verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Ramponiert (Seite 3 von 4)

Wenn der Zahn der Zeit, Korrosion, UV-Strahlen und andere Kräfte auf Schrift und Schriftzüge einwirken, verändern sie sich unweigerlich. Manchmal bis hin zur Unleserlichkeit, gelegentlich aber auch interessant verfremdet.

03.10.2024

Eine meiner Lieblingskategorien bei den typographischen Fundstücken sind  historische Werbemalereien auf Fassaden. Denn sie erzählen mir, leise flüsternd, Geschichten darüber, wie sich Orte, Gebäude, Straßen oder Stadtviertel verändert haben. Die Tür unter dem Motiv lässt keinen Zweifel: Das einst dort ansässige Geschäft »M. Larsenˢ Hørkramhandel« ist längst geschlossen. So etwas macht mich neugierig. Was ist ein »Hørkramhandel«? Das Wort »kram« findet sich auch im deutschen Begriff »Krämerei«, es geht um allerlei Waren rund um einen Dachbegriff. So bekommt man in einem dänischen Geschäft für »Isenkram« – Eisenwaren, also verschiedenste Gebrauchsgegenstände wie Werkzeuge, Schrauben, Beschläge und Scharniere, Haushaltsgeräte, Handwerkerartikel usw.

Unter »Hørkramhandel« (= »Flachshandel« oder »Leinenhandel«) verstand man in Kopenhagen den Handel mit einer Reihe verschiedener Waren wie Petroleum, Bastmatten, Teer, Steingut/Töpferwaren, Salz/Pökelsalz, Hopfen, Flachs, Hanf, Pech, Teer, Eisen, Kupfer, Zinn und Blei, wie sie offenbar vorrangig im Hafen tätige Kunden wie z.B. Schiffsbesitzer, Proviant- und Konservenfabrikanten, Handwerker, Werkstätten, Lagerhäuser oder Brauereien benötigten.



Im Nu geht das Kopfkino an, Bilder aus »Moby Dick« oder den Erzählungen von Charles Dickens klingen an, es riecht nach Meer, Fisch und Kohlefeuer. Und das alles nur wegen einer alten verwitterten Beschriftung …



Wikipedia-Artikel »Kram«:
➡️ https://de.wikipedia.org/wiki/Kram

01.10.2024

Ich freue mich sehr, nach zwei Jahren mal wieder für eine gute Woche im wunderschönen Kopenhagen zu weilen. Und da es sich hier hervorragend anbietet, hauptsächlich zu Fuß, mit dem (Leih-)Fahrrad und dem ÖPNV unterwegs zu sein, komme ich jeden Tag an vielerlei Stellen vorbei, an denen ich reichlich neues Fotofutter für meine Serie »Typographische Fundstücke« einfangen kann. Tatsächlich sind es so viele Motive, dass mir diese für ein einzelnes Sammel-Posting eigentlich zu schade sind. Andererseits sehe ich mich aber auch außerstande, nur einige wenige aus dieser üppigen Ausbeute auszuwählen und dadurch andere beiseite zu lassen. Deshalb habe ich beschlossen, ab heute eine offene Serie mit jeweils einem Bild pro Tag zu posten. 🙂 



Den Auftakt bildet eine ramponierte Folienbeschriftung an der Fassade eines öffentlichen Toilettenhäuschens. Die Beschädigungen lassen den Schriftzug nicht nur teilweise weiterhin leserlich bleiben, sondern führen zu einigen interessanten neuen Buchstabenformen. Da hauptsächlich der untere Teil der Buchstaben dem Zahn der Zeit zum Opfer fiel, wirkt der verbleibende Rest ein wenig wie eine Großbuchstaben-Version der experimentellen Schrift »FF You Can Read Me«, die einigen sicher aus dem Logo des mdr (Mitteldeutscher Rundfunk) geläufig ist. 

Auch der Zufall arbeitet manchmal als Schriftdesigner … 😉 🤓 🔠

➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/ff-you-can-read-me-font-fontfont

➡️ https://www.mdr.de/presse/logos/download-nutzung-verwendung-logo-mdr-sendungen-100.html

13.09.2024

Das neueste Motiv dieser Woche stammt diesmal aus Trier, wo ich mich letzte Woche für einige Tage in der Nähe aufhielt. Am Fuß des hohen Sandsteinfelsens am linken Moselufer nahe dem alten Vorort Pallien findet sich an der Felswand eine nahezu unleserliche aufgemalte Hinweistafel.



Der ursprüngliche Text lautet:

Aufgang


Schneidershof


Weißhaus ↗


Kockelsberg



Aber kann man überhaupt noch von Typografie sprechen, wenn verwitterte Buchstaben kaum oder gar nicht mehr zu erkennen sind? Ich meine: ja. Alle Zeichen, deren Zweck es ist oder war, eine Botschaft zu vermitteln, würde ich dazu zählen – ungeachtet ihrer Entzifferbarkeit. Und manchmal entstehen durch Alterung, Verfall oder Beschädigung an einst intakten Buchstaben sogar interessante neue Formen, die wiederum Inspiration für neue Schriften sein können. Drei Beispiele dafür habe ich nachfolgend einmal verlinkt.



»Rock It« (Flecken, Löcher, Risse):


➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/rock-it-font-fenotype

»Elementa Rough« (Unregelmäßgikeiten, Strukturen):


➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/elementa-rough-pro-font-fontfont

»TRGrunge« (Erosion, Korrosion):


➡️ https://www.myfonts.com/de/collections/trgrunge-font-ingrimayne-type

23.08.2024 (1)

Aus Urlaubsgründen wird die – selbstverständlich trotzdem fortgesetzte – Serie der typographischen Fundstücke vorübergehend aus eher unkommentierten Schnappschüssen bestehen, die mir während meiner Ausflüge durch Skandinavien ins Auge fallen. Heute beginne ich mit zwei schönen historischen Motiven aus dem beschaulichen Städtchen Skive in Midtjylland, Dänemark.

05.07.2024

Bei einem Blick in mein Archiv typographischer Fundstücke fiel mir diese Woche auf, dass ich zufällig auf meinen aktuellen Reisen nach Regensburg und Stralsund Fotos von Schriftzügen an Gebäuden geknipst habe, die ich vor mehr als einem Jahrzehnt schon einmal abgelichtet hatte – nur in einem jeweils komplett anderen Zustand. In Regensburg wurde der Schriftzug an dem inzwischen geschlossenen Geschäft »SCHUH Bar« kürzlich abmontiert, sodass nur noch der Schatten der Buchstaben übrig blieb. In Stralsund hingegen wurde der damals fast zerstörte Schriftzug an der ebenso baufälligen Fassade der »Milchbar« originalgetreu restauriert und inzwischen genießen in dem Café/Restaurant darunter wieder Einheimische und Touristen ihre Speisen und Getränke.



So fange ich in meiner Sammlung hin und wieder nicht nur einzigartige Zeugnisse der Schriftkultur ein, sondern dokumentiere ab und zu – wenn auch hier unbeabsichtigt – ihr bedauerliches Verschwinden oder ihre erfreuliche Bewahrung. Und das ist ja abseits der Schönheit der Buchstabenformen genauso spannend wie die Schriftzüge selbst … oder?



28.06.2024

Als typographisches Fundstück der Woche präsentiere ich heute mal wieder eine Inschrift auf einem verfallenen alten Bahnhofsgebäude, gefunden im Moselland. Der Bahnhof selbst ist zwar für Regionalzüge als reine Bahnsteigstation mit Wartehäuschen nach wie vor in Betrieb, aber das angrenzende ehemalige Stationsgebäude ist eingezäunt, mit Spanplatten vernagelt und verlassen. Irgendwie ironisch, dass solche Relikte aus einer Zeit, in der das Schienennetz der Bahn bis zu 20.000 Kilometer länger als heute war*, nach außen einen Grad der Vernachlässigung aufweisen, der dem Fahrgefühl des oft unzuverlässigen Bahnbetriebs der Gegenwart hinter seiner modernen Fassade ziemlich gut entspricht … 🤔🙁🛤📉 



* 1955 hatte die Gesamtlänge des Schienennetzes in Gesamt-Deutschland mit insgesamt 53.700 km ihren bisherigen Höhepunkt erreicht. 2023 waren es nur noch 33.430 km.



Weiterführende Links:



➡️ https://interaktiv.morgenpost.de/bahn-schienennetz-deutschland-1835-bis-heute/

➡️ https://www.allianz-pro-schiene.de/themen/infrastruktur/schienennetz/

31.05.2024

Etwas versteckt hinter dem modernen Teil des ehemaligen Potsdamer Hauptbahnhofs*, am Treppenzugang über eine Autobrücke, präsentierte sich das heutige »typographische Fundstück der Woche«, am Endpunkt einer Wanderung. Interessant fand ich insbesondere die Zweifarbigkeit – und natürlich die Frage, wohin sich wohl das m abgesetzt hat. 🤓



(* Heute heißt der Bahnhof »Potsdam Pirschheide«. Als »Potsdam Hauptbahnhof« war er zwischen 1960 und 1999 der wichtigste Personenbahnhof der Stadt.)



12.04.2024

Und noch ein letzter Schnappschuss aus dem inzwischen vergangenen Osterurlaub: Diesmal kommt das typographische Fundstück der Woche aus dem pittoresken Städtchen Saarburg. Diese schöne Retro-Ladenfassade mit dem klassischen Neonschriftzug, vermutlich aus den späten 1950er oder frühen 1960er-Jahren wollte ich meiner LinkedIn-Followerschaft nicht vorenthalten. 🙂

23.02.2024

Das neueste typographische Kleinod stammt diesmal von einem fotografischen Streifzug durch Kopenhagen im November 2022. Ob diese beiden Schriftzüge zu ihrer Zeit gemeinsam für dasselbe Gewerbe warben oder für zwei getrennte Unternehmen, vermag ich nicht zu sagen. Ein »Frøhandel« jedenfalls dürfte ein Samen- oder Saatenhändler gewesen sein. Ich habe schon in einigen Städten Europas solche schönen handgemalten historischen Hinweise auf Geschäfte oder Unternehmen entdeckt, unter anderem in Edinburgh, Meißen und Göttingen und freue mich immer wieder, wenn gerade diese nur dünn auf Putz gepinselten Zeugnisse der Vergangenheit alle Wetterunbill, Renovierungen, Neuanstriche und Änderungen durch nachfolgende Gewerbetreiber bis heute überdauern konnten.

24.11.2023

Hier ein typographisches Fundstück, entdeckt bei einem abendlichen Spaziergang am vergangenen Wochenende in Hamburg in der Nähe »Neuer Pferdemarkt«, ist diesmal in über die schöne Anpassung der Lettern an die Architektur des Torbogens hinaus – auch in weiteren Punkten interessant. Zum einen bringt der teilweise Ausfall der Leuchtelemente unabsichtlich einen interessanten optischen Kontrast in das Buchstabenensemble ein. Zum anderen – stellt man sich den Schriftzug komplett funktionierend vor – hat seine Gestaltung in der roten Farbe sowie mit der oben begradigten und unten gebogenen Verzerrung eine gewisse Ähnlichkeit mit der Wortmarke des beliebten Streamingdienstes Netflix. 🙂



Das wirft die Frage auf: Gibt es schon eine Apotheke, die »Medflix« heißt? 🙃



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Das Typographische Fundstück
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