Auf das Montagsbonbon dieser Woche stieß ich bei einem Wochenmarkt-Ausflug in den Stadtteil Rahlstedt im Norden Hamburgs. Direkt am dortigen (Bus-)Bahnhof erblickte ich diese Beschriftung an einem lokalen Lederwarengeschäft und die besondere Optik der Buchstaben katapultierte mich sofort zurück ins Jahr 1987, als ich in einer Siebdruckerei bei Hannover mein erstes Grafik-Design-Praktikum absolvierte. Ein zentrales Arbeitswerkzeug bei der Herstellung von Druckvorlagen war damals die Reprokamera, und nachdem ich von einem erfahrenen Kollegen sowohl eine Einweisung in die Bedienung des riesigen Standgerätes als auch eine Schulung in der Reprofotografie, inklusive Entwicklung der belichteten Papier- und Film-Abzüge bekommen hatte, wurde ich nicht selten damit beauftragt, schwarzweiße Druckvorlagen auf die gewünschten Abbildungsmaße zu vergrößern oder zu verkleinern.
Wenn eine Vorlage – etwa ein Firmenlogo, eine Illustration oder ein Schriftzug – sowohl von den Auftraggeber*innen nur sehr klein angeliefert wurde und kein besseres Original zur Verfügung stand als auch für das finale Druckmotiv um mehrere hundert Prozent vergrößert werden musste, entstand durch die Grenzen der Kameraoptik und die scharfe schwarz-weiß-Tontrennung des Fotomaterials genau jener etwas »seifige«, abgerundete Look bei den Druckvorlagen wie auf der grünen Banderole an dem Lederwarengeschäft. Auch akribischstes Scharfstellen der Kamera konnte dies bei derart extremen Vergrößerungen nicht verhindern. Manchmal wurden die schlimmsten Detailverluste auf dem entwickelten Fotomaterial mit speziellen Zeichenstiften und -tinten ausgebessert, aber was bereits in der angelieferten Vorlage an Details nicht vorhanden war, konnte auch auf diese Weise nicht verlässlich rekonstruiert werden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch der »Niederstadt«-Schriftzug einst auf diese Weise auf das mehrere Meter breite Format der Außenwerbung hochskaliert wurde.

Ein ähnlicher Effekt entsteht auch, wenn eine vergrößerte Fotokopie erneut (ggf. mehrmals) fotokopiert und vergrößert wird. Man kann den so entstehenden grafischen Effekt, der eine gewisse Retro-Anmutung hat, auch ganz bewusst einsetzen, wie es in einem Beitrag vor einigen Wochen bei einer von mir gestalteten Illustration gemacht wurde.
Update: Ein Leser (User slowtiger auf Mastodon) ergänzte noch sehr richtig, dass auch der bekannte britische Designer Neville Brody im Jahr 1992 einen ähnlichen Effekt mithilfe einer Reprokamera zur Gestaltung eine seiner Schriftarten nutzte. Die abfotografierte Vorlage war einwandfrei und detailreich, aber Brody stellte die Optik der Kamera bewusst unscharf. Aus den so entstandenen weich und verschwommen wirkenden Formen des Abzuges, die trotzdem kontraststark und rein schwarzweiß waren, wurde dann die Schriftart »FF Blur« erstellt. Als Vorlage nutzte Brody wahrscheinlich den Zeichensatz der »Akzidenz Grotesk«.
Aufgrund der »rundgelutschten« Buchstabenformen ist es hier auch schwierig, die genutzte Schriftart – sofern es eine kommerzielle Vorlage gibt – zu identifizieren. Die erste Eintragung des Geschäfts ins Hamburger Handelsregister unter dem Namen »Hermann Niederstadt Offenbacher Lederwaren« stammt vom 16. Dezember 1949. Eine Schreibschrift-Type, die entfernt ähnlich aussieht, ist die »Brush (Script)« von Robert E. Smith, die im Jahr 1942 für American Type Founders entworfen wurde. Die Ähnlichkeit kann man noch etwas dichter an die Ladenbeschriftung heranpeitschen, indem die Zeichen nachträglich horizontal gestaucht werden. Soll man als gewissenhafter Designer eigentlich nicht machen, ich weiß, aber zur Verdeutlichung sei hier einmal eine Ausnahme gestattet.

Ich finde, bis auf den Anfangsbuchstaben N ist die Möglichkeit, dass die »Brush Script« eine Inspiration für den Schriftzug gewesen sein könnte, nicht von der Hand zu weisen.
Der Laden ist nach wie vor geöffnet und hat eine – ebenfalls etwas antiquiert aussehende – Internetpräsenz. Aber so ist das halt mit traditionsreichen inhabergeführten Fachgeschäften und ihrer manchmal etwas angestaubt wirkenden Aura. Ich denke, wir sollten froh sein, dass es hin und wieder, auch abseits von Amazon, Temu und Co., immer noch ein paar davon gibt. 🤓 🔠 👜
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