entspannen) noch gebräuchlich, obwohl sein wörtlicher Sinn verloren gegangen ist.«

Quelle: Wikipedia – »Ausspann«

Bestätigt wird die Annahme, dass es sich um ein Wirtshaus handelt, auch hier wieder durch ein »Geisterbild« des Wortes »Gaststätte«, das in der rechten unteren Ecke der bemalten Fläche schemenhaft erhalten blieb. Die exakte typographische Gestaltung ist zwar auf diesem Wandbild auf der Nordseite nicht mehr rekonstruierbar, aber – o Wunder! – auf der Südseite desselben Gebäudes befindet sich direkt gegenüber ein zweites, gleich großes Motiv, auf dem zwar der Schriftzug »Ausspannung« deutlich schwächer erkennbar ist, aber die Gaststättenwerbung die Zeit besser überdauert hat. So konnte ich mithilfe kontrastverstärkender Bildfilter und anderen Nachbearbeitungen ziemlich gut rekonstruieren, wo der Schriftzug stand, wie er in etwa proportioniert war und was dort auf den anscheinend identisch beschrifteten Flächen einst stand. Links sind die beiden Großbuchstaben »HO« erkennbar – die Beschriftung bewarb somit eine »HO-Gaststätte«, eine Kette mit Restaurantbetrieben, die von 1948 bis 1990 in der ehemaligen DDR betrieben wurde. Und auf dem zweiten Wandbild ist klar erkennbar, dass es sich um eine »KOMMISSIONS(-)Gaststätte« handelte.

Interessant ist, dass die ältere Beschriftung, die auf die Pferdefuhrwerke hindeutet, auf der Nordseite kräftiger erscheint als die HO-Gaststätten-Beschriftung, die ja erst nach 1948 entstanden sein kann. Ich vermute, dass der neuere Farbauftrag die Witterungseinflüsse aus irgendeinem Grund schlechter verkraftet hat als die darunter befindliche, ältere Beschriftung – zumindest auf einer Seite des Gebäudes.

Bei dem Gaststättenmotiv fielen mir insbesondere die seltsam »tiefliegenden« S im Wort »KOMMISSION« auf und die beiden markant geschwungenen S bei »Gaststätte«. Vielleicht hatte der oder die Schildermaler*in ja eine Vorliebe für eine gewisse Extravaganz speziell bei der Gestaltung dieses Buchstabens.

Bei dem älteren Schriftzug »Ausspannung« fand ich zudem die Ähnlichkeit des kleinen g mit dem kleinen g in einem anderen historischen Werbemotiv aus Trebbin spannend, rund 100 km Luftlinie entfernt, das in meinem Foto zum Blogbeitrag vom 20.03.2026 auftaucht und dessen Entstehungszeit ich auf Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt hatte. Vielleicht wurden ja beide Motive etwa zur selben Zeit angebracht?

Es bleiben also mal wieder ein paar Fragezeichen stehen, denn weitere Details zu dem Gebäude und dem Wirtshaus blieben leider trotz meiner Nachforschungen im Dunkeln. Also: Zeit, den Rechner zuzuklappen und bei einer Tasse Kaffee erstmal ein bisschen auszuspannen … 🤓 🔠 🐴

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