Das Typographische Fundstück

verknallt in Schrift und Buchstaben

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08.11.2024

Die Welt braucht derzeit aus meiner Sicht mehr Optimismus, Schönheit, Heiterkeit, Genuss, Gelassenheit und Zuversicht denn je. Doch wie kann man sich als Einzelne*r von den fast täglichen Katastrophenmeldungen abschirmen? Soll man den Nachrichtenkonsum reduzieren? Sich komplett zurückziehen? Mir persönlich helfen bei der dringend gebotenen »Psychohygiene« gezielt herbeigeführte Momente und Routinen im Alltag, in denen ich mich bewusst möglichst erfreulichen Sinneseindrücken hingebe.



Dazu gehört z.B. einerseits das hier dokumentierte Aufspüren typographischer Fundstücke, andererseits bin ich aber auch ein Mensch, der leidenschaftlich gerne kocht und isst. Das tut mir gut, das baut mich auf, das sorgt bei mir für Wohlbefinden. Zudem bewege ich mich häufig in  Städten, wo fast überall Tags und Graffiti zu finden sind. Ich frage mich bei diesen Schriftzügen oft (meist sind es ja »Tagnames«, jene Pseudonyme, die sich die Schreiber selbst gegeben haben), wie der oder die Einzelne wohl zu seinem/ihrem ausgewählten Namen kam. Und mit der Zeit fielen mir hin und wieder einzelne Inschriften auf, die Lebensmittel bezeichnen. In Hamburg z.B. sah ich im Vorbeifahren aus einer S-Bahn »FUDGE« (leider zu weit weg zum Knipsen). Aber dann, nachdem ich begann, gezielt zu suchen, entdeckte ich immer häufiger Graffiti mit – gewolltem oder ungewolltem – Foodkontext. Für diese Fundstücke habe ich inzwischen einen eigenen Ordner angelegt und ein paar der Motive möchte ich heute hier teilen. 



FUDGE, wie gesagt, fehlt mir noch in meiner Fotosammlung. Und neulich sah ich aus dem Bus in Hamburg auf einem Stromkasten TRÜFFEL. Da muss ich unbedingt demnächst noch mal für einen Schnappschuss hin … 😉 🤓 🔠

(Update, 01.09.2025: Ich war dort und habe nachgeknipst. Und die Sammlung wächst weiter …)

01.11.2024

Ich bin derzeit mal wieder unterwegs in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die Smartphonekamera immer im Anschlag auf der Suche nach interessanten typographischen Fundstücken.

Entdeckt habe ich zwei schöne Exemplare »historischer« Neonschriftzüge. In Düsseldorf kam ich an dem offenbar alteingesessenen Hotel »Bismarck« vorbei, in dessen Schriftzug mir besonders das ausgeschwungene k am Ende gefiel. Und in Trier begegnete mir der seltene Buchstabe ÿ (»Ypsilon-Trema«) in der Leuchtreklame eines Juweliers. Man könnte meinen, dies sei ein altmodisches, heutzutage kaum mehr gebräuchliches Zeichen (der dänische Astronom Tycho Brahe [1541–1601] etwa nutzte es für den Vornamen in seiner Unterschrift), aber der 2017 gegründete Telekommunikationsanbieter PŸUR nutzte z.B. dessen Extravaganz, um seinem Markennamen einen besonderen Akzent zu verleihen. Wer weiß – vielleicht steht dem ÿ ja ein Comeback bevor … 🤓 🔠

28.10.2024

Aus der beliebten Serie »Hat da eigentlich vor Veröffentlichung nochmal jemand draufgeschaut?« sehen Sie heute die Folge »Trennungsschmerz ganz ohne Liebeskummer«. 🤨

Alle Abbildungen sind Screenshots von Online-Werbebannern.

  • Bild 1: Parkster
    (Parkgebühren-App)
  • Bild 2: FITTASTE
    (High-Protein-Fertignahrung)
  • Bild 3: BougeRV JuiceGo
    (Tragbare Solar-Powerstation)

25.10.2024

Das heutige typographische Fundstück der Woche entstammt mal wieder einem Film. In der Titelsequenz der schwarzen Krimikomödie »Die Schlemmerorgie« (»Who Is Killing the Great Chefs of Europe?«) aus dem Jahr 1978 werden die Zuschauer*innen von Anfang an optisch auf das Umfeld eingestimmt, in dem die Handlung spielt – die Welt der Gourmettempel und Sternerestaurants, der Spitzenköche und der Gastronomiekritiker. Auffallend in dem Vorspann (siehe Screenshot) ist auch die Wahl der luxuriös wirkenden, eigenwillig ornamentierten Schrift, welche die Epoche des Jugendstils assoziiert. Sie lässt an Pferdekutschen denken, an Grand Hotels und den legendären Orient-Express – und tatsächlich ist sie nicht erst nachträglich entstanden, um den Stil dieser Zeit zu zitieren, sondern sie ist, wie ich herausfinden konnte, ein authentisches Relikt.



Der ursprüngliche Name der Schrift, gestaltet vom Schriftgestalter John F. Cumming für die Dickinson Type Foundry, lautete wohl »Typothetae«¹, zunächst enthielt sie ausschließlich Großbuchstaben, aber wenig später wurde sie unter dem Namen »Skjald«² um Kleinbuchstaben erweitert. Die Angaben zum Entstehungsjahr schwanken in verschiedenen Quellen zwischen 1884 und 1891. Es existieren wunderbare Scans historischer Kataloge mit Schriften jener Zeit im Netz, einige davon erstaunlich modern; die zwei beeindruckendste Werke darunter, als PDFs einsehbar, habe ich nachfolgend verlinkt. 





Infos zum Film, Handlung und Besetzung:


➡️ https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Schlemmer-Orgie

Typothetae:
1 ➡️ https://t1p.de/typothetae



Skjald:
2 ➡️ https://t1p.de/skjald



»Catalogue And Price List of Type and Material« 

(Cleveland Type Foundry, 1893):
➡️ https://t1p.de/CTF1893



»Desk Book of TYPE and Printing Material« 

(American Type Founders Co., 1899):
➡️ https://t1p.de/ATFC1899

24.10.2024

»Aroma« – welch sinnliches Wort! Es klingt nach Gewürzen, nach kostbaren Ölen, nach Kräutern und anderen marktfrischen Zutaten. Ich denke an das Bukett eines feinen Weines oder den spritzigen Geschmack eines kühlen Bieres. Mein Gaumen erahnt die milde Säure einer Vinaigrette, die grüne Frische von Salat, die Röstnoten eines angebratenen Steaks. Meine Nase inhaliert den Duft hausgebackenen Brotes, den würzigen Hauch von Knoblauch- und Kräuterbutter, die rustikalen Schwaden, die aus einem Pizza-Steinofen dringen. Der Dampf frisch servierter Pastagerichte durchweht meine Fantasie, ein Reigen aus Basilikum, Tomaten, erdigen Trüffeln, Meeresfrüchten, Parmesan und Pancetta. Ich rieche Cocktailkompositionen, kreiert aus Wodka, Tequila, Gin, Rum, frischen Fruchtsäften, Blue Curaçao, Kahlua oder anderen Likören.



Was ich bei dem Wort »Aroma« nicht sehe, spüre, schmecke, rieche, ist die Schriftart Eurostile Bold Extended, auf 84% Breite gestaucht.



Die Wahl der Schriftart für das eigene Logo ist leider immer noch viel zu oft ein Stiefkind bei Gründern und Unternehmern. Stattdessen dominieren leidenschaftslos ausgewählte Standardfonts aus dem Katalog des Werbetechnikers, der die Ladenbeschriftung anfertigt und installiert oder – noch schlimmer – zu Tode genutzte Schriftarten aus dem Windows-Systemschriften-Repertoire. Eine treffsichere Positionierung, eine prägnante Profilierung gegenüber dem Wettbewerb, das Entfachen von Assoziationen, Neugier, Interesse, Sympathie bei Kunden und Zielgruppen – Fehlanzeige. All das jedoch könnte eine einfühlsam ausgewählte Schrift (mit) leisten.

Wenn man sie nur ließe.

22.10.2024 (1)

Mit diesem typographischen Fundstück endet heute meine Serie mit Foto-Postings aus Kopenhagen. Das Motiv ist insofern ungewöhnlich, da die meisten dreidimensionalen Schriftzüge oder Buchstaben, die man im öffentlichen Raum gemeinhin antrifft, eher aus Kunststoff und/oder Metall angefertigt sind und entweder an Mauern bzw. den Fassaden von Gebäuden oder auf deren Dächern angebracht sind. Dieses Gebilde jedoch besteht aus Beton und steht quasi als »Logo-Skulptur« direkt auf dem gepflasterten Platz vor dem Bürogebäude der Firma KAB, Dänemarks größtem Verwalter gemeinnütziger Wohnungen. Ich konnte leider nur das B der dreidimensional umgesetzten KAB-Wortmarke fotografieren, denn vor dem interessanteren K mit seinem waagerechten Steg zwischen Stamm und Schenkeln sowie dem A standen zahlreiche Fahrräder … 😉



Ich hoffe, die Serie hat meinen Lesern und Followern gefallen und ich bin selbst schon gespannt, was ich von künftigen Reisen in nächster Zeit an neuen Motiven mitbringen werde … 🤓 🔠



21.10.2024

Mein Bildervorrat von der Reise nach Kopenhagen geht allmählich zuende und so ist dies heute das vorletzte Fundstück, das ich in (werk)täglichem Rhythmus posten werde, ehe ich bis auf Weiteres wieder zu meinem wöchentlichen Freitagstakt zurückkehre.



Das heutige »Exponat« entdeckte ich im Vorbeigehen an einer eher unscheinbaren Kellerluke im Stadtteil Christianshavn. Der Text enthält einen weiteren typisch dänisch-n

orwegischen Buchstaben (eigentlich eine sog. Ligatur, d.h. eine Verschmelzung zweier Zeichen): das Æ oder æ. Gesprochen wird es ähnlich wie das deutsche Ä.



Der Text auf dem Schild, »Undlad ophangning – Fredningsmyndigheden« – kann übersetzt werden mit »Nicht aushängen – Die Denkmalschutzbehörde«. Genau wie im Deutschen gibt es auch im Dänischen etliche lange und kompliziert anmutende Komposita wie »Fredningsmyndigheden« oder »Arbejdsmiljøovervågningssystemer« (Arbeitsmedizinische Überwachungssysteme), aber im Gegensatz dazu auch sehr minimalistische Substantive, die nur aus einem einzelnen Buchstaben bestehen, wie etwa »Ø« (Insel).



Die Schrift auf dem Schild fiel mir auf, weil sie mich an eins meiner Postings von vor einigen Wochen erinnerte, in dem es um sog. schmalfette Groteskschriften wie z.B. »Haettenschweiler« ging. Dazu würde ich auch dieses Schriftbeispiel mit seinen rechteckigen Proportionen und den verkürzten Ober- und Unterlängen zählen. Es ist nicht einfach, abzuschätzen, in welchem Jahrzehnt dieses Schild ursprünglich entstanden ist, da eine einfühlsame Denkmalschutzbehörde vielleicht auch eine Beschilderung neueren Datums bewusst an die Ästhetik des Gebäudes hätte anpassen können.

18.10.2024

Ein bisschen beneide ich die Dänen (und Norweger) ja um ihr durchgestrichenes Ø. Ein schøner Buchstabe, der gesprochen wie ein Vokal zwischen Ä und Ö klingt (auf der englischen Wikipedia-Seite* kann man sich den Klangunterschied zwischen Ö und Ø anhören). Deshalb halte ich auf meinen Reisen nach Dänemark auch immer Ausschau nach kreativen Umsetzungen für dessen Form in medial reproduzierten Texten oder bei Unikat-Beschriftungen. Ein Beispiel, das mir besonders gut gefiel, war diese ebenso schlichte wie elegante Løsung an einem Salon in Kopenhagen. (Um von dem Schriftzug nicht allzu sehr abzulenken, habe ich einige Risse und Putz-Abplatzer an der Fassade dahinter »repariert«.)

Übrigens: Computernutzer benutzen das Ø gerne als mathematisches Symbol z.B. für »Durchmesser«, das ist aber eigentlich nur ein Notbehelf. Denn im Zeichensatz der mathematischen Sonderzeichen gibt es dafür ein eigens angelegtes Symbol: ⌀. Aber bitte fragt mich als Mac-User nicht, wie man auf einer Windows-Tastatur da, ohne nachzuschlagen, rankommen kann … 😉 



* ➡️ https://en.wikipedia.org/wiki/%C3%98

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