Via Mastodon erreichte mich vom User @giardino ein schönes Fundstück aus Nürnberg. Er schrieb dazu: »Ich mag die ungewöhnliche Form der Neon-Us und -Üs, die ganze Schrift hat etwas Nostalgisches.«

Und auch mich überkamen beim Anblick der »geöffneten« U-Form viele Jahre zurückliegende Assoziationen. Ich hatte eine Schrift vor Augen, aber ihr Name fiel mir nicht sofort ein. Sie ließ mich an kirchliche Schriftstücke denken, Gesangbücher, Konfirmandenzettel oder Grabmale. Und schließlich kam ich darauf: Es war die »Post-Antiqua«, 1932 entworfen vom Schriftgestalter Herbert Post für die Schriftgießerei Berthold. Zwar ist ihr Schriftbild vom Duktus einer Breitfeder geprägt und bei weitem nicht alle Buchstaben-Grundformen gleichen denen der Neonschrift, aber eine gewisse Ähnlichkeit ist nicht von der Hand zu weisen.

Es gibt noch einige weitere Schriftarten mit dieser besonderen Zeichenform, die wie eine Kreuzung zwischen U und V wirkt, und alle beruhen entweder auf handgeschriebenen/kalligraphischen oder altertümlichen, in Stein gemeißelten Vorlagen. Gleich mehrere stammen von dem einflussreichen Schweizer Schriftgestalter Adrian Frutiger. So zum Beispiel die »Ondine« (Deberny & Peignot, 1954), die »Rusticana« (Linotype, 1993) und die »Herculanum« (Linotype, 1990). Frutiger ließ sich, ebenso wie der schwedische Typedesigner Lars Bergquist bei seiner Schriftart »Paestum« (2001), von altrömischen und altgriechischen Inschriften inspirieren, die zurückreichen bis ins 6. Jahrhundert v. Chr.

Ganz so alt ist das im Bild festgehaltene Haushaltswarengeschäft dann allerdings doch nicht. Auf der Website des Unternehmens sowie dessen Instagram-Account finden sich einige Informationen dazu:

»Das Fachgeschäft, das seit über 175 Jahren besteht, wird heute von Inhaber Klaus Harl in der fünften Generation geführt. (…)
Leonhard Carl Loesch, der Ur-Ur-Großvater von Klaus Harl, gründete das ›Haus- und Küchenmagazin Loesch‹ in der Inneren-Laufer-Gasse 6 im Jahr 1847. (…)
1945 wurden die Geschäftsräume total zerstört. (…)
Else Harl, die Ehefrau von Johannes Harl (…) finanzierte den Neuanfang am Lorenzer Platz in einer 10 qm großen Baracke.«

Quelle: kuechen-loesch.de – »Über uns«

Nach dem gewaltsam erzwungenen Neuanfang, gut einen Kilometer südlich des früheren Standorts, kam das Unternehmen bald wieder auf Erfolgskurs. Das winzige Ladengeschäft wurde nach und nach erweitert und erstreckt sich heute mit seinen sieben Fachabteilungen in vier aneinandergrenzenden Gebäuden und über mehrere Etagen über insgesamt 1.400 m². In einer Instagram-Bilderstrecke mit historischen Fotos aus den Anfangs- und Nachkriegsjahren dokumentiert das Traditionsgeschäft seine bewegte Geschichte. An anderer Stelle ist neben der Nachkriegsbaracke auch ein alter Lieferwagen der Firma zu sehen.

Warum aber entweder die verantwortlichen Werbetechniker*innen oder die Inhaberfamilie damals (um 1960) für die Neonreklame an der Fassade eine Schriftart mit diesem ganz besonderen U gewählt haben, wissen wohl nur die Verantwortlichen selbst.

Nächstes Jahr, 2027, feiert das Geschäft jedenfalls sein 180-jähriges Bestehen. Und das will in Zeiten der Onlineshop-Konkurrenz wirklich was heißen. 🤓 🔠 🍴