Die Schriftart, um die es im aktuellen Fundstückfoto geht, war bereits vor einigen Wochen schon mal Gegenstand eines Beitrags. Damals begegnete sie uns auf der Markise eines erzgebirgischen Souvenirgeschäfts am Berliner Gendarmenmarkt. Welche Schrift sich ein Ladenbesitzer für seine Außenwerbung aussucht, ist seine freie Entscheidung. Dass ich dieselbe Type nun aber an einem offiziellen Bushäuschen sah, verwunderte mich dann doch ein bisschen. Ich hätte gedacht, dass in Deutschland, dem Land der »überbordenden Bürokratie« (so they say), der im Treppenhaus aushängenden Kehrwochenpläne und der mannigfaltigen DIN-Normen (hoch lebe Walter Porstmann!) strengstens geregelt ist, wie Bushäuschen gekennzeichnet werden dürfen – und wie nicht. Aber offenbar ist dem entweder nicht so oder am Ort der Beobachtung haben sich unbemerkt Chaos und Anarchie breitgemacht.
Das Objekt der vermuteten typographischen Rebellion steht in dem kleinen Ort Düpow im Norden Brandenburgs am Rande der Ortsdurchgangsstraße – und zwar gleich in doppelter Ausführung, nämlich in beiden Fahrtrichtungen. Die Bemalungen der sogenannten »Fahrgastunterstände« wurden 2021 und 2022 umgesetzt. Laut Ortsvorsteher André Kenzler »… soll durch die Gestaltung mit lebensecht wirkenden Figuren erreicht werden, dass die Autofahrer dort vorsichtiger fahren.«

Vielleicht kommt dem/der einen oder anderen meiner Leser*innen mit Erfahrung bei der Nutzung von Apple-Computern die Schrift auf der Seitenwand vage bekannt vor. Das liegt daran, dass der Font seit 1984 unter dem Namen »Chicago« von Anfang an fester Bestandteil des legendären Apple-Macintosh-Betriebssystems war und als Schrift für Menüpunkte und Textmeldungen des mausgesteuerten, grafischen User-Interfaces weltberühmt wurde. Erdacht und gestaltet wurde sie 1983 von der US-amerikanischen Grafik-Designerin Susan Kare, die auch die zahlreichen Icons für den Macintosh entwarf, wie den freundlichen Begrüßungs-Mac nach dem Einschalten des Rechners oder die funkensprühende Bombe bei einem kritischen Systemfehler.
Von 1984 bis 1991 – vor der ins System integrierten Einführung auch auf dem Bildschirm beliebig skalierbarer vektorbasierter Schriftarten – existierte die »Chicago« lediglich als pixelbasierte Schrift in der Ausgangsgröße 12 pt. Wurde sie größer oder kleiner verwendet, wurden die Pixelklötzchen einfach proportional mitskaliert. Unser Bushäuschen würde in dieser Ur-Version der »Chicago 12« also ein wenig anders aussehen.

1991 lieferte Apple die Betriebssystem-Version »System 7« aus und implementierte in diesem Zuge, in Verbindung mit weiteren Verbesserungen der Grafik-Performance des Rechners, den Font in der damals neuen TrueType-Technologie, mittels der die Konturen von Schrift in Echtzeit und mit beliebiger Größe und Auflösung – nicht nur bei der digitalen Druckausgabe, sondern auch auf Bildschirmen – glatt und ohne Pixeltreppen gerendert werden konnten. Zu diesem Zweck wurde die Schrift komplett von den Designer*innen Charles Bigelow und Kris Holmes neu gestaltet. Dabei nahmen alle Zeichen der neuen »geglätteten« Version denselben Raum ein und hatten auch dieselben Buchstabenabstände wie zuvor, sodass man einen Text von »Chicago 12« zu »Chicago« (TrueType) umformatieren könnte, ohne dass er neu umbrochen würde. Der Pixel-Look wurde zwar durch geometrisch konstruierte Kurven ersetzt, der rechteckige Computer-Look der Schrift dabei jedoch weitgehend beibehalten.
Diese aktualisierte Version der »Chicago« ist auch jene, die außen auf dem brandenburgischen Bushäuschen prangt.

Mittlerweile (seit 1996) ist die smoothere »Chicago« aus dem User Interface der Apple Macs verschwunden. Sie wurde mit der Einführung von »System 8« durch die gefälligere und besser lesbare Schriftart »Charcoal« ersetzt. Die »Chicago« überlebte in Form der in macOS enthaltenen thailändischen Systemfonts »Krungthep« und »Silom«, deren lateinische Buchstaben nach wie vor ihrer Vorfahrin entsprechen. Die Thai-Glyphen der »Krungthep« wurden im gleichen grafischen Stil wie die restlichen Schriftzeichen gestaltet.
Hätte der ländliche ÖPNV-Unterstand auch dieses Apple-Systemupdate mitgemacht, sähe die Inschrift in der Schrift »Charcoal« wie folgt aus. Besser lesbar ist sie, aber auch ein bisschen langweiliger:

Update, 17.07.2026
Ich hatte ganz vergessen, zu erwähnen, dass die »Chicago 12«-Pixelschrift zehn Jahre nach dem Ende ihrer Karriere als Apple-Mac-Systemschrift im Jahr 2001 ein Comeback als Interface-Font des Apple iPod der 1. Generation feierte. Wer sich noch erinnert oder gar eins der Geräte aufgehoben hat – es ist nicht nur ein Stück Technikgeschichte, sondern auch »a font museum in your pocket.« 🙂

Tatsächlich gelten für das äußere Erscheinungsbild bzw. die Kennzeichnung offizieller Bushaltestellen des Schulbus- und Linienbusverkehrs offenbar keine bundesweit verpflichtenden Vorschriften, sondern »nur« für die bauliche Umsetzung und die Barrierefreiheit. In der kostenpflichtigen Publikation »Empfehlungen für Anlagen des öffentlichen Personennahverkehrs« (EAÖ), herausgegeben von der »Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen e.V.« und dem »Verband Deutscher Verkehrsunternehmen e.V.« (VDV) finden sich lediglich Mindestanforderungen:
»Jede Haltestelle im Straßenraum muss mit dem entsprechenden Zeichen 224 StVO gekennzeichnet sein, das auf einem quer zur Fahrtrichtung angeordneten Schild anzubringen ist. Es muss folgende Informationen an die Fahrgäste übermitteln:
Quelle: ABES S. à r. l. – Info-Seite »Haltestellen gestalten«
- Haltestellenname mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
- Liniennummer mit Zeilenhöhe von mindestens 50 mm,
- Verkehrsmittelpiktogramm mit Höhe von 50 mm,
- Zielhaltestelle bzw. Linienende mit Zeilenhöhe von mindestens 30 mm.«
Bei dem »Zeichen 224 StVO« handelt es sich um das allgemein geläufige kreisrunde Verkehrszeichen mit grünem »H« auf gelbem Grund und mit breitem grünen Rand. Das Schild hat üblicherweise eine von vier Größen, und zwar Ø 420 mm (für Geschwindigkeitsbereiche bis 20 km/h), Ø 600 mm (Standardmaß, für Geschwindigkeiten bis 80 km/h), Ø 750 mm (für Abschnitte mit mehr als 80 km/h) und – als Ausnahme – Ø 350 mm (bei nachweislich beengten Platzverhältnissen).

Und natürlich sind auch die Farbtöne vorgegeben: Für das »H« sowie den äußeren Rand des Schildes ist Verkehrsgrün (RAL 6024) festgelegt, für den kreisrunden Hintergrund des Schildes muss Verkehrsgelb (RAL 1023) genutzt werden. Zusätzlich können weiße Zusatzschilder mit Haltestellennamen oder Linien mit einer Beschriftung in Verkehrsschwarz (RAL 9017) angebracht werden. Dementsprechend ist natürlich neben jedem unserer beiden dörflichen Unterstände ein separater Mast installiert, der diesen Anforderungen entspricht und ein solches Schild, inklusive einem gelb gerahmten Fahrplanaushang, trägt.
Und damit ist klar, dass in Düpow typographisch keinesfalls »Sodom und Gomorrha« an den Bushaltestellen herrschen, sondern lediglich bestehende Freiräume kreativ ausgenutzt wurden.
Susan Kare, Charles Bigelow und Kris Holmes würden sich freuen. 🤓 🔠 🚏 🚌
Schreib einen Kommentar