Ich freue mich, heute mal wieder einen Beitrag zu einem eingereichten typographischen Fundstück veröffentlichen zu dürfen. Fotografiert wurde das Bild von Mastodon-Userin @susammelsurium an der Adresse Große Straße 45–47 in Flensburg und zeigt die Beschriftung an der Ladenfront eines alteingesessenen Juwelier- und Uhrmachergeschäfts. Das Gebäude findet sich als »Wohn- und Geschäftshaus Große Straße 46« in der Objektliste des Landesamts für Denkmalpflege Schleswig-Holstein und wurde dieser Quelle zufolge im 18./19. Jahrhundert erbaut.

Angenehm bei meiner Recherche war diesmal, dass das Unternehmen auf seiner Website bereits etliche Informationen zu seiner Geschichte und dem Urheber des Schriftzuges macht und eine nachgezeichnete vektorisierte Version davon im Header verwendet. Das nenne ich mal praktiziertes Traditionsbewusstsein!

Die Zeile unter der Website-Wortmarke ist gesetzt in der Schriftart »[Neue] Frutiger Condensed Book«. Ursprünglich wurde diese Schrift Anfang der 1970er Jahre von Adrian Frutiger für das Leitsystem des Charles de Gaulle International Airport in Paris entworfen, 1977 erschien sie dann unter dem Namen Frutiger als kommerziell vertriebene Schriftfamilie bei Linotype. Die »Neue Frutiger« ist eine überarbeitete und verbesserte Version von Akira Kobayashi, die in Kooperation mit Adrian Frutiger entstand und 2009/2010 veröffentlicht wurde. Ich finde, die zeitlose Eleganz dieses Schriftenklassikers fügt sich sehr gut mit der exzentrischeren Typographie des Unternehmensnamens zusammen.

»Anfang der 50er-Jahre (…) entstand die zu damaliger Zeit bahnbrechende Gestaltung der großen Schaufenster – und auch der eindrucksvolle Schriftzug, der das Geschäft bis heute prägt.«

Quelle: peterjuergensen.de – »Über uns«

Diese Datierung deckt sich auch mit älteren Abbildungen des Ladengeschäfts (nach der Gründing 1882) und eines mit einem Werbemotiv versehenen Busses (1930er-Jahre) auf der Website, in denen die Schriftzüge für das Unternehmen noch gänzlich anders aussehen.

Der für die Außengestaltung verantwortliche Architekt Theodor Rieve (1888–1966), der offenbar kein Unbekannter in der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts in Schleswig-Holsteins ist, wird auf der Website mit dem Spitznamen »Tete (Rieve)« vorgestellt. Vielleicht ist das ein Indiz dafür, dass zwischen ihm und der Inhaberfamilie sogar eine persönliche Beziehung bestand. Das bekannteste (öffentliche) Gebäude, das in Flensburg unter seiner Verantwortung als Architekt entstand, ist das 1927–1930 erbaute Versammlungs- und Veranstaltungshaus »Deutsches Haus«.

»Nach dem Studium an der Baugewerkschule in Eckernförde und der Technischen Hochschule in Hannover war er [Theodor Rieve] seit 1921 in Flensburg als Architekt tätig. In seiner Architektur setzte er zunächst Ideen der Heimatschutzbewegung und Formen des Expressionismus
um, was sich in zahlreichen Villenbauten in Flensburg niederschlägt. In den 1930er Jahren wird sein Duktus sachlicher im Sinne der Moderne, zahlreiche seiner privaten Wohn- und öffentlichen Bauten erhalten entgegen dem lokalen Zeitgeist Flachdächer. In der Nachkriegszeit knüpft Rieve stilistisch an seine Bauformen der Moderne an.«

Quelle: Denkmaldatenbank Schleswig-Holstein (PDF)

Obwohl der messingfarbene Schriftzug am Ladengeschäft des Juweliers erst Mitte des 20. Jahrhunderts entstand, zeigen die Buchstaben (mal wieder!) deutliche Formzitate aus der Zeit des Art Déco. Dazu gehört die tiefliegende Mittelachse der Zeichen, am besten ersichtlich bei E, G, P und R ebenso wie die großzügig dimensionierten Bögen, die breiten, geometrisch anmutenden, fast quadratisch proportionierten Buchstaben oder die Überkreuzungen der Querstriche mit deren senkrechten Stämmen – beim N entstehen dadurch sogar serifenähnliche Anhängsel. Die gitterartige Form des E greift gekonnt das Raster der großflächigen, grau eingefassten Schaufensterfront auf und passt daher aus meiner Sicht sehr gut zum Gesamtensemble der Ladenfront. Vielleicht war dies auch ein Grund für diese spezielle Art der Schriftgestaltung.

Da bereits feststeht, dass der Schriftzug von Theodor Rieve eigens für das Geschäft entworfen wurde, erübrigt sich zwar die Suche nach einer dazugehörigen Schriftart, aber dennoch wollte ich ergänzend einige Verwandte der Type ausfindig machen, um deren vermutete »Abstammung« im Designstil der 1920er- bis 1940er-Jahre zu untermauern.

Vergleichbare Proportionen und Art-Déco-Anklänge finden sich z.B. bei den – wenngleich deutlich weniger verzierten – kommerziellen Schriftarten »Kaikoura« (David Kerkhoff/Hanoded Fonts, 2014), »Kessel 205« (Adrian Talbot/Talbot Type, 2012) oder der verspielteren »New Daily« (Marit Angenita Otto für URW, 2015). Hier stimmen teils sogar noch weitere Details überein, wie etwa bei der Kaikoura das ungewöhnlich asymmetrische S mit dem »kleinen Kopf«.

Am besten gefiel mir die Übereinstimmung mit der – für persönliche Nutzung sogar kostenfreien – Schriftart »WABECO Bold« (Paul Reis, 2013).

Danke noch mal an die Einreicherin, es hat mir viel Spaß gemacht, anhand dieses Fotos eine typographische Zeitreise nach Flensburg zu machen! 🤓 🔠 🕰️