Ladenbeschriftung, Schaufenster, Fassadenwerbung, Leuchtreklame, Werbetechnik – hier findet sich alles, was Gewerbetreibende rund um Gebäude oder Ort ihres eigenen Betriebs an (potenzielle) Kunden richten.
Ich versuche meistens, meine typographischen Fundstücke so zu sortieren, dass die sogenannten »Montagsbonbons« eher Motive zeigen, zu denen es entweder nicht sonderlich viel zu erzählen gibt – entweder, weil sich dazu trotz emsiger Recherchen keine weiteren Fakten ausgraben lassen oder weil nur wenige Erläuterungen vonnöten sind, da die Bilder für sich selbst sprechen. Das heutige Motiv – geknipst an der Haupt-Durchfahrtsstraße im Ort Schönhausen/Elbe in Sachsen-Anhalt auf dem Weg nach Stendal – gehört ein bisschen zu beiden Kategorien. Außer dem Namen des Betriebes und der Tatsache, dass sich dort anscheinend auch heute noch eine aktiv tätige Tischlerwerkstatt befindet, waren im Netz keine weiteren Details zu finden.
Fotografiert habe ich die Beschriftung, weil ich es immer wieder faszinierend finde, wie gekonnt es manche professionellen Schildermaler schaffen, den Duktus kalligrafischer Schriften, die normalerweise von Hand mit einer Breitfeder (und in wesentlich kleinerem Format) auf Papier geschrieben werden, derart ins Riesenhafte und noch dazu auf eine senkrechte, raue Fläche zu übertragen. In einem früheren Beitrag hatte ich schon einmal ein solches Werk aus dem Schankraum eines Regensburger Brauhauses vorgestellt.
Freuen wir uns also heute einfach nur ohne einen vertiefenden Text über dieses Zeugnis althergebrachter Schildermalerei – trotz des fehlenden Leerzeichens nach »Bau-« – und wünschen dem Tischlermeister, dass die Werbung an seinem Giebel nicht nur vorbeifahrende Buchstabennerds, sondern auch zahlende Kunden auf seine Werkstatt aufmerksam macht … 🤓 🔠 🪑
Mit dem heutigen Beitrag möchte ich eine kurze zweiteilige Serie mit Fundstücken einleiten, die ich innerhalb einer guten Stunde in Berlin aufgetan habe. Ich machte mich an einem Samstag Ende März mit dem Regionalzug auf nach Berlin, um am Nachmittag ein spannendes Konzert an der Orgel des Konzerthauses am Gendarmenmarkt, gespielt vom jungen Virtuosen und Organist der Berliner Gedächtniskirche, Sebastian Heindl, zu besuchen.
»Ein Heldenleben? – heroische Musik für Orgel«
Rachel Laurin – „Étude Héroïque“ op. 38
Clara Schumann – „Caprice á la Boléros“ aus „Quartre Pièces caractéristiques“ für Klavier op. 5, für Orgel übertragen von Sebastian Heindl
César Franck – „Symphonie héroïque“ (zusammengestellt von S. Heindl)
Sebastian Heindl – Improvisation (u. a. über Themen aus dem Musical „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber)
Meine Zugreise endete am Bahnhof Potsdamer Platz und ich beschloss, da noch Zeit genug war, den Weg zum Konzerthaus zu Fuß zurückzulegen. Nach wenigen hundert Meter Wegstrecke bemerkte ich an einer Straßenkreuzung ein großes Jugendstil-Eckhaus, dessen Fassade mit opulenten Mosaiken in Grün, Gold und Schwarz und der Abkürzung »W.M.F.« geschmückt war. »Interessant«, dachte ich – liegt doch der Firmensitz und Gründungsort, Geislingen an der Steige, gut 500 km Luftlinie entfernt. Die 1853 gegründete Firma WMF (Württembergische Metallwarenfabrik), seit den 1950-er und 1960-er Jahren bekannt für ihre ebenso funktionalen wie ästhetischen Haushaltswaren, schien also bereits früh Bedarf an einer repräsentativen Niederlassung in der deutschen Hauptstadt gehabt zu haben.
Tatsächlich hat das 1903/1904 als Verwaltungsgebäude des Unternehmens errichtete »WMF-Haus« eine interessante und bewegte Geschichte:
»Das Gebäude […] diente zum Zeitpunkt der Eröffnung dem Unternehmen als Verwaltungsgebäude. […] Im Erdgeschoss bedienten 100 Angestellte die Käufer, zwei darüberliegende Etagen beherbergten eine Musterausstellung des Unternehmens. In den obersten Etagen befand sich die Berliner Redaktion der französischen Zeitung Le Matin.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte es verschiedene Nutzer, unter anderem ein Konfektionsgeschäft, ein Lebensmittelgeschäft und einen Auto-Ersatzteile-Markt. Das Gebäude wurde vom Ost-Berliner Magistrat für die Verbreiterung der Straße 1986 enteignet und verfiel. Am 6. Juni 1990 wurde das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt, die WMF erhielt es zurück und verkaufte es […]. Das Haus wurde berühmt, weil es Anfang der 1990er Jahre Namensgeber und Gründungsstätte für den Technoclub WMF-Club war, dieser besetzte das Haus und veranstaltete illegale Partys.«
Die Embleme links und rechts des Firmennamens in den Mosaiken zeigen einen laufenden Vogel Strauß. Dieses Markensymbol des Unternehmens wurde um 1903 – also etwa zeitgleich zum Baujahr des Hauses – eingeführt, um Produkte des Unternehmens mit einem geprägten Motivstempel als Originale zu kennzeichnen. Man nimmt an, dass das Symbol Strauß vom Nachnamen eines der WMF-Gründer (Daniel Straub) abgeleitet wurde. Zur Entstehungsgeschichte und Nutzung dieses und weiterer WMF-Markenzeichen finden sich viele weitere Details auf der Website des auf antike Tischwaren und Bestecke spezialisierten Antiquitätenhändlers Ralph Prüschberg.
Obwohl nur die drei Buchstaben des Monogramms für die Analyse der Schriftart zur Verfügung stehen, bieten sowohl das Entstehungsjahr des Gebäudes als auch die ausladenden Formen und markanten Serifen der genutzten Zeichen genug Anhaltspunkte, um sie ähnlichen Schriften vom Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts zuzuordnen. Exakte Übereinstimmungen ließen sich zwar nicht finden, aber große Ähnlichkeiten. Drei Beispiele für verwandte Schriften, inspiriert oder abgeleitet aus jener Zeit, sind »MFC Elmstead« (Font Brothers, nach Initialen aus dem Buch »Monograms and Alphabets for Combination« von Dollfus, Mieg & Cie aus den 1880-er Jahren), »Remus« (Ralph M. Unger, nach dem Schriftentwurf »Romanisch« von Schelter & Giesecke, 1889) oder »TS Verona« (Walter Florenz Brendel/Brendel Type Studio, 1974–1978 für die »TypeShop Collection« nach Schriftentwürfen ).
Zum wiederholten Male ein feines Fundstück aus der Ära des Jugendstils – eine Zeit, die für schöne Schriften unglaublich ergiebig zu sein scheint. 🤓 🔠🍴
Wie jeden Montag habe ich für heute wieder einen Schnappschuss vorbereitet, diesmal einen, der auf der Durchfahrt durch das Dorf Schönfeld im Landkreis Stendal entstand. Schon mehrmals war mir dort an einem alten Backsteingebäude, das aussieht, wie eine Scheune oder ein Stallgebäude, die verwitterte, aufgemalte schwarzweiße Schrifttafel mit dem Wort »Ausspannung« aufgefallen. Diesmal hatte ich genug Muße, um kurz anzuhalten und ein Foto davon zu machen.
Bei der Nachzeichnung des Schriftzuges habe ich die Buchstabenabstände provisorisch ein bisschen harmonischer ausgeglichen.
Das seit 2020 zur Gemeinde Kamern gehörende Dorf Schönfeld wird erstmals im Jahr 1420 urkundlich erwähnt und beging 2020 seine 600-Jahr-Feier. Insofern ist die Annahme realistisch, dass es sich bei dem Anwesen früher um ein Gasthaus mit oder ohne Übernachtungsmöglichkeit handelte, in dem Reisende, die mit Pferdekutschen unterwegs waren, eine Rast einlegen konnten, um die Tiere zu verpflegen und sich selbst ebenfalls zu stärken und auszuruhen.
»Der Ausspann, regional auch die Ausspanne, ist eine früher übliche Bezeichnung für ein Gasthaus oder eine Schänke an alten Handelsstraßen, das Raum zur Unterbringung von Pferden und Wagen der Reisenden bot.
Auf langen Handelsreisen war es erforderlich, Übernachtungspausen einzulegen. Der Begriff ›Ausspanne‹ weist auf ein Gasthaus mit der Möglichkeit zum Ausspannen der Pferde aus den Fuhrwagen und Kutschen hin, also auf die Übernachtung der Reisenden und das Unterstellen der Tiere im Stall. Allgemein wurden solche Gasthäuser auch als Ausspannwirtschaft oder Ausspannlokal bezeichnet.
Im heutigen Sprachgebrauch ist das Verb ausspannen (sich erholen, entspannen) noch gebräuchlich, obwohl sein wörtlicher Sinn verloren gegangen ist.«
Bestätigt wird die Annahme, dass es sich um ein Wirtshaus handelt, auch hier wieder durch ein »Geisterbild« des Wortes »Gaststätte«, das in der rechten unteren Ecke der bemalten Fläche schemenhaft erhalten blieb. Die exakte typographische Gestaltung ist zwar auf diesem Wandbild auf der Nordseite nicht mehr rekonstruierbar, aber – o Wunder! – auf der Südseite desselben Gebäudes befindet sich direkt gegenüber ein zweites, gleich großes Motiv, auf dem zwar der Schriftzug »Ausspannung« deutlich schwächer erkennbar ist, aber die Gaststättenwerbung die Zeit besser überdauert hat. So konnte ich mithilfe kontrastverstärkender Bildfilter und anderen Nachbearbeitungen ziemlich gut rekonstruieren, wo der Schriftzug stand, wie er in etwa proportioniert war und was dort auf den anscheinend identisch beschrifteten Flächen einst stand. Links sind die beiden Großbuchstaben »HO« erkennbar – die Beschriftung bewarb somit eine »HO-Gaststätte«, eine Kette mit Restaurantbetrieben, die von 1948 bis 1990 in der ehemaligen DDR betrieben wurde. Und auf dem zweiten Wandbild ist klar erkennbar, dass es sich um eine »KOMMISSIONS(-)Gaststätte« handelte.
Das zweite Werbemotiv von der gegenüberliegenden, nach Süden weisenden Seite des Gebäudes und mein Versuch einer Rekonstruktion der Komponenten dieses Schriftzuges.
Interessant ist, dass die ältere Beschriftung, die auf die Pferdefuhrwerke hindeutet, auf der Nordseite kräftiger erscheint als die HO-Gaststätten-Beschriftung, die ja erst nach 1948 entstanden sein kann. Ich vermute, dass der neuere Farbauftrag die Witterungseinflüsse aus irgendeinem Grund schlechter verkraftet hat als die darunter befindliche, ältere Beschriftung – zumindest auf einer Seite des Gebäudes.
Bei dem Gaststättenmotiv fielen mir insbesondere die seltsam »tiefliegenden« S im Wort »KOMMISSION« auf und die beiden markant geschwungenen S bei »Gaststätte«. Vielleicht hatte der oder die Schildermaler*in ja eine Vorliebe für eine gewisse Extravaganz speziell bei der Gestaltung dieses Buchstabens.
Bei dem älteren Schriftzug »Ausspannung« fand ich zudem die Ähnlichkeit des kleinen g mit dem kleinen g in einem anderen historischen Werbemotiv aus Trebbin spannend, rund 100 km Luftlinie entfernt, das in meinem Foto zum Blogbeitrag vom 20.03.2026 auftaucht und dessen Entstehungszeit ich auf Ende des 19. Jahrhunderts geschätzt hatte. Vielleicht wurden ja beide Motive etwa zur selben Zeit angebracht?
Es bleiben also mal wieder ein paar Fragezeichen stehen, denn weitere Details zu dem Gebäude und dem Wirtshaus blieben leider trotz meiner Nachforschungen im Dunkeln. Also: Zeit, den Rechner zuzuklappen und bei einer Tasse Kaffee erstmal ein bisschen auszuspannen … 🤓 🔠 🐴
Und nun mal wieder ein inländisches Fundstück. Geknipst habe ich es bei einem kurzen Stopp bei der Durchfahrt durch den Ort Rehberg im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt.
Zu diesem Betrieb erbrachte meine Suche im Netz leider diesmal keinerlei valide Informationen betreffend Gründung oder Historie. Gegenwärtig scheint das Gebäude als Wohnhaus zu dienen, ein dort ansässiges Gewerbe ist von außen nicht zu erkennen, das Baujahr des Hauses wird online als »1919 oder früher« datiert. Da die Beschriftung in einer eigens ausgesparten Vertiefung im Mauerwerk platziert ist, würde ich davon ausgehen, dass diese Fläche bereits beim Bau des Hauses angelegt wurde.
Die Schrift ist zwar einerseits sorgsam per Hand gemalt worden und offenbar auch über die Jahrzehnte gereinigt oder restauriert worden, andererseits wirken die Buchstaben in ihren Formen unterschiedlich »schwer« und ergeben dadurch ein etwas unruhiges Gesamtbild. Dass die Versalien M, G, F, H und P betont kräftig angelegt sind, ist bei solchen Beschriftungen nicht unüblich. Doch innerhalb der Gruppe der Kleinbuchstaben gibt es deutliche Schwankungen: e, o, a, g und c weisen sehr feine Strichstärken auf, bei s, t und r sind sie schon etwas stärker, aber bei h, i, d, u, l und n sind die Striche und Serifen insgesamt deutlich fetter.
Bei professionell(er) gestalteten Schriftarten mit einem ähnlichen Formenkanon zeigt sich die Gesamtanmutung deutlich harmonischer.
Zu lernen gab es bei diesem Fundstück auch, was das aus der Mode gekommene Wort »Fourage« bedeutet. Es bezeichnet sowohl die Versorgung von Militäreinheiten als auch von Nutztieren mit Nahrungsmitteln. 🤓 🔠 🌽
Furage (alternative Schreibung: Fourage) »›Verpflegung‹ (für die Truppe), ›Futter‹ (für die Pferde), Entlehnung (17. Jh.) von frz. fourrage m. ›Viehfutter‹, abgeleitet von afrz. feurre ›Stroh‹, das auf afrk. fodar beruht. (s. Futter).«
Heute folgt das vorerst letzte Foto mit einem typographischen Fundstück aus Kopenhagen. Fotografiert habe ich die Beschriftung dieses alten Gasthauses am Kanal Nyhavn nahe dem Stadtzentrum.
»Der Nyhavn (dänisch für ›neuer Hafen‹) ist ein zentraler Hafen in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.
Der 1673 fertiggestellte Kanal Nyhavn wurde in Auftrag gegeben, um einen Stichkanal vom Kopenhagener Hafen zum Platz Kongens Nytorv zu schaffen. Die farbenfrohen Giebelhäuser an beiden Seiten des kleinen Hafenarms entstanden vorwiegend im 18. und 19. Jahrhundert. Das Hafenmilieu brachte frühzeitig zahlreiche Tavernen hervor, und die Gegend ist bis heute mit ihren vielen Restaurants, Bierstuben und Tanzlokalen neben der Istedgade eines der bekanntesten Vergnügungsviertel Kopenhagens.«
Es ist ja manchmal so an solchen touristischen Brennpunkten, dass vor lauter Besucher*innen, Shoppingflanierenden, Sonnenschirmen, Markisen, dicht möblierten Außenbereichen, Straßenkünstler*innen und Radfahrenden die Fassaden der Gebäude optisch etwas ins Hintertreffen geraten. Gleichwohl lohnt es sich, auch an wuseligen touristischen Orten ab und zu innezuhalten und sich umzuschauen, um abseits des Trubels ein Auge auf Details zu werfen.
Das Gasthaus »Nyhavns Færgekro« mit seiner einst weißen, seit ca. 2011 jedoch leuchtend blauen Fassade, befindet sich nur zwei Häuser links des ältesten Gebäudes an diesem Straßenzug, welches im Jahr 1681 an der Adresse Nyhavn 9 erbaut wurde. Etwa 50 Jahre später, um das Jahr 1736, entstand dann an der Hausnummer 5 das Bauwerk auf dem Foto, zunächst als zweistöckiges Gebäude. In den folgenden rund 100 Jahren wurde es in Etappen um zwei Etagen aufgestockt und diente offenbar zunächst als städtisches Wohnhaus. Das Hinterhaus mit Keller und drei Stockwerken wurde 1757 im Auftrag des Gastwirtes Lorentz Svendsen erbaut.
»Færgekro« bedeutet auf Deutsch »Fährkrug« oder »Fährhaus« (Færge = dän. Fähre; Kro = dän. Krug, Gasthaus, Wirtshaus, Gaststätte). Es handelt sich um ein traditionelles, oft historisches Gasthaus oder Hotel, das direkt an einem Fähranleger liegt. Zumeist bieten Færgekroen neben Gastronomie auch Übernachtungsmöglichkeiten an und ihre Lage gewährt Blick auf das Wasser.
Belegt ist jedoch, dass sich in Nyhavn 5 um 1911/1912 einst die Büros der White Star Line befanden – der Reederei, die Fahrkarten für die »RMS Titanic« verkaufte. Wenn man genau hinschaut, sollen auf den erhaltenen historischen Fensterscheiben des Hauses noch immer die Namen der Reiseziele »New York«, »São Paulo« oder »Rio de Janeiro« erkennbar sein, die damals zu Werbezwecken in das Glas eingraviert wurden. Die meisten Passagiere, auch jene aus Skandinavien, waren Auswanderer, die sich aufmachten, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen und buchten zumeist die günstigsten Tickets in der 3. Klasse. Im Hafen Southhampton gingen Aufzeichnungen zufolge 196 Passagiere aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland an Bord. Zu 12 der dänischen Passagiere ist online sogar eine Namensliste einsehbar. Es ist tatsächlich Zufall, dass dieser Blogbeitrag heute online geht, nur drei Tage, nachdem sich die Katastrophe um dieses legendäre Schiff mit rund 1.500 Todesopfern zum 114. Mal jährt, denn ich recherchiere zu den einzelnen Motiven erst tiefergehend, während ich an den vorab datierten Beitragsentwürfen arbeite und darin nach und nach meine zusammengetragenen Erkenntnisse miteinander verknüpfe.
Der Schriftzug am Gasthaus, in der Nachbearbeitung etwas enger gesetzt und monochrom eingefärbt.
Die Ursprünge des Schriftzuges an der Fassade zu ergründen ist nicht ganz einfach. Ungewöhnlich sind daran die spiraligen Verzierungen an den Initialen sowie an y, s, und g. Eine ähnliche Form des y findet sich auf der Seite eines gedruckten Buches aus dem Jahr 1750. Auch der ausladende gebogene Aufstrich am v ist eher untypisch für frühe gebrochene Schriften, deren Formen auf dem Duktus einer Breitfeder beruhen. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Aufkommen des Klassizismus, machten sich Schriftgestalter daran, die Formen der gebrochenen Schriften zu modernisieren. Der Drucker Johann Friedrich Unger aus Berlin entwickelte zwischen 1785 und 1794 mit der »Unger-Fraktur« eine solche Schrift, die sich bereits deutlich von den historischen Buchstabenformen löste und deren strenge Anmutung in Richtung modernerer Antiqua-Schriften öffnete. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden nach und nach weitere »modernisierte« Frakturschriften in diesem Sinne, so z. B. die »Aristokrat« (Albert Auspurg, 1912), die eine entfernte Ähnlichkeit zu dem Schriftzug des Kopenhagener Wirtshauses zeigen. Auch üppiger verzierte Varianten, auch »Kanzleischriften« genannt, entstanden vielfach in dieser Zeit.
Ein wahrer Glücksfund bei der Recherche war ein hochauflösendes historisches Motiv des dänischen Fotografen Peter Elfelt (1866–1931) aus dem Bestand digitaler Fotografien der Königlichen Dänischen Bibliothek. Ganz links am Rand kann man darin (inklusive der Hausnummer 5) das heutige Wirtshausgebäude erkennen. Anhand der im Kanal vertäuten Schiffe wird das Bild in Forendiskussionen datiert zwischen 1906 und 1931. Damals befanden sich an der Fassade, wie man sieht, noch die Werbeschriftzüge der Reedereien. Der Schriftzug »Nyhavns Færgekro« muss also zwischen frühestens 1911/12 (Zeitraum des Ticketverkaufs für die »Titanic«) und ca. 1930 (Motiv der o.g. Postkarte) angebracht worden sein.
Es war wieder ein spannendes Fundstück – ich hätte nie gedacht, dass mich die Geschichte dieser im Vorbeigehen geknipsten Fassade diesmal sogar bis zur tragischen Legende der »Titanic« führen würde. 🔠 🚢
Einen vorletzten Schnappschuss aus Kopenhagen für ein typographisches Montagsbonbon habe ich noch anzubieten … 🙂
In direkter Nachbarschaft meiner letzten Unterkunft kam ich regelmäßig auf dem Weg von der Ziel-Metrostation Enghave Brygge zum Hauseingang an einem großen, mit Bauzäunen abgesperrten Areal am Kanal Sydhavn vorbei. Auf den Bauzäunen wurde die Errichtung eines dreiteiligen Neubaugebietes mit mehr als 1.000 Wohnungen auf drei in den Kanal vorgelagerten, künstlich angelegten Landzungen angekündigt. Jedes der drei Wohnanlagen trägt einen eigenen Namen – Lanternebryggen, Ankerbryggen und Sejlbryggen. Auf der Website des Bauprojekts visualisieren Renderings, wie das Siedlungsprojekt letztlich aussehen soll. »Bo ved vandet i byen« heißt es da – »Wohnen am Wasser in der Stadt«. Im Gegensatz zu Deutschland mit rund 47 % liegt die Wohneigentumsquote in Dänemark bei über 60 %. Insofern ist es nicht unüblich, dass bei solchen Projekten mehrheitlich Eigentumswohnungen entstehen, aber die Projektgesellschaft kündigt auch Mieteinheiten an. Ich persönlich finde die modern interpretierte Backstein-Architektur der Wohnhäuser sehr gelungen. Überhaupt fällt mir in Kopenhagen immer wieder auf, dass Stadtwohnungen fantasievoller und ästhetischer als in vielen deutschen Städten und mit klarerem Fokus auf die Lebensqualität der Bewohner konzipiert zu werden scheinen.
Der Name des gesamten Bauvorhabens ist identisch mit dem Stadtviertel – Enghave Brygge Syd – und an dem Bauzaun war auf großen schwarzen Bannern u. a. auch das übergreifende Logo plakatiert. Ich finde, die fetten, modernen Grundformen kontrastieren ansprechend mit den Freiräumen, die durch das Weglassen von Buchstabenelementen entstehen. Weil mir die Wortmarke so gut gefiel, habe ich sie fotografiert. Das Design stammt vermutlich von der auf Immobilienprojekte spezialisierten, aus Schweden stammenden Marketingagentur Make Moves AB mit Büros in Malmö, Kopenhagen und Odense.
Ebenfalls aus der Website wird ersichtlich, welche Schriftart für das Corporate Design des Projekts ausgewählt wurde und die gleichzeitig auch die Basis für das Hauptlogo darstellt. Sie heißt »IvyMode«, stammt von dem dänischen Type Designer Jan Maack bzw. seinem Schriftbüro Ivy Foundry und wurde im Jahr 2018 veröffentlicht.
Die Wortmarke »SYD« arbeitet mit dem Stilmittel des Weglassens von Formelementen, wobei Erkennbarkeit und Lesbarkeit erhalten bleiben. Ich hatte hier im Blog früher schon einmal ein Logo auf Basis dieses Gestaltungsprinzips vorgestellt.
Vergleich der Zeichenfolge SYD, links in der Originalschrift »IvyMode Bold«, rechts in der für das Logo nachbearbeiteten Form.
Bei dieser Gegenüberstellung kann man sehr schön sehen, wie bedeutsam harmonische Zwischenräume für die Gesamtwirkung sind (Die Buchstaben links stehen relativ zueinander an denselben Positionen wie die bearbeiteten Zeichen rechts!). Die Abstände im linken Arrangement wirken jedoch unharmonisch – der Abstand vom S zum Y ist größer als der vom Y zum D. Im Ensemble rechts hingegen entsteht durch das Fehlen des oberen S-Bogens und des Aufstrichs beim Y ein angenehmer und ausgeglichener Eindruck. Der/die Logo-Designer*in hat die Abstände somit nach der Modifikation optisch passend nachjustiert.
Ich finde, diese Wortmarke ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie man mit minimalen Mitteln, ganz ohne den Einsatz von Farben oder hinzugefügten Bildelementen, allein aus einer sorgsam ausgewählten Schriftart und mit gestalterischem Sachverstand ein Logo entwickeln kann, das ästhetisch, originell, modern und merkfähig ist. Like! 🤓 🔠 🧱
Bei einem meiner ersten längeren Streifzüge durch die Wohn- und Geschäftsstraße Godthåbsvej im Kopenhagener Stadtteil Frederiksberg fiel mir schon von weitem dieses hochformatige Neonschild mit dem Schriftzug ROXY ins Auge – das typographische Fundstück dieser Woche.
Ich wusste sofort, dass sich dieser Schriftzug an einem ehemaligen oder weiterbetriebenen Kino befindet, denn gefühlt in fast jeder größeren Stadt gab es bis in die 1970er-Jahre hinein ein Lichtspielhaus namens ROXY. Ich fragte mich, wieso dieser Name für Kinos über viele Jahrzehnte derart populär war. Und das Internet wusste wie immer die Antwort darauf:
»›Roxy‹ war der Spitzname von Samuel L. Rothafel. Er wurde 1882 als Kind deutsch-jüdischer Auswanderer in Minnesota/USA geboren. Sein ursprünglicher Name war Samuel Rothapfel. Den Spitznamen ›Roxy‹ soll schon der Vater getragen haben, er erinnert an englisch ›rock, rocks = Fels, Felsen‹.
Sein erstes Kino eröffnete Roxy 1908 im umgebauten Tanzsaal einer Bierhalle in Forest City in Pennsylvania. […] In den nächsten Jahren wurde er zu einem der erfolgreichsten Kinoleiter der USA – ohne jedoch Kinoeigentümer zu sein.
Im März 1927 wurde dann das ROXY in New York eröffnet. Mit 5920 Plätzen war es zu diesem Zeitpunkt das größte Kino der Welt.
[…]
Der Ruf dieses Filmtheaters ging um die ganze Welt und führte zu Gründung von Kinos namens ROXY weltweit. ROXY wurde zum Synonym für Filmpalast. Der Name des Unternehmens war nicht geschützt und Roxy hatte wohl selber auch kein Interesse daran, finanzielle Vorteile daraus zu ziehen. Für ihn waren Ruhm und Ruf wichtiger. Das führt dazu, dass der 1936 verstorbene Filmpalastmanager heute noch unvergessen ist, auch wenn sein ROXY in New York 1960 abgerissen wurde.«
(Der komplette Artikel ist ebenfalls durchaus lesenswert.)
Das Kopenhagener ROXY wurde Weihnachten 1928, am 26. Dezember, eröffnet und war das erste Kino in Dänemark, welches Tonfilme zeigte. Der erste aufgeführte Film im Programm war der Film »Fazil«(deutscher Titel »Hinter Haremsmauern«, dänisch »Marokkaneren« [»Der Marokkaner«]) unter der Regie von Howard Hawks. Dieses Werk stellt einen der ersten Filme aus der Übergangszeit zwischen Stumm- und Tonfilm dar. Es wurde an die Kinos mit einer auf Lichttonspur (»Movietone«) gespeicherten, synchronen Begleitmusik ausgeliefert. Außerdem enthielt die Tonspur Geräuscheffekte und eine gesungene Aufnahme des Titelliedes.
Die heute noch am Gebäude installierte Leuchtreklame befand sich allerdings nicht von Anfang an der Fassade. Im Sommer des Jahres 1934 wurde das ROXY für fast zwei Monate geschlossen und umfassend umgebaut. Erst seitdem gibt es das riesige vertikale Banner mit roten Buchstaben und gelber Beleuchtung auf schwarzem, später weißem Grund, das sich vom ersten bis zum dritten Stock erstreckt. Es gibt zu dem Kino einen interessanten ausführlichen Artikel in dänischer Sprache, der mit Hilfe eines Online-Übersetzungstools sehr angenehm auch auf Deutsch lesbar ist.
Von den Buchstaben des Schildes ist das R eindeutig der markanteste. Mit seinem ausladenden »Kopf« und dem kurzen, geschwungenen Bein repräsentiert es perfekt beliebte Schriften aus den 1920er- bis 1940er-Jahren, in denen noch Formelemente des Art Deco anklingen. Ein schönes Beispiel für eine nah verwandte kommerzielle Schriftart ist die »Pinkhoff« des niederländischen Designers Léon Hulst (TypeFaith Fonts, 2020) die von dieser Epoche inspiriert wurde.
Am Dienstag, den 30. November 1976 erloschen die Filmprojektoren im ROXY Kopenhagen für immer. Im Jahr 1978 übernahm dann ein Supermarkt der Kette »NH« den alten Kinosaal mit seinem Foyer sowie den angrenzenden Geschäftsräumen, »adoptierte« den legendären Namen des Kinos für sein Ladengeschäft und brachte entsprechende Werbeschilder über den Schaufenstern an. Einige der Ausgänge wurden zugemauert, der Balkon diente fortan als Abstellraum, manche Räume blieben gänzlich ungenutzt und der hintere Teil des Kinosaals wurde abgerissen. Auf einer Bildarchiv-Website der Kommune Kopenhagen ist ein Foto dieses Supermarkts aus dem Jahr 1980 erhalten geblieben.
1996 bezog die auch in Deutschland bekannte, gelb-schwarz »gebrandete« Discounter-Kette NETTO die Ladenflächen. Die ROXY-Beschriftungen im Erdgeschoss wurden abmontiert, nicht aber das große Banner an der Fassade. Bis heute erinnert es an die Glanzzeiten eines klassischen Filmtheaters und – so ist zumindest im Netz zu sehen – leuchtet abends nach wie vor in die Dunkelheit. 🤓 🔠 🎞️
Am vierten Tag meines Aufenthaltes in der dänischen Hauptstadt kam, nach drei grauen und teils regnerischen Tagen, endlich die Sonne am Himmel zum Vorschein. Es blieb zwar weiterhin recht kühl und windig, aber zumindest machten nun auch wieder längere Ausflüge zu Fuß mehr Spaß. Auf einer dieser Touren führte uns der Weg vorbei an dem extravaganten Bau des AC Hotel Bella Sky Copenhagen der Hotelkette Marriott.
Am Rand der mehrspurigen Zufahrtsstraße wurde der Name des Hotels in überdimensionalen geometrisch konstruierten 3D-Versalien (mit vermutlich speziell dafür kreierten Buchstabenformen) installiert. Und weil der Himmel so schön blau und fast wolkenlos war, habe ich den dazu passenden Ausschnitt der typographischen Skulptur in einem Foto als heutiges Montagsbonbon-Fundstück eingefangen.
The sky’s the limit! 🤓 🔠 🌤️
Der komplette Schriftzug, wie er z.B. auch bei Google Street View zu sehen ist.Dieses stimmungsvolle Motiv mit dem Hotelgebäude entstand auf einer früheren Kopenhagen-Tour vor ziemlich genau einem Jahr.
Bereits länger im Voraus vorbereitet, kommt heute zwischendurch ein Beitrag zu einem Fundstück, das schon etwas älter ist und nicht, wie die aktuellen, aus Kopenhagen stammt. Als Einleitung habe ich eine Textpassage aus der Erzählung »Das Gespenst von Canterville« von Oscar Wilde (1854–1900) ausgewählt, die mich als Kind ziemlich fasziniert hat. Denn an eine Episode daraus muss ich immer denken, wenn ich Motive wie das heutige entdecke, mit mehrfach übermalten Beschriftungen, deren frühere Versionen, wie durch Hexerei und teils nach vielen Jahrzehnten, wieder sichtbar wurden.
»Da bemerkte Mrs. Otis plötzlich einen großen roten Fleck auf dem Fußboden, gerade vor dem Kamin, und in völliger Unkenntnis von dessen Bedeutung sagte sie zu Mrs. Umney: ›Ich fürchte, da hat man aus Unvorsichtigkeit etwas verschüttet.‹
›Ja, gnädige Frau,‹ erwiderte die alte Haushälterin leise, ›auf jenem Fleck ist Blut geflossen.‹
›Wie gräßlich!‹ rief Mrs. Otis. ›Ich liebe durchaus nicht Blutflecke in einem Wohnzimmer. Er muß sofort entfernt werden.‹ Die alte Frau lächelte und erwiderte mit derselben leisen, geheimnisvollen Stimme: ›Es ist das Blut von Lady Eleanore de Canterville, welche hier auf dieser Stelle von ihrem eigenen Gemahl, Sir Simon de Canterville, im Jahre 1575 ermordet wurde. Sir Simon überlebte sie um neun Jahre und verschwand dann plötzlich unter ganz geheimnisvollen Umständen. Sein Leichnam ist nie gefunden worden, aber sein schuldbeladener Geist geht noch jetzt hier im Schlosse um. Der Blutfleck wurde schon oft von Reisenden bewundert und kann durch nichts entfernt werden.‹
›Das ist alles Humbug,‹ rief Washington Otis, ›Pinkertons Universal-Fleckenreiniger wird ihn im Nu beseitigen‹; und ehe noch die erschrockene Haushälterin ihn davon zurückhalten konnte, lag er schon auf den Knieen und scheuerte die Stelle am Boden mit einem kleinen Stumpf von etwas, das schwarzer Bartwichse ähnlich sah. In wenigen Augenblicken war keine Spur mehr von dem Blutfleck zu sehen.
(…)
Am nächsten Morgen jedoch, als die Familie zum Frühstück herunterkam, fanden sie den fürchterlichen Blutfleck wieder unverändert auf dem Fußboden. ›Ich glaube nicht, daß die Schuld hiervon an Pinkertons Fleckenreiniger liegt,‹ erklärte Washington, ›denn den habe ich immer mit Erfolg angewendet – es muß also das Gespenst sein.‹ Er rieb nun zum zweitenmal den Fleck weg, aber am nächsten Morgen war er gleichwohl wieder da. Ebenso am dritten Morgen, trotzdem Mr. Otis selbst die Bibliothek am Abend vorher zugeschlossen und den Schlüssel in die Tasche gesteckt hatte.«
Das Foto entstand am Pfingstmontag 2021 während einer Rundwanderung, ausgehend vom Bahnhof des Ortes Trebbin im Landkreis Teltow-Fläming (Brandenburg).
Zwar nutzen solche alten Werbemotive nicht eine so gruselträchtige Substanz wie das Blut eines Mordopfers, sondern lediglich profane Fassadenfarbe, und das mysteriöse Wiederkehren der Bemalung hat auch nichts mit Flüchen oder Magie zu tun, aber der Effekt ist dennoch faszinierend.
Bei etwas genauerem Hinsehen glaube ich sogar erkennen zu können, in welcher Reihenfolge die beiden Bemalungen entstanden. Zweifellos gehören die beiden links und rechts platzierten Illustrationen der gekreuzten Werkzeuge Schlägel und Eisen – dem international gebräuchlichen Symbol für den Bergbau – zu dem zentral stehenden Wort »Kohlen Handlung« und bilden als Ensemble eine der beiden sichtbaren Beschilderungen. Die Schreibweise ohne Bindestrich muss dabei nicht zwingend ein Fehler sein – bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts war die Verwendung von Leerzeichen statt Bindestrichen bei Komposita durchaus üblich. Das andere Gesamtmotiv besteht aus den beiden größeren Textzeilen »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« und »Landwirtschaftliche Maschinen«, dazu gehören die beiden kleinen, links und rechts unten angeordneten Texte »Dreherei« und »Autogene Schweißerei«.
Meine Schlussfolgerung ist, dass das Motiv der Kohlenhandlung zuerst auf die Wand gemalt wurde, denn sowohl im Bereich der Buchstaben »lun« im Wort »Handlung« als auch rechts unten beim Wort »Autogene« ist zu erkennen, dass die Beschriftung der Schweißerei das Motiv der Kohlenhandlung überdeckt. Dass die Technik des autogenen Schweißens (auch Gasschmelzschweißens) im Jahr 1903 von den französischen Ingenieuren Edmond Fouché und Charles Picard entwickelt wurde, liefert einen weiteren relevanten Hinweis zur Datierung.
Alle Schriftarten auf der Fassade – und das war der zweite Grund, diese Beschilderung zu fotografieren – gefallen mir auch aus gestalterischer Sicht. Ich gehe davon aus, dass die Buchstabenformen bzw. Schriftzüge von einem professionellen Schildermaler entworfen wurden und keinen käuflichen Typen entsprechen. Die Zeile der Kohlenhandlung habe ich zur besseren Ansicht einmal nachgezeichnet. Ist sie nicht grandios?
Bei dem Schriftzug des Metallbau-Unternehmens sprechen mich vor allem das oben kantig abgeflachte A in »Autogene« und die Schriftart in der ersten großen Textzeile an. Aus dieser habe ich nur die markantesten Buchstaben nachgebaut.
Die Schriften in diesem Motiv weisen Formmerkmale aus der Zeit des Jugendstil bzw. Art Deco auf, wie sie sich beispielsweise auch bei der Schriftart »Kleopatra« der Bauerschen Gießerei in einem Musterbuch um das Jahr 1914 wiederfinden, etwa das hochgebockte K, das abgeflachte A oder das oben begradigte s. Der abgeschrägte Bogen im B findet sich bei P und R (und beim B vertikal gespiegelt) in der Schriftart »Nouveau To Go JNL« (2017) von Jeff Levine wieder, die auf einem Notenblatt aus dem Jahr 1915 basiert.
Schriftmuster der »Kleopatra« (fett). Bildquelle: »Hauptprobe in gedrängter Form der Bauerschen Giesserei, Frankfurt am Main«, undatiert.
Sofern also meine Beobachtung korrekt ist, dass die Beschriftung der »Kunst – Bau & Maschinen Schlosserei« später als das der Kohlenhandlung entstand, muss der kantige Schriftzug »Kohlen Handlung« demnach früher entstanden sein, also vermutlich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und dafür wirkt er doch auch heute noch ziemlich modern, oder? 🤓 🔠 ⚒
An diesem Montag biete ich gleich vier typographische Bonbons an, die ich im Umfeld von Bistros, Restaurants, Imbissen oder Marktständen fotografiert habe, teils schon vor einigen Jahren.
Es ist einiges Handgeschriebene dabei, sodass sich eine Schriftbestimmung dort erübrigt. Allen gemein ist aus meiner Sicht jedoch eine amüsante Komponente, die durch Botschaft, Wortwahl, Schriftbild oder Anordnung der Buchstaben bzw. Texte entstand – teils mit Absicht, teils ohne Zutun der Schreiber*innen. Deshalb lasse ich die Fundstücke heute auch mal nur für sich sprechen und verzichte auf tiefgründige Recherchen. Man bemerke jedoch, dass beim ersten Bild in der zweiten Zeile kopfstehende W als M-Ersatz genutzt wurden.