Es gab mal wieder eine Einreichung, worüber ich mich sehr freue – diesmal aus Österreich. Die Absenderin Eva entdeckte die ziemlich verwitterte Wandwerbung im Wallfahrts- und Wintersportort Mariazell in der nördlichen Steiermark und schrieb dazu: »Die Schrift ist nur teilweise erkennbar, ich wär gespannt, was sich da noch rausholen lässt«. Dann wollen wir doch mal schauen …
Zunächst zeige ich das Foto so, wie es eingereicht wurde.

Es ist offensichtlich, dass der Schriftzug TAPEZIERER oben erst später hinzukam. Ihn lassen wir bei der Betrachtung heute außen vor. Ohne weitere Bildbearbeitung sind die unteren beiden Zeilen, die für einen lokalen Tourismusbetrieb zu werben scheinen, noch recht gut lesbar. Die erste lautet »SKIMONTIERUNG · SCHULE · TOURENFÜHRUNGEN«, die zweite nennt den Namen des Unternehmers, »A. HELLEPORT«. Es scheint aber, als gehörte zu dem Werbemotiv noch eine weitere Zeile weiter oben. Diese lässt sich zunächst nicht ohne weiteres entziffern.
Im ersten Schritt habe ich das eingesandte Foto perspektivisch entzerrt, etwas aufgehellt und die Farben etwas gesättigt und justiert. Und in der Tat werden einige Details der geisterhaften dritten Textzeile dadurch schon etwas besser sichtbar.

Ich erkenne ganz links ein eckig anmutendes großes S und auf der rechten Seite schemenhaft die Buchstaben »…GEN«. Das ist schon mehr als nichts, aber immer noch zu wenig.
Aus der diagnostischen Bildgebung in der Medizin, wie etwa Ultraschall, CT oder MRT ist bekannt, dass zur klareren Darstellung und Unterscheidung von Bilddetails Falschfarben genutzt werden. Ersetzt man etwa in einem Graustufenbild die einzelnen Schattierungen durch verschiedenartige leuchtende Farbtöne, werden die Konturen zuvor verschwommener Strukturen deutlicher. Das habe ich auch mit diesem Bild versucht. Und siehe da – mittels zweier verschiedener Falschfarben-Versionen des Motivs wurde die verblichene obere Zeile wahrhaftig wieder entzifferbar.


Das fast verschwundene Wort lautet »SKI BINDUNGEN«. Ob sich zwischen den beiden Teilwörtern noch ein Bindestrich befand, bleibt unklar. Der Anfangsbuchstabe jedes Wortes ist dabei größer angelegt als die folgenden. Die Buchstaben in dem gesamten Motiv entsprechen keiner konkreten Schriftart, sie wurden mit geraden Strichen und abgerundeten Ecken von Hand gezeichnet, was zu blockartigen, kantigen Zeichenformen führt. Die mittlere Zeile scheint horizontal geteilt zweifarbig – oben rot, unten blaugrau – angelegt zu sein. Die beiden Zeilen darüber und darunter besitzen einen blaugrauen Pseudo-3D-Schatten, der sich mit etwas Abstand zu den Buchstaben nach rechts unten erstreckt. Hier ein Bild mit den Konturen der Texte in dem Wandmotiv, wie ich sie anhand der beiden farbverfremdeten Bilder glaubte, entziffern zu können:

Anschließend ging ich wieder zurück zum Ausgangsfoto und versuchte, die ungefähren Originalfarben zu rekonstruieren. Dazu habe ich die etwas dämmrige Beleuchtung kompensiert und in dem Foto »unter der Lupe« nach Fragmenten von Buchstaben gesucht, bei denen noch kräftigere Reste des ursprünglichen Farbauftrags erhalten geblieben waren. Mit diesen Farbtönen habe ich dann den Schriftzug inklusive der farbigen Flächenaufteilungen und Schattierungen – nach eigenem Ermessen interpretiert – nachgezeichnet.

Zu dem Unternehmen habe ich nur wenige Informationen im Netz gefunden. In Mariazell scheinen drei Familienmitglieder mit Namen Helleport – Anton, Albert und Adalbert – als Skilehrer gearbeitet zu haben. Alle tauchen in historischen Presseartikeln zwischen ca. 1920 und 1940 auch als erfolgreiche Skisportler beim Schanzenspringen, Langlauf und Abfahrtslauf auf.
»In dem vom Österreichischen Skiverein veranstalteten, unter Leitung des Mariazeller Skilehrers Albert Helleport stehenden ständigen Skikurs für Anfänger und Vorgeschrittene wurden in diesem Winter bereits ungefähr 150 Skiläufer ausgebildet.«
Quelle: (Wiener) Sporttagblatt vom 14. Februar 1922
»Das Sportprogramm von Mariazell. 8. Dezember bis Anfang März: Ständige Skikurse der Skischule Mariazell für Anfänger und Vorgeschrittene unter Leitung der diplomierten Skilehrer Adalbert und Anton Helleport; …«
Quelle: (Wiener) Sporttagblatt vom 7. Dezember 1929
Da sich zu einem der drei A in der Familie, Anton, jedoch auch sehr finstere Rechercheergebnisse (u.a. Mittäterschaft als Aufseher im KZ Auschwitz ab 1941) auftaten, wollte ich dies nicht weiter vertiefen.
Als Schlussbild habe ich die restaurierte Werbebeschriftung schließlich noch in das eingereichte Originalfoto einmontiert. So könnte die Hausfassade zur aktiven Zeit der Skischule in den 1920er- und 1930er-Jahren (oder auch später) ausgesehen haben:

Anhand dieser Einreichung konnte ich sehr schön zeigen, wie ich vorgehe, wenn ich versuche, allzu mitgenommenen Schrift-Relikten auf die Spur zu kommen und sie näherungsweise wiederherzustellen. Und auch diesmal war es wieder sehr kurzweilig. 🤓 🔠 ⛷️
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