Viele der hier präsentierten typographischen Fundstücke sind verhältnismäßig groß. Sie überspannen komplette Hausfassaden, sind aus teils meterhohen Buchstaben gefertigt und fallen Vorbeigehenden meist sofort ins Auge. Das aktuelle Beispiel hingegen stammt von einem kleinen Messingschild, an dem vermutlich die meisten Passanten entweder vorbeilaufen oder es sogar dann nicht bemerken, wenn sie durch den damit gekennzeichneten Hauseingang das Gebäude betreten.

Das Schild befindet sich an einem der Eingänge am Hauptgebäude der Universität Greifswald in der Domstraße 11. Die Außenansicht des Instituts von der Straße aus kann bei Google Maps besichtigt werden. Dies ist auch der Eingang, der über das Treppenhaus direkt zum prächtigen Saal der Aula im Obergeschoss führt.

Auch ich selbst benutzte den Eingang bereits häufiger, denn seit geraumer Zeit besuchte ich im Sommer gerne u.a. das oft in der Aula stattfindende Eröffnungskonzert der jährlich stattfindenden Greifswalder Bachwoche – ein klassisches Musikfest mit einer mittlerweile 80‑jährigen Tradition, das jedes Mal bis zu 10.000 Besucher verzeichnen kann. 1945 ins Leben gerufen, ist die Bachwoche das älteste Musikfestival in Mecklenburg-Vorpommern und fand seither ohne Unterbrechung jedes Jahr statt, sogar während der Corona-Pandemie und während des Bestehens der DDR. Außer durch Landesmittel wird das Festival seit der Wende auch von Kooperationspartnern aus der Wirtschaft getragen; hinzu kommen kirchliche Institutionen sowie Gelder der Hansestadt Greifswald und der Universität.

»Die Aula befindet sich im 1750 fertiggestellten Hauptgebäude der Universität Greifswald. (…) Die Säulen, die Empore und der hölzerne Skulpturenschmuck – Arbeiten des Stralsunder Bildschnitzers Jakob Freese – sind heute in ihrem originalen Erscheinungsbild restauriert.

(…) Schon im 18. Jahrhundert gab es einen Kronleuchter und eine Rokoko-Stukkierung. Die heutige Ausführung mit ausufernder Grisaille-Malerei stammt jedoch aus den 1950er Jahren.«

Quelle: uni-greifswald.de – »Die Aula der Universität Greifswald«

Ich halte es für durchaus möglich, dass die Schriftart auf dem Schild – entweder im Original oder als inzwischen ersetzte Replik – entweder tatsächlich noch aus der Zeit der Errichtung des Gebäudes stammt oder nachfolgend, bewusst deren Stil zitierend, angefertigt wurde. Denn obwohl die Buchstaben – von den dünnen Zierlinien zwischen n und g abgesehen – nicht flüssig miteinander verbunden sind, erinnern sowohl der Strichstärkenkontrast als auch die Verzierungen an das Schriftbild der sogenannten »Anglaise« oder »Englischen Schreibschrift«, wie sie Mitte des 18. Jahrhunderts als kalligraphische Zierschrift genutzt wurde. Falls kundige Typographen, die hier mitlesen, über ergänzende oder gegenteilige Informationen zur Einordnung der Schrift verfügen, freue ich mich über entsprechende Kommentare.

Betrüblich ist jedoch, dass die Universität in Greifswald mit ihren fünf Fakultäten (Theologische Fakultät, Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät, Universitätsmedizin, Philosophische Fakultät und Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät) aktuell von massiven finanziellen Kürzungen bedroht ist. Von den ca. 59.000 Einwohnern Greifswalds sind mehr als 10.000 Studierende an der bereits 1456 gegründeten Universität, die damit zu den ältesten in Deutschland zählt.

»(…) im Januar 2026 gab Rektorin Riedel bekannt, dass der Universität Greifswald im laufenden Haushalt fünf Millionen Euro fehlen. Daraufhin wurde ein pauschales Sparprogramm angekündigt, das alle Fakultäten gleichermaßen betrifft. Dazu gehören Wiederbesetzungssperren für frei werdende Stellen, die Reduzierung von Sachmitteln sowie die mittelfristige Veräußerung von Universitätsgebäuden.«

Quelle: Ostdeutsche Allgemeine – »80. Bach-Woche von Debatte um Schließung des Instituts für Kirchenmusik überschattet«

Aufgrund der finanziellen Defizite hat die Universität im Juni 2026 z.B. einen Einschreibungsstopp für die Fächer Musik und Musikwissenschaften für das Wintersemester 2026/27 verhängt, sodass keine neuen Erstsemester mehr in diesen Bereichen aufgenommen werden. Auch die Zukunft des Instituts für Kirchenmusik an der Uni, das die Greifswalder Bachwoche maßgeblich mitorganisiert, steht im Rahmen des Kostendrucks zur Debatte. Parallel gibt es Presseberichten zufolge immerhin die Zusage, dass jeder Student sein begonnenes Studium beenden kann. Ebenso sind wohl betriebsbedingte Kündigungen der Mitarbeiter derzeit nicht geplant.

Die Gelder für die Universität werden zum Großteil aus Landesmitteln im Rahmen der Hochschulfinanzierung bereitgestellt. Da aber auch der Landeshaushalt im laufenden Jahr Online-Quellen zufolge bereits ein Haushaltsloch von ca. 400 Millionen Euro ausweist, werden Hochschulen wohl landesweit von der knappen Finanzsituation betroffen sein. Bis Ende des Jahrzehnts soll das Haushaltsdefizit des Landes sogar auf bis zu 1,1 Milliarden Euro ansteigen.

Ob die Kürzungen tatsächlich alle Fakultäten gleichermaßen betreffen werden, bleibt abzuwarten. Denn in den letzten Jahren war – zumindest aus meiner Sicht – generell eine diffuse, aber wachsende Abwertung der geisteswissenschaftlichen Disziplinen gegenüber den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu spüren. Diese Sichtweise kann auch dazu führen, dass Studiengänge mit einer vermeintlich geringeren »Wertschöpfung« eher dem Rotstift zum Opfer fallen.

»Forschung ist kein Selbstzweck. Forschung muss zu Wertschöpfung, Produktion und Innovation in Deutschland und in Europa führen.«

Bundeskanzler Friedrich Merz anlässlich der Übergabe des Jahresgutachtens 2026 der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) am 11.02.2026 in Berlin

»Nowadays people know the price of everything and the value of nothing.«

Oscar Wilde (1854–1900) – Lord Henry in »The Picture of Dorian Gray«

Es liegt mir fern, hier im Blog politische oder gesellschaftlich kontrovers diskutierte Aspekte im Umfeld der präsentierten typographischen Fundstücke allzu sehr zu vertiefen. Dennoch würde ich mir wünschen, dass die Geisteswissenschaften wieder stärker geschätzt würden – auch wenn ihre Erkenntnisse, Forschungsgegenstände, Themen oder kulturellen und intellektuellen Beiträge weniger monetarisierbar scheinen und ihr Wert oft eher im Immateriellen liegt. Aber vielleicht trägt ja gerade der in vollem Gange befindliche KI-Boom (Hype?) dazu bei, das Blatt wieder zu wenden. Denn viele Kompetenzen, die auch in geisteswissenschaftlichen Disziplinen eine große Rolle spielen – wie kritisches Denken, die Fähigkeit zur analytischen Durchdringung komplexer Probleme und zum Aufzeigen geeigneter Lösungswege, die differenzierte Bewertung von (auch mittels KI erstellten) Quellen, Texten und sonstigen Materialsammlungen und nicht zuletzt Kreativität – werden zunehmend den sogenannten »Future Skills« zugerechnet. Dieser Begriff bezeichnet Kompetenzen und Wissensbereiche, denen angesichts der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts besondere Bedeutung beigemessen wird.

Und nun noch ein kleiner Exkurs zu den Bachwochen und der Person ihres Namensgebers: Sowohl unter Musikern und Komponisten als auch bei Musikfreunden und Hörern klassischer Musik landet Johann Sebastian Bach bei Umfragen und Statistiken heutzutage regelmäßig unter den Top 3. So wurde der Barockkomponist von 174 lebenden Komponisten in der Dezemberausgabe 2019 des BBC Music Magazine zum größten Komponisten aller Zeiten gewählt. Auch in der Streaming-Statistik im Bereich Klassik bei Spotify für das Jahr 2020 rangierte Bach mit 7,2 Millionen Hörern pro Monat auf dem ersten Platz. Jeder kennt Bach. Er ist fester Teil der Musik- und Popkultur, seine Werke werden für Werbespots und Film-Soundtracks genutzt und kommen regelmäßig auf Konzertpodien in aller Welt zu Gehör. Doch nur wenige wissen, dass das nicht immer so war. Zwar wurde er bereits zu Lebzeiten als Organist und Musikgelehrter geschätzt und von Komponistenkollegen respektiert, doch war er bei weitem nicht so populär wie heute. Nach seinem Tod im Jahr 1750 geschah etwas aus heutiger Sicht Unglaubliches: Sein Werk verschwand für nahezu 80 Jahre aus dem aktiv aufgeführten Repertoire. Der gefragte musikalische Stil hatte sich geändert, wurde eingängiger, leichter und empfindsamer. Bachs Musik hingegen wirkte überladen, komplex und altmodisch (siehe unten stehendes Zitat des deutsch-dänischen Komponisten und Musikkritikers Johann Adolph Scheibe, eines Zeitgenossen J. S. Bachs). Seine Kompositionen wurden zwar weiterhin in der Musikwelt studiert und gewürdigt, darunter von Haydn, Mozart und Beethoven, und auch im kleineren Kreis intellektueller »Salons« diskutiert und aufgeführt, aber im Kulturleben der breiten Öffentlichkeit spielte seine Musik über Jahrzehnte nahezu keine Rolle mehr. Erst mit der Wiederaufführung der Matthäuspassion auf Initiative Felix Mendelssohn Bartholdys am 11. März 1829 in Berlin wurde ein regelrechtes »Bach-Revival« losgetreten, das bis heute nachhallt und der Genialität, Tiefe und Schönheit dieser Musik neue Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ.

»Dieser grosse Mann würde die Bewunderung ganzer Nationen seyn, wenn er mehr Annehmlichkeit hätte, und wenn er nicht seinen Stücken durch ein schwülstiges und verworrenes Wesen das Natürliche entzöge, und ihre Schönheit durch allzugrosse Kunst verdunkelte. (…) Die Schwülstigkeit hat [ihn] von dem Natürlichen auf das Künstliche, und von dem Erhabenen auf das Dunkle geführet; und man bewundert (…) die beschwerliche Arbeit und eine ausnehmende Mühe, die doch vergebens angewendet ist, weil sie wider die Natur streitet.«

Quelle: Johann Adolf Scheibe – »Der Critische Musicus«, Band I (1737)

Doch hätte dieses Revival damals auch dann stattgefunden, wenn die Veranstalter ohne Mendelssohns dokumentierte Beharrlichkeit allein darauf geblickt hätten, mit welchen Programmen von welchen Komponisten sie ihre Häuser nur mit Blick auf den Kartenverkauf und einen maximal erwartbaren Umsatz hätten füllen können? Ich lasse die Frage mal offen. 🤓 🔠 🎼

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Ich mag auch gut gemachte Visualisierungen der verschiedenen Stimmen in Bachs Werken. Sie machen die darin verborgene »Mathematik« auch für musikwissenschaftliche Laien auf intuitive Weise viel erfassbarer, als es beim reinen Zuhören möglich ist.