verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Zeichenformen (Seite 4 von 12)

Manchmal fällt mir ein einzelnes Zeichen innerhalb eines typographischen Fundstücks ganz besonders auf. Oder ich begegne einer Schrift bzw. einem Schriftzug mit mehreren schönen oder sonderbaren Details.

11.05.2026

Weiter geht’s beim »Abbau« meiner typographischen Fundstücke aus Barcelona mit einem Potpourri fantasievoller Ladenbeschriftungen. Ich war wieder einmal entzückt, wie individuell und originell die Gründer bzw. Inhaber ihre Schriftzüge gestalten, anstatt diesen Aufwand zu scheuen und zu beliebigen, inflationär verbreiteten Schriftarten zu greifen.

Lloable!*

* (katalanisch: lobenswert!)


Das erste Wort in der nachfolgenden Beschriftung – so hübsch es auf den ersten Blick aussieht – ist leider suboptimal gestaltet. Die beiden eher f-ähnlichen Zeichen sollen tatsächlich den Buchstaben t repräsentieren: Das katalanische Wort »tintoreria« – ich las es zuerst fälschlich als »finforeria« – bedeutet sowohl »Färberei« als auch »(chemische) Reinigung«. Der Text darunter »neteja i tint de la pell · i planxat al vapor« bedeutet übersetzt »Lederreinigung und -färbung · chemische Reinigung«. Das Geschäft ist inzwischen offenbar leider dauerhaft geschlossen.

Fortsetzung folgt! 🤓 🔠 🖌️

06.05.2026

Und schon stand die nächste Reise an – eine Woche Kurzurlaub in der 1.-Mai-Woche in Trier. Die Unterkunft war, wie meistens, mit Selbstverpflegung gebucht und gleich am ersten Abend kam Appetit auf frisch gebackene, gute Steinofenpizza auf. Ein italienisches Restaurant, das in der Stadt seit über 50 Jahren ansässig ist und damit zum kulinarischen Urgestein gehört, lag keine 5 Gehminuten von der Ferienwohnung entfernt und wurde zur Bezugsquelle für zwei Pizze »to go« erkoren.

In der Appartementküche beim Auspacken fiel mir auf dem Deckel des Pizzakartons sofort die bizarre Formgebung des Doppel-z bei dem Wort »Pizza« auf. Es las sich eher wie »Pi(t)zma« und wirkte um so absonderlicher, je länger ich daraufschaute. Hier hatte sich der Kartongrafiker bei seinem Versuch der Gestaltung eines handgemachten Schriftzuges meines Erachtens typographisch eindeutig verhoben.

Die Illustration hingegen ist handwerklich nicht zu beanstanden. Nun kann man rätseln: War der Kartongestalter ein geübter Illustrator und hat dafür spürbar weniger Talent bei der Schriftgestaltung? Oder wurde das Bildmotiv von einem externen Bildanbieter lizenziert und die Person, welche die Druckvorlage erstellte, hatte überhaupt keine gestalterische Ausbildung, sodass der Do-it-yourself-Schriftzug als laienhafter Versuch zu sehen ist, mit den Designtools des genutzten Rechners das Wort mühsam manuell umzusetzen?

Der Ursprung des Bildes blieb auch nach einer Rückwärts-Bildersuche im Unklaren. Offensichtlich kursiert das Motiv seit geraumer Zeit, sowohl mit als auch ohne das Wort »Pizza« und in zahlreichen Farb-, Druck- und Schriftvarianten im Kreise von Restaurants sowie Verpackungsanbietern. Eine kommerzielle Bildquelle ließ sich nicht ausfindig machen, doch auch der kuriose Schriftzug findet sich unter den Suchergebnissen mehrfach wieder, vereinzelt ist er eine Idee besser zu entziffern.

Natürlich könnte man sagen, »Hey, es ist nur eine Einwegverpackung und die kommt doch nach dem Essen der Pizza sowieso ins Altpapier« oder »Die Pizza schmeckt doch trotzdem, egal, wie gut oder womit der Karton bedruckt ist«. Aber mir geht es nun mal so, dass ich es immer etwas bedaure, wenn das letzte Quentchen gestalterischer Mühe oder überschaubarer Kosten, das aus einem »okayen« Design ein besseres gemacht hätte, nicht investiert wurde.

Deshalb gibt’s hier von mir einen Vorschlag für das Kartondesign mit einer käuflichen Schriftart, die mit ihren Formen die Dampfschwaden aus dem Pizzaofen aufgreift, die das Doppel-z mit der Unterlängen-Schlaufe beibehält und dem Auge, wie ich finde, etwas mehr schmeichelt als die ursprüngliche Umsetzung.

Buon appetito! 🤓 🔠 🍕

29.04.2026

Heute mal ein Extra-Beitrag mitten in der Woche, denn es gibt gerade mehr als genug Fundstücke zu posten. Wer mir auf dem Social-Media-Business-Netzwerk LinkedIn folgt, hat vielleicht mitbekommen, dass ich vergangene Woche dienstlich einige Tage in Barcelona weilte, um dort die Messe »Seafood Expo Global« zu besuchen. Ich bin zwar selbst nicht in der Fischbranche tätig, stehe aber als Grafik-Designer mit Menschen aus diesem Business beruflich in Verbindung.

Messen sind immer eine großartige Gelegenheit, auf engstem Raum eine Bestandsaufnahme des grafischen Außenauftritts von Unternehmen und Ausstellern aus aller Welt durchzuführen: Wo sind die Gemeinsamkeiten? Wo die Unterschiede? Was fällt positiv auf? Was negativ? Wer glänzt mit einem besonders gelungenen Logo, Corporate Design oder Messestand?

Neben vier LinkedIn-Kurzbeiträgen zu einzelnen Logolieblingen, die ich auf der Messe erkor, achtete ich natürlich auch auf die Schriftarten, die einzelne Aussteller für ihre Selbstdarstellung nutzten. Leider haben Hunderte Unternehmen nach wie vor (noch) nicht verstanden, wie nutzbringend eine besondere Schrift – oder sogar eine, die exklusiv für die Firma oder Marke gestaltet wurde – bei Marketing, Werbung und Kommunikation sein kann. Eine prägnante und zur eigenen Positionierung passende Schrift kann die Wiedererkennung steigern, die Profilierung schärfen, klar vom Wettbewerb abgrenzen und die Vermittlung der Produkte, Services, Versprechen oder Werte des Unternehmens gegenüber Geschäftspartnern, Kunden, Konsumenten und anderen Zielgruppen stützen. Trotzdem greifen etliche Unternehmen, über alle Branchen hinweg, gedankenlos zu gesichtslosen, überall legal und kostenfrei verfügbaren Schriftarten, die entweder auf ihren Rechnerplattformen als Systemschriften vorliegen (Arial, Helvetica, Calibri, Verdana, Times etc.) oder die auf Plattformen wie Google Fonts heruntergeladen werden können.

Eine Vertreterin aus diesem Umfeld, die es in kürzester Zeit vom Geheimtipp unter den Gratis-Schriften zum allgegenwärtigen Massen-Aushängeschild geschafft hat, ist die »Montserrat« der argentinischen Designerin Julieta Ulanovsky aus dem Jahr 2011. Eine ansprechende, klare, moderne und gut lesbare Schrift, ohne Frage. Aber was bringt ihr Einsatz beim Corporate Design eines Unternehmens, wenn auf jeder Messe im Umkreis von 200 Metern fünf andere Wettbewerber dieselbe Wahl getroffen haben? Wenn das, was eigentlich einen Unterschied herausstellen soll, zu einem Einheitslook führt? Es gab noch keine Messe, auf der mir nicht dieser Stoßseufzer entfuhr.

Sicherlich hat nicht jedes Unternehmen das Budget oder die Ambition, einen exklusiven Corporate Font für sich gestalten zu lassen, wie es beispielsweise bei der Deutschen Bahn, der Telekom, OTTO oder dem Flughafen BER Berlin Brandenburg der Fall ist. Aber schon die Wahl einer zur eigenen Marke und ihrer Positionierung passenden, merkfähigen handelsüblichen Schriftart kann viel zur Eigenständigkeit des grafischen Auftritts beitragen.

Wie erfreut war ich dann auch, auf meinem Streifzug über das Messegelände ein Unternehmen anzutreffen, das es ebenfalls anders und besser gemacht hat: Das Fischerei- und Fischverarbeitungssunternehmen Royal Greenland – gegründet 1774 als königlich grönländischer Handelsbetrieb. Schon von weitem fiel mir die ungewöhnliche, im Versalsatz genutzte Headline-Schrift auf, die den aktuellen Slogan »LEGACY-STRONG – FUTURE-DRIVEN« hoch über den Köpfen der Besucher vom Messestand aus in die Halle sendete.

Zwar nutzt auch Royal Greenland für kleinere Lesetexte und Mengentext einen kostenlosen Font, und zwar »Mona Sans« (Tobias Bjerrome Ahlin, Deni Anggara/Degarism Studio, and Sebastian Carewe, 2022), aber die visuelle Profilierung der Marke vollzieht sich eindeutig durch die markanten Überschriften. Organische Formelemente an den Buchstaben, die an Angelhaken und Fischflossen erinnern, verankern die Schrift zudem eindeutig und intuitiv im Tätigkeitsfeld des Seafood-Unternehmens.

Das staatlich betriebene Unternehmen selbst hat die Einführung dieser exklusiven Schrift nahezu geräuschlos vollzogen – es gibt im Internet dazu keine Pressemeldung, keine expliziten Social-Media-Postings und auch kein einsehbares Corporate-Design-Manual. Dennoch wollte ich natürlich ein wenig mehr über die Schrift herausfinden.

Eins der ersten im Internet dokumentierten Vorkommen der Schriftart ist auf den 25. April 2025 datiert. An diesem Tag postete Royal Greenland auf Facebook einen Beitrag zur Veröffentlichung des Geschäftsberichts für das Jahr 2024 und gleich auf der Titelseite war die neue Type zu sehen. Von diesem Datum an taucht sie in weiteren Medien und Online-Beiträgen auf. Doch auch in dem Geschäftsbericht selbst gibt es weder Erläuterungen zur Aktualisierung des Erscheinungsbildes noch zu der Schrift und den Designer*innen dahinter.

Durch die Developer-Tools meines Webbrowsers jedoch kam ich zumindest ihrem Namen auf die Spur: In den CSS-Stylesheets trägt der Font den Namen »Inua« – ein Begriff aus der Mythologie der Inuit, der indigenen Bevölkerung Grönlands.

»In der Mythologie der Inuit ist ein ›Inua‹ (Plural: ›Inuat‹) ein Geist bzw. eine seelische Kraft, die in allen Menschen, Tieren, Seen, Bergen und Pflanzen existiert. Dabei handelt es sich nicht um eine an das Individuum gekoppelte Seele wie etwa in der christlichen Religion, sondern um ›jene Lebenskraft, welche eine Kette oder ein Kontinuum aller einzelnen Geister dieser Gattung umfasst, die je gelebt haben, gegenwärtig leben oder dereinst leben werden.‹«

Quelle: Wikipedia (Englisch), »Inua« | Text übersetzt und leicht bearbeitet

Der Begriff findet sich jedoch auch im Titel für die selbstgewählte, Ende 2024 vom Royal-Greenland-Unternehmensvorstand formulierte Business-Strategie »INUA 2027« wieder:

»INUA is a concept from Inuit culture that means ›soul‹ or ›life force‹. It describes the spiritual essence that exists in all living beings and the nature around us. Inua is closely tied to our values at Royal Greenland, as we work with nature’s resources and have a responsibility to ensure their sustainability.«

»Our purpose, as we have defined it in our new strategy, INUA 2027, is to ensure a sustainable future for our people, our products and our country by:
– Exploit the full potential of our fishery resources
– Work locally and sell globally for the benefit of Greenlandic society.«

Quelle: royalgreenland.com

Durch weitere Recherchen konnte ich dann auch einige spärliche Informationen zu den Schriftgestaltern ausfindig machen. Entworfen wurde die »Inua« von Thomas Mele (Design Director der französischen Branding-Agentur Lonsdale, Paris) in Kooperation mit Christophe Badani (Schriftatelier badani/typophage.com, Versailles).

Mich würde interessieren, wie meinen Leser*innen die Royal-Greenland-Schriftart gefällt. Mögt ihr sie? Empfindet ihr sie als passend für das Unternehmen und dessen Produkte? Wie geht es euch persönlich mit besonderen vs. beliebigen Schriftarten in der Werbung oder bei Markenbotschaften, die bei euch ankommen? Die Kommentare sind offen … 🤓 🔠 🎣 ⚓️

27.04.2026

Wie jeden Montag habe ich für heute wieder einen Schnappschuss vorbereitet, diesmal einen, der auf der Durchfahrt durch das Dorf Schönfeld im Landkreis Stendal entstand. Schon mehrmals war mir dort an einem alten Backsteingebäude, das aussieht, wie eine Scheune oder ein Stallgebäude, die verwitterte, aufgemalte schwarzweiße Schrifttafel mit dem Wort »Ausspannung« aufgefallen. Diesmal hatte ich genug Muße, um kurz anzuhalten und ein Foto davon zu machen.

Das seit 2020 zur Gemeinde Kamern gehörende Dorf Schönfeld wird erstmals im Jahr 1420 urkundlich erwähnt und beging 2020 seine 600-Jahr-Feier. Insofern ist die Annahme realistisch, dass es sich bei dem Anwesen früher um ein Gasthaus mit oder ohne Übernachtungsmöglichkeit handelte, in dem Reisende, die mit Pferdekutschen unterwegs waren, eine Rast einlegen konnten, um die Tiere zu verpflegen und sich selbst ebenfalls zu stärken und auszuruhen.

»Der Ausspann, regional auch die Ausspanne, ist eine früher übliche Bezeichnung für ein Gasthaus oder eine Schänke an alten Handelsstraßen, das Raum zur Unterbringung von Pferden und Wagen der Reisenden bot.

Auf langen Handelsreisen war es erforderlich, Übernachtungspausen einzulegen. Der Begriff ›Ausspanne‹ weist auf ein Gasthaus mit der Möglichkeit zum Ausspannen der Pferde aus den Fuhrwagen und Kutschen hin, also auf die Übernachtung der Reisenden und das Unterstellen der Tiere im Stall. Allgemein wurden solche Gasthäuser auch als Ausspannwirtschaft oder Ausspannlokal bezeichnet.

Im heutigen Sprachgebrauch ist das Verb ausspannen (sich erholen, entspannen) noch gebräuchlich, obwohl sein wörtlicher Sinn verloren gegangen ist.«

Quelle: Wikipedia – »Ausspann«

Bestätigt wird die Annahme, dass es sich um ein Wirtshaus handelt, auch hier wieder durch ein »Geisterbild« des Wortes »Gaststätte«, das in der rechten unteren Ecke der bemalten Fläche schemenhaft erhalten blieb. Die exakte typographische Gestaltung ist zwar auf diesem Wandbild auf der Nordseite nicht mehr rekonstruierbar, aber – o Wunder! – auf der Südseite desselben Gebäudes befindet sich direkt gegenüber ein zweites, gleich großes Motiv, auf dem zwar der Schriftzug »Ausspannung« deutlich schwächer erkennbar ist, aber die Gaststättenwerbung die Zeit besser überdauert hat. So konnte ich mithilfe kontrastverstärkender Bildfilter und anderen Nachbearbeitungen ziemlich gut rekonstruieren, wo der Schriftzug stand, wie er in etwa proportioniert war und was dort auf den anscheinend identisch beschrifteten Flächen einst stand. Links sind die beiden Großbuchstaben »HO« erkennbar – die Beschriftung bewarb somit eine »HO-Gaststätte«, eine Kette mit Restaurantbetrieben, die von 1948 bis 1990 in der ehemaligen DDR betrieben wurde. Und auf dem zweiten Wandbild ist klar erkennbar, dass es sich um eine »KOMMISSIONS(-)Gaststätte« handelte.

Interessant ist, dass die ältere Beschriftung, die auf die Pferdefuhrwerke hindeutet, auf der Nordseite kräftiger erscheint als die HO-Gaststätten-Beschriftung, die ja erst nach 1948 entstanden sein kann. Ich vermute, dass der neuere Farbauftrag die Witterungseinflüsse aus irgendeinem Grund schlechter verkraftet hat als die darunter befindliche, ältere Beschriftung – zumindest auf einer Seite des Gebäudes.

Bei dem Gaststättenmotiv fielen mir insbesondere die seltsam »tiefliegenden« S im Wort »KOMMISSION« auf und die beiden markant geschwungenen S bei »Gaststätte«. Vielleicht hatte der oder die Schildermaler*in ja eine Vorliebe für eine gewisse Extravaganz speziell bei der Gestaltung dieses Buchstabens.

Bei dem älteren Schriftzug »Ausspannung« fand ich zudem die Ähnlichkeit des kleinen g mit dem kleinen g in einem anderen historischen Werbemotiv aus Trebbin spannend, rund 100 km Luftlinie entfernt, das in meinem Foto zum Blogbeitrag vom 20.03.2026 auftaucht und dessen Entstehungszeit ich auf Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt hatte. Vielleicht wurden ja beide Motive etwa zur selben Zeit angebracht?

Es bleiben also mal wieder ein paar Fragezeichen stehen, denn weitere Details zu dem Gebäude und dem Wirtshaus blieben leider trotz meiner Nachforschungen im Dunkeln. Also: Zeit, den Rechner zuzuklappen und bei einer Tasse Kaffee erstmal ein bisschen auszuspannen … 🤓 🔠 🐴

10.04.2026

»Hallo! … Hier spricht Edgar Wallace!«

Wer (zumindest von den etwas älteren unter uns) kennt es nicht, dieses legendäre gesprochene Intro zu Beginn vieler der gruselig-trashigen Krimis aus den späten 1950-er bis frühen 1970-er Jahren? Zum ersten Mal zu hören – gesprochen vom verantwortlichen Filmregisseur Alfred Vohrer himself – war es allerdings erst in der zwölften Produktion, »Das Gasthaus an der Themse«. Deutsche Schauspiel-Ikonen jener Zeit wie der typisch irrlichternde Klaus Kinski, Joachim Fuchsberger, Karin Dor, Heinz Drache, Elisabeth Flickenschildt, Hans Paetsch, Eva Pflug, Siegfried Lowitz, Ingrid van Bergen, Wolfgang Völz, Ida Ehre, Lil Dagover, Hans Clarin und natürlich Eddi Arent gaben sich am Set die Klinke in die Hand. Charakteristisch für viele der Thriller sind auch die jazzig-wilden Soundtracks des Komponisten Peter Thomas, die er zwischen 1961 und 1971 für stattliche 18 davon beisteuerte.

Die erfolgreichsten Filme der Reihe lockten damals bis zu 3,6 Millionen Zuschauer in die Kinos. Es gibt Parodien, Remakes, Zitate, Hommagen – aber manchmal müssen es auch mal wieder die Originale sein. Außerdem kenne ich noch bei weitem nicht alle Werke der Kult-Krimireihe, und so wählte ich für einen nostalgischen Heimkinoabend kürzlich den letzten noch in Schwarzweiß gedrehten Streifen »Der unheimliche Mönch« aus dem Jahr 1965 aus.

»Die meisten Edgar-Wallace-Filme begannen mit einem spektakulär in Szene gesetzten Mord. Dann folgte der Vorspann des Films, der ab 1961 (bis auf zwei Ausnahmen) farbig gestaltet war (der Rest des Films war Schwarzweiß). Schon die Gestaltung der Namensnennung mit blutroten oder giftgrünen Buchstaben sollte einen spannenden Film ankündigen.«

Quelle: Wikipedia – »Edgar-Wallace-Filme«

Und der Vorspann dieses Films soll heute Thema für das typographische Fundstück der Woche sein, denn sein famose Lettering prädestiniert ihn auf jeden Fall dafür. Drei der eingeblendeten Schrifttafeln habe ich zur Illustration für diesen Beitrag nachgezeichnet, was dank der klotzig-geradlinigen Konturen angenehm flugs von der Hand ging. Tatsächlich scheint keiner der Buchstaben dem anderen zu gleichen, die Texte wurde somit anscheinend komplett von Hand angefertigt.

Man sieht, es gab nicht nur Versalien, sondern auch einen kompletten Satz Kleinbuchstaben, des Weiteren finden sich auf der Tafel mit dem Titel des Films – beim D zu Beginn der oberen Zeile sowie bei Ö und C im Wort »Mönch« –gestalterische »Ausreißer« in Form etwas kurvigerer Buchstaben. Insgesamt machen die Lettern auf mich den Eindruck, als seien sie mit einer großen, scharfen Schere improvisiert aus Papier ausgeschnitten worden.

Auch beim Film selbst sind noch einige cineastische Details einer Anmerkung wert. So gibt etwa eine gewisse Ursula Glas darin als eine der von dem ominösen Mönch bedrohten Mädchenschülerinnen ihr Schauspieldebüt, ehe sie für die 1968 gedrehte Komödie »Zur Sache, Schätzchen« ihren (Künstler)Namen fortan in Uschi Glas änderte. Der sonst in vielen Edgar-Wallace-Verfilmungen als skurriles Faktotum besetzte Eddi Arent verkörpert in »Der unheimliche Mönch« ausnahmsweise und zudem ganz ohne sein häufiges Overacting einen deutlich stilleren Charakter und ist maßgeblich in die überraschende Wendung involviert, welche die Handlung zum Ende nimmt. Natürlich wirken die gut 60 Jahre alten Streifen aus heutiger Sicht mit ihren stereotypen Rollenbildern klar aus der Zeit gefallen. Die weiblichen Figuren agieren allesamt ängstlich und schutzbedürftig, die männlichen Darsteller stets wagemutig und unerschrocken. Und die reiferen Herren nehmen sich in einem Fort heraus, jede Frau, die jünger ist als sie selbst, wahlweise mit »Kindchen« oder »mein Kind« anzureden. Doch rechnet man auch dies dem Trash-Faktor hinzu, können die Filme dennoch durchaus unterhaltsam sein.

Alle, die an der Handlung (ohne Spoiler) interessiert sind, finden eine kurze Zusammenfassung im folgenden Absatz. Ein ausführlicherer Beitrag, dann allerdings inklusive der Auflösung, ist unten bei den weiterführenden Links aufgeführt. 🤓 🔠 🫆

Ein als Mönch getarnter Verbrecher, der zugleich als Mädchenhändler agiert, versetzt das englische Schloss Darkwood in Angst und Schrecken. Dort betreibt die angesehene Lady Patricia ein Internat für junge Mädchen. Nach dem Tod des alten Schlossherrn häufen sich rätselhafte Todesfälle, während gleichzeitig die Erbfrage ungeklärt bleibt. Obwohl sich Sir William und Sir Richard um ihre Nichte Gwendolyn sorgen, die als alleinige Erbin vorgesehen ist, gelingt es ihnen nicht, ein Attentat auf sie zu verhindern. Um Gwendolyn zu beschützen und das Geheimnis des unheimlichen Mönchs aufzuklären, erscheinen schließlich Inspektor Bratt und Sir John von Scotland Yard auf Schloss Darkwood.

Weiterführende Links

➡️ Zum Komponisten Peter Thomas: »Filmkomponist mit Kultstatus« – auf der Website des Senders BR Klassik
➡️ Artikel zum Film: »Der unheimliche Mönch« – auf der Website »Der Wahlberliner«

30.03.2026

Am vierten Tag meines Aufenthaltes in der dänischen Hauptstadt kam, nach drei grauen und teils regnerischen Tagen, endlich die Sonne am Himmel zum Vorschein. Es blieb zwar weiterhin recht kühl und windig, aber zumindest machten nun auch wieder längere Ausflüge zu Fuß mehr Spaß. Auf einer dieser Touren führte uns der Weg vorbei an dem extravaganten Bau des AC Hotel Bella Sky Copenhagen der Hotelkette Marriott.

Am Rand der mehrspurigen Zufahrtsstraße wurde der Name des Hotels in überdimensionalen geometrisch konstruierten 3D-Versalien (mit vermutlich speziell dafür kreierten Buchstabenformen) installiert. Und weil der Himmel so schön blau und fast wolkenlos war, habe ich den dazu passenden Ausschnitt der typographischen Skulptur in einem Foto als heutiges Montagsbonbon-Fundstück eingefangen.

The sky’s the limit! 🤓 🔠 🌤️

27.03.2026

Kommen wir nun zum ersten »richtigen« Fundstück aus Kopenhagen. Am zweiten Tag meines Aufenthalts besuchte ich in der mittelalterlichen Kirche im Stadtteil Brønshøj (Außenansicht des Turmes: siehe letztes Foto am Ende des Beitrags) ein wunderbares klassisches Konzert mit Musik, gespielt auf dem Urahn des Klaviers, einem Clavichord. Direkt hinter dem Bühnenpodest mit dem Instrument und dem auftretenden Künstler hatte ich freien Blick auf den prunkvollen Altar der Kirche und dort fielen mir insbesondere die derart üppig verzierten Initialen auf den beiden unteren Texttafeln auf. Die Ranken und Schlaufen sind derart filigran und überbordend, dass für die meisten Betrachter*innen nur aus dem Text selbst ersichtlich wird, um welche Buchstaben es sich überhaupt handelt.

Die Brønshøj-Kirche ist seit der Eingemeindung der Pfarrei in die Stadt Kopenhagen im Jahr 1901 tatsächlich das älteste noch genutzte Gebäude Kopenhagens. Sie wurde in den 1180er-Jahren von Bischof Absalon im romanischen Stil aus Kalksteinblöcken von der dänischen Halbinsel Stevns erbaut. Der Turm im gotischen Stil wurde um 1450 hinzugefügt und besteht aus rotem Backstein.

Während der schwedischen Besatzung im Jahr 1658 wurde das Kircheninnere geräumt und vermutlich als Waffenlager genutzt. Zwar überstand die Kirche die Kriege, von der Innenausstattung jedoch blieben nur das Altarbild und das Taufbecken erhalten. Letzteres ist vermutlich so alt wie die Kirche selbst.

Das große, sogenannte Katechismus-Altarbild mit den goldenen Bibeltexten stammt aus dem Jahr 1587, der vergoldete Zieraufsatz mit dem Monogramm von Christian V. ist etwa 100 Jahre jünger und wurde im Jahr 1679 angebracht. Nach der Reformation ersetzte man in Dänemark die früheren Altar-Tafelbilder aus der katholischen Zeit oftmals durch Texttafeln mit Bibelzitaten. Der von Hand gestaltete Text auf diesem Altar zitiert die Einsetzungsworte des Abendmahls, in den oberen Feldern auf Lateinisch (𝐴𝑁𝑇𝐼𝑄𝑈𝐴) und in den unteren auf Dänisch (𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯). In der barocken Niederschrift finden sich einige Besonderheiten bei der Schreibweise. So ist etwa an zwei Stellen ein doppeltes M/m mit einem leicht nach links versetzten, waagerechten Strich über einem einfachen M/m notiert und »DEDITQUE« wurde im lateinischen Text zu »DEDITQ« verkürzt:

»DOMINVS NOSTER IESVS CHRISTVS IN EA NOCTE QVA TRADITVS EST, ACCEPIT PANEM, ET CVM GRATIAS EGISSET FREGIT DEDITQ[UE] DISCIPVLIS SVIS, DICENS: ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORPVS MEVM, QVOD PRO VOBIS DATVR HOC FACITE IN MEI COM[M]EMORATIONEM«

»Vor Herre Jesus Christus, i den Nat Der Hand bleff forraad, Tog Hand Brødet, takede oc brød det, Gaff sine discipler oc sagde, Tager Dette hen oc æderit, det er mit Legem, som Giffuis for Eder, Det giører, I min Hukom[m]else.«

»Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.«

Im rechten unteren Tafelbild setzt sich der dänische Text fort mit den Worten »Lige saa tog hand og Kalken efter Aftens-Maaltid …« (»Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl …«). Somit ist klar, dass die beiden Initialen ein V (links) und ein L (rechts) darstellen.

Und somit durfte ich an diesem Abend nicht nur zartklingende Alte Musik geießen, sondern hatte auch wieder einen spannenden Anlass, einem historischen Schrift-Fundstück hinterherzurecherchieren und einiges dabei über meinen Urlaubsort zu lernen. 🤓 🔠 🇩🇰

23.03.2026

Als typographisches Montagsbonbon kredenze ich heute mal wieder (siehe hier) ein kleines Ratespiel. Auf dem Weg von meiner Reiseunterkunft in Kopenhagen zur nächstgelegenen Metrostation kam ich jedes Mal am Vereinsgebäude des Kopenhagener Ruderclubs (»Københavns Roklub«) vorbei. Am Gebäude und auf dem Grundstück des 1866 gegründeten Vereins ist dessen Name dreimal in großen Lettern und aus jeweils verschiedenen halbfetten bis fetten serifenlosen Schriften angebracht. An der Beschriftung auf der Längsseite des Clubhauses blieb mein Blick aufgrund mehrerer leichter »Störgefühle« mal wieder länger hängen als üblich. Vier Unstimmigkeiten fielen mir auf:

  1. Ein Stück am Bein des R ist abgebrochen.
  2. Ebenfalls fehlt ein Stück unten rechts am L, wodurch eine unschöne Lücke zum U entsteht.
  3. Die Buchstabenabstände sind insgesamt nicht sonderlich harmonisch.
  4. Ratet!

Ich habe in einem zweiten Bild die gröbsten Scharten bei der Beschriftung ausgewetzt und verrate, was das vierte Missgeschick ist.

Viel Spaß beim Raten! 🤓 🔠 🤔 💭

Auflösung

20.03.2026

Bereits länger im Voraus vorbereitet, kommt heute zwischendurch ein Beitrag zu einem Fundstück, das schon etwas älter ist und nicht, wie die aktuellen, aus Kopenhagen stammt. Als Einleitung habe ich eine Textpassage aus der Erzählung »Das Gespenst von Canterville« von Oscar Wilde (1854–1900) ausgewählt, die mich als Kind ziemlich fasziniert hat. Denn an eine Episode daraus muss ich immer denken, wenn ich Motive wie das heutige entdecke, mit mehrfach übermalten Beschriftungen, deren frühere Versionen, wie durch Hexerei und teils nach vielen Jahrzehnten, wieder sichtbar wurden.

»Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden, gerade vor dem Kamin, und in völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: ›Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet.‹

›Ja, gnädige Frau,‹ erwiderte die alte Haushälterin leise, ›auf jenem Fleck ist Blut geflossen.‹

›Wie gräßlich!‹ rief Mrs. Otis. ›Ich liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muß sofort entfernt werden.‹ Die alte Frau lächelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: ›Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand dann plötzlich unter ganz geheimnisvollen Umständen. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.‹

›Das ist alles Humbug,‹ rief Washington Otis, ›Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen‹; und ehe noch die erschrockene Haushälterin ihn davon zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.

(…)

Am nächsten Morgen jedoch, als die Familie zum Frühstück herunterkam, fanden sie den fürchterlichen Blutfleck wieder unverändert auf dem Fußboden. ›Ich glaube nicht, daß die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,‹ erklärte Washington, ›denn den habe ich immer mit Erfolg angewendet – es muß also das Gespenst sein.‹ Er rieb nun zum zweitenmal den Fleck weg, aber am nächsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte.«

Quelle: projekt-gutenberg.org

Zwar nutzen solche alten Werbemotive nicht eine so gruselträchtige Substanz wie das Blut eines Mordopfers, sondern lediglich profane Fassadenfarbe, und das mysteriöse Wiederkehren der Bemalung hat auch nichts mit Flüchen oder Magie zu tun, aber der Effekt ist dennoch faszinierend.

Bei etwas genauerem Hinsehen glaube ich sogar erkennen zu können, in welcher Reihenfolge die beiden Bemalungen entstanden. Zweifellos gehören die beiden links und rechts platzierten Illustrationen der gekreuzten Werkzeuge Schlägel und Eisen – dem international gebräuchlichen Symbol für den Bergbau – zu dem zentral stehenden Wort »Kohlen Handlung« und bilden als Ensemble eine der beiden sichtbaren Beschilderungen. Die Schreibweise ohne Bindestrich muss dabei nicht zwingend ein Fehler sein – bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts war die Verwendung von Leerzeichen statt Bindestrichen bei Komposita durchaus üblich. Das andere Gesamtmotiv besteht aus den beiden größeren Textzeilen »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« und »Landwirtschaftliche Maschinen«, dazu gehören die beiden kleinen, links und rechts unten angeordneten Texte »Dreherei« und »Autogene Schweißerei«.

Meine Schlussfolgerung ist, dass das Motiv der Kohlenhandlung zuerst auf die Wand gemalt wurde, denn sowohl im Bereich der Buchstaben »lun« im Wort »Handlung« als auch rechts unten beim Wort »Autogene« ist zu erkennen, dass die Beschriftung der Schweißerei das Motiv der Kohlenhandlung überdeckt. Dass die Technik des autogenen Schweißens (auch Gasschmelzschweißens) im Jahr 1903 von den französischen Ingenieuren Edmond Fouché und Charles Picard entwickelt wurde, liefert einen weiteren relevanten Hinweis zur Datierung.

Alle Schriftarten auf der Fassade – und das war der zweite Grund, diese Beschilderung zu fotografieren – gefallen mir auch aus gestalterischer Sicht. Ich gehe davon aus, dass die Buchstabenformen bzw. Schriftzüge von einem professionellen Schildermaler entworfen wurden und keinen käuflichen Typen entsprechen. Die Zeile der Kohlenhandlung habe ich zur besseren Ansicht einmal nachgezeichnet. Ist sie nicht grandios?

Bei dem Schriftzug des Metallbau-Unternehmens sprechen mich vor allem das oben kantig abgeflachte A in »Autogene« und die Schriftart in der ersten großen Textzeile an. Aus dieser habe ich nur die markantesten Buchstaben nachgebaut.

Die Schriften in diesem Motiv weisen Formmerkmale aus der Zeit des Jugendstil bzw. Art Deco auf, wie sie sich beispielsweise auch bei der Schriftart »Kleopatra« der Bauerschen Gießerei in einem Musterbuch um das Jahr 1914 wiederfinden, etwa das hochgebockte K, das abgeflachte A oder das oben begradigte s. Der abgeschrägte Bogen im B findet sich bei P und R (und beim B vertikal gespiegelt) in der Schriftart »Nouveau To Go JNL« (2017) von Jeff Levine wieder, die auf einem Notenblatt aus dem Jahr 1915 basiert.

Sofern also meine Beobachtung korrekt ist, dass die Beschriftung der »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« später als das der Kohlenhandlung entstand, muss der kantige Schriftzug »Kohlen Handlung« demnach früher entstanden sein, also vermutlich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und dafür wirkt er doch auch heute noch ziemlich modern, oder? 🤓 🔠 ⚒

13.03.2026

Nach den Ausflügen zu Fundorten in Bremerhaven und im Fichtelgebirge kehren wir heute noch einmal zurück nach Berlin-Zehlendorf. Direkt neben dem hier gezeigten Eingang zum dortigen Bürgersaal erspähte ich ja den ebenfalls bereits geposteten Neonschriftzug eines Handarbeitsladens. Und direkt vor diesem Geschäft konnte ich gleich das nächste Fundstück ablichten: Eine gläserne Vitrine, bei der ein am oberen Rand angebrachter Werbeschriftzug meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Insbesondere das kleine r in dem Markennamen »Schachenmayr«, das aussieht, als würde sich ein spiegelverkehrtes Komma an den Hals des Buchstabenstamms schmiegen, fand ich bemerkenswert. Eine derartige Form hatte ich bei diesem Zeichen bislang noch nirgends bewusst wahrgenommen.

Die Schriftart in der Wortmarke wurde mit ziemlicher Sicherheit eigens dafür handgezeichnet. Als Indiz dafür werte ich wieder, dass gleichartige Zeichen leicht unterschiedlich ausgearbeitet sind. So ist etwa der rechte Schenkel des h in der ersten ch-Ligatur nach innen gebogen, im zweiten Vorkommen steht er nahezu senkrecht. Auch die beiden a unterscheiden sich: Der Abstrich des erste ist leicht nach außen gewölbt, beim zweiten verläuft er ohne Wölbung diagonal nach unten.

Solche Antiqua-Schriften mit deutlich ausgeprägten Oberlängen bzw. im Vergleich dazu sehr niedrigen Minuskeln, wie die »Schachenmayr«-Type, waren in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts recht beliebt. Beispiele dafür im Bild oben sind etwa »Mona Lisa« von Albert Auspurg (Ludwig & Mayer, 1930), »Bernhard Modern« von Lucian Bernhard (American Type Founders, 1937), »Lucian« von Lucian Bernhard (Bauer, 1928) oder »Ohio« von Frederic Goudy (Brüder Butter/Schriftguss AG, 1912). Und diese Datierung fügt sich tatsächlich perfekt in die Geschichte des Unternehmens ein, über die ich natürlich auch wieder mehr wissen wollte. Seine Ursprünge reichen zurück bis ins Jahr 1822, doch erst seit 1835 trägt es den Namen Schachenmayr. Um 1930 tauchte dann die Wortmarke in der oben gezeigten Form erstmals auf (siehe auch die Abbildung zur Logo-Evolution am Ende des Beitrags).

»Johann Gottfried Kolb kauft eine Wollspinnerei in Salach bei Stuttgart in Süddeutschland. Der ehemalige Mitarbeiter Leonhardt Schachenmayr heiratet dessen älteste Tochter und übernimmt 1835 die Firma. Die neue Ära unter dem Namen Schachenmayr beginnt.«

Quelle: Broschüre »200 Jahre Schachenmayr – feiern Sie mit« (Link: s.u.)

Anlässlich des 200-jährigen Firmenjubiläums von Schachenmayr erschienen 2022 unterschiedlich detaillierte Festschriften, in denen die Historie nacherzählt wird. Eine der Publikationen ist nur im Browser aufrufbar, die zweite kann als PDF heruntergeladen werden.

Wie schon oft in den hiesigen Blogbeiträgen zu langjährig tätigen, historischen Unternehmen, gab es auch bei Schachenmayr »goldene Zeiten«, in denen die Geschäfte florierten und die Firma kontinuierlich wuchs. So verdreifachte sich etwa die Zahl der Angestellten zwischen 1862 und 1907 von 295 auf knapp 1.000 und Schachenmayr stieg zu einem angesehenen Marktführer für Garne und Wolle in Deutschland, Belgien, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden auf.

Auch im Bereich Marketing entwickelten sich die Aktivitäten der Garnmarke vielversprechend. 1926 brachte das Unternehmen erstmals ein eigenes, monatlich erscheinendes Handarbeitsmagazin, »Die Schachenmayrin« heraus, das vielfältige Anleitungen zum Handarbeiten und zur Fertigung von Kleidung, Wohntextilien und Accessoires aus den Garnprodukten der Marke beinhaltete. Die letzten, aktuell noch auf dem Gebrauchtmarkt erhältlichen Ausgaben stammen aus dem Jahr 1964, sodass das Heft immerhin fast 40 Jahre Bestand hatte, ehe es in den folgenden Jahrzehnten von den moderner anmutenden Nachfolge-Magazinen »Inspiration« und »moments« abgelöst wurde. Bei den Winterspielen 1928 im schweizerischen St. Moritz stattete Schachenmayr das deutsche Olympia-Ski-Team mit Bekleidung aus, 1954 und 1976 die Teilnehmer von Himalaya-Expeditionen und brachte mehrbändige Handarbeits-Lehrbücher heraus. Später nutzte Schachenmayr auch die neuen Marketing-Möglichkeiten, die sich über das Internet boten und kooperierte ab 2015 mit den norwegischen Strick-Influencern Arne und Carlos.

1927 brachte Schachenmayr die auch in dem Vitrinenbanner beworbene Wollmarke »Nomotta« heraus, die – wie der Name andeutet – durch eine chemische Behandlung der Wolle mit dem Wirkstoff EULAN (Chlorphenylid) resistent gegen den sehr verbreiteten, lästigen Mottenbefall war. Damals eine Innovation, und das Unternehmen fuhr fort, z. B. durch Beimischung von Kunstfasern oder fortschrittliche Fertigungsmethoden, die Qualität und die Breite seiner Produktpalette stetig auszubauen. Doch die sich abzeichnende Krise der Textilindustrie ab Beginn der 1960er Jahre ging auch an dem erfolgreichen württembergischen Garnhersteller nicht vorbei. Obwohl der Erfolg und der gute Name der Marke sie noch jahrzehntelang trugen, folgten mehrfache Wechsel bei Eigentümern und Investoren. 1984 übernahm das britische Unternehmen Coats, weltweit der größte Hersteller von Näh- und Handarbeitsgarnen, den traditionsreichen Garnhersteller aus dem Familienbesitz, behielt jedoch den Markennamen bei. 2008 verschmolz dann die damalige »Schachenmayr, Mann & Cie. GmbH« mit der »Coats Deutschland GmbH«. Im Besitz von Coats befanden sich seit 1932 auch bereits Anteile des 1785 gegründeten deutschen Textilunternehmen Carl Mez & Söhne, welches ebenfalls Handarbeits- und Nähgarne herstellt. 2015 übernahm die Münchner Beteiligungsgesellschaft Aurelius die komplette Handarbeitssparte (Coats EMEA Crafts Group) mit den beiden Marken Schachenmayr und MEZ von der Coats Group. Fünf Jahre später gab es erneut Veränderungen. In der Firmenchronik von Schachenmayr heißt es: »Seit 2020 gehört Schachenmayr zur MEZ Group GmbH. Unter neuer Führung, mit neuem Schwung und neuem Unternehmensgeist halten die Werte und die Leidenschaft der Gründer und Wegbereiter wieder Einzug in die Unternehmensphilosophie: Innovation, Tradition, Bodenständigkeit, Kundennähe, Stillbewusstsein und Kreativität stehen wieder an erster Stelle!« und auf der Website der MEZ Crafts Group wiederum »Seit 2020 gehört MEZ zur Schweizer Investmentfirma LEVITO AG und beschäftigt ca. 500 Angestellte mit einem jährlichen Umsatz von über 50 Millionen Euro«. Man möchte sagen: Es ist kompliziert. Immerhin jedoch suggerierten diese Kennzahlen eine nach wie vor stabile betriebswirtschaftliche Situation.

Doch der Eindruck täuschte wohl. Anfang 2025 kursiert in der Regionalpresse und auf Handarbeitsseiten die Meldung, dass die MEZ GmbH, der Hersteller von Schachenmayr-Garnen, in (Teil-)Insolvenz gegangen sei, was in Folge zu erheblichen Lieferschwierigkeiten und Betriebsschließungen führte. Auch der traditionelle Werksverkauf am Traditionsstandort Salach wurde laut Berichten Ende Februar 2025 eingestellt. Die Marke Schachenmayr sei aber von dem in Dänemark ansässigen Unternehmen Hobbii A/S übernommen worden, um die Produktion fortzusetzen. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die Geschichte von Schachenmayr fortsetzt. Immerhin erzielte Hobbii nach eigenen Angaben zwischen 2016 und 2020 ein Wachstum von 3.167 (!) Prozent und gewann damit als eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen Dänemarks die renommierte Auszeichnung »Børsen Gazelle«, die seit 1995 jährlich von der Wirtschaftszeitung Dagbladet Børsen verliehen wird.

Doch zurück zur Typographie. Parallel zur Erkundung der Firmengeschichte habe ich versucht, anhand von historischen Werbemedien, antiquarischen Büchern, alten Magazinausgaben und Vintage-Wollbanderolen zu rekonstruieren, wie sich das Logo des Unternehmens im Laufe dieser bewegten Chronik entwickelt hat. Und ich meine, an den Designänderungen ein bisschen ablesen zu können, wie die Leidenschaft der Menschen hinter der Marke, die Überzeugung für ihre Garnprodukte und die aufrichtige Freude am Handarbeiten im Laufe der jüngeren Zeit nach und nach verblassten. Oberflächlich betrachtet – auf Websites und Social-Media-Profilen – mag der Auftritt nach wie vor lebendig gewirkt haben, aber die zuletzt offenbar vorrangig von Profitinteressen und nüchternen Managementstrategien geprägte Markenführung im Rahmen der mehrfachen Übernahmen sieht man dem zunehmend lieblos und austauschbar wirkenden Erscheinungsbild aus meiner Sicht an. Oder was meint Ihr? 🤓 🔠 🧶

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