Ich denke, das Gebäude in Stendal, von dem das heutige typographische Freitagsfundstück stammt, kann man getrost als »Bauruine« bezeichnen. Ich hatte mein Auto in der Nähe des Bahnhofs abgestellt und als ich auf meinem Weg an diesem Eckhaus vorbeikam, fielen mir die stark verwitterten Reste der Inschriften »ZIGARREN | ZIGARETTEN« und »WEINE« auf den Flächen über den mit Brettern vernagelten Fenstern schon von weitem auf.

Auf der unteren Fläche ist schemenhaft rechts neben dem E noch ein helleres N zu erkennen. Die Gesamtansicht des heruntergekommenen und sicherlich einst stattlichen Hauses ist bei Google Maps dokumentiert.

Das Haus an der Ecke Bahnhofstraße/Frommhagenstraße gehört zur sogenannten Bahnhofsvorstadt, die nach der Eröffnung des Stendaler Hauptbahnhofs (1871) systematisch bebaut wurde. Die Stadt selbst führt dieses Areal heute als erhaltenswertes Gründerzeitensemble. Stilistisch kann der reich verzierte dreigeschossige Eckbau mit den markanten Dreiecks- und Segmentgiebeln oberhalb der Fenster dem Historismus bzw. der Neorenaissance zugeordnet werden und dürfte etwa zwischen 1885 und 1905 erbaut worden sein.

Welche Art Geschäft es war, das die Tabakwaren und Weine verkaufte, konnte ich nicht rekonstruieren. Auch die Geschichte der dort ansässigen Gewerbe scheint im Laufe der Zeit sehr wechselhaft gewesen zu sein. In der offenen Facebook-Gruppe »Stendal – Meine Heimatstadt (Vergangenheit und Gegenwart)« fand ich ein Posting mit u.a. drei Scans historischer Ansichtskarten, auf denen das Gebäude abgebildet ist. Die Karten sind allerdings nicht datiert. Auf zweien der Fotos wird auf Tafeln links und rechts neben dem Eingang für das angebotene Sortiment geworben, auf einem davon sind sogar alle vier Schriftzüge leserlich: »Drogen · Colonialwaren · Cigarren · Cigaretten«. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die heute noch sichtbaren Reste der Beschriftungen an der Fassade in jener Zeit ihren Ursprung hatten. Auf derselben Postkarte verweist ein Schild im oberen Stockwerk nach links in die Seitenstraße hinein auf ein »Central Hotel · Zieraus Hotel · Restaurant · Wiener Café«. Auf beiden Postkarten sind (noch) keine Automobile zu sehen, ein unscharfes Gefährt im Hintergrund des einen Motivs ist womöglich ein Pferdefuhrwerk und hier scheinen die Straßen noch nicht asphaltiert zu sein, denn in der braun kolorierten Fläche sind etliche schmale Reifenspuren zu sehen. Dies dürfte somit die älteste der Ansichtskarten sein. Im Gegensatz dazu sieht man auf einer weiteren der geposteten Postkarten sehr wohl einige frühe Pkw, die Straßen wirken planiert und autotauglich und die Texte auf den Werbetafeln am Eingang haben sich geändert. Links und rechts sind sie zwar klein und unleserlich, doch über dem Eingang steht nun »Restaurant · Gaststätte«.

In der besagten Facebook-Gruppe existiert auch noch ein etwas späterer Eintrag, in dem ein User explizit nach der Geschichte dieses Bauwerks fragt. Neben einigen nicht verifizierbaren Antworten decken sich aber mehrere Erinnerungen, dass zu DDR-Zeiten im Erdgeschoss ein Lokal namens »Zur Drehscheibe« existiert haben soll. Eine andere Userin ergänzt: »[Nach] 1998 zog keiner mehr ein«.

Bestätigt wird der jahrzehntelange Leerstand auch durch einen lokalen Pressebericht:

»Die guten Zeiten, als das reich verzierte, stattliche Gebäude zu den architektonischen Aushängeschildern der Stendaler Bahnhofsvorstadt gehört hat, sind längst vorbei. Fenster mit Holzplatten versperrt, die Rollläden heruntergelassen, bröckelnde Fassade. (…)

Nach Kenntnis der Stadt plane der Eigentümer derzeit keine Sanierung des Gebäudes.«

Quelle: volksstimme.de – »Einst stattlich, heute gefährlich« (14.04.2021)

Die Beschriftungen in meinem Foto lassen nur noch wenige Merkmale erkennen, die eine Datierung ermöglichen. Etwas idealisiert könnte einer der Schriftzüge anfangs ungefähr so ausgesehen haben (Beim N musste ich ein wenig spekulieren, da an der Fassade nicht mehr genau zu erkennen ist, wo die Diagonale unten in den Stamm mündet):

Die frühesten kommerziellen Schriftarten mit erkennbarer formaler Verwandtschaft zu meiner Rekonstruktion, die ich finden konnte, waren »Berthold Block« (Hermann Hoffmann für H. Berthold AG, 1908) für das Wort »ZIGARREN« und »Wedding Gothic Wide« (American Type Founders, 1901) für das ungewöhnlich breit laufende »WEINE«.

Wären dieses oder das darauffolgende Jahrzehnt zutreffend für die Entstehung der Beschriftungen, deckte sich dies auch ungefähr mit der Schätzung zur Errichtung des Hauses sowie der Zeit der beginnenden Verbreitung des Automobils, aus der die oben erwähnten Postkartenmotive stammen.

»Um dem Automobil eine höhere Akzeptanz zu geben und sogar ein wachsendes Interesse auszulösen, rührten Automobilvereine wie der 1903 gegründete Allgemeine Deutsche Automobilclub (ADAC) und in wachsender Zahl auch Medien die Trommel für das neue Fahrgerät.«

Quelle: BPB – »Kleine Geschichte des Automobils in Deutschland«

Aufgrund der dünnen Faktenlage kann ich natürlich nur vermuten, dass die fotografierten Schriftzüge zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Es ist schließlich ohne weiteres denkbar, dass die Anbringung erst später geschah und bewusst auf etwas älter »getrimmt« wurde.

Dass allerdings das vernachlässigte und ungehindert weiter verfallende Bauwerk selbst inzwischen fast noch älter aussieht als die darauf verbliebenen typographischen Relikte, finde ich noch wesentlich bedauerlicher an der heutigen Geschichte. 🤓 🔠 🏚️ 😞