Noch einmal Potsdam. Das fotografierte typographische Fundstück besteht heute aus zwei gerahmten Kassetten an der Fassade eines Hauses in der Heinrich-Mann-Allee 23. Vor 1950 hatte die Straße einen anderen Namen und eine leicht abweichende Nummerierung, damals lautete die Adresse Saarmunder Str. 21 a.

Die beiden Inschriften auf den Flächen sind durch Verwitterung und Abblätterungen leider arg ramponiert und ein dahinter aufgetragener, älterer Schriftzug beginnt ebenfalls durchzuscheinen. Trotzdem möchte ich heute versuchen, dieses Relikt wieder lesbar zu machen und zu rekonstruieren.

Relativ gut erkennbar sind noch Fragmente des Namens und der Art des Betriebes. Der Inhaber hieß offenbar »Robert Rie…« und übte hier einst eine »Steinmetz…«-Tätigkeit aus. Ich habe im Netz nach weiteren Fotos des Hauses gesucht und wurde in der Tat fündig, wenngleich die weiteren Fotos nur aus Bildausschnitten bzw. stark verpixelten Bilddateien bestehen. In dem schlecht aufgelösten Titelbild eines Beitrags vom April 2011 im Tagesspiegel über eine angekündigte Sanierung des Gebäudes und dessen Umgestaltung zu einem Wohnprojekt ist in der Tat die komplette Beschriftung zu lesen: »Robert Riese. Steinmetz-Geschäft.« – die Punkte hinter den beiden Texten gehören tatsächlich dazu. Dass Herr Riese seine Werkstatt an dieser Adresse eröffnete, kam gewiss nicht von ungefähr, denn an der Heinrich-Mann-Allee 25 liegt direkt nebenan der 1867 eröffnete »Neue Friedhof«, geschaffen nach Plänen des berühmten preußischen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné. Ein Stück weiter, an der Hausnummer 106 derselben Straße, befindet sich der »Alte Friedhof« von 1736. Riese konnte seine prospektiven Kunden somit direkt in der Nachbarschaft akquirieren.

Die geisterhaft dahinter erkennbare Version benennt auf der ersten Tafel denselben Inhaber, auf der zweiten lese ich in zwei Zeilen »Ste[inme]tz Wer[kstatt]«. Der Betrieb scheint also dort eine längere Zeit tätig gewesen zu sein, zumindest lange genug, um sein Aushängeschild mindestens einmal erneuert zu haben. Anhand meines Fotos der linken Tafel habe ich einige noch einigermaßen gut erkennbare Buchstaben grob nachgezeichnet.

In historischen Adressbüchern der Stadt Potsdam taucht Herr Riese mit seiner Werkstatt – ausschließlich in Form textlicher Kurz-Einträge – erstmals im Jahr 1885 auf. Bis 1928 firmiert er unter »Riese, Robert, Steinmetzmeister«, 1930 lautet der Eintrag »Riese, Martha, Witwe« und 1934 wechselt er zu »Riese, Berta, Steinmetzgeschäft«. Wie schon öfter hier im Blog erzählen diese Einträge in kürzestmöglicher Form von dahinterstehenden familiären Schicksalsschlägen, Herausforderungen bei der Fortführung des Unternehmens und den damit verbundenen Nachfolgeregelungen bei der Geschäftsführung.

Zur Bestimmung bzw. Einordnung der Schriftart habe ich sowohl meine beiden eigenen Fotos herangezogen als auch das Titelbild einer Facebook-Gruppe zu dem zuvor bereits genannten Wohnprojekt namens »23 Riesen«.

»Der Verein 23 Riesen e.V. ist eine undogmatische, bunt gemischte Gruppe von alten und jungen Menschen, die in Potsdam ihren Traum vom bezahlbaren Wohnen in Gemeinschaft und im Einklang mit der Natur verwirklichen. Neben den beiden Wohngebäuden gehört zum Projekt ein großer Garten am Waldesrand.«

Quelle: martinswerk.de – »Projekte« | 23 Riesen e.V.

Zwar sind beide Tafeln eindeutig von Hand beschriftet worden, denn man kann noch schemenhafte Pinselstriche erkennen, aber der ausführende Schildermaler nahm sehr wahrscheinlich eine kommerziell vertriebene Schriftart vom Anfang des 20. Jahrhunderts als Vorlage. Es handelt sich um die »Behrens-Schrift«, entworfen im Jahr 1901 vom Designer und Typograf Peter Behrens (1868–1940). Behrens gilt u.a. als Erfinder der Idee des Corporate Design, die er seit 1907 in seiner Funktion als »Künstlerischer Beirat« für AEG umsetzen konnte, war 1915/1916, gemeinsam mit seiner Schülerin Anna Simons, beteiligt an der Gestaltung des Schriftzugs »DEM DEUTSCHEN VOLKE« am Berliner Reichstagsgebäude, gestaltete 1904 den amtlichen deutschen Katalog anlässlich der Weltausstellung in St. Louis/USA und entwarf auch mehrere Schriftarten. Die populäre Behrens-Schrift wurde zunächst von der Rudhard’schen Gießerei, später Gebr. Klingspor, vertrieben und fügt Elemente der Antiqua und der Fraktur zu einer eigenwilligen Jugendstil-Hybridschrift zusammen, die weiterhin den Schreibduktus eines Federkiels erahnen lässt.

Das digitalisierte Schriftmusterbuch der Rudhard’tschen Gießerei zur Behrens-Schrift beginnt mit einem ausführlichen Vorwort des Gestalters, in dem sich bereits Gedanken wiederfinden, die auf die Philosophie der 1919 gegründeten Bauhaus-Schule hindeuten:

»Es wird sich wohl heute kaum jemand mehr dem Eindruck verschließen können, daß auf allen Gebieten, die irgend eine Beziehung zu einer künstlerischen Fürsorge zulassen, sich neues Leben regt, daß alle Dinge unserer Umgebung, auch solche, die nur ganz äußeren Zwecken zu dienen scheinen, nach einer künstlerischen Berücksichtigung rufen. Wir haben das Verlangen, den überflüssigen Tand von uns weg zu tun und an seine Stelle das Praktische, Gediegene zu setzen, das seine Zweckmäßigkeit deutlich zur Schau trägt und seine Brauchbarkeit und Tüchtigkeit kennzeichnet.«

Quelle: »Behrens – Schrift und Zierat« (1902), Digitalisat der Universitätsbibliothk Heidelberg, S. 8

Und tatsächlich arbeitete Behrens wenige Jahre später mit einigen der bedeutendsten Wegbereiter des Bauhaus in seinem eigenen Berliner Architekturbüro zusammen.

»1907 zieht Behrens nach Berlin und eröffnet ein Architekturbüro, in dem alle bedeutenden Architekten der Moderne zusammen arbeiten: Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Im Oktober 1907 gründet er mit anderen Künstlern in München den Deutschen Werkbund. Anspruch ist es, eine ebenso standardisierte und sachliche wie ästhetische und qualitätvolle Formensprache für Industrieprodukte zu entwickeln.«

Quelle: visitberlin.de – »Architekten der Moderne«

Von der Behrens-Schrift existieren mehrere digitalisierte Fassungen unterschiedlicher Qualität und Formtreue, zum Beispiel von Solotype (Dan X, 2003), URW (Ralph Michael Unger, 2007), ingofonts (Ingo Zimmermann, 2008), Tipografos (Paulo Heitlinger, 2012) und als Freefont von Dieter Steffmann (2002).

Da der Schriftzug »Steinmetz-Geschäft« bei der Übermalung des ersten Schriftzuges in der rechten Fassadentafel statt in zwei Zeilen in einer untergebracht wurde, benötigte der Schildermaler eine passende, sehr eng laufende Schrift, mit welcher der Text auf dem begrenzten Platz unterzubringen war. Dafür scheint er selbst eine »Compressed«-Variante der Behrens-Schrift ausgearbeitet zu haben, denn die Formen der Buchstaben bleiben dem Original aus der linken Tafel sehr ähnlich, am besten zu erkennen ist das bei den Zeichen e, S/s und t.

Ich habe auf Basis der Behrens-Schrift und aller verfügbaren Fotos versucht, eine ungefähre Rekonstruktion der beiden Tafeln anzufertigen. Bei genauer Betrachtung der Fotos kann man außerdem erkennen, dass beide Schriftzüge mit etwas Abstand mit einer Art linearem Schatten in einem helleren Farb-/Grauton hinterlegt sind. Auch dieses dekorative Element floss in meinen Wiederherstellungsversuch ein.

Zur Zeit der Veröffentlichung der Behrens-Schrift wurden eine ganze Reihe ähnlicher Hybrid-Typen zwischen Fraktur und Antiqua, teils mit Elementen des Jugendstils, gestaltet. In dem Buch »Ausgewählte Druckschriften in Alphabeten« aus dem Jahre 1912 finden sich jedenfalls etliche Verwandte, unter anderem »Neudeutsch« (Otto Hupp, Genzsch & Heyse, 1900), »Augsburger Schrift« (Peter Schnorr, Berthold, 1901/1903), »Neugotisch« (Willi Wegener, Flinsch, 1903/1907), »Reichsdeutsch« (Wilhelm Gronau, 1904) und »Salzmannschrift« (Max Salzmann, Schelter & Giesecke, 1907).

Ich gehe daher davon aus, dass auch die neu gemalten Aushängeschilder der Steinmetzwerkstatt von Robert Riese etwa im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts angefertigt wurden. Und damals lag ihr Design mit Sicherheit voll im typographischen Trend. 🤓 🔠 ⚒️ 🪦