verknallt in Schrift und Buchstaben

21.08.2026

Eine der größten Mythen des Online-Zeitalters ist aus meiner Sicht der Satz »das Internet vergisst nichts«. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall – das Internet vergisst eine ganze Menge und es wird jeden Tag mehr. Die Zahl der »dead links« ist Legion. Jeden Tag verschwinden Websites, Informationen, Blogs, Newsmeldungen, Videos oder Fotos, weil sie »veraltet« sind, Verträge auslaufen, ein »Relaunch« ansteht, Seiten bewusst abgeschaltet werden oder auch, weil die für Inhalte verantwortlichen Menschen sterben. Ich vermute, genauso zahlreich ist die Menge der Informationen, die es gar nicht erst »ins Internet geschafft haben«. Allein aufgrund der schieren Menge des Materials, das sich im Laufe der Menschheitsgeschichte in analoger Form angesammelt hat, ist noch lange nicht alles Wissens- und Erhaltenswerte digitalisiert, erfasst oder dokumententiert und wird es vielleicht auch niemals sein.

Ich merke dies oft, wenn ich anfange, zu bestimmten Fundstücken – wie dem heutigen – zu recherchieren und finde … nahezu nichts. Weder in Urkunden oder Namenslisten, in digitalisierten Medienarchiven, Facebookgruppen, auf Online-Gebrauchtmärkten noch im »Internet Archive«. So auch wieder geschehen beim heutigen Exemplar, das wie am vergangenen Montag, aus Tangermünde stammt.

Die anscheinend aus Holz ausgesägten, handgefertigten Buchstaben weckten durch verschiedene Details meine Aufmerksamkeit. So etwa das auffällige »altmodische« ӡ im Vornamen, die abgerundeten »Stummel« am Fuß von F, i, t und n, oder der tropfenförmige i-Punkt in dem ansonsten recht kantigen Zeichenumfeld. Worin das Business des vermuteten Geschäftsinhabers Fritz Jung bestand, wird weder in der Beschriftung enthüllt noch ließ sich online dazu irgendetwas herausfinden. Auch zu dem schmucklosen, wenngleich wohl schon älteren Gebäude gab es keine auffindbaren Daten bezüglich des Baujahrs oder früherer Inhaber*innen.

Zwar entdeckte ich auf eBay ein Angebot, in dem die Kopie eines gedruckten Werbezettels für einen »Lkw-Pritschenanhänger E 2 H«, »Hersteller: Fa. Fritz Jung Tangermünde« angeboten wird, aber weitere Informationen nennt der Verkäufer nicht. Und in einer Traueranzeige schließlich vermelden Angehörige leider den Tod eines 84-jährigen Fritz Jung im Februar 2008. Ob aber dieser Verstorbene in Zusammenhang mit dem Ladengeschäft steht, bleibt offen. Damit fand dann meine Recherche ihr Ende. Weiteres hätte ich vermutlich nur außerhalb des Netzes aufspüren können, etwa in lokalen Archiven oder Bibliotheken.

Zeitlich würde ich die Beschriftung auf jeden Fall vor 1950 datieren, allein schon aufgrund des altertümlichen ӡ. Wollte man die Lettern ein wenig geraderücken, etwas gefälliger gestalten oder einander harmonischer angleichen, böte sich dazu die Schriftart »Dabi Regular« des indonesischen Designers Habaab El Fath alias Tafleh an, die eine sehr ähnliche Anmutung hat, wenngleich ohne die kurzen »Haken« an den unteren Enden der Buchstaben. Aber ansonsten kommt sie dem Vorbild ziemlich nahe, finde ich.

Trotzdem weiß das Internet natürlich sehr viel. Insbesondere die Schwarmintelligenz unter meinen Followern und Followees auf Social-Media-Plattformen begeistert mich immer wieder. Und vielleicht schwärmt ja eine(r) hier rein von jenen, die mehr über Fritz Jung aus Tangermünde wissen, dessen Name an einem Haus in der Altstadt an einen Menschen erinnert, der dort einst seine Geschäfte führte. 🤓 🔠 🕵️‍♂️

1 Kommentar

  1. Sista_Ray

    Mein Tipp: Digitalisierte Adressbücher – ich finde einen Schmiedemeister mit Kohlen- und Eisenwarenhandlung. 1937 hatte die Straße den üblichen Namen für eine der Hauptstraßen.

    https://t1p.de/fritzjung

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