Ob absichtlich oder ungewollt, so manches Fundstück hat bisweilen eine skurrile, schräge oder amüsante Anmutung bei der Botschaft oder Gestaltung. In dieser Kategorie sammle ich allerlei solcher Beispiele.
Es ist Montag und da gibt es wieder ein typographisches Bonbon zwischendurch. Diesmal erspäht auf dem Außengelände der »Zitadelle Spandau«. Ein funktionsfähiges Telefon ist zwar in dieser Kabine nicht mehr installiert, aber um so schöner fand ich es, dass das knallrote Häuschen als historisches Telekommunikationsdenkmal dennoch weiterhin dort stehen darf. 🤓 🔠 ☎️
Am heutigen Datum, an dem dieses typographische Fundstück der Woche online geht, liegt der Sonntag zur Neuwahl der Hamburger Bürgerschaft nun schon wieder fast zwei Wochen zurück. Geknipst habe ich das Foto allerdings bereits zwei Tage nach dem Wahldatum. Einige Wahlplakate waren bereits abgehängt, viele mit Aufklebern und handschriftlichen Kommentaren übersät, manche zerknittert, abgefallen und verschmutzt oder sichtbar verwittert. Aber zwischen all diesen lädierten Exemplaren bemerkte ich dann dieses Detail auf einem ansonsten unversehrten Plakat (die Partei erkennt wohl jeder), für das keine Einwirkung von außen verantwortlich war, sondern allein ein namenloser »Gestalter«. Was soll ich sagen? »Wenn der Markt die Laufweite regelt« war der erste Gedanke, der mir in den Sinn kam … 🙃
Bei manchen Social-Media-Portalen gibt es die Möglichkeit für Verfasser, Textbeiträge und Bilder mittels »content warning« für sensible Betrachter vor dem gezielten Anklicken vorsorglich unkenntlich zu machen. LinkedIn bietet diese Option meines Wissens nicht, sonst hätte ich sie vielleicht genutzt … 🫣
Ich hoffe, Ihr verzeiht mir. 🤓 🔠
( Schriftart: Futura Bold in 100% Magenta auf 100% Gelb bzw. Papierweiß.)
Als typographisches Bonbon am Montag gibt’s heute eine Uhr. So kürzlich fotografiert bei schönstem Spätwinterwetter am Wegesrand während einer Besorgungstour in Hamburg-Wandsbek. Ich hatte den kleinen Vorteil, dass ich aufgrund der Schilder und Beschriftungen am Betriebsgelände schon wusste, wie das Unternehmen heißt, bevor ich die Uhr bemerkte. Insofern fiel es mir etwas leichter, den »Startpunkt« zu finden, bei dem ich zu lesen anfangen soll bzw. die zwei Wörter zu identifizieren, die nacheinander gelesen werden sollen.
Doch wenn jemand diese Vorkenntnisse nicht hat, braucht das Entschlüsseln des Zifferblattes und die Blickführung im Sinne des Absenders sicherlich mehr Zeit. Oder was sagt Ihr? 🤓 🔠 👀 🔄
Diese Woche stammt das typographische Fundstück der Woche aus dem Umfeld eines Baumarkts in Berlin-Spandau. Eigentlich wollte ich nur kurz »reinspringen« und ein benötigtes Werkzeug erstehen, doch auf dem Weg von der Bushaltestelle über den Parkplatz zum Haupteingang fielen mir sofort einige in den Außenarealen und an verschlossenen Zugängen angebrachte, handgeschriebene (!) Schilder auf. Zwei davon habe ich dann nach meinem Einkauf auf dem Rückweg fotografiert.
Ich erinnere mich noch gut, dass in meinen Kindertagen in den 1970er-Jahren und bis gut in die 2000er hinein in vielen Geschäften noch mit dickem Marker auf Neonpapier für Sonderangebote und Aktionsware geworben wurde. Durch die würfelzuckergroßen, eckigen Filz-Schreibspitzen der Stifte ergab sich ein charakteristischer, saftig-kalligraphischer Duktus der Buchstaben und Ziffern, aber darüber hinaus ließ mich die Ähnlichkeit der Schriftzüge über Orte und Geschäfte hinweg schon damals vermuten, dass es speziell für diese Art des Schreibens geschulte Mitarbeiter in den Läden geben musste. Und ich frage mich: War bzw. ist das so? Oder wurde in der Belegschaft einfach nach den Mitarbeitenden mit der jeweils lesbarsten individuellen Handschrift gesucht und diese Person dann zum Schilderschreiben »rekrutiert«
Hier in diesem Baumarkt jedenfalls arbeitet offenbar ebenfalls noch jemand aus dieser schreibenden Zunft. Und zumindest mir geht es so, dass ich solche derart zu Papier gebrachten Botschaften anders wahrnehme als es bei einem 08/15-Digitalausdruck mit derselben Botschaft wäre. Ich »spüre«, dass hier vor dem Aushängen ein Mensch gedacht, formuliert, geschrieben und mit Schrift gestaltet hat. Und ich mag dieses Gefühl. 🤓 🔠 🖍️ 📃
Hier kommen noch ein paar historische Impressionen aus deutschen Supermärkten der 1960er bis 1980er … insbesondere die »Blutwurst« im letzten Foto ist wunderschön geschrieben (jetzt hör ich aber auf) 😅
Das typographische Fundstück der Woche führte mich diesmal leider zu der Erkenntnis, wie weit fortgeschritten die Kontamination valider und korrekt formulierter Informationen durch die sogenannte »K.I.« aktuell bereits ist.
Ich selbst erkannte zwar gleich, dass die Schriftart auf dieser etwas nostalgisch anmutenden Plastiktüte des Fischhändlers meines Vertrauens hier in meinem Wohnviertel die »Windsor« ist, aber als ich einige ergänzende Informationen zu ihrem Ursprung recherchieren wollte, zuckte ich angesichts einer der Textquellen doch gequält zusammen.
Veröffentlicht wurde der Text auf der Website des Schriftportals www.myfonts.com, das zum führenden Schriftunternehmen Monotype gehört. In einer Melange aus schlecht automatisierter deutscher Übersetzung, mangelhaft (algorithmisch?) kuratierten Informationen und dem mir schon geläufigen, leicht umnachteten, breiig-beliebigen Formulierungsstil K.I.-generierter Texte heißt es dort:
»Windsor ist ein ungewöhnliches Design, das 1905 von Stephenson Blake entworfen wurde. Windsor ist eine kühne Schrift mit schweren, abgerundeten Serifen und starker diagonaler Betonung. Die Großbuchstaben M und W sind weit gespreizt, P und R haben sehr große obere Schalen. Die Kleinbuchstaben a h m und n der Windsor Font haben abgewinkelte rechte Stiele, e hat einen abgewinkelten Querstrich. Der Gesamteindruck ist freundlich und warmherzig. Verwenden Sie die Windsor Font in der Werbung, auf Plakaten und für allgemeine Displayarbeiten.«
Das ist zum einen falsch bzw. unvollständig, denn lt. Wikipedia und anderen Quellen heißt der Designer Elisha [Eleisha] Pechey – Stephenson Blake ist lediglich die Schriftgießerei, welche die Windsor 1905 (andere Quellen sagen 1903) nach dem Tode Pecheys auf den Markt brachte. Und auch der Rest des Textes (»allgemeine Displayarbeiten«) und der Übersetzung (»Stiele«) macht mich schaudern. Hier kann man sie besichtigen, die Zukunft maschinengenerierten, unverifizierten Contents, präsentiert von einem weltweiten Marktführer. Vielleicht ein Grund mehr, für den Schutz und die Finanzierung der Wikipedia angesichts allzu unkritischer K.I.-Propheten und Tech-Oligarchen einzutreten, z.B. mit einer Spende.
Und jetzt hör’ ich auch schon auf mit Krückstockfuchteln, denn eigentlich will ich ja in dieser Rubrik schöne und amüsante Dinge präsentieren. Der Fisch war übrigens vortrefflich – es war feines Seelachsfilet.
Ein sehr gut recherchierter, gut geschriebener und ausführlicher Beitrag zur Windsor mit vielen alten und neueren Designbeispielen findet sich hier:
Das typografische Bonbon zwischendurch ist heute ein wunderhübscher Schriftzug auf einem alten Buchrücken, insbesondere die beiden Unterzeilen gefallen mir sehr. Ich saß kürzlich beim Arbeiten im Homeoffice direkt davor. 🙂🤓🔠
Als typographisches Fundstück der Woche gibt es heute wieder etwas aus meinem Wohnort Hamburg, entdeckt in der Weidenallee an einem der dortigen zahlreichen kleinen inhabergeführten Lädchen.
Fotografiert habe ich das schon etwas verwitterte Schild einerseits, weil die Leserichtung vergleichsweise ungewöhnlich ist. Man findet vertikal angeordnete Beschriftungen ansonsten eher auf Schrifttafeln, die rechtwinklig zur Hausfassade angebracht sind, so dass Passanten sie bereits vom Gehweg aus einiger Entfernung lesen können, bevor sie direkt vor dem Gebäude stehen, gerne z.B. bei Hotels/Pensionen oder Gaststätten. In diesem Fall hier waren hingegen wohl die beschränkten Platzverhältnisse der Grund für das schmale Layout.
Der zweite Punkt, der mein Interesse weckte, war die ungewöhnliche Schrift, denn sie entspricht keiner der populären und leicht verfügbaren »eckigen« und breit laufenden Schriften, die mir als erste einfallen würden (Eurostile, Bank Gothic, Handel Gothic), und auch eine kompakte Schriftsuche mit Schlagworten und K.I.-Erkennungstools führte zu keinem Ergebnis. Vielleicht hat ja einer meiner Leser einen Hinweis – womöglich handelt es sich aber auch tatsächlich um einen eigens gezeichneten Schriftzug.
Wie auch immer, das Schild fällt ins Auge. Und das ist im Sinne des Inhabers ja letztlich das Wichtigste. 🙂 🤓 🔠
Und schon wieder ein typographisches Fundstück aus Berlin. Zum ersten Mal sah ich es vor etwa zwei Wochen im Vorbeifahren aus dem Fenster eines Busses, war aber leider nicht schnell genug, um einen Schnappschuss zu machen. Am vergangenen Wochenende nun führte mich mein Weg zufällig direkt an dem Gebäude vorbei und somit konnte ich das nachholen. Das Foto zeigt die Fassade des Standesamtes Friedrichshain-Kreuzberg in der Schlesischen Straße.
Die verwendete Schrift ist keineswegs spektakulär, vermutlich ist es eine geringfügig malträtierte (in der Breite gestauchte) Times, aber dennoch hat diese Beschriftung eine typographische Besonderheit. Wer findet es heraus? Die Auflösung habe ich unter dem Foto versteckt. 🤓 🔠
Kleines typographisches Bonbon zwischendurch: Die Lieblingsfigur aus der »Sesamstraße«, die ich als Kind hatte, war Graf Zahl. Und die Muppets insgesamt waren sowieso grandios. Deshalb folge ich auf einem meiner privaten Social-Media-Kanäle dem Account »Muppet GIF of the Day«. Das GIF vom vergangenen Freitag zeigte eben jenen Grafen und im Hintergrund eine Zahlenreihe mit einer ziemlich extravaganten 4.
Ich konnte zwar nicht herausfinden, welche Schriftart das ist, aber das minderte mein Entzücken nicht im Mindesten. 🙂 🤓 🔠
So, heute wird’s mal richtig nerdig beim typographischen Fundstück der Woche. Denn wie kann eine Schriftart, die erst 1952 entstand, trotzdem schon über einen Zeitraum von 450 Jahren populär sein?
Anstoß eins für dieses Posting: Ich liebe Science-Fiction-Filme und -Serien. Anstoß zwei: Nicht nur mir fiel nach und nach auf, dass sich eine bestimmte Schriftart (bzw. ihr Vorfahre) seit Jahrzehnten in diesem Genre ungebrochen großer Beliebtheit erfreut. Es gibt Websites mit langen Listen der Filme, in denen diese Schriftart vorkommt¹.
Im Jahr 1952 entwarfen die italienischen Designer Alessandro Butti und Aldo Novarese eine futuristisch anmutende Schrift mit dem Namen »Microgramma«, deren Buchstabenformen an die abgerundete rechteckige Kontur eines Fernsehbildschirms erinnern². Die Schrift war ursprünglich nur als »Display Font« für kurze Beschriftungen und Überschriften gedacht und besaß daher weniger Schriftzeichen als eine vollständige Schrift für den Satz längerer Texte. 10 Jahre später erweiterte Novarese die Schrift dahingehend, verfeinerte das Design minimal und gab der Schrift den Namen »Eurostile«³. Schon kurz darauf, ab etwa Mitte der 1960er Jahre, waren beide überall dort ausgesprochen beliebt, wo Typographie modern, wissenschaftlich, minimalistisch, technisch oder fortschrittlich wirken sollte. Der erste Blockbuster, in dem die Schrift auftaucht, war vermutlich Stanley Kubricks »2001« aus dem Jahr 1968. Und die Liste der weiteren Filme seither ist lang – hier nur ein Auszug:
2001 – Odyssee im Weltraum (1968)
THX 1138 (1971)
Dark Star (1973)
Star Trek – Der Film (1979)
Zurück in die Zukunft (1985)
Die Fliege (1986)
Alien 3 (1992)
Starship Troopers (1997)
WALL·E (2008)
Total Recall (2012)
Star Trek Discovery (2017)
Star Trek Picard (2023)
Mich interessierte nun: Bis zu welchem Jahr in der Zukunft reichen die fiktiven Handlungen der Filme, in denen diese Schriftart auftaucht? Nach meinen Recherchen aktuell bis ins Jahr 2402 – genau 450 Jahre nach ihrem Entstehungsjahr: In Staffel 3 der Serie »Star Trek Picard« trägt das Raumschiff U.S.S. Titan (NCC-80102-A) am Heck seinen Namen in dieser Schrift.
In meiner kleinen Bildergalerie habe ich einmal einige der Werke sowohl mit dem Jahr ihrer Entstehung als auch ihrer Handlung aufgelistet. Mr. Spock würde angesichts der Langlebigkeit der Eurostile vermutlich sagen: »faszinierend!«. 🤓 🔠 🖖