verknallt in Schrift und Buchstaben

Kategorie: Handwerkskunst (Seite 1 von 6)

In dieser Rubrik wurde Schrift nicht zweidimensional gedruckt, gemalt oder aufgeklebt, sondern gemeißelt, geschmiedet, gefräst oder gelasert. Und das hat sichtbaren Einfluss auf ihre Formgebung.

23.02.2026

Ich weiß nicht, wie viele Leser*innen sich hier einfinden, die in der Schule noch Gedichte auswendig lernen mussten. Ich erinnere mich zumindest noch an Schillers »Bürgschaft« mit dem »Dolch im Gewande« und an Adalbert von Chamissos »Riesenspielzeug«. Bei anderen, gern aufgetragenen Werken, wie »Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland« oder auch (noch mal Schiller) »Die Glocke« (s.u.), ging der Lernkelch an mir vorüber. Und so lernte ich auch erst bei der Recherche zum heutigen typographischen Montagsbonbon, dass das in Stein verewigte Zitat am Hauseingang des Teltower Damm 20 in Steglitz, welches ich heute zeige, ebenfalls aus der »Glocke« stammt.

Entdeckt habe ich das Objekt an einem Wohn- und Geschäftshaus, das online verfügbaren Quellen zufolge in den Jahren 1908/1909 von der Architektensozietät Bastian & Kabelitz geplant wurde und dessen verzierte Fassade es dem Baustil des Historismus und dort insbesondere dem »Neobarock« zuordnet. Die Schrift zeigt typische Stilelemente der Bauzeit, auch des Jugendstils, wie z.B. die schneckenartigen Einrollungen im S, die organisch gerundeten Konturen der Buchstaben (E, G) oder das gebogene Bein des R. Einen entfernten Verwandten der Schriftart auf der Tafel sähe ich z.B. in der auch heute noch gern genutzten »Hobo« (Morris Fuller Benton für American Type Founders, 1910).

ARBEITISTDES
BÜRGERSZIRDE
SEGENISTDER
MÜHEPREIS.

Typographisch interessant sind bei dem Relief aus meiner Sicht zudem fünf weitere Details: Zum einen das nahezu völlige Fehlen von Leerzeichen zwischen den Wörtern. Mit einer etwas kleineren Schrift oder einem schmaleren Rahmen um das Textfeld wäre dafür ja durchaus Platz vorhanden. Es muss also eine bewusste Entscheidung gewesen sein. Auch auf Interpunktion innerhalb des Textes hat die künstlerisch verantwortliche Person verzichtet, lediglich am Ende wurde ein Punkt gesetzt. Die dritte Besonderheit sind die sehr dezenten Miniatur-Ü-Punkte, die in den Wörtern »BÜRGERS« und »MÜHE« regelrecht im U »versenkt« wurden. Hier mag tatsächlich der Grund gewesen sein, in der Höhe Platz zu sparen, um die Zeilen möglichst eng setzen zu können.

Am spannendsten finde ich aber, dass das Wort »ZIRDE« ohne E geschrieben wurde und dass das N in »SEGEN« spiegelverkehrt dargestellt ist. Zum ersten Detail wollte ich prüfen, wie die Schreibweise in der Urfassung des Gedichtes vorliegt.

»Zwar ist die Niederschrift des Gedichtes nicht überliefert, im Erstdruck erschienen ist es 1799 im Musen-Almanach für das Jahr 1800, den Schiller selbst herausgab.«

QUelle: Staatsbibliothek Berlin (PDF)

Es gibt tatsächlich Scans dieses Druckes und dort ist zu sehen, dass der Dichter höchstselbst »Zierde« mit »ie« drucken ließ. Wurde das E also ebenfalls aus Platznot weggelassen? Es bleibt rätselhaft.

Ebenso mysteriös ist das spiegelverkehrte N. Eigentlich ist dies ein Fehler (wenn es denn einer ist und nicht Absicht), der nur passieren kann, wenn ein Schild aus einzelnen dreidimensionalen Buchstaben angefertigt wird und einer davon versehentlich mit falscher Orientierung appliziert wird, wie es hier im Blog schon bei Fundstücken mit gedrehten oder spiegelverkehrten Lettern vorkam. Ein Flüchtigkeitsfehler kann es bei einem gemeißelten Relief, das etliche Arbeitsstunden erfordert, kaum sein. Und auch bei einem gegossenen Werkstück hätte der Irrtum auffallen müssen, da als Vorlage für Form und Abguss meist ein Urmodell steht, welches ebenfalls seitenrichtig vorliegt. Auch hier bleibt die Ursache dieser Besonderheit also im Dunkeln.

Ich gebe mich also heute gerne wieder damit zufrieden, viel Neues gelernt zu haben (u. a. vier Zeilen aus der »Glocke«), ohne den Geheimnissen des Fundstücks komplett auf die Spur kommen zu können. Aber manchmal sind es ja gerade die ungelösten Rätsel, die etwas erst interessant machen … 🤓 🔠 🏛️

16.02.2026

Zu den Geschäften bzw. Bezugsquellen des Einzelhandels, bei denen mir das Aussterben einzelner Branchen in den Innenstädten am stärksten auffällt, zählen neben den klassischen, gutsortierten Schreibwarengeschäften und Bettwarenhandlungen auch Kurzwaren- und Handarbeitsläden. Ich erinnere mich noch gut an kleine inhabergeführte Geschäfte und an Kaufhausabteilungen, in denen sich Stoffballen türmten, sich ein Regal mit Näh- und Stickgarnen in allen Farben des Regenbogens und darüber hinaus ans andere reihte. Es gab Garne und Wollknäuel in riesiger ein- und mehrfarbiger Auswahl, Reißverschlüsse von kurz bis lang, Gummilitzen, Druckknöpfe, Häkel-, Strick- und Nähnadeln in allen Dimensionen und – in langen transparenten Kunststoffröhren gestapelt, mit einem Musterexemplar außen am Verschlussstopfen – Knöpfe aus Horn, Metall und Kunststoff oder mit Stoffüberzug, mit zwei Löchern, vier Löchern oder mit rückseitigen Ösen in hunderten Varianten. Die kleinen Läden hießen »Wollzauber«, »Nähkästchen«, »Stofftruhe« oder »Nadelspiel« oder enthielten die Nachnamen ihrer Gründer*innen, wie »Wollhaus Klocke« oder »Stoffhaus Tippel«.

Im Zeitalter der »Fast Fashion« mit ihren gefühlt wöchentlichen Kollektionswechseln jedoch nähen nicht mehr so viele Menschen wie damals selbst und auch das Reparieren, Stopfen, Ändern oder Umarbeiten von Kleidungsstücken scheint etwas aus der Mode gekommen. Die bevorzugte Bezugsquelle sind auch bei Handarbeitsbedarf inzwischen in erster Linie Online-Shops. Doch hier und da finden sich im Stadtbild – und gemeint ist hier explizit die unvergällte Bedeutung des Wortes – noch vereinzelte Relikte, fast wie kleine gallische Handarbeitsdörfer. Eins, an dem ich z.B. öfter vorbeikomme, ist die Fadeninsel in Berlin-Kreuzberg mit ihrem herrlich nostalgischen, schwungvollen Schriftzug über der rot-weiß gestreiften Markise.

Ein anderes Geschäft entdeckte ich einige Tage zuvor auf einem Fußweg in Berlin-Zehlendorf. Dort ist der goldgelbe Schriftzug »Handarbeiten« sogar noch als Original-Neoninstallation erhalten geblieben. Wie schön bitte sind die Lettern mit ihren »unnötigen« Verzierungen, unten am rechten Bein des H oder in der Schlaufe des d!

Das Geschäft trägt inzwischen den vermutlich gegenwartstauglicheren Namen »Cottonfields«, aber das Sortiment passt nach wie vor zu der hübschen Leuchtreklame. Ein feines typographisches Montagsbonbon, wie ich finde.
🤓 🔠 🧶🪡 🧵

12.01.2026

Das typographische Bonbon an diesem Montag knüpft an einen älteren Beitrag zu einer auffallend gestalteten, kreisrund eingefassten Hausnummer in Kopenhagen an. Dieses neue Foto habe ich allerdings in Basel gemacht, an einem Seitenfenster des Restaurants mit dem interessanten Namen »Gifthüttli«, das früher erst eine Weinstube und später eine Bierschänke war.

»Vor etwa 120 Jahren wurde in den traditionellen Basler Wirtschaften nur Wein ausgeschenkt. Bier gab es nur in den zahlreichen, mit einer Gaststätte verbundenen Hausbrauereien. Der Wirt des Gasthauses ›zum Ritter St. Georg‹ an der Schneidergasse, Innocenz Weiss, war der erste der es wagte, neben Wein auch Bier auszuschenken. Die Stadt hatte ein Tagesgespräch mehr und im Lokalblatt ›Basler Nachrichten‹ erschien ein Artikel, in dem es hieß:

›… Bier, das nicht direkt beim Bierbrauer getrunken werde, ist Gift.‹

Innocenz Weiss, der sich stolz als ›Bierwirt‹ bezeichnete, nahm die Sache mit Humor und taufte daraufhin sein Restaurant von ›zum Ritter St. Georg‹ auf ›Gifthüttli‹ um.«

Quelle: gifthuettli.ch

Das Monogramm mit dem formfolgend gerundeten W und dem stilisierten Bierglas steht für den Namen der Brauerei »Zum Warteck« (später »Warteck Brauerei & Getränke AG«). Der Großneffe des Inhabers ließ nach der Übernahme der Leitung im Jahr 1913 ein neues Gebäude für das Gasthaus errichten. Nach seinem unerwarteten Grippetod im Jahr 1918 führte zunächst seine Witwe zehn Jahre lang das Geschäft weiter, 1928 verkaufte sie das Lokal dann an die genannte Brauerei, die seither das Gebäude verwaltet und dessen Gaststätte verpachtet. Inzwischen gehört die Brauerei zur Feldschlösschen Getränke AG, die ihrerseits seit 2000 Teil der internationalen Carlsberg-Gruppe ist – der nach eigenen Angaben viertgrößten Brauerei-Gruppe weltweit und Marktführer in Nord- und Osteuropa.

Das Bier dieser Marke ist jedoch nach wie vor im Sortiment.
Zum Wohl! 🤓 🔠 🍺

29.12.2025

Das letzte typographische Montagsbonbon dieses Jahres entdeckte ich in der Nähe der historischen Fischauktionshalle in Hamburg-Altona, an der Fassade des gegenüberliegenden Design- und Interieur-Einkaufszentrums »Stilwerk«. Es war mal wieder eines der Fundstücke, an denen man – insbesondere als niedergelassener Einwohner der Stadt – zumeist achtlos vorbeiläuft, sofern man die vermeintlich schon dutzendmal gesehenen Gebäude nicht noch einmal bewusst betrachtet.

An der typischen Hamburger Klinkermauer sind drei Gedenkmarken aus Metall angebracht, die an die höchsten Wasserstände bei Sturmfluten in der jüngeren Geschichte der Hansestadt erinnern sollen. Auf das verheerendste Ereignis verweist interessanterweise die niedrigste der drei Markierungen – der Orkan »Vincinette« und die damit verbundene Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962, in deren Verlauf 315 Menschen ihr Leben verlieren und rund 100.000 Einwohner ohne Strom und Telefon und bei winterlichen Temperaturen vom Wasser stundenlang eingeschlossen waren. Der historisch hohe Pegel von 5,70 m über Normalhöhennull (NHN) überschwemmt nahezu alle Deiche und Dämme der Metropole; noch über Nacht treten 60 Dammbrüche auf. Rund 200 Wohnungen werden völlig zerstört, mehr als 700 massiv beschädigt. Über 11.000 Wohnungen sind anschließend vorübergehend nicht mehr bewohnbar, sodass etwa 20.000 Menschen für längere Zeit in Notunterkünften leben müssen. Die beherzten Handlungen und Hilfsmaßnahmen des damaligen Hamburger Polizeisenators Helmut Schmidt sind in die Geschichte eingegangen.

Seit dieser Flutkatastrophe wurden die Deiche in und um Hamburg massiv erhöht und die Innenstadt durch Hochwasserschutzmauern und -tore deutlich besser geschützt. Gegenwärtig ist Hamburg gegen Sturmfluten mit Deichen gewappnet, die einen Wasserstand zwischen 7,50 und 9,25 m ü. NHN zurückhalten können. Auch aus diesem Grund verliefen die Hochwasser der beiden weiter oben markierten, späteren Sturmfluten wohl glimpflicher als die erste.

Die mittlere der drei Flutmarken erinnert an zwei Hochwasser im Januar 1976. In diesem Monat trafen gleich zwei Sturmfluten im Abstand von nur 17 Tagen auf die deutsche und die dänische Nordseeküste, angestoßen durch eine dauerhafte Westwind-Wetterlage um den Jahreswechsel 1975/76 und den begleitenden Orkan »Capella«. Die erste, weniger schwere Flut mit einem neuen Rekordpegel von 6,45 Meter ü. NHN traf die Küstengebiete am 3. Januar 1976. Auch die darauf folgende, zweite Januarflut in der Nacht vom 20. auf den 21. Januar richtete schwerere Schäden an und führte erneut zu Evakuierungen und Dammbrüchen. Beide hatten jedoch u.a. aufgrund des inzwischen verbesserten Hochwasserschutzes weniger gravierende Auswirkungen als die Flut 1962.

Die obere Flutmarke verweist vermutlich auf das Hochwasser im Winter 2023, verursacht durch das Sturmtief »Zoltan«. Diese Sturmflut führte im Hamburger Elbgebiet am 22. Dezember zu einem maximalen Wasserstand von +3,33 m gegenüber dem mittleren Hochwasserstand. Autos mussten aus dem Flutgebiet entfernt werden, die Hochwassertore wurden geschlossen. Insgesamt jedoch war die Lage keinesfalls so dramatisch wie bei den beiden markierten Ereignissen zuvor.

»Zahlreiche Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Hamburg Wasser waren vor Ort, wie dpa-Reporter berichteten. Die Atmosphäre war entspannt.«

QUELLE: Tagesspiegel vom 22.12.2023

Update (31.12.2025): Inzwischen kenne ich den Wert des höchsten Pegelstandes aus dem Jahr 2023 auch in der Messart »über NHN«, er entspricht 5,45 m. Seltsam daran ist, dass dieser Wert nicht – wie die Flutmarke 2023 an der Mauer – über den beiden Pegelständen von 1962 und 1976 liegt, sondern sogar unter dem Stand von 1962. Diese Unstimmigkeit versuche ich noch nachträglich aufzuklären.

Warum entschieden wurde, eine abweichende Schriftart für die Flutmarke 2023 zu nutzen, ist mir nicht bekannt. Eigentlich wirken die eigenwilligen, offenen Ziffern der beiden formal gleichartigen Marken aus den Jahren 1962 und 1976 auf mich nach wie vor modern, diejenigen der jüngsten Jahreszahl finde ich eher beliebig. Allein anhand der vier Ziffern lässt sich deren Schrift kaum verlässlich bestimmen. Bei den beiden älteren Marken gehe ich von eigens gestalteten Formen aus, insbesondere die 6 und die 9 lassen sich aus schmalen Metallstreifen in der Strichstärke der Ziffern vermutlich recht unaufwendig derart zurechtbiegen, die 1 muss überhaupt nicht gebogen werden, lediglich die 7 und die 2 erfordern aufgrund der spitzen Winkel wohl etwas mehr handwerklichen Aufwand.

Update (27.02.2026): Zunächst hatte ich zwei Hamburger Behörden kontaktiert, um herauszufinden, warum die obere Flutmarke von 2023 auf der falschen Höhe sitzt.

Am 07.01.2026 antwortete mir die Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA):

»Hier hat sich jemand evtl. einen Scherz erlaubt. Von offizieller Seite ist zumindest die obere Marke nicht angebracht worden. Mir ist leider nicht bekannt, wer für die Anbringung dieser Marken zuständig ist«.

Man verwies mich netterweise an den Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG). Von dort kam am 27.01. folgende Auskunft:

»Die von Ihnen recherchierten Höhen der jeweiligen Sturmfluten sind korrekt. Die Flutmarke aus dem Jahr 2023 wurde tatsächlich auf einer nicht zutreffenden Höhe angebracht. Diese Markierung stammt jedoch nicht vom Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer.«

Ich solle mich an den Eigentümer des Gebäudes, die stilwerk Hospitality GmbH, wenden. Auch dies tat ich und erhielt heute am 27.02. von dort folgende Nachricht:

»Wir konnten leider auch nicht viel mehr herausfinden, als dass es sich, genau wie Sie schon richtig schreiben, um eine Guerilla-Flutmarke handelt, die wahrscheinlich von Klimaschützer:innen angebracht wurde – vor 2023 natürlich. Die Flutmarke besteht aus Styropor und ist auch sehr gut zu unterscheiden von den offiziellen. Natürlich kann das gewählte Jahr 2023 mittlerweile etwas zu Verwirrung führen – aber um ehrlich zu sein, sind Sie die erste Person, die uns darauf anspricht.
Wir finden aber den Gedanken hinter der Flutmarke wichtig und haben sie deshalb auch an der Fassade gelassen.«

Dass die »Guerilla-Flutmarke« damals offenbar als Warnung vor einem künftigen Hochwasser angebracht wurde, erklärt auch ihre inkorrekte Platzierung, denn den realen Wasserstand der 2023 dann tatsächlich eintretenden Flut von 5,45 m über NHN konnten die Aktivisten ja noch gar nicht kennen.

Rätsel gelöst! 🤓☝️🌊

Und wieder habe ich durch einen zufälligen Seitenblick wieder etwas über meinen Wohnort und dessen Geschichte gelernt. Allem voran, dass die höchste gemessene Flut nicht zwangsläufig die schwersten Schäden mit sich bringt – und dass vorausschauender Hochwasserschutz gar nicht genug wertgeschätzt werden kann.

Weiterführende Links bzw. genutzte Informationsquellen:
➡️ NDR – »Sturmflut 1962: Als Hamburg im Wasser versank«
➡️ NDR – »Orkan ›Capella‹ wütet im Januar 1976 im Norden«
➡️ Wikipedia – »Zweite Januarflut 1976«
➡️ Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie – »Serie von schweren Nordsee-Sturmfluten am 21.12.2023 und 25.12.2023« (PDF)
➡️ Behörde für Umwelt und Energie Hamburg – »Wasserstände, Sturmfluten, Sollhöhen in Hamburg · Am Beispiel des Pegels St. Pauli« (PDF)

26.12.2025

Ich kann einfach nicht aufhören, obwohl Weihnachten ist. Für viele Menschen sind die Festtage auch – je nach ihren finanziellen Möglichkeiten – ein Anlass, sich mal »etwas Anderes« oder besonders Feines auf dem heimischen Speiseplan zu gönnen. Oder sie folgen bewusst einer familiären Tradition und servieren Kartoffelsalat mit Würstchen, Fondue, Gänsebraten mit Rotkohl und Klößen oder Raclette.

Auch Fisch und Meeresfrüchte sind beliebte Gerichte an Weihnachten und Silvester: Räucherlachs, Garnelencocktail, Hummersuppe oder delikate Fischsalate stehen auf dem Speiseplan. Und – Karpfen. Mich selbst hat dieser Fisch, auch nach mehrmaligem Probieren und in wechselnden Zubereitungsarten, nie wirklich begeistert. Wohl aber in Form dieses famosen Posters, das ich kürzlich während des Wartens in der Kundenschlange bei meinem lokalen Hamburger Fischfachgeschäft an der Wand neben dem Tresen hängen sah und das heute das typographische Fundstück der Woche sein soll. Die Farben! Die Schriften! Die Illustration! Für mich wieder eines dieser kuriosen, aber wunderschönen Werbemotive (ähnlich der dreieckigen Papiertüte mit dem Aufdruck »Esst mehr Früchte und Ihr bleibt gesund!«), die seit den 1950-er oder 1960-er Jahren irgendwie in kleinen Spezialitätengeschäften und auf Wochenmärkten bis heute überlebt haben und nach wie vor genutzt werden.

Die Schriften auf dem Poster entsprechen keiner digitalisierten Schriftart, die ich finden konnte. Schade eigentlich, denn die Lettern des fetten »Karpfen«–Schriftzuges mit dem interessanten Knick im unteren Bein des K und dem freundlich gerundeten e machen mich neugierig, wie wohl das komplette Alphabet aussehen würde. Bei der Schreibschrift ging ich gleich von Anfang an davon aus, dass sie von einem Plakatmaler exklusiv nur für dieses Werbemotiv gestaltet wurde.

Als Bonus zum Schluss hier noch die aktuelle Reihenfolge der zehn beliebtesten Weihnachtsgerichte in Deutschland, zusammengetragen aus verschiedenen Quellen der letzten beiden Jahre. Die Reihenfolge der Favoriten ist hierzulande offenbar bemerkenswert konstant:

  1. Würstchen und Kartoffelsalat
  2. Geflügel aus Ofen oder Bratpfanne, vor allem Gans und Ente
  3. Raclette
  4. Schweinebraten
  5. Fondue
  6. Rindfleisch (Steak, Schmorbraten, Roastbeef)
  7. Fisch und Meeresfrüchte*
  8. Wildgerichte
  9. Vegetarische Speisen/vegane Gerichte
  10. Sonstiges (z.B. Eintöpfe oder Bratwurst mit Sauerkraut)

Bei den Fischgerichten ist Lachs mit gut 60 % Beliebtheit der Spitzenreiter, gefolgt von Krustentieren wie Garnelen, Krabben und Scampi. An dritter Stelle steht die Forelle – der auf dem Plakat beworbene Karpfen folgt mit 20 % erst auf Platz vier.

(Quellen: Fischmagazin für 2024, Marine Stewardship Council [MSC] für 2025.)

Und warum stand ich im Fischladen an? Ich ließ mir vom Inhaber ein feines, gleichmäßig geschnittenes Stück Lachsfilet schneiden, das ich anlässlich der Feiertage zu Hause in eine aromatische, selbst kreierte Beize eingelegt habe. Hier das Rezept:

Hausgebeizter Graved Lachs mit Kaffirlimette und Hibiskusblüten

  • 400 g Lachsfilet ohne Haut in Sushi-Qualität
  • 14 g grobes Salz
  • 20 g Zucker
  • 1 TL Zitronenschalen-Abrieb
  • 10–12 in feine Streifen geschnittene Kaffirlimetten-Blätter (TK, gibt’s im Asia-Markt)
  • ½ TL frisch gemörserter (Tellicherry-)Pfeffer
  • 2 TL getrocknete Hibiskusblüten (z.B. Hibiskustee-Teebeutel)
  • 2 cl Ingwergeist (alternativ 1 TL geriebener frischer Ingwer + 2 cl Wodka)

Alle Gewürzzutaten bis auf den Schnaps miteinander vermischen und den Lachs damit rundum dick »panieren«. Dann vorsichtig den Ingwergeist darüber träufeln. Den marinierten Fisch mit allen eventuell abgefallenen Resten der Marinade entweder (dicht und ohne eingeschlossene Luft!) in Frischhaltefolie einwickeln und in eine flache Form oder einen tiefen Teller legen. Oder alles in einen Zip-Beutel umbetten, die Luft herausdrücken und ihn dicht verschließen. Der Lachs sollte im Kühlschrank 24 bis 48 Stunden in der Beize durchziehen, am besten das Paket währenddessen mehrfach bewegen und wenden.

Vor dem Servieren die Beize abspülen, den Lachs trockentupfen und noch einmal im Kühlschrank, fest in Folie gewickelt, einige Stunden ruhen lassen. Sodann mit einem scharfen Messer in feine Scheiben schneiden und auf dunklem Roggen- oder Vollkornbrot, z.B. mit etwas Frischkäse, verzehren. 🤓 🔠 🐟 😋

15.12.2025

Als typographisches Montagsbonbon serviere ich heute einen eher herzhaften statt süßen Beitrag. Ich hatte in einem früheren Artikel schon einmal erwähnt, wie gerne ich auf Reisen – insbesondere ins Ausland – große Supermärkte durchstreife und mir die Produkte und ihre Verpackungen ansehe, die es in deutschen Geschäften nicht gibt.

Auf einem Tagesausflug nach Basel tat ich genau das wieder in einer MIGROS-Filiale, vergleichbar etwa mit einer hiesigen Kaufland-Niederlassung. Dort fiel mir im Kühlregal diese rein typographisch gestaltete Frischepackung für einen neutralen Pizzateig zum Selbstbelegen auf. Keine Klarsichtfolie bzw. kein Plastik, keine italienischen Farb- oder Bildmotiv-Stereotypen, keine Abbildungen von Pizza, Tomaten, Basilikum, Mozzarella oder anderen banalen »Serviervorschlägen«. Stattdessen lediglich ein Becher mit einer Banderole aus nachhaltig anmutendem Kraftpapier bzw. -karton und eine einfarbige, rein schwarze Beschriftung in einer – vermutlich eigens handgezeichneten – kräftigen Schrift, welche die Assoziationen »hausgemacht«/»selbstgemacht/handwerklich« und »rustikal« aufruft. Alles Weitere wird der Fantasie der Käufer*innen überlassen.

Wie findet Ihr die Idee, geeignete Lebensmittel auch mal »nur mit Typo« zu verpacken und auf übliche, oft schon tausendmal gesehene bildliche Designklischees zu verzichten? Spontan fallen mir als weiteres Beispiel noch die Verpackungen der nachhaltigen Schokoladenmarke »Tony’s« ein.

Mir persönlich gefällt’s und ich würde mich freuen, künftig öfter mal etwas Abwechslung dieser Art in den Regalen anzutreffen. 🤓 🔠 🍕 📦

12.12.2025

Zu den Erkenntnissen beim Recherchieren zu historischen typographischen Funden gehört auch, dass man manchmal in einer Sackgasse landet oder online ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr weiterkommt. Würde ich für dieses Hobby finanziell entlohnt, hätte ich nicht übel Lust, manchem noch unklaren Detail auch offline nachzuforschen, an Lebensorte der Urheber*innen zu reisen, Stadtarchive oder Bibliotheken zu besuchen und in alten Dokumenten zu blättern. Doch als reiner Steckenpferdreiter ist es dann sinnvoller, die Recherche in solchen Fällen abzubrechen und sich mit dem zu begnügen, was im Netz auffindbar war.

So ergab es sich mit dem heutigen Fundstück, das ich (ebenfalls wieder) in Freiburg entdeckte. Ziemlich versteckt und hoch oben, neben dem Türsturz zum Eingang einer Anwaltskanzlei in einem großen prächtigen Eckgebäude, erspähte ich zufällig ein steinernes Relief, das ich zunächst für das einstige Firmenschild des benannten Gewerbes hielt – und machte ein Foto davon.

Die untere linke Ecke der Relieftafel ist mittlerweile durch den nachträglich eingebauten, modernen Türrahmen verdeckt, trotzdem bleibt die Inschrift komplett lesbar, sie lautet: »Architekten Hans-Schütte W.-Schneider Mitarbeiter«. Auf dem Foto eines Users bei Google Maps sind die Platzierung und Größe des Reliefs sehr gut zu sehen.

Interessant an der Schreibweise fand ich die Bindestriche zwischen den Vor- und Nachnamen beider Personen und dass der Vorname der erstgenannten ausgeschrieben, der nachfolgende jedoch abgekürzt ist.

Zuerst versuchte ich, etwas zu dem Gebäude an dieser Adresse herauszufinden und zu ergründen, ob dort ggf. zu früherer Zeit ein Architekturbüro ansässig war. Das eindrucksvolle Gebäude mit abgerundeter Eckfassade trägt bis heute den Namen »Dreisameck«, benannt nach dem Fluss Dreisam, der keine 80 Meter entfernt davon durch Freiburg fließt.

Unter dieser Adresse, an der Kaiser-Joseph-Straße 284, so erfuhr ich weiter, befand sich keineswegs die Niederlassung der auf dem Schild benannten Architekten. Vielmehr ist die Tafel eine Art Signatur, da sie maßgeblich für den Entwurf und die Planung des Hauses verantwortlich waren.

»Hier erwarb Anfang des Jahres 1909 die seit 1906 in Freiburg ansässige Dresdner Bank das Eckgrundstück Schreiber-/Kaiserstraße. Sie ließ das darauf stehende Wohngebäude abreißen und begann Mitte des Jahres mit der Errichtung eines Neubaus. Geplant und ausgeführt wurde das imposante Gebäude von den Architekten H. Schütte und W. Schneider. Die Fassade, ganz aus Muschelkalk (Würzburg) und Granitgestein (Yach), wurde im barocken Erscheinungsbild, aber auch unter vom Jugendstil geprägten Einfluss gestaltet.«

QUelle: Badische Zeitung

Mit dieser Auskunft bestätigte sich auch meine Vermutung, dass die für das Relief ausgewählte Schrift in der Zeit um die vorletzte Jahrhundertwende zu suchen war. Sie erinnerte mich auf Anhieb an eine Gruppe von Schriften jener Zeit, die dem Jugendstil zuzuordnen sind. Und tatsächlich passen auch die Veröffentlichungsdaten dieser spontan assoziierten Schriften perfekt zum Baujahr des Hauses: Als Erstes würde ich die »Trianon« (Heinrich Wieynck für Bauersche Gießerei, 1905) nennen, digital neu interpretiert von Ralph M. Unger unter dem Namen »RMU Trifels« (2020). Sehr ähnlich ist die »Manola« (Ludwig & Mayer, 1906), ebenfalls neu interpretiert von Ralph M. Unger als »RMU Manolo« (2019). Weitere, spätere – aber auch bis heute bekanntere – Varianten sind die »Nuptial Script« (Edwin W. Shaar für Intertype Corporation, 1952) und »Floridian Script« (Monotype, 1972). Und in dem online einsehbaren historischen Schriftmusterbuch »Hauptprobe in gedrängter Form der Bauerschen Giesserei, Frankfurt am Main« (1900) auf Seite 151 findet sich eine sehr anmutige Verwandte unter dem Namen »Zirkularschrift Chic«.

Die gemeißelte Inschrift ist zwar nicht deckungsgleich mit den recherchierten Schriftarten, aber sowohl ihre »hybride« Anmutung zwischen Schreib- und Druckschrift und etliche formale Details lassen dennoch eine große Verwandtschaft erkennen. Vermutlich wurde der Schriftzug eigens für die auftraggebenden Architekten gestaltet, was auch die Unterschiede zwischen mehrmals vorkommenden gleichen Buchstaben (am deutlichsten z.B. bei den beiden S) bekräftigen.

Doch wer waren die beiden Architekten, die dieses Gebäude entwarfen? Und waren sie seinerzeit noch für andere, bis heute erhaltene Bauwerke verantwortlich? Die Recherche dazu gestaltete sich deutlich mühsamer. Schon der Vorname des zweiten Mitarbeiters auf dem Schild ließ sich nicht herausfinden, weder im Kontext mit seinem Kompagnon noch mit der Profession als Architekt – und allein mit dem Nachnamen »Schneider« kam ich schon gar nicht weiter.

Hingegen gibt es im Netz zwar zahlreiche Hinweise auf einen Hans Schütte, der während der fraglichen Zeit als Architekt tätig war, jedoch sind diese recht widersprüchlich. Eine Angabe »geboren 1897, gestorben 1927« muss entweder falsch sein oder sich auf einen anderen Architekten gleichen Namens beziehen, denn ansonsten wäre Herr Schütte im Baujahr des Dreisameck erst 12 Jahre alt gewesen. Auf der Website des Architekturmuseums der Technischen Universität Berlin findet sich ein spärlicher Eintrag ohne Todesjahr zu einem Architekten Hans Schütte, der 1871 geboren worden sein soll, was schon deutlich plausibler erscheint.

In der Chronik an Gebäuden unter Federführung eines Hans Schütte finden sich zeitlich passende Einträge, interessanterweise aus Berlin, also quasi am anderen Ende des Landes. So etwa für die Gemeindeschule in Berlin-Lichtenberg (erbaut 1904/1905) sowie, im gleichen Stadtbezirk, die Alte Feuerwache (entstanden um 1898). An zwei anderen Stellen wird die Beteiligung eines Hans Schütte – sogar mit dem Titel »Regierungsbaumeister« – am Bau des Rathauses in Berlin Köpenick erwähnt:

»Für die Ausführung des ohne Grunderwerb, Innenausstattung und Bauleitungskosten auf 375.000 Mark bilanzierten Bauwerks holten sich die Stadtväter am 4. Februar 1901 Regierungsbaumeister Hans Schütte aus Bonn an die Spree, der die Rathausbaukommission am 12. April 1901 mit seinen Entwürfen zu überzeugen vermochte.«

Quelle: berlin.de

»Neubau (1902/05), märkische Backsteingotik mit fünfteiligem Ziergiebel und Turm (54 m). Entwurf von Regierungsbaumeister Hans Schütte

Quelle: tourbee.de

Dabei musste ich es dann belassen, mehr war mit meinen Mitteln nicht herauszufinden. Aber es war wieder einmal eine spannende Reise in die Vergangenheit, angestoßen von einem zufälligen Seitenblick in den unscheinbaren Hauseingang eines Freiburger Geschäftshauses. 🤓 🔠 🏛️

08.12.2025

Montagsbonbonzeit!

In England schreibt man »Push«, in Deutschland »Drücken«, in Dänemark »Tryk«, in Frankreich »Poussez«. Unbekannt war mir bis zur Sichtung dieses Fundstückes aus Basel, dass man in der Schweiz die Aufforderung »Stossen« bevorzugt.

Bei der Identifikation der Schriftart jedoch muss ich diesmal passen. Es ist keine der mir bekannten »Compressed«-Varianten der »Bodoni«, nicht die »Bordeaux«, die »Onyx«, »Fashion Didot«, »Romantica« und auch keine andere der extrem schmalen klassizistischen Antiqua-Schriften, die ich verglich. Die Buchstaben machen auch nicht den Eindruck, als seien sie in der Breite aus einer weiter laufenden Schrift schmal »zusammengestaucht« worden. Lediglich O und N wirken – insbesondere in der schwarzweißen Nachzeichnung – in meinen Augen etwas zu schmal im Vergleich zu den Proportionen der restlichen Zeichen.

Vielleicht ist es eine spezielle Schweizer Schriftart? Oder eine, die exklusiv für Gravurwerkstätten produziert wurde, die derartige Schilder herstellen?

Ich lasse diese Frage daher heute mal sperrangelweit offen. 🤓 🔠 🚪

21.11.2025

Wie regelmäßige Mitleser vielleicht schon bemerkt haben, sind viele meiner Fundstücke in der Kategorie »Reisefunde« einsortiert. Ich reise gerne und oft. Die Möglichkeit, die Option Homeoffice zu nutzen, gibt mir die Freiheit, auch außerhalb meiner verfügbaren Urlaubstage bisweilen unterwegs oder an Kurzreisezielen zu arbeiten – Hauptsache, der Arbeitsort bietet einen verlässlichen Internetzugang.

Was ich immer wieder feststelle, ist, wie groß der Einfluss der Jahres- und Tageszeit bzw. des Wetters sein kann, wenn ich Ausflüge zu einem bestimmten Ort unternehme. Natürlich ist es immer begrüßenswert, wenn es nicht regnet, solange ich draußen unterwegs bin. Aber z.B. den Prager Friedhof Vyšehrad an einem nebligen Tag im Spätherbst zu besuchen, ist um vieles stimmungsvoller als dies an einem sonnigen Sommertag zu tun. Manchmal wird die Atmosphäre an historischen Orten erst durch Licht, Wind, Wolken und Wetter richtig perfekt.

Genau so ein Erlebnis hatte ich Mitte Oktober, als ich von Freiburg aus einen Tagesausflug anlässlich eines klassischen Konzerts nach Donaueschingen machte. Das Wetter war wolkenverhangen, Herbstlaub wurde vom Wind durch die Parks getrieben, es regnete zwar nicht, aber der dräuende Himmel hielt anscheinend etliche Touristen in den Häusern, sodass die Straßen und Wege während meines längeren Spaziergangs, den ich vor dem abendlichen Musiktermin unternahm, deutlich leerer als erwartet waren.

Eine der Sehenswürdigkeiten auf meiner Erkundungstour war die Donauquelle in Donaueschingen. Sie liegt in Form eines kreisrunden, eingefassten Beckens am Rande des Schlossparks in einem vertieften Rondell, das über eine Treppe zugänglich ist. Normalerweise – das ist auch auf vielen Fotos im Internet zu sehen – drängeln sich an und um diesen Ort Trauben von Menschen. Doch am Tag meines Besuches waren es nur vereinzelte Grüppchen. Der graue Oktoberhimmel und die schon spürbare frühe Abenddämmerung verliehen dem Ort eine Atmosphäre wie in Thomas Manns »Zauberberg«. Auf der Oberfläche des Beckens trieb gelbes und braunes Laub, das kühle Tageslicht tönte das Bassin leuchtend türkis. Alles fügte sich zur perfekten Stimmung zusammen.

Gegenüber dem Treppeneingang, unter einer Skulpturengruppe genau auf der Westseite des 1875 von Fürst Karl Egon III. errichteten Rondells, ist eine steinerne Tafel mit einem gemeißelten Relief des Wortes »DONAUQUELLE« angebracht. Auf der Südseite befindet sich eine Tafel mit der Inschrift »Über dem Meere 678 Meter« und am nördlichsten Punkt eine weitere, auf der »Bis zum Meere 2840 Kilometer« zu lesen ist.

»Über der Do­nau­quel­le wacht die ›Mut­ter Baar‹ in einer 1896 durch Adolf Heer ge­schaf­fe­nen Skulp­tu­ren­grup­pe. Sie weist ihrer Toch­ter, der Jun­gen Donau, den Weg in Rich­tung Osten.«

Quelle: Website der Stadt Donaueschingen

Und eine dieser Steintafeln ist es, die ich von meinem herbstlichen Ausflug heute als typographisches Fundstück mitbringe. Die kantigen, schmalen Lettern erinnern auf den ersten Blick an etliche bis heute populäre Schriftarten, wie etwa die »Compacta« (Fred Lambert, jedoch erst deutlich später [1963] erschienen bei ITC/Letraset) oder »Edel Grotesk«/»Wagner Grotesk« (Johannes Wagner, 1914 bei Wagner & Schmidt), eine Variante letzterer ist die »Aurora«. Bei näherem Hinsehen jedoch fallen einige Details ins Auge, die auf eigens gestaltete Buchstabenformen hindeuten – so etwa bei der hier abgebildeten Tafel die als z gespiegelte Form des s, das u ohne Endstrich unten rechts (abweichend zu m und r oben links) oder der etwas aus dem formalen Rahmen fallende, hakenförmige untere Abschluss des t. Vermutlich war der Bildhauer Franz Xaver Reich, der die dekorativen Ornamente rund um die Quelle schuf, auch verantwortlich für die Anfertigung der Inschriften.

Ich mag auch das – gewiss zur damaligen Zeit übliche – e am Ende des »Meere«. Ich finde, das Wort klingt dadurch irgendwie sehnsuchtsvoller, grenzenloser und abenteuerlicher, als wenn es, wie heute, schon mit dem r endete. Und es weckt in mir gleich schon wieder Lust auf die nächste Reise.
🤓 🔠 ⛲️ 🧳

14.11.2025

Nochmal Freiburg. Das typographische Fundstück dieses Freitags, erneut aus der dortigen Innenstadt, lenkte meinen Blick abends im Dunkeln auf sich, da es erstens hell erleuchtet war und zweitens noch ein intakter, echter Neon-Schriftzug ist. Cyanblauer Leuchtkasten, weiße Schrift, klare und schlichte Versalien – die Optik gefiel mir sofort.

Schön fand ich auch, dass man hier in voller Beleuchtung sehr schön sehen kann, welche Kunstgriffe beim Formen und Biegen der gläsernen Leuchtröhren angewendet werden mussten, damit die Buchstaben einerseits lesbar und ästhetisch blieben und andererseits jeweils pro Letter »wie in einem Zug gezeichnet« angefertigt werden konnten. Dies geschieht ja sogar in mehreren Ebenen. Die Neonröhre jedes Zeichens tritt zunächst senkrecht aus dem Leuchtkasten nach vorne heraus und vollzieht dann einen 90-Grad-Knick zur eigentlichen Form des Buchstabens. Bei A, B, E, F, H und T erfordert die Form des Zeichens zusätzlich noch weitere Kniffe, um die Querstriche ohne Unterbrechung realisieren zu können. Das erscheint mir um so herausfordernder, je kleiner die Schriftgröße der Lichtreklame ist.

Am Folgetag ging ich erneut den kurzen Weg zurück zur Fundstelle, um das Schild erneut, aber im Hellen und ohne Beleuchtung zu fotografieren. Nun liegen die kurzen »Zubringer-Abschnitte« der Buchstaben, die nach hinten in den Kasten laufen, im Schatten und die von vorn vom Tageslicht beschienenen Buchstaben stehen optisch klar im Vordergrund.

Welche Schrift mag nun für diese Leuchtwerbung als Vorlage gedient haben? Das innen offene R und das vergleichsweise breite C ließen mich sofort an die »Avant Garde« denken, ein Klassiker der 1970er Jahre, entworfen zwischen 1970 und 1977 von dem berühmten Schriftgestalter Herb Lubalin für den Schriftenhersteller ITC. Aufgrund der vergleichsweise schmalen Buchstaben versuchte ich zunächst, die Schrift in dem ähnlich proportionierten »Condensed«-Schnitt mit dem Schriftzug in Deckung zu bringen, aber bei C und S funktionierte dies nicht. Erst als ich die normal breite Variante nahm und sie auf 79% Breite skalierte (aua aua, macht man nicht, ich weiß), klappte es plötzlich ganz wunderbar.

Es konnte also gut sein, dass die Blütezeit des Erfolges dieser Schrift bis in die späten 1980er Jahre hinein auch in etwa mit der Anbringung des Leuchtkastens zusammenfiel. Das älteste online auffindbare Foto, auf dem die Leuchtkästen zu sehen sind, stammt (geschätzt anhand des darin beworbenen Filmprogramms) aus dem Jahr 2004. Ich recherchierte weiter.

Direkt neben dem Eingang zum Kino befindet sich ein weiterer Leuchtkasten in derselben Ausführung mit dem Neonschriftzug »CAFÉHAUS«. Vielleicht ließ sich ja darüber das Alter der Schriftzüge ergründen. Und siehe da:

»Der Freiburger Friedrichsbau liegt an der Kaiser-Joseph-Straße. Erbaut wurde er in zwei Abschnitten 1906 und 1910. Es waren schon von Beginn an ein Kaffeehaus, Säle, Läden und Wohnungen darin untergebracht. (…) 1987 wurden im Zuge einer umfangreichen Sanierung nach wechselvoller Geschichte die ursprüngliche Funktion und das frühere Aussehen soweit möglich wiederhergestellt. Dabei fanden neben einem Kino auch wieder ein zweigeschossiger Saal, ein Tagungszentrum und ein Kaffeehaus ihren Raum, womit aufs Neue Kaffeekultur in den Neorenaissance-Bau einzog.«

QUELLE: coffenewstomblog.com

Damit war (sehr wahrscheinlich) auch dieses Rätsel gelöst, denn es liegt nahe, dass im Zuge der Wiedereröffnung des Cafés auch die Beschilderung dafür angebracht worden war. Das Kino selbst hingegen ist noch wesentlich älter.

»Die Friedrichsbau-Lichtspiele wurden am Ostersonntag, dem 16. April 1911 eröffnet und sind mit über 112 Jahren eines der fünf ältesten Kinos Deutschlands noch aus der Gründerzeit.«

Quelle: friedrichsbau-kino.de

Dabei stand die Existenz des Lichtspielhauses vor gerade einmal zwei Jahren kurz vor ihrem Ende. Erst eine Crowdfunding-Kampagne und weitere finanzielle Zuschüsse von Bund und Ländern ermöglichten einen Umbau und den Fortbetrieb.

Im Zeitalter von Heimkinoanlagen, fast leinwandgroßen Flatscreen-Fernsehern, DVDs/Blu-Rays und Streamingplattformen haben Kinos es zunehmend schwer. Wann wart Ihr zuletzt im Kino? Ich musste nachdenken – obwohl ich gern und oft Filme schaue, ist es bei mir auch schon wieder fast ein Jahr her, dass ich in einem Kinosessel saß. 🤓 🔠 📽️ 🍿😔

« Ältere Beiträge