Schon wieder eine schöne Einreichung aus dem Kreise meiner Blogleser – und schon wieder aus Stendal, wo ich in der Nähe des Hauptbahnhofs auch mein Fundstück vom letzten Freitag entdeckte.
Die eingereichte Beschriftung befindet sich an einem Gebäude, das um die Jahrhundertwende entstanden zu sein scheint und als Baudenkmal geschützt ist. Etwa zwischen 1909 und 1913 eröffnete darin unter dem Inhaber und Gründer Paul Schlobach an der Adresse Hohe Bude 12, Ecke Uchtstraße die »Erste Stendaler Dampfwäscherei, Kunstfärberei, Chemische Reinigungs-Anstalt und Plisseebrennerei«. Das Haus ist in gut erhaltenem Zustand und auch die typographische Wandmalerei macht einen sorgsam restaurierten und bestens erhaltenen Eindruck. An der Fassade links gibt es einen weiteren restaurierten Schriftzug mit dem Text »Geschw. Schlobach«, der z.B. bei Google Maps dokumentiert ist. Oberhalb des Eckportals befindet sich unterhalb der Dachkante ein rundes Reliefornament mit den Initialen »FM« – sicherlich ein Hinweis auf den Bauherrn und damaligen Verpächter Fritz Müller, von dem Schlobach das Haus 1913 gekauft haben soll.

Zur besseren Betrachtung der großen Wandmalerei habe ich das Werbemotiv isoliert und vergrößert rekonstruiert. Es fällt auf, dass nicht nur in jeder Zeile die Schriftart anders aussieht, sondern es wird auch eindeutig erkennbar, dass alle Buchstaben von Hand gemalt wurden. In der ersten Zeile sind die Enden der Striche abgerundet, die zweite Zeile besitzt Verzierungen und breite Serifen (sie erinnert an die zeitlich ähnlich datierte Schrift auf dem Firmenschild eines nicht weit von Stendal entfernten Landhandels aus einem früheren Beitrag). Einige Anfangsbuchstaben sind fetter angelegt als der Rest der nachfolgenden Wörter, in der fünften Zeile sitzen die Initialen sogar bewusst unterhalb der Grundlinie. Bei manchen Vorkommen der Buchstaben a, e, f, r, s und t sind die Strich-Enden abgeschrägt, bei anderen gerade, in den meisten Wörtern haben die Zeichen deutlich eckige Konturen, bis hin zu den steil ansteigenden Schultern bei h, n und r, an anderer Stelle sind sie wieder runder. Ähnliche Formen dokumentierte ich hier auch schon einmal auf dem alten Firmenschild einer Kohlenhandlung in Stralsund.

Ein buntes Potpourri also an Stilen und Formmerkmalen, was aber in der Zeit der Eröffnung des Betriebes gang und gäbe war. In der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung etwa sind komplette Jahrgänge historischer Tageszeitungen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert digitalisiert abrufbar und auf den Seiten mit gewerblichen Annoncen bietet sich darin typographisch ein ganz ähnliches Bild: Es dominieren schmale Typen, die im Verhältnis zu ihrer Größe viel Text pro Zeile zulassen und die Schriftarten wurden munter kombiniert und gewechselt. Hier ein Beispiel aus dem Jahr 1912:

Zur Geschichte der Wäscherei kann man einiges in einem lokalen Presseartikel der »Volksstimme« vom 05. September 2012 nachlesen.
»Etwa 50 Wäscherinnen, Fahrer und Handwerker waren in den 1930er und 1940er Jahren im Dienste der sauberen Wäsche bei Schlobachs angestellt. Aber wie so oft veränderte auch hier der Krieg vieles. Die sowjetische Armee übernahm nach Kriegsende die Wäscherei. (…) Was blieb, war der Name. Bis zur Wende nutzte das Sowjetmilitär die Wäscherei für die Uniformen der Soldaten. (…) 1993 schließlich wurde die Wäscherei endgültig geschlossen.«
Quelle: volksstimme.de – »Wo Altmärker ihre Wäsche waschen ließen«
Zu einer aus heutiger Sicht kuriosen unternehmerischen Synergie aus den blühenden Anfangsjahren der Wäscherei fand ich ergänzend noch ein Posting in einer Facebook-Gruppe:
»Auf dem Hof der Wäscherei von Paul Schlobach, der die Wäscherei 1913 von Fritz Müller kaufte, war eine Dampfmobile installiert, die heißes Wasser und den Dampf lieferte. Somit stand kontinuierlich Heißwasser zur Verfügung, was die Betreiber auf die Idee brachte, ein Wannenbad im Gebäude der Mittelstraße zu etablieren. Deshalb führt das Gebäude in der [beachbarten] Mittelstraße 1 den Namen ›Victoriabad‹.«
Quelle: Zitat aus einer Stendaler Tageszeitung, via User Joachim Kraatz in der Facebook-Gruppe »Stendal – Meine Heimatstadt«
Auch das historische Gebäude des Victoriabades existiert an der genannten Adresse in Stendal noch immer.
Nach der Schließung der Wäscherei folgte offenbar ein längerer Leerstand. Im Zuge der im o.g. Artikel erwähnten Renovierung jedoch wurde das Gebäude schließlich mit barrierefreien Mietwohnungen ausgebaut und im Frühjahr 2012 zog ein Gastronomiebetrieb (»Bistro Regional«) in die Gewerbeflächen ein, der aber gut zwei Jahre später bereits wieder schloss. Auch dem 2018 nachfolgenden Café »Lavanderia« mit Kuchenbäckerei war leider kein dauerhafter geschäftlicher Erfolg vergönnt – 2023 musste die Gründerin den Betrieb wieder aufgeben.
Hoffen wir, dass dem nachfolgenden Gewerbe, das hier vielleicht bald einzieht, mehr Glück beschieden ist. Das schöne Haus hätte es verdient. 🤓 🔠 🧺 🫧

Schreib einen Kommentar