Einreichungen, Einreichungen … das geht hier derzeit wie’s Brötchenbacken. Wobei – heute sollte ich eigentlich sagen »wie’s Bierbrauen«, denn das diesmal behandelte historische Fundstück stammt von einer Brauerei. Eingereicht hat es erneut Marco Kany, von dem bereits das Objekt für den Beitrag am 02. Oktober stammte.

Die Brauerei »L’Espérance« ist eine elsässische Brauerei und seit 1862 in Schiltigheim, einer Nachbarstadt von Strasbourg im Departement Bas-Rhin, ansässig. Sie wurde 1746 in Strasbourg gegründet und gehört heute zur Heineken-Gruppe. Bekannt ist sie mittlerweile vor allem für die Herstellung der Biersorten »Edelweiss«, »Fischer« und »Heineken«.

Das Emailleschild stammt laut Datierungen auf Online-Auktionsplattformen und -Sammlermärkten aus den 1960er-Jahren und bewirbt die damalige Traditions-Biermarke des Hauses, »Ancre« – ein helles Pils mit einem Alkoholgehalt von 4,5 %, das bereits 1867 und 1878 jeweils mit einer Goldmedaille der Jury der »Exposition Universelle Internationale« (Weltausstellung) in Paris ausgezeichnet wurde. Es wird bis heute von der Brauerei Heineken produziert.

Um zu prüfen, ob die Schriftart auf dem Schild eine kommerzielle Type ist oder eigens gestaltet wurde, habe ich verschiedene Abbildungen im Netz recherchiert und die isolierten Schriftzüge einander zum Vergleich gegenübergestellt. Man erkennt am e, dass die beiden Zeilen in jedem Fall verschiedene Schnitte derselben Schrift darstellen: oben »Regular« und unten »Condensed«.

Die Abbildungen in der linken Spalte gehören alle zu einer Variante, bei der das Wort »Bière« mit weniger Zeichenabstand gesetzt ist als in der rechten Spalte; zudem ist die untere Zeile darin proportional etwas größer skaliert, der Accent grave hat einen steileren Winkel, der Innenraum des a ist größer und auch der »Arm« des r in »Bière« hat in den drei linken Motiven eine andere Form und einen flacheren Winkel.

Und es gibt noch weitere Unterschiede: Die Breite des i-Punkts, die Zeichenbreite und Strichstärke des E, in Bild 4 hat das Schluss-e in der ersten Zeile einen Knick im unteren Bogen, rechts sind sämtliche e-Bögen offener als links usw. Meine Vermutung wäre, dass entweder eine existierende Schriftvorlage für verschiedene Auflagen der Schilderproduktion mit reichlichen Freiheiten nachgezeichnet wurde oder die Vorlage an sich bereits ein freier Entwurf war. Eine exakte Entsprechung für die Schriftart konnte ich jedenfalls nicht ausfindig machen, weiterführende Tipps oder Links nehme ich natürlich gerne entgegen.

Vom Charakter her haben die Buchstaben viel mit den sogenannten »Didone«- oder klassizistischen Antiqua-Schriften gemein, insbesondere den extremen Strichstärkenkontrast. Die bekannteste dieser Schriften ist wohl der Klassiker »Bodoni« (Giambattista Bodoni, um 1790), die es in ’zig Varianten und Schnitten zu kaufen gibt. Dennoch besitzen die Schriftvertreter dieser Kategorie etwas, das auf dem fotografierten Schild fehlt: Serifen. Doch nimmt man aus dieser Kategorie z. B. die formal sehr ähnliche Serifenschrift »Fenice Ultra« (Aldo Novarese, Berthold/ITC, 1977–1980) und schneidet die Serifen einfach frech ab, nähert sich die Anmutung dem Biermotiv deutlich an. Ich fand die Umsetzung des r in dem Werbeschild ohnehin nicht sonderlich stimmig und habe dies daher in einem zweiten Anflug von Verwegenheit gleich nach meinem Geschmack mit angepasst.

Unten: Der Schriftzug in der ihrer Serifen entledigten Fenice Pro Ultra inklusive adaptiertem r.

Gleichwohl gibt es einige historische und moderne Schriften, die einen ähnlichen Charakter wie die Gerstensafttype haben, auch wenn sie m. E. wiederum zu sehr abweichen, um als 1:1-Blaupause infrage zu kommen: Vermutlich hat die »Binner« (Joseph W. Phinney, ATF, 1899 bzw. John F. Cumming, URW, um 1992) genauso dafür Pate gestanden wie die »Britannic Bold« (Wagner & Schmidt/Stephenson Blake, 1905). Und auch die zeitgenössische »Beausite Grand Black« (Yassin Baggar, Fatype, 2014) zeigt Verwandtschaft zum heutigen Fundstück.

Zum Schluss schaute ich mich noch etwas im Web um, ob ich vielleicht für die »Condensed«-Zeile eine deckungsgleiche kommerzielle Schrift finde. Hab ich zwar nicht, aber dafür entdeckte ich nicht nur eine richtig schicke entfernte, moderne Verwandte, sondern auch gleich eine mir bislang unbekanntes Type-Foundry mit sehr spannenden, schönen und besonderen Schriften: Tour de Force aus Serbien, 2009 gegründet von Vater und Sohn, Slobodan und Dušan Jelesijević. Dort begegnete mir deren fabelhafte Schriftart »Fazon« – und vor meinem geistigen Auge sah ich sofort eine damit umgesetzte, modernisierte Variante des Brauereischildes. Auch über solchen Beifang bei der Recherche freue ich mich immer wieder.

In diesem Sinne … Prost (oder besser: Santé!). 🤓 🔠 🍺


Update: Ein Kommentar der Blogleserin @FUrsprung@troet.cafe auf Mastodon fügte dem Beitrag noch interessanten Kontext zur Benennung und Symbolik sowohl der Brauerei als auch des Bieres (»Ancre«) hinzu:

»Christlich-nerdige Ergänzung dazu:
Dass das Bier namens Hoffnung (Espérance) ausgerechnet einen Anker als Symbol/Logo hat, geht auf sehr alte Tradition zurück: Schon seit der frühen Christenheit steht der Anker für Hoffnung (verbunden mit Standfestigkeit und Vertrauen). Die christlichen Grundtugenden Glaube. Liebe, Hoffnung werden oft durch Kreuz, Herz und Anker dargestellt, manchmal verschmolzen zu einem Symbol.«

Die deutsche Bibelstelle dazu ist vermutlich vielen bekannt:
»Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.« (1.Korinther 13,13). In der französischen Bibelübersetzung heißt es »Maintenant donc ces trois choses demeurent: la foi, l’espérance, la charité; mais la plus grande de ces choses, c’est la charité«.

Das verschmolzene bildliche Zeichen aus Kreuz, Herz und Anker als Symbole dieser drei Tugenden hat sogar einen Namen, seit es 1924 von dem französischen Künstler René Georges Hermann-Paul als Auftragsarbeit in eine ikonische Gesamtform übertragen und durch den Schmied Joseph Barbanson als eisernes Kunstobjekt angefertigt wurde: Als »Kreuz der Camargue« ziert es seither die Fassade der Kirche Notre-Dame-de-la-Mer in der historischen Hauptstadt der Camargue, dem kleinen Küstenstädtchen Saintes-Maries-de-la-Mer an der Côte d’Azur.

Foto: Giuliano56, via Wikimedia Commons, digital optimiert | Public Domain (CC0)