Was mich immer wieder fasziniert, ist die Tatsache, wie »schlampig« wir Menschen manchmal unsere Umgebung wahrnehmen. Das nachträgliche falsche Erinnern von Details oder das unbewusste Hinzuerfinden von vermeintlich real erlebten Erlebnisfragmenten (auch »Erinnerungsverfälschung« genannt), wie man es etwa bei polizeilichen Befragungen von Zeugen beobachten kann, gehört ebenso dazu wie das verwunderliche Übersehen von Dingen in unserem direkten Umfeld, die eigentlich unübersehbar sind.
So etwas passierte mir in diesem Frühjahr, als ich mich Anfang Mai mal wieder einmal für eine Woche Kurzurlaub in Trier aufhielt. Die wunderschöne, ebenso zentral wie ruhig gelegene Ferienwohnung bewohnte ich auf dieser Reise bestimmt schon zum sechsten oder siebten Mal. Ich kannte alle Räume in- und auswendig und es war auch in all den Jahren seitens der Vermieter*innen nichts an der geschmackvollen und gepflegten Einrichtung und Ausstattung verändert worden. Und doch bemerkte ich jetzt zum ersten Mal einen Dekorationsgegenstand im Wohnzimmer auf einem gepolsterten »Sitzwürfel« neben dem Sofa: einen alten Setzkasten mit original Bleilettern in verschiedenen Größen.

Jetzt endlich schaute ich aber einmal etwas genauer hin – wollte ich doch wissen, was es mit dieser schönen typographischen Antiquität auf sich hatte. Der Kasten enthält offenbar Schriftsätze in fünf verschiedenen Größen: Der größte nimmt die ersten sechs Reihen ein, der zweitgrößte und drittgrößte jeweils die folgenden vier. Die beiden kleinsten verfügen über deutlich mehr Exemplare pro Schriftzeichen und belegen daher zwölf bzw. neun Reihen. Am Fuß des Kastens gibt es noch ein Fach mit nicht einsortierten Lettern und mit nicht druckenden Elementen, die zum Ausfüllen freibleibender Leerstellen in der fertig gesetzten Druckform genutzt wurden, sogenanntes »Blindmaterial«.
Mit etwas Bildbearbeitung konnte ich aus dem Foto tatsächlich eine Buchstabenprobe entnehmen, die ich zu einem positiven und seitenrichtigen schwarzweißen Schriftmuster umbauen konnte. Damit ließ sich nun auch die Schriftart gut bestimmen. Die Besonderheit der feinen Groteskschrift ist es, dass die eigentlichen Zeichen nicht druckend ausgespart und von einer dünnen Kontur umgeben sind, die diagonal nach links unten in einen »Schatten« ausläuft, wodurch ein dekoratives, dreidimensionales Schriftbild entsteht. Es leuchtet ein, dass eine solche Schrift nicht genutzt wurde, um (längere) Lesetexte zu setzen, sondern eher bei Überschriften, Werbeanzeigen, Plakate oder Einladungskarten zum Einsatz kam.

Die Veröffentlichung der Schriftart kann zwar auf das Jahr 1935 datiert werden, aber es gibt in der Tat zwei sehr ähnliche Kandidaten aus demselben Jahr, die sich nur minimal unterscheiden und bei zwei verschiedenen Schriftgießereien erschienen. Das »Original« stammt laut verlässlicher Quellen aus der Schriftgießerei C. E. Weber in Stuttgart, trägt den Namen »Neon« und wurde von einem Gestalter namens Willy Schaefer gezeichnet.

Im gleichen Jahr brachte eine Schriftgießerei in Madrid unter dem Namen »Imán« (span. »Magnet«) quasi eine »Coverversion« dieser Schrift heraus. Der Gründer des Hauses, der »Fundición Tipográfica Richard Gans«, war – wie sein Name schon vermuten lässt – kein gebürtiger Spanier, sondern der Sohn eines Arztes aus Karlsbad (Österreich). 1874 wanderte er nach Spanien aus und gründete dort 1888 seine Gießerei, die unter wechselnder Führung, zuletzt von Gans’ Tochter Amalia, bis 1975 im Geschäft blieb. Vor 1925 kreierte die Gießerei nahezu keine eigenen Schriftarten, sondern übernahm Entwürfe deutscher Gießereien. In späteren Jahren veröffentlichte das Haus auch eigene Designs, sowohl von extern beauftragten als auch von angestellten Gestaltern, darunter auch einer der beiden Söhne des Gründers, Ricardo Gans. Auf der Website des »Richard Gans Heritage Project«, mit initiiert von Gans’ Enkel José Antonio, gibt es einen interessanten Überblick über das Leben und Wirken des Gründers und der von ihm veröffentlichten Schriften.
»Founded in 1881, the foundry became a cornerstone of Spanish printing history, shaping visual culture across Spain, Portugal and Latin America. Its typefaces played a significant role in the development of modern typography in the Spanish-speaking world, leaving a lasting imprint on publishing, advertising and graphic design.«
Quelle: Richard Gans Heritage Project – richardgans.xyz
Schaut man im obigen Bild mit den drei gegenübergestellten Schriftproben etwas genauer auf die Punzen (Binnen-Öffnungen) in den Buchstaben B, D und R, spricht deren Größe dafür, dass die Bleilettern in dem Trierer Setzkasten zur Schriftart »Neon« gehören. Auch die minimal feinere Strichstärke der weißen Buchstabenformen passt zu dieser Annahme.
Die »Imán« wurde 2016 vom galizischen Designer Manuel Lage digitalisiert und als preiswerte kommerzielle Schriftart erhältlich. Hinweise auf eine Digitalisierung des Originals, der »Neon«, konnte ich nicht finden.
Es gibt einige Initiativen und Museen in Deutschland, die mir bekannt sind, welche sich bemühen, die Vielfalt und das Erbe der historischen Druckkunst zu bewahren und nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. So etwa die experimentelle Buchdruckwerkstatt Hacking Gutenberg in Berlin, gegründet vom »Schriftenpapst« Erik Spiekermann oder die Museumsdruckerei Hoya „Zwiebelfisch“ e.V. – eine Adresse, auf die mich kürzlich ein Blogleser aufmerksam machte.
Denn obwohl es erfreulich ist, dass alten Setzkästen nach ihrer Ausmusterung ein zweites Leben als dekorative Wohnaccessoires geschenkt bekommen, aber wie der heutige Beitrag zeigt, können mit etwas mehr historischem Kontext und typographischem Hintergrundwissen daraus richtig spannende Artefakte werden. 🤓 🔠 💡
Schreib einen Kommentar