Sowohl im Rahmen des Angebots an legal kostenfreien Schriften als auch im Sortiment kommerzieller Anbieter gibt es jede Menge Schriftarten, die man mit dem Label »Grunge« versehen könnte. Sie besitzen bewusst ausgefranste, zerhackte, poröse, verpixelte, gekratzte, erodierte, gestempelte, verwitterte, gesprühte oder gekleckste Zeichenformen, bisweilen hart an der Grenze zur Lesbarkeit. Manche dieser Schriften basieren auf »ordentlichen« Blaupausen, wie etwa die Schrift »Frankie« (Juan Dávila/Laura Meseguer für Type-Ø-Tones, 1992), deren Vorlage die »Franklin Gothic« von Morris Fuller Benton aus dem Jahr 1904 ist. Durch wiederholtes Fotokopieren und andere digitale und analoge Manipulationen entstand so eine »dreckige« Variante des Originals, deren rotziger Charme allerdings am besten in kleinen bis mittleren Schriftgraden zur Geltung kommt. Bei größerer Darstellung wirken die Pfadkonturen der zerfaserten Zeichen nicht mehr organisch genug, man erkennt die vereinfachte Nachzeichnung der erodierten Strukturen und dadurch verschwindet ihre Authentizität – die Schrift wirkt plötzlich »künstlich«.

Viel spannender finde ich daher Fundstücke, bei denen der Grunge-Effekt durch natürliche Alterungs- und Verwitterungsprozesse entsteht. Wie zum Beispiel das heutige Exponat, das ich Anfang Juli in Hamburg auf einem Container am Wegesrand entdeckte.

Die fetten weißen Ziffern wurden aus weißer, selbstklebender Kunststofffolie auf den lackierten Untergrund aufgeklebt. Aufgrund des Standortes unter freiem Himmel führen die UV-Strahlung des Sonnenlichts, Temperaturschwankungen sowie chemische Alterungsprozesse innerhalb der Folie unweigerlich zu Veränderungen. Manchmal altert der Klebstoff zuerst und verliert seine Haftwirkung. In diesem Fall löst sich die ansonsten noch halbwegs intakte Folie meist vom Rand her ab, rollt sich ein und fällt schließlich irgendwann ab (siehe Beispiel hier). Das war hier jedoch offensichtlich nicht der Fall, der Klebstoff scheint bis heute bombenfest zu halten. Stattdessen fand bei der Folie, vermutlich wärmebedingt, ein Schrumpfungsprozess statt, der dazu führte, dass an prädestinierten Schwachstellen des Materials Risse in der Folie entstanden und sich die aufgeklebten Flächen in viele kleine Fragmente auflösten. Solche Schwachstellen sind bei Schriftzeichen insbesondere die innenliegenden Winkel der Konturen, wo bei der Anfertigung im Folienplotter durch den abrupten Richtungswechsel der Schneideklinge winzige Einschnitte entstehen, die leicht zu ersten Ausgangspunkten solcher Risse werden.

Die Schriftart, in der die beiden Ziffern gesetzt sind, kam mir zwar von Anfang an irgendwie bekannt vor, aber eine exakte Identifikation ist mir nicht geglückt, auch, weil lediglich zwei Ziffern eine doch recht dürftige Probe für einen Abgleich darstellen. Am nächsten kommt den Formen der Klebe-Fünfzehn die Schriftart »Pressio No. 54 Bold« von Max Phillips (Signal Type Foundry, 2018).

Und natürlich haben sich haupt- und nebenberufliche Typedesigner auch der Kreation von Schriftarten mit ähnlichen Rissmustern versucht. Drei der aus meiner Sicht gelungeneren Beispiele – alle abseits großer kommerzieller Schriftanbieter zu finden – sind die »Before Collapse« von Galdino Otten, die allerdings eher bröckelndes Gestein zitiert, die »Crackvetica« von Xerographer mit der Struktur rissiger Farbe und »Fracture Dreams«, die an zersplittertes Glas erinnert.

Aber so schöne Folienrisse wie im Foto oben gibt es bislang anscheinend nur in der physischen Welt. 🤓 🔠 🫟