Mit dem heutigen Montagsbonbon möchte ich ein bisschen dem Eindruck entgegenwirken, bei den Fundstücken ginge es vorrangig um das Äußere, nur um Schriftarten, Schriftschnitte, Schriftgrößen, aber nicht darum, was geschrieben steht. Oft begegne ich auch Inschriften oder Botschaften, die mich zuallererst inhaltlich ansprechen oder inspirieren und erst auf den zweiten Blick beschäftige ich mich dann mit deren Typographie oder Gestaltung.
So war es auch bei diesem Gedenkstein, den ich im Herbst 2023 am Ortsrand von Arzberg auf einer Wandertour während eines Kurzurlaubs im Fichtelgebirge fotografierte. Auf der schlichten dreieckigen Stele, entworfen vom Ausbilder und Denkmalgestalter Willi Seiler, erinnert ein Zitat an den deutschen Philosophen Jakob Böhme (1575–1624), der auch mir bis dahin kein Begriff war. Der zitierte Text aber berührte mich und ich nahm ihn als nachhallenden Denkanstoß mit, der mich seither begleitet.

TU DEINE AUGEN AUF UND GEHE ZU EINEM BAUM
SIEH IHN AN UND BESINNE DICH
Ungeachtet der Tatsache, dass Jakob Böhme auch als christlicher Theosoph tätig war und ich selbst mich nicht als religiös oder gläubig bezeichnen würde, lese ich in diesen Worten eine Botschaft, die jenseits von Gottesbildern oder Schöpfungsglauben nach wie vor Relevanz und Aktualität besitzt. Die knappste Ressource, die wir haben, ist unsere Zeit. Arbeitszeit, Lebenszeit, Freizeit, Bedenkzeit, Reaktionszeit – der immer schneller getaktete und mittlerweile zudem von K.I. beschleunigte Alltag fordert von uns permanent Einsatz, Beschäftigung, Zuwendung und Aufmerksamkeit. Da ist es kein Wunder, dass psychische Erkrankungen wie Burnout oder Erschöpfungsdepression stetig zunehmen. Wir haben kaum noch Zeit, den Blick zu heben, die Augen aufzutun, innezuhalten, uns zu besinnen und uns die Frage zu stellen, wo wir gerade stehen, was wir permanent zu leisten und zu bewältigen haben, was uns dadurch abhandenkommt, ob uns Druck und Stress womöglich schaden und wie bzw. womit wir für Regeneration, Reflexion und körperlichen sowie seelischen Selbstschutz Sorge tragen können.
Mir hat es schon immer geholfen, zum Nachdenken, Atem holen, Ausspannen und Entschleunigen in die Natur zu gehen. In den Wald, zu einem Baum, auf einen Berggipfel, an einen Bach oder See – manchmal genügen auch schon ein paar Stunden Gartenarbeit. Am besten alleine oder maximal zu zweit, dann bevorzugt in sehr vertrauter Begleitung. Das macht räumlichen und situativen Abstand zum Alltag möglich, lässt Stille zu – sowohl akustisch als auch gedanklich – und bietet Gelegenheit, wieder zur Ruhe zu kommen. In einer Zeit, die vor lauter Aktivität, Krisen, Werbung, Automatisierung, Verkehr, Auseinandersetzungen, Meinungsverschiedenheiten und Gefühlswallungen immer lärmender und ungestümer zu werden scheint, halte ich das für wichtiger denn je.
Genau deshalb gefällt mir auch die ruhige und kontemplative Typographie des Monuments. Nur eine einzige Schriftart, wohlproportionierte Versalien in einer klassischen handschriftlichen Antiqua, keine Satzzeichen, warmes, organisches Braun auf »Reinersreuther Granit«. Ich vermute, bei der Schrift handelt es sich um eine, der exklusiv Steinmetzbetrieben zugänglich ist. Denn obwohl etliche, auf den ersten Blick sehr ähnliche Schriften käuflich angeboten werden, konnte ich keine finden, die hundertprozentig mit der Inschrift übereinstimmt. Und zu weit wollte ich die Suche dann auch nicht treiben – denn auch beim inspirierenden Fall in typographische »Rabbit Holes« bleibt Zeit eine wertvolle Ressource. 😉 🤓 🔠 🌳
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