verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Kuriositäten (Seite 3 von 12)

Ob absichtlich oder ungewollt, so manches Fundstück hat bisweilen eine skurrile, schräge oder amüsante Anmutung bei der Botschaft oder Gestaltung. In dieser Kategorie sammle ich allerlei solcher Beispiele.

13.02.2026

Das typographische Fundstück am Freitag stammt heute aus dem Schankraum der Brauereigaststätte »Bräustüble« in Donaueschingen, die im Gebäudekomplex der Brauerei Fürstenberg ansässig ist. Die »Fürstlich Fürstenbergische Brauerei GmbH & Co. KG« führt in ihrem Logo den Zusatz »Bierkultur seit 1283«.

Das Bild amüsierte und befremdete mich zugleich. Bierwerbung mit Kindern? Das schien anscheinend früher™ durchaus mal gesellschaftsfähig gewesen zu sein. Als ich begann, dazu zu recherchieren, traf ich auf etliche andere Motive; die meisten davon stammten aus den ersten beiden Jahrzehnten nach 1900. Diese Entstehungszeit würde ich auch für das heutige Fundstück vermuten. Der kurze Schriftzug am Kopf des Motivs lässt Anklänge an Schriftformen des Jugendstils erkennen, er ist sehr wahrscheinlich handgezeichnet, worauf auch die beiden miteinander verschlungenen Zeichen des Doppel-f, die aus der Unterlänge des g heraus verlängerte Unterstreichung und die generell etwas unregelmäßige Gestaltung der Zeichen hinweisen.

Einige der im Netz vorgefundenen ähnlichen Werbemotive möchte ich nachfolgend einmal zur Ansicht verlinken:

Nicht wenige Traditionsbrauereien führen auch heute noch Kinder oder kindlich anmutende Werbefiguren in ihrem Logo oder Firmenemblem, so z. B. bei den Biermarken »Allgäuer Büble« oder »Berliner Kindl«. Und in einschlägigen Onlineshops kann man für den Nachwuchs Strampler oder Trinkgefäße mit eindeutigen, oft launig betexteten Motiven erwerben, die an den Bierkonsum anknüpfen.

Fällt das auch unter »Bierkultur«? Und was ist eigentlich »Bierkultur« – wie entstand sie? Ich selber liebe Bier – maßvoll genossen. Es ist ein Getränk, das ich in der Aromatik, mit seinen zahllosen gebrauten regionalen und internationalen Sorten und Varianten – insbesondere unter dem Etikett »Craft Beer« – für ebenso vielfältig halte wie Wein. Und es gehört zu den ältesten Getränken der Welt, wie über 12.000 Jahre alte Artefakte belegen. Im alten Ägypten war Bier vor rund 5.000 Jahren ein zentrales Grundnahrungsmittel und sogar als Zahlungsmittel ein Teil des Arbeitslohns der Pyramidenarbeiter, die pro Tag etwa 3 bis 4 Liter davon bekamen. Das nahrhafte, kalorienreiche Gebräu diente als Energielieferant für die schwere körperliche Arbeit und war Teil einer Ration aus Brot und Bier, die auch Soldaten und Beamte jeden Tag erhielten. Gebräuchlich war es auch, den Toten Bier als Grabbeigabe mit auf ihre Reise zu geben.

Schon bald in der Geschichte dieses beliebten und reichlich konsumierten Getränks wurden Betriebe, die es herstellten, verkauften oder ausschenkten, von den Regierenden mit einträglichen Steuerzahlungen belegt und strikt reglementiert. Wer als Gewerbetreibender mit »schwarz« gebrautem oder gepanschtem Bier erwischt wurde, musste mit drastischen Strafen rechnen. Die bekannteste dieser Regeln ist wohl das Deutsche Reinheitsgebot von 1516. Herrschaftliche Brauordnungen zur Qualitätssicherung des Bieres, die etwas allgemeiner formuliert sind, reichen sogar zurück bis ins Jahr 1156.

»Warme Biersuppe war im deutschen Sprachraum vor allem auf dem Land bis weit in das 19. Jahrhundert hinein ein häufiges Frühstück für Erwachsene wie für Kinder, wobei Dünnbier verwendet wurde. Sie wurde erst dann allmählich durch die neue Mode verdrängt, morgens Kaffee zu trinken und dazu Brot zu essen. Vor der Einführung des Kaffees, aber auch noch danach, wurde die Biersuppe von allen Schichten gegessen, auch vom Adel. Bier galt als nahrhaftes und stärkendes Lebensmittel.«

Quelle: Wikipedia, »Geschichte des Bieres«

Das im Zitat erwähnte »Dünnbier« hatte einen geschätzten Alkoholgehalt von etwa 2 % Vol., sodass die Bevölkerung dadurch kaum im Dauerrausch durch den Alltag schwankte. Entgegen eines verbreiteten Mythos wurde Bier allerdings dem Wasser als Alltagsgetränk nicht deshalb vorgezogen, weil der enthaltene Alkohol Keime abtötete. Das war allenfalls ein nützlicher Nebeneffekt. Es gibt hinreichend historische Textquellen, die sich mit der Praxis der Reinhaltung von Trinkwasser, Erlässen zur Pflege von Brunnen und Leitungen, Empfehlungen zum Auffinden sauberer Quellen und Verordnungen zur geregelten Entsorgung von Abwasser in städtischen Flüssen befassen. Klares, kühles Quellwasser galt gar als Medizin.

Auch heute ist Bier, trotz der sinkenden Absatzzahlen, nach wie vor ein omnipräsenter Teil der Getränkekultur in Deutschland – in einigen Regionen, insbesondere im Süden des Landes – mehr, in anderen etwas weniger. Im Jahr 1900 erreichte der Pro-Kopf-Konsum im Bayern mit 246 Litern ein historisches Hoch, in Gesamtdeutschland lag er im gleichen Jahr bei nur gut der Hälfte (125 Liter). Eine zweite Spitze war 1980 zu beobachten (227 Liter in Bayern/146 Liter in Deutschland insgesamt), seither aber bewegt sich die Kurve konstant bergab (Quelle: Historisches Lexikon Bayerns).

Dazwischen, im Jahr 1952 trat das »Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit« (JÖSchG) in Deutschland in Kraft. Darin wurde der Genuss von Alkohol durch Kinder und Jugendliche erstmals klar gesetzlich geregelt.

Gesetz zum Schutze der Jugend in der Öffentlichkeit
§3

»(1) Jugendlichen unter 18 Jahren darf in Gaststätten und Verkaufsstellen Branntwein weder verabfolgt noch sein Genuß gestattet werden. Das gleiche gilt für überwiegend branntweinhaltige Genußmittel.

(2) Andere alkoholische Getränke dürfen an Jugendliche unter 16 Jahren nicht verabreicht werden, wenn sich diese nicht in Begleitung eines Erziehungsberechtigten befinden.«

Quelle: Bundesgesetzblatt vom 06.12.1951

In der aktuell gültigen Fassung heißt das Gesetz »Jugendschutzgesetz« (JuSchG) und formuliert die Regelung noch etwas differenzierter:

Jugendschutzgesetz (JuSchG)
§ 9 Alkoholische Getränke

»(1) In Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit dürfen

1. Bier, Wein, weinähnliche Getränke oder Schaumwein oder Mischungen von Bier, Wein, weinähnlichen Getränken oder Schaumwein mit nichtalkoholischen Getränken an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren,

2. andere alkoholische Getränke oder Lebensmittel, die andere alkoholische Getränke in nicht nur geringfügiger Menge enthalten, an Kinder und Jugendliche

weder abgegeben noch darf ihnen der Verzehr gestattet werden.

(2) Absatz 1 Nummer 1 gilt nicht, wenn Jugendliche von einer personensorgeberechtigten Person begleitet werden.«

Quelle: Bundesamt für Justiz

In beiden Fassungen des Gesetzes findet sich jedoch ein Passus, der es Jugendlichen unterhalb der Altersgrenze in Anwesenheit der Eltern oder anderer sorgeberechtigter Personen sehr wohl erlaubt, in der Öffentlichkeit Bier, Wein oder Sekt zu trinken. Diese Ausnahmeregelung im § 9 Jugendschutzgesetz soll einen kontrollierten Umgang ermöglichen. Noch 2014 wurde ein Druckwerk für Eltern herausgegeben mit dem Titel »Auch Trinken will gelernt sein – Wie Sie Ihr Kind beim richtigen Umgang mit Alkohol begleiten« (Beltz Verlag, Weinheim/Basel, »Programm PVU Psychologie Verlags Union«). Über eine Abschaffung der Zulässigkeit des sog. »begleitenden Trinkens« wird derzeit zugunsten des Jugendschutzes konkret diskutiert.

Ich selbst erinnere mich bezüglich meiner Kindheit in den 1970er- und 1980er-Jahren, dass Erwachsene oft und viel Alkohol tranken. Das reichte vom Feierabendbier des Vaters, einem gelegentlichen Whisky oder Longdrinks wie Gin Tonic oder Cola-Rum bei geselligen Treffen bis hin zum ausgelassenen Getränkekonsum auf Familienfeiern und Silvesterpartys. Auch im Fernsehen, z.B. während politischer Talkrunden, wurde ordentlich »gebechert«. In fast jedem Spielfilm oder in Serien wie »Dallas« gossen sich die Darsteller reichlich Drinks ein oder bekamen, unabhängig von der Tageszeit und oft sogar am Arbeitsplatz, welche angeboten. Die im häuslichen Umfeld in Flaschen oder Gläsern gereichten alkoholischen Getränke blieben uns Kindern zwar stets vorenthalten, aber in sehr süßer Form als Füllung in Süßigkeiten (Eierlikör-Schoko-Konfekt, Weinbrandbohnen, Mon Chéri) wurde ab etwa einem Alter von 12 Jahren bisweilen eine Ausnahme gemacht und wir durften davon kosten.

In Kinofilmen und Serien wird nach wie vor reichlich Alkohol konsumiert, im Fernsehen hingegen gelten heutzutage strengere Regeln bis hin zum kompletten Verbot.

Mittlerweile bezeichnen Mediziner und Statistiker den Alkoholkonsum in Deutschland insgesamt als »stabil rückläufig«. Und je jünger die untersuchte Bevölkerungsgruppe ist, desto stärker nimmt deren Neigung zum Alkoholkonsum ab. Eine erfreuliche Entwicklung, wie ich finde – und einmal mehr ein Beweis dafür, dass die vermeintlich »guten alten Zeiten« beileibe nicht immer das sind, wofür sie oft gehalten werden. 🤓 🔠 🍺

Weiterführende Links

➡️ »Kleine Kulturgeschichte des Alkohols« (Spektrum der Wissenschaft)
➡️ »Geschichte des Alkohols von der Antike bis zur Weimarer Republik« (Blogbeitrag bei geschichte-lernen.net)
➡️ »Alkohol – Zahlen, Daten, Fakten« zu Konsum, Steuereinnahmen, Werbebudgets, gesundheitlichen Folgen und volkswirtschaftlichen Kosten (Website der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V.)
➡️ »So viel wird in Hollywoods Blockbustern gesoffen« (SPIEGEL.de)

09.02.2026

Das typographische Bonbon dieses Montags fotografierte ich diesmal aus Rang 1 Loge 2 der Hamburgischen Staatsoper, am Abend der Premiere und Uraufführung der Oper »Monster’s Paradise« von Elfriede Jelinek (Libretto) und Olga Neuwirth (Libretto/Komposition). Das Werk in der Tradition des grotesk-gruseligen Grand-Guignol-Theaters widmet sich dem Gefühl des Niedergangs der Welt und der Zerstörung der Demokratie durch größenwahnsinnige Despoten, es ist also brandaktuell. Mitwirkende sind – neben einem unverkennbar erratisch agierenden Bühnenklon des amtierenden US-Präsidenten – unter anderem Elvis, Schneewittchen und weitere Disney-Prinzessinnen mit Cheerleader-Puscheln, Kermit und Miss Piggy, das radioaktiv mutierte Echsenmonster Gorgonzilla, eine Horde Zombies in Anzügen, eine Melania-Stehlampe, humanoide Hot Dogs und eine mahnende Göttin. Langweilig war es also keine Sekunde lang.

Vor dem Beginn der Vorstellung hing vor dem geschlossenen Vorhang dieses animiert beleuchtete Motiv im Las-Vegas-Neonschild-Style. Nach den ersten drei Bildern des Stücks, in denen bereits jede Menge turbulente Szenen die Charaktere und Kulissen spürbar in Mitleidenschaft gezogen hatten, sah auch die spätere, in der Pause erneut herabgelassene Version der Lichtinstallation etwas ramponierter aus: einzelne Buchstaben blieben dunkel, andere flackerten panisch. Eine schöne begleitende Metapher zum Fortgang der bizarren und dystopischen Handlung, wie ich fand.

Und natürlich wollte ich wieder wissen, welche Schriftarten in dem Motiv zum Einsatz kamen. Die erste Zeile ließ sich relativ leicht bestimmen, es handelt sich um die Schriftfamilie »Budmo« (Ray Larabie/Typodermic, 2005), in der es sowohl einen flächigen »Solid«-Schnitt als auch einen – mit innenliegenden Leuchtpunkten versehenen – namens »Jiggler«-gibt.

Die bluttriefende zweite Zeile ist vermutlich eine bewusst trashige, freie Nachzeichnung des Fonts »Melted Monster« (Dimas Prasetyo/DM Letter Studio, 2018). Meine Vermutung basiert darauf, dass die Buchstaben sich zwar auf den ersten Blick unterscheiden, aber bei genauerem Hinsehen ziemlich genau an denselben Stellen und in der gleichen Zahl die typischen »Tropfnasen« aufweisen.

Die Oper »Monster’s Paradise« steht an der Hamburgischen Staatsoper für den 4., 8., 11., 13. und 19. Februar, jeweils um 19:00 Uhr, auf dem Spielplan. Im März wird sie als Koproduktion im Opernhaus Zürich aufgeführt und für 2027 sind Vorstellungen in Österreich an der Oper Graz geplant. 🤓 🔠 🎼

06.02.2026

Das Foto des typographischen Fundstücks an diesem Freitag habe ich geknipst, weil mir mehrere kuriose Details an der sichtlich heruntergekommenen Hausfassade auffielen. Zum ersten war es natürlich der wilde »Typo-Mix« der dort versammelten Beschilderungen: Das verwitterte »Café Kracht«-Banner mit seinen saftigen gebrochenen Lettern; die schwarze »66« der Hausnummer; die Tafel über der Tür, die klarmacht, dass das Café gleichzeitig auch eine Bäckerei beherbergt; die zwei Werbeaufkleber für »Ur·echt-kräftig-deftiges« Gebäck sowie eine bekannte Spirituose; das links an die Seite verbannte Hinweisschild »Einfahrt freihalten!« – und nicht zuletzt das amüsant-irritierende Plakat, das darauf hinweist, dass die einstige Ladentür eine Umwidmung zur Motorradausfahrt erfahren hatte. Zum zweiten fragte ich mich, was wohl die »Strohlemmeln« seien, die die offensichtlich schon seit geraumer Zeit geschlossene Bäckerei einst bewarb. Und zum dritten natürlich die Neugier, welche Geschichte wohl hinter diesem leerstehenden Gebäude steckt, denn nicht nur das Geschäft im Erdgeschoss war geschlossen, auch die restlichen Räume in den oberen Etagen schienen unbewohnt.

Zu den historischen Daten des Hauses wurde ich relativ schnell fündig:

»Gegründet wurde die Traditionsbäckerei 1856 durch August Kracht und firmierte auch als Lemgoer Strohsemmel-Bäckerei. Ende Februar 1998 wurde das Geschäft geschlossen. Der unter Denkmalschutz stehende Fachwerkbau stammt aus dem Jahre 1456 und eine angrenzende Scheune, wo die Backstube untergebracht war, aus dem Jahre 1792.«

Quelle: Wikimedia Commons zu einem Foto des Users »Wikifreund«

Somit war auch klar, dass die von mir gelesenen »Strohlemmeln« tatsächlich »Strohsemmeln« waren. Dabei handelt es sich um eine regionale Brötchensorte auf Hefeteigbasis, deren rohe Teiglinge – ähnlich wie Bagels – in kochendem Wasser gebrüht und dann bei vergleichsweise hohen Temperaturen auf einem schützenden Strohbett im Ofen gebacken werden:

»Das wohl bekannteste Gebäck Lippes ist sicherlich die Lemske Strauhsemmel (Lemgoer Strohsemmel), die allerdings nicht nur in Lemgo, sondern auch in vielen anderen Städten des Landes hergestellt wird. Einer alten Überlieferung zufolge wurde das Rezept für die Strohsemmel von einem unbekannten Bäckergesellen und Soldaten im napoleonischen Feldzug 1812 aus Rußland nach Lippe mitgebracht. (…) Da aber spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts nicht nur die Bäckerei Richter in Detmold und die Bäckerei Kracht in Lemgo, sondern auch zahlreiche andere Bäckereien in Lippe Strohsemmeln backten und verkauften, muß sich das ›Geheimrezept‹ unter Lippes Bäckern doch relativ rasch herumgesprochen haben. (…) Das Besondere an der Strohsemmel ist wohl auch weniger das Rezept als die Herstellungsart: Zum einen wird der Teig gebrüht; zum anderen werden die gebrühten Teigstücke auf einer Strohunterlage an Stelle eines Backbleches abgebacken.«

Quelle: strohsemmeln.de

Da das Geschäft bereits vor nunmehr rund 28 Jahren seinen Betrieb aufgab, stellt sich natürlich die Frage, was seither geschah, denn schließlich befindet sich das verwaiste Objekt mitten in der ansonsten belebten Fußgängerzone Lemgos. Auch dazu hat das Netz interessante Informationen zu bieten. Zum einen sorgten sich die ehemaligen Besitzer wohl um den Fortbestand des Rezepts ihres »Signature Gebäcks«, zum anderen schienen sie sich nach Kräften um die Veräußerung der Immobilie zu bemühen:

»›Vor acht Jahren stand einer der Brüder Kracht im Laden und brachte uns die Rezeptur‹, erinnert sich Bäcker Ingo Dickewied. ›Er wollte nicht, dass die traditionell hergestellten Semmeln einfach verloren gehen.‹«

Quelle: Lippische Landes-Zeitung, 16.09.2015

»Eine Lemgoer Institution zum Nulltarif: Laut Angaben von Herbert Kracht (72) wird das Haus der Traditionsbäckerei Kracht in der Breiten Straße kostenlos abgegeben. Die einzige Bedingung: Der neue Besitzer muss das dazu gehörige Grundstück kaufen.«

Quelle: Lippische Landes-Zeitung, 06.08.2009

Das verlockende Verkaufsangebot fand jedoch offenbar keinen Interessenten, denn im Februar 2023 wurde in der lokalen Presse über eine anstehende Zwangsversteigerung des Hauses berichtet. Doch auch diese Maßnahme war wohl aus unbekannten Gründen nicht umsetzbar, denn weitere 10 Monate später titelte dieselbe Zeitung »Lemgoer Bäckerei Kracht noch nicht unterm Hammer«. Mein obenstehendes Foto entstand erneut knapp zwei Jahre später, am 10. November 2025. Anzeichen für einen Abriss, eine Sanierung, Renovierung oder äußere Hinweise auf einen Besitzerwechsel waren auch zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen. Mehr konnte ich über das Schicksal des Hauses nicht herausbekommen.

Die handbeschriftete Glastafel über dem Eingang mit dem etwas missglückten »langen s« (ſ), das eher wie ein kleines l aussieht, nahm ich anschließend zum Anlass, das typographische Potpourri an der Ladenfassade mit möglichst ähnlichen Schriftarten noch einmal nachzuempfinden und dabei ein wenig zu optimieren.

Ich gehe davon aus, dass die unübliche Gestaltung des »ſ« in die Verantwortung des Schildermalers fällt, denn als ich nach ähnlichen Formen in kommerziellen (vorzugsweise kursiven) Antiqua-Schriften suchte, konnte ich bei keiner davon eine Variante auffinden, die derart einem kleinen 𝑙 ähnelt. Insgesamt sechs Varianten für das Design des »langen s« sind allgemein gebräuchlich. Vier davon können bei flüchtigem Lesen meines Erachtens mit einem 𝑓 verwechselt werden, zumal der Buchstabe ſ heutzutage kaum noch in Texten vorkommt und Leser*innen ihn somit darin nicht erwarten. Mir persönlich gefällt daher die letzte Variante am besten:

  1. Beispiel »Times New Roman« (Stanley Morison, Victor Lardent/Monotype, 1931): Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering. Diese Variante ist ausschließlich in nicht-kursiven Schriftschnitten anzutreffen. Beim Wechsel auf einen kursiven Schnitt innerhalb derselben Schriftfamilie wechselt die Form zur Variante 6!
  2. Beispiel »Haiku Italic« (Zac Hallgarten/AcidType, 2022): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  3. Beispiel »Basile« (Dario Manuel Muhafara/Tipo, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  4. Beispiel »Littleworth Now Italic« (Steve Matteson & Frederic L. Griggs/Monotype, 2025): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  5. Beispiel »Dutch Medieval Pro Italic« (Hans van Maanen, Patrick Griffin/Canada Type, 2013): Verwechslungsgefahr mit kleinem 𝑓.
  6. Beispiel »Times New Roman Italic«: Verwechslungsgefahr mit anderen Buchstaben gering.

Und zum Schluss hier noch das Rezept (oder besser: eine schlüssige Version, zusammengestellt aus fünf der vielen online kursierenden Rezepte) für die Original »Lemgoer Strohsemmeln«. Guten Appetit! 🤓 🔠 🥯


Lemgoer Strohsemmeln

Zutaten:
500 g Weizenmehl
1 Würfel (42 g) frische Hefe oder 1 Tütchen (7 g) Trockenhefe
1,5 EL Zucker
1 gestr. EL Salz
ca. 300 ml lauwarmes Wasser (nach Bedarf etwas mehr oder weniger, s.u.)
Weizenstroh oder Roggenstroh, nicht zu kurze Halme (zum Auslegen des Backblechs)

Zubereitung:
Die Hefe in einem geeigneten Gefäß in 200 ml des Wassers bröseln und zusammen mit einem Teelöffel des Zuckers gut verrühren, bis sie sich aufgelöst hat.

Das Mehl in eine Schüssel geben und in der Mitte eine Vertiefung formen. In diese Mulde die Hefemischung gießen. Anschließend nach und nach Salz, den restlichen Zucker und weiteres Wasser zugeben und alles zu einem Teig verkneten. Dabei nur so viel Wasser verwenden, dass ein fester, aber gut formbarer Teig entsteht.

Den fertigen Teig abgedeckt mit einem Küchentuch etwa 30 Minuten an einem warmen Ort ruhen lassen, bis er sichtbar aufgegangen ist und ungefähr sein Volumen verdoppelt hat. Danach den Teig nochmals kurz durchkneten, zu einer Rolle formen und diese mit einem Messer in 15 etwa gleich große Stücke teilen. Die Stücke rund formen und auf Backpapier weitere 5 Minuten warm angehen lassen. Anschließend die Teiglinge leicht flachdrücken und mit einem spitzen Gegenstand 6–8 mal über die Oberfläche verteilt einstechen. Danach nochmals rund 15 Minuten ruhen lassen.

In der Zwischenzeit ein Backblech mit dem Stroh auslegen und den Backofen (noch ohne Blech) auf 220 °C vorheizen. Parallel 1–2 l Wasser in einem großen Topf zum Kochen bringen. Die Teiglinge kurz rundum in das kochende Wasser tauchen, danach auf das mit dem Weizenstroh ausgelegte Backblech legen und es auf der mittleren Schiene in den Backofen schieben. Dann noch eine halbe Tasse Wasser auf den heißen Boden des Ofens gießen und die Ofenklappe zügig schließen.

Nun werden die Semmeln im Dampf bei einer Temperatur von etwa 220 °C für 25 bis 30 Minuten gebacken. Durch das unterliegende Stroh wird das Gebäck nur auf der Oberfläche braun, der Boden hingegen bleibt hell. Nach dem Backen sollten sich die Semmeln relativ leicht vom Stroh lösen lassen.

Strohsemmeln schmecken sowohl nur mit Butter als auch mit Schinken oder typisch lippischer Mettwurst. Aber auch süße Aufstriche wie Marmelade oder Honig passen gut dazu.

26.01.2026

Um neue Schrift- und Buchstaben-Fundstücke zu sammeln, gehe ich manchmal ganz bewusst einige Stunden und »einfach der Nase nach« auf Fotosafari, insbesondere auf Reisen. An den Orten meiner Arbeits- und Lebensmittelpunkte hingegen treffe ich oft rein zufällig und im Vorbeigehen – etwa auf Besorgungstouren oder auf Fußweg-Routen zu Jobterminen – auf interessante Entdeckungen.

Eine solche Zufallsentdeckung ist auch das letzte typographische Montagsbonbon, das ich in Hamburg an einer belebten Durchgangsstraße fotografierte. Die typische Gewerbemischung der Läden und kleinen Geschäfte an solchen mehrspurigen innerstädtischen Straßen kennen wir wohl alle – es sind beispielsweise Versicherungsbüros, Fahrschulen, Nagelstudios, Schlüsseldienste, Perückensalons, Imbisslokale oder – Änderungsschneidereien.

Die Tafel im Bild ist eigentlich nichts Besonderes; sie fiel mir hauptsächlich deshalb auf, weil sie sich im Umfeld der benachbarten Geschäfte von den glatten, digital gedruckten oder mit Folienbuchstaben beklebten Schaufenstern auf eine fast anachronistische Art abhob. Ein paar kuriose Details könnte man noch anmerken, zum Beispiel den gekürzten REISVERSCHLUSS in der vierten Zeile oder die JEANS H0SEN in der sechsten Zeile, bei denen das O durch eine Null ersetzt wurde, vermutlich, weil der O-Vorrat erschöpft war. Einige I wurden mit İ-Punkten geschmückt, andere nicht. Ein paar vereinzelte Ü-Punkte fallen auf, denen ihr Zwilling abhandengekommen ist. In der dritten Zeile sind selbige zwar vollständig, aber nicht wie sonst überall rund, sondern quadratisch. Und in der vorletzten Zeile ist vom L nur noch ein apostrophartiger Stummel vorhanden, einige Buchstaben fehlen komplett.

Die Schriftart erinnert stark an die Futura, wobei im direkten Vergleich auffällt, dass viele Zeichen der Steckschrift (D, N, R, U) schmaler gestaltet sind – wahrscheinlich, um Platz zu sparen. Zudem sitzt die »Mittelachse« bei den Buchstaben B, E und F deutlich höher als bei der Futura. Aber eine enge Verwandtschaft ist nicht zu leugnen.

Die dunklen Rillentafeln mit den weißen, oft vergilbten Steckbuchstaben sind ein jahrzehntealter Klassiker der Werbetechnik und trotz Digitalisierung und moderner Drucktechnik nach wie vor überraschend oft im Einsatz, etwa als Preisliste im Fenster von Friseursalons, über dem Tresen von Bierpubs oder als periodisch aktualisierte Angebotskarte in Bäckereien oder Mittagsbistros.

Ich hätte zu gern gewusst, wer als Erfinder*in dieser Stecktafeln gilt und in welchem Jahr dieses bemerkenswert langlebige und populäre Werbemedium das Licht der Welt erblickte. Aber das Netz gab mir dazu leider keine validen Informationen preis. Für Hinweise, Links oder anderen Quellen dazu bin ich wie immer dankbar. 🤓 🔠 🪟

Update

Ich habe der Geschichte der »Letterboards« noch ein bisschen hinterher recherchiert. Es verdichten sich die Hinweise, dass diese Tafeln Anfang der 1940er-Jahre erfunden wurden. In historischen Bilddatenbanken konnte ich kein Foto vor 1940 ausfindig machen, auf dem in Burger Bars oder Diners die Menütafeln in diesem Format aushingen. Wohl aber existieren Aufnahmen, die in und um das Jahr 1942 datiert sind:

Und auf der Website des Henry Ford Museum findet sich das Foto eines Original-Exponats aus dessen Sammlung, das ich hier sogar mit Quellenangabe abbilden darf – ein Speisekarten-Triptychon aus einem Diner. Ein bisschen nähergekommen bin ich dem Ursprung also doch noch … 🙂

05.12.2025

Auf der Nerdfrage hinter dem typographischen Fundstück dieser Woche kaue ich schon eine ganze Weile herum. Aber jetzt habe ich mich dann doch mal aufgerafft, sie zu beantworten.

Am Montag, dem 16. April 2012 um 04:02 Uhr hielt nach dem Umbau des Bahnhofs Berlin Ostkreuz zum ersten Mal eine S-Bahn am Gleis in der neu errichteten, 132 Meter langen und 15 Meter hohen Bahnhofshalle. Der Umbau des Bahnhofs startete im Jahr 2006 und auch nach Inbetriebnahme der Halle war er noch lange nicht abgeschlossen. Erst im Dezember 2018 wurden die Bauarbeiten nach 4703 Tagen und rund 500 Millionen Euro Baukosten (statt der ursprünglich veranschlagten 411 Millionen) vorläufig für abgeschlossen erklärt.

Ein markantes Kennzeichen des neuen, weithin sichtbaren Gebäudes, das ab 2011 errichtet wurde, ist der riesenhafte Schriftzug »OSTKREUZ« auf der markanten Glasfassade an der Westseite. Er wurde etwas über ein Jahr vor Ende der Fertigstellung der Halle angebracht.

Schon oft stand ich zusammen mit anderen Fahrgästen am Gleis direkt vor den großen Buchstaben und fragte mich, welche Schriftgröße (in Punkt!) sie wohl hätten. Das Gleisbett zu überqueren und ein Maßband anzulegen, wäre wohl keine sonderlich gute Idee gewesen. Daher musste mal wieder das Internet ran. Die Suche dauerte eine ganze Weile, aber dann fand ich tatsächlich eine Angabe dazu:

»Seit dem 6. Oktober 2017 prangt der Bahnhofsname, im Mittel 6,50 Meter hoch, über die ganze Länge der westlichen Glasfassade der Ringbahnhalle. Die Folien-Farbe heißt ›904 Silbersee metallic‹.«

Quelle: sbahn.berlin

Der Zusatz »im Mittel« bedeutet vermutlich, dass sich das Maß von 6,50 m Höhe auf jene Buchstaben bezieht, die oben und unten gerade abschließen (T, K, R, E, Z). Die gerundet abschließenden Buchstaben (O, S, U) dürften gemäß gängiger typographischer Gepflogenheiten etwas größer angelegt sein, um optisch gleich groß zu erscheinen.

Weil ich zu faul zum Rechnen war (ich geb’s zu), übertrug ich die Kalkulation der Punktgröße an ChatGPT und erhielt folgende Antwort:

Rechnung:

1 Punkt (pt) = 0,35278 mm

Mittlere Höhe der Buchstaben: 6,50 m = 6.500 mm

Umrechnung in Punkt:

ChatGPT lieferte sogar noch einen wichtigen Hinweis:
»In der Typografie bezieht sich die Punktgröße nicht auf die tatsächliche Versalhöhe (Höhe des Großbuchstabens), sondern auf die sog. ›Kegel­größe‹ – ein Fachausdruck aus dem früheren Schriftsatz mit physischen Drucklettern. Der echte Buchstabe ist also immer etwas kleiner als die Punktgröße. Wenn man aber Buchstabenhöhe und Punktgröße gleichsetzt (so wie hier), erhält man einen Wert von rund 18.400 Punkt

Dies bedeutet, dass der Schriftgrad in Punkt (pt) keineswegs ein verlässliches Maß dafür ist, welche Höhe in mm beispielsweise die Großbuchstaben einer bestimmten Schrift haben. Das kann man sehr anschaulich selbst in einem Textverarbeitungsprogramm wie Microsoft Word nachprüfen: Wechselt man dort bei einem Text die Schriftart und behält den eingestellten Schriftgrad bei, ändern die Buchstaben oft trotzdem ihre Größe. Das Verhältnis der Großbuchstaben zu den Kleinbuchstaben ist von Schrift zu Schrift ebenso variabel wie die Dimensionen und Proportionen der Ober- und Unterlängen bei b, p, g oder y. Der Schriftgrad liefert lediglich einen groben Anhaltspunkt dafür, wie groß eine Schrift ungefähr ist. Korrespondenz- und Lesetexte sind meist in einem Schriftgrad zwischen 9 und 12 pt angelegt, Fußnoten oder Bildunterschriften liegen gern zwischen 6 und 10 pt , Überschriften über Textabschnitten variieren bevorzugt zwischen 14 und 24 pt und große aufmerksamkeitsstarke Headlines oder Titelzeilen sind üblicherweise ab 36 pt aufwärts angelegt. Die Bewertung und Feinjustage, in welcher Größe welcher Text gut lesbar ist, seinen Zweck erfüllt und zudem auch gut aussieht, muss letztlich nach eigenem gestalterischem Empfinden erfolgen.

Ergänzend wollte ich daher natürlich gerne auch noch wissen, in welcher Schriftart die Mega-Lettern umgesetzt wurden. Theoretisch und anhand der ersten Anmutung der Buchstaben hätte es die »FF Transit«, die 1990 von Erik Spiekermann/MetaDesign gestaltete Unternehmensschrift der BVG, sein können. Aber nachdem ich die verwendeten Zeichen genauer inspiziert hatte, schied diese Vermutung aus. Besonders gut geeignet zur Bestimmung der Schriftart sind der Neigungswinkel der Zeichen bzw. der Winkel der Bogenabschlüsse des S, der spitze Winkel der Schenkel des K in Richtung des Stamms und das am oberen Ansatz geschwungene Bein des R. Ein besonders auffälliges Merkmal sind die unterschiedlich breiten Auf- bzw. Abstriche des U (auch im zweiten Foto oben erkennbar), denn alle anderen hier genutzten Buchstaben ließen eher vermuten, dass die Strichstärke bei dieser Schrift durchgängig gleich breit angelegt ist.

Das U war es dann auch, das mich auf die richtige Fährte brachte. Und: Am Bahnhof Ostkreuz halten zudem ausschließlich S-Bahnen und Züge des Regionalverkehrs, der Betrieb geschieht somit ohne U-Bahnen und größtenteils im Auftrag der Deutschen Bahn – die BVG ist an diesem Halt lediglich für den Buslinienbetrieb an den Haltestellen der Straßen vor dem Gebäude zuständig.

Die genutzte Schriftart ist die »DB Sans Condensed Black Italic«, ein Schnitt aus dem exklusiven Schriftsystem »DB Type« der Deutschen Bahn. Die Schrift wurde 2005 von Erik Spiekermann (s.o.) und Christian Schwartz entwickelt und begegnet Reisenden seither an nahezu jedem »Touchpoint« ihrer Reise an Bahnhöfen und in Zügen sowie auf allen Medienkanälen der DB.

Und nun konnte ich auch noch den letzten Aspekt meiner Frage ergründen. Ihr erinnert Euch an den obigen Hinweis von ChatGPT, dass die tatsächliche Höhe der Buchstaben von der verwendeten Schriftart abhängt? Da ich diese jetzt kannte, konnte ich nachmessen. Das E der »DB Sans Condensed Black Italic« hat – auf Basis der mir zugänglichen Quelle – bei einem Schriftgrad von 100 pt die spezifische Höhe von 25,649 mm. Sofern also das E auf der Fensterfront des Bahnhofs Ostkreuz tatsächlich 6,50 m (6.500 mm) hoch ist, passt mein 100-pt-E rund 253,4-mal übereinander dort hinein. Ich müsste also meinem E in der Schriftart »DB Sans Condensed Black Italic« einen Schriftgrad von rund 25.340 pt zuweisen, damit der Buchstabe eine Höhe von 6,50 m hat.

Falls ihr mich also beizeiten mal am westlichen S-Bahn-Gleis am Ostkreuz wartend stehen seht und ein wissendes Lächeln meine Lippen umspielt, dann wisst ihr ja jetzt, wieso.
😅 🔠 🤓 📏

Weiterführende Links zum Umbau des Bahnhofs:
➡️ Tagesspiegel vom 15.04.2012: »Premiere unterm Glasdach«
➡️ Tagesspiegel vom 08.12.2018: »Bauarbeiten am Ostkreuz beendet«

24.11.2025

Wieviel wiegt das Nichts? Mit dieser Frage beschäftigen sich Wissenschaftler*innen rund um die Welt schon seit geraumer Zeit. Sie erforschen dazu den bizarren Mikrokosmos der Quantenphysik ebenso wie die unvorstellbaren Dimensionen des für uns sichtbaren Universums. Komplexe Formeln werden diskutiert, kühne Theorien aufgestellt, Präzisionsexperimente in seismisch abgelegenen, hunderte Meter tiefen Schächten durchgeführt¹, es werden Nullpunktfluktuationen, die Lamb-Verschiebung der Spektrallinien von Atomen und die Casimir-Kraft gemessen² und allerlei mehr, was das Allgemeinwissen wohl der meisten Menschen übersteigt.

Vielleicht, aber nur vielleicht, ist ja das typographische Montagsbonbon dieser Woche – nun wieder ein fotografisches Mitbringsel aus Freiburg – ein viel einleuchtenderer, triftiger und für jede/n ganz leicht nachvollziehbarer Beweis dafür, dass Löcher (die ja prinzipiell aus Nichts bestehen und als sogenannte »Punzen« auch im Inneren vieler Buchstaben vorkommen) tatsächlich ganz schön schwer sein können.
😉 🔠 🤓

1 ➡️ Scientific American: »How Much Does ›Nothing‹ Weigh?«
2 ➡️ pro-physik.de: »Wie viel wiegt Nichts?«

(Schriftart: »Frutiger Bold«)

10.11.2025

Beim typographischen Montagsbonbon einen Tag vor Karnevalsbeginn geht’s heute mal nicht um Schriftbestimmungen oder tiefgründige Recherchen, sondern um freies Assoziieren. In der Freiburger Innenstadt stieß ich auf dem Rückweg von einem Restaurant zur Unterkunft auf diese Leuchtreklame an einem Schuhgeschäft. Ein bisschen tröstlich wirkt sie in der Tat, die knubbelig-tapsige Type, für die sich Herr oder Frau Trost (oder die beauftragten Gestalter*innen) an ihrer Geschäftsfassade entschieden haben.

Meine spontane Assoziation dazu waren allerdings zwei Gruppen von Comic- bzw. Zeichentrickfiguren. Mich erinnern die abgerundeten Zipfel an den Buchstaben wahlweise an die Mützen der Schlümpfe des belgischen Comiczeichners Pierre Culliford alias Peyo oder an die Puschen der Figuren der Sieben Zwerge aus dem Walt-Disney-Zeichentrickfilm »Schneewittchen«. Und immerhin hat zumindest die zweite Referenz etwas mit Schuhen zu tun. 🤓 🔠 🥾

Bild 01: Ausschnitt aus dem Foto eines Wandgemäldes in der Nähe des Brüsseler Hauptbahnhofs, das die belgische Fußballnationalmannschaft »Diables Rouges« (Rote Teufel) in Form von Schlümpfen darstellt. Foto: © .Anja., via Wikimedia Commons | CC BY-SA 4.0 | Abbildung zulässig aufgrund Art. XI.190 Belgian Code on Economic Law, Bildzitat gemäß § 51 UrhG.

Bild 02: Der linke Fuß des Zwergs »Dopey« (dt. »Seppl«). Bild: © The Walt Disney Сompany, Ausschnitt aus einem Bildmotiv auf der Website disneyclips.com, Abbildung/Nutzung zu nichtkommerziellen Zwecken gestattet, Bildzitat gemäß § 51 UrhG.

03.11.2025

Das typographische Bonbon zum Wochenanfang ist heute nichts für Vegetarier oder Veganer, passt aber nachträglich noch recht gut zum Thema »Halloween«. Gefunden habe ich es vor einer Metzgerei in Basel.

Was meine Aufmerksamkeit weckte, war nicht in erster Linie das Logo des Ladens. Es waren auch nicht die etwas grobschlächtigen 🤭 zweifarbigen und handgeschriebenen, kreativen Großbuchstaben. Es war … der nicht vorhandene Bindestrich.

(Zum Preis pro Liter kann ich leider keine Angaben machen.)
🤓 🔠🩸😱

24.10.2025

Als typographisches Fundstück möchte ich heute eine Wandmalerei mit einer Textzeile präsentieren, zu der ich zwar inhaltlich keinerlei Affinität habe und die zudem 1990/1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion quasi ihre Bedeutung verlor, die aber zum anderen, ungeachtet der ideologischen Parole, typographisch durchaus interessant ist.

Gefunden habe ich diese sehr verwitterte Textzeile bei einem Besuch des Klosters Jerichow in Sachsen-Anhalt und der dazugehörigen Gartenanlage, und zwar an der Rückseite eines der größeren Gebäudekomplexe. Gegründet wurde es im Jahr 1144, zwischen 1148 und 1250 entstanden auf dem heutigen Gelände die Stiftskirche sowie weitere Anbauten, Flügel und Verwaltungsgebäude.

Anfangs konnte ich den Text gar nicht entziffern, so sehr hatte der Zahn der Zeit bereits an ihm genagt. Die schemenhaften, kantigen Formen der Buchstaben ließen jedoch vermuten, dass die Bemalung keinesfalls so alt wie das Kloster sein konnte. Der vollständig entzifferte Text lautet »Ewige Freundschaft mit den Völkern der Sowjetunion!« und wurde somit während der Zeit des Bestehens der DDR auf die Wand aufgebracht. Ironischerweise bekräftigt die fortgeschrittene (ggf. sogar absichtliche) Abtragung der Farbschicht sehr anschaulich, dass eben nichts wirklich ewig währt, was man ja in diesem Fall auch durchaus positiv sehen kann. Aber warum steht die Parole ausgerechnet hier, auf der Rückseite eines Gebäudes, noch dazu eines Klosters? Ich habe darauf keine Antwort.

Zu Hause machte ich mich daran, den Schriftzug im Bild zu »restaurieren«. Zunächst suchte ich in Online-Schriftbibliotheken nach einer passenden Schrift, die ähnlich schmal proportionierte, rechteckige Zeichenformen aufweist, wie man sie an der Wand noch erahnen kann. Doch alle Font-Kandidaten wichen in maßgeblichen Details von der Vorlage ab. So begann ich, im Netz nach Fotos mit weiteren Beschriftungen aus der Region um das Kloster zu suchen – in der Hoffnung, dass solch eine Schrift noch andernorts auftaucht. Und tatsächlich fand ich ein historisches Emailleschild von einer Jerichower Schule mit einer bemerkenswert ähnlichen Type. Mit Hilfe der Buchstaben darauf baute ich dann die Textzeile auf der Wand annähernd nach. Im nachfolgenden Bild kann ihr Zustand vor und nach meiner Wiederherstellung per Klick/Mouseover verglichen werden.

Auch wie die Schrift auf dem Schild heißt, konnte ich bislang (noch) nicht herausfinden, vielleicht wurde sie auf Beschilderungen in der DDR häufiger verwendet. Sie ähnelt zwar einigen käuflichen Fonts, wie z.B. der »Spaceland Eight« von Oleh Lishchuk (Pepper Type, 2019), der »Corso Bold« von Dominik Krotscheck (2020) oder der »Marteau Bold« von Dennis Scherdt (Little Giant, 2018), aber alle sind wiederum zu neu, um als Vorlage gedient zu haben und ebenso stimmen wieder etliche charakteristische Details z.B. bei J, r, s, t oder y nicht überein. Auch hier freue ich mich also wieder über Leser*innen, die helfen können, Licht ins Dunkel zu bringen. 🤓 🔠 🔎

20.10.2025

Wohl jeder hat im Hinblick auf zeitgenössische Konsumgepflogenheiten und Produktlebenszyklen schon mal die Begriffe »Upcycling« und »geplante Obsoles­­zenz« gehört. Letzteres bezieht sich zwar meist auf technische Geräte und bezeichnet deren vorprogrammierten Verschleiß, aber auch in der Modewelt ist dieses Prinzip schon länger anzutreffen:

»Ein weiteres frühes Beispiel für eine künstliche Veralterung ist die hauchdünne und extrem reißfeste Feinstrumpfhose aus dem damaligen Wundergewebe Nylon. DuPont brachte im Jahre 1940 die ersten Nylonstrümpfe auf den Markt. Als schließlich jede Frau Nylonstrümpfe ihr eigen nennen durfte, brachen die Umsätze rapide ein. Daher mussten die Entwickler eine noch dünnere Strumpfhose mit begrenzter Haltbarkeit konzipieren.«

Quelle: BSZ (Bayerische Staatszeitung)

Es stellt sich ohnehin die Frage, ob nicht Mode an sich ein Konzept ist, das die vorzeitige »Entsorgung« an sich noch tadelloser Kleidungsstücke forciert – denn wer, der es sich leisten kann, läuft schon gerne in einem einst trendgerechten Outfit aus dem letzten oder vorletzten Jahr umher, das inzwischen als überholt oder unmodern gilt? Nicht ohne Grund türmen sich auf katastrophal schadstoffbelasteten Müllhalden rund um den Globus groteske Mengen aus Fabrikationsresten und zu Müll deklarierten Klamotten unserer mehr als fragwürdigen Fast-Fashion-Kultur.

Das typographische Montagsbonbon von heute belegt, dass es schon vor Jahrzehnten Gewerbetreibende gab, die sich zur Aufgabe gemacht hatten, die Lebenszeit von Kleidungsstücken zu verlängern und damit quasi »Upcycling« zu betreiben, noch ehe dieses Wort geboren wurde. Entdeckt habe ich es im November 2018 auf einer Städtereise nach Göttingen. Zur Gründung und dem geschäftlichen Schicksal des beworbenen Betriebes – von dem nur noch diese Beschilderung verblieben ist – konnte ich leider keine näheren Details ermitteln.

Das Schild ist definitiv von Hand gefertigt, was man aus seinem zu vermutenden Alter sowie den Abweichungen bei mehrfach vorkommenden Buchstaben schlussfolgern kann. Die oberen vier Zeilen mit dem Dienstleistungsangebot passen für mein Auge stimmig zu den letzten beiden Zeilen mit Name und Stockwerk des Ladenbesitzers. Wie so oft habe ich im Spektrum der aktuell käuflichen Schriften nach möglichst ähnlichen Vertretern gesucht. Meine Favoriten für die Schreibschrift sind die »Koozie Script« von Dathan Boardman und Conrad Garner (Good Gravy Type Co.) und die »Brillian Greek Condensed Light« von Dusko Joksimovic (Fontex). Bei der ersten sind z.B. das U, r und F ähnlicher, bei der zweiten das b und das e. Erste Wahl für die gebrochene Schrift unten ist die »Thannhaeuser Fraktur«, die bis auf das T ziemlich nah an die Vorlage herankommt (siehe unteres Bild). Insbesondere der Querbalken im M und das konkave rechte »Bein« des M sind hier besondere Formmerkmale.

Und während ich diesen Beitrag verfasse, bin ich noch einmal in den schönen und geschichtsträchtigen Städten Freiburg und Basel zu Gast und bin sicher, dass ich auch von dort wieder reichlich Motive zu meinem Herzensthema mitbringen werde. 🤓 🔠 🎩 👒

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