verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Antiquitäten (Seite 4 von 17)

Von Vintage über historisch bis antik, in Stein gemeißelt, gemalt, als Relief oder traditionell gedruckt – in dieser Kategorie landet alles, was garantiert schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel hat.

03.04.2026

Bei einem meiner ersten längeren Streifzüge durch die Wohn- und Geschäftsstraße Godthåbsvej im Kopenhagener Stadtteil Frederiksberg fiel mir schon von weitem dieses hochformatige Neonschild mit dem Schriftzug ROXY ins Auge – das typographische Fundstück dieser Woche.

Ich wusste sofort, dass sich dieser Schriftzug an einem ehemaligen oder weiterbetriebenen Kino befindet, denn gefühlt in fast jeder größeren Stadt gab es bis in die 1970er-Jahre hinein ein Lichtspielhaus namens ROXY. Ich fragte mich, wieso dieser Name für Kinos über viele Jahrzehnte derart populär war. Und das Internet wusste wie immer die Antwort darauf:

»›Roxy‹ war der Spitzname von Samuel L. Rothafel. Er wurde 1882 als Kind deutsch-jüdischer Auswanderer in Minnesota/USA geboren. Sein ursprünglicher Name war Samuel Rothapfel. Den Spitznamen ›Roxy‹ soll schon der Vater getragen haben, er erinnert an englisch ›rock, rocks = Fels, Felsen‹.

Sein erstes Kino eröffnete Roxy 1908 im umgebauten Tanzsaal einer Bierhalle in Forest City in Pennsylvania. […] In den nächsten Jahren wurde er zu einem der erfolgreichsten Kinoleiter der USA – ohne jedoch Kinoeigentümer zu sein.

Im März 1927 wurde dann das ROXY in New York eröffnet. Mit 5920 Plätzen war es zu diesem Zeitpunkt das größte Kino der Welt.

[…]

Der Ruf dieses Filmtheaters ging um die ganze Welt und führte zu Gründung von Kinos namens ROXY weltweit. ROXY wurde zum Synonym für Filmpalast. Der Name des Unternehmens war nicht geschützt und Roxy hatte wohl selber auch kein Interesse daran, finanzielle Vorteile daraus zu ziehen. Für ihn waren Ruhm und Ruf wichtiger. Das führt dazu, dass der 1936 verstorbene Filmpalastmanager heute noch unvergessen ist, auch wenn sein ROXY in New York 1960 abgerissen wurde.«

(Der komplette Artikel ist ebenfalls durchaus lesenswert.)

Quelle: Regionale Kinogeschichte

Das Kopenhagener ROXY wurde Weihnachten 1928, am 26. Dezember, eröffnet und war das erste Kino in Dänemark, welches Tonfilme zeigte. Der erste aufgeführte Film im Programm war der Film »Fazil« (deutscher Titel »Hinter Haremsmauern«, dänisch »Marokkaneren« [»Der Marokkaner«]) unter der Regie von Howard Hawks. Dieses Werk stellt einen der ersten Filme aus der Übergangszeit zwischen Stumm- und Tonfilm dar. Es wurde an die Kinos mit einer auf Lichttonspur (»Movietone«) gespeicherten, synchronen Begleitmusik ausgeliefert. Außerdem enthielt die Tonspur Geräuscheffekte und eine gesungene Aufnahme des Titelliedes.

Die heute noch am Gebäude installierte Leuchtreklame befand sich allerdings nicht von Anfang an der Fassade. Im Sommer des Jahres 1934 wurde das ROXY für fast zwei Monate geschlossen und umfassend umgebaut. Erst seitdem gibt es das riesige vertikale Banner mit roten Buchstaben und gelber Beleuchtung auf schwarzem, später weißem Grund, das sich vom ersten bis zum dritten Stock erstreckt. Es gibt zu dem Kino einen interessanten ausführlichen Artikel in dänischer Sprache, der mit Hilfe eines Online-Übersetzungstools sehr angenehm auch auf Deutsch lesbar ist.

Von den Buchstaben des Schildes ist das R eindeutig der markanteste. Mit seinem ausladenden »Kopf« und dem kurzen, geschwungenen Bein repräsentiert es perfekt beliebte Schriften aus den 1920er- bis 1940er-Jahren, in denen noch Formelemente des Art Deco anklingen. Ein schönes Beispiel für eine nah verwandte kommerzielle Schriftart ist die »Pinkhoff« des niederländischen Designers Léon Hulst (TypeFaith Fonts, 2020) die von dieser Epoche inspiriert wurde.

Am Dienstag, den 30. November 1976 erloschen die Filmprojektoren im ROXY Kopenhagen für immer. Im Jahr 1978 übernahm dann ein Supermarkt der Kette »NH« den alten Kinosaal mit seinem Foyer sowie den angrenzenden Geschäftsräumen, »adoptierte« den legendären Namen des Kinos für sein Ladengeschäft und brachte entsprechende Werbeschilder über den Schaufenstern an. Einige der Ausgänge wurden zugemauert, der Balkon diente fortan als Abstellraum, manche Räume blieben gänzlich ungenutzt und der hintere Teil des Kinosaals wurde abgerissen. Auf einer Bildarchiv-Website der Kommune Kopenhagen ist ein Foto dieses Supermarkts aus dem Jahr 1980 erhalten geblieben.

1996 bezog die auch in Deutschland bekannte, gelb-schwarz »gebrandete« Discounter-Kette NETTO die Ladenflächen. Die ROXY-Beschriftungen im Erdgeschoss wurden abmontiert, nicht aber das große Banner an der Fassade. Bis heute erinnert es an die Glanzzeiten eines klassischen Filmtheaters und – so ist zumindest im Netz zu sehen – leuchtet abends nach wie vor in die Dunkelheit.
🤓 🔠 🎞️

27.03.2026

Kommen wir nun zum ersten »richtigen« Fundstück aus Kopenhagen. Am zweiten Tag meines Aufenthalts besuchte ich in der mittelalterlichen Kirche im Stadtteil Brønshøj (Außenansicht des Turmes: siehe letztes Foto am Ende des Beitrags) ein wunderbares klassisches Konzert mit Musik, gespielt auf dem Urahn des Klaviers, einem Clavichord. Direkt hinter dem Bühnenpodest mit dem Instrument und dem auftretenden Künstler hatte ich freien Blick auf den prunkvollen Altar der Kirche und dort fielen mir insbesondere die derart üppig verzierten Initialen auf den beiden unteren Texttafeln auf. Die Ranken und Schlaufen sind derart filigran und überbordend, dass für die meisten Betrachter*innen nur aus dem Text selbst ersichtlich wird, um welche Buchstaben es sich überhaupt handelt.

Die Brønshøj-Kirche ist seit der Eingemeindung der Pfarrei in die Stadt Kopenhagen im Jahr 1901 tatsächlich das älteste noch genutzte Gebäude Kopenhagens. Sie wurde in den 1180er-Jahren von Bischof Absalon im romanischen Stil aus Kalksteinblöcken von der dänischen Halbinsel Stevns erbaut. Der Turm im gotischen Stil wurde um 1450 hinzugefügt und besteht aus rotem Backstein.

Während der schwedischen Besatzung im Jahr 1658 wurde das Kircheninnere geräumt und vermutlich als Waffenlager genutzt. Zwar überstand die Kirche die Kriege, von der Innenausstattung jedoch blieben nur das Altarbild und das Taufbecken erhalten. Letzteres ist vermutlich so alt wie die Kirche selbst.

Das große, sogenannte Katechismus-Altarbild mit den goldenen Bibeltexten stammt aus dem Jahr 1587, der vergoldete Zieraufsatz mit dem Monogramm von Christian V. ist etwa 100 Jahre jünger und wurde im Jahr 1679 angebracht. Nach der Reformation ersetzte man in Dänemark die früheren Altar-Tafelbilder aus der katholischen Zeit oftmals durch Texttafeln mit Bibelzitaten. Der von Hand gestaltete Text auf diesem Altar zitiert die Einsetzungsworte des Abendmahls, in den oberen Feldern auf Lateinisch (𝐴𝑁𝑇𝐼𝑄𝑈𝐴) und in den unteren auf Dänisch (𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯). In der barocken Niederschrift finden sich einige Besonderheiten bei der Schreibweise. So ist etwa an zwei Stellen ein doppeltes M/m mit einem leicht nach links versetzten, waagerechten Strich über einem einfachen M/m notiert und »DEDITQUE« wurde im lateinischen Text zu »DEDITQ« verkürzt:

»DOMINVS NOSTER IESVS CHRISTVS IN EA NOCTE QVA TRADITVS EST, ACCEPIT PANEM, ET CVM GRATIAS EGISSET FREGIT DEDITQ[UE] DISCIPVLIS SVIS, DICENS: ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORPVS MEVM, QVOD PRO VOBIS DATVR HOC FACITE IN MEI COM[M]EMORATIONEM«

»Vor Herre Jesus Christus, i den Nat Der Hand bleff forraad, Tog Hand Brødet, takede oc brød det, Gaff sine discipler oc sagde, Tager Dette hen oc æderit, det er mit Legem, som Giffuis for Eder, Det giører, I min Hukom[m]else.«

»Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.«

Im rechten unteren Tafelbild setzt sich der dänische Text fort mit den Worten »Lige saa tog hand og Kalken efter Aftens-Maaltid …« (»Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl …«). Somit ist klar, dass die beiden Initialen ein V (links) und ein L (rechts) darstellen.

Und somit durfte ich an diesem Abend nicht nur zartklingende Alte Musik geießen, sondern hatte auch wieder einen spannenden Anlass, einem historischen Schrift-Fundstück hinterherzurecherchieren und einiges dabei über meinen Urlaubsort zu lernen. 🤓 🔠 🇩🇰

20.03.2026

Bereits länger im Voraus vorbereitet, kommt heute zwischendurch ein Beitrag zu einem Fundstück, das schon etwas älter ist und nicht, wie die aktuellen, aus Kopenhagen stammt. Als Einleitung habe ich eine Textpassage aus der Erzählung »Das Gespenst von Canterville« von Oscar Wilde (1854–1900) ausgewählt, die mich als Kind ziemlich fasziniert hat. Denn an eine Episode daraus muss ich immer denken, wenn ich Motive wie das heutige entdecke, mit mehrfach übermalten Beschriftungen, deren frühere Versionen, wie durch Hexerei und teils nach vielen Jahrzehnten, wieder sichtbar wurden.

»Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden, gerade vor dem Kamin, und in völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: ›Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet.‹

›Ja, gnädige Frau,‹ erwiderte die alte Haushälterin leise, ›auf jenem Fleck ist Blut geflossen.‹

›Wie gräßlich!‹ rief Mrs. Otis. ›Ich liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muß sofort entfernt werden.‹ Die alte Frau lächelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: ›Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand dann plötzlich unter ganz geheimnisvollen Umständen. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.‹

›Das ist alles Humbug,‹ rief Washington Otis, ›Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen‹; und ehe noch die erschrockene Haushälterin ihn davon zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.

(…)

Am nächsten Morgen jedoch, als die Familie zum Frühstück herunterkam, fanden sie den fürchterlichen Blutfleck wieder unverändert auf dem Fußboden. ›Ich glaube nicht, daß die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,‹ erklärte Washington, ›denn den habe ich immer mit Erfolg angewendet – es muß also das Gespenst sein.‹ Er rieb nun zum zweitenmal den Fleck weg, aber am nächsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte.«

Quelle: projekt-gutenberg.org

Zwar nutzen solche alten Werbemotive nicht eine so gruselträchtige Substanz wie das Blut eines Mordopfers, sondern lediglich profane Fassadenfarbe, und das mysteriöse Wiederkehren der Bemalung hat auch nichts mit Flüchen oder Magie zu tun, aber der Effekt ist dennoch faszinierend.

Bei etwas genauerem Hinsehen glaube ich sogar erkennen zu können, in welcher Reihenfolge die beiden Bemalungen entstanden. Zweifellos gehören die beiden links und rechts platzierten Illustrationen der gekreuzten Werkzeuge Schlägel und Eisen – dem international gebräuchlichen Symbol für den Bergbau – zu dem zentral stehenden Wort »Kohlen Handlung« und bilden als Ensemble eine der beiden sichtbaren Beschilderungen. Die Schreibweise ohne Bindestrich muss dabei nicht zwingend ein Fehler sein – bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts war die Verwendung von Leerzeichen statt Bindestrichen bei Komposita durchaus üblich. Das andere Gesamtmotiv besteht aus den beiden größeren Textzeilen »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« und »Landwirtschaftliche Maschinen«, dazu gehören die beiden kleinen, links und rechts unten angeordneten Texte »Dreherei« und »Autogene Schweißerei«.

Meine Schlussfolgerung ist, dass das Motiv der Kohlenhandlung zuerst auf die Wand gemalt wurde, denn sowohl im Bereich der Buchstaben »lun« im Wort »Handlun als auch rechts unten beim Wort »Autogene« ist zu erkennen, dass die Beschriftung der Schweißerei das Motiv der Kohlenhandlung überdeckt. Dass die Technik des autogenen Schweißens (auch Gasschmelzschweißens) im Jahr 1903 von den französischen Ingenieuren Edmond Fouché und Charles Picard entwickelt wurde, liefert einen weiteren relevanten Hinweis zur Datierung.

Alle Schriftarten auf der Fassade – und das war der zweite Grund, diese Beschilderung zu fotografieren – gefallen mir auch aus gestalterischer Sicht. Ich gehe davon aus, dass die Buchstabenformen bzw. Schriftzüge von einem professionellen Schildermaler entworfen wurden und keinen käuflichen Typen entsprechen. Die Zeile der Kohlenhandlung habe ich zur besseren Ansicht einmal nachgezeichnet. Ist sie nicht grandios?

Bei dem Schriftzug des Metallbau-Unternehmens sprechen mich vor allem das oben kantig abgeflachte A in »Autogene« und die Schriftart in der ersten großen Textzeile an. Aus dieser habe ich nur die markantesten Buchstaben nachgebaut.

Die Schriften in diesem Motiv weisen Formmerkmale aus der Zeit des Jugendstil bzw. Art Deco auf, wie sie sich beispielsweise auch bei der Schriftart »Kleopatra« der Bauerschen Gießerei in einem Musterbuch um das Jahr 1914 wiederfinden, etwa das hochgebockte K, das abgeflachte A oder das oben begradigte s. Der abgeschrägte Bogen im B findet sich bei P und R (und beim B vertikal gespiegelt) in der Schriftart »Nouveau To Go JNL« (2017) von Jeff Levine wieder, die auf einem Notenblatt aus dem Jahr 1915 basiert.

Sofern also meine Beobachtung korrekt ist, dass die Beschriftung der »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« später als das der Kohlenhandlung entstand, muss der kantige Schriftzug »Kohlen Handlung« demnach früher entstanden sein, also vermutlich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und dafür wirkt er doch auch heute noch ziemlich modern, oder? 🤓 🔠 ⚒

13.03.2026

Nach den Ausflügen zu Fundorten in Bremerhaven und im Fichtelgebirge kehren wir heute noch einmal zurück nach Berlin-Zehlendorf. Direkt neben dem hier gezeigten Eingang zum dortigen Bürgersaal erspähte ich ja den ebenfalls bereits geposteten Neonschriftzug eines Handarbeitsladens. Und direkt vor diesem Geschäft konnte ich gleich das nächste Fundstück ablichten: Eine gläserne Vitrine, bei der ein am oberen Rand angebrachter Werbeschriftzug meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Insbesondere das kleine r in dem Markennamen »Schachenmayr«, das aussieht, als würde sich ein spiegelverkehrtes Komma an den Hals des Buchstabenstamms schmiegen, fand ich bemerkenswert. Eine derartige Form hatte ich bei diesem Zeichen bislang noch nirgends bewusst wahrgenommen.

Die Schriftart in der Wortmarke wurde mit ziemlicher Sicherheit eigens dafür handgezeichnet. Als Indiz dafür werte ich wieder, dass gleichartige Zeichen leicht unterschiedlich ausgearbeitet sind. So ist etwa der rechte Schenkel des h in der ersten ch-Ligatur nach innen gebogen, im zweiten Vorkommen steht er nahezu senkrecht. Auch die beiden a unterscheiden sich: Der Abstrich des erste ist leicht nach außen gewölbt, beim zweiten verläuft er ohne Wölbung diagonal nach unten.

Solche Antiqua-Schriften mit deutlich ausgeprägten Oberlängen bzw. im Vergleich dazu sehr niedrigen Minuskeln, wie die »Schachenmayr«-Type, waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts recht beliebt. Beispiele dafür im Bild oben sind etwa »Mona Lisa« von Albert Auspurg (Ludwig & Mayer, 1930), »Bernhard Modern« von Lucian Bernhard (American Type Founders, 1937), »Lucian« von Lucian Bernhard (Bauer, 1928) oder »Ohio« von Frederic Goudy (Brüder Butter/Schriftguss AG, 1912). Und diese Datierung fügt sich tatsächlich perfekt in die Geschichte des Unternehmens ein, über die ich natürlich auch wieder mehr wissen wollte. Seine Ursprünge reichen zurück bis ins Jahr 1822, doch erst seit 1835 trägt es den Namen Schachenmayr. Um 1930 tauchte dann die Wortmarke in der oben gezeigten Form erstmals auf (siehe auch die Abbildung zur Logo-Evolution am Ende des Beitrags).

»Johann Gottfried Kolb kauft eine Wollspinnerei in Salach bei Stuttgart in Süddeutschland. Der ehemalige Mitarbeiter Leonhardt Schachenmayr heiratet dessen älteste Tochter und übernimmt 1835 die Firma. Die neue Ära unter dem Namen Schachenmayr beginnt.«

Quelle: Broschüre »200 Jahre Schachenmayr – feiern Sie mit« (Link: s.u.)

Anlässlich des 200-jährigen Firmenjubiläums von Schachenmayr erschienen 2022 unterschiedlich detaillierte Festschriften, in denen die Historie nacherzählt wird. Eine der Publikationen ist nur im Browser aufrufbar, die zweite kann als PDF heruntergeladen werden.

Wie schon oft in den hiesigen Blogbeiträgen zu langjährig tätigen, historischen Unternehmen, gab es auch bei Schachenmayr »goldene Zeiten«, in denen die Geschäfte florierten und die Firma kontinuierlich wuchs. So verdreifachte sich etwa die Zahl der Angestellten zwischen 1862 und 1907 von 295 auf knapp 1.000 und Schachenmayr stieg zu einem angesehenen Marktführer für Garne und Wolle in Deutschland, Belgien, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden auf.

Auch im Bereich Marketing entwickelten sich die Aktivitäten der Garnmarke vielversprechend. 1926 brachte das Unternehmen erstmals ein eigenes, monatlich erscheinendes Handarbeitsmagazin, »Die Schachenmayrin« heraus, das vielfältige Anleitungen zum Handarbeiten und zur Fertigung von Kleidung, Wohntextilien und Accessoires aus den Garnprodukten der Marke beinhaltete. Die letzten, aktuell noch auf dem Gebrauchtmarkt erhältlichen Ausgaben stammen aus dem Jahr 1964, sodass das Heft immerhin fast 40 Jahre Bestand hatte, ehe es in den folgenden Jahrzehnten von den moderner anmutenden Nachfolge-Magazinen »Inspiration« und »moments« abgelöst wurde. Bei den Winterspielen 1928 im schweizerischen St. Moritz stattete Schachenmayr das deutsche Olympia-Ski-Team mit Bekleidung aus, 1954 und 1976 die Teilnehmer von Himalaya-Expeditionen und brachte mehrbändige Handarbeits-Lehrbücher heraus. Später nutzte Schachenmayr auch die neuen Marketing-Möglichkeiten, die sich über das Internet boten und kooperierte ab 2015 mit den norwegischen Strick-Influencern Arne und Carlos.

1927 brachte Schachenmayr die auch in dem Vitrinenbanner beworbene Wollmarke »Nomotta« heraus, die – wie der Name andeutet – durch eine chemische Behandlung der Wolle mit dem Wirkstoff EULAN (Chlorphenylid) resistent gegen den sehr verbreiteten, lästigen Mottenbefall war. Damals eine Innovation, und das Unternehmen fuhr fort, z. B. durch Beimischung von Kunstfasern oder fortschrittliche Fertigungsmethoden, die Qualität und die Breite seiner Produktpalette stetig auszubauen. Doch die sich abzeichnende Krise der Textilindustrie ab Beginn der 1960er Jahre ging auch an dem erfolgreichen württembergischen Garnhersteller nicht vorbei. Obwohl der Erfolg und der gute Name der Marke sie noch jahrzehntelang trugen, folgten mehrfache Wechsel bei Eigentümern und Investoren. 1984 übernahm das britische Unternehmen Coats, weltweit der größte Hersteller von Näh- und Handarbeitsgarnen, den traditionsreichen Garnhersteller aus dem Familienbesitz, behielt jedoch den Markennamen bei. 2008 verschmolz dann die damalige »Schachenmayr, Mann & Cie. GmbH« mit der »Coats Deutschland GmbH«. Im Besitz von Coats befanden sich seit 1932 auch bereits Anteile des 1785 gegründeten deutschen Textilunternehmen Carl Mez & Söhne, welches ebenfalls Handarbeits- und Nähgarne herstellt. 2015 übernahm die Münchner Beteiligungsgesellschaft Aurelius die komplette Handarbeitssparte (Coats EMEA Crafts Group) mit den beiden Marken Schachenmayr und MEZ von der Coats Group. Fünf Jahre später gab es erneut Veränderungen. In der Firmenchronik von Schachenmayr heißt es: »Seit 2020 gehört Schachenmayr zur MEZ Group GmbH. Unter neuer Führung, mit neuem Schwung und neuem Unternehmensgeist halten die Werte und die Leidenschaft der Gründer und Wegbereiter wieder Einzug in die Unternehmensphilosophie: Innovation, Tradition, Bodenständigkeit, Kundennähe, Stillbewusstsein und Kreativität stehen wieder an erster Stelle!« und auf der Website der MEZ Crafts Group wiederum »Seit 2020 gehört MEZ zur Schweizer Investmentfirma LEVITO AG und beschäftigt ca. 500 Angestellte mit einem jährlichen Umsatz von über 50 Millionen Euro«. Man möchte sagen: Es ist kompliziert. Immerhin jedoch suggerierten diese Kennzahlen eine nach wie vor stabile betriebswirtschaftliche Situation.

Doch der Eindruck täuschte wohl. Anfang 2025 kursiert in der Regionalpresse und auf Handarbeitsseiten die Meldung, dass die MEZ GmbH, der Hersteller von Schachenmayr-Garnen, in (Teil-)Insolvenz gegangen sei, was in Folge zu erheblichen Lieferschwierigkeiten und Betriebsschließungen führte. Auch der traditionelle Werksverkauf am Traditionsstandort Salach wurde laut Berichten Ende Februar 2025 eingestellt. Die Marke Schachenmayr sei aber von dem in Dänemark ansässigen Unternehmen Hobbii A/S übernommen worden, um die Produktion fortzusetzen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die Geschichte von Schachenmayr fortsetzt. Immerhin erzielte Hobbii nach eigenen Angaben zwischen 2016 und 2020 ein Wachstum von 3.167 (!) Prozent und gewann damit als eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen Dänemarks die renommierte Auszeichnung »Børsen Gazelle«, die seit 1995 jährlich von der Wirtschaftszeitung Dagbladet Børsen verliehen wird.

Doch zurück zur Typographie. Parallel zur Erkundung der Firmengeschichte habe ich versucht, anhand von historischen Werbemedien, antiquarischen Büchern, alten Magazinausgaben und Vintage-Wollbanderolen zu rekonstruieren, wie sich das Logo des Unternehmens im Laufe dieser bewegten Chronik entwickelt hat. Und ich meine, an den Designänderungen ein bisschen ablesen zu können, wie die Leidenschaft der Menschen hinter der Marke, die Überzeugung für ihre Garnprodukte und die aufrichtige Freude am Handarbeiten im Laufe der jüngeren Zeit nach und nach verblassten. Oberflächlich betrachtet – auf Websites und Social-Media-Profilen – mag der Auftritt nach wie vor lebendig gewirkt haben, aber die zuletzt offenbar vorrangig von Profitinteressen und nüchternen Managementstrategien geprägte Markenführung im Rahmen der mehrfachen Übernahmen sieht man dem zunehmend lieblos und austauschbar wirkenden Erscheinungsbild aus meiner Sicht an. Oder was meint Ihr? 🤓 🔠 🧶

06.03.2026

Schon wieder ein Businesstrip, diesmal nach Bremerhaven. Es blieb zwar keine Zeit für ausgiebige typographische Exkursionen in der Stadt, aber unmittelbar am Hauptbahnhof konnte ich dieses interessante Schmuckstück ablichten.

Wo es heute bei der Deutschen Bahn nur noch die 1. und 2. Klasse gibt, waren es früher durchaus ein paar mehr. In der Bahnhofshalle des 1915 im Jugendstil erbauten Hauptbahnhofs in Oldenburg (Oldb.) reichte die Komfortclusterung für Bahnreisende nachweislich gar bis zur IV. Klasse. Immerhin, so steht zu lesen, stand für Reisende in beiden Wartesälen ein gastronomisches Angebot zur Verfügung. Und aus heutiger Sicht wirkt ihr Interieur geradezu luxuriös.

Auch das Bahnhofsgebäude in Bremerhaven stammt aus dieser Zeit. Das im Stil des Spätklassiszismus gehaltene Bauwerk wurde im Sommer 1914 eröffnet.

Das interessanteste Detail an dem fotografierten Schild in der Bahnhofshalle ist aus meiner Sicht, neben der kantigen – heute würde man sagen, »techno-artigen« – Gestaltung der Buchstaben das »doppelte W«. Auf die Geschichte dieses Zeichens möchte ich daher heute einmal etwas genauer eingehen.

Das W ist schon allein deshalb ein besonderer Buchstabe, weil es in vielen Sprachen der Welt eine ähnliche, auffällige Bezeichnung trägt. Zwar buchstabieren ihn Deutsche, Niederländer oder Polen kurz und einsilbig mit Namen, die sich an seine Aussprache in der jeweiligen Sprache anlehnen (veː / ʋeː / vu), doch in etlichen anderen Sprachräumen trägt das W einen Namen, der – anders als bei den restlichen Buchstaben des Alphabets – sein äußeres Erscheinungsbild beschreibt. Aus dem Englischen kennen wir es als »double-u« (Doppel-u), im Französischen heißt es »double vé« (»doppeltes v«), die Italiener sagen »doppia vu«, die Portugiesen »duplo vê«; im spanischen Sprachraum ist es als »uve doble« (»v doppelt«) bekannt. Die Isländer sagen »tvöfalt vaff«, im Tschechischen nennt man es »dvojité vé«, in Estland »kaksisvee« und in Finnland »kaksois-vee«. In Dänemark und Schweden kommt der Buchstabe zwar zumeist nur in Eigennamen oder in aus anderen Sprachen entlehnten Wörtern vor, aber auch dort heißt er »dobbelt-ve« bzw. »dobel-ve«. Diese Gepflogenheit reicht sogar bis nach Asien – auch in Vietnam wird der Buchstabe als »vê đúp« oder »vê kép« benannt.

Diese weit verbreiteten Bezeichnungen verweisen nicht nur auf die Form des Zeichens, sondern auch auf seine Entstehungsgeschichte, welche es sich über viele Jahrhunderte mit dem U und dem V teilt. Auch das Y und das F sind mit dem W verwandt.

Zusammengefasst gesagt, entwickelte sich das Zeichen W in mehreren Stufen, stets entlang des Bedarfes in verschiedenen Epochen und Sprachräumen, bestimmte Laute möglichst eindeutig in Schriftform wiedergeben zu können. Eins der frühesten Schriftzeichen in seiner Ahnenreihe ist der phönizische Konsonant »waw« (11. bis 5. Jahrhundert v. Chr.), dessen nagelartige Form bereits an das spätere Y erinnert, das in »begradigter« Form als Großbuchstabe um das 9. Jahrhundert v. Chr. ins griechische Alphabet übernommen wurde. Die Aussprache, der sogenannte Lautwert des Zeichens, bewegte sich damals ungefähr zwischen dem Vokal [u] und dem u-ähnlichen Anlaut im englischen Wort »water«.

»Die Etrusker übernahmen das frühgriechische Ypsilon und dessen Lautwert. Mit der Zeit verschwand bei den Etruskern die untere Spitze, der Buchstabe bekam die Form V. Ebenso änderte sich die Bedeutung des Buchstabens: Das Etruskische enthielt auch den dem [u] entsprechenden Halbvokal [w] und der Buchstabe wurde verwendet, um beide Laute zu schreiben.«

Quelle: Wikipedia, Artikel zum Buchstaben V

Auch in das lateinische Alphabet wurde der Buchstabe V mit beiden Lautwerten für [u] und [w] übernommen und in der von den Etruskern übernommenen, spitz zulaufenden Form geschrieben. Erst in der Spätantike (ca. 3. bis 6. Jahrhundert n. Chr.) wurde auch eine unten abgerundete Variante entwickelt, die der Form des heutigen U entspricht.

Im Laufe der Verschriftung der germanischen Sprachen gegen Ende des ersten Jahrtausends n. Chr. entstand dann der Bedarf, den stimmhaften Laut [w] eindeutig schriftlich notieren zu können. Zu diesem Zweck erdachten die Schreiber zunächst zwei parallel verwendete, doppelte Schreibweisen – VV und UU – die erst zu Ligaturen verschmolzen und aus denen dann nachfolgend das W entstand.

Doppel-V als W auf einem Pamphlet über Hexen. London, September 1643, gedruckt von John Hammond. | Abb. via Wikimedia Commons, Public Domain. Man beachte, dass in der kleinen Bildüberschrift sowohl das u in der Wortmitte (»true«) als auch das v als Anlaut (»vſed« = »used«) vorkommen, wo heutzutage in beiden Fällen ein u stehen würde.

Erst im 17. Jahrhundert bildete sich zwischen V und U die differenzierte Verwendung heraus zwischen der spitzen Variante, ausschließlich für den konsonantischen Lautwert ([w] und [f]), und der abgerundeten Variante, speziell für den vokalischen Lautwert ([u]). Die Nutzung des Buchstabens V als U ist auch bei Inschriften jüngeren Datums, z.B. an klassizistischen Bauten, oft anzutreffen, so etwa am Alten Museum (erbaut 1825–1830) auf der Museumsinsel in Berlin. Und bis heute taucht diese Schreibweise aus rein ästhetischen Gründen noch gelegentlich auf, so z.B. im Logo der Luxus-Marke BULGARI.

Das war’s für heute, bis zum nächsten Fundstück – wie immer hier im WWW!
🤓 🔠 📜

02.03.2026

Mit dem heutigen Montagsbonbon möchte ich ein bisschen dem Eindruck entgegenwirken, bei den Fundstücken ginge es vorrangig um das Äußere, nur um Schriftarten, Schriftschnitte, Schriftgrößen, aber nicht darum, was geschrieben steht. Oft begegne ich auch Inschriften oder Botschaften, die mich zuallererst inhaltlich ansprechen oder inspirieren und erst auf den zweiten Blick beschäftige ich mich dann mit deren Typographie oder Gestaltung.

So war es auch bei diesem Gedenkstein, den ich im Herbst 2023 am Ortsrand von Arzberg auf einer Wandertour während eines Kurzurlaubs im Fichtelgebirge fotografierte. Auf der schlichten dreieckigen Stele, entworfen vom Ausbilder und Denkmalgestalter Willi Seiler, erinnert ein Zitat an den deutschen Philosophen Jakob Böhme (1575–1624), der auch mir bis dahin kein Begriff war. Der zitierte Text aber berührte mich und ich nahm ihn als nachhallenden Denkanstoß mit, der mich seither begleitet.

TU DEINE AUGEN AUF UND GEHE ZU EINEM BAUM
SIEH IHN AN UND BESINNE DICH

Ungeachtet der Tatsache, dass Jakob Böhme auch als christlicher Theosoph tätig war und ich selbst mich nicht als religiös oder gläubig bezeichnen würde, lese ich in diesen Worten eine Botschaft, die jenseits von Gottesbildern oder Schöpfungsglauben nach wie vor Relevanz und Aktualität besitzt. Die knappste Ressource, die wir haben, ist unsere Zeit. Arbeitszeit, Lebenszeit, Freizeit, Bedenkzeit, Reaktionszeit – der immer schneller getaktete und mittlerweile zudem von K.I. beschleunigte Alltag fordert von uns permanent Einsatz, Beschäftigung, Zuwendung und Aufmerksamkeit. Da ist es kein Wunder, dass psychische Erkrankungen wie Burnout oder Erschöpfungsdepression stetig zunehmen. Wir haben kaum noch Zeit, den Blick zu heben, die Augen aufzutun, innezuhalten, uns zu besinnen und uns die Frage zu stellen, wo wir gerade stehen, was wir permanent zu leisten und zu bewältigen haben, was uns dadurch abhandenkommt, ob uns Druck und Stress womöglich schaden und wie bzw. womit wir für Regeneration, Reflexion und körperlichen sowie seelischen Selbstschutz Sorge tragen können.

Mir hat es schon immer geholfen, zum Nachdenken, Atem holen, Ausspannen und Entschleunigen in die Natur zu gehen. In den Wald, zu einem Baum, auf einen Berggipfel, an einen Bach oder See – manchmal genügen auch schon ein paar Stunden Gartenarbeit. Am besten alleine oder maximal zu zweit, dann bevorzugt in sehr vertrauter Begleitung. Das macht räumlichen und situativen Abstand zum Alltag möglich, lässt Stille zu – sowohl akustisch als auch gedanklich – und bietet Gelegenheit, wieder zur Ruhe zu kommen. In einer Zeit, die vor lauter Aktivität, Krisen, Werbung, Automatisierung, Verkehr, Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten und Gefühlswallungen immer lärmender und ungestümer zu werden scheint, halte ich das für wichtiger denn je.

Genau deshalb gefällt mir auch die ruhige und kontemplative Typographie des Monuments. Nur eine einzige Schriftart, wohlproportionierte Versalien in einer klassischen handschriftlichen Antiqua, keine Satzzeichen, warmes, organisches Braun auf »Reinersreuther Granit«. Ich vermute, bei der Schrift handelt es sich um eine, die exklusiv Steinmetzbetrieben zugänglich ist. Denn obwohl etliche, auf den ersten Blick sehr ähnliche Schriften käuflich angeboten werden, konnte ich keine finden, die hundertprozentig mit der Inschrift übereinstimmt. Und zu weit wollte ich die Suche dann auch nicht treiben – denn auch beim inspirierenden Fall in typographische »Rabbit Holes« bleibt Zeit eine wertvolle Ressource. 😉 🤓 🔠 🌳

27.02.2026

Über das heutige Fundstück freue ich mich wieder ganz besonders, weil ich zwar auf der Spurensuche nur extrem wenige Informationen darüber im Internet gefunden habe, aber trotzdem genug, um hinter die Geschichte dieses Schriftzugs blicken zu können.

Ich entschied mich an einem Tag, der mich zu einem Business-Termin nach Berlin führte, im Anschluss an das Meeting einen längeren Fußweg durch die Stadt zu machen. Zum einen wollte ich nicht den ganzen Tag nur träge an Tischen und in Öffis sitzen, sondern zur Abwechslung auch mal den Schrittzähler im Phone aktivieren, zum anderen ergab sich ein Weg durch Straßen und Viertel, in denen ich – trotz meiner regelmäßigen und häufigen Aufenthalte in der Hauptstadt – ansonsten selten unterwegs bin.

Mein Weg führte mich durch Schöneberg, von der Station U+S Yorckstraße zum Europa-Center an der Gedächtniskirche. An der Hausfassade des Gebäudes Potsdamer Straße 164 fiel mir über den Fenstern im ersten Stock dieser grandiose nostalgische Schriftzug auf. Ein Geschäft oder Gewerbe dazu konnte ich im Haus indes nicht (mehr) ausmachen. Spannend!

Die wunderschön gestalteten Buchstaben, allen voran das funkensprühende R und das flammende d, weckten sofort meine Neugier. Nur zu gerne wollte ich wissen, wann und wofür die Leuchtschrift einst warb. Auf der Website des Landesdenkmalamts Berlin konnte ich anhand eines Fotos aus dem Jahr 2005 in einem Eintrag zu dem betreffenden Gebäude anhand des »Verwitterungsschattens« auf dem Wandputz einen inzwischen fehlenden Teil des Schriftzuges identifizieren. Der vollständige Text lautete »Radio-Brée«. Der Bindestrich, der damals noch vorhanden war, ist inzwischen ebenfalls verschwunden. Eine vergleichbare kommerzielle Schriftart konnte ich nicht ermitteln. Die Buchstaben für die Wortmarke sind vermutlich eigens für diese Lichtreklame entworfen worden.

Nun hatte ich einen Namen und konnte weiter recherchieren. Am 23. Januar 1912 erfolgte offiziell die Gründung der »Wilhelm Brée Gesellschaft mit beschränkter Haftung«. Gegenstand des Unternehmens war »… die Herstellung und der Vertrieb von Zubehörteilen zu Musikinstrumenten sowie die Vertretung von Häusern, die derartige Artikel herstellen und vertreiben, insbesondere der Fortbetrieb des vom Kaufmann Wilhelm Brée in Berlin bisher allein betriebenen Handelsgeschäfts dieser Art.«

Befasste sich das zuvor bereits seit 1908 existierende Handelsunternehmen des Gründers noch mit dem »Erwerb und (…) Vertrieb von Schreibmaschinen und von Sprechmaschinen«, so führte die rasante Entwicklung der Rundfunktechnik und Unterhaltungselektronik offenbar dazu, dass man sich auf diesen vielversprechenden neuen Geschäftszweig konzentrierte. Es folgten florierende Jahre, in denen das Geschäft Plattenspieler, Radiogeräte und vor allem Schallplatten an die Frau und den Mann brachte.

Durch die für den Publikumsverkehr günstige Lage in der Nähe des sowohl kulturell als auch politisch oft genutzten großen Veranstaltungszentrums »Berliner Sportpalast«, das nur acht Hausnummern entfernt in der Potsdamer Straße 172 ansässig war, wurden permanent reichlich Kunden auf das Geschäft aufmerksam und bescherten ihm gute Umsätze. In der damals größten Veranstaltungshalle der Stadt mit Platz für rund 10.000 Besucher fanden Radrennen, Eishockeyspiele, Eislaufen, Boxkämpfe, Hand- und Basketballturniere sowei Turn- und Leichtathletikwettbewerbe statt. In den 1920er Jahren wurden zahlreiche Kostümbälle und sogar ein Bockbierfest veranstaltet. Es gab hochwertige Aufführungen klassischer Musik (nach dem Krieg auch Pop- und Jazz-Konzerte), das Gelände umfasste eine große Eislaufbahn und wurde auch als großräumiges Lichtspielhaus für Filmvorführungen genutzt. Jedoch sowohl bezüglich des Sortiments des Unternehmens Radio-Brée als auch seiner Adresse vermischten sich, schon vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, immer mehr die Bereiche Unterhaltung und politische Agitation und den tiefdunklen Markstein der dortigen Veranstaltungen bildete die Sportpalastrede Joseph Goebbels’, in der er am 18. Februar 1943 zum »Totalen Krieg« aufrief – zu hören auch im elektronischen Propagandainstrument des »Volksempfängers«, der bei Brée gleich nebenan erhältlich war.

Nichtsdestotrotz nutzte das Geschäft für seine Werbung von der Vorkriegszeit bis in die 1950er-Jahre den Werbespruch »SCHALLPLATTEN, DIE DU GERNE HAST, FÜHRT RADIO-BRÉE AM SPORTPALAST«, der auch auf eigene Plattenhüllen und Tragetüten aufgedruckt wurde. Es gab sogar aufwendig produzierte Werbeschallplatten, auf denen mit einem eingängigen Song voller Berliner Lokalkolorit und Orchesterbegleitung gereimte Reklame für Brée gemacht wurde. Tatsächlich findet sich dazu eine Tondatei aus dem Jahr 1949 auf YouTube:

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»Denkst du an Kirschen, dann träumst du von Werder,
winkst du Berlin, dann besingst du die Spree.
Sprichst du von Weimar, dann denkst du an Goethe
und denkst du an Radio … ja, dann meinste Brée!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, wo du eine Riesen-Auswahl hast!
Da wird der Empfänger dir beschert,
den die Braut sich wünscht, den dein Herz begehrt!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!
Das ist Radio Brée am Sportpalast, der zu deiner Wellenlänge passt.
Brée ist ein Begriff für Sie und Ihn, wie die Panke für Berlin!«

Quelle: YouTube (s.o.)

Am 13. November 1973 wurde der inzwischen unwirtschaftlich gewordene Sportpalast zugunsten eines Wohnungsbauprojektes abgerissen. Wenige Jahre danach, 1976, meldete Brée Konkurs an. Übriggeblieben sind nur die verwitterte erste Häfte des Firmennamens an der braungrauen Hausfassade – und vielleicht die eine oder andere bedruckte Hülle um eine alte Schellack- oder Vinylscheibe im Fundus von Sammlern, Secondhand-Läden oder auf Trödelmärkten.

Ein schöner Zufall war es, dass ich wenige Tage nach der Entdeckung dieses Fundstücks in der Berliner Staatsoper das grandiose Konzert »Musik aus fernen Rundfunktagen« erleben durfte, bei dem Dirigent Christian Thielemann aus genau dieser Ära früher Radiosendungen Kompositionen mit »gehobener Unterhaltungsmusik« vorstellte, die eigens (und teils von berühmten Komponisten) zum Zweck der Live-Übertragung erschaffen wurden.

Zwar ist das gesamte, sehr hörenswerte Gute-Laune-Konzert leider nicht als Mitschnitt online abrufbar, aber dafür das komplette Programmheft, eine ausführliche Besprechung und auf YouTube finden sich einige der Stücke in Form von Aufnahmen mit anderen Orchestern:

Turn the Radio on! 🤓 🔠 📻

23.02.2026

Ich weiß nicht, wie viele Leser*innen sich hier einfinden, die in der Schule noch Gedichte auswendig lernen mussten. Ich erinnere mich zumindest noch an Schillers »Bürgschaft« mit dem »Dolch im Gewande« und an Adalbert von Chamissos »Riesenspielzeug«. Bei anderen, gern aufgetragenen Werken, wie »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« oder auch (noch mal Schiller) »Die Glocke« (s.u.), ging der Lernkelch an mir vorüber. Und so lernte ich auch erst bei der Recherche zum heutigen typographischen Montagsbonbon, dass das in Stein verewigte Zitat am Hauseingang des Teltower Damm 20 in Steglitz, welches ich heute zeige, ebenfalls aus der »Glocke« stammt.

Entdeckt habe ich das Objekt an einem Wohn- und Geschäftshaus, das online verfügbaren Quellen zufolge in den Jahren 1908/1909 von der Architektensozietät Bastian & Kabelitz geplant wurde und dessen verzierte Fassade es dem Baustil des Historismus und dort insbesondere dem »Neobarock« zuordnet. Die Schrift zeigt typische Stilelemente der Bauzeit, auch des Jugendstils, wie z.B. die schneckenartigen Einrollungen im S, die organisch gerundeten Konturen der Buchstaben (E, G) oder das gebogene Bein des R. Einen entfernten Verwandten der Schriftart auf der Tafel sähe ich z.B. in der auch heute noch gern genutzten »Hobo« (Morris Fuller Benton für American Type Founders, 1910).

ARBEITISTDES
BÜRGERSZIRDE
SEGENISTDER
MÜHEPREIS.

Typographisch interessant sind bei dem Relief aus meiner Sicht zudem fünf weitere Details: Zum einen das nahezu völlige Fehlen von Leerzeichen zwischen den Wörtern. Mit einer etwas kleineren Schrift oder einem schmaleren Rahmen um das Textfeld wäre dafür ja durchaus Platz vorhanden. Es muss also eine bewusste Entscheidung gewesen sein. Auch auf Interpunktion innerhalb des Textes hat die künstlerisch verantwortliche Person verzichtet, lediglich am Ende wurde ein Punkt gesetzt. Die dritte Besonderheit sind die sehr dezenten Miniatur-Ü-Punkte, die in den Wörtern »BÜRGERS« und »MÜHE« regelrecht im U »versenkt« wurden. Hier mag tatsächlich der Grund gewesen sein, in der Höhe Platz zu sparen, um die Zeilen möglichst eng setzen zu können.

Am spannendsten finde ich aber, dass das Wort »ZIRDE« ohne E geschrieben wurde und dass das N in »SEGEN« spiegelverkehrt dargestellt ist. Zum ersten Detail wollte ich prüfen, wie die Schreibweise in der Urfassung des Gedichtes vorliegt.

»Zwar ist die Niederschrift des Gedichtes nicht überliefert, im Erstdruck erschienen ist es 1799 im Musen-Almanach für das Jahr 1800, den Schiller selbst herausgab.«

Quelle: Staatsbibliothek Berlin (PDF)

Es gibt tatsächlich Scans dieses Druckes und dort ist zu sehen, dass der Dichter höchstselbst »Zierde« mit »ie« drucken ließ. Wurde das E also ebenfalls aus Platznot weggelassen? Es bleibt rätselhaft.

Ebenso mysteriös ist das spiegelverkehrte N. Eigentlich ist dies ein Fehler (wenn es denn einer ist und nicht Absicht), der nur passieren kann, wenn ein Schild aus einzelnen dreidimensionalen Buchstaben angefertigt wird und einer davon versehentlich mit falscher Orientierung appliziert wird, wie es hier im Blog schon bei Fundstücken mit gedrehten oder spiegelverkehrten Lettern vorkam. Ein Flüchtigkeitsfehler kann es bei einem gemeißelten Relief, das etliche Arbeitsstunden erfordert, kaum sein. Und auch bei einem gegossenen Werkstück hätte der Irrtum auffallen müssen, da als Vorlage für Form und Abguss meist ein Urmodell steht, welches ebenfalls seitenrichtig vorliegt. Auch hier bleibt die Ursache dieser Besonderheit also im Dunkeln.

Ich gebe mich also heute gerne wieder damit zufrieden, viel Neues gelernt zu haben (u. a. vier Zeilen aus der »Glocke«), ohne den Geheimnissen des Fundstücks komplett auf die Spur kommen zu können. Aber manchmal sind es ja gerade die ungelösten Rätsel, die etwas erst interessant machen … 🤓 🔠 🏛️

20.02.2026

Auf einer Dienstreise nach Berlin in den schönen Stadtteil Steglitz-Zehlendorf habe ich kürzlich auf einer Wegstrecke von nur gut 6 Metern entlang der Straße »Teltower Damm« nebeneinander gleich drei komplett unterschiedliche Fundstücke für meinen Vorrat gesammelt – die aparte Neonreklame an einem dortigen Kurzwarenladen kennt Ihr ja schon. Ich setze die Vorstellung dieser Trouvaillen heute u.a. mit einem wunderschönen Umlaut fort, entdeckt über dem Eingang zum Bürgersaal im Gebäude des Rathauses Zehlendorf.

Der dunkelblaue Schriftzug über der gleichfarbigen Tür am äußersten linken Rand des 1929 fertiggestellten Rathauses wurde höchstwahrscheinlich individuell entworfen und von Hand gemalt. Als Beleg für diese Vermutung nehme ich die beiden unterschiedlich breit gestalteten Umsetzungen des Buchstabens R. Das Design weist einige schöne Details auf, wie ich finde: Angefangen mit der charmanten Kopflastigkeit des B über die beiden, streng senkrechten, aber durch ihre leicht nach links verschobene, asymmetrische Platzierung dann doch wieder freundlichen ü-Punkte, das in der Mitte sehr gerade, an einen Fleischerhaken erinnernde S bis zum sehr tiefen Schwerpunkt des A. Ich erkenne ein bisschen von der »Futura Condensed«; 1929 gab es allerdings nach meinen Recherchen noch keinen mageren Schnitt, lediglich zunächst die »Futura Schmalfett« (Paul Renner für Bauersche Gießerei, 1927). In der ebenfalls formverwandten Schrift »Schmale Erbar-Grotesk« (Jakob Erbar für Ludwig & Mayer, 1922ff) findet sich sogar das A mit dem tiefergelegten Querbalken wieder.

Der Bürgersaal ist trotz der leicht abgeschabten Optik seiner Eingangstür (Dit is Balin, wa?) auch heute noch jederzeit nutzbar. Er hat eine Fläche von 366 m², bietet Platz für bis zu 270 Personen, ist voll bestuhlt, mit einer Bühne samt Hinterbühne und Künstlergarderoben, einer Scheinwerferanlage, versenkbarer Projektionswand und einer Übertragungsanlage ausgestattet und zu einem Stundenpreis ab 130,– EUR von Bürgern für Veranstaltungen mietbar.

Der folgende Absatz wurde aufgrund neu recherchierter Fakten am Tag der Veröffentlichung nachträglich editiert:

Eine andere Schrift, die das Bild der Straßen (West-)Berlins bis heute sichtbar prägt und deutliche Verwandtschaft zur »Erbar« erkennen lässt, ist die offizielle Schrift auf den meisten Berliner Straßenschildern, die ab 1942 im Westteil der Stadt eingeführt wurde. Ihr typisches ß, das sich auch im obigen Schriftmuster wiederfindet, ist ein markantes Erkennungszeichen. In der aktuell digitalisiert erhältlichen Fassung (Verena Gerlach und Ole Schäfer, FontFont, 2000) trägt sie den Namen »FF Cst West« (›Cst‹ steht für ›City Street Type‹). Zum Zeitpunkt ihres Entstehens hatte sie offenbar (noch) keine eigene Bezeichnung – auf einem dokumentierten Muster des verantwortlichen Schriftgestalters Herbert Thannhäuser steht lediglich »Schrift für Straßennamen-Schilder«. 🤓 🔠 🪧

16.02.2026

Zu den Geschäften bzw. Bezugsquellen des Einzelhandels, bei denen mir das Aussterben einzelner Branchen in den Innenstädten am stärksten auffällt, zählen neben den klassischen, gutsortierten Schreibwarengeschäften und Bettwarenhandlungen auch Kurzwaren- und Handarbeitsläden. Ich erinnere mich noch gut an kleine inhabergeführte Geschäfte und an Kaufhausabteilungen, in denen sich Stoffballen türmten, sich ein Regal mit Näh- und Stickgarnen in allen Farben des Regenbogens und darüber hinaus ans andere reihte. Es gab Garne und Wollknäuel in riesiger ein- und mehrfarbiger Auswahl, Reißverschlüsse von kurz bis lang, Gummilitzen, Druckknöpfe, Häkel-, Strick- und Nähnadeln in allen Dimensionen und – in langen transparenten Kunststoffröhren gestapelt, mit einem Musterexemplar außen am Verschlussstopfen – Knöpfe aus Horn, Metall und Kunststoff oder mit Stoffüberzug, mit zwei Löchern, vier Löchern oder mit rückseitigen Ösen in hunderten Varianten. Die kleinen Läden hießen »Wollzauber«, »Nähkästchen«, »Stofftruhe« oder »Nadelspiel« oder enthielten die Nachnamen ihrer Gründer*innen, wie »Wollhaus Klocke« oder »Stoffhaus Tippel«.

Im Zeitalter der »Fast Fashion« mit ihren gefühlt wöchentlichen Kollektionswechseln jedoch nähen nicht mehr so viele Menschen wie damals selbst und auch das Reparieren, Stopfen, Ändern oder Umarbeiten von Kleidungsstücken scheint etwas aus der Mode gekommen. Die bevorzugte Bezugsquelle sind auch bei Handarbeitsbedarf inzwischen in erster Linie Online-Shops. Doch hier und da finden sich im Stadtbild – und gemeint ist hier explizit die unvergällte Bedeutung des Wortes – noch vereinzelte Relikte, fast wie kleine gallische Handarbeitsdörfer. Eins, an dem ich z.B. öfter vorbeikomme, ist die Fadeninsel in Berlin-Kreuzberg mit ihrem herrlich nostalgischen, schwungvollen Schriftzug über der rot-weiß gestreiften Markise.

Ein anderes Geschäft entdeckte ich einige Tage zuvor auf einem Fußweg in Berlin-Zehlendorf. Dort ist der goldgelbe Schriftzug »Handarbeiten« sogar noch als Original-Neoninstallation erhalten geblieben. Wie schön bitte sind die Lettern mit ihren »unnötigen« Verzierungen, unten am rechten Bein des H oder in der Schlaufe des d!

Das Geschäft trägt inzwischen den vermutlich gegenwartstauglicheren Namen »Cottonfields«, aber das Sortiment passt nach wie vor zu der hübschen Leuchtreklame. Ein feines typographisches Montagsbonbon, wie ich finde.
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