verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Kunst und Kultur (Seite 2 von 3)

In dieser Kategorie werden Schriftbeispiele gesammelt, die aus Theatern, Opernhäusern oder Museen stammen. Aber auch Beiträge mit Bezug zu Kultur- und Alltagsgeschichte sollen hier ihren Platz finden.

24.06.2026

Und immer noch liegen hier schöne Fundstücke aus Regensburg. Als typographisches Fundstück zwischendurch zeige ich heute einen hinreißenden Neonschriftzug an der Fassade eines alteingesessenen Kinos im Norden der Stadt, geknipst bei herrlichem Pfingstwetter.

Leider konnte ich selbst keine Aufnahme von der Leuchtreklame bei Nacht machen, aber auf der Website »FILM NEWS BAYERN« des FilmFernsehFonds Bayern findet sich ein Beitrag zur Geschichte dieses Lichtspielhauses und der Menschen hinter dessen Kulissen, der mit einem nächtlichen Foto der Kinofassade bebildert ist.

»Das Regina Filmtheater ist nicht nur in Regensburg bei Kinofans beliebt, sondern weit über die Grenzen hinaus, sogar deutschlandweit bekannt. Anfang der 1940er errichtet, diente das Gebäude zuerst als Getreidespeicher. Nach einem Umbau 1948 öffnete am 18. Februar 1949 ein Kino im Regensburger Norden erstmals seine Tore, in schickem Theaterambiente mit Garderobe und einem einzelnen Saal mit 600 Plätzen.«

Quelle: FILM NEWS BAYERN – »Neuer Glanz mit altem Charme«

An dem Schriftzug gefallen mir insbesondere die eleganten Schwünge am Beginn und Ende des Wortes und der formale Kontrast dieser weit gespannten Bögen zu den engen Sägezahnspitzen von i und n in der Mitte. Ich habe mal interessehalber die Gesamtform der Neonröhren um 180° gedreht und über das Original gelegt – und man sieht gleich, wie gekonnt die Kurven vorne und hinten aufeinander abgestimmt sind.

Ich finde, ganz unabhängig davon, welche Arthouse-Filme oder Blockbuster gerade im »Regina«-Kino laufen – das rote Kunstwerk über dem Eingang ist auf jeden Fall schon mal ganz großes Neon-Kino. 🤓 🔠 📽️ 🍿

22.06.2026

Es gab hier im Blog schon mehrmals Beiträge, in denen ich auf filmische Werke einging, bei denen Schriften auf Kulissen oder Requisiten historisch inkorrekt waren, weil die genutzten Schriftarten nachweislich erst – vom Zeitpunkt der inszenierten Handlung aus gesehen – in der Zukunft entstanden. So etwa in der Serie »The Queen‘s Gambit«, wo ein Schachturnier im Jahr 1966 mit einer Schrift beworben wurde, die erst vier Jahre später erscheinen sollte. Oder ein Werbespot der S-Bahn Berlin, in dem eine Zeitungsschlagzeile Kennedys Besuch in der geteilten Stadt ankündigte, in einer Schriftart, die es erst zwei Jahre nach der Präsidentenreise geben sollte.

Heute geht es erneut um eine typographische Anachronie – diesmal allerdings mit zwei Besonderheiten: Der betreffende Werbefilm wurde teilweise mit generativer K.I. erstellt, und die typographischen Unstimmigkeiten betreffen nicht nur die Vergangenheit, sondern reichen bis in die Gegenwart.

Ich bin mir natürlich bewusst, dass es »nur« um einen Werbespot geht, nicht um eine Dokumentation, die eher Anspruch auf größere historische Korrektheit erhebt. Und ich weiß auch, dass jedwede Nachempfindung, Inszenierung oder Rekonstruktion vergangener Zeiten – ihrer Kultur, Architektur, Werkzeuge oder Lebensweise – zwangsläufig eine Interpretation aus heutiger Sicht bleibt. Mal gibt es mehr, mal weniger Freiräume, teils aus Unkenntnis, Unwille oder Unvermögen, aufgrund künstlerischer Freiheit, aus Spaß oder aus Nachlässigkeit. Es ist klar, dass viele der Sandalenfilme wie »Kleopatra« (1963) technicolor-bunte Marzipan-Versionen der Historie sind, dass Elizabeth Taylor eine fiktiv ausgeschmückte Figur spielt. Als ich kürzlich das Biopic »Maria« (2024) mit Angelina Jolie sah, in welchem etliche Super-8-Filmaufnahmen der echten Callas mit Angelina Jolie täuschend echt nachgedreht wurden, nahm ich diese Szenen als »Nachbau« der Realität wahr und störte mich nicht daran. Und auch Inszenierungen mit größerem Anspruch an Detailtreue wie die Serie »Rome« (2005–2007) oder Doku-Reihen wie »Terra X: Ein Tag in …« (2016–2014) erlauben sich immer noch erhebliche Freiheiten bei Produktionsdesign und Handlung. Auch was auf Mittelaltermärkten oder bei Rollenspielen »historisch« aufbereitet oder nachgespielt wird, hat mit der Realität der Vergangenheit (die wir zwangsläufig nur aus zweiter Hand, durch Artefakte, Chroniken oder andere Berichte kennen können) oftmals nur zum Teil etwas gemein. Das Bild, das wir heute von vergangenen Epochen kennen, ist geprägt durch ein Gemenge aus Fiktion, Verklärung, wissentlicher oder unwissentlicher Verfälschung, Interpretation, mutmaßlicher Authentizität und fundierter Geschichtswissenschaft. Dementsprechend findet sich diese Mixtur auch im Datenbestand des Internets wieder und fließt somit auch unweigerlich in die Trainingsdaten generativer K.I.-Modelle ein.

Der Clip, den ich zuerst auf der Businessplattform LinkedIn entdeckte, stammt von der Telekom, soll im Berlin des Jahres 1924 spielen und trägt den Untertitel »Building the future of communication with AI«. Er soll hier lediglich zur Ansicht verlinkt werden, man sollte ihn auch ohne einen User-Account anschauen können. Alternativ ist das Video auch auf einer Website der Telekom aufrufbar.

Vermutlich mit Blick auf die internationalen Zielgruppen der Werbebotschaft ist die Tonspur des Videos komplett auf Englisch angelegt. Die Off-Stimme spricht Englisch und auch der digital reanimierte Albert Einstein wendet sich in seiner Ansprache aus dem ersten Berliner Radio-Funkhaus (»Vox-Haus«) auf Englisch an die (deutsche!) Bevölkerung und erläutert den Hörer*innen das Konzept seiner Relativitätstheorie. In den Kommentaren wird die englischsprachliche Umsetzung ebenfalls lebhaft kritisch diskutiert, aber ich verstehe die Beweggründe und möchte hier nicht zu weit über das Thema Typographie hinaus ausholen.

Nach etwa einer Minute des knapp 90-sekündigen Films tritt der Einstein-Avatar aus dem Gebäude heraus auf den Potsdamer Platz. Hier vollzieht sich dann ein dynamischer virtueller Kameraschwenk von der Vorderseite eines »historischen« Straßenschildes, welches in einer gebrochenen Schrift mit dem Namen des Platzes beschriftet ist, zu dessen Rückseite, wo sich derselbe Name in einer »modernen« Schrift befindet. Zeitgleich wechselt auch die Stadtkulisse aus dem Jahr 1924 in die Gegenwart. Und diese Szene war es, bei der ich stutzte, denn auf der Rückseitenbeschriftung des Schildes fehlt ganz klar ein zentrales visuelles »Key Asset« der bis heute gebräuchlichen realen Berliner Straßenschilder in den Schriften »Erbar Grotesk« (im verlinkten PDF auf Seite 7) bzw. »CST West«: Der Buchstabe z und die Ligatur tz sind in der Schriftart der realen aktuellen Berliner Straßenschilder mit Unterlängen bei der z-Glyphe angelegt, also als ʒ und ꜩ. Und dieses Charakteristikum wurde entweder von der K.I. – oder dem an dem Film beteiligten Team – weggelassen.

In einem Post aus dem Unternehmen zur Veröffentlichung des Videos heißt es: »A launch of this importance needed a film with the same care, weight, and humanity as the product behind it«. Zumindest ich als typographischer Erbsenzähler kam nicht umhin, bei dem Wort »care« eine Augenbraue zu heben.

Wie sieht es in puncto Authentizität bei der Vorderseite des Schildes aus? Auf den ersten Blick könnte man denken »Joar, 1924 war das, da haben die Leute ihre Straßenschilder damals wohl so beschriftet«. Doch auf den zweiten Blick stimmt wohl auch hier einiges nicht. Zwar findet man im Internet einige wenige Straßenschilder mit gebrochenen Schriften, aber ich konnte nur eine Variante ausfindig machen, die authentisch historisch ist, etwa bei einem Exponat aus der Sammlung des »Imperial War Museums« in Großbritannien sowie in einem Instagram-Post. Die Schrift darauf ähnelt am ehesten einer Type mit dem Namen »Wittenberger Fraktur« und unterscheidet sich deutlich von dem Schriftzug aus dem K.I.-Video. Hinzu kommt, dass sich im Internet weder ein historisches Berliner Straßenschild anderen Namens mit der Schriftart aus dem Video auffinden ließ, noch war die dafür genutzte Schriftart zu identifizieren. Sie hat zwar eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Schrift namens »Wilhelm Klingspor Gotisch«, aber meine Vermutung wäre, dass die K.I. diese gebrochene Schrift für das Video »erfunden« hat. Wer valide gegenteilige Erkenntnisse hat, kann sie mir gerne mitteilen.

Doch warum habe ich die gebrochene Schrift aus dem Museums-Schild als »fraglich« bewertet? Weil ich zum einen kein Schild auf historischen Fotos aus Berlin ausfindig machen konnte, das garantiert mit dieser Schrift im Handlungsjahr des Videos (1924) angebracht war. Und zum anderen, weil es sehr wohl historische Aufnahmen mit Straßenschildern aus dieser Zeit – und sogar vom Potsdamer Platz! – gibt, die ein ganz anderes Schriftbild nahelegen:

All diese Fotos legen nahe, dass die Straßenschilder am Potsdamer Platz des Jahres 1924 keineswegs in Fraktur, sondern in einer fast neuzeitlich anmutenden sog. »serifenbetonten Antiqua« gesetzt waren. Eine Schriftart, die der auf den dokumentierten Schildern recht nahe kommt, ist die »Bourgeois Slab« (Jonathan Barnbrook/Julián Moncada, 2019), die auf Schriften aus dem viktorianischen Zeitalter beruht und auf deren Basis ich eine ungefähre (und wahrscheinlichere) Rekonstruktion des damaligen Straßenschildes angefertigt habe.

Update: Nach der Veröffentlichung dieses Beitrags stieß ich tatsächlich noch auf ein auf das Jahr 1953 datiertes Foto eines Schildes vom Potsdamer Platz, das meiner Rekonstruktion ziemlich nahekommt und durchaus im Jahr 1924 bereits angebracht gewesen sein könnte.

Das Feld der Berliner Straßenschilder ist insgesamt ein kunterbuntes, historisch gewachsenes Potpourri. Es gibt »echte« historische Schilder (wie oben beschrieben), es entstanden nach der Deutschen Teilung »Ost-Versionen« und »West-Versionen«, es gibt als »historisch« beworbene Souvenir-Schilder in einer nochmals ganz anderen gebrochenen Schrift (»Alte Schwabacher«), die jedoch sehr wahrscheinlich so nirgends jemals im Straßenland hingen. Es gibt Schilder mit einer konstruktivistischen Schriftart, die theoretisch ab ca. 1930 (dem Entstehungsjahr der Schrift »City«) angebracht sein könnten, aber teilweise derart makellos und neu aussehen, dass auch dies fraglich erscheint – und es gibt vereinzelt zeitgenössische Schilder in z.T. weiteren gebrochenen Schriften mit weißer Schrift auf blauem Grund, die zur Erzeugung eines historisch wirkenden Straßenbildes angebracht wurden. Uff! 😅

Was es aber sehr wahrscheinlich nicht gab, sind die Schriftvarianten auf der Vorder- und Rückseite des Straßenschildes in dem gerenderten K.I.-Video.

Ich habe lange nachgedacht, warum dieses vermeintlich kleine Detail bei mir diesmal ein stärkeres »Störgefühl« auslöst als bei den anfangs erwähnten früheren Beiträgen zu nicht authentischen Schriftarten. Ich denke, es liegt speziell in der K.I.-Erzeugung des Videos begründet. Die wiederbelebte Figur Albert Einsteins wirkt verblüffend echt, sie sieht ihm zu 100% ähnlich, spricht mit seiner Stimme, die auf Basis von Tonaufnahmen rekonstruiert wurde, bewegt sich plausibel, sie suggeriert – obwohl es ganz klar ein Werbespot ist und als solcher gekennzeichnet wird – eine historische Authentizität, die unbewusst im Kopf des Betrachters auf den Rest des Videos, seiner weiteren virtuellen Darsteller, der Kulissen und Requisiten »abfärbt«. Weil Einstein so real wirkt, erscheint der gesamte Clip real. Und doch gibt es nachweislich Details, die nicht stimmen. So ist etwa auch die Darstellung des »VOX-Hauses« im Film, trotz einer gewissen Ähnlichkeit, freier interpretiert. Beim echten Gebäude befand sich der Schriftzug »VOX« unterhalb des Daches auf der Fassade. Im Film (Timecode 00:24) befindet er sich oberhalb der Fassade auf dem Dach. Die Beschriftungen »SCHALLundWELLE« und »Funk[-]Stunde« im Erdgeschoss des Hauses sind zwar im Video vorhanden, jedoch ebenfalls in komplett anderen Schriftarten. Auch die Fensterkreuze und weitere architektonische Details weichen vom Originalgebäude ab. Was sonst noch in dem Film an Details, etwa im gerenderten Stadtbild, an Fahrzeugen, bei Frisuren oder Kleidung der digitalen Statisten von der historischen Realität abweichen oder gar abwegig sein könnte, vermag ich mangels Fachwissen nicht zu sagen.

Es liegt – zumindest derzeit noch – im Wesen der K.I., dass sie alle noch so kleinen Details, die A) nicht explizit sowie nach sorgsamer vorheriger strukturierter Überlegung gepromptet und B) nicht nach ihrer Generierung von entsprechend fachkundigen Menschen geprüft und ggf. korrigiert werden, nach eigenem Ermessen (aka statischer Wahrscheinlichkeit auf Basis der verarbeiteten Trainingsdaten) »auffüllt«. Und so können Ergebnisse entstehen, die sowohl von weniger wesentlichen bis hin zu kritischen Aspekten inkorrekt, diffus oder unsicher (z.B. bei Vibe Coding) sind. Bezüglich K.I.-generierter Texte, die so klingen sollen, als habe sie ein Mensch verfasst, las ich kürzlich dazu dies:

»Man könnte von einer KI einen Text schreiben lassen, der […] menschenhaft klingt […]. Aber dann würde sich die Arbeit verlagern. Man müsste der KI sehr viele Informationen liefern, nicht nur über das Thema selbst, sondern auch über die Erlebnisse der vergangenen Wochen, Gespräche mit Freunden, eben alles, was zum Schreiben interessant sein könnte.

Und wenn man möchte, dass das Ergebnis nicht den immer gleichen Mustern folgt, müsste man auch das vorher programmieren. Je weniger Arbeit man sich macht, desto schlechter wird das Ergebnis.«

Quelle: MDR, Kolumne »Das Altpapier« vom 18. Juni 2026

Die Fragen, die sich daraus ergeben, sind vielschichtig: Nimmt uns die K.I. tatsächlich Aufwand und mühsame Arbeit verlässlich und zufriedenstellend ab? Oder weckt sie durch ihre implizite Funktionalität, alle Lücken in unseren eingegebenen Prompts und ggf. ohne Rückfragen »automatisch« zu füllen, in uns das trügerische Gefühl, Ergebnisse seien in gleicher Qualität und in wesentlich kürzerer Zeit als mittels menschlicher Arbeit und Denkleistung zu erzielen, obwohl uns die vermeintlich makellose Oberfläche der Resultate eigentlich zu mehr Nachlässigkeit und Schludrigkeit verführt? Müssten wir vor dem Einsatz von K.I. nicht häufig deutlich mehr Zeit in Recherche, Struktur und Vorbereitung investieren? Würde ein maximal detailliert ausgearbeitetes Prompting den vermeintlichen Zeitgewinn teilweise wieder aufheben? Und letztlich stellt sich die Frage, ob ein historisch vollkommen fehlerfreies KI-Video tatsächlich »besser« wäre – oder womöglich erst recht problematisch.

Es bleiben also nicht nur typographische Fragen offen, sondern auch solche nach Authentizität, Verhältnismäßigkeit und Vertrauen. Mich würde interessieren, wie Ihr diese Entwicklung bewertet. 🤓 🔠 🤖 🧠


Natürlich umfasst das weite Thema »K.I.« noch eine ganze Reihe weiterer diskussionswürdiger Aspekte. Das reicht von ethischen Fragen über den Umgang mit Copyrights und einer fairen Vergütung der kreativen menschlichen Arbeit, die in Trainingsdaten einfließt, beinhaltet die prekäre Arbeitssituation menschlicher Content Monitoring Worker, den monetären und politischen Einfluss der großen Tech-Konzerne, die fragwürdige und antidemokratische Attitüde bei deren Inhabern und anderen involvierten Akteuren, dem Einsatz von K.I. bei Militär- und Überwachungstechnik, dem monströsen Wasser-, Energie- und Ressourcenverbrauch* bis hin zu K.I.-Regulierung, der Kennzeichnungspflicht bei generativ erzeugtem Content usw. Ich habe diese Punkte aber hier bewusst weggelassen, da ich damit definitiv ein »zu großes Fass aufmachen« würde. Denn letztlich ist dies ein Typographie-Blog und das soll auch gerne so bleiben.

* Ich wüsste darüber hinaus tatsächlich gerne einmal, wie der ökologische Fußabdruck der K.I.-gestützten Erstellung eines sochen 90-sekündigen Videos im Vergleich zu einer herkömmlichen, K.I.-freien analog-/digitalen Produktion eines gleichartigen Clips aussehen würde – inklusive Casting, Produktionsteam, digitalem/analogen Kulissenbau, Kostümen, Requisiten, Dreh, Catering, Postproduktion, Reisekosten, Arbeitslöhnen usw. Wer dazu Informationen hat, möge sie gerne teilen.

02.06.2026

Aus aktuellem Anlass zwischendurch noch ein Extra-Fundstück aus Hamburg. Das Thema »Pro & Contra Olympische Spiele« bewegte während der letzten Monate in Hamburg die Gemüter. Die ganze Stadt war geradezu zuplakatiert mit Pro- und Contra-Plakatmotiven, Promi-Testimonials sowie Botschaften einzelner Parteien und Initiativen zu diesem Thema.

Auch typographisch wurde die Debatte geführt – wie ich fand, auf einer erfrischend originellen Ebene:

Am vergangenen Sonntag hat Hamburg nun abgestimmt und die Bürger haben sich entschieden.

»Für die Gegner der Olympia-Bewerbung war es ein unerwartet deutlicher Erfolg. Um 20:31 Uhr war die Auszählung abgeschlossen. 54,9 Prozent (357.911) der teilnehmenden Wahlberechtigten stimmten gegen eine Kandidatur Hamburgs für die Olympischen Spiele – 45,1 Prozent (293.819) stimmten dafür. Insgesamt nahmen 651.730 Hamburgerinnen und Hamburger an der Abstimmung teil. Die Wahlbeteiligung lag bei 49,6 Prozent.«

Quelle: ndr.de

Mögen die Befürworter ihre Niederlage sportlich nehmen! 🤓 🔠 🥈

20.05.2026

Zwischendurch springen wir heute zur Abwechslung nach Hamburg. Nach einem dienstlichen Termin in der Nähe des Hamburger Fischmarkts nutzte ich vor einigen Tagen die Gelegenheit, den Weg von dort aus zu meinem nächsten Anlaufpunkt durch mir unbekannte Straßen und Stadtviertel zu Fuß zurückzulegen. Und wie zu erwarten, sprangen mir auf den rund 3 Kilometern Wegstrecke gleich wieder reichlich neue typographische Fundstücke vor die Kameralinse.

Das erste war ein aus Kunststoff ausgeschnittenes, rundes Emblem, das in etwa 2 m Höhe an einem Brückenpfeiler angebracht war. Ich fand sowohl die Botschaft als auch die Umsetzung sehr ansprechend, weshalb ich das schon etwas ramponierte Objekt im unteren Bild digital noch einmal rekonstruiert habe.

Die Aufteilung des Wortes in vier einzelne Buchstaben auf einer geviertelten Fläche erinnerte mich ein wenig an das berühmte – ebenfalls typographische – Werk »LOVE« des Pop-Art-Künstlers Robert Indiana aus dem Jahr 1964.

Der/die Hamburger Künstler*in ist leider unbekannt und das Exponat hängt auch nicht in einem Museum. Doch manchmal findet man auch in einer Guerilla-Freiluftgalerie wie dieser durchaus sehenswerte Werke, finde ich. 🤓 🔠 💟


Update, 21.05.2026: Ein Leser wies mich darauf hin, dass das gleiche Motiv – wenngleich in anderer Farbigkeit – unter den Stickreferenzen eines Textilveredelungsunternehmens aus Kassel auftaucht. Die schwarzweiße Motivumsetzung, die mittels reverser Bildersuche ausfindig zu machen ist, trägt den Dateinamen crowns-for-street.png. Als ich dann wiederum nach »Crowns for Street« suchte, gelangte ich zum Instagram-Profil eines unter diesem Pseudonym hauptsächlich in Kassel tätigen Streetart-Künstlers. Sein rundes »Love-Logo« findet sich dort in allerlei Größen und Varianten wieder und ist im Straßenland der hessischen Großstadt ebenfalls in ähnlicher Größe und Platzierung wie das Exemplar in Hamburg anzutreffen. Nun kennen wir den Künstler! 🙂

»Geht man den Fußgängerweg an der Frankfurter Straße ein Stück entlang, sieht man von dort aus an der Seite der Brücke ein hellgraues Love-Logo von Crowns For Street. Mit diesem runden Markenzeichen, das der Kasseler Streetart-Künstler wie eine Art Schild zumeist an höher gelegenen Stellen anbringt, verbreitet er seine einfache, aber manchmal schwer in die Tat umzusetzende Botschaft: ›Love is the answer!‹ Neben den rund 50 Zentimeter großen Varianten begegnet man an den Laternen oder Wänden im Stadtraum auch immer wieder Abwandlungen dieses Logos, beispielsweise in Form der angekleb-
ten Kronkorken, die den ›Love‹-Schriftzug hinter einer Schicht von
Epoxidharz enthalten.«

Quelle: »Spaziergangsführer STREET-ART TO GO – Unterwegs zur Kunst in Kassels Straßen« (PDF) – via cdw-stiftung.de

18.05.2026

Als typographisches Montagsbonbon heute mal wieder ein Fundstück aus Trier. Auf dem Fußweg zum und vom Hauptbahnhof kam ich öfter an dem eingezäunten Grundstück des »Bischöflichen Generalvikariats Bistum Trier« vorbei. Schon bei meinen letzten Besuchen fiel mir durch die Gitterstäbe des Zaunes ein mannshohes eisernes A auf, das auf dem Innenhof zur Straße hin installiert war. Es ist von einer Rostschicht überzogen und wurde offensichtlich aus vielen kleinen eisernen Fragmenten, Platten, gestanzten Kleinteilen und Röhren zusammengefügt. Auf einigen der Einzelteile finden sich »aufgelötete« Signaturen mit Namen und Datumsangaben, z.B. »Medard Schule« oder »Pierre Fourier 10d Aug«. Es scheint also, als sei das Objekt eine kollaborative Arbeit, an der auch Bildungseinrichtungen und/oder Schüler beteiligt waren.

Erst jetzt aber, beim wiederholten Passieren des Areals, bemerkte ich eine Schrifttafel, die außen am Zaun angebracht war und nähere Details zu der Buchstabenskulptur offenbart. Augenscheinlich handelt es sich um eine dreidimensionale Umsetzung des Logos der sozialen Aktion »AKTION ARBEIT im Bistum Trier«:

Ich weiß nicht, ob die Aktion – über das sicherlich interessante Erlebnis der gemeinsamen handwerklichen Arbeit an der Skulptur hinaus – etwas bewirkt hat. Aber auch abseits seines kirchlichen Kontexts und der Intention dahinter ist das große A auf jeden Fall ein interessantes Monument. 🤓 🔠 🅰️

15.05.2026

Das heutige Thema des Fundstück-Potpourris aus Barcelona lautet »Embleme an Hauseingängen«. Davon habe ich diesmal vier schöne Exemplare von meiner Kurzreise mitgebracht – zwei mit Buchstaben und zwei mit Jahreszahlen.

Bei meiner Fotosafari durch die Straßen der Stadt kam ich nicht umhin, die zahllosen, im Jugendstil erbauten oder mit dekorativen Elementen dieser Epoche geschmückten Gebäude zu bemerken. Barcelona ist ein prachtvolles Sammelbecken dieser Architektur: Über 2.000 Gebäude, so heißt es, wurden in der Zeit zwischen etwa 1880 und 1930 im Stil des katalanischen »Modernisme« in der Stadt erbaut und sind zu großen Teilen bis heute erhalten geblieben. Durch Abriss der alten Stadtmauer bekam Barcelona damals die Möglichkeit, sich großzügig auszudehnen. Der parallel wachsende Reichtum durch Industrie und Kapital führte zu einer wohlhabenden Bürgerschicht, wohingegen im Rest Spaniens eine Depression herrschte. Dieser neue Wohlstand beflügelte den Nationalstolz der Katalanen, sodass der Jugendstil hier eine eigene politische Ebene beinhaltete, die von Aufbruch, Erneuerung und Selbstbestimmung geprägt war.

»Die Architekten des Modernismus entwerfen ihre Gebäude ›komplett‹: Alle Räume, Farben, Dekorationen, Rahmen, Stühle, Fußboden und Gardinen werden bis ins letzte Detail geplant. Inspirieren lassen sie sich dabei von der Kunst des Orients und von der Natur selbst: weiche Linien, Kurven, geometrische Formen und ein buntes Farbenspektrum dominieren in allen modernistischen Werken Barcelonas. Unter den Motiven findet man exotische Pflanzenranken, Blüten und Palmen. Im Gegensatz zu den geraden Linen und Formen des Neoklassizismus ist der katalanische Modernismus frech und verspielt.«

Quelle: freibeuter-reisen.org – »Auf den Spuren des katalanischen Modernisme«

Und so stammen auch meine hier gezeigten Fundstücke aus dieser Zeit.

Das erste Emblem ist aus Metall gefertigt und in ein mit geometrischen und pflanzlichen Ornamenten verziertes Türgitter eingebettet. Es zeigt die mit Goldbronze bemalten Initialen »AM«, die mit Jugendstil-Buchstaben gestaltet und übereinandergelegt zu einer Art Monogramm arrangiert sind.

Das zweite Emblem fällt garantiert in die Blütezeit des Modernisme, wie die Jahreszahl 1893 beweist. Interessant fand ich hier die diagonal gestürzte Anordnung, die in Verbindung mit den Verzierungen der Ziffern dem Gesamtgebilde eine fast abstrakt-ornamentale Anmutung verleiht.

Fünf Jahre später wurde dann wohl dieses Emblem angebracht – erneut von floralen Ornamenten umgeben. Schlicht, aber schön, wenngleich gekrönt von neuzeitlichem Kabelsalat.

Zum Schluss folgt noch ein Gesamtkunstwerk in Form des prachtvollen Portals des »Centro Aragonés de Barcelona«, eines 1909 gegründeten aragonesischen Kulturvereins, der sowohl eine 14.000 Bände umfassende Bibliothek beherbergt als auch ganzjährig Konzerte, Ausstellungen, Handwerksmärkte, Lesungen, Theateraufführungen und Workshops veranstaltet und u.a. für die aragonesische Community in der Stadt eine Anlaufstelle darstellt.

Typographisch interessant fand ich sowohl den bogenförmigen Schriftzug über dem Eingang als auch das »CA«-Monogramm in dem roten Gittertor. Beides würde ich gleichfalls dem Modernisme zuordnen, nicht nur aufgrund des o.g. Gründungsdatums des Vereins, sondern bei der Inschrift z.B. auch aufgrund der deutlich nach unten (beim A und R) bzw. nach oben (beim E) versetzten Mittelachse der Buchstaben. Bei dem Emblem deuten die geschweiften Enden der Bögen, Winkel und Stämme der Buchstaben darauf hin. Bemerkenswert sind auch die eckigen »Spiralen« im Kapitell am Kopf der Säulen links und rechts des Eingangs.

Ich zumindest kam beim Herumstromern mal wieder aus dem Staunen nicht heraus – und die heutigen Bildbeispiele zeigen aus meiner Sicht sehr schön, wie eng Typographie, Kunst und Architektur in manchen Epochen oder Regionen miteinander verbunden sein können. 🤓 🔠 ⚜️

03.04.2026

Bei einem meiner ersten längeren Streifzüge durch die Wohn- und Geschäftsstraße Godthåbsvej im Kopenhagener Stadtteil Frederiksberg fiel mir schon von weitem dieses hochformatige Neonschild mit dem Schriftzug ROXY ins Auge – das typographische Fundstück dieser Woche.

Ich wusste sofort, dass sich dieser Schriftzug an einem ehemaligen oder weiterbetriebenen Kino befindet, denn gefühlt in fast jeder größeren Stadt gab es bis in die 1970er-Jahre hinein ein Lichtspielhaus namens ROXY. Ich fragte mich, wieso dieser Name für Kinos über viele Jahrzehnte derart populär war. Und das Internet wusste wie immer die Antwort darauf:

»›Roxy‹ war der Spitzname von Samuel L. Rothafel. Er wurde 1882 als Kind deutsch-jüdischer Auswanderer in Minnesota/USA geboren. Sein ursprünglicher Name war Samuel Rothapfel. Den Spitznamen ›Roxy‹ soll schon der Vater getragen haben, er erinnert an englisch ›rock, rocks = Fels, Felsen‹.

Sein erstes Kino eröffnete Roxy 1908 im umgebauten Tanzsaal einer Bierhalle in Forest City in Pennsylvania. […] In den nächsten Jahren wurde er zu einem der erfolgreichsten Kinoleiter der USA – ohne jedoch Kinoeigentümer zu sein.

Im März 1927 wurde dann das ROXY in New York eröffnet. Mit 5920 Plätzen war es zu diesem Zeitpunkt das größte Kino der Welt.

[…]

Der Ruf dieses Filmtheaters ging um die ganze Welt und führte zu Gründung von Kinos namens ROXY weltweit. ROXY wurde zum Synonym für Filmpalast. Der Name des Unternehmens war nicht geschützt und Roxy hatte wohl selber auch kein Interesse daran, finanzielle Vorteile daraus zu ziehen. Für ihn waren Ruhm und Ruf wichtiger. Das führt dazu, dass der 1936 verstorbene Filmpalastmanager heute noch unvergessen ist, auch wenn sein ROXY in New York 1960 abgerissen wurde.«

(Der komplette Artikel ist ebenfalls durchaus lesenswert.)

Quelle: Regionale Kinogeschichte

Das Kopenhagener ROXY wurde Weihnachten 1928, am 26. Dezember, eröffnet und war das erste Kino in Dänemark, welches Tonfilme zeigte. Der erste aufgeführte Film im Programm war der Film »Fazil« (deutscher Titel »Hinter Haremsmauern«, dänisch »Marokkaneren« [»Der Marokkaner«]) unter der Regie von Howard Hawks. Dieses Werk stellt einen der ersten Filme aus der Übergangszeit zwischen Stumm- und Tonfilm dar. Es wurde an die Kinos mit einer auf Lichttonspur (»Movietone«) gespeicherten, synchronen Begleitmusik ausgeliefert. Außerdem enthielt die Tonspur Geräuscheffekte und eine gesungene Aufnahme des Titelliedes.

Die heute noch am Gebäude installierte Leuchtreklame befand sich allerdings nicht von Anfang an der Fassade. Im Sommer des Jahres 1934 wurde das ROXY für fast zwei Monate geschlossen und umfassend umgebaut. Erst seitdem gibt es das riesige vertikale Banner mit roten Buchstaben und gelber Beleuchtung auf schwarzem, später weißem Grund, das sich vom ersten bis zum dritten Stock erstreckt. Es gibt zu dem Kino einen interessanten ausführlichen Artikel in dänischer Sprache, der mit Hilfe eines Online-Übersetzungstools sehr angenehm auch auf Deutsch lesbar ist.

Von den Buchstaben des Schildes ist das R eindeutig der markanteste. Mit seinem ausladenden »Kopf« und dem kurzen, geschwungenen Bein repräsentiert es perfekt beliebte Schriften aus den 1920er- bis 1940er-Jahren, in denen noch Formelemente des Art Deco anklingen. Ein schönes Beispiel für eine nah verwandte kommerzielle Schriftart ist die »Pinkhoff« des niederländischen Designers Léon Hulst (TypeFaith Fonts, 2020) die von dieser Epoche inspiriert wurde.

Am Dienstag, den 30. November 1976 erloschen die Filmprojektoren im ROXY Kopenhagen für immer. Im Jahr 1978 übernahm dann ein Supermarkt der Kette »NH« den alten Kinosaal mit seinem Foyer sowie den angrenzenden Geschäftsräumen, »adoptierte« den legendären Namen des Kinos für sein Ladengeschäft und brachte entsprechende Werbeschilder über den Schaufenstern an. Einige der Ausgänge wurden zugemauert, der Balkon diente fortan als Abstellraum, manche Räume blieben gänzlich ungenutzt und der hintere Teil des Kinosaals wurde abgerissen. Auf einer Bildarchiv-Website der Kommune Kopenhagen ist ein Foto dieses Supermarkts aus dem Jahr 1980 erhalten geblieben.

1996 bezog die auch in Deutschland bekannte, gelb-schwarz »gebrandete« Discounter-Kette NETTO die Ladenflächen. Die ROXY-Beschriftungen im Erdgeschoss wurden abmontiert, nicht aber das große Banner an der Fassade. Bis heute erinnert es an die Glanzzeiten eines klassischen Filmtheaters und – so ist zumindest im Netz zu sehen – leuchtet abends nach wie vor in die Dunkelheit.
🤓 🔠 🎞️

27.03.2026

Kommen wir nun zum ersten »richtigen« Fundstück aus Kopenhagen. Am zweiten Tag meines Aufenthalts besuchte ich in der mittelalterlichen Kirche im Stadtteil Brønshøj (Außenansicht des Turmes: siehe letztes Foto am Ende des Beitrags) ein wunderbares klassisches Konzert mit Musik, gespielt auf dem Urahn des Klaviers, einem Clavichord. Direkt hinter dem Bühnenpodest mit dem Instrument und dem auftretenden Künstler hatte ich freien Blick auf den prunkvollen Altar der Kirche und dort fielen mir insbesondere die derart üppig verzierten Initialen auf den beiden unteren Texttafeln auf. Die Ranken und Schlaufen sind derart filigran und überbordend, dass für die meisten Betrachter*innen nur aus dem Text selbst ersichtlich wird, um welche Buchstaben es sich überhaupt handelt.

Die Brønshøj-Kirche ist seit der Eingemeindung der Pfarrei in die Stadt Kopenhagen im Jahr 1901 tatsächlich das älteste noch genutzte Gebäude Kopenhagens. Sie wurde in den 1180er-Jahren von Bischof Absalon im romanischen Stil aus Kalksteinblöcken von der dänischen Halbinsel Stevns erbaut. Der Turm im gotischen Stil wurde um 1450 hinzugefügt und besteht aus rotem Backstein.

Während der schwedischen Besatzung im Jahr 1658 wurde das Kircheninnere geräumt und vermutlich als Waffenlager genutzt. Zwar überstand die Kirche die Kriege, von der Innenausstattung jedoch blieben nur das Altarbild und das Taufbecken erhalten. Letzteres ist vermutlich so alt wie die Kirche selbst.

Das große, sogenannte Katechismus-Altarbild mit den goldenen Bibeltexten stammt aus dem Jahr 1587, der vergoldete Zieraufsatz mit dem Monogramm von Christian V. ist etwa 100 Jahre jünger und wurde im Jahr 1679 angebracht. Nach der Reformation ersetzte man in Dänemark die früheren Altar-Tafelbilder aus der katholischen Zeit oftmals durch Texttafeln mit Bibelzitaten. Der von Hand gestaltete Text auf diesem Altar zitiert die Einsetzungsworte des Abendmahls, in den oberen Feldern auf Lateinisch (𝐴𝑁𝑇𝐼𝑄𝑈𝐴) und in den unteren auf Dänisch (𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯). In der barocken Niederschrift finden sich einige Besonderheiten bei der Schreibweise. So ist etwa an zwei Stellen ein doppeltes M/m mit einem leicht nach links versetzten, waagerechten Strich über einem einfachen M/m notiert und »DEDITQUE« wurde im lateinischen Text zu »DEDITQ« verkürzt:

»DOMINVS NOSTER IESVS CHRISTVS IN EA NOCTE QVA TRADITVS EST, ACCEPIT PANEM, ET CVM GRATIAS EGISSET FREGIT DEDITQ[UE] DISCIPVLIS SVIS, DICENS: ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORPVS MEVM, QVOD PRO VOBIS DATVR HOC FACITE IN MEI COM[M]EMORATIONEM«

»Vor Herre Jesus Christus, i den Nat Der Hand bleff forraad, Tog Hand Brødet, takede oc brød det, Gaff sine discipler oc sagde, Tager Dette hen oc æderit, det er mit Legem, som Giffuis for Eder, Det giører, I min Hukom[m]else.«

»Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.«

Im rechten unteren Tafelbild setzt sich der dänische Text fort mit den Worten »Lige saa tog hand og Kalken efter Aftens-Maaltid …« (»Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl …«). Somit ist klar, dass die beiden Initialen ein V (links) und ein L (rechts) darstellen.

Und somit durfte ich an diesem Abend nicht nur zartklingende Alte Musik geießen, sondern hatte auch wieder einen spannenden Anlass, einem historischen Schrift-Fundstück hinterherzurecherchieren und einiges dabei über meinen Urlaubsort zu lernen. 🤓 🔠 🇩🇰

02.03.2026

Mit dem heutigen Montagsbonbon möchte ich ein bisschen dem Eindruck entgegenwirken, bei den Fundstücken ginge es vorrangig um das Äußere, nur um Schriftarten, Schriftschnitte, Schriftgrößen, aber nicht darum, was geschrieben steht. Oft begegne ich auch Inschriften oder Botschaften, die mich zuallererst inhaltlich ansprechen oder inspirieren und erst auf den zweiten Blick beschäftige ich mich dann mit deren Typographie oder Gestaltung.

So war es auch bei diesem Gedenkstein, den ich im Herbst 2023 am Ortsrand von Arzberg auf einer Wandertour während eines Kurzurlaubs im Fichtelgebirge fotografierte. Auf der schlichten dreieckigen Stele, entworfen vom Ausbilder und Denkmalgestalter Willi Seiler, erinnert ein Zitat an den deutschen Philosophen Jakob Böhme (1575–1624), der auch mir bis dahin kein Begriff war. Der zitierte Text aber berührte mich und ich nahm ihn als nachhallenden Denkanstoß mit, der mich seither begleitet.

TU DEINE AUGEN AUF UND GEHE ZU EINEM BAUM
SIEH IHN AN UND BESINNE DICH

Ungeachtet der Tatsache, dass Jakob Böhme auch als christlicher Theosoph tätig war und ich selbst mich nicht als religiös oder gläubig bezeichnen würde, lese ich in diesen Worten eine Botschaft, die jenseits von Gottesbildern oder Schöpfungsglauben nach wie vor Relevanz und Aktualität besitzt. Die knappste Ressource, die wir haben, ist unsere Zeit. Arbeitszeit, Lebenszeit, Freizeit, Bedenkzeit, Reaktionszeit – der immer schneller getaktete und mittlerweile zudem von K.I. beschleunigte Alltag fordert von uns permanent Einsatz, Beschäftigung, Zuwendung und Aufmerksamkeit. Da ist es kein Wunder, dass psychische Erkrankungen wie Burnout oder Erschöpfungsdepression stetig zunehmen. Wir haben kaum noch Zeit, den Blick zu heben, die Augen aufzutun, innezuhalten, uns zu besinnen und uns die Frage zu stellen, wo wir gerade stehen, was wir permanent zu leisten und zu bewältigen haben, was uns dadurch abhandenkommt, ob uns Druck und Stress womöglich schaden und wie bzw. womit wir für Regeneration, Reflexion und körperlichen sowie seelischen Selbstschutz Sorge tragen können.

Mir hat es schon immer geholfen, zum Nachdenken, Atem holen, Ausspannen und Entschleunigen in die Natur zu gehen. In den Wald, zu einem Baum, auf einen Berggipfel, an einen Bach oder See – manchmal genügen auch schon ein paar Stunden Gartenarbeit. Am besten alleine oder maximal zu zweit, dann bevorzugt in sehr vertrauter Begleitung. Das macht räumlichen und situativen Abstand zum Alltag möglich, lässt Stille zu – sowohl akustisch als auch gedanklich – und bietet Gelegenheit, wieder zur Ruhe zu kommen. In einer Zeit, die vor lauter Aktivität, Krisen, Werbung, Automatisierung, Verkehr, Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten und Gefühlswallungen immer lärmender und ungestümer zu werden scheint, halte ich das für wichtiger denn je.

Genau deshalb gefällt mir auch die ruhige und kontemplative Typographie des Monuments. Nur eine einzige Schriftart, wohlproportionierte Versalien in einer klassischen handschriftlichen Antiqua, keine Satzzeichen, warmes, organisches Braun auf »Reinersreuther Granit«. Ich vermute, bei der Schrift handelt es sich um eine, die exklusiv Steinmetzbetrieben zugänglich ist. Denn obwohl etliche, auf den ersten Blick sehr ähnliche Schriften käuflich angeboten werden, konnte ich keine finden, die hundertprozentig mit der Inschrift übereinstimmt. Und zu weit wollte ich die Suche dann auch nicht treiben – denn auch beim inspirierenden Fall in typographische »Rabbit Holes« bleibt Zeit eine wertvolle Ressource. 😉 🤓 🔠 🌳

23.02.2026

Ich weiß nicht, wie viele Leser*innen sich hier einfinden, die in der Schule noch Gedichte auswendig lernen mussten. Ich erinnere mich zumindest noch an Schillers »Bürgschaft« mit dem »Dolch im Gewande« und an Adalbert von Chamissos »Riesenspielzeug«. Bei anderen, gern aufgetragenen Werken, wie »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« oder auch (noch mal Schiller) »Die Glocke« (s.u.), ging der Lernkelch an mir vorüber. Und so lernte ich auch erst bei der Recherche zum heutigen typographischen Montagsbonbon, dass das in Stein verewigte Zitat am Hauseingang des Teltower Damm 20 in Steglitz, welches ich heute zeige, ebenfalls aus der »Glocke« stammt.

Entdeckt habe ich das Objekt an einem Wohn- und Geschäftshaus, das online verfügbaren Quellen zufolge in den Jahren 1908/1909 von der Architektensozietät Bastian & Kabelitz geplant wurde und dessen verzierte Fassade es dem Baustil des Historismus und dort insbesondere dem »Neobarock« zuordnet. Die Schrift zeigt typische Stilelemente der Bauzeit, auch des Jugendstils, wie z.B. die schneckenartigen Einrollungen im S, die organisch gerundeten Konturen der Buchstaben (E, G) oder das gebogene Bein des R. Einen entfernten Verwandten der Schriftart auf der Tafel sähe ich z.B. in der auch heute noch gern genutzten »Hobo« (Morris Fuller Benton für American Type Founders, 1910).

ARBEITISTDES
BÜRGERSZIRDE
SEGENISTDER
MÜHEPREIS.

Typographisch interessant sind bei dem Relief aus meiner Sicht zudem fünf weitere Details: Zum einen das nahezu völlige Fehlen von Leerzeichen zwischen den Wörtern. Mit einer etwas kleineren Schrift oder einem schmaleren Rahmen um das Textfeld wäre dafür ja durchaus Platz vorhanden. Es muss also eine bewusste Entscheidung gewesen sein. Auch auf Interpunktion innerhalb des Textes hat die künstlerisch verantwortliche Person verzichtet, lediglich am Ende wurde ein Punkt gesetzt. Die dritte Besonderheit sind die sehr dezenten Miniatur-Ü-Punkte, die in den Wörtern »BÜRGERS« und »MÜHE« regelrecht im U »versenkt« wurden. Hier mag tatsächlich der Grund gewesen sein, in der Höhe Platz zu sparen, um die Zeilen möglichst eng setzen zu können.

Am spannendsten finde ich aber, dass das Wort »ZIRDE« ohne E geschrieben wurde und dass das N in »SEGEN« spiegelverkehrt dargestellt ist. Zum ersten Detail wollte ich prüfen, wie die Schreibweise in der Urfassung des Gedichtes vorliegt.

»Zwar ist die Niederschrift des Gedichtes nicht überliefert, im Erstdruck erschienen ist es 1799 im Musen-Almanach für das Jahr 1800, den Schiller selbst herausgab.«

Quelle: Staatsbibliothek Berlin (PDF)

Es gibt tatsächlich Scans dieses Druckes und dort ist zu sehen, dass der Dichter höchstselbst »Zierde« mit »ie« drucken ließ. Wurde das E also ebenfalls aus Platznot weggelassen? Es bleibt rätselhaft.

Ebenso mysteriös ist das spiegelverkehrte N. Eigentlich ist dies ein Fehler (wenn es denn einer ist und nicht Absicht), der nur passieren kann, wenn ein Schild aus einzelnen dreidimensionalen Buchstaben angefertigt wird und einer davon versehentlich mit falscher Orientierung appliziert wird, wie es hier im Blog schon bei Fundstücken mit gedrehten oder spiegelverkehrten Lettern vorkam. Ein Flüchtigkeitsfehler kann es bei einem gemeißelten Relief, das etliche Arbeitsstunden erfordert, kaum sein. Und auch bei einem gegossenen Werkstück hätte der Irrtum auffallen müssen, da als Vorlage für Form und Abguss meist ein Urmodell steht, welches ebenfalls seitenrichtig vorliegt. Auch hier bleibt die Ursache dieser Besonderheit also im Dunkeln.

Ich gebe mich also heute gerne wieder damit zufrieden, viel Neues gelernt zu haben (u. a. vier Zeilen aus der »Glocke«), ohne den Geheimnissen des Fundstücks komplett auf die Spur kommen zu können. Aber manchmal sind es ja gerade die ungelösten Rätsel, die etwas erst interessant machen … 🤓 🔠 🏛️

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Das Typographische Fundstück
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