Kommen wir nun zum ersten »richtigen« Fundstück aus Kopenhagen. Am zweiten Tag meines Aufenthalts besuchte ich in der mittelalterlichen Kirche im Stadtteil Brønshøj (Außenansicht des Turmes: siehe letztes Foto am Ende des Beitrags) ein wunderbares klassisches Konzert mit Musik, gespielt auf dem Urahn des Klaviers, einem Clavichord. Direkt hinter dem Bühnenpodest mit dem Instrument und dem auftretenden Künstler hatte ich freien Blick auf den prunkvollen Altar der Kirche und dort fielen mir insbesondere die derart üppig verzierten Initialen auf den beiden unteren Texttafeln auf. Die Ranken und Schlaufen sind derart filigran und überbordend, dass für die meisten Betrachter*innen nur aus dem Text selbst ersichtlich wird, um welche Buchstaben es sich überhaupt handelt.

Die Brønshøj-Kirche ist seit der Eingemeindung der Pfarrei in die Stadt Kopenhagen im Jahr 1901 tatsächlich das älteste noch genutzte Gebäude Kopenhagens. Sie wurde in den 1180er-Jahren von Bischof Absalon im romanischen Stil aus Kalksteinblöcken von der dänischen Halbinsel Stevns erbaut. Der Turm im gotischen Stil wurde um 1450 hinzugefügt und besteht aus rotem Backstein.
Während der schwedischen Besatzung im Jahr 1658 wurde das Kircheninnere geräumt und vermutlich als Waffenlager genutzt. Zwar überstand die Kirche die Kriege, von der Innenausstattung jedoch blieben nur das Altarbild und das Taufbecken erhalten. Letzteres ist vermutlich so alt wie die Kirche selbst.
Das große, sogenannte Katechismus-Altarbild mit den goldenen Bibeltexten stammt aus dem Jahr 1587, der vergoldete Zieraufsatz mit dem Monogramm von Christian V. ist etwa 100 Jahre jünger und wurde im Jahr 1679 angebracht. Nach der Reformation ersetzte man in Dänemark die früheren Altar-Tafelbilder aus der katholischen Zeit oftmals durch Texttafeln mit Bibelzitaten. Der von Hand gestaltete Text auf diesem Altar zitiert die Einsetzungsworte des Abendmahls, in den oberen Feldern auf Lateinisch (𝐴𝑁𝑇𝐼𝑄𝑈𝐴) und in den unteren auf Dänisch (𝔉𝔯𝔞𝔨𝔱𝔲𝔯). In der barocken Niederschrift finden sich einige Besonderheiten bei der Schreibweise. So ist etwa an zwei Stellen ein doppeltes M/m mit einem leicht nach links versetzten, waagerechten Strich über einem einfachen M/m notiert und »DEDITQUE« wurde im lateinischen Text zu »DEDITQ« verkürzt:
»DOMINVS NOSTER IESVS CHRISTVS IN EA NOCTE QVA TRADITVS EST, ACCEPIT PANEM, ET CVM GRATIAS EGISSET FREGIT DEDITQ[UE] DISCIPVLIS SVIS, DICENS: ACCIPITE, COMEDITE, HOC EST CORPVS MEVM, QVOD PRO VOBIS DATVR HOC FACITE IN MEI COM[M]EMORATIONEM«
»Vor Herre Jesus Christus, i den Nat Der Hand bleff forraad, Tog Hand Brødet, takede oc brød det, Gaff sine discipler oc sagde, Tager Dette hen oc æderit, det er mit Legem, som Giffuis for Eder, Det giører, I min Hukom[m]else.«
»Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, als er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und gab’s seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.«
Im rechten unteren Tafelbild setzt sich der dänische Text fort mit den Worten »Lige saa tog hand og Kalken efter Aftens-Maaltid …« (»Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl …«). Somit ist klar, dass die beiden Initialen ein V (links) und ein L (rechts) darstellen.


Und somit durfte ich an diesem Abend nicht nur zartklingende Alte Musik geießen, sondern hatte auch wieder einen spannenden Anlass, einem historischen Schrift-Fundstück hinterherzurecherchieren und einiges dabei über meinen Urlaubsort zu lernen. 🤓 🔠 🇩🇰

Jetzt wollte ich doch auch mal meinen Senf dazugeben.
Ich stehe immer staunend vor dieser Unzahl an typographischen Einzelheiten; aber mit Latein kenne ich mich aus, drum möchte ich was dazu schreiben:
Da ist noch mehr merkwürdig (auch wenn das prinzipiell sehr viel besser lesbar ist als manch anderes aus dieser Zeit):
So ist das T von NOCTE quasi gar nicht zu sehen; möglicherweise existiert es in Form eines kleinen Häkchens oben am C.
In der letzten Zeile ist das E von MEI so an das M herangerückt, dass es dessen rechtes Bein als Stütze nehmen muss.
Die rechte Hälfte ist noch stärker verkürzt. So sind beim QVAM aus POSTQVAM das V (=U) und das A völlig aneinandergerückt, und das M besteht nur in einem Strich über dem A.
Das E in CALICE steckt in dem C drin. Ähnlich auch das zweite C in PECCATORVM:
In NOVVM sehen das V und das U aus wie ein W.
In QVOTIENSCVMQVE fehlt das erste N, das M ist zu N geworden (was aber vermutlich weniger mit der Typographie als mit der Aussprache zu tun hat).
Diese ineinandergeschobenen Buchstaben haben sicher den Zweck, Platz zu sparen. Die rechte Hälfte ist stärker verkürzt, weil sie mit ihren 230 Zeichen nicht mehr Platz hat als die linke mit ihren 197.
Aber grundsätzlich geht das sicher auf eine Tradition zurück, die bereits bei römischen Inschriften angefangen hat. Die Römer waren ziemliche Meister der Abkürzungen – diese Inschrift aus Kopenhagen ist, verglichen damit, wirklich harmlos.
Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar, insbesondere die Details zur rechten Tafel, die ich ja in dem Beitrag komplett außen vor gelassen hatte!
Ich hatte bereits gerätselt, was damals der Grund für diese teils sonderbaren Schreibweisen und Verkürzungen war – ortsübliche Eigenheiten, sprachliche Unkenntnis, in einigen Zeilen vielleicht Platznot oder sogar ästhetische Gründe? – Aber jetzt wissen wir ja schon ein bisschen mehr. 🙂