Das Typographische Fundstück

verknallt in Schrift und Buchstaben

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26.04.2024

Das neueste Typo-Fundstück ist heute mal etwas »nerdiger«. Durch ein Werbebanner wurde ich auf die aktuelle Kommunikation des Energiekonzerns E.ON aufmerksam. Dessen Logo aus dem Jahr 2000 ist für mich eins mehrerer typographisch besonderer Logos der 2000er, die mit ihren »ungelenken« Buchstabenformen in der Masse üblicher Wortmarken sofort auffallen und auch gestalterisch polarisieren. Ein weiteres ist das Logo des Healthcare-Konzerns MERCK, das seit 2015 genutzt wird.



In dem besagten Banner fiel mir sofort auf, dass E.ON die Buchstaben der Wortmarke als Ausgangspunkt für die Gestaltung einer kompletten Schrift genutzt hat und diese nun, zusätzlich zum Corporate Font »E.ON Brix Sans« einsetzt.



Ich finde es immer interessant, zu sehen, ob ein Unternehmen die Schrift aus seinem Logo auch in der Kommunikation einsetzt. Meist vollzieht sich diese Entscheidung »vorwärts«, d.h. die Wortmarke wird mit Hilfe einer bestimmten Schrift gestaltet, die es schon gibt und diese dann auch in weiteren Medien genutzt. So verfährt z.B. die Drogeriekette BUDNI mit ihrem Logo- und Corporate Font »Ubuntu«. Manchmal lassen sich Firmen auch für ihr Corporate Design eigens exklusive Schriften entwerfen, die dann von Anfang an durchgängig genutzt werden. So machen es z.B. der Fahrdienst UBER oder die Deutsche Bahn. Hier bei E.ON wurde hingegen offenbar »rückwärts« gearbeitet und 24 Jahre nach Einführung des nur drei Buchstaben enthaltenden Logos eine komplette Schrift daraus extrapoliert.



Um mir einen Überblick über die interessanten, aus dem Logo abgeleiteten Buchstabenformen zu verschaffen, obgleich mir die Schrift nicht lizenziert zur Verfügung steht, habe ich im Bild versucht, mit Photoshop ein populäres »Pangram« (= einen Satz mit allen Buchstaben des Alphabets) aus den enthaltenen Lettern in dem mit dieser Schrift gestalteten E.ON-Geschäftsbericht zusammenzufügen. Es fehlen zwar zwei Zeichen, aber der Gesamteindruck ist recht repräsentativ.



Anschließend habe ich der Schrift noch etwas hinterherrecherchiert. Sie stammt in der Tat aus dem Jahr 2024, trägt den Namen »EON Display« und enthält neben Kleinbuchstaben auch stilistisch passende Versalien, Zahlen und Satzzeichen, die ich jedoch hier leider nicht zeigen kann. Gestaltet wurde sie von Sven Fuchs and Stefan Huebsch vom Fontbüro »Typocalypse«. Mir gefällt die Schrift sehr gut, sie wirkt modern, technisch und trotz ihrer gewissen Eigenheiten in sich stimmig und visuell ansprechend.



Ich hoffe, meine Detektivarbeit war heute thematisch nicht zu speziell, nächste Woche wird es wieder etwas leichter verdaulich … 🔍 😉 🔠



Update, 30.08.2025: Seit dem Datum meines Beitrags hat das neue E.ON-»Brand Design« unter Federführung der Agentur Peter Schmidt Group einige Preise erhalten, u.a. den German Brand Award, Bronze beim ADC Wettbewerb und den Red Dot Design Award 2025.

MERCK-Logo:
➡️ https://www.merckgroup.com/de/publications/media-gallery-logos-blue.html

E.ON-Geschäftsbericht:
➡️ https://annualreport.eon.com/en.html

Fontbüro Typocalypse:
➡️ http://www.typocalypse.com/

19.04.2024

Dieses Fundstück stammt diesmal von einem Ort 24 m unter der Erde: aus dem Alten Elbtunnel (St. Pauli Elbtunnel) in Hamburg, der im Jahr 1911 eröffnet wurde. Neben den zahlreichen wunderschönen Kacheln mit dreidimensionalen Abbildern verschiedener Meerestiere des Keramikers Otto Gottlieb Hermann Perl (1878–1967) finden sich dazwischen auch einige Keramikschilder, die mit einer interessanten kunstvoll-kantigen Schrift ausschließlich in Großbuchstaben über technische Details des Tunnels informieren. Ob Herr Perl auch für die Gestaltung dieser Beschriftungen verantwortlich war, konnte ich leider nicht herausfinden.



Den Stil dieser Schrift würde man aus heutiger Sicht wahrscheinlich als »Art Déco« bezeichnen, es gibt in den Proportionen und bei den Buchstabenformen deutliche Ähnlichkeiten zu vielen kommerziell erhältlichen Fonts aus der betreffenden Epoche (ca. 1910–1930) wie z.B. »ITC Willow« oder »VLNL Melk« (Links zur Ansicht: s.u.). Erstgenannte wurde vor einigen Jahren in einer modifizierten Variante als Titelschrift der TV-Serie »American Horror Story« genutzt, die zweitgenannte basiert auf den Buchstaben einer Wandinschrift am Gebäude der historischen Molkerei »De Sierkan« in Den Haag. 



Als käuflichen Font konnte ich die Elbtunnelschrift zwar nicht ausfindig machen, aber der Schriftgestalter Peter Wiegel aus Wolgast hat sie – wohl ebenfalls nach einem Besucht des Alten Elbtunnels – als komplettes Alphabet umgesetzt, dazu fehlende Lettern ergänzt und stellt sein Werk im TrueType-Format unter einer Creative-Commons-Lizenz zur Verfügung.

Wieder was gelernt! 🙂🔠 



FontITC Willow:
➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/willow-font-itc

American Horror Story:
➡️ https://de.wikipedia.org/wiki/American_Horror_Story

VLNL Melk:
➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/vlnl-melk-font-vetteletters

Molkerei De Sierkan:
➡️ https://shie.nl/bedrijven/sierkan-de-melkinrichting-1878/

Elb-Tunnel Font:
➡️ https://www.peter-wiegel.de/ElbTunnel.html

12.04.2024

Und noch ein letzter Schnappschuss aus dem inzwischen vergangenen Osterurlaub: Diesmal kommt das typographische Fundstück der Woche aus dem pittoresken Städtchen Saarburg. Diese schöne Retro-Ladenfassade mit dem klassischen Neonschriftzug, vermutlich aus den späten 1950er oder frühen 1960er-Jahren wollte ich meiner LinkedIn-Followerschaft nicht vorenthalten. 🙂

05.04.2024

Auch das typographische Fundstück dieser Nach-Osterwoche habe ich wieder, wie vergangenen Freitag, auf einem Ausflug in der Moselregion nahe dem Ort Bernkastel-Kues entdeckt. Schaut man genau hin, ist festzustellen, dass das »u« in »Bautechnik« spiegelverkehrt in das Holzschild eingemeißelt wurde. Das ist insofern bemerkenswert, weil solche Seitenverkehrungen sonst eher bei der Anbringung von Beschriftungen vorkommen, bei denen dreidimensional ausgeschnittene Einzelbuchstaben auf eine Trägerplatte aufgeklebt werden. Da kann es schnell passieren, dass achsensymmetrische Lettern wie A, H, M, O, U, V, W oder Y verkehrtherum appliziert werden. Hier jedoch muss ein Fehler bei der Schablone oder Vorzeichnung erfolgt sein, ehe mit dem Meißeln begonnen wurde. Nicht tragisch, alles bleibt ja dennoch lesbar – aber dennoch ein Kuriosum, das mir einen Schnappschuss wert war.



29.03.2024

Aus Feiertagsgründen mache ich heute mal kein neues Themenfass beim typographischen Fundstück der Woche auf, sondern lege einfach noch mal zwei ganz frisch geknipste Motive zum Thema der letzten Woche, Bahnhofsbeschriftungen, nach. Beide Fotos entstanden entlang von Bahnstrecken im Moselland, in der Nähe von Trier und Bitburg.



Das obere Foto zeigt sehr schön, wie es aussieht, wenn Beschriftungen aus mehreren Epochen nebeneinander an Bahngebäuden überdauern. Das untere gefiel mir vor allem aufgrund des einen fehlenden (aber doch noch präsenten) Buchstabens und der schönen gelben Farbpalette.



Ich wünsche allen schöne Ostern!



22.03.2024

Wer kennt sie nicht – die typischen Stationstafeln der Deutschen Bahn in Nachtblau (RAL 5022) mit der weißen Schrift (»Deutsche Bahn WLS«) an nahezu allen deutschen Bahnhöfen? Laut Wikipedia begann ihre Einführung Ende der 1990er Jahre und die ersten so beschilderten Stationen waren Westerland und Aschaffenburg Hbf.



Doch an vielen kleineren Regionalbahnhöfen findet man zusätzlich immer noch Überbleibsel aus den Jahrzehnten vor dieser Vereinheitlichung. Da ich an Wochenenden und im Urlaub oft mit der Bahn Reisen und Ausflüge unternehme, fange ich auch diese Relikte der Eisenbahngeschichte gerne für meine Sammlung typographischer Fundstücke ein. Und so habe ich aus meiner Sammlung für heute mal einige Beispiele zusammengestellt. Gerade das Deutschlandticket bietet ausgiebige Gelegenheit, Strecken zu befahren, an denen man danach Ausschau halten kann – an verfallenen, nicht mehr genutzten Stationsbauwerken, an versteckten Seitenfassaden oder auch, parallel zur aktuellen Beschilderung, an den weiterhin betriebenen Bahnhofsgebäuden.

Es gibt viel zu entdecken!



08.03.2024

Das heutige Fundstück ist diesmal ein fotografisches Mitbringsel aus Galway in der Republik Irland, entdeckt im September 2015 und – abgesehen von den schönen nostalgischen handgemalten Schriftzügen – ein amüsantes Schaustück dafür, wie »Cross-Promotion« vielleicht in der Prä-Internet-Ära funktioniert hat. Der Schildermaler und Schriftkünstler macht Passanten auf den Instrumentenbauer nebenan sowie auf dessen Kursangebot aufmerksam und vice versa. Ob diese interessante gegenseitige Zielgruppenansprache tatsächlich funktioniert hat, die die beiden womöglich befreundeten Ladeninhaber bei einem gemeinsamen Pint Guinness hätten ausgeheckt haben könnten, ist mir jedoch leider nicht bekannt. 😁



01.03.2024

Schon einige der hier geposteten Fotos aus meiner Serie »Typographisches Fundstück der Woche« kamen aus anderen Städten wie Berlin, Eisenach, Kopenhagen oder Trier. Vor ein paar Tagen konnte ich tatsächlich in der direkten Umgebung meines Homeoffice ein kleines Schmuckstück ablichten, angebracht an der Fassade eines der typischen dunkelrotbraunen Hamburger Klinkerhäuser. Und da steht einfach nur »Friseur« – nicht »Haarmonie«, »Föhnix«, »Kamm M. Bert« oder »Lockführer«.



Sollte die Ära der exzentrischen Namenskalauer für Friseursalons irgendwann enden, wäre ich nicht traurig, würde sie einer Phase ästhetischer und ausgefallener Schriftzüge weichen. Wobei – das eine schließt ja das andere nicht aus … 😉 ✂ 🔠 💡



23.02.2024

Das neueste typographische Kleinod stammt diesmal von einem fotografischen Streifzug durch Kopenhagen im November 2022. Ob diese beiden Schriftzüge zu ihrer Zeit gemeinsam für dasselbe Gewerbe warben oder für zwei getrennte Unternehmen, vermag ich nicht zu sagen. Ein »Frøhandel« jedenfalls dürfte ein Samen- oder Saatenhändler gewesen sein. Ich habe schon in einigen Städten Europas solche schönen handgemalten historischen Hinweise auf Geschäfte oder Unternehmen entdeckt, unter anderem in Edinburgh, Meißen und Göttingen und freue mich immer wieder, wenn gerade diese nur dünn auf Putz gepinselten Zeugnisse der Vergangenheit alle Wetterunbill, Renovierungen, Neuanstriche und Änderungen durch nachfolgende Gewerbetreiber bis heute überdauern konnten.

16.02.2024

Das aktuelle Fundstück der Woche ist tatsächlich schon über 20 Jahre alt und zeigt eine wunderschöne reliefartige Ladenbeschriftung an einer Hausfassade in Eisenach. Fotografiert wurden die Motive Anfang November 2003 und es stellt sich die Frage, ob dieses Kleinod mit seinen zauberhaft ausgearbeiteten, sehr eigenständigen Buchstabenformen (ich schätze, etwa um 1925) heute überhaupt noch existiert. Vermutlich wurden die Schriftzüge seinerzeit eigens für den Laden entworfen und dreidimensional angefertigt (gemeißelt? gegossen?). Ich bin froh, dass ich dieses Kunstwerk damals fotografisch festgehalten und dadurch bewahrt habe.



Update: Das Haus in der Marienstraße 19 steht tatsächlich noch und auch die Inschrift ist noch da. Ich konnte das Architektenbüro ausfindig machen, welches das Gebäude saniert hat, und auch bei Flickr findet sich ein Foto von Ende Mai 2023, auf dem das Haus in neuem (mintgrünen) Glanz zu sehen ist:



➡️ https://plewka-architekten.de/projekt/wohn-und-geschaeftshaus-eisenach



➡️ https://www.flickr.com/photos/monsieuradrien/53027855725/in/album-72157719648312294/

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